Ascoli (2017)

4. August (Freitag)

Sant‘Emidio! Das ist das Schlüsselwort. Der Grund, warum es Ascoli, mit vollem Namen Ascoli Piceno, überhaupt gibt, der Grund für die Städtepartnerschaft, der Grund, warum wir hier sind. In diesen Tagen findet das Patronatsfest von San Emidio statt, mitten im italienischen Sommer, bei Temperaturen gut über 30°. San Emidio, so die Legende, in Trier geboren, ließ sich in Ascoli nieder und legte sich mit der römischen Herrschaft an, weil er den christlichen Glauben verbreitete. Er taufte u.a. die Tochter des römischen Präfekten. Das kam überhaupt nicht gut an. Er wurde enthauptet.

In Ascoli hat er einen guten Ruf, weil er die Stadt vor Erdbeben bewahrte, auch dann, als umliegende Städte betroffen waren. Ein klassisches Bild ist das von San Emidio, wie er die Mauern der Stadt stützt.

Obwohl San Emidio und dessen Geburtsort Trier für Ascoli so wichtig sind, interessiert sich hier niemand für die Städtepartnerschaft. In Trier interessiert man sich eher für die Städtepartnerschaft, aber kein Mensch weiß, wer San Emidio war. Auch unter seinem deutschen Namen Emygdius ist er nicht besser bekannt.

Ascoli liegt in den Marken, in deren südlichem Teil, nahe an der Grenze zu den Abruzzen. Die größte Stadt der Marken ist Ancona, die berühmteste vielleicht Urbino, Raffaels Geburtsstadt. Marken, der Name ist abgeleitet von unserem alten Wort für ‚Grenze‘, bevor wir das Fremdwort Grenze importierten.

Gestern, am Tag vor der Abfahrt, waren es laut Wetterbericht in Ascoli 35°; heute ist es noch etwas wärmer. Wir landen in Pescara. In der Eingangshalle erwartet uns Giovanni, der verlängerte Arm unserer Reiseleiterin in Ascoli. Und vor dem Flughafen wartet der Bus des Bürgermeisters auf uns. Der Busfahrer hat es sich trotz Geburtstags nicht nehmen lassen, uns zu chauffieren. Auf dieser Fahrt wird einem alles auf dem Silbertablett serviert.

Eine Frau neben mir im Bus erzählt von L’Aquila. Das habe sie zufällig kurz vor dem Erdbeben besucht, um dann später in die zerstörte Stadt zurückzukehren. Ein bleibendes Erlebnis. Es seien nur ein paar Prestigeobjekte wieder aufgebaut worden, das Geld sei in unbekannten Kanälen verschwunden, die Bewohner seien sich selbst überlassen worden. Dazu kam der Neid derer, die leer ausgegangen waren, auf die, die Hilfe erhalten hatten und auf die, die vom Erdbeben verschont geblieben waren. Das tun sich menschliche Gräben auf.

Es geht am Meer entlang, über Grottamare, dann landeinwärts. Ich finde die Gegend erstaunlich grün, aber später wird der Einwand gemacht, ich hätte mich durch die vielen Zypressen blenden lassen. Als ich das eingesehen habe, sagt mir noch später jemand, er habe die Gegend erstaunlich grün gefunden.

Der Aufstieg zur Stadt mit dem Bus erinnert entfernt an Perugia, und Umbrien ist tatsächlich eine der Regionen, die an die Marken angrenzen. Auch Perugia ist keine römische Stadt. Die Römer hätten vermutlich die Ebene bevorzugt.

Am Ortseingang fahren wir an den Resten eines römischen Theaters vorbei. Man sieht in den Hang gebaute Ränge. Später hat man hier die römischen Bauten als Steinbruch benutzt. Daher ist von denen wenig übrig.

Nur wenige Schritte sind es bis zum Hotel, ganz zentral gelegen, in einer Fußgängerzone. Das Hotel ist in einem alten Palazzo untergebracht (XVI), mit einem säulenbestandenen, offenen Innenhof.

Wir haben nur wenig Zeit zum Umziehen, in Abweichung vom Programm findet jetzt gleich der Empfang beim Bischof statt. Die Reiseleiterin ist erbost und macht ihrem Ärger in einem furiosen, auf Italienisch geführten Telefongespräch Luft.

Der Weg zum Bischofspalast auf der Piazza Arrigo führt über die Piazza del Popolo. Wenn man von der Seitenstraße vom Hotel aus auf ihn stößt, wirkt er wie ein Paukenschlag. Das ist Italien. Das ist städtebaulich vom Allerfeinsten. In der gesamten Innenstadt herrscht der Travertin vor, auch bei den Bürgersteigen kommt er zum Einsatz, so als ob er 08/15-Baumaterial wäre. Er wird wohl hier in der Nähe abgebaut.

Im Eingang des Bischofspalasts steht eine barocke Statue eines Bischofs mit einer Flamme in der Hand. Das muss wohl Sant’Emidio sein, aber was die Flamme bedeutet, verstehe ich nicht. Wir werden in einen großen Saal im ersten Obergeschoss geführt, von dem aus man auf die Piazza runterblicken kann. Der Saal hat Fresken an allen Seiten. Es ist die alttestamentliche Geschichte um Moses und die Zehn Gebote und allem, was dazu gehört. Man sieht den Tanz um das Goldene Kalb, man sieht Moses mit den zerborstenen Gesetzestafeln. In einem Fresko scheint der Himmel voller Vögel zu sein. Was für eine Szene kann das denn sein? Wenn man näher rangeht, sieht man, dass es keine Vögel, sondern Heuschrecken sind. Es ist eine der Sieben Plagen, die hier auch abgebildet sind. Die Landschaft hat nichts mit Ägypten zu tun, sondern wirkt italienisch, und die alttestamentarischen Figuren tragen Renaissance-Kleidung.

Der Bischof ist ein kleiner, sanfter Mann, der lang und breit über das Erdbeben und dessen Folgen berichtet. Es will gar kein Ende nehmen. Wie bei Predigten in der Messe, bei denen immer noch was drangehängt wird, wenn man das Amen erwartet. Auch der Palast ist, trotz Sant’Emidio, in Mitleidenschaft geraten. Aber er ist immerhin weiterhin bewohnbar. Man hat sich jetzt aber hierher, in das Obergeschoss, zurückgezogen, bis die anderen Teile instandgesetzt sind. Er sagt ein paar artige Worte zum Austausch zwischen Trier und Ascoli und der Trierer Solidarität, die geschätzt und gebraucht werde, aber insgesamt kann man den Programmpunkt einfach abhaken.

Mit einer kleinen Gruppe gehen wir ins Caffè Meletti auf der Piazza del Popolo. Hier gibt es Crodino, einen alkoholfreien Aperitif von goldgelber Farbe, eine Spezialität des Hauses.

Anschließend geht es mit der ganzen Gruppe zu unserer ersten Besichtigung, zum Forte Malatesta, ganz im Osten der Stadt gelegen. Der Name scheint mir etwas zu sagen: ein Schriftsteller? Nein, Irrtum. Malatesta ist der Name des Herrn von Rimini, der die alte Burg errichtete. Kurios: Er wurde von den Ascolanern im Kampf gegen Fermo angeworben, dann aber verjagt, weil er sich hier festgesetzt und als Tyrann erwiesen hatte.

Vor der Festung steht das Denkmal eines spätmittelalterlichen Gelehrten, Cecco d’Ascoli, einem Freund Dantes. Literat, Astrologe, Philosoph, Mathematiker, ein bedeutender Denker der Übergangszeit zur Renaissance. Er lehrte in Bologna und eckte dabei wegen seines fortschrittlichen Gedankenguts mit der Kirche an. Er wurde als Ketzer bezichtigt und landete auf dem Scheiterhaufen. Sein bekanntestes Werk ist L’Acerba, eine Summe des mittelalterlichen Wissens in fünf Bänden. Es ist in der Vulgärsprache geschrieben. Hört sich verlockend an. Müsste man sich mal ansehen.

Wir kommen zur Festung. An der Stelle, wo die Festung steht, mussten alle, die aus dieser Richtung in die Stadt kamen, vorbei. Also ein geeigneter Ort für eine Verteidigungsanlage.

Der Bau ist verwinkelt, und die Entstehungsgeschichte bleibt unklar. Die Führerin spricht nur Italienisch. Sie drückt auf die Tube, weil andere Gruppen warten. Wir verlängern die Sache, weil wir zwischendurch übersetzen.

Ursprünglich wurde der Bau über einer Wasserstelle angelegt. Vielleicht befanden sich hier auch die römischen Thermen. Und die Kirche, vor der wir jetzt im Innern der Festung stehen, heißt Santa Maria del Lago.

Wir stehen vor dem geschlossenen Eingang der Kirche. Über dem Eingang das Jesuitenemblem. Die Führerin reagiert etwas gereizt, als sie danach gefragt wird. Es gibt keine Erklärung.

Später sehen wir von oben in den achteckigen Nonnenchor, aber wie das alles zusammenhängt, bleibt ein Rätsel. Die Festung hatte alle möglichen Funktionen im Lauf der Geschichte. Zuletzt diente sie auch als Gefängnis.

Oben gibt es eine Ausstellung: Langobardengräber. Beeindruckend. So sehr, dass ich einen Moment lang zweifle, ob das Originale sind. Sind es. Es gibt Fibeln, Halsketten, Schilde, Münzen. Ein Frauengrab enthält eine schöne doppelte Halskette. Aus Münzen. Die Münzen, erfahre ich von einem Mitreisenden, sind oströmisch. Das sehe man daran, dass die Gesichter auf ihnen im Profil abgebildet sind.

Die Fibeln haben niedlich aussehende Abbildungen wilder Tiere. Die sollen magische Wirkung gehabt haben. Die Langobarden seien furchtlose Krieger gewesen, aber Tiere seien ihnen immer ungeheuer geblieben.

In einem Grab ein Ehering. Es dauert etwas, bis wir verstehen, was daran besonders ist: Der Ring ist langobardisch, der Stein römisch. Römische Objekte wurden als Spolien benutzt.

Vor einem Exponat stehe ich und rätsele, was das sein könnte. Von einem archäologisch versierten Mitreisenden erfahre ich es: Es handelt sich um den „Nabel“, das zentrale, in der Regel eiserne Teilstück eines Schilds. Der Schild war aus Holz und hat die Zeit nicht überlebt. Der Nabel schützte die Hand!

Von einem Fenster aus sehen wir auf eine Brücke. Der Legende nach wurde sie in einer einzigen Nacht von Cecco d’Ascoli in Zusammenarbeit mit dem Teufel gebaut. Tolles Duo!

Tatsächlich ist es eine römische Brücke. Hier verlief die extrem wichtige Via Salaria. Die Brücke wurde im Krieg von den Deutschen beim Abzug zerstört. Völlig sinnlos. Sie wird jetzt wiederaufgebaut. Auch um diese Brücke rankt sich eine Legende hinsichtlich der Schutzfunktion von Sant’Emidio. Dass er die Brücke im Krieg nicht vor der Zerstörung bewahrt hat, scheint keine Rolle zu spielen. Wenn die Menschen einmal etwas glauben, lassen sie sich nicht so leicht von Tatsachen davon abbringen.

Von der Besichtigung geht es direkt weiter zum Abendessen. Auch hier hat es einen Wechsel im Programm gegeben, aber der kommt uns zugute. Das Essen ist phantastisch. Der Höhepunkt ist das Hauptgericht, ganz zarte Kalbsbacken. Zum Essen gibt es Wein aus hauseigenem Anbau, bis zum Abwinken. Als eine der Vorspeisen tauchen hier zum ersten Mal die berühmten olive ascolane auf. Die gibt es an den folgenden Tagen bei jedem Essen. Ich hatte immer gedacht, es handele sich um eine bestimmte Sorte Oliven und war überrascht über das Buhei, der darum gemacht wurde, aber jetzt erfahre ich, dass es keine Oliven sind, sondern ein Gericht. Es handelt sich um besonders große Oliven, deren Stein entfernt wird. An dessen Stelle wird dann eine Mischung aus verschiedenen Fleischsorten eingefüllt, und die Oliven werden paniert und gebraten. Eine Heidenarbeit. Aber wir kommen in den Genuss. Nicht umsonst kennt jeder Italiener die olive ascolane, aber längst nicht jeder Italiener kennt Ascoli!

Am Ende präsentiert der Restaurantbesitzer den Koch, einen 25 Jahre alten Mann. Er hat zusammen mit einem anderen, der noch in der Küche ist, das gesamte Essen zubereitet. Es gibt eine wohlverdiente Runde Beifall. Dann können wir gehen, ohne uns um irgendetwas kümmern zu müssen. Nicht einmal um das Trinkgeld. All inclusive.

Wir gehen mit einer größeren Gruppe Richtung Hotel, aber immer wieder bleibt der eine oder andere auf dem Weg irgendwo hängen. Schließlich sind wir nur noch zu dritt und trinken hier noch ein Bierchen, auf der erleuchteten Piazza an einem lauen mediterranen Sommerabend. Wir führen wunderbare, erstaunlich vertrauliche Gespräche über Gott und die Welt. Keiner kennt keinen. Dann kommt noch ein Ehepaar dazu, das lange in Rom gelebt hat, aus beruflichen Gründen, aber auch aus Berufung. Es ist wunderbar, von ihnen aus erster Hand etwas zu Italien zu hören. Sie liefern eine kritische, aber liebevolle Analyse des italienischen Alltags. Wenn man an die staatliche Heizungssystem angeschlossen ist, wird die eigene Wohnung auch im Winter nur für wenige Stunden geheizt. Damit muss man leben. Und das in einer Großstadt. Unser Busfahrer arbeite immer noch, obwohl er längst in Pension sein könnte. Er tut es, um die Familie zu ernähren. Die Tochter habe Jura studiert, in Bologna, sei aber arbeitslos. Trotz der vielen Dingen, die nicht funktionierten, gäbe es eine eher positive Einstellung zum Leben. Die beiden sind, gerade nach Deutschland zurückgekehrt, überrascht, wie viel die Deutschen klagen und wie oft sie schlechter Laune sind. Das sei in Italien anders. Auch dem Umgang mit Flüchtlingen können sie etwas Positives abgewinnen. Die würden zwar als billige Arbeitskräfte ausgebeutet, aber sie seien präsent im Leben, man setze sich mit ihnen auseinander. Bei uns hielte man sie eher abseits. Die Italiener seien sehr kritisch ihrem eigenen Land gegenüber, könnten sich aber ein Leben in Deutschland überhaupt nicht vorstellen. Das jage ihnen Schrecken ein. Ich würde an der einen oder anderen Stelle vielleicht mit einer kritischen Nachfrage einhaken, lasse aber lieber die ganze Erzählung auf mich wirken.

5. August (Samstag)

Beim Frühstück, das im Innenhof serviert wird, bin ich einer der ersten. Eine Frau, die aus dem „Tälchen“ in Trier kommt und viel von Wein versteht, erzählt von ihren Reisen in alle Welt. Sie hat eine Weinreise nach Bulgarien gemacht, von der sie ganz begeistert ist, hat Verwandte in den USA, die sie regelmäßig besucht, und ist auch in Namibia und Südafrika gewesen. Ansteckend, man möchte gleich auch alle diese Reisen machen. Ihre Verwandten in den USA kamen in drei Auswanderungswellen, Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts.

Dann kommt ein Ehepaar hinzu, das von seinen Reisen zu den drei großen Wasserfällen erzählt. Sie haben klare Präferenzen. Die Niagara-Fälle seien zwar schön, vor allem, weil man unten auch mit dem Boot entlangfahren könne, aber die Viktoria-Fälle seien beeindruckender. Ganz oben auf der Liste stünde aber Iguazu. Das sei ohne Konkurrenz. Sie bedauern, die Reisen in der „falschen“ Reihenfolge gemacht zu haben, mit dem tollsten Wasserfall zuerst.

Der Vormittag ist frei und ich sehe mir in aller Ruhe die Piazza del Popolo an, sonst nichts.

Die Besonderheit der Piazza ist die, dass sie einheitlich wirkt, obwohl sie aus fünf, sechs sehr unterschiedlichen Gebäuden besteht. Die Einheitlichkeit resultiert aus den Arkaden, die den Platz an drei Seiten umgeben. Anders als in Bologna sind sie nicht regelmäßig. Das liegt daran, dass sie vor die einfachen Handwerkshäuser und vor die repräsentativen Bauten gesetzt wurden und deren Maße respektieren. Die Platzanlage folgte also gewissermaßen den Gebäuden. Das sieht man auch an San Francesco, der gotischen Kirche, die eine der Stirnseiten des Platzes einnimmt. Ihre Fassade ist nicht komplett zu sehen, da sie breiter ist als der Platz.

Die wichtigsten Gebäude sind die Loggia dei Commercanti, der Palazzo die Capitani, also das Rathaus, das Caffè Meletti und die Kirche, San Francesco. Die hat eine zweigeteilte, unregelmäßige Fassade. Der rechte Teil sieht staufisch aus, ist es aber nicht. Das ist wohl nur noch ein architektonisches Zitat.

Der Turm der Kirche ist doppelt bemerkenswert: Er steht nicht losgelöst von der Kirche, als Campanile, so wie das in Italien üblich ist, und er gehört hier eigentlich gar nicht hin, das Franziskanerkirchen ja allgemein nur Dachreiter haben, keine Türme.

Drinnen erwarten einen gleich zwei weitere Überraschungen: Man befindet sich in einer gotischen, dreischiffigen Hallenkirche, mit so hohen Schiffen, dass man sie kaum wahrnimmt. Außerdem ist es sehr dunkel. Das liegt daran, dass einige Fenster zugemauert sind, andere dunkle Verglasungen haben. Einige Fenster zeigen Szenen aus dem Leben des Franziskus, darunter das Erweckungserlebnis und der Auftritt vor dem Papst in Rom. Ich versuche die Fenster zu datieren. Sieht nach 19. Jahrhundert aus. Aber dann kommt eins mit einem ganz unerwarteten Motiv: KZ-Häftlinge, aufgereiht vor einem SS-Mann in Uniform mit einer Armbinde, auf der man ein Hakenkreuz sieht.

Über dem Chor erhebt sich eine Kuppel. Die ist natürlich später hinzugekommen. In den Seitenkapellen allerhand Kitsch, darunter elektrische Kerzen, die man für einen Obolus „anzünden“ kann.

Eine Messe ist im Gange. Dabei wird Sant’Emidio angerufen. Heute ist das eigentliche Patronatsfest. Die anderen Feiern, die historisch mit dem Heiligen wenig zu tun haben, gruppieren sich drum herum, so dass das Stadtfest sich mehrere Tage lang hinzieht.

Der leiernde Gesang eines in die Jahre gekommenen Chorknaben wird von der Blasmusik, die von der Piazza herüber kommt, übertönt.

Inzwischen ist klar geworden: Der Eingang von der Piazza her ist nicht der Haupteingang. Was man von der Piazza aus sieht, ist die Südfront. Der Haupteingang führt auf eine schmale Einkaufsstraße hinaus. Das Portal ist schön verziert, eher einfach, mit einem Lamm über dem Eingang. Das stand zwar für Christus, aber auch für die Wollweberzunft, die sich für den Bau der Kirche stark machte.

Das Eingangsportal hat sehr schöne gedrechselte Archivolten. Darunter Archivolten mit merkwürdigen Ausbuchtungen in der Mitte. Ich stehe etwas ratlos davor, und dann kommt ein Mann zu Hilfe, der mir zeigt, welche Bewandtnis es damit hat: Man kann die Bögen als Orgelpfeifen benutzen, man kann sie „bespielen“, indem man mit der offenen Handfläche schnell darüber fährt. Tatsächlich: Jede einzelne gibt einen anderen Ton ab.

Ich versuche, einmal ganz um die Kirche herum zu gehen, aber das klappt nicht. Sie geht in die angrenzenden Häuser über. An einer Ecke stehe ich ratend vor einem modernen Bronzerelief. Man sieht ein Rad, eine Werkbank, Frauengestalten. Vielleicht ein Relief, das auf die Wollweber verweist.

Dann geht es wieder Richtung Piazza zurück. An der Ecke treffen, ein ganz klein bisschen abseits der Piazza, verschiedene Stadtviertel aufeinander. Sie heißen quartiere, sind aber eigentlich sestiere. Es sind auch sechs Stadtviertel, die bei der Quintana aufeinandertreffen.

Ein paar Schritte davon entfernt, an der Südfront von San Francesco, sind alte Maße eingelassen, die auf dem hier stattfindenden Markt verbindlich waren.

Das Rathaus nimmt einen guten Teil einer der Breitseiten der Piazza ein, ein mächtiger Bau mit einem klobigen Turm und mit einer Uhr an der Fassade, die ein ganzes Geschoss einnimmt. In einer Nische etwa in der Mitte der Fassade ist eine Papst-Statue eingelassen: Paul III. Auch am Seitenportal von San Francesco ist eine Papst-Statue: Julius II. Ascoli gehörte lange zum Kirchenstaat.

Man kann mit dem Aufzug nach oben fahren, von wo aus man einen guten Blick auf den Platz hat. Als ich aus dem Aufzug komme, weiß ich nicht, wohin es geht. Da kommt eine junge Frau auf mich zu und weist mir freundlich den Weg. Sie weist mich auch auf eine Ausstellung hin. Jetzt fällt der Groschen: Die Bilder, die man in dem schmalen Saal hängen, von dem man auf den Platz sieht, sind von den zwei Malern aus Ascoli, die auch in Trier ausgestellt haben.

Obwohl das Rathaus so viel Platz einnimmt, stehen rechts und links von ihm noch zwei weitere Gebäude, ein schönes, zweistöckiges Gebäude mit Zinnen, wohl ein Wohnhaus, zur Rechten, und das Caffè Meletti zur Linken, ein Jugendstilgebäude. Das ist der Treffpunkt in Ascoli. Auf der Terrasse sitzt auch praktisch immer jemand von unserer Reisegruppe. Das Meletti ist wohl früher Poststation gewesen. Und die Fresken sollen noch an diese alte Funktion erinnern. Kann ich aber nicht identifizieren. Die Fresken unter den Arkaden bilden Vögel und Blumen ab. Vielleicht gibt es da irgendeine heimliche Verbindung zum Thema Post.

Ich mache noch einen Spaziergang, aufs Geratewohl, in ein anderes Stadtviertel rauf. Dabei komme ich über die Piazza Pola. Dort sitzen, auf dem Sockel einer Statue für die Kriegssoldaten, drei alte Männer nebeneinander, reglos, schweigend, in die Leere blickend. Italien.

Zufällig komme ich an einer großen Buchhandlung vorbei. Das ist genau die, von der sie an der Rezeption des Hotels gesprochen haben. Sie ist geöffnet. An der Rezeption hatte man mir gesagt, heute wäre alles wegen des Feiertags geschlossen. Die Buchhandlung ist gut ausgestattet. Ich sehe mich um, kann mich aber nicht entscheiden, etwas zu kaufen. Zwischen den Regalen hängen Photographien, in Schwarz und Weiß. Alle haben Bücher zum Thema. Besonders gefällt mir eine, die eine Buchhandlung zeigt, deren Decke zerbombt worden ist. Mitten in den Trümmern stehen Männer in Lodenmänteln und stöbern in den Regalen herum.

Am Nachmittag geht es in den Palazzo die Capitani. Empfang des Bürgermeisters. Im Saal des Gemeinderates. Der hört sich die Rede unserer Reiseleiterin eher gelangweilt an und nimmt das Geschenk, Riesling-Wein, entgegen, ohne besonderen Enthusiasmus zu zeigen. Unsere Reiseleiterin verweist auch auf eine Marx-Büste, die sie ihm, mit einem heimlichen Wink auf seine rechte politische Position, einst übermacht hat.

Der Bürgermeister weist auf ein Fresko an einer Ecke des Saals an. Es zeigt einen alten Weisen mit langen Gewändern und langem Bart. Darunter die Inschrift: Odi la parte e l’occhio a la ragione deriza e se me voli in libertate manten te in caritate et unione. Da tut man sich mit der Übersetzung nicht so leicht.

Dann, in der Dämmerung, kommt die Weihe der Kerzen. Ein großer Aufmarsch von kostümierten Vertretern der sechs Stadtviertel: Fahnenschwinger, Pechfackelträger, Trommler, Trompeter, Honoratioren. Helme mit Federbüschen, hohe Stiefel, Amtsketten, Rüschen, Schleppen, Halskrausen. Jedes Stadtviertel trägt seine Kerzen nach vorn, zum Bischof, der vorher am Ende einer Prozession, eine Armreliquie tragend, auf die Piazza gekommen ist und vor dem Portal Stellung bezogen hat. Die Kerzen werden geweiht und dann nacheinander angezündet. Der Bürgermeister liest aus den Statuten der Stadt von 1250. Angeblich den Originaltext, also Altitalienisch, aber ich kann es nicht identifizieren. Am Ende, es ist schon einige Zeit vergangen, werden dann auch noch – horribile dictu – die Pferde geweiht, die am nächsten Tag bei der Quintana antreten.

Inzwischen macht sich der Hunger bemerkbar. Wir gehen in ein rustikales, auf Mittelalter getrimmtes Lokal, mit Kellnern und Kellnerinnen in Sackleinen. Wieder gibt es phantastisches Essen.

An dem Essen nehmen auch die beiden italienischen Maler teil, die auch in Trier ausgestellt haben, ein junger und ein alter. Ich werde neben den alten platziert, und der ist offensichtlich froh, jemanden zu haben, der Italienisch spricht. Aber der Wein, der Lärm und der lange Tag fordern ihren Tribut, und am Ende kann ich ihm oft nicht mehr folgen.

Der junge Maler sitzt mir gegenüber. Er malt. Zwischen den Gängen. Aquarellzeichnungen von uns, eine nach der anderen. Einige sind sehr schmeichelhaft, andere nicht. Meine ist es definitiv nicht: „Troppo vero.“

6. August (Sonntag)

Beim Frühstück muss ich passen bei der Frage, was Zumutung auf Englisch heißt. Die Herausforderung kommt von der Reiseleiterin, die der Meinung ist, das „gebe es“ in keiner anderen Sprache. Mag sein. Es gibt wahrscheinlich keine eindeutige, formal ähnliche Entsprechung, aber ausdrücken kann man das natürlich trotzdem. Insofern nur scheinbar eine Ausnahme.

Heute steht eine Stadtführung auf dem Programm. Es werden zwei Gruppen gebildet, eine deutsche und eine italienische. Die kleine italienische Gruppe umfasst neben der Reiseleiterin auch das Ehepaar, das länger in Rom gelebt hat und eine Frau, die länger in Mailand gelebt hat.

Die Führung ist ausgezeichnet. Die junge Frau ist von Ascoli begeistert und kann ihre Begeisterung mitteilen. Sie weiß viel und hat schauspielerisches Talent. So ist die Führung nicht nur informativ, sondern auch unterhaltsam.

Wir starten auf der Piazza Arringo, vor der Kathedrale. Natürlich geht es mit Sant’Emidio los. Der werde immer blond und blauäugig dargestellt, als Verweis auf seine angebliche Herkunft aus dem Norden. Einer Legende verdankt er seine Verbindung mit dem Basilikum, das in diesen Tagen hier überall zu sehen ist und geweiht, gekauft, getragen wird. Man hat wohl Basilikum neben seiner nicht verwesten Leiche gefunden.

Dann kommen wir zu Ascoli Piceno, dem Doppelnamen der Stadt. Die Picener lösten sich in der Eisenzeit von den übrigen Völkern ab und erlangten eine herausragende Stellung. Sie beherrschten ein großes Gebiet am Mittelmeer, etwa die heutigen Regionen Marken und Abruzzen. Der Name wird gelegentlich auf picchio zurückgeführt, ‚Specht‘, denn der Specht war dem Marsgott heilig, aber einen schlüssigen Beleg gibt es dafür nicht.

Über Ascoli weiß man genauso wenig. Jedenfalls war Ascoli die Hauptstadt der Picener. Der Stolz auf den Ursprung hält sich aber bis heute: „Quando Ascoli era Ascoli, Roma era pascoli“.

Die Ascolaner wehrten sich gegen die römischen Versuche, die Stadt einzunehmen. Am Ende, im dritten vorchristlichen Jahrhundert, wurden sie dann aber ins Reich eingegliedert, auch wenn sie sich eine gewisse Unabhängigkeit bewahrten. Später, vielleicht paradox, forderten sie eben „volle Mitgliedschaft“, also das Recht auf die römische Bürgerschaft. Die Römer entsendeten eine Armee und es kam zu einer Belagerung. Am Ende ergibt sich die Stadt. Die Ascolaner beschossen die Römer während der Belagerung mit einem Werkzeug, dessen italienischer Name mir unbekannt ist: ghianda. Die anderen helfen mir auf die Sprünge. Es bedeutet ‚Eichel‘. Es handelte sich aber nicht um echte Eicheln, sondern um Klumpen aus Blei, die die Form von Eicheln hatten und mit der Schleuder Richtung Gegner geschossen wurden. Das ganz besondere daran: Diese Eicheln hatten Inschriften. Und eine davon, so heißt es, trägt das Wort Italia. Das damit zum ersten Mal auftaucht.

Während der Erklärung fällt mein Auge auf den Namen eines Cafés, der mir schon gestern aufgefallen war: Vincèfalacaritàaludome.

Unsere Führerin widmet sich derweil der Umgebung, zuerst zur Kathedrale. Die ursprüngliche Fassade der Kathedrale verbirgt sich hinter der vorgeblendeten Renaissance-Fassade. Der Bau war ursprünglich romanisch, wurde dann aber, als die Bürgerschaft San Francesco im gotischen Stil erbaute, gotisch umgebaut. Das konnte der Bischof nicht auf sich sitzen lassen, dass die Bürger ihm voraus waren.

Diesem Konkurrenzkampf ist es auch zu verdanken, dass die beiden Brunnen nicht in der Mitte des Platzes stehen, sondern nach Westen hin versetzt. Die Kathedrale und der Platz davor wurden sozusagen weggerechnet. Wenn man sie nicht berücksichtigt, stehen die Brunnen doch in der Mitte.

Wir machen uns auf den Weg in ein anderes Viertel. Unterwegs sieht man immer wieder Straßenbezeichnungen wie Rua della Volpe. Unserer Führerin zufolge kommt rua, genauso wie franz. rue, von ruga, also ‚Falte‘. Ob das stimmt?

Etwas abseits der zentralen Plätze stoßen wir auf San Gregorio. Auf den ersten Blick nichts Besonderes, auf den zweiten wohl: Die Kirche war ein römischer Tempel, der nie zerstört wurde. Er wurde später umgewidmet. Die Stützmauern hinter der Kirche und die korinthischen Säulen stammen noch vom antiken Tempel. Der Tempel war vorher der Isis geweiht – noch eine Anverwandlung einer fremden Kultur.

Auf der Piazza del Popolo begegnen wir einer Institution von Ascoli: Marta, einer Bettlerin, die hier ständig präsent ist, obwohl sie sonst ein ganz normales Leben mit einer Angestelltenstelle führt. So jedenfalls stellt es die Stadtführerin dar.

Auf der Piazza trifft man sich am frühen Abend, fein herausgeputzt, und widmet sich zwei Aktivitäten. Die werden mit den italienischen Wörtern fare le vasche und fare lo struscio beschrieben. Man schwankt, man geht auf und ab, hin und her – und man nähert sich dem Vorbeikommenden, sofern für attraktiv befunden, so sehr, dass man seine Kleidung streift, ohne ihn selbst zu berühren.

Die Piazza ist das Gegenstück zur Piazza Arringo, die Piazza der Bürger, der Kaufleute, der Zünfte. Nicht umsonst ist hier auch das Rathaus. Als das in Brand geriet, ging ein wichtiges Archiv in Flammen auf, was zur Folge hat, dass ganze Teile der Stadtgeschichte im Dunkeln liegen.

Hier ist alles fußläufig. Am Rande des Platzes kommen wir an eine Kreuzung, an der sich zwei zentrale Straßen der Altstadt kreuzen. Das ist das eigentliche Zentrum der Stadt. Hier kreuzten sich Decumanus maximus und Cardo maximus.

Wir gehen in den Innenhof eines ehemaligen Konvents. In der Mitte ein Brunnen mit dem Wappen der Stadt Ascoli. In dem erscheinen die römische Porta Gemina und mittelalterliche Türme zusammen.

In einer Seitengasse kommen wir an einer Majolika-Fabrik vorbei. Im Schaufenster sind vor allem Zierteller ausgestellt, mit einem außergewöhnlich intensiven Blauton als Hintergrund. Allein schon ein Hingucker. Das beliebteste Motiv ist die mittelalterliche Silhouette der Stadt mit einer Vielzahl von Geschlechtertürmen. Die meisten von ihnen sollen von Friedrich II. eingerissen worden sein. Unsere Reiseleiterin sagt in ihrer kauzigen Art hinter vorgehaltener Hand, viele Historiker hätten Zweifel, ob es sie überhaupt jemals gegeben habe.

Dann kommen wir zum Ponte Romano. Der verläuft hoch über dem Fluss und ist außergewöhnlich breit. Das hat seinen Grund. Diese Brücke gehörte nicht zum Verlauf der Via Salaria, sondern zur Straße nach Fermo, einer römischen Gründung. Von dort aus wurde die ganze Umgebung kontrolliert und in Schach gehalten. Diese Brücke erfüllte also militärische Zwecke.

Dann kommen wir an einer ganzen Reihe von Häusern mit Renaissance-Fassaden vorbei, mit sog. sprechenden Portalen. Das bedeutet, dass über dem Eingang ein Ausspruch angebracht ist, meist eine einfache Lebensweisheit oder ein Ratschlag: Chi altri tribvla a xe non da pace. Wer anderen auf den Geist geht, findet keinen Frieden.

Als Zugabe sozusagen werden wir dann noch in einen privaten Palazzo geführt, dem Palazzo Saladini. Dort werden wir von dem Conte selbst empfangen und später von der Contessa mit Erfrischungsgetränken bedient. Der Innenhof ist schön, aber kaum einen Umweg wert.

Das eigentliche Schatzkästchen ist der Saal im Obergeschoss. Ein großes Deckengemälde zeigt die Geschichte um Eneas, die auch einen Bezug zum Hause aufweist. Interessanter sind aber die Löcher in der Wand. Löcher auf allen vier Seiten, große Löcher in regelmäßigen Abständen. Sie stammen von einem Gerüst, das hier angebracht wurde. Mit dem wurde eine Holzverkleidung angebracht, hinter der, während das Haus als Zentrale einer (nicht näher benannten) Partei diente, die Malerei für lange Zeit komplett verschwand. Und jetzt fallen auch die vielen leeren Stellen auf, die sich zwischen den paarweise dargestellten Figuren befinden. Warum ist da nichts? Weil da ursprünglich Spiegel waren, und die fielen der Umgestaltung des Saals durch die Partei endgültig zum Opfer. Hier erlebt man Geschichte am Objekt.

Wer sind die dargestellten Figuren an den Seiten? Die Musen. Komisch. Es gibt neun Musen, aber die kann man schlecht auf vier Seiten verteilen. Also machte man der Einfachheit halber welche dazu und kam auf zwölf. Das ging besser auf. Die Stadtführerin weist auf den Umstand hin, dass alle zwölf barfüßig dargestellt sind bis auf zwei. Die tragen hohe Sandalen. Unser Archäologe kennt die Erklärung: Bei diesen beiden Musen handelt es sich um Melpomene und Thalia, die Musen der Tragik und der Komik, also die für das Theater stehenden Musen. Und diese Musen tragen die typischen hochhakigen Schuhe, die die griechischen Schauspieler in der Antike trugen!

Das war ein Besuch, der sich gelohnt hat. Zum Schluss kommen wir doch noch in die Kathedrale. Vorher war hier eine Messe zugange. Die Kathedrale war zunächst einschiffig, wurde dann dreischiffig ausgebaut und dann barock ausgestattet. Später fand dann eine „Reinigung“ statt. Man entfernte einen Teil der Ausstattung und ersetzte sie durch eklektische, byzantinisch anmutende Elemente. Dazu gehört auch das „Mosaik“ im Chor, das keins ist, weil es gemalt ist.

In einer Seitenkapelle befindet sich das wichtigste Ausstattungsstück der Kathedrale, ein Triptychon von Crivelli, dem bedeutendsten Maler Ascolis, in der Tradition Giottos stehend. Die Anlage des Triptychons ist noch mittelalterlich, aber die Ausführung weist auf die Renaissance voraus, etwa in der Darstellung des Täufers. Sonst sieht man Ursula, Katharina, Petrus und Paulus, die Jungfrau mit Kind und Georg. Wie man den erkennen kann? Er trägt den Drachen in einem Aufnäher auf dem Wams. Und sieht wie ein italienischer Adeliger aus.

Das Mittagessen fällt hier angesichts des opulenten Frühstücks und des ebenso opulenten Abendessens meist ins Wasser. Oder es gibt eine Kleinigkeit auf die Hand. Unsere Reiseleiterin wird aber schon seit Tagen von dem Besitzer eines Lokals in unserer Straße bedrängt, ihm doch auch mal einen Besuch abzustatten. Eher zögernd nehme ich die Aufforderung an, mitzugehen. Man wird ermutigt durch die Ankündigung, es gebe nur „eine Kleinigkeit“. Etwa die halbe Gruppe ist vertreten. Die „Kleinigkeit“ entpuppt sich als ein mehrgängiges Essen, an dessen Ende man sich kaum noch regen mag. Ich bestelle Bier, was auf heftige Kritik stößt. Es scheint keine Rolle zu spielen, dass vier Italiener am Nachbartisch auch Bier trinken.

Am Nachmittag geht es dann ins Sportstadion, zur zentralen Veranstaltung der Woche, der Quintana. Das Stadion befindet sich gleich vor dem Forte Malatesta. Wir sind zu früh und nehmen schon mal auf den engen Plätzen auf den Steinbänken Platz. Glücklicherweise haben wir Schatten.

Das haben die armen Teilnehmer an der Quintana nicht. Sie haben pralle Sonne. Und die müssen sie trotz ihrer dicken Kostüme ertragen.

Der Einzug erfolgt von dem rechts von uns liegenden Eingang. Es geht einmal ganz um das Stadion herum (und bei uns an der Haupttribüne vorbei) und dann auf das Feld, wo Stellung bezogen wird. Alles ist minutiös geplant. Jede Gruppe wird von einem Fanfarenkorps begleitet. Man hört immer wieder dieselbe Melodie.

Es ziehen ein: Bogenschützen, Soldaten mit Helm und Federbusch, Honoratioren mit Pelzmützen und Amtsketten, Fahnenträger, Schildträger, Knappen, Hofdamen, Hellebardisten, Trommler, Reiter mit Lanzen, Speerträger, alle in farbenfrohen Kostümen. Zum Schluss kommt der Bürgermeister in vollem Ornat, noch dahinter Kameraleute und Kabelträger. Am Ende sind eher Tausende als Hunderte von Figuren auf dem Feld versammelt.

Danach beginnt das Turnier. Die sechs Konkurrenten sind: Piazzarola, Porta Maggiore, Porta Romana, Porta Solestà, Porta Tufila, S. Emidio.

Die Pferde kommen in vollem Galopp, man bekommt Angst um sie, zumal der Unterlauf immer wieder bewässert wird, aber das scheint seinen Sinn zu haben. Nach ca. anderthalb Runden kommen sie an den Mohren. Der war ursprünglich die Zielscheibe. Heute hält er eine Zielscheibe in der Hand, die es zu treffen gilt. Mit der Lanze. Man muss nicht nur das Pferd gut im Griff haben, sondern auch die schwere Lanze waagerecht halten und dann im richtigen Moment bei vollem Galopp die Zielscheibe treffen. Kein Wunder, dass alle Konkurrenten, die für die sechs Stadtteile antreten, professionelle Reiter sind.

Alle treffen die Zielscheibe, und viele treffen ins Schwarze, aber die Bewertung bezieht auch die Zeit mit ein und wohl auch, wie viele Begrenzungssteine am Rande des Parcours man „aus dem Weg geräumt“ hat. Die vielen Zahlen, die durchgegeben werden, sind eher verwirrend. Es gibt drei oder vier Durchgänge, alle gleich, und es wird bald etwas langweilig. Nach anderthalb Durchgängen räume ich das Feld. Das ist eher etwas für die Anhänger eines der Stadtteile. Gerade, als ich im Begriff bin, das Stadion zu verlassen, stürzt ein Reiter, genau in dem Moment, wo er die Zielscheibe trifft. Schreie des Entsetzens, dann Totenstille. Es sieht ernst aus. Sofort kommt ein Krankenwagen herangefahren. Alles Weitere sieht man nicht. Es kommen im Laufe des Tages alle möglichen Gerüchte auf, von „Schwer verletzt im Krankenhaus“ bis zu „Hat weiter gemacht“. Am nächsten Tag berichtet die Zeitung, der Reiter sei mit dem Kopf gegen die Zielscheibe gestoßen und habe dabei, nicht verwunderlich, das Gleichgewicht verloren. Es ist aber alles gut gegangen. Der Mann hat sich erstaunlicherweise nicht weiter verletzt.

Bei dem Weg ins Hotel sehe ich die Kathedrale von hinten. Ein ungewöhnlicher Anblick, mit mehreren Türmen, von denen wir uns dieser Tage gefragt haben, ob sie zu der Kathedrale gehören. Ist von vorne nicht so eindeutig zu sehen.

Am Abend kommen wir erst gar nicht an unsere Plätze in unserem Lokal auf der Piazza del Popolo, da jetzt die ganze Korona hier Einzug hält. Alles wieder von vorne. Es sieht immer noch prächtig aus, aber mein Bedarf an Folklore ist für den Moment gedeckt.

Beim Essen gibt es Weißwein, aber es wird auch Rotwein gefordert. Der wird dann auch serviert. Und dann bestellen einige Hardcore-Trinker Bier. Das kommt in riesigen Krügen, aus denen man sich selbst bedient. Erst glauben wir, der eine Krug wäre viel zu viel, aber bald ist der leer, und es wird der nächste bestellt.

7. August (Montag)

Ascoli liegt an einem Fluss, dem Tronto. Der schließt, zusammen mit einem Nebenarm, die Stadt auf drei Seiten ein, aber in all den Tagen sind wir kaum einmal auf ihn gestoßen, müssen ihn aber schon mal überquert haben. Die Stadt zeigt dem Fluss ihren Rücken. Interessante Parallele zu Trier.

Am Vormittag fahren wir nach Civitella. Eine knapp einstündige, kurvenreiche Fahrt hoch ins Gebirge, während der ich das letzte Bier vom Vorabend bereue.

Hier ist es deutlich kühler, 25°. Ich sehe bewundernd auf eine Gruppe von Radfahrern, alle schlank, die scheinbar mühelos hier rauf gefahren sind. Die stärken sich auf der Terrasse eines kleinen Cafés. Ich auch. Wir warten noch auf die zweite Kolonne. Auf der Toilette witzige Piktogramme, die zeigen, was man alles hier nicht tun darf, unter anderem mit der Angel was aus dem WC fischen.

Das Café liegt gleich vor dem Stadttor. Das führt in die Festung, eine Stadt für sich. Die eigentliche Stadt liegt tiefer, außerhalb der Festung.

Der Ort hatte lange Zeit stabile 10.000 Einwohner, jetzt sind es nur noch 5.000. Hier gibt es kaum Arbeit.

Von dem Platz hinter dem Stadttor hat man einen Blick hinunter auf die baumbestandenen Hügel. Wir sind hier schon in den Abruzzen. In meinem Reiseführer über die Marken ist Civitella nicht vertreten.

Die Festung ist eine der größten Europas. Sie wurde ab 1564 errichtet, an der Grenze zwischen Neapel und dem Kirchenstaat.

Die Festung ist lang, über 500 Meter, in den Berghang, auf 546 Metern Höhe, eingebaut. Die Anlage wurde 1820 teils zerstört, dann wieder aufgebaut. Nach 1861 verlor sie, mit der Einigung Italiens, ihre Funktion und verfiel langsam.

Man wundert sich, wie klein die Besatzung war, nur ca. 30 Mann. Das hatte wirtschaftliche Gründe. Man musste Pferde halten, die waren teuer und mussten hier oben mit Futter versorgt werden. Die Soldaten brauchten Brot und Wasser und Lohn und ein gelegentliches Fest, um bei Laune gehalten zu werden. Es gab keine Brunnen, nur Zisternen.

Wir gehen bis zum äußersten Ende der Festung. Hier sieht man in den Abgrund hinunter und zu allen drei Seiten auf die Berge. Bei guter Sicht kann man von hier aus den Gran Sasso sehen, den Berg, auf dem Mussolini gefangen gehalten wurde.

Gegenüber blickt man auf ein Benediktinerkloster, mit einer Umfassungsmauer, auf der Felskuppe gelegen. Das soll eine Art Gegenfestung gewesen sein. Was sich aber wohl eher symbolisch verstand.

Von hier oben hat man auch einen Blick auf die darunter gelegene Stadt. Sie wurde nach Gesichtspunkten der Verteidigungsfähigkeit angelegt. Und diente als der Festung vorgelagerte Abwehrmöglichkeit. Die Straßen verlaufen parallel zum Hang und parallel zur Festung.

Nach der Besichtigung gibt es in einem eher vornehmen Lokal auf der Piazza gleich hinter dem Stadttor Mittagessen. Ich bleibe strikt bei Wasser. Auch schon beim Aperitif, der vor dem Lokal, auf dem Platz gleich hinter dem Stadttor serviert wird. Beim Mittagessen dreht sich die Diskussion in erster Linie darum, um welches Fleisch es sich bei dem Hauptgang handelt. Alle sind sich einig, dass es nicht die in der eigens für uns angefertigten Speisenkarte angekündigte Ente ist.

Entgegen der Ankündigung fahren wir nach dem Essen doch noch in das Erdbebengebiet. Nach Arquata, in den Bergen. Es liegt ganz oben auf einem Felsplateau. Als wir uns dem Ort nähern, werden die Wolken, die den ganzen Tag über uns liegen, immer dunkler, und ein Sonnenstrahl zwischen ihnen taucht den Ort oben auf dem Felsen in ein metaphysisches Licht. Wie auf einem Gemälde von El Greco.

Am Ortseingang stehen Soldaten. Die kontrollieren, wer hier hineinfährt. Wir können nur ein paar Meter die Straße hinauf fahren und müssen dann wenden. Am Wendepunkt ist ein Hotel, dessen linker Teil, ein Anbau, ganz zerstört ist; das Haupthaus steht, so als wenn nichts passiert wäre.

Schon bei der Anfahrt nach Arquata haben wir eingefallene Dächer und Risse in den Außenmauern der Häuser gesehen. Das setzt sich jetzt hier, im unteren Ortsteil vor. Eigentlich betroffen ist aber der obere Ortsteil. Dort kann man gar nicht hingelangen. Der Zugang ist wegen Gefahr gesperrt, auch für die Einheimischen. In den nächsten Tagen sollen Soldaten kommen, die einen sicheren Zugang schaffen.

Hier unten entsteht in einer Ebene ein Barackendorf. Die Wege zwischen den Baracken werden noch befestigt, aber man sieht nur Arbeiter, keine Einwohner. Insgesamt haben gut zwanzig Familien beschlossen, hier zu wohnen. Ob sie jemals wieder in ihre Häuser zurückkommen, ist ungewiss. Viele, vor allem die Jungen, haben den Ort verlassen, auch deshalb, weil es keine Arbeit gibt. Nur gut zwanzig Familien haben sich entschieden, hier zu bleiben und in die Baracken zu ziehen. Die meisten sind weg und werden wohl nicht wiederkommen.

Der Bürgermeister ist in einer Baracke etwas abseits des neu entstehenden Ortes untergebracht. Neben der Baracke des Bürgermeisters ist die Baracke der Polizei und daneben die Baracke der Post. Beide sind geschlossen.

Der Bürgermeister empfängt uns in einer der Baracken und sagt ein paar Worte zu der Lage. Es sieht alles sehr düster aus. Arquata hatte durchaus ein gewisses Besucheraufkommen, ein paar Tausend pro Jahr. Das ist natürlich jetzt alles vorbei.

Der Bürgermeister erzählt von dem Moment des Erdbebens, von dem Schrecken, der Ohnmacht, dem Gefühl des Ausgeliefertseins. Mehr als 50 Menschen aus den verschiedenen Weilern, die Arquata bilden, sind bei dem Erdbeben ums Leben gekommen.

8. August (Dienstag)

Piazza Ringo? Wer ist Ringo? Mehr als einmal habe ich mich am Anfang der Reise über den merkwürdigen Namen gewundert. Bis ich ihn gelesen habe: Piazza Arringo. Der Name erinnert an die alten Volksversammlungen, die hier stattfanden. Das wird mir dann erst in einem dritten Schritt klar, als ich den alternativen Namen des Platzes höre: Piazza dell’Arengo. Das hört sich Spanisch an: arengar bedeutet ‚mitreißen‘, ‚durch eine Rede beeindrucken‘. Italienisch arringa ist das ‚Plädoyer‘.

An der Arringa liegt auch das Archäologische Museum, in das es heute geht. Nachdem die Ansichtskarten geschrieben sind und die Bordkarte für den Rückflug gedruckt ist. Alle anderen haben das zu Hause getan, ich war zu geizig, die vier Euro zusätzlich zu berappen.

Das Museum hat geöffnet. Ich bin der einzige Besucher. Daran ändert sich bis zum Ende nichts. Zwei wichtige Dinge verpasse ich: Die Schleudersteine, die ghiande, die die Picener auf die Römer schleuderten, weil sie einfach nicht zu finden sind, auch auf Nachfrage nicht. Und ein rundes Mosaik, das ein Doppelgesicht darstellt. Wenn man es auf den Kopf stellt, wird aus dem glattrasierten jungen Mann ein kahlköpfiger, bärtiger alter Mann! Das habe ich schlichtweg übersehen.

Es lohnt sich aber trotzdem. Die ältesten Fundstücke sind aus der Zeit der Picener, zu Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus. Schon da gibt es schöne Keramik. Ein Blickfang ist ein Topf mit passendem Deckel mit Griff.

Was es aus der Zeit der Picener gibt, ist wirklich sehr bemerkenswert. Das hatte ich nicht gedacht. Darunter sehr schöne Schmuckgegenstände aus Eisen, spiralförmige Armreifen und Halsketten, deren einzelne Glieder nach unten fallen und in dreieckigen Steinplättchen enden. Das könnte man ohne Zögern heute anziehen.

Bei den Fibeln gibt es einen schönen Geschlechterunterschied: Die der Frauen bilden einen Halbkreis, die der Männer ein Rechteck.

Zu den Grabfunden gehört ein Rad, ohne jedenfalls dessen Reste. Der Kopf der Toten ruhte auf dem Rad, als Zeichen des Wohlstands. Nur hochgestellte Adelige konnten sich einen Wagen leisten, Frauen eine Calesse, Männer einen Carrus. Die Frauen saßen, die Männer standen (kämpften dann aber ohne Wagen, auf dem Boden stehend). Die erhaltenen Reste des Rads sind sehr anschaulich auf einem Gestell angebracht, so dass man sich eine Vorstellung machen kann. Sie sehen wie Eisen aus, sind aber aus Holz. Man mag es kaum glauben, aber die Beschriftung lässt keinen Zweifel aufkommen. Die Räder hatten Speichen, und es gab wohl schon so etwas wie einen Stoßdämpfer!

Eine Besonderheit stellt eine Stele dar, in der Form eines länglichen Quaders. Sie hat eine Inschrift, in der ein Sohn den Vorbeigehenden warnt, sich an der Grablege seiner Mutter und seines Vaters zu vergreifen. Die Stele hat vier etwas unregelmäßige Seiten. Die Inschrift befindet sich auf zwei Seiten. Sie ist Picenisch, einer italischen Sprache, geschrieben mit einem Alphabet, das von dem Alphabet einer Spielform des antiken Griechisch, dem Chalkidischen Griechisch, abgeleitet ist. Das war durch die Sabiner hierher gelangt. Das Alphabet hat gut zwanzig Buchstaben, von denen man einige leicht erkennen kann: E, A, T usw. Andere sind ganz unbekannt: < steht für g, · steht für o,  □ steht für h, : steht für f.  Die Anordnung ist Bustrophedon. Da die Inschrift an den Längsseiten der Stele angebracht ist, verrenkt man sich den Hals, um sie zu „lesen“.

Nach einer Kaffeepause begebe ich mich noch auf die Suche nach ein paar Besonderheiten. Die Hitze fordert aber bald ihren Tribut. Obwohl es auch nicht heißer ist als am Anfang der Reise, empfinde ich sie jetzt als ziemlich ermüdend, vor allem jetzt in der Mittagszeit.

Die erste Station ist die Piazza del Popolo. Der zweite, der spitz zulaufende Glockenturm von San Francisco hat ein Symbol, das man hier, in religiösem Kontext, nicht unbedingt erwarten kann: einen Phallus. Symbol der Stärke und der Fruchtbarkeit.

Unterwegs mache ich ein Photo von einem der schmiedeeisernen Arme, die sich an der Fassade mehrerer Wohnhäuser befinden. Hier wurde im Mittelalter die Wolle aufgehängt, als Zeichen des Wohlstands der Bewohner.

Die zweite Station ist wieder eine Kirche, S.S Vinzenso e Anastasio. Ihre Besonderheit ist die Fassade. Über deren ganz Höhe und Breite erstrecken sich quadratische Kassetten, so wie bei der Decke der Trierer Basilika, 64 insgesamt. Das gibt ihr natürlich ein ganz eigenes Aussehen. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas schon mal gesehen zu haben. Die Kassetten sollen einst Fresken enthalten haben.

Der weite, schattenlose Platz vor der Kirche ist menschenleer. Vor einigen Cafés stehen ein paar Tische und Stühle, aber um diese Zeit ist kein Mensch unterwegs.

An mehreren Häusern dieser Gegend sind lateinische Sprüche über dem Eingang angebracht, meist auf einem Architrav. Die meisten sind fromm oder drücken einfache Volksweisheiten aus, einige andere sind eher zynisch. Ich suche nach einer ganz bestimmten und finde sie schließlich in der Rua Lunga: Chi po non vo. Chi vo non po. Chi sa non fa. Chi fa non sa. E così il mundo mal va.

9. August (Mittwoch)

Auf der Fahrt zum Flughafen habe ich die Gelegenheit, die Inschrift aus dem Haus zum Besten zu geben. Bei der Übersetzung geht allerdings die Wirkung ziemlich verloren.

Die Reiseleiterin erzählt eine Anekdote aus der Zeit, als sie die Fahrten nach Ascoli innerhalb eines Schüleraustauschs durchführte. Corrado, der Busfahrer, fuhr eine deutsch-italienische Schülergruppe durch die Gegend, 16-17-jährige Jugendliche. Auf dem Programm stand eine Wanderung. Man fuhr in die Berge. Eher unwillig, vor allem auf italienischer Seite, bringt man die Wanderung hinter sich. Dann kommt man wieder zum Bus zurück und zu Corrado. Er macht ein entsetztes Gesicht: Er hat die Schlüssel für den Bus verloren. Die deutschen Mädchen: “Kommt, dann legen wir uns solange hier in die Sonne.” Die deutschen Jungen: “Kommt, wir gehen den Schlüssel suchen.” Die Italiener, Mädchen wie Jungen: “Wir rufen die Mama an.” Corrado hatte den Schlüssel gar nicht verloren. Er wollte nur die Reaktionen testen.

Auf dem Weg zum Flughafen machen wir noch einen Halt in Chieti und besichtigen dort kurz das Archäologische Museum. Es ist so gut ausgestattet, dass man sich gleich vornimmt, wiederzukommen. In der Eingangshalle sieht man u.a. ein römische Liege aus der Augustäischen Zeit, mit Nackenrolle und Bronzebeschlägen. Man glaubt, eher ein Möbelstück aus dem Empire als eins aus der Antike vor sich zu haben.

Das Prachtstück der Ausstellung ist der Krieger von Capestrano. Ihm hat man einen eigenen Raum gewidmet. Was sofort ins Auge fällt, ist der Hut mit einer flachen, sehr breiten Krempe. Damit sieht er eher wie ein kanadischer Ranger aus als wie ein italischer Krieger. Ob es sich tatsächlich um einen Hut handelt, ist allerdings umstritten. Es könnte auch ein Helm sein, auch wenn es für uns nicht so aussieht. Das würde aber besser passen zu der Skulptur als Ausdruck der kriegerischen Gesinnung der Völker der Abruzzen aus der vorrömischen Zeit. Ganz merkwürdig ist ein Wulst, der oben schräg über den Hut läuft, der aber von hier unten nur zu erahnen ist. Der Krieger ist überlebensgroß.

Es ergibt sich noch eine interessante Diskussion: Mann oder Frau? Ich hätte mir die Frage gar nicht gestellt, aber die Partie zwischen den Beinen spricht für Frau. Die Bewaffnung aber für Mann. Der Krieger trägt eine Axt vor der Brust und ein Schwert in der Hand. Beide sind nur als Relief angedeutet. An der Seite, an der Stele, an der er steht, befindet sich außerdem noch eine Lanze.

Die zweite Diskussion betrifft eine runde Platte, die er, eher mittig, oben an der Brust hat. Sie ist mit Bändern, die über die Schulter nach hinten laufen, befestigt. Frage: Schmuck oder Schutz? Schutz passt besser zu der kriegerischen Ausstattung, aber warum ist die Platte dann da angebracht? Sollte sie nicht besser direkt über dem Herzen liegen? Wir diskutieren sehr kontrovers, ob man die genaue Lage des Herzens damals schon kannte.

Nach einer kleinen Pause gelangen wir zu dem Flughafen von Pescara. Er heißt Aeroporto d’Abruzzo. Die Abruzzen sind im Italienischen Singular. Kleine, schöne Einsicht am Ende einer lohnenswerten Reise.

 

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