29. Dezember (Montag)
La Paz ist die höchstgelegene Hauptstadt der Welt. Stimmt nicht! Sagen die, die es besser wissen. Warum nicht? Weil La Paz nicht die Hauptstadt Boliviens ist. Das ist nämlich Sucre. Jedenfalls de jure. De facto ist La Paz aber doch die Hauptstadt, jedenfalls ist es der Regierungssitz. Und auf jeden Fall ist es hochgelegen: 3.650 Meter.
Um gewappnet zu sein, kaue ich schon auf der Hinfahrt Koka-Blätter. Ob’s zu etwas gut ist, weiß ich nicht. Was ich aber weiß: Das Zeug schmeckt scheußlich.
Schon vor der Grenze machen wir mitten auf der Strecke irgendwo unvermittelt Halt. Hier gibt es eine Wechselstube. Wie praktisch. Und außerdem auf dem Hinterhof ein ganz ordentliches WC. Hier auf dem Hinterhof stehen ein paar Lamas herum, die uns friedlich und gleichzeitig neugierig ansehen.
Obwohl fast alle wechseln wollen, geht es hier wie am Schnürchen, ohne Formulare und Ausweise. Ich bekomme sogar mein Kleingeld gewechselt. Am Ende bekomme ich 170 Bolivianos. Als Faustregel habe ich mir 1:10 zurechtgelegt, das rechnet sich einfach. Sind demnach 17 €.
Auf den Geldscheinen wie auf den Münzen steht Estado Plurinacional de Bolivia. Darauf wird Wert gelegt. Auf einem der Geldscheine erscheint Sucre, der Namensgeber der Stadt.
Es geht weiter, und die Gegend bleibt ländlich. Auf den Wiesen stehen viele Kühe und Esel, vor allem aber Schafe.
Dann wird es städtisch und wir fahren in einen von hohen Mauern umgebenen Hof. Hier ist die Grenzkontrolle.
Glücklicherweise kontrollieren hier sowohl die peruanische als auch die bolivianische Seite, aber das bedeutet nicht, dass es schnell vorangeht. Wir müssen unser gesamtes Gepäck aus dem Bus holen und vor dem Gebäude warten. Da sind erst noch andere dran. Gott sei Dank regnet es nicht.
Dann geht es endlich weiter, ins Gebäude rein. Bei der peruanischen Seite sind nur zwei Schalter besetzt, aber an einem davon geht es gar nicht weiter. An dem steht eine Frau aus Nordkorea! Mittels eines Dolmetschers verhandelt sie mit der Frau hinter dem Schalter.
Wenn man einmal dran ist, geht es ruckzuck. Dann kommt die bolivianische Seite. Hier gibt es nur einen Schalter. Krampfhaft halte ich mein im letzten Moment im Internet ergattertes Ticket für die Ausreise aus Bolivien in der Hand, und dann wird gar nicht danach gefragt.
Dann kommt die nächste Schlange. Hier wird ein Einreiseformular überprüft. Das gibt es aber nur elektronisch, und da ich kein Internet habe, konnte ich es im Bus nicht ausfüllen. Jetzt muss es im Stehen in der Schlange ausgefüllt werden. Der uniformierte Mann aus dem Bus hilft mir. Er wählt mich hier in das Netz der Grenzkontrolle ein. Dann wandert das Handy immer zwischen ihm und mir hin und her, mal gibt er Daten ein, mal ich. Die Nummer meines Reisepasses kann ich inzwischen auswendig. Aber mein Geburtsdatum nimmt das Formular nicht an. Der Mann ist hilfsbereit, aber nicht sehr geduldig. Ob ich noch nie durch eine Grenzkontrolle gegangen sei, will er wissen.
Am Ende klappt es dann doch. Jetzt müssen wir nur noch durch die Gepäckkontrolle.
Bei der Weiterfahrt wird klar, dass die Straßen in Bolivien eher schlechter sind als in den Nachbarländern. Trotzdem kommen wir gut voran. Der Himmel zieht sich immer weiter zu, und es fängt an zu regnen.
Dann kommt eine Stadt in Sicht, die so groß ist, dass es nur La Paz sein kann. Wir sind eine Stunde früher da, als ich gedacht habe. Bolivien ist nämlich eine Stunde weiter.
Es schüttet aus allen Kanälen. Dunkle Wolken über uns, ganz hinten ein weißer Streifen, durch den helles Licht sich seinen Weg bahnt.
Als der Bus ein Wendemanöver macht, um in den Busbahnhof einzubiegen, sehe ich oben an dem Gebäude zu meiner Seite Cervecería Nacional de Bolivia. Das ist das erste, was ich von La Paz zu sehen bekomme.
Der Busbahnhof ist in einer großen Halle mit Glasdach untergebracht. Hier geht es sehr geschäftig zu, und laut.
Ich suche ein WC und kaufe dann an einem Stand einen Kaffee und ein Brötchen. Als ich gerade sitze, spricht mich ein Mann an, auf Englisch. Er wolle einfach nur ein Schwätzchen halten. Es stellt sich heraus, dass er Argentinier ist, aus Buenos Aires. Und Deutsch kann! Wir unterhalten uns auf Deutsch weiter, und ich erzähle von meiner argentinischen Freundin in der Heimat und von der argentinischen Freundin aus Jujuy und von den Freunden aus Buenos Aires. Verrückter Zufall. Sein Deutsch ist gut, manchmal rutscht ihm auch etwas auf Französisch raus.
Er sagt mir, ich solle die offiziellen Taxis draußen direkt vor dem Eingang nehmen. Die haben einen eigenen Halteplatz. Und auf den Wagen steht eine Telefonnummer, und daneben steht Terminal.
Dort bekomme ich ein Taxi. Es geht nach Sopocachi. Das liegt etwas außerhalb, weiter vom Zentrum entfernt, als ich dachte. Erst geht es durch den engen Innenstadtverkehr, dann wird es ganz ruhig. Vorsichtshalber hupt der Fahrer aber an jeder Kreuzung. Er kündigt sein Kommen an.
In Sopocachi ist er sich nicht ganz sicher, welches das richtige Haus ist, und am Ende setzt er mich vor dem falschen Haus ab, mit der Begründung, das sei das einzige sechsstöckige in der Gegend. Stimmt nicht. Um die Ecke ist noch eins. Das ist meins.
Der Vermieter hat den Portier eingeweiht und jetzt gerade noch mal mein Kommen angekündigt. Und prompt erscheint der auch auf der Treppe und macht das Gitter auf.
Hier geht alles mit einer elektronischen Karte. Der Portier erklärt mir, wie ich die beim Rausgehen und wie ich die beim Reingehen und wie ich die im Aufzug einsetzen muss.
Oben vor der Wohnung ist ein Schlüsselkästchen. Mit denen habe ich immer meine liebe Mühe und Not. Aber der Portier hilft mir.
Jetzt gibt es nur noch ein Problem. Es gibt zwei Türen, die man öffnen muss, eine eiserne und eine hölzerne, aber nur einen Schlüssel. Die Erklärung: Die erste Tür ist nicht abgeschlossen.
Das Apartment, das eigentlich nur meine zweite Wahl war und auch etwas außerhalb liegt, lässt keine Wünsche offen: zwei Schlafzimmer, zwei Badezimmer, eine voll eingerichtete Küche, ein geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer, eine Waschmaschine und ein richtiger, großer, stabiler Schreibtisch.
Direkt vom Schreibtisch aus sieht man die Gondeln von Mi Teleférico durch die Luft schweben, die gelbe Linie. Mi Teleférico ist eine geniale Erfindung, eine originelle Maßnahme zur Entlastung des Verkehrs der Innenstadt und zur Anbindung der Höhenstadtteile an die Innenstadt. Stammt aus der Zeit von Evo Morales. Inzwischen gibt es sechs Linien, jede durch eine andere Farbe markiert.
Ich ordne meine Sachen und mache Kassensturz: 1 Boliviano fürs WC, 15 für Kaffee und Brötchen, 30 fürs Taxi, macht 46. Knapp 5 Euro.
Da ist noch ein bisschen übrig. Ich drehe eine Runde durch dieses auffallend ruhige Viertel, entdecke ein Lädchen und bekomme ein paar Kleinigkeiten, mit denen ich die Zeit bis morgen früh überbrücken kann.
30. Dezember (Dienstag)
Am Morgen frage ich mich als erstes zur Seilbahn durch. Meine Station heißt Sopocachi, wie das Viertel. Die Frau am Schalter ist sehr freundlich. Für das wenige Geld, das ich noch habe, bekomme ich eine Karte, die man aufladen kann, und ein paar Fahrten.
Von hier aus kann man rauf und runter fahren. Ich fahre erst einmal rauf. Die Haltestelle ganz oben heißt Mirador. Hört sich vielversprechend an.
Sowohl von der Seilbahn aus als auch von oben kann man sehen, wie groß La Paz ist. Und wie unglaublich dicht besiedelt. Zuerst fahren wir über die Hochhäuser des Viertels, dann kommt ein riesiges Viertel mit roten Backsteinbauten. Die Häuser stehen so dicht beieinander, dass man die Straßen dazwischen kaum sieht.
Völlig im Kontrast dazu links von uns eine ganz bizarre Felsformation. Man hat den Eindruck, irgendwo draußen in der Wildnis zu sein und nicht in der Stadt. Ob das vielleicht das Valle de la Luna ist, von dem man auch in den Reiseführern liest?
Nach dem roten Viertel kommt ein Felsen, dann noch ein rotes Viertel, dann verflacht sich die Fahrt und wir kommen an der nächsten Station an, Buenos Aires.
Die Seilbahn ist einfach großartig: unabhängig vom Verkehr, schnell und bequem, billig (auch für Bolivianer, vermutlich), transportiert eine Unzahl von Passagieren, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, und sie läuft an den Stationen weiter, verlangsamt die Fahrt, so dass man ein- und aussteigen kann, aber bleibt nicht stehen, so ähnlich wie ein Paternoster. Wartezeit höchstens ein paar Sekunden. Um die Sache zu vervollständigen, entdecke ich nachher noch, dass die Gondeln der neueren Linien sogar hinten und vorne ein Solarmodul haben!
Oben angekommen, sehe ich mich nach dem Mirador um, finde aber keinen. Der Blick hinunter in die Stadt wird von den Häusern hier oben verstellt.
Sobald man aus der hochmodernen Seilbahnstation herauskommt, gelangt man in ein normales Wohnviertel. Hier gibt es kleine Garküchen, und die Leute sitzen, von streunenden Hunden umgeben, auf Mauervorsprüngen und löffeln ihre Suppe.
Ich frage nach dem Mirador, und ein Mann sagt mir, ich solle die Stufen runter gehen. Da kann man tatsächlich besser sehen, bis zu den Bergen, die die Stadt nach hinten begrenzen. Welcher davon der Illimani ist, von dem alle reden, kann ich nicht feststellen, sie sehen alle gleich aus, und die Gipfel liegen unter den Wolken verborgen.
Lange halte ich es hier nicht aus angesichts der feindseligen Hunde und des Mannes, der für meine Furcht vor ihnen nur ein herablassendes Lächeln übrig hat.
Ich fahre runter, an Sopocachi vorbei ganz nach unten, nach Libertador. Dabei fällt mir auf, dass der spanische oder hispanisierte Name der Stationen in kleineren Buchstaben unter den indianischen Namen steht: Supu Kachi – Sopocachi, Quta Uma – Buenos Aires, Chuqui Apu – Libertador.
Die Sonne kommt ein bisschen raus und lässt die Häuser unter uns glänzen. An einer Begrenzungsmauer steht mit großen Buchstaben LA PAZ.
Die Frauen, die mir gegenüber sitzen, sprechen von der Vergänglichkeit alles Irdischen: „¿De qué me valen mis joyas?“. Wir würden alle ohne alles gehen, nackt, so, wie wir auf die Welt gekommen sind.
Nach dem Ausstieg beim Libertador stehe ich etwas verloren in der Gegend herum. Vom Zentrum ist hier nichts zu sehen. Fürs Taxi reicht mein Geld nicht mehr. Und zu Fuß, erfahre ich, ist es zu weit.
Aber dann entdecke ich einen Geldautomaten. Funktioniert! Ich gehe zu den Taxifahrern, erfahre aber, dass die nicht ins Zentrum reinfahren dürfen. Ich solle die Seilbahn nehmen, die Línea Azul. Die bringe mich ins Zentrum. Erst bin ich etwas verwirrt, denn die Línea Azul ist zwar wirklich blau, heißt aber Celeste.
Die nehme ich und fahre bis zur Endstation, Prado. Hier bin ich richtig. Es sieht großstädtisch aus. Hochhäuser, viel Betrieb auf den Straßen, Geschäfte und Verkaufsstände auf den Bürgersteigen. Als ich dann irgendwo eine Statue von Simón Bolívar sehe, bin ich mir sicher, dass ich richtig bin.
Dann komme ich an dem Denkmal für den Unbekannten Soldaten vorbei, einer Bronzefigur. Der Soldat, mit muskulösem Körper, liegt mit dem Kopf nach unten auf dem Boden, sein Gewehr, das er nicht mehr abdrücken konnte, in der Hand. Das Denkmal erinnert an den Chaco-Krieg, La Guerra del Chaco, zwischen Bolivien und Paraguay, den das als unterlegen geltende Paraguay gewann. Es ging, wie bei so vielen Kriegen zwischen den unabhängigen Ländern Lateinamerikas, um Gebietsansprüche.
Weiter geht’s. Mir ist nach einem Kaffee zumute, aber mit Cafés haben es die Bolivianer nicht so. Dafür sehe ich in einer Passage einen Hinweis auf eine Wechselstube. Ich gehe rein, kann sie aber nicht finden. Wo ist denn hier die Wechselstube? Da! Wo, da? Da vorne! Der Mann zeigt auf ein Nagelstudio. In dessen Hinterstübchen befindet sich die Wechselstube. Hier geht es ruckzuck. In dem Nagelstudio sind neun von zehn Tischen besetzt, und die Frauen werden alle gleichzeitig bedient.
Ich frage mich nach San Francisco durch. Immer geradeaus. Und dann taucht das Kloster mit seiner barocken Fassade auch unvermittelt auf, mitten zwischen den modernen Hochhäusern.
Ich will nur unverbindlich nachfragen wegen der Öffnungszeiten. Will mich vergewissern, ob das stimmt, was ich in einem Reiseführer gelesen habe, dass nämlich in La Paz zwischen Weihnachten und Dreikönig alles geschlossen ist. Das stimmt Gott sei Dank nicht.
Mein nächstes Ziel ist das Museo Etnográfico. Auch hier will ich nur nach den Öffnungszeiten fragen. Aber das scheint geschlossen zu sein. Dann öffnet sich die Tür einen Spalt breit und eine Frau lässt mich rein. Aber das ist doch eine Garage, kein Museum. Muss ein Missverständnis sein. Nein, nein, dies ist das Museum, der Nebeneingang. Am Haupteingang auf der anderen Seite des Gebäudes zieht eine lautstarke Demonstration vorbei. Da will man auf Nummer Sicher gehen.
Auch hier gibt es eine erfreuliche Auskunft: nur am 1. und 2. Januar geschlossen. Auch hier will man mich, wie in San Francisco, gar nicht gehen lassen. Ich solle doch jetzt das Museum besichtigen. Habe aber für heute ein anderes im Sinn.
Zuerst sehe oder besser höre ich mir aber die Demo an. Ein Mann mit Flüstertüte gibt die Parolen vor, die Teilnehmer wiederholen sie lautstark. Für die Rechte der Arbeitnehmer wird eingetreten und gegen die rechte Regierung.
Als ich die schmale Straße wieder runtergehe, finde ich tatsächlich eine Imbissbude, in der ich einen Kaffee bekommen kann. Es ist nur ein Annex eines Fast-Food-Lokals, dessen Räume man aber benutzen kann. Bestellen und bezahlen soll man aber hier draußen. Ich nehme zum Kaffee ein Gebäck mit mehreren Schichten Blätterteig und Buttercreme dazwischen. Es heißt Napoleon.
Dann erkundige ich mich nach dem Museo de la Coca. Das will ich mir keinesfalls entgehen lassen. Ich muss wieder an San Francisco vorbei und komme dann in mehrere, hübsch geschmückte schmale Straßen, die ganz und gar dem Tourismus gewidmet sind. Reiseveranstalter, Lokale, Souvenirgeschäfte, im regelmäßigen Turnus.
Durch einen Torbogen geht es über Kopfsteinpflaster in einen kleinen Innenhof und hier, etwas verborgen, befindet sich das Museo de la Coca. Und es hat geöffnet! Der Mann am Empfang sagt mir aber, sie machten gleich Mittagspause, ich solle lieber später wiederkommen. In Ordnung.
In der Zwischenzeit sehe ich mir die Geschäfte und ihre Auslagen an. Glücklicherweise wird man hier fast nirgendwo angesprochen, außer vor ein paar Lokalen, und auch da nicht aufdringlich.
Vor den Geschäften weitere Verkaufsstände. Die meisten haben Kleidung im Angebot, und zwar Kleidung für kalte Tage, Mützen, Handschuhe, Schals, Pullover. Die Verkäuferinnen sitzen auf einem Schemel vor dem Verkaufsstand, das Strickzeug in der Hand. Hier ist es sogar ein Mann, der strickt.
Ich mache Pause in einem Lokal und bestelle ein Sandwich Boliviano, mit Tomaten, Zwiebeln, Avocado und Käse, alles ganz kleingeschnitten. Dazu, als Vorbereitung aufs Museum, einen Mate de Coca, einen Tee mit Kokablättern.
Auf der Speisekarte stehen ein Plato Paceño und eine Cerveza Paceña. Ich stehe auf der Leitung. Was kann das nur sein? Dann geht mir ein Licht auf: Paceño ist das Adjektiv zu La Paz!
Dann ist es soweit. Das Museo de la Coca hat auf. Es ist ein kleines Museum, und man muss viel lesen, aber es ist sehr aufschlussreich.
Es gibt archäologische Nachweise, dass schon vor 8.000 Jahren in dieser Gegend Koka konsumiert wurde. Die ersten europäischen Kommentare kommen von Kolumbus (der das Kauen der Kokablätter unappetitlich fand), Amerigo Vespucci und Garcilaso de la Vega. Seit der Aufklärung wurde die Kokapflanze dann wissenschaftlich beschrieben und klassifiziert, von Lamarck, Mariani und Niemann. Freud experimentierte mit dem Kokain, weil er sich in andere Bewusstseinszustände versetzen wollte, und Sherlock Holmes war ein passionierter Kokainkonsument. Half ihm offensichtlich, die Fälle aufzuklären.
Vom Consejo Eclesiástico wurde das Kauen der Kokablätter zwischenzeitlich verboten, aber in Potosí – das damals größer als London oder Paris war – erlebte es in den Silberminen einen unglaublichen Boom, und von der WHO wurde es in unserer Zeit als definitiv nicht gesundheitsgefährdend eingestuft. Im Gegenteil: Viele Inhaltstoffe, Vitamine, Jod, Eisen oder Magnesium, gelten als gesundheitsfördernd.
Die Kokapflanze wird in Bolivien vor allem in den Yungas angebaut, dem Übergang zwischen Hochland und Amazonas. Auf Photos sieht man grüne Hänge und Felder, auf denen die Pflanze wächst. Es heißt, sie sei sehr unempfindlich, wachse auch auf unfruchtbarem Boden und ertrage Trockenheit.
Auf weiteren Bildern sieht man, wie die Pflanze draußen an der freien Luft getrocknet wird. Erinnert an den Kakao, aber das Trocknen dauert hier nur 12 Stunden.
Auf einer Karte sieht man, welche prä-inkaischen Völker schon Koka konsumierten, insgesamt 24, von Kolumbien bis Bolivien, darunter die Nazca, Chavín, Urus und Paracas.
Beeindruckend, wie viele Funktionen Koka hatte, soziale, rituelle, wirtschaftliche, medizinische.
Bei den Indios gab es zwei Erkennungszeichen für den Herrscher, einen Stab und einen Beutel mit Kokablättern. Bei Verhandlungen wurde es anfangs als Zeichen des guten Willens angeboten und später zur Feier des Geschäftsabschlusses. Bei der Brautwerbung wurde es als Geschenk überreicht, worauf es als Gegenleistung die Mitgift gab. Das Paar blieb auf Probe zusammen, die Hochzeit wurde erst begangen, wenn das erste Kind da war. In vielen Gesellschaften wurde Koka als Ersatzwährung genutzt oder als Entsprechung zu Münzen. In der Vorstellungswelt der Indios wurde Koka schon im ersten Erdzeitalter angebaut. Koka wurde den Göttern zur Beschwichtigung geopfert bei Dürren, Überschwemmungen oder Frost. Koka wurde der Pachamama bei der Bitte um Fruchtbarkeit überreicht. Die Indios glaubten, Koka wisse alles, aber ihr Wissen zu entziffern, war den curanderos überlassen, den Schamanen, Medizinmännern, Wunderheilern. Die Kokablätter hatten ihre eigene Sprache, ihre spezifische Form hatte eine spezifische Bedeutung. Hier sieht man Blätter ausgestellt, die Zwietracht, Krankheit, Tod, Familie, Glück, Reise bedeuten. Dem K’Intu, einem Ritus, zufolge, wurde Koka zu Beginn der Arbeit und nach dem Essen konsumiert. Es nicht anzunehmen, war sozial inakzeptabel. Beim Tari de Coca wurden Kokablätter in ein Tuch geschüttet, und die Form, wie sie gefallen waren, wurde von Wahrsagern interpretiert. Außer gegen die Höhenübelkeit wurde Koka gegen Hunger, Erschöpfung, Verstopfung, Zahnschmerzen und Menstruationsschmerzen eingesetzt und sowohl als Betäubungsmittel als auch als Stimulanz. Eine Pflanze, die förmlich Wunder wirken kann!
So erscheint sie auch auf den Werbeplakaten, die hier ausgestellt sind, meist aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Hier gibt es Koka als Dragees, Koka als Wein, Koka als Zigaretten, Koka als Tropfen und natürlich Coca-Cola.
In der letzten Abteilung geht es um die Droge Kokain. Anhand von Bildern, Zahlen und Objekten wird dargestellt, wie aus der (kokainhaltigen) Kokapflanze die Droge Kokain wird. Zuerst wird aus den Kokablättern unter Zugabe von Wasser, Kerosin und Benzin die Koka-Paste hergestellt, und die wird dann mit Stoffen wie Karbonat, Zement, Lauge und Schwefelsäure angereichert.
Man braucht mehrere Kilo Kokablätter, um ein Kilo Kokain herzustellen, aber es lohnt sich. Der Preis für ein Kilo Kokablätter liegt bei 10 $, der Preis für ein Kilo Kokain liegt bei 3.000 $.
Die Drogenmafia versucht, den Handel in zweierlei Hinsicht auszudehnen: mehr Konsum pro Person und mehr Länder. Auch Asien und Afrika sind inzwischen Zielländer.
Die Mafia engagiert vornehmlich perspektivlose junge Leute aus den Armutsvierteln für den Drogenhandel. Für die ist das oft die einzige Chance.
40% der Droge Kokain wird in den USA konsumiert, und die bedrängen die Herstellerländer, ihre Kokaplantagen zu vernichten. Die Kokaplantagen vernichten, weil man aus Koka eine Droge machen kann, ist, wie es hier heißt, wie Weinberge und Kartoffelfelder vernichten, weil man aus Trauben und Kartoffeln Wein und Schnaps machen kann.
Auf dem Rückweg zur Seilbahn komme ich an einer Reiterstatue von Sucre vorbei und dann an dem Denkmal eines bürgerlich aussehenden, gemütlich wirkenden, nicht gerade gertenschlanken Mannes, der auf einem Sofa sitzt. Originelles Denkmal. Wer das ist, weiß man nicht, und kann es auch gar nicht wissen. Denn der Mann stellt keine bestimmte Persönlichkeit dar. Das Denkmal lädt dazu ein, sich neben den Mann zu setzen oder hinter ihn zu stellen. Es soll den Wert der Freundschaft darstellen.
Auf der Straße kommen einem immer wieder alte Männer entgegen, die kleine Netze mit Zitronen zum Verkauf anbieten. Und auf dem Boden sitzen Bettler, meistens Bettlerinnen.
Als Kontrast zu ihnen stehen vor den Nagelstudios junge Frauen mit Plakaten, die die verschiedenen Dienstleitungen anbieten.
In einem Imbissladen gibt es Pizza Cono, ein gedrehtes Stück Pizza, das in einer trichterförmigen Tüte serviert wird.
Ich komme am Ministerio de Justicia und am Ministerio de Salud y Deporte vorbei (das macht bei uns der Innenminister), beide in unscheinbaren Gebäuden untergebracht, und dann an dem in einem modernen, originellen Hochhaus untergebrachten Ministerio de Economía y Finanzas. Das besorgt hier ein Minister gleichzeitig. Erinnert entfernt an unsere „Superminister“, die zwei Ministerien in Personalunion betreuten, Schmidt und Clement.
Als ich wieder zu Hause ankomme, fällt das vorläufige Fazit zu La Paz so aus: nicht schön, aber interessant. Und anstrengend.
31. Dezember (Mittwoch)
Edith Piaf wurde im Alter von zwei Jahren von ihrer Mutter, die Straßensängerin war, im Stich gelassen. Ihr Vater, der in einem Straßenzirkus als Schlangenmensch auftrat, gab sie zu seiner Schwiegermutter, die einen Flohzirkus betrieb und sich nicht um das Kind kümmerte. Daraufhin gab der Vater sie zu seiner eigenen Mutter, die ein Bordell betrieb. Die Prostituierten kümmerten sich wenigstens um das Mädchen. Später tingelte sie mit ihrem Vater durch die Gegend. Oft mussten sie abends in Hauseingängen schlafen, ohne gegessen zu haben. Dann wurde sie entdeckt und schnell berühmt. Als ihr Entdecker ermordet wurde, wurde sie der Mitwisserschaft beschuldigt. Sie hatte zahlreiche Liebhaber, aber die große Liebe ihres Lebens war ein amerikanischer Boxer. Der kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Ihre Lieder widmete sie der umstrittenen französischen Fremdenlegion, und im Krieg umgab sie sich mit deutschen Soldaten im besetzten Frankreich. Nach dem Krieg wurde sie der Kollaboration mit dem Feind bezichtigt. Ihre Karriere ging weiter, aber sie litt unter Arthritis und nahm Morphium, um die Schmerzen zu lindern. Sie wurde vom Morphium abhängig. Dann brach sie auf der Bühne zusammen. Die Ärzte diagnostizierten Krebs. Sie ging doch noch mal auf die Bühne zurück und feierte Erfolge im Olympia. Mit 47 Jahren starb sie. Was für ein Leben! Da muss man schon Charakter haben, um Je ne regrette rien zu sagen.
Als ich am Morgen aus dem Fenster sehe, stehen die Gondeln der Seilbahn noch still. Erst um 6.30 geht es los.
Strahlender Sonnenschein, als ich aus dem Haus gehe, und ein fast wolkenloser Himmel. Es ist auch längst nicht so kalt wie gestern.
Diesmal gehe ich weiter runter, an der Seilbahnstation vorbei zur Plaza de España. In der Mitte auf einem Sockel die Statue von Cervantes, mit Gehrock und Halskrause, mit Schriftrolle und Degen. Ergibt im Gegenlicht ein schönes Photo.
Der Supermarkt, der hier sein soll, versteckt sich und sieht von außen etwas mickrig aus. Aber es gibt alles, was man braucht. Ein freundlicher Verkäufer führt mich durch die engen Gänge, damit ich alles finde.
Als ich an der Kasse stehe, trägt ein Mann auf seiner Schulter einen ganzen Schweinrücken herein.
Am Ende kommt eine ordentliche Rechnung zusammen. Die Hygieneartikel schlagen zu Buche.
Draußen kaufe ich an einem Stand noch Weintrauben und Kirschen.
Auf dem Rückweg steht an einer Häuserwand ein säuberlich geschriebenes Zitat von Bolívar. Da sagt er, dass die Einheit Amerikas kein Hirngespinst der Völker sei, sondern vom Schicksal vorgezeichnet. So kann man sich täuschen.
Auf dem Weg nach Hause mit der Einkaufstasche komme ich ordentlich aus der Puste. Ob es an dem steilen Anstieg liegt? Oder an der Höhe? Oder an beidem?
Als ich später mit der Seilbahn in die Innenstadt fahre, sehe ich an einer der Stationen den Namen Doppelmayr. Das muss der Name des österreichischen Unternehmens sein, das die Seilbahn gebaut hat, genauso wie die in Medellín. Die funktioniert nämlich genauso, hat aber nur eine Linie. Was ich im Leben nicht vermutet hätte, jetzt aber aus einschlägiger Quelle erfahren konnte: Doppelmayr hat auch die Seilbahn für die Bundesgartenschau in Koblenz gebaut!
Wir fahren über ein Basketballfeld mit der bolivianischen Nationalflagge am Zaun. Rot – Gelb – Grün. Schöne Farbkombination.
Die vielen roten Häuser an den Hängen in der Ferne sehen wie Bauklötze aus.
Unten, als es auf den Libertador zugeht, stehen mehr Hochhäuser. Unter denen stechen zwei hervor. Eins, ein hoher schlanker Quader in elegantem Schwarz und Weiß, und sein Gegenstück mit unregelmäßig auf die ganze Fassade verteilten Bauklötzen in Gelb, Blau, Rot und Weiß. Der Architekt muss früher mit Lego gespielt haben.
Dann geht es mit der Línea Celeste Richtung Prado. Hier kreuzt sich unser Weg mit dem der Línea Plateada. Die fährt über uns her. Auf dem Boden der Gondeln steht Werbung für Coca-Cola.
Auf der 16 de Julio, das ist die große Straße, die ins Zentrum führt, steht vor einem Amtsgebäude wieder so eine lange Schlange. Was machen die Menschen am Silvestermorgen wohl hier?
Am Rand sitzt ein älteres Ehepaar und macht eintönige Musik, mit einer Trommel und einer Rassel.
In einem modernen Café, dem Punto & Coma, mache ich Halt und bestelle ein Sandwich und einen Kaffee. Das, was hier sandwich heißt, ist ein getoastetes Brot. Mit Tomaten und Avocado.
Als ich sitze, sehe ich, dass es auch ein Sandwich Alemán gibt. Mit Wurst, Sauerkraut, Hüttenkäse, Gurken, Senf und Mayonnaise.
Um Punkt 10 Uhr stehe ich vor San Francisco. Und prompt geht das breite Portal auf.
Ich zahle meinen Eintritt und werde ich den Kreuzgang geschickt. Sehr schön, mit Arkaden in beiden Stockwerken. Aber hier stimmt was nicht. Auf der gegenüberliegenden Seite eine durchgehende Wand, die viel moderner aussieht. Die stammt wohl dem Umbau des Klosters nach der Revolution.
An den Pfeilern des Kreuzgangs sieht man Einkerbungen im Stein. Die kommen aus der Revolutionszeit, als der Kreuzgang als Pferdestall genutzt wurde. An den Pfeilern waren die Pferde angebunden, und die Einkerbungen kommen von den Stricken, mit denen sie hier angebunden waren.
Wir sind nur zu zweit. Außer mir eine Frau, die aus La Paz stammt, aber in Brasilien, in Bahia, lebt.
Der junge Führer spricht seinen Text routiniert runter, aber was er zu sagen hat, ist hochinteressant.
Schon um diese Zeit wird draußen so laut geböllert, dass man selbst hier oft sein eigenes Wort nicht versteht.
Zuerst sehen wir uns einen Saal mit religiösen Kunstwerken an, meist Darstellungen aus der Passion. Es sind drei verschiedene Schulen vertreten, die aus Cuzco, die aus Potosí, die aus La Paz. Man kann aufgrund der Erklärungen tatsächlich die Unterschiede erkennen, dunkel gegenüber hell, viele Figuren gegenüber wenigen Figuren, viele „Gleichwertige“ gegenüber einem Protagonisten. In einer Schule malte der Meister nur den Christus und überließ den Schülern die Nebenfiguren, und das kann man tatsächlich an der Qualität der Darstellungen erkennen.
Besonders interessant einige Details: In einem Gemälde sind am Rande viele Gegenstände abgebildet, die etwas mit der Passion oder der christlichen Lehre zu tun haben, wie die Marterwerkzeuge. Das liegt daran, dass die Gemälde im Unterricht verwandt wurden und die Abbildungen die Erklärungen unterstützten.
Bei einigen Bildern sind auch amerikanische Gegenstände in die Passion eingewandert, wie die Chulpa, eigentlich eine Tasche zum Aufbewahren von Kokablättern, hier zum Aufbewahren eines Messers, mit dem Christus Wunden zugefügt wurden.
Für die Farben wurde der Saft von Pflanzen benutzt, aber auch menschlicher Urin (macht die Farben dunkler!). Bei einer Geißelung ist das Blut Christi das Blut von Schafen.
Im zweiten Saal werden Szenen aus dem Leben von Franziskus dargestellt. Die ersten sehen ganz aus wie Szenen aus einem bürgerlichen Leben. Erst danach wird es „frommer“. Wir sehen die Geburt Franziskus‘, seine Umkehr (er entledigt sich seiner feinen Kleider und steht fast nackt da), seine Vision, seine Stigmatisierung, seinen Tod. Besonders beeindruckend die Szene, wie er von Mutter und Vater bestraft wird, weil er wertvolles Tuch an die Armen verschenkt hat.
Aus diesem Saal geht es in den Kreuzgang. Der ist jünger als der erste und sieht auch moderner aus. Das liegt daran, dass sein Vorgänger einmal unter Schneelasten zusammenbrach. Die Basis der alten Pfeiler hat man freigelegt.
Die Mauern rundherum sind in intensivem Blau gehalten, eher ungewöhnlich für einen Kreuzgang. Die Farbe soll eine Anspielung auf die unbefleckte Empfängnis sein.
In der Mitte ein kleiner Brunnen, und dann rundherum überall die unterschiedlichsten Pflanzen, Pfirsich, Lorbeer, Minze, Margeriten, Mohn und viele andere, alle in irgendeiner Verbindung zu Franziskus und den Franziskanern stehend.
Besonders interessant eine Blume, die Floripondio heißt, mit trompetenartigen, nach unten hängenden Blüten. Deren Farben sind Rot, Gelb und Grün, und sie gilt deshalb als Nationalblume Boliviens. Von den Franziskanern wurde sie dagegen wegen ihrer halluzinogenen Wirkung angebaut. Als Mittel gegen Schmerzen und als Mittel für Visionen.
Direkt daneben ein ganz ungewöhnlicher Baum, der Quenua. Er wächst nur in großen Höhenlagen, sogar auf über 5.000 Meter. Er hält Temperaturen bis zu -30° aus. Dazu trägt auch seine Rinde bei. Die hat verschiedene Lagen, und sie anzufühlen ist ganz witzig, wie bei einer alten Zwiebel. Man kann eine der trockenen, zerknitterten Lagen abnehmen, und eine neue kommt zum Vorschein.
Vom Kreuzgang geht es in den Weinkeller. Man sieht Krüge, Fässer und eine Kelter. Die Krüge werden außen durch Draht und Gips gestärkt, weil die austretenden Gase sie sonst brüchig machen würden.
Man produzierte süßen Wein, und zwar für drei verschiedene Zwecke, für die Eucharistie, zum Verkauf, für die Versorgung der Missionen im Osten. Heute wird der Wein weiterhin hergestellt, aber von dem zweiten Franziskaner-Orden, den Klarissen.
Aus der Maische wurde Pisco gemacht, und der wurde heiß getrunken, wegen der hier im Winter herrschenden Kälte. Im Juni wird es hier in der Regel -5° bis -10°.
Auf dem Weg zur Kapelle sehen wir in einem Raum einen Katafalk, eine Totenbahre aus Holz. Sie wurde für jeden Mönch neu gefertigt und nach der Bestattung verbrannt. Diese hier ist wohl nicht zum Einsatz gekommen.
In der Kapelle sieht man eine Bekrönung Mariens. Sie trägt außer der Krone einen Federbusch, ein schönes Beispiel für den Synkretismus der christlichen Religion in Amerika.
Daneben ein Bild mit einem ganz ungewöhnlichen Motiv: Die Himmelfahrt Josephs! Der arme Kerl wird ja sonst meistens vernachlässigt, aber hier wird er von Maria und den Engeln in den Himmel emporgehoben.
Dann erfahren wir ein ganz interessantes Detail: Die Kapelle hat ein Kreuzgewölbe, und das ist nicht nur gut für die Statik, sondern auch für den Transport von Tönen. Man kann hinten alles bestens verstehen, was vorne gesagt wird, auch in leisen Tönen. Deshalb werden die Mönche auch davor gewarnt, in der Kapelle zu tratschen oder zu stänkern.
Am Ausgang der Kapelle die kniende Figur eines Indios, aus Pappmache. Er kniet vor einer Madonna, die er selbst erschaffen hat, und zwar aus Magüey. Ein Exemplar dieser Pflanze steht gleich neben ihm.
Vom Kloster gehen wir in die Kirche, und sehen von oben, vom Westchor, in den Kirchenraum hinab, ein barocker Bau mit einer Fülle von vergoldeten Seitenaltären und dem Hauptaltar als Tusch obendrauf.
An der Rückseite des Chors erklärt unser Führer, aus welchem Stein die Kirche gebaut ist, aus Piedra Comanche, einem grauen Granitstein aus der bolivianischen Provinz. Die Steinmetze haben in jeden der von ihnen bearbeiteten Steinblöcke ihr Kennzeichen eingeritzt, eine Schlange, ein Lama, ein Gesicht.
Dazwischen ein wunderschönes Alabasterfenster. Der Führer erlaubt mir ausnahmsweise, ein Photo zu machen, obwohl das eigentlich verboten ist. Der Alabaster, erfahren wir, sorgte nicht nur für Licht, sondern auch für Wärme.
Dann kommt der abenteuerliche Aufstieg auf das Dach, über einen ganz schmalen, niedrigen Gang mit unregelmäßigen Treppenstufen. Wenn man oben ankommt, ist man erleichtert und außer Atem.
Wir stehen auf der Fläche, auf der eigentlich der zweite Kirchturm gebaut werden sollte. Dazu kam es aber nicht, aus statischen Gründen. Unter dem Boden von La Paz fließen insgesamt 300 kleinere Flüsse. Sie münden im Choqueyapu und später im Río de la Paz. Kein guter Grund für Gebäude. Deshalb, so heißt es, blieben viele Gebäude von La Paz unvollendet.
Von hier oben sieht man auf die schönen Ziegeldächer der Kirche, mit roten Hohlpfannen aus Ton, das Dach des Mittelschiffs und das Dach der Seitenschiffe.
Zur anderen Seite blickt man auf einen Platz mit Menschengewimmel hinunter und sieht in der Ferne die Kathedrale von La Paz an der Plaza Murillo. Die hab ich noch gar nicht gesehen.
Wir gehen in den Glockenturm und sehen uns die mächtigen Glocken an. Sie werden heute nur noch bei besonderen Gelegenheiten geläutet. Eine von ihnen wurde von einem Mönch in der Revolutionszeit so heftig geläutet, dass sie Risse bekam. Ein schönes Detail zum Ende einer detailreichen Führung.
Als ich wieder nach draußen komme, hat es angefangen zu regnen. Der Regen durchkreuzt meine Pläne, mir noch den Friedhof anzusehen. Macht nichts, morgen ist auch noch ein Tag.
Ich sehe mir aber noch die Kirchenfassade an, mit wunderbarer, üppiger Steinmetzarbeit und salomonischen Säulen in beiden Stockwerken. Die Steinmetzarbeiten stellen nichts Konkretes dar, sind reine Phantasiegebilde. Irgendwo lugen zwei Gesichter aus den Ranken hervor, vielleicht die Sonne. In der Mitte ein San Francisco mit ausgebreiteten Armen.
Auf dem Weg zurück zur Seilbahn kann ich an einer Kreuzung ein Photo von einem der pittoresken Busse machen. Irgendwo habe ich gelesen, dass zwischen Minibussen und Mikrobussen unterschieden wird, und sich beide außerdem noch von den Bussen unterscheiden.
Zwischen den „westlich“ gekleideten Passanten immer wieder Frauen – und nur Frauen – mit der traditionellen Kleidung, den mehrlagigen Röcken, von denen ich jetzt aus einer gut informierten Quelle erfahren habe, dass sie Polleras heißen und dass sich unter ihnen bis zu zehn Unterröcke verbergen können. Das erzeugt eine ziemlich rundliche Figur. Ergänzt werden die Polleras durch ein breites Schultertuch und der typischen Melone. Einige der Frauen sind farbenprächtig gekleidet, aber das ist nicht die Regel. Im Allgemeinen sieht die Kleidung eher ärmlich aus. Eine Ausnahme eine Frau, die ganz in elegantem Schwarz gekleidet ist, mit gestickten Mustern am Rock.
An einem Stand kaufe ich ein Schälchen kleingeschnibbeltes Obst. Die Verkäuferin hat viel Gold im Mund. Das Wechselgeld holt sie aus einer großen Tasche in ihrer Schürze.
Gleich gegenüber ein Mann, der etwas verkauft, was ich hier nicht erwartet habe: Negerküsse. Die dürfen hier auch noch so heißen: Besos de Negro.
Ein Mime am Straßenrand, ganz in Gold, stellt einen Soldaten mit Maschinengewehr dar. Unbeweglich steht er da, Gewehr im Anschlag. Als ein Passant ihm eine Münze gibt, nimmt er Haltung an und grüßt.
Zufällig komme ich an einer Touristeninformation vorbei. Der Mann gibt mir kompetent und geduldig Auskunft. Zum Valle de la Luna könne ich mit den Bussen fahren, kein Problem. Er sagt mir genau, wo ich die Busse finde und wo ich aussteigen soll.
Nach Tiahuanaco besser mit einer organisierten Tour. Warum? Bolivien befinde sich in einer Wirtschaftskrise, sagt er, es mangele vor allem an Benzin. Und bei den Bussen könne es sein, dass die nicht fahren, wenn nicht genügend Passagiere da sind, oder dass sie gar nicht fahren, weil sie kein Benzin bekommen.
Wir schwätzen noch eine Weile. Er fragt mich nach meiner Reiseroute und ob ich schon mal in Bolivien gewesen sei. Nur Tarija. Tarija? Da gerät er richtig ins Schwärmen: gutes Wetter, ruhig, und bester Wein.
Am Ende bittet er mich, etwas in das Gästebuch zu schreiben, am besten auf Deutsch. Er hat selbst mal Deutsch gelernt und heißt passenderweise Germán.
Wieder in Sopocachi fällt mein Blick auf ein Schild mit der Aufschrift Almuerzo vor einem Haus. Aber man kann gar kein Lokal erkennen. Ich gucke mal vorsichtig rein. Der Essraum ist im Keller.
Hier ist alles einfach, der Raum, die Tische, das Besteck, das Geschirr, das Essen. Aber es gibt eine leckere Gemüsesuppe und ein Stück Schweinefleisch vom Grill, für sagenhafte 16 Bolivianos.
Beim Herausgehen drücke ich der jungen Kellnerin, die die ganze Zeit so fleißig hin und hergelaufen ist, eine Münze in die Hand. Sie ist ganz verdutzt. Sie hat vermutlich noch nie Trinkgeld bekommen.
1. Januar (Donnerstag)
Heute vor 80 Jahren hielt Kaiser Hirohito seine berühmte Rede, in der er (wohl auf Druck der Amerikaner) seinem Volk gegenüber erklärte, dass er kein Gott sei. Es war das erste Mal, dass seine Untertanen seine Stimme hörten. Die meisten verstanden aber gar nicht, was er sagte, weil er in einem Hochjapanisch sprach, das den meisten von ihnen unbekannt war.
Um zum Friedhof zu kommen, muss ich gleich drei Seilbahnen nehmen, die Línea Amarilla, die Línea Plateada, die Línea Roja.
Mit der Amarilla geht es, wie am ersten Tag, rauf zum Mirador. Dort gehe ich in die Cafeteria, denn von hier aus hat man den besten Blick. Die Kellnerin zeigt mir, welcher der Berge der berühmte Illimani ist, aber ich kann ihn trotzdem nicht von den anderen unterscheiden. Schnee sehe ich auf jeden Fall nicht.
Dichte Wolken, aber die lassen der Sonne genau die Lücke, die sie braucht. Die Dächer der Häuser unten glänzen im Licht.
Mit der Plateada geht es dann noch weiter rauf. Ganz tief unten sieht man rechts die Stadt liegen. Gleichzeitig ist links auf unserer Höhe eine Kirche zu sehen und davor ein Straßenmarkt. Dann geht mir ein Licht auf: Wir sind in El Alto, einer zweiten Stadt, oder einer Stadt innerhalb der Stadt, die ihren Namen wirklich zu Recht trägt. Einige der Häuser, viele mit Wellblechdächern in verschiedenen Farben, stehen direkt am Abgrund. Von einer Felsenspitze aus sieht ein segnender Christus mit ausgebreiteten Armen auf die Stadt hinunter.
Mit der Roja geht es dann steil bergab, so steil, dass es einem fast etwas mulmig wird.
Gleich hinter dem Ausgang der Seilbahnstation führt ein kleiner Fußweg, gesäumt von Blumenläden, zum Friedhof.
Dann geht man durch die Pforte und ist auf den ersten Blick gefangen: Man steht an einem Ende eines schmalen, auf beiden Seiten von Gräbern gesäumten Ganges, dessen anderes Ende so weit weg ist, dass man es kaum sieht.
Ganz vorne rechts ein Häuschen mit einem Phantasiegemälde an der Fassade und einem pathetischen Spruch, der an, wenn ich das richtig verstehe, 50 verstorbene Frauen erinnert.
Gleich vorne rechts steht ein Priester im Ornat betend vor einem Grab, neben ihm ein Gitarrenspieler und die Angehörigen, mit ausgebreiteten Armen, eine Indio-Frau klassisch, alle anderen westlich gekleidet.
Der Friedhof, der Cementerio General de La Paz, ist in „Straßen“ aufgeteilt, die mit Zahlen und Buchstaben gekennzeichnet sind (Vía 37, Vía F). Er ist riesengroß. Man kann die Zahl der Grabstätten gar nicht abschätzen, es müssen Tausende sein. Im Internet ist von 117.000 die Rede.
Ich gehe den Gang hinunter und sehe mir die Gräber an. Auf beiden Seiten sind sie auf 4-5 Etagen übereinander „gestapelt“. Eine Familie kommt mit frischen Blumen und schleppt eine Leiter heran. An die 5. Etage kommt man vom Boden aus gar nicht heran.
An den Gräbern, die leer sind, kann man das Prinzip erkennen. Die Grabstätten gehen weit in die Wand hinein, der Sarg wird dort hineingeschoben, und nur die Kopfseite des Sargs ist die Grabstätte, die man sieht, zugemauert. In der Mauer ist der Name des Verstorbenen eingelassen. Aber den sieht man meist gar nicht, denn es gibt noch einen kleinen Mauervorsprung, oft mit einer Glasplatte abgeschlossen, auf dem die Angehörigen Blumen deponieren und Gegenstände, die an den Toten erinnern. Oben über der Glasplatte steht, wer der Tote ist: Papí Adán – Querida Mamita, Querida Esposa, Mi Rosita, oder – origineller Querida Gordita, Muñeca Parlante.
Hinter dem Glas künstliche Blumen, vor dem Glas aber an vielen Gräbern auch frische Blumen.
Neben den Blumen hinter dem Glas Photos des Verstorbenen, Bibelzitate, Trostsprüche – Wir sehen uns wieder, Du wirst immer bei uns sein – Christusfiguren. Vor allem aber Alltagsgegenstände, in Miniatur, die an den Verstorbenen erinnern: Schokoriegel, Luftballons mit Abbildern, Streichholzschachteln, Schnapsgläschen, Engel, die die Flügel bewegen, eine Sonne, die die Augen hin und her bewegt, ein Fußballtrikot, Panettone-Kartons, Schneemänner, Likörflaschen, Bierdosen, Spielzeugautos, eine Mokka-Tasse, Blumen, die winken, eine Narrenkappe und – immer wieder – Coca-Cola-Flaschen. Das ist alles unglaublich kitschig, aber gleichzeitig irgendwie bewegend, weil ganz persönlich.
Rechts ist eine Lücke in der Gräberstraße. Dort ist das Grabmal eines gewissen Gilberto Roja. Er selbst steht als Bronzefigur davor, mit Hut, Krawatte und Weste, in lässiger Haltung. Im Internet finde ich heraus, dass er Musiker war, Komponist von mehr als 300 populären Liedern.
Dann kommt eine Querstraße. Hier sind wieder Gräber zu beiden Seiten, aber die sind viel kleiner, wenn auch demselben Prinzip folgend. Sollten das etwa Einäscherungen sein?
Genau in dem Moment kreuzt ein Trauerzug meinen Weg. Der Sarg wird von jungen Männern auf den Schultern getragen, dahinter der Priester und ein Gitarrenspieler, gefolgt von der Trauergemeinde, ausgestattet mit einer Unzahl von Blumengestecken, mit Weiß als beherrschender Farbe.
Ich habe sicher nur einen kleinen Teil des Friedhofs gesehen, aber das war schon eine ganz besondere Erfahrung.
Als ich noch nicht ganz am Ausgang bin, fängt es an zu regnen, und der Regen trifft mich mal wieder unvorbereitet. Ich beschließe, die Plaza Murillo auf morgen zu verschieben und mache mich auf den Rückweg.
An der Seilbahnstation muss ich zum ersten Mal warten. Die Schlange schlängelt sich die ganze Treppe hinunter bis zum Eingang.
Ich stelle mich an, aber es geht gar nicht so richtig weiter. Erst oben sehe ich, warum: Die meisten Gondeln kommen schon voll besetzt an. Außerdem „überholen“ uns diejenigen, meist Ältere, die den Aufzug genommen haben.
Ein Ordnungsbeamter sorgt für den reibungslosen Ablauf. Vor allem ermahnt er die Passagiere in den Gondeln, zusammenzurücken. Fünf auf jeder Seite. Dann dirigiert er die Wartenden in die Gondeln. Alte Menschen haben Vortritt. Dazu gehöre ich Gott sei Dank nicht. Aber ich habe Glück, als in einer Gondel nur ein Platz frei ist. Den nehme ich schnell. Die anderen wollen zusammen fahren.
Da man bei jedem Wechsel der Linie neu bezahlen muss, ist mein Guthaben inzwischen so weit geschmolzen, dass ich aufladen muss. Das geht schnell und bequem an jedem Schalter.
In Sopocachi angekommen, gehe ich in das Lokal, wo ich gestern vorgefragt habe. Hat geöffnet.
Man sitzt draußen, vor dem Gebäude, unter einem schützenden Wellblechdach. Der Regen hat aufgehört, und es ist warm genug, um draußen zu sitzen. Außer mir ist nur ein junges Paar zu Gast.
Es gibt Essen zu einem Festpreis – 50 Bolivianos – und man hat die Auswahl unter drei Gerichten. Ich nehme Spanferkel, lechón. Und dazu genehmige ich mir ein Bier. Das kostet, völlig unverhältnismäßig, 35 Bolivianos.
Aber das Essen ist echt toll. Alles aus dem Backofen: das knusprige Spanferkel, die Kartoffel mit Schale, die Banane und eine Knollenfrucht, die camote heißt, eine Art Süßkartoffel. Dazu gibt es Reis und einen Salat.
Zwischendurch kommt eine Indio-Frau herein und bietet Papiertaschentücher und Blumen zum Verkauf an. Ihre Waren trägt sie in dem dicken gestrickten Bündel auf dem Rücken.
Ich gehe nach Hause mit dem festen Vorsatz, mir morgen die Plaza Murillo nicht entgehen zu lassen.
2. Januar (Freitag)
Als ich am Morgen aus dem Haus gehe, ist es eiskalt. In der Stadt ist es ein bisschen besser, aber es fühlt sich kälter an als die angezeigten 14°.
Am Sockel der Bolívar-Statue steht: Bolivia a Bolívar. Komisch. Bolívar, der im heutigen Venezuela geboren und im heutigen Kolumbien gestorben ist, hat seinen Namen einem anderen Land verliehen, Bolivien. Und seiner Währung obendrein.
Es ist merkwürdig ruhig in der Innenstadt. Weder auf den Straßen ist so viel los wie sonst noch auf den Gehsteigen, und viele Geschäfte sind geschlossen.
Ich frage einen Mann nach der Plaza Murillo, und er deutet in die entgegengesetzte Richtung. Ich solle mitkommen, er gehe auch in diese Richtung.
Wir biegen in die Calle Comercio ab. Dort ist sein Büro. Ob ich mir das ansehen wolle? Ja, warum nicht? Wir kommen in den schönen, aber etwas heruntergekommenen Innenhof eines alten Gebäudes mit schön geschmiedeten Treppengeländern. Hier sind nur Büros und Praxen, keine Privatwohnungen.
Er schließt sein Büro auf. Klein. Auf dem Schreibtisch ein Computer. Er ist wohl so was wie Steuerberater. Arbeitet für Firmen. Daher wird er hier wohl nicht viel Kundenverkehr haben.
Er sei 64, arbeite aber immer noch. Er gibt mir seine Visitenkarte und einen Keks und bietet an, mich bis zur Plaza Murillo zu begleiten.
Als wir auf der Straße sind, fragt er mich unvermittelt, was ich von Adolfo Hitler halte. Ich versuche, mich irgendwie durchzuwinden, und dann erzählt er mir von einem esoterischen Buch, das ihn sehr gefangengenommen habe. Dort ist Hitler ein Abgesandter der Götter. Er wird auf die Welt geschickt, um sie auf den Weg des Heils zu bringen.
Als wir an der Plaza Murillo ankommen, fragt er mich, ob er mir eine elektronische Version des Buchs zukommen lassen soll. Ich lehne dankend ab. Hätte sowieso mehr Bücher zu Hause auf dem Schreibtisch liegen, als ich in den mir verbliebenen Jahren noch lesen könne. Damit gibt er sich zufrieden und verabschiedet sich freundschaftlich.
Die Plaza Murillo ist groß und etwas unübersichtlich, aber durchaus sehenswert. Was stört, sind die Tauben und die Tannenbäume. Und die Weihnachtsdekoration überhaupt. Zu allem Übel werden die Tauben auch noch gefüttert, mit dem Mais, das man hier bei den Straßenverkäuferinnen erwerben kann.
Die Plaza Murillo ist voller bizarrer Kontraste. Neben der Kathedrale – steinsichtig, neoklassisch, gedrungen – und direkt an sie angrenzend der barocke, rosafarbene Regierungspalast, und direkt dahinter ein riesiger, moderner Klotz, der Casa Grande del Pueblo heißt, aber wohl in erster Linie Amtsräume enthält. Die Kathedrale ist der Nachfolgebau der barocken spanischen Kathedrale. Die wurde abgerissen, nachdem 1831 mitten in der Liturgie der Chor absank und einer der Türme einstürzte.
Ebenso heftig der Kontrast zwischen dem an der Stelle der ehemaligen Jesuitenkirche erbauten Palacio Legislativo und dem dicken, schwarzen Quader dahinter, dem Parlamentsgebäude. Der Palacio Legislativo ist stilistisch schwer einzuordnen, hat auch etwas Neoklassisches, ist aber mächtiger als der Regierungspalast, mit breiten, weißen, über zwei Stockwerke verlaufenden Säulen.
In der Mitte der Fassade eine Uhr, die jetzt wieder „richtig“ läuft, im normalen Uhrzeigersinn. Zwischendurch hatte man sie mal andersrum laufen lassen, um zu betonen, dass man sich auf der südlichen Halbkugel befindet. Und da sind die Dinge nun mal andersrum.
Im Zentrum die Statue Murillos, eines Helden des Unabhängigkeitskriegs. Die ersetzt den Neptunbrunnen, der hier ursprünglich stand. Die Statue Murillos wurde in Italien in Auftrag gegeben und über den Ozean und dann auf Eselsrücken über Land nach La Paz gebracht. Der mit dem Transport der Statue und anderer Kunstwerke beauftragte Reeder erlitt Schiffbruch, und verschiedene Teile gingen verloren. Kritische Stimmen sagen, es handele sich gar nicht um Murillo, sondern um einen Stierkämpfer, denn er hält eine Muleta und einen Sombrero in der Hand.
Vor der Statue ein aufgeschlagenes steinernes „Buch“. Darin liest man den Text einer Freiheitsdeklaration aus dem Jahre 1831.
Sehr schön, grazil, sind die die Mitte des Platzes umgebenden Figuren, weiße weibliche Allegorien, die einerseits die Künste, andererseits die Jahreszeiten darstellen, den Herbst mit Weintrauben, den Sommer mit Ähren und Sichel.
Es beginnt zu regnen, und ich mache ich auf den Weg Richtung Museo Etnográfico, das mir der Mann so ans Herz gelegt hat. Aber es ist, wie erwartet, geschlossen. Deshalb will ich es in der Calle Jaén versuchen, wo es gleich mehrere Museen gibt.
Auf dem Weg dorthin sehe ich auf einer Überführung zwei Jungen, die vier Personenwaagen vor sich aufgebaut haben. Sie wollen sich etwas hinzuverdienen, indem sie die Passanten wiegen.
Es regnet jetzt aber so stark, dass ich mich irgendwo unterstellen muss. Dann flüchte ich mich in ein schäbiges Café, wo ich ein Brötchen bekomme und einen Kaffee, den ich aber am Ende stehen lasse.
Der Weg zur Calle Jaén gestaltet sich schwer. Sie liegt doch weiter abseits, als ich dachte. Es regnet wieder ganz heftig, und die Tropfen sind so hart wie Hagel. Aber dann lässt der Regen wieder nach.
Ich komme zu einer museal aussehenden Straße, aber die ist es nicht. Ich muss noch mal rauf und noch ein paarmal abbiegen, bis ich sie endlich erreiche, die Calle Jaén, eine schmale, hübsche Straße mit Kopfsteinpflaster und einem Torbogen an ihrem Ende. Hier ist kein Mensch. Und die Museen sind alle verriegelt und verrammelt. Aber es gibt wenigstens eine Erklärung: Wegen Ausbesserungsarbeiten geschlossen. Am 3. Januar, also morgen, soll es wieder losgehen.
Ich verlasse die Calle Jaén durch den Torbogen am Ende und komme in eine ganz andere Gegend, mit großen Kreuzungen und Tankstellen und Firmengebäuden.
Irgendwie frage ich mich durch und komme schließlich zu einem riesigen Straßenmarkt, der sich über ein ganzes Viertel erstreckt. Aber: Ist dies der Mercado de las Brujas? Sieht nicht so aus. Der Markt sieht aus wie einer, den ich schon Dutzende von Malen gesehen habe.
Ich weiß auch nicht so recht, wen ich fragen soll, bis ich einen Mann sehe, der sich irgendwo untergestellt hat. Er weiß Bescheid, deutet in die Richtung, sagt dann aber, er werde mit mir gehen. Schnellen Schrittes durcheilen wir den Markt, bis wir zu einer Kreuzung zwischen zwei Marktbereichen kommen. Dort schickt er mich die Straße runter.
Dann endlich finde ich den Mercado de las Brujas. Hat vielleicht nicht ganz so die Atmosphäre, die ich mir vorgestellt habe, weil er sich zum großen Teil an einer normalen Straße entlangzieht, aber interessant ist er alle Male.
Die Geschäfte heißen hier Casa Esotérica, Angel de la Guardia, Mano Poderosa, Tienda Esotérica. In den Auslagen vor den Geschäften sieht man Kräuter, Wurzeln, Hölzer (Palo Santo), Steine (Piedra Luna), Blumen.
Es gibt fertige Packungen mit Kräutermischungen zum Verbrennen, für die Pachamama. Die Packungen enthalten auch einen 100-Dollar-Schein.
Daneben gibt es geschnitzte Talismane und steinerne Totenköpfe. Oben an den Geschäften hängen die Eingeweide von Lamas und die Gerippe von Nagetieren.
Es werden auch Lecturas angeboten, Weissagungen aufgrund der Lektüre von Karten, Kerzen und Koka.
Plötzlich finde ich mich auf einer Straße mit Musikinstrumentengeschäften wieder. Über der Straße hängen ganze Reihen von nachgebildeten Musikinstrumenten als Schmuck.
Und dann bin ich plötzlich wieder da, wo ich dieser Tage war, in dem Touristenviertel um das Museo de la Coca herum. Ich hole bei einem Reiseveranstalter Informationen über Ausflüge nach Tiahuanaco ein und mache mich dann wieder auf den Heimweg.
Aus einer unsichtbaren Quelle, in der Nähe eines Mannes, der gerade seinen Verkaufsstand aufbaut, ertönt Paint it, black von den Rolling Stones. Das perfekte Mittel, um einen Ohrwurm loszuwerden, der mich seit Tagen im Griff hat.
Da ich im Zentrum auf Gedeih und Verderb keinen Frisörsalon finden kann, versuche ich es in Sopacachi an der Plaza España. Ich finde zwei. Beide geschlossen. Nicht zum ersten Mal, dass ich auf dieser Reise vor verschlossenen Türen stehe.
3. Januar (Samstag)
Bolivien hat mit den Wahlen vom letzten Jahr einen politischen Wandel erfahren. Der neue Präsident, der passenderweise Paz heißt, vertritt eine moderat konservative Richtung. In der Stichwahl hat er sich gegen einen radikaleren Kandidaten von rechts, einen bolivianischen Milei, durchgesetzt. Vorher war der Versuch, einen gemeinsamen konservativen Kandidaten aufzustellen, gescheitert. Dennoch ist jetzt eine Ära zu Ende gegangen, 20 Jahre Dominanz der MAS (Movimiento al Socialismo). Das liegt in erster Linie daran, dass die Linke sich selbst zerlegt hat. Morales hat sich mit seinem Nachfolger, Arce, seinem ehemaligen Freund, zerstritten und hat seinen Anhängern empfohlen, ungültig zu wählen (immerhin 20%). Er hat sich irgendwo in der Wildnis in Cochabamba verbarrikadiert, hinter einer improvisierten Festung aus Holzpfählen, Ölfässern und Autoreifen, von seinen immer noch zahlreichen Anhängern von der Außenwelt abgeschirmt. Er hofft immer noch auf ein Comeback, obwohl das Verfassungsgericht entschieden hat, dass eine weitere Kandidatur nicht rechtens ist. Seine Gegner wollen ihn am liebsten vor Gericht sehen. Er war seinerzeit die populärste Figur Boliviens und ist jetzt die umstrittenste.
Heute ist das Wetter viel besser. Und das Ethnographische Museum hat geöffnet!
Es ist in einem palastähnlichen Gebäude aus der Kolonialzeit untergebracht, was man aber leicht übersehen kann, weil es nicht für sich steht und an einer schmalen, aber vielbefahrenen Straße liegt.
Die ganze Pracht zeigt sich, wenn man in den Innenhof kommt. Vor allem ein wunderbares barockes Portal mit feinen, in den Stein gemeißelten Verzierungen ist ein Hingucker.
Drinnen ist das Museum aber hochmodern, mit abgedunkelten Räumen und gut beleuchteten Exponaten, mit einem neuen Thema in jedem Saal. Die Anordnung ist nicht chronologisch, man will wohl die Kontinuität betonen. So kann ein zeitgenössischer Umhang neben einem ausgestellt sein, der 500 Jahre alt ist. Die Beschriftung ist manchmal schwer zu lesen und nur auf Spanisch. Da fehlt mir manchmal der Seitenblick aufs Englische, wenn was unklar ist.
Die erste Abteilung widmet sich den Textilien. Man sieht die unbearbeitete und bearbeitete Wolle von Vikunja, Guanako, Lama und Alpaka in ihren natürlichen Farben. Die Wolle der Vikunjas ist kaffeebraun von Natur aus, bei den anderen Tieren kommen alle möglichen Farben vor.
An der Wand große Photos von allen vier Tieren. Hier werden Guanako und Vikunja als wilde Tiere klassifiziert, Lama und Alpaka als domestizierte Tiere. Tatsächlich sehen sie sich untereinander auch ähnlich. Guanako und Vikunja haben wirklich was von Reh, in ihrer Figur und in ihren Augen.
In den Vitrinen sieht man moderne Spindeln neben einem Spinnrad, das uralt aussieht, aber von 1900 stammt. Hier haben sich die Dinge vermutlich jahrhundertelang nicht verändert.
Färbemittel gibt es in den unterschiedlichsten Formen, pflanzlich und tierisch, in Form von Blättern, Steinen, Körnern und gemahlen.
Bei den Tüchern aus der Zeit von 1000 – 1400 sieht man, wie man unter Verwendung unterschiedlicher Stoffe auch ohne Färben schon Muster herstellen konnte. Die modernen Tücher haben dagegen ganz andere, leuchtende Farben.
Ausgestellt ist eine ganze Reihe von Tüchern, handgewebt, rechteckig, deren Zweck man auf den ersten Blick gar nicht erkennen kann. Es sind Schultertücher. Sie heißen lliclla, sind sehr farbenfroh und in allen möglichen Variationen vorhanden. Sie werden mit einem dekorativen Pin befestigt.
Im nächsten Saal gibt es die Trachten zu sehen, anhand von Kleiderpuppen ausgestellt. Eine unglaubliche Vielfalt, vom einfarbigen Poncho bis zum bestickten, bunten Minirock. Eine Frau trägt eine Kapuze, die aus einem deutschen Märchen zu stammen scheint, ein Mann trägt nur einen Lendenschurz aus Federn, der nur mit Mühe in die Kategorie „Trachten“ passt, eine Frau trägt ein langes, eng geschnittenes Kleid, das man auch auf einer europäischen Vernissage tragen könnte. Und eine Frau trägt ein kurzes Kleid mit breiten Epauletten. Sie könnte das Kleid ohne weiteres auf dem Laufsteg präsentieren. Besonders kurios das Material, aus dem das Kleid gemacht ist: Baumrinde!
Bei den Kopfbedeckungen ist der Klassiker der spitz zulaufende Hut mit Ohrenklappen und Bommeln. Es scheint aber so zu sein, dass diese so traditionell aussehende Kleidung eher neueren Datums ist. Die älteren Modelle sind meist halbrund. Hier, wie bei den Schultertüchern und den Trachten, gilt, dass es sich nicht nur um Kleidung im praktischen Sinne handelt, sondern auch um ein Zeichen kultureller Identität und des sozialen Status. Ist vielleicht in allen Gesellschaften so, aber nicht immer so offensichtlich.
Dann kommen die Masken, in einem abgedunkelten Raum präsentiert und hell erleuchtet. Das schafft die entsprechende Atmosphäre.
Es gibt nur eine alte Maske, eine Totenmaske der Nazca. Ist ziemlich primitiv, mit einem kreisrunden Gesicht, einer spitzen Nase und Löchern für die Augen. Sieht nicht nach Totenmaske aus. Und man sieht auch nicht, dass sie aus Holz gemacht ist.
Masken sind universal und ermöglichen uns, eine andere Identität anzunehmen. Das kann ganz spielerische oder spirituelle Zwecke haben. Um die geht es hier, um das Aufnehmen der Verbindung mit den Ahnen, mit den Tieren und mit überweltlichen Wesen.
Die Masken haben die unterschiedlichsten Formen: Jaguar, Hexe, Kondor, Sonne, Stier, Opa, Schwein, Teufelin. Alle sind stark verfremdet, ein Bedürfnis nach naturalistischer Darstellung ist nicht zu erkennen.
Zwischen all diesen Wesen ist auch ein San Miguel vertreten, Zeichen des Synkretismus der indoamerikanischen Kulturen. Auch haben viele Masken eine Tabakpfeife im Mund.
Einige, aber nicht alle Masken sehen furchterregend aus. Eine scheint direkt aus Harry Potter entlehnt.
Bei der Keramik stelle ich mir bei vielen Figuren die Frage, welche Funktion die Gefäße wohl haben. Sind es Trinkgefäße, dienen sie der Aufbewahrung von Objekten oder sind sie rein dekorativ? Die meisten haben an irgendeiner Stelle ein Loch, einen Ausguss, scheinen aber fürs Trinken etwas unpraktisch zu sein. Viele Gefäße stellen etwas dar: einen Stier, einen sitzenden Mann, eine Ente, ein Lama, ein Huf und einem Kerl, der lächelnd auf seinen Phallus blickt. Der ist größer als er selbst.
Wie in anderen Museen gibt es auch hier Schalen mit Figuren auf dem Boden, wie eine ganze Herde von Lamas im Miniaturformat. Welchen Zweck, welche Bedeutung das haben kann, ist mir unklar.
In der Abteilung, in der es um den Herstellungsprozess geht, sieht man Werkzeuge wie Äxte, Hammer und Siebe und Ton, ganz und gemahlen, gelblich, weiß, schwarz, grünlich, orange.
Erstaunlich, was dem Ton so alles beigemischt wird: Sand, Stroh, Muschel, Glimmer und sogar – kann das sein? – Batate, Süßkartoffel.
In der nächsten Abteilung geht es um Federn, um Kopfschmuck. Wieder eine unglaubliche Vielfalt, und verrückte, meterhohe oder weit auslaufende Gebilde, wo man sich fragt, wie man die überhaupt tragen kann.
Die Federn stammen von Tukanen, Papageien, Kotingas, Loris und Fasanen, und da sie alle mühsam aus dem Amazonasgebiet in die Anden transportiert werden mussten, galten sie hier als besonders wertvoll.
Der letzte Saal, den ich mir ansehe, handelt von Metallen. Es gibt Schmuck, Werkzeuge und Gefäße zu sehen. Als Metalle sind vertreten Gold, Silber, Kupfer, Bronze.
Der Goldschmuck ist teils glänzend, teils matt. Woran das liegt, wird nicht klar. Es gibt Diademe, Ketten, Armbänder, aber auch Figuren wie die eines kleinen Mannes mit Piercing in der Lippe. Auch Gefäße mit halbmenschlichen Gesichtern.
Schmuck aus Silber gibt es nicht so viel, dafür eher feines Essbesteck aus Silber, Löffelchen, Becher und Zangen.
Kupfer hatte in Bolivien wohl eine ganz besondere Bedeutung. Es wurde für Waffen benutzt wie die Kugeln der Schleuder und als Totschläger, aber genauso für Werkzeuge wie Äxte.
Bronze findet am meisten im Haushalt Verwendung: Kessel, Schöpflöffel, Vasen.
Am interessantesten ist in diesem Saal die Erklärung von Mineral zu Metall. Man sieht die Nachbildung von kleinen Schmelzöfen, aus Ton, von außen und von innen. Die Schmelzöfen sind durchlöchert, um Luft reinzulassen.
Das Mineral wird erst abgebaut, dann zerkleinert. Es wird dann mit anderen Mineralien wie Galenit (Bleiglanz) vermischt, und wird dann in einem komplizierten chemischen Prozess unter der Zuhilfenahme von Bleioxid zu Metall. Wieder was dazugelernt.
Und jetzt sind meine Beine müde. Im Museum gibt es nirgendwo eine Möglichkeit, sich hinzusetzen.
Als ich aus dem Museum komme, gehe ich ohne große Überlegung noch mal Richtung Plaza Murillo. Eine gute Entscheidung, denn auf dem Weg fällt mein Blick auf das Schild Salón de Belleza. Fühle mich nicht angesprochen, aber versuche dennoch mein Glück dort. Ob sie auch Männerhaarschnitte machen, frage ich. Ja, sagt die junge Frau sehr freundlich, 40 Bolivianos. Gemacht. Sie führt mich zu einem Waschbecken, wäscht mir die Haare und bittet mich, einen Moment auf den Frisör zu warten. Da kommt mir plötzlich in den Sinn, zu fragen, ob sie nicht eventuell auch Pediküre machen. Ja, 100 Bolivianos. Scheint mir zwar etwas unverhältnismäßig im Vergleich zum Haarschnitt, aber ich nehme natürlich gerne an.
Dann kommt der Frisör, ein stattlicher Mann mit opulentem Kopfhaar. Er bindet sich eine Lederschürze um, die Taschen für seine Werkzeuge hat, Kämme, Scheren, Rasiermesser.
Er macht sich an die Arbeit, und wir kommen sofort ins Gespräch. Er fragt nach meiner Reiseroute und sagt mir, ich müsse unbedingt auch mal Uruguay besuchen. Stolz kann ich vermelden, dass ich da schon mal war: Montevideo, Colonia, Paysandú. Kennt er alle.
Irgendwas an seinem Akzent fällt mir auf. Volltreffer! Er ist Argentinier! Mit uruguayischen Wurzeln. Sofort erzähle ich von meinen argentinischen Freunden, daheim und auswärts.
Und was hat ihn nach Bolivien verschlagen? Meine Frau, sagt er, und zeigt auf die junge Frau, die mich in Empfang genommen hat und die inzwischen selbst Kundschaft hat.
Er macht seine Sache ausgesprochen gut, schafft es sogar, im Gegensatz zu den meisten Frisören, den Haarschnitt nicht so aussehen zu lassen, als ob man gerade vom Frisör komme.
Danach werde ich in ein kleines abgetrenntes Hinterstübchen geführt und bekomme erst einmal eine Fußmassage in heißem Wasser.
Dann kommt die junge Frau und geht ans Werk. Sie macht ihre Arbeit genauso gut wie ihr Mann. Vielleicht ist es Schicksal gewesen, dass die Frisörsalons in Sopocachi gestern geschlossen waren.
Die Frau erzählt mir noch etwas mehr im Detail ihre Geschichte. Sie hat hier in La Paz ihr Abitur gemacht und ist dann ihren Eltern gefolgt, die nach Buenos Aires umgezogen waren. Dort hat sie dann ihre Ausbildung gemacht und dabei ihren späteren Mann kennengelernt. Sie waren lange Jahre in Buenos Aires und sind dann zusammen mit ihren Eltern wieder nach La Paz zurückgekehrt. Schön, so haben beide das Land des anderen kennengelernt.
Sehr zufrieden mache ich mich auf den Weg zur Plaza Murillo. Diesmal ist die Kathedrale geöffnet. Sie ist erstaunlich groß, fünfschiffig, das gedrungene Äußere lässt das nicht vermuten. Die Seitenschiffe sind so hoch, dass man einen einzigen Raum wahrzunehmen scheint.
Das Patrozinium ist Nuestra Señora de la Paz, vermutlich die Namensgeberin der Stadt. An den Seitenaltären Santa Barbara mit ihrem Turm, San Roque mit Hund, seinen Rock lüftend, damit man seine Wunde sehen kann, San José mit dem Jesuskind auf dem Arm.
Ansonsten hat die Ausstattung nichts Besonderes zu bieten, bis auf den sehr schön ziselierten Marmorsitz des Bischofs aus dem 17. Jahrhundert.
Auf dem Platz sehe ich die Büste eines Mannes, dem der Ausspruch zugeschrieben wird, er sei kein Feind der Reichen, aber wohl ein Freud der Armen. Es handelt sich um einen ehemaligen Präsidenten Boliviens, Gualberto Villarroel. Er wird von vielen Bolivianern als Märtyrer verehrt und ist vor allem durch seinen dramatischen Tod in Erinnerung. Als regierungsfeindliche Truppen den Präsidentenpalast belagerten, dankte er ab, aber die Massen stürmten den Palast, töteten ihn, warfen in durch das Fenster und hängten seine Leiche an einem Laternenpfahl hier auf dem Platz auf.
Ich drehe noch eine Runde und entdecke an der Umfassungsmauer den Kilómetro 0, von dem aus, nach Madrider Beispiel, alle Entfernungen in Bolivien berechnet werden.
Dann mache ich noch, das gute Wetter ausnutzend, einen Spaziergang über die 16 de Julio, auf dem breiten Mittelstreifen, mit einigen schön angelegten Blumenbeeten und dem (eingerüsteten) Denkmal von Kolumbus, bis zu dem Mann, der auf dem Sofa sitzt.
Dann zurück über den Bürgersteig. Dabei kommt mir wieder mal ein Mann entgegen, der ein Eisengestell mit sich schleppt, dann eine Frau, die Kleiderpuppen trägt, dann ein Ehepaar, das Obstkisten trägt. Alle scheinen ständig was durch die Gegend zu tragen.
Immer wieder verblüffend das architektonische Durcheinander. So was wie Stadtplanung hat es hier nie gegeben. Alt neben neu, groß neben klein, hässlich neben schön. Erst kommt eine Kirche, direkt daneben ein schäbiger Eingang in eine schummrige Passage, dann ein etwas zurückliegendes Haus aus der Kolonialzeit mit Leuchtreklame an der Fassade und modernem Schuhwerk im Fenster, dann ein altes Hochhaus gleich neben einem neuen Hochhaus, dann ein niedriges nichtssagendes Haus mit einem Wolkenkratzer direkt dahinter. Dazwischen ein Fast-Food-Lokal nach dem anderen. Ich habe so viel Hunger, dass ich fast einen Hamburger esse, lasse mich dann aber von der Schlange an der Kasse abschrecken und gehe etwas weiter in eine Art Pizzeria.
Hier bekomme ich eine gar nicht schlecht schmeckende Lasagne, die ihre 35 Bolvianos auf jeden Fall wert ist.
An der Kasse werde ich gefragt „¿Sin datos para la factura?“ Muss irgendwas mit Steuern zu tun haben, für Leute, die die Kosten von den Steuern absetzen können. Gutes Beispiel, um das Argument einer Kollegin von der Uni auszuhebeln, die argumentiert, in solchen Situationen könne man auch mit geringen Sprachkenntnissen die Bedeutung aus dem Kontext zu erschließen.
Ich sehe mir die Rechnung an. Darauf steht ein Spruch des Finanzministers, der besagt, diese Rechnung trage zur Entwicklung des Landes bei. Ein Seitenhieb auf diejenigen, die ihre Waren schwarz verkaufen.
Dann muss ich noch mal zurück. Zum Geldwechseln. Es herrscht Ebbe im Portemonnaie. Ich lande wieder in dem Nagelstudio mit Wechselstube.
Auf dem Rückweg sehe ich von der Seilbahn aus eine elektronisches Plakat, auf dem steht: Siete años volando por los cielos. Daneben eine Gondel der Seilbahn. Gibt es die Seilbahn erst seit sieben Jahren? Kaum vorstellbar. Laut Internet wurde die erste Linie 2014 eingeweiht.
4. Januar (Sonntag)
Am Morgen zufällig auf ein wunderbares Zitat von Plinius gestoßen: „Es gab Zirkusspiele, und diese Art der Schaustellung hat für mich nicht den geringsten Reiz. Nichts Neues, keine Abwechslung, nichts, was einmal gesehen zu haben genügte. Umso mehr wundert es mich, dass so viele Tausende so kindisch immer wieder rennende Pferde und auf den Rennwagen stehende Männer zu sehen verlangen … Wenn ich bedenke, dass sie bei einer so seichten, albernen, eintönigen Sache herumsitzen und nicht genug bekommen können, dann macht es mir doch einiges Vergnügen, dass das mir doch kein Vergnügen macht.“ Da kann man vieles andere an die Stelle von Wagenrennen setzen.
Heute kommt Evangelina. Nach dem Ende eines zermürbenden Schuljahres und einer zweitägigen Busfahrt mit der Überwindung eines Höhenunterschieds von fast 3.000 Metern.
Ich nehme ein Taxi zum Busbahnhof. Und bin völlig verwirrt, als der Taxifahrer mich fragt, welcher? Ich wusste nicht, dass es zwei gab. Das ist so eine typische Hürde auf Reisen, mit der man nicht rechnet. Es geht gut, irgendwie handeln wir aus, was wir meinen, und ich komme zum richtigen Busbahnhof, dem, auf dem ich selbst auch angekommen bin.
Der ist so groß, dass man leicht den Überblick verliert. Wo die Busse der einzelnen Unternehmen abfahren, ist noch relativ gut rauszukriegen, aber: Wo kommen sie an? Schließlich finde ich heraus, dass ihr Bus ganz am anderen Ende des Busbahnhofs, auf einem ziemlich schäbigen Hinterhof, ankommt.
Dann ist es endlich so weit. Mit vier Stunden Verspätung, nachdem ihre gebuchte Fahrt ausgefallen ist, fährt ein etwas klappriger, nicht sehr bequem aussehender Bus in den Hinterhof ein.
Sie wundert sich, wie dick die Menschen hier eingepackt sind, mit dicken Jacken und Mützen. Selbst ist sie noch ziemlich leicht gekleidet, aber Gott sei Dank ist es heute nicht so kalt.
Wir fahren nach Hause, wo es erst mal ein ordentliches Frühstück gibt. Trotz der langen Fahrt will sie lieber in die Stadt fahren als zu schlafen. Sie kennt La Paz ganz flüchtig von einer früheren Reise.
Wir fahren mit der Seilbahn rauf und dann in die Stadt runter. Sie fragt einen Mann, der mit Eierkartons beladen in unsere Gondel steigt, wie das denn am Anfang gewesen sei, als die Seilbahn eingeführt wurde. Es sei ihnen erst ein bisschen teuer vorgekommen, sagt der. Aber jetzt sei es in Ordnung.
Später steigt ein Ehepaar mit Hund und zwei Töchtern mit Zahnspangen im Teenageralter ein. Der Hund windet sich wild auf dem Boden. Er fahre so gerne Seilbahn, sagt er Vater. Viel lieber als Bus.
Der Mann ist sehr gesprächig, fragt uns woher wir kämen und erklärt, sie seien Bolivianer, aus La Paz. Sie sprächen Aymara. Keiner von uns beiden bekommt mit, ob sie untereinander tatsächlich Aymara oder doch Spanisch sprechen.
Wie lange es die Seilbahn schon gebe, fragt Evangelina. Sie einigen sich auf 10 Jahre, 2015. Und wie das gewesen sei, vorher. Nicht so toll, immer rauf. Mit dem Bus.
Ich frage nach dem Illimani. Den kann man wieder nicht sehen, liegt unter Wolken. Und das Valle de la Luna? Hinter den Bergen, kann man von hier aus nicht sehen,
An einer Station spricht der Aufsichtsbeamte in die Gondel rein: „El uso del bozal es obligatorio durante todo el trayecto.“ Der Hund muss in der Seilbahn einen Mundkorb tragen. Pflichtgemäß legen sie ihm ihn an, nehmen ihn aber sofort wieder ab, als wir die Station hinter uns lassen.
Dann mache ich eine Entdeckung. Die Töchter wissen, wie man hier ein „Fenster“ öffnen kann. Auf beiden Seiten ist oben ein ganz kleinteiliges Gitter, und die Scheibe davor kann man rauf- oder runterschieben. Zu meinem Vergnügen wusste der Vater das auch nicht!
Evangelina fragt nach den Bauarbeiten ganz hinten, an einem der Berge, am Abhang. Da würden Häuser gebaut, sagt der Vater. Obwohl das gefährlich sei. Bei den starken Regenfällen hier bestünde dort große Gefahr vor Erdrutschen.
Unten angekommen, machen wir einen Spaziergang an der 16 de Julio entlang. Es ist richtig warm, ich bereue es, meine Regenjacke angezogen zu haben.
Wir gehen den Mittelstreifen runter bis zu dem Mann auf dem Sofa und machen gegenseitig Photos von uns.
Dann geht es zurück Richtung Innenstadt. Auch Evangelina fällt auf Anhieb der wilde Stilmix in der Bebauung auf. Ein altes Kolonialhaus verbirgt sich hinter der Plastikplane eines Fast-Food-Ladens.
Wir kommen an San Francisco vorbei, an das sie sich vage erinnern kann, und gehen zur Plaza Murillo. Plötzlich fallen ein paar Tropfen, nach wenigen Minuten schüttet es nur so. Wir machen uns auf den Heimweg, flüchten von Unterschlupf zu Unterschlupf auf der 16 de Julio und sehen zu, wie der Regen sich in Hagel verwandelt. Einigermaßen unbeschadet kommen wir zur Seilbahnstation, und stellen in Sopocachi fest, dass der Regen aufgehört hat. Auf dem Weg zur Unterkunft kommt auch Evangelina mächtig aus der Puste, aber sie findet das gar nicht schlimm, sie habe sowieso in letzter Zeit die körperliche Ertüchtigung vernachlässigt. Das tue ihr jetzt gut. So kann man das auch sehen.
Bei einem kleinen Imbiss zu Hause besprechen wir unsere Reiseroute. Sind lange unschlüssig, bis Evangelina Santa Cruz ins Spiel bringt. Das schien mir ein bisschen weit abgelegen. Aber wir haben Zeit, die grobe Richtung stimmt, die Stadt soll ganz schön sein und wir kommen in eine ganz andere Landschaft, ins Amazonasgebiet. Und da können Mütze und Schal im Schrank bleiben.
Evangelina hat mich wegen einer ausgelaufenen Salbe auf Deutsch fluchen hören und versucht jetzt, mich nachzumachen: „Schmeißer!“
5. Januar (Montag)
„Der Mensch in seinem Wissensdrang / sinniert und forscht sein Leben lang / um dann verzichtend einzusehen / im Grunde kann er nichts verstehen.“ (Karl von Frisch, Bienenforscher)
Wann endet die Weihnachtszeit? Wir sind unterschiedlicher Meinung. Ich behaupte, am 6. Januar, Epiphanie. Aber das scheint nicht zu stimmen. Die Weihnachtszeit endet am Sonntag nach Epiphanie. Man sollte sich seiner Sache nie zu sicher sein.
Am Morgen sehe ich, wie die Seilbahn stillsteht. Mit Passagieren in den Gondeln. Kein gutes Gefühl. Gott sei Dank setzt sie sich dann wieder in Bewegung.
Am Morgen geht es zuerst Richtung Reisebüro. In Sopocachi ist es kalt, in der Innenstadt warm.
Wieder so eine unendliche Schlange auf der 16 de Julio. Evangelina fragt nach: Man steht hier an, um eine Geburtsurkunde ausgestellt zu bekommen.
Evangelina macht mich in einem Schaufenster auf Essen aufmerksam. Das ist der Name einer in Argentinien bekannten Firma, die Kochgeschirr herstellt. Sie weiß auch, dass Essen auch der Name einer deutschen Stadt ist.
Im Reisebüro buchen wir die Fahrt nach Tiahuanaco für morgen. Wir sollen um 8 Uhr hier sein. Für den Fall, dass die Abfahrt wegen der Straßenblockaden früher erfolgt, würden wir benachrichtigt. Evangelina fragt nach: Wogegen richten sich die Straßenblockaden? Gegen die Regierung im Allgemeinen, aber besonders gegen die Streichung der Subventionen für Öl und Gas. Die sind in Bolivien seit Morales Zeiten äußerst großzügig gewesen.
Wir sehen uns den Mercado de Brujas an und suchen dann nach einem Mikrobus, der nach Mallasa fährt. Gar nicht so einfach bei den vielen Halteplätzen und der unendlichen Zahl von Bussen. Wir werden hin und her und rauf und runter geschickt, am Ende landen wir wieder bei San Francisco. Hier an der Ampel halten die Mikrobusse in drei Reihen. Evangelina schafft es, sich zu einem in der Mitte durchzuwinden. Nein, der ist es nicht. Wir sollen den 921 nehmen. Das ruft sie mir zu. Das hört eine Frau an ihrem Getränkestand und sagt, nein, nicht 921, den 902 sollen wir nehmen. Der fahre zum Valle de la Luna.
Recht hat sie. Bald taucht einer auf. Er scheint voll zu sein, aber die Fahrgäste wissen, dass es noch einen Sperrsitz gibt. Der wird während der ganzen Fahrt immer wieder zusammengeklappt und aufgeklappt.
Die Fahrt ist ein Erlebnis in sich. Unser Geld werden wir nicht los. Man zahlt am Ende, nachdem man ausgestiegen ist, und zwar durch das Beifahrerfenster, wie bei den Londoner Taxis.
Es ist ständig Bewegung, es wird an jeder Ecke ein- und ausgestiegen. Haltestellen gibt es nicht. Wenn man einsteigen will, hebt man die Hand, und wenn Platz ist, hält der Fahrer an. Und dann hört man von Fahrgästen, die aussteigen wollen, „En el semáforo“ oder „En la próxima esquina“. Und prompt hält der Fahrer. Dann hört man immer wieder „¿Puedo aprovechar?“ Da will man schnell in dem Moment aussteigen, wo der Bus zum Stehen kommt. Manchmal wird das erlaubt, manchmal nicht.
Wir fahren auf die Brücke zu, die wir immer wieder von der Seilbahn aus gesehen haben. Es ist eine mehrteilige Brücke, die ein tiefes Tal überquert und wie eine Hängebrücke aussieht, aber keine ist. Evangelina hat rausgefunden, dass sie Trillizos heißt. Leider überqueren wir sie aber nicht, sondern biegen kurz zuvor ab.
Wir durchqueren mehrere Stadtviertel und kommen dann immer wieder in beinahe unberührte Landschaft. Ist das alles noch La Paz? Erstaunlicherweise hat La Paz „nur“ 775.000 Einwohner, El Alto hat 855.000. Santa Cruz, von dem ich bis vor ein paar Tagen noch nie gehört hatte, hat doppelt so viele Einwohner wie beide zusammen!
Wir passieren die Clínica Alemana, und ich erfahre das clínica das potentiell höherwertige Krankenhaus ist gegenüber hospital.
An einer belebten Kreuzung sehen wir zwei der beliebten Hähnchenbratereien direkt nebeneinander, El Pollo Loco und Pollos Israel.
Es wird allmählich einsamer, und der Bus wird immer leerer. Am Ende sind nur noch wir Touristen drin, zwei Chilenen und wir.
Der Bus hält unmittelbar vor dem Eingang zum Valle de la Luna. Wir steigen aus und befinden uns – mitten im bolivianischen Sommer. Mit langer Hose und Regenjacke. Ohne Hut und Sonnencreme.
Der Namensgeber des Valle de la Luna ist kein Geringerer als Neil Armstrong. Als er hier war, fühlte er sich an die Landschaft des Mondes erinnert.
Ich hätte mir den Mond flacher vorgestellt, aber wie außerhalb des Planeten kann man sich hier beinahe fühlen. Eine bizarre Felsenlandschaft, in völligem Kontrast zu ihrer Umgebung, einem Plateau mit wenn auch etwas karger Vegetation und den grünen Bergen dahinter.
Ich habe mich vorher gefragt, wie man sich hier wohl bewegt, aber es gibt tatsächlich einen Pfad für Besucher, der einen auf und ab durch das Tal führt. Man sieht in Krater hinab und auf Stalagmiten, alle ähnlich in der Farbe, aber unterschiedlich in der Form.
Das Valle de la Luna ist das Resultat von jahrtausenderlanger Erosion durch Wasser, Regen und Wind. Die konnten hier ihre Wirkung entfalten, weil sie nur auf Sandstein und Ton trafen.
Die Szenerie verführt dazu, Photos von sich zu machen. Am schönsten die, wo man sich in eine Felsspalte stellt, mit Stalagmiten zu beiden Seiten.
Besonders gefällt mir eine von der Natur geschaffene „Skulptur“ an einem Felsen, die wie eine Miniatur des ganzen Tals aussieht.
Ganz bizarr auch ein ungewöhnlich breiter, mitten in der Gegend stehende, rechteckiger Felsen, auf dem man oben etwas sieht. Vögel vielleicht? Nein, es sind Kakteen, die hier gegen alle Wahrscheinlichkeit einen Platz zum Wachsen gefunden haben.
Wir gehen bis ganz nach oben, zu einem Aussichtspunkt. Es ist ganz still, bis auf den kräftigen Gesang eines Vogels. Dann entdecken wir ihn auch, nur gut zwei Meter von uns entfernt, auf einem Absatz.
Die Hitze und die Wege fordern ihren Tribut, und wir beschließen, uns auf den Heimweg zu machen. Vergebens sucht man hier nach einem Museum oder wenigstens nach einer Schautafel mit Erklärungen zum Valle de la Luna. Trotzdem ein tolles Erlebnis.
Praktischerweise ist gleich gegenüber ein Kiosk, wo wir Kaffee, Wasser und einen Schokoriegel zur Erneuerung der Energie bekommen. Die freundliche Verkäuferin sagt uns, wir könnten hier sitzen bleiben, unter ihrer Markise. Der Mikrobus würde hier halten.
Das tut er auch. Wir fahren zurück nach La Paz. Als wir uns der Innenstadt nähern, tauchen auf einmal zu beiden Seiten Geschäfte für Malerbedarf auf, eins nach dem anderen.
Dann heißt es auf einmal: Aussteigen! Alles blockiert, der Bus kann nicht durchkommen, kann uns nicht zur 16 de Julio bringen. Einfach immer die Straße runter.
Die zieht sich hin. Und hier tauchen auf einmal Frisörsalons auf, ebenfalls einer nach dem anderen, bei vorsichtiger Schätzung mindestens 50. Die Frisöre sind fast alle ohne Arbeit, die Leute haben sich vor den Feiertagen die Haare schneiden lassen.
Die 16 de Julio ist jetzt autofrei. Wunderbar. Die ganze Breite der Straße für die Fußgänger. Und die Straßenhändler. Es herrscht eine sonntägliche Atmosphäre. Wir kaufen uns Kokosmilch und setzen uns zu den anderen auf ein Mäuerchen.
Dann sehen wir, dass das Coma & Punto geöffnet hat. Das lasse ich mir nicht entgehen und bestelle mir ein Sandwich Alemán. Ich werde mühelos damit fertig, sie schafft nur die Hälfte.
An der Speisekarte hinter der Theke steht über einer Spalte Zumos und über einer andren Jugos. Was ist der Unterschied? Ich habe bisher eins für europäisch und eins für amerikanisch gehalten. Aber hier tauchen beide nebeneinander auf. Die Kellnerin gibt folgende Erklärung: Die zumos enthalten nur den reinen Fruchtsaft, die jugos auch das zerkleinerte Fruchtfleisch.
6. Januar (Dienstag)
Auf dem Frühstückstisch liegen Geschenke. Das müssen die Reyes Magos gewesen sein.
Die Abfahrt nach Tiahuanaco ist vorverlegt worden. Also machen wir uns früh auf den Weg.
Ein stark humpelnder Mann, der seine Arme irgendwie mechanistisch in der Luft bewegt, zwingt sich im allerletzten Moment in unsere Gondel, statt die nächste abzuwarten. Puh, das war eng. Er erzählt, er habe vor zwei Jahren einen Unfall gehabt, habe länger im Koma gelegen und sei dann lange bettlägerig gewesen. Es sei lange nicht klar gewesen, ob er wieder auf die Beine kommen würde. An den Unfall kann er sich nicht erinnern. Was für ein Unfall das denn gewesen sei, frage ich. Ein Verkehrsunfall. Jetzt gehe er wieder zur Arbeit, aber die Hände machten noch nicht richtig mit, sagt er, und zeigt, wie er sie noch nicht richtig zusammenballen kann. Als er aussteigt, sehen wir, wie er, mit den Armen Gleichgewicht herstellend, mit Mühen die Treppe hinunter geht.
Ich habe nach accidente de tráfico gefragt, er spricht, genauso wie Evangelina, von accidente de tránsito.
Evangelina hat herausgefunden, dass die Línea Roja die erste Linie der Seilbahn war. Sie verband El Alto mit La Paz. Wir lesen, dass El Alto mehr als eine Million Einwohner hat, mehr als La Paz.
Dann kommt die Rede auf die Künstliche Intelligenz. Die heißt bei uns, von der internationalen Konvention abweichend, KI, sonst AI. Hier heißt die IA.
Obwohl wir rechtzeitig sind, kommt ein Anruf des Reisebüros, wo wir denn steckten. Im dem Moment erreichen wir aber schon unser Ziel. Wir werden unserem Reiseführer vorgestellt. Der Bus ist aber nicht hier. „Da vorne!“, sagt er, aber das ist wirklich eine Beschönigung. Er eilt uns die steile Straße voraus, wir kommen nicht mit. Evangelina wird ganz blass, ich fürchte, dass sie mir aus den Latschen kippt. Oben angekommen, müssen wir noch ein ganzes Stück die Straße entlang, dann kommen wir an einem alten, klapprigen Bus an. Der ist schon gut besetzt.
Wir machen uns auf den Weg und bekommen an der eigenen Haut zu spüren, wie es mit dem Verkehr in La Paz aussieht. An den Kreuzungen geht es kaum voran, alle wollen gleichzeitig Vorfahrt haben, und dann kommen wir ganz zum Stehen, als auf unserer Spur ein Lastwagen steht, ohne Fahrer. Auf der Gegenspur einer der Kleinbusse nach dem anderen. Unser Führer muss aussteigen, um einen von denen zu bitten, einen Moment stehenzubleiben und uns durchzulassen.
Mühsam geht es weiter. Tiahuanaco ist nur 75 Kilometer entfernt, aber die Sache zieht sich hin.
Inzwischen gibt es Erklärungen zu Tiahuanaco. Diese Zivilisation hatte sagenhafte 2.700 Jahre Bestand, von 1.500 v. Chr. bis 1.200 n.Chr. Man unterscheidet drei Perioden: die vorklassische Periode, mit der Kultivierung von Kartoffel, der Zähmung von Lamas und der Produktion von Keramik; die klassische Periode, mit der Errichtung der Tempel und der Ausbildung einer hierarchischen Gesellschaft, einer Theokratie, mit den Potentaten, den Priestern und den Gelehrten an der Spitze; die postklassische Periode mit Eroberungen von Territorien an der Küste und im Amazonas. Aufgrund dieser Eroberungen findet man in Tiahuanaco auch Seesterne und Krabben.
Inzwischen sind wir auf 4.100 Metern Höhe angekommen. Hier befindet sich der Flughafen von La Paz. 1920 starteten die ersten Flugzeuge hier, deutsche Flugzeuge. Allmählich entwickelte sich um den Flughafen herum eine Siedlung. Heute eine große Stadt.
Wir fahren an Reihen von ärmlichen oder halb vollendeten Häusern vorbei. Zwischen ihnen immer wieder ganz neue, originelle Gebäude mit gläsernen Fassaden und einem turm- oder pyramidenförmiger Aufbau auf dem Obergeschoss. So ein Gebäude nennt man cholet, ein Kofferwort aus cholo, einem indigenen Amerikaner, und chalet, dem spanischen Wort für ein alleinstehendes Haus. Das cholet ist das wichtigste Charakteristikum der neoandinen Architektur. Hier oben gibt es über 300 davon, allein 60 von einem indigenen Architekten, der der Vorreiter der Bewegung ist.
Wir lassen die Stadt hinter uns und kommen in ein ländliches Gebiet und an eine Mautstelle. Von hier aus sind es nur noch 27 Kilometer. Dennoch soll die Fahrt noch 1 Stunde und 20 Minuten dauern. Warum, das wissen wir, als wir auf die nächste „Straße“ abbiegen. Klappernd und ruckelnd geht es im Schneckentempo weiter. Am Wegesrand Kühe, und in der Ferne eine wunderschöne Bergkette mit schneebedeckten Gipfeln.
Dann kommen wir zum Stehen. Vor uns eine Reihe von Kleintransportern. Man sieht nicht so genau, warum es nicht weiter geht. Ein paar Leute steigen aus. Was ist da los? Blockade. An der Brücke ist kein Weiterkommen.
Wie der Fahrer es schafft, hier zu wenden, ist mir ein Rätsel. Aber er schafft es. Von jetzt ab biegen wir von einem Feldweg auf den anderen ab, treffen aber immer wieder auf eine blockierte Stelle. Es wird sogar die Befürchtung laut, dass wir auch nicht nach La Paz zurückfahren können.
Dann finden Fahrer und Führer aber doch irgendwo eine Lücke, wir kommen auf die Hauptstraße und fahren nach La Paz zurück.
Der Führer meldet sich am Mikrophon. Wir müssten zurück. Es habe keinen Zweck. Selbst, wenn wir irgendwo durchkämen, gebe es keine Garantie, dass wir nachher zurückkämen, und dann wären wir ohne Unterkunft und ohne Essen dort eingesperrt. Die Reisebüros kämen uns bei der Bezahlung entgegen.
Nach gut vier Stunden kommen wir in die Stadt zurück. Unser Reiseführer geleitet uns freundlicherweise zu unseren Reisebüros. Wir haben alle woanders gebucht.
Die Frau in dem Büro ist sehr freundlich, bedauert, was passiert ist und gibt uns 380 von 400 Bolivianos zurück. Sehr großzügig.
Wir beschließen, dass Geld in ein Mittagessen zu investieren. Die Frau empfiehlt uns El Popular, in der nächsten Straße, ganz nahe.
Das Lokal ist aber gar nicht so leicht zu finden. Es befindet sich zusammen mit einer Reihe anderer Lokale in einem Innenhof. An der Treppe, die zu unserem Lokal führt, steht Cerrado por vacaciones.
Also geht es doch zu dem Lokal, wo ich am ersten Tag eine Kleinigkeit gegessen habe. Auf der Speisekarte dort gibt es eine Seite mit bolivianischen Spezialitäten. Evangelina bekommt ein Rindfleischgericht, Pique a lo Macho, ich bekomme Lamm, Brazuelo de Cordero. Beide sind ein Gedicht und sehr schön angerichtet. Dazu gibt es Limonade und einen leckeren Maracuja-Saft.
Beim Mittagessen stellt sich heraus, dass Evangelina, die sich in der Schule mit utopischen Modellen beschäftigt hat, auch Robert Owen kennt, der sonst außerhalb von England kaum bekannt ist. Wir sind uns einig: ein tolles Projekt, obwohl es am Ende scheiterte.
Der Eigentümer des Lokals, der uns bedient, macht sich bei mir unbeliebt, als er zum Abschied sagt, er habe sofort an meinem Akzent gemerkt, dass ich Deutscher sei.
Wir beschließen, ins Museo de Arte Moderno zu gehen, in erster Linie deshalb, weil der Anstieg nicht so extrem ist wie zu den Museen der Calle Jaén.
Bei der Gelegenheit stellt sich heraus, dass Evangelina Jaén nicht kennt. Die Bolivianer wohl auch nicht, wie ich an den Reaktionen ablesen konnte, als ich dieser Tage nach dem Weg gefragt habe.
Auf dem Weg zum Museum machen wir unten an der Straße Halt bei der Frau mit dem kleinen Getränkestand, die uns gestern die richtige Busnummer genannt hat. Wir bedanken uns noch einmal und kaufen einen Saft und einen Obstsalat. Damit setzen wir uns zu vielen anderen auf die Stufen vor San Francisco. Es ist sommerlich warm.
Um das Gitter herum ein Verkäufer nach dem anderen, alle mit mehr oder weniger den gleichen Waren, auf dem Boden hockend. Früher saßen sie bis zum Kircheneingang, bis man sich entschloss, den Vorplatz einzuzäunen.
Dann machen wir uns auf zum Museum. Auch dieses Museum ist in einem wunderschönen Gebäude aus der Kolonialzeit untergebracht (1775), mit dem Portal draußen und dem Innenhof als Prachtstücke.
Der erste Ausstellungssaal präsentiert ausschließlich religiöse Kunst, wobei nicht klar wird, ob die Maler Europäer oder Amerikaner sind. Ein vermutlich einheimisches Motiv ist die Darstellung eines Engels (der nicht wie ein Engel aussieht) mit Arkebuse.
Am Ausgang des Saals der Cerro Rico aus Potosí als Bildwerk. Aus dem Berg treten das Gesicht und die Hände einer Madonna hervor. Resultat des Synkretismus der beiden Kulturen.
Im nächsten Saal befindet man sich unvermittelt in der Gegenwart, mit eindringlichen Porträts von Schwarzen mit ausdrucksvollen Augen.
Dann kommen ein paar experimentelle Bilder, vor denen wir eine Zeitlang stehen, ohne sie zu verstehen. Eins heißt Nova Acurata Totius Americae Tabula, eine ironische Anspielung auf europäische Landkarten, die vorgaben, Amerika akkurat darzustellen. Hier ist statt einer Landkarte eine wilde Collage zu sehen, mit aufgedruckten Wörtern, gemalten Abbildungen und ausgeklebten Stofffetzen, die die verschiedensten Aspekte des Kontinents abbilden, von Kulturpflanzen (Mais, chuño), über Landschaftsformen (Tierra, Montana), Ethnien (Mochica, Paracas) bis zu Symbolen (Fisch, Kreuz).
Im nächsten Saal geht es zeitlich wieder zurück, in die Zeit der Aufstände gegen die spanische Herrschaft. In den Gemälden sieht man ganz klar, dass die Bewegung zur Unabhängigkeit keine Sache der Eingeborenen war, sondern der Kreolen. Auf einem Gemälde, das pathetisch eine Proklamation darstellt, tragen alle Abgebildeten europäisch aussehende Kleidung (Gehrock, Lederschuhe) oder Uniformen. Der Schreibtisch, die Bücher, die Stühle, die Bodenfliesen, die Gesichter – alles europäisch.
Dann kommt hochmoderne indigene Kunst, mit einem kubistisch anmutenden Landschaftsbild in schönen Pastellfarben, auf dem man so gerade Felsen, Meer und Berge erkennen kann, und einem „Abendmahl“, auf dem 13 Indio-Frauen an einer langen Tafel zu sehen sind. Alle tragen die typischen Melonen. Sie schenken sich ein, heben ihre Gläser, prosten sich zu, trinken (vermutlich chicha). Wie bei den klassischen europäischen Abendmahlsdarstellungen kann mal leicht Dreiergruppen ausmachen, zwei links, zwei rechts von „Christus“, der durch seine zentrale Position auszumachen ist. Judas ist vermutlich kenntlich gemacht durch den ins Gesicht gezogenen Hut.
Dann kommt ein Saal, der einem Revolutionsmaler, einem gewissen Pantoja, gewidmet ist, der selbst an einem Aufstand in Potosí beteiligt war und im Chaco-Krieg als Soldat im Einsatz war. Hier sieht man eine große Zahl von kleinformatigen Bildern, auf denen keine Kampfszenen zu sehen sind, sondern Beteiligte wie ein Kämpfer mit einer Machete oder drei indigene Anführer mit der traditionellen spitzen Kopfbedeckung und einem Poncho, unter dem die Spitze eines Schwerts hervorlugt.
Am besten gefallen mir die Bilder, die auf den ersten Blick nichts mit dem Krieg zu tun haben, atmosphärisch dichte Bilder mit feurigen Farben, Landschaftsszenen darstellen, mit kaum auszumachenden Figuren, die einen Berg besteigen oder durch eine stürmische Ebene laufen.
Der Rückweg fällt uns beiden schwer. Wir sind beide, aus welchen Gründen auch immer, total erschöpft und haben mit dem Anstieg zur Unterkunft schwer zu kämpfen.
Am Abend gibt es noch eine Lehrstunde in Sachen Sprache. Im Museum habe ich das Schild Fin del recorrido gesehen. Warum nicht final? Ich habe immer wieder Schwierigkeiten mit diesen beiden Wörtern. Evangelina erklärt: Fin del recorrido ist das endgültige Ende des Durchgangs. Final del recorrido würde die letzte Etappe, den letzten Saal des Museums bezeichnen. Wir übertragen es auf den Sport: Final de la Copa ist das Endspiel, die letzte Phase des Wettbewerbs. Wenn der Schlusspfiff ertönt, dann könnte man sagen: Fin del partido. Oder doch Final del partido?
7. Januar (Mittwoch)
Kaum sind wir aus dem Haus, schon bleibt ein Taxifahrer neben uns stehen. Er hat unser Gepäck gesehen. Zum Busbahnhof? Keine Chance, kein Durchkommen, alles blockiert. Die einzige Möglichkeit: Er fährt uns zur Línea Naranja.
Wieder müssen wir unsere Karte aufladen. Als wir das Drehkreuz passieren wollen, werden wir angehalten. Stopp! Gepäck! Dafür muss man extra bezahlen, aber nur für Evangelinas Koffer, nicht für meine Reisetasche, und das, obwohl beide gleich groß sind.
Wir steigen da ein, fahren zwei Stationen und gehen den Rest zu Fuß. Abgemacht!
Es ist eine lange Fahrt, es geht durch Gegenden, die wir gar nicht kennen. Wir fahren auch über eine der großen Brücken, die wie Hängebrücken aussehen, aber keine sind. Es ist aber nicht die Puente Trillizo, von der Evangelina gelesen hat, sondern die Puente de las Américas.
Die Mitfahrer in der Seilbahn diskutieren, ob es besser ist, an der zweiten oder an der dritten Station auszusteigen und kommen zu dem Ergebnis, dass es keinen Unterschied macht.
Wir schleppen unser Gepäck durch die Mittagshitze über die schwer mitgenommenen Bürgersteige und schaffen es zwischen den endlosen Autos auf die andere Straßenseite und kommen schließlich am Busbahnhof an.
Wir suchen unser Busunternehmen, El Dorado, und legen der Frau hinter dem Schalter unsere Tickets vor. Die sieht sie sich erst genau an, um uns dann zu sagen, tue ihr leid, der Bus fahre nicht. Die Straße sei blockiert. Sobald sie frei sei, könnten wir umbuchen. El Dorado hat Fahrten nach Cochabamba in kurzen Abständen. Wir sollten später noch mal nachfragen.
Wir gehen irgendwo eine Kleinigkeit essen, fragen dann noch mal bei El Dorado nach und später noch mal. Beim dritten Versuch ist der Schalter geschlossen. Wir suchen uns ein kleines, ziemlich schäbiges Hotel direkt vor dem Busbahnhof und sind völlig ratlos. Evangelina meint, solche Aktionen wie diese Blockaden dauerten in Argentinien in der Regel bis zum Beginn des Wochenendes. Keine guten Aussichten.
8. Januar (Donnerstag)
Wir gehen am Morgen zum Busbahnhof rüber, um einen Kaffee zu trinken. Es ist merkwürdig ruhig, kaum Passanten, keine Verkäufer, und die Schalter sind fast alle geschlossen. Oder haben vorsichtshalber schon das Schild No hay salidas angebracht.
Weil es so ruhig ist, fällt mir ein großer Bildschirm auf, mit wechselnden Bildern in regelmäßigen Intervallen. Es erscheint ein Photo mit Angaben zu der Person, Name, Alter, Größe usw. Erst weiß ich nicht, was das ist, dann sehe ich, dass oben Desaparecidos. Es sind lauter Vermisste, meist junge Leute, meist Frauen. Deshalb steht unten auch noch, seit wann sie vermisst werden (oft schon seit 2023) und welche Kleidung sie trugen. Die meisten sind nach der Schule oder nach der Arbeit nicht mehr wiedergekommen, aber einige sind auch aus dem eigenen Haus verschwunden, nach dem Abendessen.
Als Alternative haben wir uns überlegt, nach Santa Cruz zu fliegen, aber dort gibt es auch Blockaden, und man kann sich nicht sicher sein, ob man überhaupt vom Flughafen in die Stadt kommt. Vor einem Schalter kommen wir mit einer Frau ins Gespräch. Die sagt uns, sie habe es versucht. Alle Flüge nach Santa Cruz ausgebucht.
Wir entscheiden, zum Flughafen zu fahren und uns dort nach den Möglichkeiten zu erkunden, die es gibt. Der Taxifahrer sagt uns, am besten die Línea Morada zu nehmen. Und bringt uns zu der Station.
An der Station eine lange Schlange bis auf den Vorplatz. Alle müssen ihre Karte aufladen. Wir auch.
Wir brauchen nur eine Station weiter zu fahren, aber die Strecke ist lang und es geht steil bergauf. Ein Mann aus unserer Gondel sagt uns nicht nur, wo wir aussteigen sollen, sondern dirigiert uns auch noch durch die Station und draußen an der Blockade vorbei zu einem Taxi. Er lässt es sich nicht nehmen, den Taxifahrer zu fragen, ob er zum Flughafen fahre. Ja, das tut er.
Er kennt die Schleichwege, um zum Flughafen zu kommen. Und bald sind wir auf der kilometerlangen Zufahrt. Rechts und links von uns das Rollfeld. Aber man sieht keine Flugzeuge in Aktion.
Am Flughafen angekommen, gehen wir abwechselnd auf Suche. Gar nicht so leicht, was zu finden. Man sieht kaum, welche Schlange fürs Einchecken und welche für den Verkauf ist.
Ich gehe zu einer unbekannten Fluglinie, wo keine Schlange ist. Was haben sie im Angebot? Wie sieht es mit Santa Cruz aus? Heute und morgen ausgebucht, Samstag fliegen sie nicht. Auch alles andere ausgebucht. Außer Rurrenabaque. Nie gehört.
Bei Avianca bekomme ich die Auskunft, dass sie an internationalen Flügen nur Lima und Bogotá im Angebot haben. Aber Latam fliege nach Santiago. Da ist aber der Schalter nicht besetzt. Der Abflug ist erst am frühen Morgen. Ich solle es im Internet versuchen.
Das tue ich auch. Da komme ich sogar weiter, bin schon bei der Platzauswahl, bis Evangelina sich meldet. Rurrenabaque höre sich gar nicht so schlecht an. Und der Flug nach Santiago sei nicht gerade billig.
Also gehen wir zu dem Schalter zurück. Rurrenabaque? Ja, morgen um 8. Ja, es seien zwei Plätze frei. Mit Gepäckaufgabe. Und der Preis? Da scheiden sich die Geister. Ich mache einen Rechenfehler und komme auf über 1.000 €. Es sind aber nur knapp über 100 €. Also gut, es wird gebucht.
Ein Hotel gibt es hier am Flughafen nicht. Ein Taxifahrer bietet uns an, uns zu einem in der Stadt zu fahren, in El Alto. Wir fahren durch unzählige schmale Straßen, an ärmlich aussehenden Häusern vorbei.
Das Hotel ist gut, sehr günstig, und sie haben auch noch zwei Zimmer für uns. Außerdem funktioniert hier das Internet ohne Probleme. Für die weiteren Erkundungen.
Als ich später aus dem Zimmer gehe, schaffe ich es nicht, die Tür zu verschließen. Das Zimmermädchen muss helfen. Und unten bekomme ich die Haustür nicht auf. Bis ich merke, dass es eine Schiebetür ist.
Sobald wir auf der Straße sind, werden wir mitten in das bolivianische Leben, besser gesagt in das Leben von El Alto geworfen. Es ist lebendig, wimmelig und fühlt sich authentisch an. Vor den Geschäften die Verkaufsstände, nahtlos in einander übergehend. Hier gibt es alles, von Kinderpuppen über Besen bis zu Büstenhaltern, Von Lichtschaltern über Parfüm bis zu Wollsocken.
An den Fressständen in der Mitte gibt es Fleischspieße, Nudelsuppe und salteñas. Und natürlich Obst in rauen Mengen.
Der Anteil an traditionell gekleideten bolivianischen Frauen ist hier größer als anderswo. Fast alle, nicht nur die Frauen, tragen Hüte oder Mützen.
Ein Mann, der uns entgegenkommt, trägt ein BVB-Trikot, ein anderer ein T-Shirt mit den deutsche Farben und der Aufschrift Natürlich habe ich recht – Ich bin Deutscher. Gott sei Dank ist der Mann Bolivianer.
Wir suchen ein Lokal, aber das erweist sich als schwierig. Man isst hier eher einen Imbiss an einem der Stände. Wir werden zu einem Patio de Comida geleitet, in einem Hochhaus untergebracht. Wir versuchen es auf allen Etagen, aber zu essen gibt es hier nichts. Man kann sich hier nur die Zähne ziehen oder eine Tätowierung machen lassen.
Beim Herausgehen fällt uns auf der Gegenseite eine Hähnchenbraterei auf. Kurz entschlossen gehen wir rein. Schmeckt ganz passabel.
Inzwischen hat Evangelina Recherchen zu Rurrenabaque gemacht. Eine kleinere Stadt, im Amazonasgebiet gelegen. Hier gibt es mehr Natur als Kultur. Hört sich gar nicht schlecht an.
9. Januar (Freitag)
Während der Nacht hat es heftig geregnet, und am Morgen ist es empfindlich kalt.
In kurzer Zeit geht es zum Flughafen. Die Taxifahrer hier nutzen die Situation aus, nehmen viel mehr als in La Paz.
Evangelina sieht einen schneebedeckten Berg, ganz isoliert in der Ebene stehend. Wir gehen raus, um uns den genauer anzusehen und ein Photo zu machen. Eine Polizistin erklärt, das sei der Huayna Potosí. Ein schöner Anblick. Er ist über 6.000 Meter hoch, aber das sieht man ihm nicht an, weil wir selbst so hoch sind.
Die Abfertigung am Flughafen verläuft zügig und komplikationslos. Jetzt brauchen wir nur noch auf den Abflug warten.
Die Zeit vergeht, und es tut sich nichts. Unsere vorgesehene Abflugzeit ist schon vorbei. Dann kommt eine Durchsage: wegen der Wetterlage fällt der Flug möglicherweise aus. In einer Stunde soll es neue Informationen geben.
Evangelina bleibt relativ gelassen. Ich nicht. Sehe mir alle möglichen Alternativen im Internet an, ohne zu einem Ergebnis zu kommen.
Dann große Rufe der Erleichterung, sogar Freudenschreie. Wir fliegen!
Im Nu sind wir alle im Flugzeug. Aber wir stehen auf der Startpiste, haben wohl noch keine Starterlaubnis.
Dann geht es los, das Flugzeug nimmt Anlauf, kommt aber nicht so richtig in Fahrt. Dann bleibt es stehen: Wir bedauern, wegen eines technischen Defekts umkehren zu müssen.
Dann stehen wir wieder eine ganz Zeit, ohne Informationen zu bekommen. Immerhin sind wir im Flugzeug sitzen geblieben. Und dann sehen wir, dass aufgetankt wird! Müsste ein gutes Zeichen sein. Und tatsächlich, kurz danach geht es endgültig los.
Während des kurzen Flugs bekommt man einiges geboten an Ausblicken: erst das dicht bebaute La Paz, dann Felder und Wiesen, dann schneebedeckte Berge, dann ein brauner, sich durch die Ebene schlängelnder Fluss, dann üppige Vegetation.
Dann große Erleichterung: Wir sind tatsächlich in Rurrenabaque angekommen!
Auf dem Rollfeld trifft uns der Schlag. Es ist brütend heiß. Und ein bisschen schwül.
Bevor es weitergeht, fragen wir in der menschenleeren Halle an den einzigen zwei Schaltern nach Flügen nach Cochabamba. Die Flüge, die wir im Internet gefunden haben, gibt es nicht mehr. Diese Verbindung ist eingestellt worden. Wie wir am Mittwoch wohin fahren, ist offen.
Dann kommt für Evangelina eine neue Erfahrung: das Tuk-Tuk. Mit dem geht es zur Unterkunft.
Der Weg ist relativ weit. Auf einer schurgeraden Straße, die später in einen Feldweg übergeht, fahren wir an einer unendlichen Reihe von Palmen vorbei.
Die wichtigsten Verkehrsmittel sind hier die Tuk-Tuks und die Motorräder. Autos sieht man kaum.
Direkt vor dem Hostel Lobo werden wir abgesetzt. Dies ist eine Art Lodge für Arme. Hier verkehren meist hochgewachsene, hellhäutige Europäer. Im Swimming-Pool kreischende Teenager.
Die Zimmer sind noch nicht bezugsfertig. Wir machen einen kurzen Spaziergang die Straße runter. Das Wort Rurrenabaque ist Tacana, eine Indio-Sprache, und bedeutet ‚Ententeich‘. Die Stadt hat ungefähr 14.000 Einwohner.
Wir kommen zur Plaza. Dort steht ein Denkmal für einen sein Brevier lesenden Ordenspriester, der für die Gründung einer Schule in Rurrenabaque gesorgt hat. Bis dahin gab er hier vermutlich gar keine Möglichkeit zur Schulbildung.
Dann kommen wir zum Beni, dem Namensgeber der Provinz, dem Fluss, den wir aus dem Flugzeug gesehen haben. Er ist breit und fließt träge vor sich hin.
Hier stehen Kokospalmen mit dichten Bündeln von Früchten. An einem anderen Baum sehen wir eine ähnliche Frucht, die wir nicht identifizieren können. Später erklärt uns die Kellnerin, das sei Pan de Fruta. Die Frucht kann, wenn unreif, zu Mus oder Gemüse verarbeitet werden und, wenn reif, auch roh gegessen werden.
Wir finden ein kleines Lokal. Wie so oft hier, steht sofort eine Gemüsesuppe auf dem Tisch. Dazu gibt es, ebenfalls ungefragt, einen Tamarinden-Saft. Als Hauptgang bekommt Evangelina Fisch, ich ein Fleischgericht mit einer leckeren Soße.
Zwischendurch sehen wir, wie ein Mann sein Motorrad besteigt und losfährt, seine Frau hinten drauf und sein Sohn auf dem Tank. Natürlich alle ohne Helm.
Dann eine junge Frau, Sandaletten tragend, die ein schweres Motorrad besteigt, in beiden Händen Plastiktüten mit Tamarinden-Saft.
Wir sitzen draußen, aber geschützt unter einem Vordach. Glück gehabt, denn plötzlich setzt ein tropischer Regenschauer ein, der es in sich hat. Als wir aufbrechen, ist aber alles schon wieder vorbei.
Dann sind die Zimmer bezugsfähig. Etwas dürftig für den Preis, aber was soll’s? Der „Arbeitstisch“ ist auf jeden Fall zum Arbeiten ungeeignet. Deshalb setzen wir unten am Swimming-Pool.
Zu den Teenagern im Swimming-Pool haben sich inzwischen zwei Erwachsene gesellt. Was für eine Sprache sprechen sie nur? Vielleicht Dänisch? Keine Ahnung.
Am Abend setzen wir uns noch ein Stündchen an den Swimming-Pool. Es ist dunkel, aber man sieht keine Sterne.
Der Mann von der Rezeption bittet die letzten Gäste raus aus dem Swimming-Pool. Er schöpft mit einem Becher Wasser aus dem Swimming-Pool, gießt es in eine Tonne und rührt in ihr herum. Dann nimmt er mit dem Becher die Flüssigkeit aus der Tonne und schüttet sie ins Becken. Zur Desinfizierung vermutlich.
Den Swimming-Pool darf man leider nur von 10 bis 10 benutzen. Da gehen die besten Stunden verloren.
Vom Fluss her hört man die Frösche quaken, aus vollen Kehlen. Manchmal entsteht eine Pause, und dann geht es wieder volle Pulle los.
Warum quaken sie? Ist das Brautwerbung? Und was ist der Unterschied zwischen Fröschen und Kröten? Im Spanischen (ranas /sapos) und Englischen (frogs /toads) gibt es dieselbe Unterscheidung, aber wissenschaftlich ist die wohl nicht haltbar. Beide scheinen zu derselben Gattung zu gehören. Aber sie sehen anders aus und haben auch andere Körpermerkmale. Die Frösche können viel weiter springen als die Kröten, und die Kröten sind etwas unansehnlicher.
Vor dem Schlafengehen erinnere ich mich an noch ein sprachliches Rätsel von heute. Am Flughafen stand ein zweisprachiges Schild, das auf einen Aussichtsturm verweist: Mirador / Apron View. Nie gehört.
10. Januar (Samstag)
Der Tag fängt gut an. Ich will als erstens den Rückflug für Mittwoch buchen. Die günstigsten drei Tarife sind schon ausgebucht, nur noch der teuerste bleibt. Sei’s drum, wir müssen hier ja irgendwie wegkommen. Der Landweg, haben wir gehört, ist weiterhin blockiert. Als ich endlich die ganzen Formulare ausgefüllt habe, werde ich nach einer Steuernummer gefragt und muss zwei Kästchen ausfüllen, bei denen ich gar nicht weiß, was gefragt ist. Ich frage beim Personal, aber keiner weiß Bescheid. Dann versuche ich, irgendetwas zu erfinden, um die Kästchen auszufüllen, aber das wird nicht angenommen.
Ich versuche, die Buchung auf anderem Wege vorzunehmen, statt direkt bei Ecojet bei einem der vielen Plattformen, die sich da im Internet anbieten, aber keine von denen hat Rurrenabaque im Programm.
Ich versuche es noch mal bei Ecojet, jetzt werden die Preise in Dollar angezeigt statt in Bolivianos. Vielleicht braucht man hier keine Steuernummer. Nachdem ich die Flugdaten eingegeben habe, geht es nicht mehr weiter.
Als Evangelina kommt, versuchen wir es beide auf dem Handy, jeder für sich. Jetzt haben wir Glück. Keine Steuernummer. Also geht es ans Bezahlen. Aber das geht nicht mit einer europäischen Kreditkarte. Beide werden zurückgewiesen. Es gibt ein bolivianisches System mit einem QR-Code. Aber dafür braucht man einen Bolivianer, der einem seinen Code zur Verfügung stellt. Und dem man dann den Betrag bar erstattet. Hier finden wir niemanden.
Evangelina versucht, einen Anruf zu machen bei Ecojet, aber ihr Telefon lässt so einen Anruf nicht zu.
An der Rezeption sagt man uns, wir sollten einfach zum Büro von Ecojet hier in Rurrenabaque gehen. Die hätten bis 12 Uhr geöffnet. Wir gehen hin, alles dicht. Eine Frau des Hotels, wo das Büro untergebracht ist, sagt uns, nein, keine Chance, frühestens Montag.
Mein Entschluss steht fest: Die nächste Reise geht in den Schwarzwald. Oder in die Lüneburger Heide.
Wir kaufen in einer Apotheke eine teure Salbe, und Evangelina sorgt für Nachschub beim Wasser. Sie hat innerhalb von 2 Tagen 8 Liter Wasser gekauft.
Jetzt erkunden wir uns nach Exkursionen. Ich bin allerdings nur mit halbem Herzen dabei. Der Flug liegt mir im Magen.
Der Mann im ersten Reisebüro ist ein gewiefter Geschäftsmann. Bei ihm seien wir richtig, er werde sich um uns kümmern, sich unserer Probleme annehmen. Er mache das alles nicht wegen des Geldes, sondern weil er seine Heimatstadt liebe und Freude am Tourismus habe.
Was den Flug betrifft, macht er sofort einen Anruf und hinterlässt eine Sprachnachricht. Das sei sein Neffe, sagt er, der bekomme auch dann noch Tickets, wenn der Flug ausgebucht sei. Aber die jungen Leute würden eben morgens nicht so schnell in die Gänge kommen.
Als er die Sache mit den Exkursionen erklärt, verliere ich bald den Überblick. Es scheint so gut wie alles zu geben, je nachdem, wie viel Geld man investiert. Als Ziele gibt es im Wesentlichen die Pampa oder den Urwald oder eine Kombination von beiden. Die Exkursionen dauern zwischen 2 und 4 Tagen, auf Nachfrage erfährt man, dass es auch Tagesausflüge gibt.
Evangelina sieht man an, dass ihr der Mann und sein Gehabe nicht gefallen hat. Entsprechend äußert sie sich auch, als wir wieder auf die Straße gehen.
Im nächsten Reisebüro drückt uns eine Frau lustlos eine Preisliste in die Hand. Bald sind wir wieder draußen.
Im nächsten Reisebüro ist ein sehr kommunikativer Mann, der anhand einer Karte am Computer zeigt, wo man wie hinkommen kann. Auch hier gibt es so ziemlich alles, was man haben will.
Hier gibt es WLAN. Evangelina darf sich hier einwählen. Jetzt kann sie Ecojet anrufen. Es klingelt. Aber keiner geht ran.
Der Mann empfiehlt uns, nach Riberalta zu fahren. Dort gebe es einen Militärflughafen. Mit unschlagbar ungünstigen Flügen. Wo man die buchen könne. Nirgendwo. Einfach hinfahren am Mittwoch. Die Fahrt mit dem Bus dauere höchstens 6 Stunden, die Straßen seien gut, es könnten auch nur 5 sein.
Etwas ratlos gehen wir zurück. Plötzlich erscheint auf meinem Handy eine Nachricht von Ecojet. Da habe ich heute Morgen irgendwo hin geklickt. Die Antwort kommt auf WhatsApp. Ich versuche, anzurufen, aber die Anruffunktion ist hier blockiert. Jetzt geht es hin und her mit den Nachrichten. Langer Rede kurzer Sinn: Es ist alles fertig, es muss nur noch bezahlt werden. Wieder werden meine Kreditkarten nicht anerkannt, es muss eine bolivianische sein. Dann kommt eine neue Zahlungsaufforderung, diesmal in Dollar. Jetzt funktioniert es.
So richtig aus dem Häuschen sind wir nicht, dafür war es zu frustrierend, und irgendwo im tiefsten Innern bleiben noch Zweifel. Auf jeden Fall sind wir erleichtert.
Ich gehe eine Runde schwimmen. Der Pool ist gerade leer. Es tut gut, und das Wasser ist erstaunlich frisch.
Danach gibt es einen frisch zubereiteten Zitronensaft, der einzige, den es trotz der großspurigen Ankündigungen hier gibt. Der schmeckt allerdings hervorragend.
Daraufhin geht es nochmal raus, um irgendwo ein einfaches Mittagessen zu ergattern. Allerdings müssen wir erst den tropischen Regenschauer abwarten. Der kommt zur selben Zeit wie gestern.
Bis zum frühen Abend ist es im Pool und um den Pool herum rappelvoll, dann gehen alle wie auf Kommando weg. Es wird dunkel, und das Froschkonzert setzt ein.
Ich gehe noch mal in den Pool und will anschließend zur Belohnung einen Caipirinha trinken, aber den kann nur eine Angestellte zubereiten, und die ist nicht da.
Inzwischen haben wir beide die ersten Mückenstiche abbekommen. Sie jucken, tun aber nicht weh.
11. Januar (Sonntag)
Die Geräuschkulisse während der Nacht ist nicht zu verachten: Das Quaken der Frösche wird zuerst ergänzt von einem hohen Summen, einer Mischung aus Vogelgesang und zirpenden Grillen, dann kommt von einem Fest in der Nachbarschaft laute Musik, und am frühen Morgen hört man den Traktor mit seinem knarrenden Motor, gefolgt von Hahn und den Kirchenglocken.
Beim Frühstück scheinen die meisten Gespräche sich um die aktuelle Lage zu handeln, wer kommt wie wohin.
Nach ein paar Runden im leeren Swimming-Pool machen wir uns auf, um eine Exkursion für den nächsten Tag zu buchen. Wir landen wieder bei dem dritten Reisebüro von gestern, bei dem Mann, der auf mich einen ganz guten Eindruck gemacht hat.
Er ist erst ganz verhalten und spricht die Probleme der Versorgung mit Treibstoff an. Aber wenn man sich bereit zeigt, das Portemonnaie zu zücken, scheinen sich die Probleme lösen zu lassen.
Wir buchen am Ende eine zweitägige Exkursion, eine Kombination von Dschungel und Pampa, mit Übernachtung auswärts. Die Sache ist nicht ganz billig, aber so haben wir die Gewähr, dass wir tatsächlich fahren. Und wenn noch jemand dazukommt, reduziert sich der Preis.
Mir sackt das Herz in die Hose, als der Apparat beim ersten Versuch meine Kreditkarte nicht annimmt, aber beim zweiten Versuch klappt es.
Der Mann zeigt uns zwei Internetseiten, auf denen von einer Aktion der bolivianischen Regierung die Rede ist, die gestrandete Touristen mit Sonderflugzeugen nach La Paz oder außer Landes fliegt. Gut zu wissen. Für den Moment bleibt es bei uns bei der Hoffnung, am Mittwoch auf „regulärem“ Weg mit Ecojet nach La Paz zu kommen.
Wir machen noch eine Liste von Dingen, die wir morgen mitbringen müssen, darunter Insektenschutzmittel, und setzen uns gleich nebenan in das kleine Lokal von gestern und bestellen einen Kaffee. Die freundlich, kugelrunde Kellnerin hat draußen vor dem Lokal ein Wägelchen mit Snacks aufgefahren. Morgen früh, sagt sie, sei sie schon ab 7 Uhr in Aktion. Dann können wir hier also morgen Wegverpflegung vor der Exkursion bekommen.
Als wir da sitzen, fährt ein Mann mit einem Motorrad mit eingebautem Sonnenschirm vor. Er erlaubt mir, ein Photo von dem Gefährt zu machen.
Am Uferweg findet ein Markt statt, und den lassen wir uns nicht entgehen. Wie immer, eine sehr farbige Angelegenheit. Würste und Hühner werden unverpackt angeboten und abgewogen. Vor allem aber gibt es Obst, an großen und kleinen, an richtigen und an improvisierten Ständen. Vor allem Bananen gibt es in rauen Mengen, große grüne, die unreif aussehen, und kleine gelbe, die überreif aussehen.
Evangelina probiert Trauben, grüne und blaue, aber beide schmecken ihr nicht. Sie sucht eine andere Sorte. Die seien nicht gekommen, sagt die Verkäuferin. Wegen der Blockaden. Am Ende kaufen wir Pflaumen.
An einem anderen Stand sehen wir eine Frucht, die wir nicht identifizieren können. Tomaten? Mangos im Kleinformat? Oder etwa eine Art Nuss? Keins von allem: Achachairu, eine Frucht, die selbst in Bolivien lange fast unbekannt war, weil sie nur in abgelegenen Gebieten angebaut wurde. Sie ist äußerlich rötlich-braun, innen weiß. Sie schmeckt süß und gleichzeitig ein bisschen nach Zitrone. Wir nehmen ein Netz mit.
Auf dem Weg nach Hause kommt uns ein Junge im BVB-Trikot entgegen. Meine Bitte, ein Photo machen zu dürfen, wird von der Mutter und von ihm selbst, gerne erfüllt.
Nach einer Zwischenpause zu Hause gehen wir wieder los, auf der Suche nach einem Mittagessen. Ich habe unterwegs ein Fischlokal gesehen und führe Evangelina dorthin. Und was bestellt sie? Fleisch!
Das Lokal heißt La Cabaña und ist gut gefüllt. An langen Tischen sitzen ganze Familien zum sonntäglichen Mittagessen zusammen.
Die Cabana ist wirklich eine Art Hütte, riedgedeckt, mit offenen „Fenstern“. Auf den Fensterbänken stehen Pflanzen, die bei uns Zimmerpflanzen sind.
Aus dem Innenraum sieht man auf die Verkaufsstände draußen auf dem Markt. Dort heißt es auf einem Schild Polera Mujer a 5 bs. Das ist in Spanien ein unbekanntes Wort. Hier bin ich ihm schon mehrfach begegnet, vergesse aber immer wieder die Bedeutung. Es kann sowohl ‚Rollkragenpullover‘ als auch ‚T-Shirt‘ bedeuten.
Ich erlaube mir nach langer Zeit mal wieder ein Bierchen, La Pacena, und während wir aufs Essen warten, beobachten wir das rege Treiben vor und in dem Lokal. Immer wieder kommen Verkäufer vorbei, bleiben an der Schwelle stehen und bieten kleine Weidenkörbe zum Verkauf an. Dann kommt eine bedauernswerte alte Frau, klein, mit einem enormen Buckel, sich mühsam auf breiten Krücken vorwärtsbewegend. Sie hält uns einen Fächer hin. Darauf kann man sein Kleingeld deponieren. Ich krame in meinen Taschen herum und gebe ihr alle Münzen, die ich finden kann.
Dann kommt eine Frau mit einem Sack, in dem sich etwas bewegt. Ein Hund, vermute ich. Sie bleibt auf der Schwelle stehen und lenkt mit einer Geste die Aufmerksamkeit eines der Kellner auf sich. Der kommt und nimmt ihr den Sack ab. Evangelina hat es gesehen. Kein Hund, ein Schwein. Nachschub für die Fleischversorgung.
An Fisch gibt es hier so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann: Pescado al Ajillo – Pescado a la Plancha – Sudado de Pescado – Pescado al Curry – Pescado a la Crema – Milanesa de Pescado. Das ist alles aber nichts im Vergleich zu dem, was am Nebentisch serviert wird: Pescado a la Tacuara. Der Kellner kommt mit einen langen, breiten Rohr an den Tisch und schüttet den Inhalt, eine Art Terrine, vorsichtig in eine Schüssel. Wir erfahren, dass der Fisch nicht nur in dem Rohr serviert, sondern auch gekocht wird.
Unser Essen kommt. Ich genieße seit langem mal wieder ein Pasta-Gericht, und Evangelina Spanferkel mit einer knusprigen Kruste, mit Yucca, Reis und Salat serviert.
Während wir essen, setzt der unvermeidliche tropische Regenschauer ein, und frag nicht wie! Der Regen peitscht auf den Asphalt und trommelt auf das Dach. Ein Spektakel. Alle gucken hin.
Auf dem Rückweg kommen wir noch einigermaßen glimpflich davon, nur die letzten Meter über die unbefestigte Straße bis zu unserer Lodge machen uns zu schaffen.
Den ganzen Abend verbringe ich am PC. Was eigentlich eine leichte Aufgabe sein müsste, verwandelt sich hier wegen der schlechten Internetverbindung in eine größere Herausforderung. Am Ende klappt es dann doch: der Anschlussflug von La Paz nach Cochabamba ist gebucht und die Unterkunft in Cochabamba auch.
12. Januar (Montag)
Heute geht es auf Exkursion. Als wir an dem Reisebüro ankommen, werden wir erst mal gebeten, draußen Platz zu nehmen. Als wir da so sitzen und warten, sehen wir, wie der Mann von gestern an einem Auto rumbastelt, das nicht anspringen will. Hoffentlich ist das nicht unseres.
Dann kommt die Nachricht des Tages: Die Blockaden sind beendet! Wir sehen im Handy nach, und auf der Internetseite der Deutschen Welle wird das bestätigt. Man hat sich geeinigt. Es soll eine Kommission gegründet werden, die sich um eine Lösung kümmert. Auf der Internetseite der einheimischen ABC kommt aber eine wichtige Einschränkung: Ja, man hat sich vorläufig geeinigt, aber das heißt überhaupt nicht, dass die Blockaden aufgehoben sind. 52 von 68 bestehen weiterhin.
Dann bekommen wir Gummistiefel und ein langärmeliges Hemd verpasst. Bevor es losgeht, wird erst einmal abkassiert. Eintritt in den Parque Nacional Madidi. Zusätzlich zu der gebuchten Exkursion. In bar zu zahlen. Nein, sagt die Frau, die uns zur Kasse bittet, nicht 200 Bolivianos insgesamt, 200 Bolivianos pro Person. Das Ganze bleibt uns bis zum Ende der Reise suspekt, zumal niemals irgendwo eine Grenzstation am Eingang des Parks auftaucht. Warum muss man bar bezahlen? Warum können wir nicht selbst den Betrag bezahlen, da, wo er fällig wird?
Egal, jetzt werden wir zum Hafen geleitet. Es geht gleich mit dem Boot los. Der Ablauf war uns nicht ganz klar.
Das Einsteigen ist auf dem morastigen Gelände ein Balanceakt, aber die beiden Männer helfen uns. Das Boot ist alt und schmutzig und rostig, aber die Sitze sind bequem, und es gibt ein Verdeck.
Das Boot hat 10 Sitzplätze, kann aber mit Planken auf 20 Sitzplätze ausgebaut werden. Dann muss allerdings ein dritter Mann an Bord sein.
Es werden Kisten mit Proviant eingeladen, und wir bekommen Schwimmwesten umgelegt.
Der Bootsmann heißt Chaco, unser Führer heißt Fernando. Er redet gerne und viel, meist von sich und seiner Familie und dem Unternehmen. Das ist ein reines Familienunternehmen.
Er hat selbst eine Zeitlang in Chile und eine Zeitlang in Brasilien gelebt. Aber am schönsten sei es zu Hause, versichert er uns. Eine seiner Schwestern ist nach Italien ausgewandert, sie arbeitet dort in einem Altersheim. Sei aber in all den Jahren nur einmal nach Bolivien zurückgekehrt.
Wir fahren den Río Beni rauf, gegen die Strömung. Von hier aus kann man bis nach Brasilien fahren. Der Beni, gerade mal schlappe 1.100 Kilometer lang, mündet in den Madeira, und der wiederum mündet in den Amazonas.
Wer glaubt, im Amazonasgebiet wäre alles flach, wird hier eines anderen belehrt. Berge zu beiden Seiten. Es ist ein schönes Landschaftspanorama.
Fernando erzählt stolz, die Menschen in Rurrenabaque seien Selbstversorger. Hier gebe es alles, Fluss und Urwald stellten alles bereit, was man haben wolle. Jagd, Fischfang, Ackerbau, und man habe alles, was man zum Leben brauche. Öl? Kein Problem, man habe zwar kein Olivenöl, extrahiere aber Öl aus der chuña, der nach uralter andiner Tradition aus der „tiefgefrorenen“ Kartoffel. Die müsse man allerdings aus La Paz importieren. Die wächst in diesem Klima nicht.
Der Fischfang, erfahren wir, sei besonders reich zu Zeiten des Hochwassers. Mit dem Zufluss aus den Bächen kämen dann auch mehr Fische in den Beni.
Mit dem Treibgut kommt uns auch einiges an Müll auf dem Fluss entgegen, vor allem Getränkedosen und Plastikflaschen. Je weiter wir fahren, umso besser wird es.
Immer wieder werden wir von laut knatternden, stinkenden Indio-Booten überholt, meist nur mit 2-3 Personen besetzt. Die Indios kehren vom Markt in Rurrenabaque zurück, auf dem sie gestern Geschäfte gemacht haben. Sie benutzen den billigsten Diesel, den es gibt, deshalb knarrt es bei ihnen so. Immer wieder sehen wir Landestege, die zu ihren Gemeinschaften am Uferrand führen. Die kann man von hier aus aber nicht einsehen.
Die comuneros, wie Fernando sie nennt, haben das Recht zur „Goldwäsche“ im Beni. Und davon machen sie auch Gebrauch, wie wir bei zwei, drei Gelegenheiten sehen können. Es ist ein mühsames Geschäft, etwa 2 Wochen, sagt Fernando, für 10-15 Gramm. Aber es ist ein lohnenswertes Geschäft, gerade jetzt, wo der Goldpreis steigt und steigt.
„¡Miren, un chancho del monte!“, ruft Fernando plötzlich. Direkt vor taucht aus dem Wasser ein Kopf auf. Ein Pekari, ein Nabelschwein, dem man aber erst ansieht, dass es ein Schwein ist, als es ans Ufer kommt. Es findet geschickt einen Weg zwischen den Felsen und verschwindet im Gebüsch. Es kommt vom anderen Ufer, sagt Fernando. Das Pekari ist das einzige Schwein, das schwimmen kann.
Wir erfahren, dass wir uns jetzt, was den Tourismus betrifft, in der Nebensaison befinden. Hochsaison ist in unserem Sommer, Juli und August. Wir sollen im August noch mal wiederkommen, meint er, dann gebe es mehr Tiere zu sehen.
Der Beni fließt gar nicht so gemächlich, wie ich mir das bei einem Amazonas-Fluss vorgestellt habe. Die Strömung ist ordentlich, und unser Bootsmann hat ordentlich was zu tun. Offensichtlich versteht er sein Geschäft. Immer wieder manövriert er zur einen oder anderen Seite, um eine Stromschnelle zu vermeiden, und wir kommen gut voran. Nur ganz selten setzt das Boot hart auf dem Wasser auf.
An einer Stelle verengt sich der Fluss. Wir fahren durch eine Art Schlucht. Hier wollte Morales, erklärt uns Fernando, einen Staudamm bauen, traf dabei aber auf den Widerstand der comuneros und musste das Projekt fallen lassen.
Danach breitet sich der Fluss wieder, und die Landschaft verändert sich. Jetzt ist es flacher am Ufer, und eine Seite ist ganz mit Schilf bewachsen.
Dann gabelt sich der Fluss, aber er ist hier so breit, dass man das kaum sehen kann, wo der Beni und wo der andere Fluss ist.
An einem Landesteg, von dem aus wir zu einer der Gemeinschaften der comuneros gelangen können, steigen wir aus. Ein schmaler Trampelpfad führt durch das Gebüsch. Auf dem Weg Wurzeln, Blätter, Zweige, umgestürzte Baumstämme.
Als erstes pflückt Fernando eine Frucht mit gelber Farbe. Er bricht sie auf. Innen ist sie weiß. Was kann das nur sein? Wir stehen auf dem Schlauch. Es ist Kakao! Die weißen Kerne innen kann man lutschen. Schmecken süß, aber überhaupt nicht nach Kakao. Diese Kerne werden in der Sonne getrocknet, und dann verschwindet der weiße Überzug, und die Kakaobohne kommt zum Vorschein.
Dann kommen Bananenstauden, riesig, mit großen Blättern. Die Früchte wachsen in dichten Büscheln, die wiederum aus „Händen“ bestehen. Die einzelnen Früchte sind die „Finger“. Jede Hand hat 10-20 Finger. Die Bananen wachsen gekrümmt nach oben, „falsch“ herum sozusagen. Die Krümmung entsteht, weil sie das Sonnenlicht suchen. Das nennt man Tropismus. Die Blüte der Banane, violett, hängt wie eine Glocke unter den Früchten!
Eine besondere Palme ist außen hart wie Stein, hat aber innen Holz, das sehr biegsam ist. Es wird für die Herstellung von Bögen und von Angeln genutzt.
An vielen Bäumen Termitenhaufen. Sie bestehen aus den Exkrementen der Tiere. Wenn man an dem Haufen ein bisschen kratzt, kommen Termiten zum Vorschein. Man kann sie mit dem befeuchteten Finger auflesen und essen. Kenne ich schon aus Ecuador. Für Evangelina eine neue Erfahrung.
Schließlich kommen wir noch zu einer ganz besonderen Palme, motacú, endemisch in Bolivien. Die Früchte, grün, klein, wachsen in ganz dichten Bündeln. Sie sind essbar und man gewinnt Öl aus ihnen. Das wird kosmetisch fürs Haar und medizinisch für Lunge und Leber gebraucht. Aus den Blättern, mit denen früher die Behausungen abgedeckt wurden, stellt man Körbe und andere Gebrauchsartikel her.
Schon kurz vor dem Dorf sehen wir einen Baum, der scheidenartige Früchte trägt. Innen wieder Kakaobohnen, aber die schmecken nicht so süß.
Im Dorf lässt sich zunächst niemand sehen. Es scheint nur aus ein paar Hütten zu bestehen. Am Rand eine Zuckerrohrplantage, vorne ein Bolzplatz mit richtigen Toren, etwas schief stehend, und in der Mitte eine Apparatur, die umgehend kennenlernen werden. Es ist eine Zuckermühle, trapiche auf Spanisch. Damit wird der Zuckerrohrsaft gewonnen. In der Mitte drei hölzerne Walzen. Über eine Rinne werden die Zuckerrohrstangen eingeführt, mittels einer Stange, die außen um die Anlage herumläuft. Mit Menschenkraft betrieben. Wir versuchen uns beide daran und filmen uns gegenseitig dabei, wie wir mit allergrößter Kraftanstrengung und unter lautem Stöhnen die Mühle in Bewegung setzen. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Erstaunlich, wie viel Saft in den Stangen steckt.
Wir setzen uns und probieren den Saft. Zu süß, aber mit der Zugabe von etwas Zitronensaft schmeckt er richtig gut.
Wir trinken den Saft aus einer Schale, die ebenfalls aus der Frucht einer Pflanze hergestellt wird. Wir werden sie später noch in natura sehen. Diese große Schale dient auch als „Hut“ und als „Dusche“. Außerdem werden aus der Frucht Schöpflöffel hergestellt.
Inzwischen sind drei junge Männer aus dem Dorf aufgetaucht. Sie erklären, man dürfe den Zuckerrohrsaft nie mit Wasser vermischen. Dann komme man gar nicht mehr runter vom Klo.
Als wir unseren Weg hierher erklären und von den Straßenblockaden sprechen, sind sie ganz erstaunt. ¿Bloqueo? Davon haben sie nichts mitbekommen.
Evangelina fragt nach der Schule. Ja, inzwischen gibt es nicht nur die Grundschule, sondern auch die Sekundarstufe. Unterrichtet wird auf Spanisch.
Genauso wie Fernando gebrauchen sie auch de repente, um vielleicht zu sagen, eine Form, die mir ganz unbekannt ist, genauso wie das ebenso amerikanische capaz.
Wir brechen auf. Nach kurzer Fahrt gelangen wir wieder an einen Landesteg. Wir gehen ein kurzes Stück und kommen zu einem anderen Boot. Um zur Lodge zu kommen, müssen wir noch über einen abgestorbenen Nebenarm des Beni scheppern. Beim Einstieg bringe ich das Boot beinahe zum Kentern. Im letzten Moment verhindern helfende Hände das Schlimmste.
Die Kisten werden mittels einer Schubkarre, die hier irgendwo auftaucht, von einem Boot ins andere verfrachtet, und es kann losgehen. Hier ist es total einsam und ruhig.
Hier im Fluss gibt es Piranhas, aber die sehen wir ebenso wenig wie die Schildkröten am Uferrand, auf die Fernando hinweist. Irgendwie sind wir immer zu langsam.
Wohl sehen wir einen Vogel mit schönem, weiß-braun-schwarzem Gefieder, der elegant gleich über uns durch die Luft gleitet. Es ist ein paraba, ein papageienartiger Vogel.
Der Himmel ist bewölkt, aber dazwischen kommt die Sonne raus. Die Strahlung der Sonne ist stark, und die Sonne blendet stark. Dafür gibt es im Spanischen hier in Amerika ein eigenes Wort, resolana. Evangelina und Fernando sind damit vertraut, für mich ist es neu.
Nach kurzer Fahrt erreichen wir die Lodge. Wir werden sofort von einer freundlichen Frau mit einem Glas Zitronensaft empfangen.
Es gibt hier ein paar Hütten, die so einfach sind, wie man das hier erwarten kann, und eine etwas größeres, neueres Häuschen mit Küche und Essraum. Fernando erklärt, sie hätten das alles peu à peu aufgebaut. Früher hätten die Touristen hier weniger Komfort gehabt. Der Strom wird mittels einer „Solaranlage“ betrieben, die Mennoniten aus der Gegend aufgebaut haben. Nachts wird der Strom abgestellt, aber jetzt können wir noch unsere Handys aufladen.
Sofort wird ein schmackhaftes Mittagessen serviert, und danach kann man eine kleine Pause einlegen. Am Nebentisch eine Gruppe aus zwei Deutschen und drei Franzosen.
Bevor wir zu einem Spaziergang durch den Urwald aufbrechen, zeigt Fernando uns noch zwei Bäume. An einem hängen dicke, grüne Früchte, die aber gar nicht so schwer sind, wie sie aussehen. Das ist die Frucht, tutuma, aus der die Trinkschale gemacht ist, aus der wir den Zuckerrohrsaft getrunken haben.
Am Nachbarbaum copoazú, hängen ovale, orangefarbene Früchte, aus denen uns nach der Rückkehr ein leckerer Saft serviert wird.
Jetzt geht es in den Urwald. Selbst hier gibt es einen „Weg“, aber wir schlagen uns auch immer wieder ins Gebüsch. Fernando ist mit einer Machete bewaffnet, die er meisterhaft benutzt, um uns mit einem einzigen Streich den Weg freizumachen, aber auch, um ganz feine Zweige zu schneiden und Früchte zu schälen.
Dies ist zwar vielleicht nicht der Urwald mit heulenden Affen und gefährlichen Schlangen, wie wir uns ihn vorstellen, aber man hat schon das Gefühl, im Urwald zu sein.
Als erstes sehen wir eine Kaffeepflanze, mit harten, grünen Früchten. Sind aber für den Menschen hier nicht nützlich, da sie alle den Insekten zum Opfer fallen.
Dann sehen wir Ameisen, die nur wie grüne Punkte aussehen, da sie auf ihrem Rücken abgeschnittene Blätter transportieren. Sie laufen auf ein Loch in einem Baum zu. Drinnen deponieren sie die Blätter. Die gelagerten Blätter bilden Larven aus, und von denen, nicht von den Blättern, ernähren sich die Ameisen.
Auf einem umgestürzten Baumstamm, der quer auf dem Weg liegt, haben sich Pilze ausgebildet, ein wunderbares Photomotiv.
Fernando „fängt“ einen Tausendfüßler und legt ihn auf einem Baumstamm ab. Er krümmt sich sofort zusammen.
An einem anderen Baumstamm sehen wir einen behaarten Wurm, und dann ein großes, dunkles Spinnennetz.
Auf dem ganzen Weg werden wir von Hunderten von Moskitos umschwärmt. Fernando findet auch, dass es ungewöhnlich viele sind, wohl die Folge der Kombination von Regen und Sonne. Das Mückenschutzmittel verhindert das Schlimmste, und später gibt uns Fernando die Rinde eines Baumes, mit deren Innenseite man die gefährdeten Körperteile einreiben kann. Auch das zeigt seine Wirkung.
Dann kommt eine besondere Palme, chonta, eine Stachelpalme mit nussartigen Früchten. Sie hat viele Eigenschaften, soll unter anderem die Verdauung fördern und den Blutdruck kontrollieren. Vor allem ist sie aber für die Indios eine Pflanze, die Identität stiftet. Aus ihr wird Schmuck hergestellt, der in jeder Gemeinschaft besondere Merkmale hat.
Dann kommt pachoa, die „wandernde Palme“. Ihr Stamm läuft nach unten in dünne, schräg stehende „Beine“ aus, wie bei einem Tripod zum Photographieren, nur mit mehr Beinen. Die inneren Beine sterben ab, dafür werden nach außen hin neue Beine entwickelt. So kann die Palme sich um ca. 20 Zentimeter pro Jahr weiterbewegen und mehr Licht oder bessere Böden erreichen.
Dann nimmt Fernando die Machete und haut ein paar Kerben in den Stamm eines Baumes, ganz unten. Wir warten, und nach ein, zwei Minuten tritt eine weiße Flüssigkeit aus. Wir nehmen sie zwischen Daumen und Finger und reiben ein bisschen daran. Die Flüssigkeit verfestigt sich und die Farbe verändert sich. Dann merken wir, um was es sich handelt, denn unsere Finger kleben zusammen: Kautschuk. Es handelt sich um einen Gummibaum. Aus der Flüssigkeit, die er preisgibt, wird Klebstoff ebenso hergestellt wie Gummireifen oder Gummischürzen.
Auf einem Baumstamm machen wir eine wohltuende Pause, während Fernando weitergeht, um etwas zu holen. Wir sitzen ein paar Minuten in aller Stille dort. Nur die Vögel hört man, kein großes Konzert, sondern vereinzelt, alle anders klingend: Einer stößt einen langen Pfeifton aus, ein anderer trillert, ein dritter macht dreimal hintereinander Piep, ein anderer singt die ganze Tonleiter runter, bis zum letzten Ton, den er in die Länge zieht.
Dann ruft Fernando uns zu sich. Er nimmt seine Machete, um einen ganz dünnen Zweig zu schälen. Er bittet uns, auszuatmen, hält und den Zweig unter die Nase und sagt uns, wir sollten jetzt tief einatmen. Der Effekt ist fulminant. Ein starker, scharfer Luftstrom mit intensiven, nach Medizin schmeckenden Geruch geht durch die Nase und den Mund und dringt in den Kopf ein. Diese Übung wird für allerlei Heilzwecke eingesetzt, vor allem für alles, was mit dem Kopf und dem Hals zu tun hat.
Wir kommen zu einem Gewässer, das ganz wunderbar aussieht, ein Tümpel, in dem das Wasser steht und eine gleichmäßige grüne Oberfläche hat, wie ein gepflegter Rasen. Auf dem Wasser liegen Äste, und an einigen Stellen gucken abgestorbene Baumstämme aus dem Wasser hervor. An verschiedenen Stellen kommt die Sonne durch und bescheint den Tümpel. Ein wunderbares Bild.
Etwas abseits finden wir eine Liane, und Evangelina lässt es sich nicht nehmen und schwingt sich an ihr durch den Urwald.
Aber Fernando hat noch eine Überraschung für uns, eine weitere Liane. Die schneidet er auf und gibt uns zu trinken. Der Stamm der Liane enthält Wasser!
Schon fast auf dem Rückweg findet Fernando am Wegesrand noch eine Muschel. Was macht eine Muschel hier? Ist so ziemlich das Letzte, womit ich gerechnet habe.
Zum Schluss sehen wir noch einen stämmigen Baum, solimán, mit dem es eine besondere Bewandtnis hat. Sein Holz ist steinhart und wird für den Hausbau verwandt. Aber erst mal muss man darankommen, denn die Rinde ist hochgiftig. Dafür haben die Indios eine besondere Technik entwickelt. Und haben der Rinde gleich noch einen weiteren Zweck verliehen. Sie wird beim Fischfang eingesetzt. Die Fische verenden zwar nicht, aber kommen verängstigt, wie in Bedrängnis, an die Oberfläche und können gefangen werden.
Als wir zur Lodge kommen, sehen wir schon, wie das Abendessen zubereitet wird. Der Fisch, in Bananenblätter eingerollt, liegt auf einem Rost über einem Holzfeuer, aber abwärts, so dass er nicht gegrillt, sondern geräuchert wird. Als er beim Abendessen zwischen den Bananenblätter zum Vorschein kommt, sieht er eher wie gekocht als geräuchert aus.
Am Ende des Tages zählen wir unsere Mückenstiche. Ich gewinne.
13. Januar (Dienstag)
Auf dem Weg zum Frühstück stürzt Evangelina, weil eine der Baumscheiben, über die man in das Haus gelangt, wegrutscht. Jetzt haben wir beide geschwollene Knie!
Das Frühstück hat mit unserem nichts gemein. Es gibt Apfelsinen und Ananas in Scheiben, jeweils mit einer Kirsche verziert. Dazu ein süßes Gebäck und ein weiteres Gebäck, eine Art Krapfen, mit Käse gefüllt. Dazu frischen Orangensaft.
Fernando drängt zur Eile. Er findet, wir hätten getrödelt. Wir müssen zuerst nach Rurrenabaque zurück, erst von dort geht es in die Pampa. Das war uns nicht klar.
Für den Rückweg brauchen wir weniger Zeit, weil es stromabwärts geht. Unterwegs erfahren wir, dass Rurrenabaque auch ein wichtiger Umschlagplatz für den Kokain-Schmuggel ist. Vor hier geht die Ware nach Brasilien.
Kurz vor Rurrenabaque zeigt Fernando auf einen Punkt in den Bergen. Dort habe sich ein vormaliger Diktator eine Luxusvilla errichten lassen, natürlich von Steuergeldern. Es wurde später zur Verantwortung gezogen und verurteilt. Das ganze Gelände mitsamt der Villa verkümmerte und ist inzwischen Ruine.
Die Brücke über den Beni, die wir von unserer Unterkunft aus sehen, sei neu, erklärt Fernando. Durch sie sei alles leichter geworden.
Unsere Unterkunft, Lobo, erfahren wir, ist das Eigentum eines israelischen Unternehmers.
Wir gehen an Land, verabschieden uns von Chaco und werden im Büro unsere durchschwitzten Hemden und vor allem die Stiefel los. Es ist richtig heiß hier.
Sofort machen wir uns auf den Weg, mit einem Kleintransporter. Die Straße, über die wir fahren, ist neu. Früher gab es nur einen Schotterweg hier. Wofür man früher 1-2 Tage brauchte, das schafft man heute in 6 Stunden. Die Straße wurde von den Chinesen gebaut. Allerdings haben sie ihre Arbeit nicht richtig fertig gemacht. Erstens gibt es keinen Schutz für die Tiere und gegen Zusammenstöße mit Tieren. Es hat schon tödliche Unfälle gegeben. Zweitens untergräbt das Wasser des sumpfigen Geländes zu beiden Seiten die Straße. Wie wir später selbst sehen können, ist der ohnehin nur schmale Seitenstreifen schon an vielen Stellen brüchig.
Viele der hier verkehrenden Autos haben keine Nummernschilder. Das lässt Evangelina keine Ruhe. Sie hat mich schon vorher darauf hingewiesen, aber ich habe nicht verstanden, was sie meinte. Sie sagt patente, in Spanien sagt man matrícula. Jetzt versteht Fernando sie auch nicht. In Bolivien sagt man placa.
Jedenfalls erklärt Fernando, man brauche kein Nummernschild, solange man sich in (der Provinz) Beni befinde, nur dann, wenn man nach La Paz fahre. Das sei alles völlig legal. Dazu erfahren wir in den nächsten Tagen noch eine andere Version.
Wir sehen, etwas weit entfernt, einen weißen Vogel mit einem schwarzen Kopf und rotem Hals. Er ernährt sich von Schlangen, Eidechsen und Fischen. Die Fische sind aber nicht dumm. Bei herannahender Gefahr „ducken“ sie sich weg und verstecken sich ganz tief unten im Wasser.
Auf den Warnschildern, in Schwarz und Gelb, die auf kreuzende Tiere hinweisen, sieht man Kühe, vor allem aber ein Tier, das ich nicht kenne. Fernando nennt es capivara, Angelina carpincho. Die ersten Versuche, eins zu sehen zu bekommen, sind nicht so erfolgreich. Fernando sieht eine Mutter mit Nachwuchs, aber bevor wir sie sehen, sind sie schon im Gebüsch verschwunden. Dann sehen wir einen toten, am Straßenrand liegend. Der wird schon von Aasgeiern ausgenommen. Etwas später hält Fernando an. Er hat wirklich einen phantastischen Blick für die Tiere. Hier sehen wir, in einem Sumpf, aber etwas weit entfernt, eine Mutter mit ihren Kleinen. Das Männchen hält sich immer etwas entfernt, ist auf Wache und schlägt Alarm, wenn Gefahr droht. Erst auf dem Rückweg bekommen wir dann ein Einzelexemplar in seiner ganzen Pracht zu sehen. Wirkt auf mich wie eine Kreuzung aus Nagetier und Schwein.
Fernando stellt gelegentlich etwas seltsam anmutende Behauptungen auf, und am Ende hat er immer gerne Recht. Nein, meint er, capivara und carpincho, das sei nicht dasselbe Tier, da irre Evangelina. Später finden wir im Internet heraus, dass es wohl dasselbe Tier ist, die Wörter sind nur regional verschieden.
Die interessanteste Behauptung, die er aufstellt, fällt im Zusammenhang mit den parabas, den Vögeln, von denen wir gestern ein paar Exemplare gesehen haben. Die parabas sind sich ein Leben lang treu, sie leben monogam. Wenn das Weibchen stirbt, behauptet Fernando, stürze sich das Männchen ins Wasser und begehe Selbstmord. Dasselbe gelte für die Kondore. Kann das stimmen? Gibt es überhaupt Tiere, die Selbstmord begehen?
Irgendwann stehen mitten auf der Straße Kühe, weiße, graue, und braun-schwarz-weiße, alle mit mächtigen, runden Hörnern. Straßenblockade der anderen Art. Sie lassen sich durch das Auto nicht groß stören und gehen ganz gemächlich zur Seite.
Auch auf den Weiden am Wegesrand Kühe in Hülle und Fülle. Sie gehören zu den Farmen – Fernando spricht von estancias – die sich hier überall befinden. Die Eigentümer sind alle steinreich, vor allem einer, dem gleich Dutzende von estancias gehören. Fernando nennt ihn den Herrn von Santa Cruz, El dueño de Santa Cruz.
Die Warnschilder werden immer abwechslungsreicher. Jetzt sieht man auch einen Kaiman, einen Strauß und ein kombiniertes Schild mit drei Tieren. Fernando tut mir immer den Gefallen, anzuhalten, damit ich Photos machen kann.
Strauße sieht man tatsächlich reichlich. Sie sind zuerst als Zuchttiere eingeführt worden, haben sich jetzt aber selbständig gemacht und leben in Freiheit.
Wir verlassen die Straße und gelangen über eine Schotterpiste in ein schönes Lokal, das man in dem verlassenen Kaff gar nicht erwartet. Im Innenhof ein Tukan mit wunderbar buntem Gefieder, und eine Katze, die wie tot aussieht, aber nicht ist. Sie sonnt sich nur.
Es gibt ein reichhaltiges, schmackhaftes Essen. Ich lange ordentlich zu. Evangelina geht es nicht so gut, aber Fernando reagiert kaum darauf, als sie es zur Sprache bringt.
In La Paz, sagt er, halte er es nicht lange aus. Da sei es ihm zu kalt. Er liebe die Hitze. Dabei benutzt er la calor, im Femininum.
Dann lässt er uns alleine, kündigt etwas an, das ich wieder nicht verstehe. Er fährt zu einer Tankstelle. Die heißt hier surtidor statt gasolinera.
Als er wiederkommt, brechen wir sofort auf. Wir fahren zu einer Anlegestelle und steigen wieder in ein Boot. Diesmal übernimmt Fernando selbst das Steuer.
Es ist sehr einsam hier, während der ganzen Zeit begegnen wir kaum mal einem anderen Boot. Fernando weicht auch manchmal auf einen Nebenarm aus.
Blöderweise fängt es an zu regnen, sobald wir ins Boot steigen. Der Regen nimmt zu, und am Ende schüttet es nur so. Man sitzt hier ungeschützt, da die Boote hier kein Verdeck haben. Ist nicht erlaubt.
Einmal versucht Fernando sogar, sich „unterzustellen“. Das gelingt so halb. Die Szenerie hier, in einer Art Sackgasse des Flusses, mit dicht stehenden Bäumen, ist allerdings wunderschön.
Der Regen ist auch nicht gerade förderlich, wenn es darum geht, Tiere zu sehen. Ein paar erwischen wir doch. Zuerst einen großen Vogel mit einem schönen Gefieder und einem Kopf wie ein Wiedehopf. Dann einen Baum mit lauter kleinen schwarz-gelben Vögeln. Der Baum ist voller Nester, und die hängen wie Säcke von den Ästen herab. Auf einem umgestürzten Baumstamm haben es sich zwei Schildkröten im Wasser gemütlich gemacht. Als wir wieder bei ihnen vorbeifahren, ist nur noch eine da. Sehr schön ist die Spiegelung des Gebüschs im Wasser. Davor streckt ein Vogel mit einem langen Hals und einem langen Schnabel seinen Kopf aus dem Wasser. Er dreht den Kopf in alle Richtungen, so als wolle er sich präsentieren.
Den Höhepunkt bilden die gelben Äffchen. Von denen bekommen wir ganz viele aus nächster Nähe zu sehen. Sie klettern, alleine oder zu zweit, in den Bäumen herum oder springen von Ast zu Ast. Eine Mutter trägt ihr Kleines auf der Schulter, verschwindet aber schnell im Gebüsch, als wir uns nähern. Die anderen sehen uns neugierig an.
Zum Schluss kommt noch die Jagd nach den groß angekündigten rosa Delphinen. An der ersten Stelle taucht gar keiner auf, an der zweiten dann wohl. Aber so ganz können wir Fernandos Enthusiasmus nicht teilen. Man sieht sie wirklich nur für Bruchteile von Sekunden, und man sieht immer nur den Rücken. Auch sind sie zwar anders als die grauen Meeresdelphine, aber auch nicht richtig rosa.
Dann geht es zurück an Land, und wir machen uns auf den Weg nach Rurrenabaque. Unterwegs gibt es noch was zu sehen. Wieder ist Fernandos Sensorium für Tiere echt bemerkenswert. Er hat aus dem Auto heraus ein Faultier entdeckt. Wir sehen es erst gar nicht, obwohl wir gehalten haben und ausgestiegen sind. Dann entdecke ich es endlich auch, an einem Ast hängend. Ich bin eine Sekunde zu spät mit der Kamera, denn das Faultier klettert, als es uns bemerkt, den Ast herunter, und ich erwische nur noch den Arm. Wir gehen näher ran, und jetzt können wir das graue Gesicht von unten sehen, zwischen den Blättern, ganz nah.
Fernando tut uns den Gefallen, uns in Rurrenabaque direkt zur Unterkunft zu bringen. Das trifft sich gut. Der Koffer muss noch gepackt werden. Morgen geht es früh los.
14. Januar (Mittwoch)
Am Morgen herrscht Aufbruchsstimmung. Der Frühstücksraum ist voll, und draußen warten die Tuk-Tuks.
In ganz kurzer Zeit sind wir am Flughafen. Am Schalter von Ecojet steht eine bolivianische Familie. Sie geben keine Koffer auf. Vor uns zwei Tschechen, die es sich wohl anders überlegt haben und erst am Freitag abreisen.
Als wir dran sind, sieht sich die Frau am Schalter erst lang unsere Buchung an. Erst dann sagt sie: Der Flug heute fällt aus. Mechanische Probleme. Sie drückt uns ein Formular in die Hand, mit dem man Erstattungsansprüche geltend machen kann. Eigentlich, finde ich, müsste die Fluglinien von selbst das Geld erstatten. So hat es bei den Busunternehmen funktioniert.
Unsere Tuk-Tuk-Fahrerin wartet noch draußen auf uns. Der Bus nach La Paz fährt erst am Abend, unser Anschlussflug ist am späten Nachmittag. Aber es gibt eine Alternative: Sammeltaxis. Sie bringt uns dorthin.
Hier, in einem Schuppen, stehen schon verschiedene Wagen, so eine Art Kombi, so gut wie abfahrbereit. Aber jeder wartet darauf, bis er vollbesetzt ist, mit 6 Fahrgästen. Unsere Koffer landen schon auf einem Gepäckträger, kommen dann aber wieder runter, weil hier nur noch ein Platz ist.
Dann kommt das Problem mit der Bezahlung zur Sprache. Kann man nicht mit Dollar bezahlen? Nein, ausgeschlossen. Aber wir haben nicht mehr genug Bolivianos. Kurzentschlossen nimmt Evangelina ein Tuk-Tuk und fährt in die Stadt, um Geld zu wechseln.
Dann können wir einsteigen, zum Glück hinten, zu zweit, auf der vorderen Bank sitzen drei, aneinander gequetscht, darunter ein fülliger Mann, der Begleiter einer Ecuadorianerin, die es sich vorne bequem macht und während der gesamten Reise nicht auf die Idee kommt, den Platz einem anderen anzubieten.
Die Fahrt ist eine einzige Katastrophe. Da, wo die Straße asphaltiert ist, ist sie voller Schlaglöcher, da, wo sie Schotterpiste ist, werden wir ordentlich durchgerüttelt, und das Auto schlägt immer wieder auf dem Boden auf. Die Straße ist voller Kurven, und es geht auf und ab. Dann fängt es auch noch an zu regnen.
Als wir zweimal kurz haltmachen, kann man zumindest aufs Klo gehen, aber sauber ist es hier nirgendwo. An den Kiosken gibt es nichts zu kaufen außer Fertigware wie Schokoladenriegel.
An einer Tankstelle machen wir Halt. Hier stehen keine Autos in der Schlange, sondern Menschen, mit Kanistern bewaffnet. Das Benzin scheint rationiert zu sein.
Nach ein paar Stunden machen wir Halt in einem Ort namens Caravani. Hier findet ein fliegender Wechsel in ein anderes Auto statt. Der Fahrer ist freundlicher als der erste.
Inzwischen ist auch klar, dass wir unseren Anschlussflug nach Cochabamba verpassen werden. Alles wegen Ecojet.
Es wird immer später, und La Paz will einfach nicht in Sicht kommen. Wir fahren durchs Hochgebirge.
Dann ist es endlich soweit. Die Außenbezirke der Stadt kommen in Sicht. Am Busbahnhof werden wir an einer belebten Straße ausgesetzt. Man kommt wegen des Verkehrs kaum auf die andere Seite.
Dort gibt es dann Missverständnisse. Unsere Fragen werden irgendwie nicht richtig beantwortet. Dann merken wir, dass wir nicht an unserem Busbahnhof sind, sondern an dem anderen.
Wir müssen wieder auf die andere Straßenseite und ein Taxi anhalten. Am Ende nehmen wir ein richtig schäbig aussehendes, in das ich bis vor einigen Tagen nicht eingestiegen wäre.
Es geht aber alles gut, nur dauert die Fahrt in dem abendlichen Verkehr noch eine glatte Stunde bis El Alto.
Wir fragen am Schalter von BoA, ob für den abendlichen Flug noch Plätze frei sind. Nein, für morgen und für übermorgen auch nicht. Dabei gibt es 3-4 Flüge am Tag. Das sind alles noch Nachwirkungen der Straßenblockaden.
Dann geht es zum Schalter von Ecojet. Wir klagen unser Leid und wollen der Frau das Formular für die Rückerstattung in die Hand drücken. Das gehe nicht, sagt sie, sie könne es nicht annehmen. Wir müssten dafür in das Büro von Ecojet in die Stadt fahren. Da verliere ich die Geduld, ich lasse der Frau, aufgeregt und für alle Umstehenden hörend, wissen, was ich von ihrer Fluglinie halte.
Evangelina versucht, mich zu beruhigen, aber da bin ich schon auf dem Weg zum Ausgang. Ein Taxi bringt uns zu „unserem“ Hotel, dem Espectacular. Da ist zum Glück ein Zimmer frei.
Ein weiterer unglückseliger Tag geht zu Ende.
15. Januar (Donnerstag)
Am Morgen suche ich im Internet nach Flügen oder Busfahrten, egal ob Cochabamba oder sonstwo in Bolivien. Nichts zu machen. Für die nächsten beiden Tage alles ausgebucht. Da fällt zufällig mir eine Seite mit einem privaten Transferservice ins Auge. Teuer. Ich buche trotzdem. Und schon nach 10 Minuten ist die Bestätigung da: Um 9.30 würden wir abgeholt, heißt es.
Da bleibt noch Zeit, irgendwo ein Frühstück zu ergattern. Wird allerdings nicht so leicht sein. Der Mann an der Rezeption sagt, dafür sei es noch etwas früh. Wir versuchen es trotzdem.
Es ist eiskalt draußen, und die sonst so geschäftigen Straßen sind menschenleer. Wir irren durch die Gegend, ohne was zu finden. Eine sehr energische Frau, die gerade dabei ist, Stühle in ihrem kleinen Lokal aufzustellen, sagt uns, wir könnten uns schon mal setzen, aber als wir dann die Bestellung aufgeben, macht sie einen Rückzieher.
Als wir schon aufgeben wollen, entdecken wir einen kleinen Imbiss, mit einer Zeltplane vor dem Eingang, unter der 2-3 Kunden sitzen. Innen gibt es nur zwei kleine Tische, aber die sind nicht besetzt, und wir werden freundlich gebeten, Platz zu nehmen.
Im Fernsehen ist von Überschwemmungen in verschiedenen Teilen des Landes die Rede und von La Verde und einem bevorstehenden Freundschaftsspiel gegen Panama. Zum ersten Mal seit über 30 Jahren wird wieder in Tarija gespielt, und die Leute stehen schon die ganze Nacht über Schlange, um eine Karte zu ergattern.
Es gibt leckere belegte Brötchen, mit Avocado oder mit Rührei oder mit gebratener Wurst. Die Frau hinter der Theke fragt uns, ob wie vielleicht dieses längliche Brötchen probieren wollen. Ich sage ja. Es schmeckt wunderbar. Wie ein deutsches Brötchen frisch aus der Bäckerei.
Der Kaffee wird so serviert, dass erst aus einer großen Kanne eine Art Kaffee-Essenz in die Tasse kommt, und die dann mit heißem Wasser gefüllt wird. Darum kümmern sich zwei junge Frauen, die Töchter der Wirtin. Sie erzählt stolz, ihre Töchter seien „studiert“. Die eine ist Physiotherapeutin, die andere arbeitet im Kosmetikbereich. Morgens helfen sie hier aus, nachmittags arbeiten sie.
Als die Frau erfährt, aus welchen Ländern wir sind, bittet sie um ein Photo mit uns beiden, „für meinen Sohn“.
Eine angenehme Begegnung für uns am Morgen. Danach geht es zurück zum Hotel.
Der Fahrer, Carlos, ist pünktlich da. Er nimmt unsere Koffer entgegen, und los geht’s.
Erst geht es durch den dichten Verkehr durch El Alto. Hier gibt es Straßen, die noch schlechter sind als gestern. Wie kommt das? Die Anhänger von Morales, die sich hier auch auf den Mauern am Wegesrand kundtun, haben die Straße aufgerissen, als Morales angeklagt wurde.
Carlos erweist sich nicht nur als guter Fahrer, sondern auch als guter Unterhalter und als Informationsquelle. Ja, die Seilbahn sei ein Segen für La Paz, und die habe man Morales zu verdanken. Auch für die Indios und gegen soziale Ungleichheiten habe er einiges getan, nichts aber für das Gesundheitssystem. Und bei der Seilbahn sei ein fragwürdiges Licht auf die Verwendung der Geldmittel gefallen.
Das Erdöl sei mit vollen Händen ausgegeben worden. Viel davon sei als Schmuggelware nach Peru gelangt. Jetzt muss das Erdöl eingeführt werden.
Was Ecojet angeht, glaubt er, das mit dem Maschinenschaden sei ein Vorwand. Man gehe einfach nicht an den Start, wenn nicht genug Passagiere da seien.
Sobald wir El Alto verlassen haben, kommen wir auf eine wunderbar ausgebaute, zweispurige Schnellstraße, mit gutem Straßenbelag. Eine Erlösung.
Abseits der Straße eine größere Stadt. Die ist bekannt für die Schmuggelware, vor allem Autos, die auf diesem Wege durch die Einsamkeit der Berge nach Chile gelangen.
Nach zwei Stunden machen wir eine Pinkelpause. Es sind noch 182 Kilometer nach Cochabamba.
Es geht rauf und runter, vor allem aber rauf. Es gibt schneebedeckte Berge zu sehen und eine abwechslungsreiche Landschaft. Die Berge sind grün oder nackt und leuchten dann rötlich, bläulich oder anthrazit.
Es ist eine einsame Berglandschaft. Am Straßenrand weisen Schilder auf kreuzende Lamas hin.
Am Scheitelpunkt kommt eine kleine Kapelle, und dann geht es bergabwärts, wenn auch nicht kontinuierlich.
An einer Stelle liegen lauter Steinblöcke am Straßenrand. Sie sind das Resultat der Blockaden. Die Protestierer haben die Felsen mit Dynamit gesprengt, um die Straße unpassierbar zu machen.
Irgendwann ist die zweispurige Straße vorbei, und es geht langsamer voran, vor allem, wenn LKWs vor uns sind: LKWs mit Zugmaschinen, mit Anhängern, mit offener Ladefläche, Tanklastwagen. Manchmal machen die Überholmanöver mich etwas nervös.
Allmählich nähern wir uns Cochabamba. Wir haben 5 Stunden Fahrt hinter uns, die gesamte Strecke soll 6-7 Stunden dauern.
Dann kommen wir rechts am Straßenrand hinter einem LKW zu stehen. Vor uns sperren Bauarbeiter die Straße ab, mit einem Netz. Hin und wieder öffnen sie es, um einen LKW aus der anderen Richtung durchzulassen. Wir warten darauf, dass wir an der Reihe sind. Aber es tut sich nichts. Inzwischen eine lange Schlange hinter uns. Plötzlich preschen 4-5 Autos an uns vorbei, bis direkt an die Absperrung. Die Fahrer steigen aus und sprechen mit den Bauarbeitern. Dann steigt auch Carlos aus. Und er kommt mit schlechten Nachrichten zurück: Bis 17 Uhr gesperrt. Mindestens noch 3 Stunden Wartezeit. Was tun? Außer Wasser haben wir nichts. Draußen kann man nicht sitzen, im Auto ist es stickig.
Carlos geht noch mal raus und erkundigt sich. Jetzt heißt es, eher 4 Stunden Wartezeit. Er bespricht sich mit ein paar anderen Fahrern. Die wenden kurz darauf.
Carlos berichtet, es gebe eine Ausweichstrecke. Die er aber selbst nicht kenne. Die könnten wir nehmen, aber die sei ein Umweg, da müssten wir die Bezahlung erhöhen. Sei’s drum. Am Morgen hieß es im Radio, der Ölpreis sei auf einem neuen Rekordniveau angelangt. Was die Nebenstrecke mit sich bringt, ahnen wir aber nicht, als es losgeht.
Wir fahren hinter den anderen her, und biegen in einen winzigen Weg ab, der nirgendwohin zu führen scheint. Schon bald kommen wir zum Stehen, ohne zu wissen, warum. Dann kommt das Hindernis in Sicht: Ein kleiner Junge steht an einer Stange, die den Weg versperrt. Er lässt die Autos nur einzeln durch, nachdem sie ihren Wegzoll bezahlt haben. Immerhin 5 Bolivianos.
Dann geht es weiter. Es muss die Strecke gewesen sein, auf der man früher, auf Eselsrücken oder mit Pferdefuhrwerken, nach Cochabamba gelangte. Es geht auf und ab, die Fahrbahn ist eng und holprig, die Kurven sind so eng, dass man sie nicht einsehen kann. Links von uns die Felswand, rechts von uns der Abgrund, ohne jede Absicherung. In der ersten halben Stunde stehe ich Todesängste aus, vor allem da, wo uns zu allem Übel auch noch ein Auto entgegenkommt.
Manchmal fahren wir in Kolonne, dann wieder ganz alleine. Später wird es etwas besser, jedenfalls geht es am Rand nicht mehr so steil abwärts.
Wir haben einen guten Blick in die Berge, aber für deren Schönheit keinen Blick. Immer suchen wir die Gegend ab, ob in der Ferne nicht irgendwo Cochabamba auftaucht. Nichts.
Als endlich die ersten Häuser auftauchen, wiederholt sich die Szene von vorher. Hier hat ein Ehepaar ein Seil über die Straße gesperrt und kassiert ab.
Es dauert noch eine Weile, dann kommen wir endlich wieder auf die Straße, die wir verlassen mussten. Eine größere Stadt kommt in Sicht, aber es sind noch nicht die Ausläufer von Cochabamba.
Immerhin haben wir jetzt wieder Internetempfang. Evangelinas Handy macht schlapp, kurz nachdem sie Carlos die Wegbeschreibung zu unserer Unterkunft übermittelt hat. Gott sei Dank. Eine Adresse haben wir nicht.
Dann haben wir endlich unser Ziel erreicht, ein modernes Hochhaus in einem Wohnviertel. Wir verabschieden uns und bedanken uns herzlich. Carlos will den Rückweg eventuell heute noch in Angriff nehmen.
An der Rezeption das übliche Procedere mit Einschreibung und Papieren. Die Wohnung, geräumig und modern, aber sehr unpersönlich, wird mittels eines elektronischen Schlosses geöffnet, und der Fahrstuhl mit einer elektronischen Karte in Bewegung gesetzt.
Wir sind müde, machen uns aber noch auf den Weg, um etwas einzukaufen. Unsere Mägen hängen auf halb acht.
Gar nicht so einfach, etwas zu finden, wir werden hin und her geschickt und entdecken dann zufällig hinter einem leicht zu übersehenden Eingang einen kleinen Supermarkt.
Schwer bepackt kehren wir zurück, und Evangelina macht sich trotz aller Müdigkeit noch daran, eine Pizza zuzubereiten. Ich kann nur helfen, als es daran geht, den elektrischen Backofen in Gang zu setzen.
16. Januar (Freitag)
In einer Sendung über Blutgruppen kann man folgendes erfahren: Grob gesprochen sind die Blutgruppen so über die Kontinente verteilt: Europa hat vorwiegend A, Asien hat vorwiegend B, Amerika und Afrika haben vorwiegend 0. Warum es sie gibt und wie sie sich herausgebildet haben, ist noch nicht ganz klar, aber es gibt erste Erkenntnisse. Die Blutgruppe 0 heißt so, weil bei ihr den Blutkörperchen etwas fehlt, was A und B haben, in komplementärer Weise. Man vermutet, dass 0 zunächst eine genetische Fehlbildung war, ein Versehen der Natur, das sich aber durchgesetzt hat, weil die Träger dieser Blutgruppe weniger empfänglich für Malaria waren. Und deshalb länger lebten und mehr Kinder bekamen. Im Niger-Delta gibt es eine Gegend, in der die Malaria so gut wie unbekannt ist. Dort haben fast alle die Blutgruppe 0.
Der Morgen ist alles andere als schön. Es hat zwar aufgehört, zu regnen, aber es ist trüb, der Himmel bewölkt. Wir sind bei 19°. Im Laufe des Tages wird es etwas klarer und etwas wärmer.
Die ersten Stunden des Morgens verbringen wir, gut ausgeruht, mit der Organisation der nächsten Tage. Wir entscheiden, die verbleibenden Tage zwischen Cochabamba und Tarija aufzuteilen. Sucre und Potosí, die eigentlichen Highlights Boliviens, gehen dabei verloren. Aber noch mehr Fahrten wollen wir uns nicht antun. Also buchen wir Busfahrt von Cochabamba nach Tarija die Unterkunft in Tarija und eine neue, zentralere Unterkunft hier in Cochabamba ab Sonntag.
Wir machen uns auf den Weg in die Innenstadt. Es geht parallel zu unserer Straße die Santa Cruz runter, immer geradeaus. Wir überqueren eine Brücke, die über einen kleinen Fluss mit bräunlichem Wasser und starker Strömung führt.
Unter den Bäumen hört man Vögel, die man aber kaum zu sehen bekommt. Ihre Stimmen erinnern mich an das von papageienartigen Vögeln, die ich Paraguay gehört habe und auch kaum zu sehen bekam.
Dann sehen wir eine Birkenfeige, einen Benjamini. Von der Art stehen gleich mehrere in meiner Wohnung zu Hause. Hier gibt es die Besonderheit, dass man mithilfe eines Pfropfens bewirkt hat, dass die Äste innen grüne Blätter haben und die Äste außen grün-gelbe, wie bei mir zu Hause.
Cochabamba, lokal nur Cocha genannt, wie ich von einer Bolivien-Kennerin erfahre, ist groß und modern. Der Kontrast zu El Alto könnte größer nicht sein. Diesen Eindruck hatten wir schon gestern bei der Einfahrt in die Stadt, und er bestätigt sich heute bei unserem Spaziergang. Die Gebäude sind hoch und neu, die Geschäfte haben moderne Auslagen, es gibt reihenweise Banken und Schönheitssalons, und die Straßen sind breit und verlaufen geradeaus und haben moderne Ampelanlagen.
Cochabamba hat, wie wir später lesen, 650.000 Einwohner und ist die viertgrößte Stadt Boliviens.
Wir biegen ab und kommen an einem modernen Café vorbei, beschließen aber, trotz leeren Magens zuerst zum Büro von Ecojet zu gehen, um unser Geld zurückzubekommen.
Was hier abgeht, bestätigt voll und ganz den miserablen Eindruck, den wir bisher von der Fluglinie haben. Erst verschwindet die Frau nach hinten und tuschelt mit einer Kollegin. Wir hören nur das Wort Dollar. Ja, ich habe in Dollar bezahlt, aber das Geld ist bei mir natürlich in Euros abgebucht worden. Wie sie das regeln, erfahren wir nicht, aber die Frau kommt jetzt zurück und verlangt erst einmal alle möglichen Unterlagen und eine Kopie unserer Pässe. Was soll das Ganze? Sie haben unser Geld abgebucht und sollen es wieder zurücksenden, schließlich liegt das Verschulden bei Ihnen. Die Frau antwortet mit angestrengter Beherrschung und übertriebener Höflichkeit auf meine Einwände. Das hält sie aber nicht davon ab, mich zum Diktat aufzufordern. Ich muss handschriftlich (!) eine Erklärung abgeben, deren Wortlaut sie mir, wie beim Diktat in der Schule, in die Feder tippt. Dabei muss ich erneut meine Telefonnummer, meine E-Mail-Adresse und meine Reisepassnummer angeben, obwohl die oben auf derselben Seite steht, in der Kopie meines Reisepasses. Statt meiner Girokontonummer will sie meine Kreditkartennummer haben, die ersten und die letzten vier Ziffern.
Man kommt sich hier vor, als wenn man selbst der Verursacher des Schadens wäre. Ob das Geld wohl jemals ankommen wird? Und ob es der gezahlten Summe entsprechen wird. Bearbeitungszeit: 45 Tage. Kassiert haben sie das Geld innerhalb von Minuten.
Evangelina, die genauso sauer, aber geduldiger ist als ich, bittet um ein weiteres Formular, um als Folgekosten eine Erstattung für den verpassten Flug nach Cochabamba zu reklamieren.
Als wir rauskommen, sind wir erleichtert, die Sache hinter uns gebracht zu haben, müssen aber immer wieder den Kopf schütteln über die mangelnde Professionalität von Ecojet.
Jetzt kommen wir wieder an dem Café von vorher vorbei. Wir zählen unser Geld und fragen nach dem Preis für einen Kaffee. Wir haben noch genau 42 Bolivianos. Es gibt Kakao zum Sonderpreis, zwei für 30 Bolivianos. Dann sehen wir Madeleines. 3 Bolivianos pro Stück. Wir bestellen 4 und haben jetzt unser Geld bis auf den letzten Boliviano ausgegeben!
Der Kakao ist lecker. Oben drauf schwimmen vier Klekse, die wie aus Sahne gemacht aussehen. Es ist aber Mäusespeck. Daraus ergibt sich auf Umwegen ein Gespräch über tangerine trees und marsmallow pies aus Lucy in den Sky with Diamonds. Das setzt Evangelina im Unterricht ein, wenn es um Lucy geht, dem Skelett der frühen Hominiden, das nach dem Lied der Beatles benannt wurde.
Es geht weiter Richtung Innenstadt. Wir kommen zu einem Platz, den wir irrtümlich für die Plaza 14 de Septiembre halten, die Plaza Mayor Cochabambas sozusagen. Der Irrtum fällt uns aber auf, als wir an der Kirche an einer Seite des Platzes zwei Franziskaner-Figuren sehen. Dies ist nicht die Kathedrale, sondern die Franziskaner-Kirche. An der Fassade eine Inschrift auf Latein, die wir nicht entziffern können. Sie enthält das Wort olympiadum.
Am Rande des Platzes sitzen Geldwechsler. Unsere Chance! Aber Evangelina ist skeptisch. Besser eine Wechselstube. Aber meine bisherige Erfahrung in Bolivien mit dem Geldwechseln ist ohne Einschränkung positiv, und so lässt sie sich darauf ein. Bekommt zudem einen guten Kurs, 970 Bolivianos. Und die Scheine sind echt!
Die Plaza 14 de Septiembre ist um einiges größer und auch repräsentativer. An einer Seite die Kathedrale, auf allen anderen Seiten Arkaden. Der Platz erinnert mich an die Plaza de Armas in Arequipa.
Die Kathedrale (geschlossen), mit einer Rose im Westen, hat nur einen Turm. Ein zweiter war aber offensichtlich vorgesehen. An der Seite ein Nebeneingang mit einem Portal, das viel schöner ist als das Hauptportal. Auch das erinnert an eine Kirche in Arequipa.
Die Arkaden sind auffallend niedrig und stehen in ebenfalls auffallend kurzen Abständen. Das gibt ihnen einen besonderen Charakter.
Wir gehen in die Touristeninformation und bekommen Information und einen guten Stadtplan. Cochabamba ist vielleicht nicht der ganz große Touristenmagnet, hat aber im Zentrum 3-4 interessante Dinge zu bieten und weitere in der Umgebung.
Um die Öffnungszeiten zu erfahren, gehen wir zum Monasterio de Santa Teresa, einer der Sehenswürdigkeiten. Hat morgen geöffnet.
Auf dem Platz vor der Kirche die Statue eines Dichters, und hinter ihm in einem leichten Bogen eine Reihe moderner Säulen, alle mit Mosaiken, die Szenen aus der Stadt oder dem Alltag darstellen. Eins davon zeigt eine Schulszene. Mit Büchern, dem Einmaleins und dem Alphabet. Die Lehrerin zeigt dem Finger auf die Tafel. Wir machen ein Photo von Evangelina als Lehrerin.
Beim Weitergehen sehen wir eine Konditorei mit dem Schild La Crema más deli de Cocha und eine Vorschule mit dem Schild Kinder Cochabamba.
Jetzt fehlt nur noch der Einkauf. Wir fragen einen jungen Mann, der an einer Ecke steht. Erst erklärt er, wo wir einen Supermarkt finden können, dann sagt er spontan, er werde uns ein Stück begleiten und uns den Weg zeigen.
Er heißt Miguel Angel, ist Psychologiestudent und vertreibt als Broterwerb Stiefel. Er stammt von hier, aus Cochabamba. Unterwegs zeigt er uns ein Hotel mit einem schönen Innenhof, wo man sitzen und sich erholen und ein Bierchen trinken kann, in internationaler Gesellschaft.
Er zeigt sich sehr interessiert an Deutschland und an Argentinien und an unserer Reiseroute. Tarija findet er auch schön, und Cochabamba sei ganz anders als La Paz, sagt er. Da kann man ihm kaum widersprechen. Ins Ausland hat er noch nicht geschafft, aber das steht auf der Wunschliste.
Der Käfer von VW erfreue sich großer Beliebtheit hier, sagt er. Die Leute kauften alte Autos und richteten sie her. Er erfährt von mir, was Volkswagen wörtlich bedeutet, ich erfahre von ihm, dass der Käfer hier Peta heißt.
Er verabschiedet sich an einer Kreuzung und lässt uns alleine zum Supermarkt weiter gehen. Was für eine schöne Begegnung!
Im Hipermaxi kommt Evangelina voll in Fahrt. Der Einkaufswagen füllt sich, und es kommt eine ordentliche Rechnung zustande. Außerdem werden wir an der hier angeschlossenen Apotheke gut bedient, besser als vorher an der Plaza 14 de Septiembre, und so kommt eine weitere Ausgabe hinzu.
Ich bekomme die Aufgabe, nach Zucker und Tee zu gucken. Die kleinste Zuckerpackung enthält 1 Kilo. Und beim Tee stoße ich auf eine Sorte, die nur für Männer gemacht ist: Sólo para hombres. Enthält verschiedene Kräuter und die Maca-Wurzel, eine Knolle aus den peruanischen Anden. Die soll viele Effekte haben, unter anderem als Aphrodisiakum wirken. Und leistungssteigernd. Auf der Schachtel sieht man athletische Männer.
Zurück geht es mit vollen Einkaufstüten und dem Taxi. Das bringt uns für unglaubliche 10 Bolivianos, etwa 1 Euro, zu unserer Unterkunft.
Evangelina macht sich sofort an die Arbeit und bereitet empanadas vor, mit Hackfleisch, Tomaten, Zwiebeln, Paprika. Bei einigen gibt es als Zugabe Käse von gestern. Die empanadas schmecken nicht nur gut, sondern sehen auch noch schön aus. Dazu gibt es Zitronensaft. Natürlich auch selbstgemacht.
17. Januar (Samstag)
Nach Obst und Tee zu Hause geht es in die Stadt. Wir müssen ein paarmal nach dem Weg fragen. Ein junger Mann hilft uns und spricht dabei von den „semáforos inteligentes“. Das sind die Ampeln, die nicht nur die verbleibenden Sekunden herunterzählen, sondern auch schriftlich und mündlich mitteilen, wann man gehen darf und wann man warten muss.
Unterwegs zeigt Evangelina mir eine Blüte an einem Baum, die pezuña de vaca heißt, ‚Kuhhufe‘. Sie wächst auf einem Orchideenbaum.
Bei Santa Teresa erfahren wir, dass die nächste Führung um 11 beginnt. Zeit genug, um vorher einen Kaffee zu erhaschen. Wir finden auch gleich an dem Kirchplatz, wo wir gestern schon waren, ein Café, das gerade öffnet. Kaffee gibt es noch nicht, aber wir begnügen uns mit Sandwich und Obstsaft, beides sehr lecker, aber so langsam serviert, dass wir es kaum noch bis zu der Führung schaffen.
Das originelle eiserne Eingangstor aus dem 18. Jahrhundert ist noch erhalten, verbirgt sich jetzt aber hinter dem heutigen Eingang. Neben dem Eingangstor ein torno, eine hölzerne Drehtür, durch die man Dinge nach draußen geben kann, ohne gesehen zu werden. Hier herrscht nämlich strenge Klausur.
Das hiesige Kloster wurde 1760 von 3 Nonnen aus Sucre als Niederlassung gegründet. Heute leben noch 10 Nonnen hier, aber die sind in einem Anbau untergebracht, während das alte Kloster jetzt Museum ist.
An der Wand ein Porträt der Virgen del Carmen, die hier fälschlicherweise als Namensgeberin der Karmeliten dargestellt wird. Die haben ihren Namen vom Berg Karmel in Palästina.
Wir sehen eine typische Zelle, gar nicht so klein, aber einfach eingerichtet. Einen Stuhl gibt es nicht. Vor dem Altar kniet man, auf dem Bett liegt man. Hier ist jetzt auf dem Bett eine Ordenstracht ausgebreitet, ein braunes Gewand mit weißem Überwurf und Kapuze.
Hinter einer Glasscheibe die wenigen persönlichen Besitztümer der Nonnen, gleich mehrere Brillen, ansonsten Rosenkränze, Gebetbücher, Heiligenbilder.
Der Orden ist streng kontemplativ und geht in seiner jetzigen Form auf Teresa de Avila und Juan de la Cruz zurück. Der Name Monjas Descalzas, erfahren wir, ist nicht wörtlich zu nehmen. Nur einige wenige der ursprünglichen Karmeliterinnen trugen tatsächlich gar kein Schuhwerk, aber Teresa de Avila bestand nicht darauf, und in der Regel trug man (und trägt man) Espadrilles.
In der nächsten Zelle hat man den Bestand der ehemaligen Bibliothek ausgestellt. Alle Bände sind ledergebunden, die meisten frühe Druckwerke, aber auch einige Manuskripte sind vertreten. Die Bücher sind teils auf Latein, teils auf Spanisch.
Dann kommen wir auf den ehemaligen Hochchor. Hier sind Paramente ausgestellt, kunstvoll von den Nonnen bestickt. An der hinteren Begrenzung ein schönes Alabasterfenster. Dieser Chor ging auf das Mittelschiff der alten Kirche hinaus, die aber später zerfiel und durch die heutige ersetzt wurde.
Wir kommen in die Kapelle, als Andachtsraum für die Nonnen gedacht. An den Seiten farbenfrohe, großformatige Darstellungen der Kreuzwegstationen, mit „Untertiteln“.
Der Kapitelsaal ist der am aufwendigsten gestaltete Raum des Klosters. Statt Armut herrscht hier Pracht: bedruckte Tapeten, eine große Standuhr, zwei kleine Orgeln (die Beschriftung der Registertasten ist auf Deutsch), Ölgemälde, Sessel.
Als Gegenstück dazu die Küche, mit zwei Öfen, einer mit Holz, einer mit Kerosin beheizt. Darüber riesige Kessel und Töpfe, aus Kupfer und Bronze. An einer Tür hat man das alte Essbesteck angenagelt. Es gibt keine Messer, nur Gabeln und Löffel, und bei denen hat man oft die Stiele ausgetauscht, wenn sie nicht mehr gebrauchsfähig waren. Die Teller und Tassen hier sind eher einfach.
Das ist im nächsten Raum ganz anders. Hier gibt es Keramik und Porzellan aus Frankreich und Italien, alles vom Feinsten. Die wurden nicht gebraucht, sie formten Teil der „Aussteuer“ der Nonnen, die beim Eintritt in das Kloster gezahlt werden musste. Man konnte auch ohne Aussteuer eintreten, hatte dann aber geringere Rechte, durfte etwa bei der Wahl der Oberin nicht mit abstimmen.
In einer Vitrine sind auch Bügeleisen ausgestellt. An denen kann man beinahe die Geschichte des Bügeleisens von den Anfängen bis heute ablesen.
Dann kommen wir in die Kerzenwerkstatt. Der Verkauf von Kerzen war eine der wichtigsten Einnahmequellen des Klosters. Es werden zwei Herstellungsverfahren dargestellt: das Eintauchen eines Kranzes mit Kerzenformen in das flüssige Wachs oder das Einfüllen von Wachs in tönerne Formen.
Oben im Innenhof wird eine Tür zum alten Medizinschrank geöffnet. Ein wunderbares Bild, darf man leider nicht photographieren. Unzählige Fläschchen, Phiolen, Gläschen, Ampullen säuberlich beschriftet, auf verschiedene Regalbretter verteilt. Dazu Waagen, Mörser, Anleitungen. Man setzte ganz und gar auf Chemie. Die heutigen Nonnen bevorzugen die Naturheilkunde.
Dann steigen wir aufs Dach, auf das Dach der Kirche. Von hier aus sieht man die Kathedrale, Santa Clara und den Cristo de la Concordia. Ein sehr schönes Bild die verschieden gedeckten, wenn auch identischen Dachziegel, die so ein Muster bilden.
Anlässlich der Glocken lässt sich Evangelina auf eine Diskussion mit unserer Führerin ein. Die hat behauptet, die Kordeln, mit denen die Glocken gezogen werden, stammten noch original aus dem 18. Jahrhundert.
Zum Schluss sehen wir im Innenhof unten noch die Obstbäume, vor allem Mandarinenbäume, aus denen das klostereigene Speiseeis und der Likör hergestellt werden.
Das Wetter ist gut, und wir sehen uns auf dem Platz vor der Kirche die Säulen mit den Mosaiken aus dem Alltagsleben an, die Lehrerin, die Blumenverkäuferin, die Brotverkäuferin, die Straßenreinigerin, die Nonne, alle mit ihren Attributen. Die Mosaiksteine sind ganz grob und ergeben entsprechend grobe, irgendwie modern aussehende Abbildungen.
Dann geht es zur 14 de Septiembre. An der Ecke des Platzes das Café Italiano. Dort machen wir eine Pause. Ich bestelle, ohne zu ahnen, worauf ich mich einlasse, einen Crepe. Der ist so hauchdünn, dass man ihn fast nicht bemerkt unter all dem Obst und Eis.
Jetzt geht es in die Miniaturen-Ausstellung. Die Aufpasser am Eingang sind einige der Maler selbst. Sie begrüßen uns sehr freundlich.
Die Ausstellung ist kurzweilig, weil unglaublich bunt. Jeder Künstler hat seinen eigenen Stil, und es werden auch verschiedene Techniken – Aquarell, Öl, Bleistift, Batik – angewandt. Tiere sind viel vertreten, Frösche, Esel, Wölfe, Katzen, Schmetterlinge, vor allem Vögel, auch eine Maus, die den Mond anbetet. Das Porträt von drei Katzen in Einzeldarstellungen nennt sich Triptychon. Porträts von Menschen sind eher selten. Landschaftsmalerei ist gut vertreten, auch Städteansichten gibt es hin und wieder. Am besten gefallen mir einige der Genreszenen, zwei Hosenbeine eines Jungen, die unten aus einem Heuhaufen hervorlugen, eine Glocke, an einigen Stellen rissig, mit einer Kordel, ein altes, verwittertes Portal (leider schon verkauft), eine Art Volksfest oder Versammlung, farbenfroh, mit einer Unzahl von Menschen auf allerengstem Raum dargestellt. Das nehme ich am Ende mit.
Der Himmel hat sich zugezogen, es liegt Regen in der Luft. Dabei wollen wir noch zum Cristo. Haben schon bereut, den nicht vorgezogen zu haben. Aber wir haben Glück. Es fallen nur ein paar Tropfen, und oben ist es sogar richtig sonnig.
Da muss man aber erst mal hinkommen. Mit dem Taxi geht es zur Seilbahn. Dort muss man für die Fahrkarte Schlange stehen und dann für die Seilbahn. Die hat nur drei Gondeln, und die Fahrt rauf und runter dauert seine Zeit. So müssen wir richtig lange warten, bis es losgeht.
Unter uns sehen wir, wir einige Mutige den Aufstieg zu Fuß bewältigen, einige davon mit Rucksack und Wanderstab bewaffnet.
Auf dem Weg sind riesige, weiße Skulpturen aufgestellt, die die verschiedenen Kreuzwegstationen darstellen. Man kann das Fallen unter dem Kreuz erkennen, Veronika und das Schweißtuch, und Simon, der hilft, das Kreuz zu tragen.
Oben muss man noch ein ganzes Stück auf die Plattform steigen, bis man beim Christus angelangt ist. Er heißt Cristo de la Concordia, im Gegensatz zu seinem Pendant in Rio, dem Cristo Redentor. Hier weist man mit Stolz darauf hin, dass der bolivianische noch größer ist als der brasilianische, aber das spielt keine Rolle, wenn man davor steht. Im direkten Vergleich sieht man die Unterschiede – zum Beispiel hat dieser Christus eine Art Stola über die Schulter geschlungen – aber insgesamt sind sie so ähnlich, dass man sie miteinander verwechseln könnte, beide strahlend weiß, beide mit zur Seite ausgebreiteten Armen, beide mit dem Gesichtsausdruck des siegreichen, nicht des leidenden Christus.
Hier oben hat man viel mehr Auslauf als in Rio, das Gedränge hält sich in Grenzen, man kann ich die Figur von verschiedenen Seiten aus in Ruhe ansehen. Im Gegensatz zu Rio ist in der Figur hinten keine Kapelle eingelassen.
Von hier oben hat man auch einen guten Blick auf die Stadt. Wie in La Paz begrenzen auch hier die Berge die Ausdehnung der Stadt, wie in La Paz ist auch hier alles eng bebaut. Dabei hebt sich ein Viertel gegen die anderen durch seine vielen Wolkenkratzer hervor.
Ein schöner Tag mit den unterschiedlichsten Besichtigungen und ohne Zwischenfälle geht zu Ende.
18. Januar (Sonntag)
Am Vormittag machen wir uns auf den Weg zum Palacio Portales. Der ist gar nicht weit weg, gut zu Fuß zu erreichen. Es herrscht sonntägliche Ruhe im Viertel.
Das Panorama dasselbe wie an den letzten beiden Tagen. Es hat geregnet, es ist stark bewölkt, die Sonne kommt kaum einmal durch, aber im Laufe des Tages wird es wärmer und sonniger.
Der Palacio Portales befindet sich auf einem ausgedehnten, baumbestandenen Gelände mit zwei Eingangshäuschen aus Backsteinen und einem ehemaligen Wagenschuppen, in dem jetzt Bildungsveranstaltungen für Kinder stattfinden.
Wieder kommen wir zu spät. Die Führung hat gerade begonnen. Man kann sich aber solange im Garten umsehen. Den kann man besuchen, ohne Eintritt zu bezahlen.
Die Vielfalt der Bäume, die man hier sieht, ist beeindruckend: Ulme, Platane, Ölbaum, Liguster, Zypresse, Goldregen, Magnolie, Lebensbaum, Guave, Jacaranda, Johannisbrotbaum, Kapokbaum, Gummibaum. Alle sind hoch, auch die wie der Gummibaum und der Ölbaum, die man sonst eher klein kennt. Der Gummibaum hat ein unglaubliches Wurzelgeflecht, das sich vom Stamm aus in verschiedene Richtungen meterbreit ausweitet. Interessant auch die Unterschiede zwischen den Palmen, mit ganz glatten Stämmen und schuppenartigen Stämmen und mit breiten und ganz schmalen Kronen.
Der Palacio Portales wurde Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt, von einem gewissen Simón Patiño, einem Industriellen, der aus ganz einfachen Verhältnissen stammte und dann als Händler von Zinn reich wurde, steinreich. Er war zu seiner Zeit einer der zehn reichsten Männer der Welt. Er leitete seine Geschäfte von Europa aus, von dort stammen auch die meisten der Bäume. Später kehrte er nach Bolivien zurück und starb auf einer Geschäftsreise in Buenos Aires.
Der Palast selbst ist eklektisch, vielleicht eine Mischung aus Rokoko und Jugendstil. Den sieht man draußen zum Beispiel an dem runden schirmbedachten Eingang.
Bei der Führung sind wir eine riesige Anzahl von Besuchern, bestimmt 50-60. Die ersten Räume sind nicht sonderlich interessant. Als Detail ist allenfalls ein Stück Zinn auf dem Schreibtisch Patiños bemerkenswert. Und ein ganz frühes Telefon, das aber wohl nur der Kommunikation innerhalb des Palastes diente.
Dann kommen wir in den Ballsaal. Der hat ein schönes, flaches Dachfenster, in verschiedenen Farben. Auch das sieht schwer nach Jugendstil aus.
Am Treppenaufgang die Skulptur, nicht aus Holz, wie ich erst denke, sondern aus Bronze, eines frühneuzeitlichen Burschen, mit einem kurzen Wams bekleidet, einem flachen Barett, einer Halskrause und einer Schaube mit langen, lose herabfallenden Ärmeln. Der gefällt mit außerordentlich gut. In einer Hand hält er ein Messer, denn seine Funktion war es, Personenschutz zu leisten.
An der Wand ein Ölgemälde mit einem interessanten Motiv aus der griechischen Mythologie. Ein Kentaur bietet sich an, eine Nymphe über einen Fluss zu tragen. Unterwegs überlegt er es sich anders. Plötzlich sieht er nur noch die körperlichen Reize der schönen Nymphe, seine gute Tat tritt in den Hintergrund. Herakles tötet ihn mit einem Pfeil, aber der Kentaur übergibt der Nymphe sein blutgetränktes Hemd, und das bereitet später Herakles und der Nymphe tödliche Schmerzen. Da tritt die ganze Komplexität der griechischen Mythologie zutage.
Oben dann das Highlight des Palasts, eine Art Spiegelsaal, ein länglicher Raum mit Spiegeln an beiden Enden und einer wunderbaren, gewölbten Decke mit lauter renaissancehaften Miniaturen, sehr farbenfroh, mit Putten, allegorischen Figuren, Städteansichten, symbolischen Tieren, Krügen, Ranken. Hier könnte man sich stundenlang aufhalten und immer was Neues entdecken.
Anschließend kommt noch ein Spielzimmer mit einem Billardtisch und direkt im Anschluss ein anderer Raum, der ganz nach andalusischem Vorbild gestaltet ist, wunderbar, mit den typisch arabischen Hufeisenbögen und nichtfiguralen Verzierungen.
Zum Schluss treten wir noch auf den Balkon hinaus, von wo aus man das ganze Gelände gut überblicken kann. Links von uns sehen wir noch ein ehemaliges Badehaus, nach türkischem Vorbild erbaut, das heute aber einem anderen Zweck dient. Damit endet die Führung.
Wir gehen langsam durch das immer noch nicht aufgewachte Viertel zurück, finden aber am Ende an einer Straßenecke ein modernes Café, mit großen Torten in der Auslage. Hier kann man draußen sitzen.
Wir trinken einen Kaffee und essen ein Teilchen, und schon wieder wird es knapp mit dem Geld. Für das Taxi am Nachmittag dürfte es aber noch reichen.
Wir ziehen in eine zentralere Wohnung um, an einer Straße, die Avenida José Ballivian heißt, von allen aber nur Prado genannt wird. Die Straße hat einen breiten, baumbestandenen Mittelstreifen und erinnert tatsächlich an den Prado in Madrid.
Als der Taxifahrer uns rauslässt, merken wir, dass wir gleich an der Plaza Colón wohnen, dem Platz, den wir am ersten Tag für die Plaza 14 de Septiembre gehalten haben.
Wieder ist es ein großer, moderner Wohnturm. Der junge Portier weiß von nichts, kann sich aber sofort mit der Vermieterin in Verbindung setzen, und die gibt grünes Licht.
Von der Wohnung im 5. Stock sieht man auf die Plaza hinunter mit der Fassade der Franziskanerkirche. Zur anderen Seite sieht man auf den Berg mit dem Cristo de la Concordia. Von hier aus kann man aber nicht erkennen, ob er uns das Gesicht oder den Rücken zuwendet.
Wir gehen sofort runter und stellen uns bei einer alten Frau an, die auf einer Parkbank sitzt und einem Mann Geld wechselt. Sie macht das umständlich, blättert immer wieder den Packen Geldscheine durch, nimmt was weg, fügt was hinzu, zählt wieder durch. Inzwischen sind zwei Leute in der Schlange hinter uns wieder weggegangen. Dann sind wir dran. Jetzt haben wir wieder Geld und machen uns gleich daran, es auszugeben.
Die Plaza Colón ist ein gepflegter, hübscher Platz, mit Bäumen und Bänken und Brunnen. Verunstaltet wird sie nur von den Tauben, die mit dem Mais gefüttert werden, den es hier extra zu kaufen gibt. Die Tauben bedanken sich, indem sie überall ihren Kot hinterlassen.
Wir machen uns auf den Weg zur Plaza 14 de Septiembre. Unterwegs kommen wir an Santa Clara vorbei, einer Kirche, deren Türme wir gestern vom Dach der Klosterkirche aus gesehen haben. Es ist eine neugotische Kirche aus dem 19. Jahrhundert, die den Vorgängerbau aus dem 17. Jahrhundert ersetzt. Der wurde – man mag es kaum glauben – wegen der Begradigung der Straße abgerissen!
An der Plaza 14 de Septiembre stoßen wir seitlich sofort auf den Turm der Kathedrale. Die ist wie immer geschlossen. Auch die Touristeninformation ist geschlossen. Weil es für morgen keine Exkursionen oder Stadtrundgänge mehr gibt, müssen wir unser eigenes Programm machen.
Jetzt geht es aber erst noch mal in die Ausstellung mit den Miniaturen. Heute ist der letzte Tag, und ich ergattere am Ende noch zwei, drei weitere Bilder, meist so was wie Genreszenen.
Der Platz hat einen dreischaligen, schönen Brunnen mit den Figuren der drei Grazien und ein Denkmal für die Helden der Nation, das so hoch ist, dass man gar nicht sieht, was oben drauf ist.
Evangelina zeigt mir einen Baum mit ganz feingliedrigen, gefiederten Blättern. Die erinnern mich immer ein bisschen an die Farne bei uns. Sie behauptet, dies sei eine Jacaranda. Nein, das ist doch keine Jacaranda! Die kenne ich aus Portugal und vor allem aus Brasilien, mit ihren auffälligen violetten, gelegentlich auch roten oder orangefarbenen Blüten. Doch, sagt Evangelina, sie sei sich sicher. Die Früchte, deren äußere, vertrocknete Kapseln man hier noch sieht, enthalten Samen, und die musste ihr Sohn als Kind mit in die Schule bringen, als Bastelmaterial. Sie hat Recht, es ist wirklich eine Jacaranda. Sie sieht nur ohne Blüten ganz anders aus. Im Internet erfahren wir, dass die Blütezeit ohnehin nur zwei Wochen dauert, wir sie hier also in ihrem „natürlichen“ Zustand sehen.
Auf dem Rückweg kommen wir an einem Paketdienstleister vorbei. Das Unternehmen heißt Sharf.
Dann sehen wir Haas – Tradición Alemana. Dabei handelt es sich um ein bolivianisches Unternehmen deutscher Abstammung. Es vertreibt Wurst- und Fleischwaren.
Eine Straße, die wir überqueren heißt República de Ecuador. Das ewige Problem mit dem Artikel. Das Land heißt República del Ecuador.
Zum Schluss kommen noch Optikergeschäfte, eins nach dem anderen: Óptica Buenos Aires, Ilusión Óptica, Óptica Alemana, Centro Óptico, Óptica Buena Vista.
19. Januar (Montag)
Am frühen Morgen wache ich auf und bin völlig desorientiert. Evangelina ist aus ihrem Zimmer herbeigeeilt, weil sie einen Schrei gehört hat. Sie sieht mich an und fragt mich, wer sie sei. Ich weiß es nicht, ich kann mich an ihren Namen nicht erinnern. Sie sagt mir, wir seien in Bolivien. Bolivien? Ich weiß von nichts. Ich sehe mich in dem Raum um, auch der ist mir völlig unbekannt.
Erst ganz allmählich kommt mir wieder zu Bewusstsein, wo wir sind. Erst jetzt fällt mir ihr Name wieder ein.
Inzwischen hat es an der Tür geklingelt. Sie hat einen Sanitätsdienst gerufen, mit Hilfe des netten jungen Mannes an der Rezeption.
Zwei uniformierte Sanitäter kommen rein, stellen mir und ihr Fragen und machen verschiedene Untersuchungen, Puls, Blutdruck, Zucker usw. Nur der Zuckerwert ist ein bisschen erhöht. Sie empfehlen, es langsam gehen zu lassen. Das muss ich auch deshalb, weil meine Waden so schwer sind, als wäre ich einen Marathon gelaufen. Außerdem habe ich mir sehr schmerzhaft auf die Zunge gebissen. Diese Reise scheint einfach unter keinem guten Stern zu stehen.
Zur späten Mittagszeit treibt der Hunger uns hinaus. Inzwischen sind 8 Stunden seit dem Vorfall heute früh um 5 vergangen.
Auf dem Rückweg entdeckt Evangelina auf der Plaza Colón einen Chirimoya-Baum, mit ein paar Früchten und einer großen, weißen Blüte.
20. Januar (Dienstag)
Vor 80 Jahren endeten die Tokioter Prozesse. Es gab Parallelen zu Nürnberg, aber auch Unterschiede. Der Prozess wurde auf Englisch und Japanisch geführt, aber nur 2 der Ankläger sprachen Japanisch. Unter den 11 Anklägern befanden sich nur 2 aus Asien. Das wurde später kritisiert, ebenso wie die unterlassene Anklage gegen Kaiser Hirohito, dem Oberbefehlshaber der japanischen Streitkräfte. Die Amerikaner wollen es sich nicht mit den Japanern verderben. Sie wollten Japan auf ihrer Seite haben. Der Kalte Krieg hatte begonnen.
Wir machen einen Spaziergang den Prado runter, bei gutem Wetter. Die Straße, mit ihrem breiten, gepflegten Mittelstreifen mit den Bäumen erinnert an den Prado in Madrid.
An verschiedenen Stellen soll es Wandmalereien im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Themen geben, einige mit Bezug auf die Frauen, andere mit Bezug auf das Wasser, aber hier können wir keins davon finden. Wir nehmen ein Taxi und lassen uns an einen Ort fahren, der am Ende wohl doch nicht der richtige ist. Der Taxifahrer setzt uns an einem Hügel ab, den es steil zu ersteigen gilt. Ganz oben, von wo aus man den Cristo auf einem gegenüberliegenden Hügel gut sehen kann, steht tatsächlich ein Denkmal für die in der Revolution involvierten tapferen Frauen, aber auch hier kein Wandgemälde zu sehen. Wir sind hier oben ganz alleine.
Beim Abstieg bemerken wir einen alten Mann und eine alte Frau. Sie sind beide mit einem Gerät am Ende eines langen Stiels bewaffnet. Was es damit auf sich hat, ist uns erst nicht ganz klar. Dann sehen wir, wie sie damit die Kaktusfeigen pflücken.
Auf der Suche nach einem „Frühstück“ werden wir nachher in einer kleinen Bar fündig. Kaffee gibt es nicht, Saft auch nicht, nur ein belegtes, aber trotzdem trockenes Brötchen.
Wir gelangen noch mal zum Abschied auf die 14 de Septiembre und bekommen dort, im Café Italiano, einen Kaffee und einen Saft und ein Sandwich. Das muss auch, wie wir noch nicht ahnen, vorläufig reichen.
Zum Busbahnhof geht es am Nachmittag mit dem Taxi. Es ist dichter Verkehr, es wird fast etwas knapp. Aber dort geht alles wie am Schnürchen, trotz des vielen Betriebs, und wir stehen abfahrbereit auf dem Bahnsteig, bevor der Bus einfährt. Schnell hab ich mit noch zwei Packungen Erdnüsse besorgt.
Unsere Sitzplätze sind oben. Sehr bequem, nur ist meiner halb defekt, er fällt von der Sitzposition immer sofort in die Liegeposition zurück. Es ist stickig hier drin, und alle reißen die Fenster auf.
Es kommen noch ein paar Verkäufer durch den Wagen. Eine alte Frau hat einen alten Eimer mit Fanta und Cola, ein Mann kündet laut die Kabel und Kopfhörer an, die er im Angebot hat, und eine Frau verkauft kleinere verpackte Fresspakete: „Es un largo viaje“, sagt sie prophetisch.
Dann geht’s los. Oder doch nicht. Wir stecken vom Beginn an im Stau. Es geht, wenn überhaupt, nur im Schritttempo weiter.
So geht es durch die Vororte. Hier reiht sich ein kleines Industrieunternehmen an das andere, meist Baustoffe und Autohändler. Zwischen den typischen, oft unvollendeten Backsteinbauten taucht immer wieder mal ein modernes Haus mit origineller Fassade auf, entweder in antikisierendem Stil mit Loggien und Säulen oder mit vielen kleinen Fenstern, etwas wie Lego-Häuser aussehend.
Wir kommen an einen Kreisverkehr. Es geht nicht weiter. Der Fahrer scheint unentschieden. Die Straße rechts steht unter Wasser. Dann traut er sich trotzdem rein.
Zwischen den Häusern, immer nur kurz zu sehen, ein wunderbarer, breiter Regenbogen.
Weiter geht es über eine holprige Straße mit den unvermeidlichen Fahrbahnschwellen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ein Klassenkamerad in der Grundschule uns erzählte, so was gebe es in Argentinien. Keiner hat ihm geglaubt.
Dann geht es in engen Kurven bergauf. Unendlich lang. An Überholen ist hier nicht zu denken. Wir fahren das Tempo des Langsamsten.
Irgendwo kommen wir ganz zum Stehen. Warum, ist von unseren Plätzen aus nicht ersichtlich. Auf der anderen Spur kommen uns Lastwagen entgegen, eine schier unendliche Reihe, es will gar nicht aufhören. Am Ende sind wir auch wieder dran.
Es geht weiter bergauf, aber jetzt scheint die Straße etwas breiter zu sein, und unser Fahrer setzt hin und wieder zum Überholen an. Die Straße ist rumplig wie eh und je.
Irgendwann kommen wir endlich oben auf ein Plateau. In der Ferne sieht man eine lange Lichterkette, vielleicht ein Hinweis auf eine Fernstraße, aber wir wollen ihr irgendwie nicht näher kommen.
Als es dann doch so weit ist, nicht die ganz große Erleichterung. Es geht jetzt zwar schnurstracks geradeaus, aber die Fahrbahn ist weiterhin eine Katastrophe.
Ich hatte die Distanzen innerhalb von Bolivien schwer unterschätzt. Das Land ist größer, als man meint, trotz der riesigen Gebietsverluste des letzten Jahrhunderts, etwa dreimal so groß wie Deutschland.
21. Januar (Mittwoch)
Erst nach Mitternacht wird es besser. Die Fahrbahn ist jetzt gut, und unser Bus kann Fahrt aufnehmen.
Ganz hinten wird es Tag. Über den Wolken dämmert es, und unten kommen zwischen den Wolken ein paar goldenen Sonnenstrahlen zum Vorschein.
Die Kälte macht sich trotzdem immer mehr zu bemerken. Evangelina hat das Fenster neben ihr mit den Prospekten aus Cochabamba zugedeckt. Die anderen sind besser vorbereitet, fast alle haben eine Decke dabei.
Am frühen Morgen gibt es tatsächlich eine Pause, eine Pinkelpause, 10 Minuten, nicht mehr, wie der strenge Busfahrer uns deutlich macht. Es wird die einzige Pause der ganzen Fahrt bleiben. Zu kaufen gibt es hier nichts, und mein Magen rebelliert. Mehr als ein paar Erdnüsse und ein süßes Gebäck hat es seit gestern Mittag nicht mehr gegeben. Evangelina hält es besser aus.
Die niederschlagende Nachricht: Wir haben noch Stunden vor uns, die geplanten 17 Stunden Fahrt werden nicht ausreichen.
Und jetzt geht es in die Einsamkeit der Berge. Wir sind ganz alleine unterwegs. Um uns herum nur die Wildnis, weite, grüne Berge, unterbrochen von engen Felsschluchten. Es ist schön, aber auf die Dauer nicht gerade abwechslungsreich. Die Fahrt zieht und zieht sich. Ich bekomme schon Halluzinationen und erkenne überall im Tal Siedlungen, wo nur Felsen sind.
Irgendwann ist es dann doch so weit: Ganz unten im Tal kommt Tarija zum Vorschein. Nach 20 Stunden. Aber wir sind noch nicht am Ziel. Erst kommen wir am Zoll zu stehen. Es dauert eine ganze Weile, was unten geschieht, kann man von oben nicht sehen.
Der nächste Halt ist an einer Tankstelle. Schon verwunderlich, dass des Bus es bis hierher ausgehalten hat.
Dann fahren wir durchs Zentrum, fast an unserer Unterkunft vorbei, zum Busbahnhof, der ein gutes Stück außerhalb liegt. Von hier aus müssen wir mit dem Taxi zurück ins Zentrum. Statt der veranschlagten 17 Stunden sind wir 22 Stunden unterwegs gewesen.
Der Taxifahrer ist sehr freundlich und bringt sich selbst als Reiseführer ins Gespräch, für Ziele in der Umgebung, aber da winken wir entschieden ab. In den nächsten beiden Tagen werden wir uns in kein Auto zwingen
Er bringt uns bis vor die Haustür, aber dann stehen wir wieder etwas verwirrt vor dem elektronischen Schloss der Wohnungstür. Der Schlüssel hat es in sich, aber am Ende geht die Türe auf.
Unsere Mägen hängen auf halb acht, und sofort machen wir uns auf die Suche nach was Essbarem. Alle empfehlen den Mercado. Die ersten Regentropfen fallen, und dann setzt die Sintflut ein. Als wir den ersten Unterschlupf finden, sind wir schon klatschnass.
Im Mercado gibt es oben ein ganzes Geschoss mit einfachen Lokalen. Wir bekommen von einer alten Dame aus einem riesigen Kochtopf ein ganz passables Essen, vor allem eine leckere Gemüsesuppe serviert. So ist am Ende des Tages wenigstens der Hunger gestillt.
22. Januar (Donnerstag)
Gegen alle Erwartungen werden wir am Morgen von der Sonne begrüßt. Es ist ein richtig warmer, sommerlicher Vormittag, und wir machen uns gleich auf den Weg.
Schon gestern sind wir an der Casa Dorada vorbeigekommen, die wir letztes Jahr besichtigt haben, und oben am Ende der Straße haben wir eine Kirche gesehen, zu der wir letztes Jahr hochgestiegen sind, eine Kirche, die etwas von einer Wallfahrtskirche hat, mit einer langen Außentreppe.
Jetzt geht es Richtung Palacio Azul, zu Fuß, trotz der gegenteiligen Ratschläge der Anwohner. Alles besser als sitzen.
Unterwegs mache ich ein Photo von einem Geschäft, in dem es Sellos gibt, Rápidos y Garantizados. Das sind in Amerika, wie ich aus schmerzhaften Erfahrungen weiß, keine Briefmarken, sondern Stempel.
Wir stehen vor dem Palacio Azul und sehen uns die verschiedenen Bronzeplatten an, die an den Austausch mit den Nachbarländern (auch von Jujuy ist die Rede) und verschiedenen Schriftstellertreffen erinnern, als ein freundlicher junger Mann erscheint und uns erklärt, ohne dass wir auch nur nachfragen müssten, dass die nächste Führung um 11 Uhr beginnt. Damit haben wir nun wirklich nicht gerechnet. Die mindestens drei vergeblichen Versuche, letztes Jahr den Palacio Azul zu besichtigen, sind uns noch gut in Erinnerung geblieben. Telefonate, Hinweistafel, die Touristeninformation – alles vergeblich.
Wir verbringen die Zeit bis zur Führung in dem nahegelegenen Park und streiten anlässlich des Denkmals für Simón Bolívar am Eingang des Parks über die Bedeutung von Reiterdenkmalen. Evangelina behauptet, aus der Stellung der Beine könne man etwas über das Ableben des Dargestellten ableiten. Das bestreite ich vehement.
Als wir wieder an dem Palacio Azul ankommen, hat sich hier eine ganze Großfamilie versammelt, über drei Generationen verteilt, dazu ein paar Einzelbesucher.
Wie die Casa Dorada, die wir letztes Jahr besichtigt haben, ist der Palacio Azul das Werk eines kinderlosen Industriellenpaars, das nicht so recht wusste, wohin mit dem Geld. Der Palacio Azul war damals, Anfang des 20. Jahrhunderts, so etwas wie eine Casa de Campo. Drum herum war gar nichts. Heute schwer vorzustellen.
Während die Casa Dorada inzwischen Museum und im städtischen Besitz ist, befindet sich der Palacio Azul weiterhin in privater Hand. Ob hier noch jemand wohnt, wird mir nicht ganz klar. Jedenfalls wird der Palast für größere Feierlichkeiten, aber auch für Konferenzen und Ähnliches benutzt. Vor allem die Literatur steht dabei im Vordergrund, denn der Industrielle, der Erbauer des Palastes, war ein großer Freund der Literatur und hat auch selbst das eine oder andere geschrieben.
Nach dem Tod des Industriellen gab es Erbstreitigkeiten, an deren Ende sich aber die Witwe durchsetzte. Nach deren Tod kam das Haus durch Verkauf an ein anderes Ehepaar. Im Laufe der Führung stellt sich heraus, dass der junge Mann, der uns führt, ein Enkel dieses Ehepaars ist.
Die Innengestaltung des Palacio Azul macht Anlehnungen an verschiedene Stile, Gotik, Rokoko, Arabisch. In der Eingangshalle gleich die beiden Gemälde, die mir am besten gefallen, vermutlich Ölgemälde. Auf einem sieht man, wie ein Mädchen über einer Mauer Früchte aus einem Korb nach unten schüttet, die von einem Jungen, der vor der Mauer steht, in einer Schüssel aufgefangen wird. Die Deckengemälde können dagegen damit nicht mithalten.
Innen ist der Palast ganz anders, als das blau-weiße Äußere, das etwas Maritimes hat, vermuten lässt. In den meisten Räume schwere Tische mit geschnitzten Stühlen und in einem Raum ein schwerer Sekretär.
Davon wiederum abweichend der schönste Saal, den wir zu sehen bekommen, der Spiegelsaal, ganz im arabischen Stil gehalten, mit Säulen mit Hufeisenbögen.
Viele Details sind ein bisschen vernachlässigt, abblätternde Tapeten, rissige Wände und, ganz zum Schluss, als wir auf dem Dach stehen, Löcher in den Wasserspeiern. Es muss ein großer Aufwand sein, so ein Haus im Schuss zu halten.
Auf der anderen Seite gibt es viele Details, die schön anzusehen sind, geometrisch gestaltete Buntglasfenster, gescheckte Marmorböden in Braun und Weiß, Fenster mit der stilisierten Darstellung von Vasen, Ranken und Emblemen, feine Deckenmalereien mit feinen Blumengebinden und Kränzen.
Später sehen wir im Internet, dass der Bau auch gelegentlich Castillo Azul genannt wird, vor allem von außen eine passende Bezeichnung für den Bau mit seinen Türmchen, Zinnen und Balkonen. Es ist allerdings eher eine verspielte Burg als eine echte.
Als wir zurückkommen, gibt es Probleme mit dem elektronischen Schloss an der Wohnungstür. Der Schlüssel ist so kompliziert, und das System so empfindlich, dass man sich leicht mal vertu kann. Resultat: Das Schloss öffnet auch dann nicht, wenn man den richtigen Schlüssel eintippt. Grünes Licht, aber die Tür öffnet sich nicht. Wir müssen den Vermieter anschreiben. Glücklicherweise antwortet der umgehend, und steht nach fünf Minuten auf der Matte. Er tippt die Nummer ein – und die Tür öffnet sich!
23. Januar (Freitag)
Schon am Morgen hört man rhythmische Musik von der Straße kommen. Was kann das nur sein? Als wir rausgehen, merken wir es: Karneval!
Es ist rappelvoll in den Straßen der Innenstadt. Irgendwie schlagen wir uns bis zur Plaza Principal durch. Dabei bekommen wir immer wieder was von dem Umzug zu sehen. Trotz des Gedränges sind die Leute sehr freundlich, machen Platz, damit man was zu sehen bekommt.
Meistens sind es Mädchen, junge und alte, einige sehr alte – eine kleine alte Frau wird gerade vom Fernsehen interviewt – die den Zug ausmachen. Alle mit kurzen Röckchen, Bluse und einem kunstvoll bestickten Überwurf. Alle tragen Sandalen, haben geflochtene Zöpfe (von denen ich erfahre, dass die meisten künstlich sind) und sind stark geschminkt. Die Musik, sehr einfach, rhythmisch, wird meist von Männern gemacht, auf Trommeln und Flöten. Zuzusehen ist ein Erlebnis.
Aber es bleibt nicht beim Zusehen. Zwei Mädchen aus einem Kreis kommen ausgerechnet auf mich zu, packen mich bei der Hand und nehmen mich in ihren tanzenden Kreis auf. Ein Elefant unter lauter Gazellen. Evangelina kann sich kaum einkriegen und lässt es sich nicht nehmen, das für die Nachwelt festzuhalten. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
Zum Mittagessen ist es noch etwas früh, aber mich treibt der Hunger um. Wir sind schon dabei, nach dem Mercado zu fragen, als uns ein Lokal unter die Augen kommt. Drinnen ist es noch ziemlich leer, aber egal, wir lassen uns drauf ein, und sollen es nicht bereuen. Allmählich füllt sich das Lokal, und als wir gehen, gibt es fast keinen freien Platz mehr.
Das Essen ist gut und der Wein sensationell, ein regionaler Rotwein, Terruño, aus Aranjuez. Tarija ist die bolivianische Weinregion, wie wir letztes Jahr bei einer Exkursion feststellen konnten.
Evangelina hat mir ihrer Milanesa weniger Glück als ich mit meiner Saice, einem Gericht aus Nudeln, Kartoffeln, Erbsen und Hackfleisch. Beide bekommen wir eine schmackhafte Suppe vorweg, und Evangelina bekommt eine ganze Karaffe frisch gepressten Saftes.
Man bezahlt an der Kasse beim Herausgehen. Ich kann kaum glauben, was ich höre: 105 Bolivianos. Das sind, für alles zusammen, gerade mal 10 Euro.
In einem Sportartikelgeschäft finden wir etwas für Nicolás. Das Beste ist der Aufdruck auf der Tüte: ¿Listo para tu próximo desafío? Depende de vos. Eine perfekte Einstimmung auf Argentinien.