Hohes Gericht!

Ein paar herausfordernde Gedanken zur christlichen Religion (Fischer, Thomas: “Das Jüngste Gericht”, in: Die Zeit 53/2017: 12)

- Die Vertreibung aus dem Paradies und die Sintflut waren als Strafen unverhältnismäßig angesichts der begangenen “Sünden”. Ein bisschen Hurerei, und schon fällt Feuer vom Himmel.

- Viele Götter zu haben machte manches einfacher: eine(r) für die Krätze, eine(r) für die Ernte, eine(r) für die Jagd, eine(r) für die Fruchtbarkeit usw. Da weiß man, wo man dran ist und an wen man sich wenden muss. So konnte ich sicherstellen (oder wenigstens sicherstellen, alles getan zu haben), dass das Unglück ausbleibt, das Glück kommt, dass ich nicht hungrig, sondern satt bin. Dann kam die jüdische Religion und erklärte all diese Götter zum Teufelswerk. Das Christentum musste sie erst in Form von Engeln und Heiligen wieder heimlich importieren.

- Religion ist, wenn der Mensch sich fürchtet. Die Furcht ist Ursache und Ergebnis der Religion.

Wenn Gott mit Wundern und Katastrophen auf der Welt für Ordnung und Gerechtigkeit sorgt, dann muss man sagen, dass er das ohne großen Erfolg tut. Mangelnder Anbetungseifer kann vielleicht für eine Seuche oder Hungersnot verantwortlich gemacht werden, solange ich mit Schafherden über die Ebenen ziehe, aber nicht für Sklaverei, Krieg und Pest, für die Einteilung der Welt in Eigentümer und Habenichtse. Da kommt dann das Jüngste Gericht ins Spiel. Da wird für Gerechtigkeit gesorgt.

- Es wird zweimal Gericht gehalten über uns, nach unserem Tod und am Ende der Zeiten. Es gibt das Partikulargericht und das Jüngste Gericht. Wie das eine im Verhältnis zum anderen steht, ist nicht klar. Werden die vorläufig Verdammten dann endgültig verdammt? Und was geschieht mit ihnen bis dahin? Soll man sich das Partikulargericht so vorstellen, dass eine Zwischenlösung gefunden werden muss (eine Zwischenlösung für immerhin 206.000 Kandidaten täglich)? Und wo werden die zwischengelagert? Beim Jüngsten Gericht wird dann endgültig geschieden in Gut und Böse. Aber: nach welchen Kriterien? Die Gesetzestafeln, die Moses erhielt, sind nichts als allgemeine Grundregeln. Sie geben keine Auskunft darüber, in welchem Stadium man abtreiben darf, was unter Notwehr zu verstehen ist oder ob “humanitäre” Bundeswehreinsätze zu vertreten sind.

- Beim Jüngsten Gericht ist Gott Ankläger, Zeuge, Sachverständiger und Richter in einem. Und Vollstrecker. Das Verfahren flößt kein großes Vertrauen ein. Warum kann man sich nicht verteidigen? Oder von Experten verteidigen lassen?

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