Argentinien (2026)

25. Januar (Sonntag)

Die erste Überraschung lässt nicht lange auf sich warten: Beim Aussteigen an der Grenze ist es schwülwarm. Und das um 2 Uhr in der Nacht.

Wir befinden uns in Yacuiba, am westlichen Rand der weitläufigen Tiefebene Gran Chaco gelegen, die vor allem einen großen Teil von Paraguay ausmacht.

Das gesamte Gepäck muss an der Grenzstation ausgepackt und durchleuchtet werden. Wir können von Glück reden, dass wir in Europa Schengen haben.

Auch die Kontrolle geht zermürbend langsam über die Bühne, aber wenn man einmal dran ist, wird man rasch von einem Posten zum anderen weitergereicht, beide in einem kleinen Kabuff untergebracht. Die Ausreise aus Bolivien ist so problemlos wie die Einreise problematisch war, und in Argentinien wird nur nach der Adresse der Unterkunft gefragt. Sonst nichts, kein Formular, kein Ausreisenachweis.

Als wir am frühen Morgen in Palpalá am Busbahnhof ankommen, ist weit und breit kein Mensch zu sehen, außer einem alten Mann, der uns ein Taxi herbeiruft, das  irgendwo wartet. Er spricht, genauso wie Evangelina, von remis. Auf dem Auto steht aber taxi. Beide Wörter werden heute wohl synonym gebraucht, bezeichneten früher aber etwas anderes. In Buenos Aires war das remis (auf ein französisches Wort zurückgehend) eine Art Taxi für betuchte Leute, Menschen, die aus der Oper oder von einer Soiree kamen und von diesen Taxis der besseren Art bereits erwartet und nach Hause chauffiert wurden. Heute steht das Wort remis, in Spanien so gut wie unbekannt, hier in Argentinien ganz einfach für taxi.   

Ähnlich geht es mir mit dem Wort colectivo, das hier ganz allgemein für autobús gebraucht wird. Die colectivos waren ursprünglich, in Buenos Aires, Sammeltaxis, die immer dieselbe Straße, vermutlich die Avenida 9 de Julio, rauf und runter fuhren und die Fahrgäste einsammelten, die dort an beliebigen Stellen warteten. Von da ist es nicht mehr weit bis zu einer Omnibuslinie, zumal hier in Südamerika noch heute oft der Ein- und Ausstieg an fast beliebigen Stellen und nicht nur an Haltestellen erfolgt.

Wir sind beide froh, die langen Fahrten hinter uns gelassen zu haben und gönnen uns eine ausgiebige Ruhepause. Ich liege nur auf der faulen Haut,  Evangelina macht die Wäsche und den Einkauf und kocht, eine riesige Zahl von milanesas, panierten Rinderschnitzeln, auf denen sie vorher stundenlang herumklopft.   

Irgendwann taucht Nicolás wie aus dem Nichts auf, und die beiden gehen ein Stündchen zur Oma rüber. In der Zeit kümmere ich mich um die Organisation der Weiterreise.

Später habe ich Gelegenheit, Nicolás meine Hochachtung für das nicht mehr wiederzuerkennende Badezimmer auszudrücken und ihm ein Inter-Trikot zu übergeben, das sich als viel zu klein erweist.

Homero begegnet mir mit einer Mischung aus Feindseligkeit und Neugier. Er bellt wie wild, wenn er mich auftauchen sieht, dann kommt er vorsichtig heran und leckt an meinen Beinen.  

26. Januar (Montag)

Wir haben Glück. Nicolás muss irgendwelche Formulare an seiner Schule abgeben und fährt uns nach San Salvador. Ich brauche einige Zeit, um das eine oder andere wiederzuerkennen.

Das Schulgebäude sieht klein aus, aber die Schule hat doch so zwischen 600-700 Schülern. Die kommen in zwei Schichten, am Vormittag und am Nachmittag. Nicolás arbeitet vormittags und nachmittags. Er unterrichtet Englisch. Für den Sportunterricht, für den er geradezu prädestiniert aussieht, fehlen ihm noch ein paar Prüfungen.

Über dem Eingang zur Schule steht Sanchez de Bustamente. Nach ihm ist die Schule benannt. Er war ein Staatsmann und Jurist aus Jujuy und gehörte dem Kongress von Tucumán an, der 1816 die Unabhängigkeit Argentiniens erklärte.

Darunter steht Donación José Roger Balet. Diese Inschrift gilt dem Mann, dem die Schule ihre Existenz verdankt, ihrem Mäzen sozusagen. Balet, Katalane, war ein Mann mit einer besonderen Biographie. Er kam mit 17, völlig mittellos, nach Amerika, und verdingte sich als Laufbursche auf den Märkten von Montevideo und Buenos Aires. Irgendwann entschied er sich, sein gesamtes Erspartes und selbst sein persönliches Hab und Gut einzusetzen, um sein eigenes Geschäft zu eröffnen, eine Art frühes Warenhaus. Dem gab er in Anspielung auf seine Biographie den Namen Bazar dos Mundos. Es wurde ein Riesenerfolg. Dann kamen immer neue Geschäfte unter demselben Namen hinzu. Aus dem Habenichts wurde ein Millionär. Und ein Philanthrop. Dutzende von Schulen in ganz Argentinien gehen auf ihn zurück.

Nicolás fährt zurück, und Evangelina führt mich zu einem Museum. Es ist ein kleines Museum, umfasst nur zwei Räume. Es dauert was, bis ich kapiere, worum es sich handelt. Hier gibt es kein einziges Original zu sehen. Lauter Kopien, meist im Kleinformat, von Originalen, die sich an verschiedenen Orten innerhalb der Provinz Jujuy befinden.

Eine junge Frau führt uns durch die Ausstellung. Sie ist selbst Künstlerin und an der Produktion der Kopien beteiligt.

Die Motive sind ausschließlich religiös, und die Tradition ist bolivianisch. Was hat bolivianische Malerei hier verloren? Sie ist mit den golondrinas, den Wanderarbeitern, den Wandervögeln, hierhergekommen. Es ist die alte indigene Tradition der Darstellung der christlichen Engel als Soldaten Gottes, der angeles arcabuceros, mit Arkebusen bewaffneten, geflügelten, vornehm gekleideten Engeln. Dabei ist die Auswahl der Engel sehr großzügig, bezieht auch Engel ein, die nur in den Apokryphen auftauchen und von der katholischen Kirche nicht anerkannt werden.

Alle Gemälde erinnern etwas an Ikonen, teils durch das kleine Format, teils durch die goldene Einfassung, die alle haben, teils auch wohl durch die aufwendig geschnitzten Rahmen, in denen sie stecken.  

Die Maler haben alle ihre Gemälde signiert, also die Maler der Originale. Sie haben dabei Künstlernamen gewählt, die alle den Bestandteil El haben. Das ist hebräisch für ‚Gott‘ und ist auch Bestandteil der Namen Gabriel, Uriel, Ezechiel usw.

Die junge Frau erklärt, es habe encarnaderos gegeben, Maler, die sich ausschließlich auf die Darstellung der Hautpartien spezialisiert haben. Das erinnert mich an die großen Malerwerkstätten der frühen Neuzeit in Europa, wo die Meister das meiste an den Gemälden ihren Schülern überließen und sich nur um einige ganz zentrale Details kümmerten.

Aus Gründen, die ich nicht ganz verstehe, hat man sich jetzt darauf verlegt, gestickte statt gemalte Versionen der Bilder zu erstellen. Man sieht verschiedene Rahmen, in denen die halb fertigen Bilder stecken.

Evangelina spricht eine ältere Frau an, die ins Museum gekommen ist. Sie fragt, ob sie die „Architektin“ sei. Das bejaht diese und beginnt, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Sie ist eine echte Zeitzeugin. Lebt seit mehr als 50 Jahren hier oben im Norden. Der Norden, nicht Buenos Aires, sei die Keimzelle der Unabhängigkeit gewesen, betont sie.

Sie selbst hat als Professorin an der Universität in Buenos Aires gearbeitet und ist während der Militärdiktatur mehrmals festgenommen worden. Hierher zu kommen sei wie eine Erlösung gewesen.

Irgendeine Anspielung verstehe ich nicht. Evangelina erklärt es mir nachher. Bei dem Hinweis auf einen Engel ist der Name Alfonsín gefallen. Den kann ich mit keinem Engel in Verbindung bringen. Die Anspielung gilt Raúl Alfonsín, dem Vorgänger von Menem im Amt des argentinischen Präsidenten. Und der ist bekannt geworden für eine Geste, mit der er im Wahlkampf die Menschen grüßte, beide Hände ineinander verschlungen, den Arm erhoben. Und genau so eine Geste macht der Erzengel auf diesem Gemälde.  

Im Anschluss ans Museum gehen wir zu einem Ärzte-Haus. Draußen steht consultorio über einem Eingang und sanatorio über dem anderen. Drinnen sitzen Patienten und warten in langen Stuhlreihen. Andere ziehen eine Nummer, wieder andere sitzen an Computern und füllen Formulare aus.

Als wir später wiederkommen, gehen wir auf einen Flur mit vielen Türen. Die öffnen sich, mal die eine, mal die andere, und lassen Patienten rein. Unsere Ärztin hat Verspätung, weil sie noch Krankenbesuche macht, und als sie kommt, stellt sich heraus, dass sie keine unangemeldeten Patienten annehmen kann. Dafür habe ich Verständnis.

Wieder im Zentrum machen wir eine Kaffeepause, und dann tausche ich Geld um. In Argentinien muss man sich an große Zahlen gewöhnen. Für 100 Dollar bekomme ich 148.000 Pesos. Um einen ungefähren Anhaltspunkt zu haben, kalkuliere ich, dass ein 10.000-Peso-Schein etwa 5-6 Euro wert ist.

An einer Wand hat jemand Milei Dictador geschmiert. An einem Kleidungsgeschäft gibt es Bleizer für 58.000 Pesos zu kaufen.

Ein Hotel heißt Pregón, ein Buchladen Rayuela, wie der berühmte Roman von Cortázar, der auch noch auf meiner Leseliste steht.

An einem anderen Bekleidungsgeschäft gibt es chombas. Die heißen in Spanien camisetas. Ähnlich ist es bei den Jacken, die hier camperas heißen, ein in Spanien unbekanntes Wort.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle kommen wir an einem Baum mit vollen roten Blüten vorbei. Sehr schön anzusehen. Wir ziehen einen Zweig zu uns herunter. Man riecht nichts.

Schließlich überqueren wir den Fluss, den Xibi-Xibi. Früher hieß es, dass man nach Jujuy zurückkomme, wenn man von dem Wasser des Xibi-Xibi trinkt. Heute wohl nicht mehr empfehlenswert.

27. Januar (Dienstag)

Carlos Menem, der mit den auffälligen Koteletten, war einer der Hauptvertreter einer neoliberalen Politik, wie heute Milei. Unter seiner Regierung wurden staatliche Betriebe zu Dutzenden privatisiert. Dabei war er ganz anders angetreten, als Mann des einfachen Volkes. Die Koteletten gehörten dazu, waren mehr als nur ästhetisches Beiwerk. Sie sollten ihn als eine Art Mann vom Lande charakterisieren, genauso wie der Poncho, den er zu tragen pflegte.

Wegen des schlechten Wetters verschieben wir unseren Plan, nach San Pedro zu fahren, auf einen anderen Tag.  

Am frühen Abend drehen wir eine Runde, eine große Runde. Dass es sich um eine Runde handelt, merke ich erst, als wir von der anderen Seite aus wieder nach Hause zurückkommen.

Es ist viel Volks unterwegs, die meisten im Freizeitlook, einige auf Fahrrädern, viele auf Mopeds oder kleinen Motorrädern.

Am Straßenrand, in einem Parkstreifen, reichlich Fitnessgeräte, von denen auch viel Gebrauch gemacht wird, ebenso wie von den Spielplätzen, auf denen sich Väter mit ihren Kindern tollen.

Einige Männer und viele Jungs tragen ein Trikot von Boca Juniors. River Plate ist nicht vertreten.

Wir passieren die riesige Statue von San Cayetano, Jesuskind auf den Armen, der von oben wohlwollend auf uns hinabblickt. Sein Patronatsfest am 7. August ist der Anlass für das größte Volksfest von Jujuy.

Wir passieren zwei Schulen. Hier eine Stelle zu ergattern würde Evangelinas Arbeitsleben erheblich erleichtern, aber die Aussichten stehen schlecht. Alles immer eine Frage der ominösen puntaje.

Der Bürgersteig ist in einem bedauernswerten Zustand. Man muss bei jedem Schritt aufpassen, wohin man tritt.

An einer belebten Kreuzung stehen allerlei Maskottchen herum, einige kitschig, andere furchterregend: ein Panda, ein Gorilla, ein Phönix, ein Kondor, ein Schlumpf, ein Gespenst, ein Tasmanischer Teufel. Es sind die Maskottchen der verschiedenen Schulen, die vor allem bei Wettbewerben unter den Schulen zum Einsatz kommen. Die Zahl der Schulen ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen, die Bevölkerung hat stark zugenommen, trotz des von Evangelina so beklagten Untergangs der Schwerindustrie, den sie den neoliberalen Politikern zuschreibt.

Auf der anderen Straßenseite befindet sich El Gordito, ein Supermarkt. Wir gehen rein, um Tee zu besorgen. Die Regale sind hoch, die Gänge zwischen ihnen schmal. Es gibt viele Hygieneartikel und allerhand Haushaltswaren. Evangelina bezahlt mit dem Handy, per transferencia, wie fast alle hier.  

Wir gehen in ein Lokal und bestellen einen leckeren Milchshake und ein Sandwich, ein getoastetes belegtes Brot.

Ich erfahre ein interessantes Detail über die Arbeitszeit der argentinischen Lehrer: Männer müssen länger, d.h. mehr Jahre unterrichten als Frauen. Die gehen in der Regel schon mit 57 in Rente. Die Wochenarbeitszeit ist allerdings für alle so hoch wie für keinen Lehrer in ganz Deutschland. Andererseits gibt es ständig irgendwelche nationalen Gedenktage oder andere Anlässe, so dass der Unterricht ausfällt oder aber durch Paraden oder Festakte ersetzt wird.

Wenn Evangelina sagen will, dass jemand alt ist, benutzt sie grande statt viejo, ein Euphemismus, an den ich mich erst gewöhnen muss. Erinnert mich ans Griechische, wo megalos (μεγáλοç), mit der Grundbedeutung ‚groß‘, ebenfalls ‚alt‘ bedeutet.

Auf dem Rückweg passieren wir eine Tankstelle, an der man nur Gas tanken kann. Man sieht die Tanks, die am Unterboden der Autos angebracht sind.

Zum Schluss kommen wir noch am Stadion vorbei. Das hat schon bessere Zeiten gesehen. Hier spielt oder spielte der Club mit dem der Industrie verpflichteten Namen Altos Hornos. Das ist so ähnlich wie Hochöfen Schalke.

28. Januar (Mittwoch)

Als erstes werden morgens Homero und ich wach. Er bellt wütend, sobald ich mich rege.

Am frühen Vormittag klatscht draußen vor dem Eingang jemand in die Hände. So macht man sich hier bemerkbar. Eine Klingel gibt es nicht. Es ist Nicolás‘ Nachhilfeschüler.

Nicolás hat angeboten, uns heute zum Wendekreis des Steinbocks zu fahren, in einen Ort namens Huacalera. Dort markieren ein Monolith und eine Sonnenuhr den Breitengrad, die geographische Linie.

Evangelinas Mutter, die sonst nicht so leicht aus dem Haus zu bekommen ist, hat spontan zugesagt: Ja, sie fährt mit.

Als erstes geht es zur Tankstelle. Nach einer kleinen Rangelei kann ich mich durchsetzen und die Bezahlung übernehmen. Dabei komme ich gut weg: 60.000 Pesos für einen vollen Tank. Das sind nach offiziellem Kurs gerade mal 35 Euro. Für mich mit dem Umweg über den Dollar und dem Kurs in der Wechselstube vielleicht 40 Euro.

Es geht sofort stadtauswärts. Die Straße ist in einem sehr guten Zustand. Nur hin und wieder gibt es Stellen, wo die Fahrbahn aufgeraut, etwas holprig ist. Da bremst der Pick-up vor uns immer abrupt ab, und Nicolás, ein souveräner Fahrer, aber mit der Angewohnheit, etwas nah aufzufahren, muss voll in die Bremsen gehen.

Dann können wir überholen, denn es kommt auf unserer Seite eine weitere Spur hinzu. Das wird angekündigt mit Triple Trocha. Ein neues Wort für mich.

Es dauert nicht lange, bis wir uns mitten in einer wilden Landschaft befinden. Hohe Berge mit grünen Hängen zu beiden Seiten. Kaum mal ein Haus, eine Siedlung. Die Gipfel der Berge liegen in den Wolken.

Der Río León begleitet uns. Gelegentlich überqueren wir ihn, meist fließt er parallel zur Straße. Als wir ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekommen, übersehe ich das Wasser, das er führt, denn das Flussbett ist breit und seicht und voller Kieselsteine.

Irgendwann taucht wie aus dem Nichts ein Friedhof auf, aber kurz darauf ein kleiner Ort, zu dem er gehört. Nicolás erklärt, man lege die Friedhöfe immer außerhalb der Ortschaften an. Genauso haben es bei uns schon die Römer getan.

Einmal passieren wir eine Polizeikontrolle am Straßenrand, aber da winkt man uns ohne Weiteres durch, und dann wird eine große Gruppe von Jugendlichen über die Straße geleitet, die an einer Jugendfreizeit teilnehmen, die meisten mit bedruckten T-Shirts. Sie lächeln uns alle fröhlich zu.

Ich erfahre, dass Nicolás auch (noch) keinen Universitätsabschluss hat. Er hat aber eine abgeschlossene Lehrerausbildung. Das eine ist in Argentinien nicht unbedingt an das andere gebunden. Er will aber noch seinen Abschluss machen, den braucht man (in der Regel jedenfalls), wenn man an der Universität unterrichten will, und das will er auf lange Sicht. Dafür muss er eine Arbeit schreiben, auf Englisch, aber nicht unbedingt über das Englische.

Mutter und Sohn sitzen im selben Boot, aber Evangelina will den Abschluss in erster Linie deshalb machen, um ihre puntaje zu erhöhen und an anderen Schulen unterrichten zu können. Ihre Arbeit wird sich im historischen Gebiet ansiedeln. Im Moment hat sie das Thema der Märkte, der ferias, im Sinn. Das hört sich interessant an.

Dann ändert sich die Landschaft. Es wird mit einem Mal karger, jetzt sieht man die nackten Felswände, auf denen nur noch Kakteen wachsen. Am Straßenrand aber immer noch Bäume und Büsche und dann, völlig überraschend, lauter Gemüsefelder und dann auch Weinfelder. Sie bekommen ihr Wasser wohl aus dem León, aber auch von oben. Irgendwann kommt ein heftiger, wenn auch kurzer Schauer runter.

Irgendwann geht es links zur Quebrada de Humahuaca ab. Dort sind wir vor fast genau einem Jahr zu den Salinas Grandes abgebogen. Unvergesslich.

Diesmal fahren wir geradeaus, aber auch hier wird die Landschaft vom einen auf den anderen Moment traumhaft schön, mit der Paleta del Pintor, einer beeindruckenden vielfarbigen geologischen Formation, mit Hügeln, die rötliche, beige, violette und grüne Farbtöne offenbaren, meist unmittelbar nebeneinander, so dass die Felsen wie marmoriert aussehen. Wie immer ist alles ein Hingucker, was natürlich ist und künstlich aussieht, genauso wie das, was künstlich ist und natürlich aussieht.

Wir machen Halt und steigen auf einen erhöht liegenden, windumwehten Aussichtsturm, von wo aus man einen Blick auf die ganze Bergkette und auf viele Details hat.

Es heißt, das Spektakel sei das Resultat von tektonischen Verschiebungen vieler Jahrtausende. Das erledigt meine Spekulation, dass jede Farbe auf ein bestimmtes Mineral schließen lässt.

Dann erreichen wir den Wendekreis des Steinbocks, in der Nähe des Dorfes Huacalera. Die markierte Stelle verbirgt sich hinter einer ganzen Reihe von Ständen mit Souvenirs und Keramik, aber Nicolás passt auf, und wir machen Halt.

Der Monolith, der die Stelle markiert, erweist sich als kleiner als gedacht, ist aber das perfekte Photomotiv mit dem Aufdruck Trópico de Capricornio und einem senkrecht stehenden Steinbock mit dem Schwanz eines Fisches.

Dahinter steht eine riesige steinerne Wand, spitz zulaufend. Sie ist sozusagen der Zeiger der Sonnenuhr. Hier steht die Sonne am 21./22. Dezember im Zenit, und auch jetzt noch wirft der Monolith so gut wie keinen Schatten.

Später lesen wir im Internet, dass die seit dem Jahr 1934 markierte Stelle aktuell nicht mehr ganz präzise ist, da sich die Linie jedes Jahr ein bisschen Richtung Norden verschiebt.

Wir haben Hunger und bekommen von einer Souvenirverkäuferin den Rat, nach Tilcara zu fahren. In Huacalera bekämen wir jetzt nichts mehr.

In Tilcara waren wir letztes Jahr auch mal und haben dort in einem schäbigen Lokal im Markt sehr gutes Essen bekommen. Diesmal sehen wir ein Lokal, vor dem gleich am Straßenrand gegrillt wird. Riesige Fleischstücke liegen auf dem Grill, denen der Grillmeister teils mit einer Säge zu Leibe rückt. Die Glut wird immer wieder mit einem Blasebalg aktiviert.

Eine freundliche Verkäuferin, die selbst Vegetarierin und eigentlich Lehrerin ist, rückt zwei Tische zusammen und zählt auf, was es alles gibt. Wir entscheiden uns, uns jeweils zu zweit eine Fleischplatte mit drei Stück Fleisch zu teilen, Lamm, Lama, Zicklein. Dazu gibt es einen Salat, der auch Reis und die eine oder andere Pellkartoffel enthält. Vom Wein versteht man hier wenig, und die Kellnerin hat Schwierigkeiten, die Flasche zu öffnen, aber die Wahl – ein Malbec, der teuerste der drei angebotenen Weine – stellt sich als hervorragend heraus. Getrunken wird es allerdings aus einfachen Saftgläsern, genauso wie die Coca-Cola, die wir ebenfalls bestellen.

Das Fleisch ist lecker, vor allem, die Stücke direkt am Knochen. Mir schmeckt das Zicklein am besten, Evangelina findet es zu trocken.

Ich darf die Rechnung übernehmen und zahle ziemlich genau dasselbe wie an der Tankstelle. Dabei nimmt der Wein mit 20.000 Pesos fast ein Drittel der Rechnung ein.

Wir machen uns auf den Weg. Nicolás sucht noch etwas, aber ich weiß nicht genau, was. Bis er es findet, eine Weinkellerei.

Auf dem Weg sehen wir bereits weiße und rote Trauben an den Reben hängen, eher kleine, aber dicht nebeneinander wachsende Trauben. Wir erfahren später, dass nicht mehr viel bis zur Lese im März fehlt.

Wir kommen wohl etwas ungelegen und sind natürlich nicht angemeldet, aber die junge Frau, die gerade aus dem Weinberg kommt, nimmt sich etwas Zeit und führt uns herum.

Es handelt sich um ein ganz neues Weingut, erst wenige Jahre alt, und das erkennt man an den blitzblanken Kesseln und dem noch ganz hellen Holz der Fässer. Die Frau erklärt, dass man bereits drei Jahre nach Gründung des Weinguts den ersten Wein ernten konnte.

Ganz besonderer Wert wird auf die Höhenlage gelegt. Der Vino de Altura wächst auf einer Höhe von 2.300 Metern über dem Meeresspiegel. Wie das die Qualität beeinflusst, wird mir nicht klar.

Eine Besonderheit besteht darin, dass man bei der Anlage der Weinberge die vorhandene Vegetation berücksichtig hat. Deshalb stehen, neben und vor und hinter und zwischen den Rebstöcken riesige Kakteen. Ein echtes Schauspiel.

Das Weingut gehört einer Familie, deren Namen ich als Meller verstehe, bis Evangelina mir zuflüstert: Wie auf Deutsch. Dann fällt der Groschen: Die Familie heißt Meyer!

Evangelina sieht sich veranlasst, aus Nettigkeit zwei Flaschen Wein zu kaufen, obwohl der ganz schön teuer ist. Für das Geld haben wir vorher ein Mittagessen für vier Personen bekommen.

Als wir wieder ins Auto steigen, platzt es aus allen dreien gleichzeitig heraus: „Meyer!“ Was es mit denen auf sich hat, erfahre ich dann. Es handelt sich um eine einflussreiche, wohlhabende Familie, die überall ihre Finger im Spiel hat, die wichtigsten Politiker der Provinz Jujuy maßgeblich beeinflusst. Es wird die Vermutung geäußert, sie hätten die Ländereien sicher unter ganz besonders günstigen Konditionen und mit wenigen Auflagen bekommen.

Dann machen wir noch Halt an einem Haus, an dem es selbst gemachten Ziegenkäse zu kaufen gibt. Auf dem Schild steht hay queso de cabra. Und darunter: y aba. Da stehe ich auf dem Schlauch. Was kann das denn sein? Nicolás erklärt mir, was das ist, und dann fällt der Groschen. Die Rechtschreibung ist schuld. Gemeint ist haba.

Auf dem Rückweg erzählt Nicolás von seinen Reisevorhaben. Eigentlich wollte er, wie letztes Jahr,  mit zwei Freunden nach Brasilien fahren, aber der eine hat sein Geld in ein Motorrad investiert, der andere hat neuerdings eine feste Freundin. Also will er sich alleine auf den Weg machen. Mit dem Auto. Nach Misiones. Ich frage, wie weit das ist, rechne mit 300 – 400 Kilometern, aber es sind 1.000 Kilometer. Die will er doch wohl nicht an einem Tag zurücklegen? Doch, danach sieht es aus.

Wie war das noch mal? Finden bei der WM nicht auch ein paar Spiele in Südamerika statt? Nein, Nicolás weiß Bescheid. Das ist 2030. Dann werden 100 Jahre seit der ersten WM in Uruguay vergangen sein. Dieses Jahr sind Kanada, Mexiko und die USA dran. Nicolás würde gerne hinfahren, aber dann ist das Schuljahr in vollem Gange.

Evangelinas Mutter klagt über ihre Enkelinnen, die gegenwärtig mit ihren Eltern bei ihr zu Besuch sind. Sie habe sie gebeten, die Teller abzutrocknen. Das hätten sie auch getan. Aber die Aufgabe allzu wörtlich genommen und nur die Teller abgetrocknet. Die Tassen, das Besteck und die Gläser hätten sie ignoriert.

Wir passieren eine von der Polizei abgesicherte Stelle, an der ein total zusammengequetschtes Auto steht, daneben die ziemlich zerknirscht aussehenden Unfallbeteiligten. Im Internet sieht man, dass er mit einem inzwischen abgeschleppten Kleintransporter zusammengestoßen ist.  Da kann man nur froh und dankbar sein, dass auf so einer langen Reise am Ende alles glimpflich verlaufen ist.

Als wir nach Hause kommen, bin ich total erschöpft, obwohl ich keinen Finger gerührt habe. Nicolás macht sich dagegen umgehend im Garten zu schaffen. Er stampft mit einem Gerät die Erde fest. Dann bringt er eine Frucht herein, eine Avocado (die hier nicht aguacate, sondern palta heißt). Die stammt von dem riesigen, schattenspendenden Baum hinten im Garten, den Evangelina mir dieser Tage gezeigt hat. Der Baum trägt seit einigen Jahren keine Früchte mehr.

29. Januar (Donnerstag)

Der Tag beginnt früh. Nicolás bricht noch vor dem Morgengrauen auf. Den ganzen Tag über hört man nichts von ihm, aber am späten Abend kommt dann die Nachricht, dass er in Posadas angekommen ist, in der Provinz Misiones. Das sind mehr als 1.000 Kilometer! Posadas liegt am Paraná, gleich gegenüber von Encarnación, in Paraguay, wo ich vor drei Jahren war und mir die Jesuiten-Missionen angesehen habe.

Die gespeicherten Photos zeigen mir, dass wir heute vor einem Jahr Gnocchi essen waren, in San Salvador, und damit eine alte argentinische Tradition bewahrt haben, der zufolge man am Ende des Monats, vorzugsweise am 29. jedes Monats, Gnocchi isst.

Am Nachmittag geht es nach San Pedro. Darauf bin ich doppelt gespannt. Erstens sind dort zwei der Schulen, an denen Evangelina arbeitet. Zweitens sagen alle immer, da sei es so heiß. Dabei ist es gerade mal 55 Kilometer entfernt.

Zuerst geht es mit dem Taxi zum Busbahnhof. Dort fahren die gängigen Buslinien ab: La Veloz del Norte, Flecha Bus, Andesmar und Evangelinas Leib- und Magenlinie Balut.

Man kann mit den verschiedenen Busunternehmen auch Dinge verschicken. Aber nicht alles: Schmuck, Bargeld und Zigaretten sind ausgeschlossen.

Neben den Schaltern der Buslinien gibt es auch einen Schalter einer städtischen Stelle. Dort stehen die Leute Schlange. Daneben der Schalter der Oficina de Turismo. Der ist nicht besetzt und sieht auch nicht so aus, als wenn er in den letzten Jahren mal besetzt gewesen wäre, ein Symbol der Dekadenz der Stadt.

Der Bus sieht moderner aus als er ist. Er rumpelt und ruckelt vor sich her, über eine Straße, die einigermaßen im Schuss ist, mit einer Geschwindigkeit von vielleicht 60-80 km/h. Für die ganze Strecke brauchen wir eine volle Stunde, auch deshalb, weil es kurz vor San Pedro noch eine Umleitung gibt, da die Einfahrt in die Stadt neu gestaltet wird.

Zuerst kommen wir aber durch eine Unterführung, unter der es sich ein paar Obdachlose mit einer Flasche Wein bequem gemacht haben. Dann kommt der Flughafen, in etwas Entfernung von der Strecke.

Die Gegend ist zwar grün, aber eher nichtssagend, flach und nicht sehr abwechslungsreich. Irgendwann tauchen ausgedehnte Tabakfelder, dann ausgedehnte Zuckerrohrfelder auf. Die Tabakfelder scheinen schon abgeerntet zu sein, die Halme sind vergilbt. Früher gab es hier eine eigenständige Tabakfabrik, erklärt Evangelina, aber die konnte sich gegenüber der Konkurrenz nicht behaupten. Jetzt werden die Fabriken nur noch beliefert.

Das mit der Hitze bewahrheitet sich. Wenn man in San Pedro aus dem Bus steigt, trifft einen förmlich der Schlag. Dies ist Hochsommer. Warum ist es hier so anders? Eine Erklärung ist die Höhe. Obwohl man es bei der Fahrt nicht merkt, haben wir Palpalá auf 1.125 Metern Höhe verlassen und sind auf 558 Metern Höhe angekommen.

Der gefühlte Unterschied scheint aber größer zu sein als der tatsächliche. Als wir am Abend wieder in Palpalá sind, um 22 Uhr, zeigt das Internet folgende Temperaturen an: Tarija 13°, San Pedro 26°, Palpalá 23°.

Evangelina führt mich zuerst zur Plaza Constitución, dem Vorzeigeplatz. Die ist wirklich schön, parkähnlich, von hohen Bäumen bestanden und von emblematischen Gebäuden umgeben. Am Rande des Platzes eine Bühne und eine Tribüne, für die bevorstehenden Karnevalstage. San Pedro will so was wie das argentinische Rio sein.

An einer Seite das Rathaus mit einer Art Jugendstil-Fassade, an einer anderen Seite die neugotische Kirche mit einem spitzen Turm, und gleich daneben die bischöfliche Schule. Dort unterrichtet Evangelina in einer Art Oberstufe. Von der Schule ist nicht viel zu sehen, sie verbirgt sich hinter einem verschlossenen Gitter.

Wir gehen in ein klimatisiertes Lokal und essen ein Sandwich. Als wir wieder raus kommen, trifft uns wieder der Schlag. Hier ist es nicht warm, sondern heiß. Erst im Laufe der Zeit kommt ein Lüftchen auf und macht die Sache erträglicher.

Dann geht es zu Evangelinas zweiter Schule, einer Kunstschule. Dort unterrichtet sie in der Unterstufe. Die Schule ist ein ganzes Stück von der anderen entfernt, und ich werde schon müde, obwohl ich den ganzen Tag keinen Finger gerührt habe. Evangelina muss hier viermal in der Woche aufschlagen, zweimal in aller Herrgottsfrühe. Dann ein improvisiertes Mittagessen, dann zurück im Bus und am Abend in Palpalá an die Grundschule. Kein leicht verdientes Geld, und mit einer Stelle weniger reicht es nicht für die Haushaltskasse.

Die Schule hat eine wild bemalte Fassade, eine Urwaldszene mit hohen Bäumen und zähnefletschenden Jaguars. Die hat ein inzwischen pensionierter Lehrer gemalt. Die Schüler, sagt Evangelina, hätten viel Talent, im Malen, vor allem aber auch im Tanzen.

Sehr einladend sieht das Gebäude nicht aus. Das Gitter am Eingang ist verrostet, der Innenhof schmuddelig, die Backsteine angekratzt.

Wir machen noch einen Einkauf für mein Reisegepäck, zu dem ich mich überreden und einladen lasse, und dann geht Evangelina noch in eine Metzgerei, um Nierchen zu kaufen. Es ist längst dunkel, aber die Geschäfte haben, nach einer langen Mittagspause, alle noch geöffnet.

Dann geht es mit dem Balut zurück. Diesmal werden wir an der Landstraße rausgelassen, der Bus fährt nicht in die Stadt hinein. Da kein Taxi aufzutreiben ist und der Bus an uns vorbeifährt, als wir gerade zwischen den Haltestellen sind, müssen wir zu Fuß zurück. Dabei kann man endlich mal ein paar Sterne beobachten und einen etwas blassen Vollmond. Sternenklar ist es jetzt aber auch nicht.

Schön auch der Gruß, der von allen, wirklich allen kommt, die draußen vor ihrem Haus sitzen: ein freundliches Buenas noches bekommt man überall.

Dafür muss man bei den schlecht beleuchteten Straßen und den schlechten Bürgersteigen höllisch aufpassen, wohin man tritt. Und der Weg zieht sich in die Länge.

So geht es Evangelina auch in der Regel, wenn sie von der Arbeit zurückkommt. Wir kommen ganz erschöpft zu Hause an. Ich kann jetzt Evangelinas Weg zur Arbeit besser nachvollziehen.

30. Januar (Freitag)

Am Mittag gibt es Tarta Pascualina, eine Gemüsetorte mit einer Füllung mit Spinat, Mangold, Eiern, Zwiebeln und Käse. Die hat Evangelinas Mutter gemacht. Wie die alte Dame das hinbekommt, obwohl sie beim Laufen einen Stock benutzt, ist mir ein Rätsel.

Danach Evangelinas Nierchen. Ich habe seit Jahrzehnten keine Nierchen mehr gegessen. Das Gericht ist ihr sehr, sehr gelungen. Hier wird es mit Reis, mit Zwiebeln und Paprika, serviert. Ich weiß nicht mehr, wie es bei uns zu Hause serviert wurde, vermutlich mit Kartoffeln. Hier sind es Rindernierchen. Ob das bei uns zu Hause früher auch Rindernierchen waren?

Am Nachmittag fahren wir nach Palpalá rein. Evangelina will mir eine feria zeigen. Was das genau sein soll, habe ich nicht verstanden, und weiß es auch jetzt noch nicht genau. Es hat etwas von Flohmarkt, aber ist doch anders. Was ich mit einem Flohmarkt verbinde – Briefmarken, Münzen, Schallplatten, kleine Möbel, altes Silberbesteck – gibt es hier jedenfalls nicht.

Ursprünglich fand die feria einmal wöchentlich statt, freitags, jetzt wohl zweimal wöchentlich. Auch hier muss man, wie beim Flohmarkt, eine kleine Standgebühr entrichten.

Die feria ist vom Staat ins Leben gerufen worden, und zwar tatsächlich als Antwort auf den Niedergang der Industrie. Man will einfachen Leuten einen kleinen Zusatzverdienst verschaffen.

Der Andrang ist jedenfalls riesengroß, und riesengroß ist auch das Gelände. Das hatte ich mir nicht so vorgestellt.

Wir gehen zuerst über die Wiese neben dem eigentlichen Ausstellungsgelände. Hier wird nur Kleidung verkauft, zweiter Hand, vermutlich alles aus dem eigenen Kleiderschrank. Die Kleidung wird in Haufen angeboten, in denen man herumwühlen kann, oder sorgfältig auf der Erde ausgebreitet oder auf Kleiderstangen aufgehängt. Einige Verkäufer sitzen stumm hinter ihren Auslagen, andere machen lautstark Werbung, unter anderem ein Mann mit Schmerbauch im Hahnenkostüm. Meine Neugierde, was das wohl kostet, befriedigt ein Schild vor einem der Stände: Cada prenda 1000 Pesos. Das ist verdammt wenig. Weniger als 1 Euro pro Stück.

In dem anderen Teil der feria, an Ständen mit Verdeck, gibt es so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann: Handyhüllen, Schuhbürsten, Blechtöpfe, Bohraufsätze, Zahnbürsten, Feuerzeuge – das meiste neu und original  verpackt. Evangelina meint, das seien Händler, die sich hier ein zweites Standbein aufgebaut haben, oder es handele sich um Schmuggelware aus Chile. Auch die Kleidung, die hier verkauft wird, ist neu.

Evangelina sucht und findet mit großer Entdeckerfreude Kleidung mit den Capybara, den Wasserschweinen, die wir in Bolivien im Urwald gesehen haben. Die sind aus unerfindlichen Gründen in einer süßlichen Version zur Standardverzierung von Kinderkleidung geworden. Evangelina findet Handtücher und Käppis und Schuhe mit Capybara-Motiv.

Als wir gerade eins begutachtet haben, wird Evangelina von einer kleinen rundlichen Frau begrüßt. Die strahlt über das ganze Gesicht, ihre Augen leuchten, als sie Evangelina kurz umarmt und ihr ein Küsschen auf die Backe drückt. Sie ist eine ihrer Schülerinnen. Sie spricht Evangelina mit Señó an, einer höflichen Kurzform von Señora. Ungefragt beginnt sie sofort ein Loblied auf Evangelina zu singen, was für eine wunderbare Lehrerin sie sei und was sie alles bei ihr gelernt habe. Hinter ihr ein Mann, ihr Ehemann offensichtlich, der uns auch kurz die Hand schüttelt.

Es geht weiter. Wir kommen in den (kleineren) Teil, wo es Obst und Gemüse gibt und wo man den einen oder anderen kleinen Imbiss zu sich nehmen kann, meist Teigfladen, die gefüllt und dann zugeklappt werden, wie eine Calzone. An einigen Ständen gibt es auch Panchos. Erst seit kurzem weiß ich, dass das Hot Dogs sind.

Alle diese Verkäufer haben ihre liebe Last damit, sich der Fliegen zu erwehren.

Evangelina wird ziemlich aggressiv von einem jungen Mann angesprochen, der ihr ein paar eingepackte selbstgemachte Süßigkeiten andrehen will. Zu meiner Überraschung nimmt sie an. Auf der Schachtel steht Hogares Esperanza da Vida. Es handelt sich um eine Stiftung, die Heime für straffällig gewordene Jugendliche betreibt.

An einem Gemüsestand zeigt Evangelina mir ein rundes, grünes Gemüse, das ich wohl noch nie gesehen habe. Es handelt sich um zapallitos, eine kleinere Form des Kürbisses. Der wird in der Regel ausgehöhlt und gefüllt serviert, mit einer Mischung aus Zwiebeln, Möhren, Eiern und Paniermehl. Sollte man mal probieren.

Auch Brennholz sehen wir an einem Stand. Für den Bratrost oder für den Kamin oder wofür?

Besonders schön, wie immer, wegen des Aussehens und wegen des Geruchs, die Stände mit den losen Gewürzen, in Säcken abgepackt.

Dann kommen wir noch an einem Eierstand vorbei. Hier gibt es ganze Lagen Eier zu kaufen. Wie viele es sind, darauf achte ich nicht, wohl aber auf das spanische Wort, das davorsteht: Maple. Hab ich schon mal gewusst. Auch das deutsche Wort vergesse ich immer wieder. Bei uns in der Familie heißen die Dinger offensichtlich Moppen, aber das scheint nicht so verbreitet zu sein. Im Internet finde ich das Wort Eierhöcker.

Draußen sehen wir noch, wie von einem Pick-up frisch geernteter Mais abgeladen wird und wie ein Hund an einer schönen Zimmerpflanze, die es hier zu kaufen gibt, seine Geruchsspur hinterlässt.

31. Januar (Samstag)

Der Tag verläuft ereignislos. Beim Mittagessen kommt die Rede auf den heftigen Regen, vor dem wir uns gestern Abend noch so gerade in Sicherheit gebracht haben. Und auf die feria als möglicher Gegenstand für Evangelinas Abschlussarbeit.

Die Schülerin, der wir gestern begegnet sind, ist bereits, obwohl noch gar nicht so alt, Urgroßmutter. Und ihre Mutter lebt auch noch. Die ist also Ururgroßmutter – tatarabuela.  

Die Schülerin vertraut Evangelina Dinge an, die man sonst nur ganz engen Freunden anvertraut, darunter Details über ihr Verhältnis zu ihrem Ehemann und dessen Verhalten.

Auch über ihr Krankheitsbulletin ist Evangelina gut informiert. Trotz der vielen Baustellen an ihrem Körper und ihrer guten wirtschaftlichen Situation – sie hat drei Wohnungen in Palpalá und eine in Buenos Aires – nimmt sie nie die (kostenpflichtige) private medizinische Versorgung in Anspruch, nicht einmal die gesetzliche (teils kostenpflichtige) Krankenversicherung ihres Mannes. Sie wartet geduldig, bis sie an einem Krankenhaus einen Termin zur (kostenfreien) Behandlung bekommt. It takes all sorts to make a world.

Vom Mittag an bis in den Abend hinein gibt es Musik, volle Lautstärke, Schlagzeug und Bass. Es dröhnt so sehr, dass man nicht weiß, aus welcher Richtung der Krach kommt. Am Ende sehen wir, dass die Musiker, die eine bewundernswerte Ausdauer an den Tag legen, auf der offenen Veranda über dem Kiosk nebenan spielen. Der Kioskbesitzer ist der Schlagzeuger.  

Gegen Abend machen wir einen Spaziergang zu Evangelinas Mutter. Unterwegs treffen wir immer wieder auf geschminkte Gestalten. Sie kommen vom Desentierro del Diablo, der Zeremonie, mit der die Hochzeit des Karnevals eingeleitet wird. Am Tag vor Aschermittwoch wird der Teufel dann wieder begraben.

Wir kommen an einem Tennisplatz und an einer Padel-Anlage vorbei. Tennis wird hier, wie bei uns, auf Asche gespielt. Padel, eine Mischung aus Tennis und Squash, wird auf Beton gespielt. Es ist hier in Südamerika sehr beliebt, erfordert weniger Kraft als Tennis und ist dynamischer, da die Wände der Spielfeldumrandung mit einbezogen werden. Es wird immer im Doppel gespielt. Der Platz ist bis in den späten Abend hinein besetzt. Nicolás ist einmal erst um Mitternacht hingegangen, weil bis dahin kein Platz frei war.

Als wir auf den Schotterweg abbiegen, der zu Evangelinas Mutters Haus führt, fällt mir die Straßenbeleuchtung auf, runde Lampen baumeln in der Mitte der Straße an Leitungen, die quer über die Straße laufen. Kindheitserinnerungen.

Wir passieren ein halb fertiges Haus, einen Backsteinbau. Das gehört Evangelinas Bruder. Das Erdgeschoss ist so gut wie fertig, aus dem Dach stachen die Eisenträger für das zweite Stockwerk heraus. Er arbeitet immer wieder selbst an dem Haus während der Sommerferien, die er immer mit der Familie hier verbringt, und in seiner Abwesenheit werkeln befreundete Handwerker mal hier, mal da an dem Haus herum. Das Haus soll fertig sein für die Zeit, wenn die Familie aus Feuerland hierher zurückkehrt.

Evangelinas Mutter ist langsam, aber gut drauf. Sie erzählt, wie sie ihren Alltag bewältigt. Dass sie im Sitzen kocht. Dass sie kein Handy haben will und keine Putzhilfe. Das Festnetztelefon sei völlig ausreichend. Auch wenn es meist lange dauert, bis sie den Hörer abnimmt.

Morcilla wird vom Garten reingelassen und springt sofort an mir hoch. Lässt sich streicheln und leckt an meinen Beinen herum. Er hat wirklich keine Berührungsängste.

Sie spricht mit Bewunderung von Nicolás. Der kümmere sich um alles, wenn er zu ihr kommt, um den Garten, um den Hund, um die Küche, um den Einkauf. Er habe auch ihren Mann in den letzten Jahren gepflegt und dabei auch unangenehme Aufgaben übernommen.

Als wir gerade aufbrechen wollen, kommt der Anruf des Sohns, aus Córdoba, vom Haus seiner Schwester. Er hat mit seiner Familie die erste Etappe der schier unendlichen Rückreise hinter sich gebracht. Demnächst machen sie auch noch ein paar Tage irgendwo am Strand Halt.

Wir gehen durch die laue Sommerluft zurück und bekommen für einen Moment den Vollmond zu sehen, bevor der sich wieder hinter die Wolken schiebt.

An jedem zweiten Haus erschrecken uns bellende, jaulende, kläffende Hunde. Warum gibt es hier so viele Hunde? Evangelina zufolge sind es lauter Wachhunde. Zu den Wachhunden kommen noch unzählige streunende, herrenlose Hunde hinzu. Eine Katze sieht man kaum einmal.

Obwohl es längst stockdunkel ist, sind alle Geschäfte noch geöffnet, Apotheken, Metzgereien,  Haushaltswarengeschäfte, Tierhandlungen. Scheinen lauter Einzelhandelsgeschäfte zu sein und sehen alle etwas antiquiert aus.

1. Februar (Sonntag)

Evangelina kommt leichenblass die Treppe hinunter. Sie hat Schüttelfrost und Kopfschmerzen und kaum geschlafen.

Wir fahren durch den strömenden Regen zu einer Not-Apotheke und besorgen Antibiotika und Kopfschmerztabletten für sie. Für mich nebenbei noch was für meine Mückenstiche.

Das geplante Programm fällt ins Wasser, im wahrsten Sinne des Wortes. Bis zum Nachmittag gießt es ununterbrochen. Es kommt eine Nachricht vom Botanischen Garten, bei dem wir Eintrittskarten reserviert hatten: Geschlossen wegen Dauerregens.

2. Februar (Montag)

Am Morgen hört man, wie eine Prozession vorbeizieht. Es ist das Fest der Virgen de la Candelaria. Kommt ursprünglich von den Kanarischen Inseln und hat sich in ganz Lateinamerika ausgebreitet. Das ist identisch, wie ich jetzt herausfinde, mit unserer Mariä Lichtmess, ebenfalls am 2. Februar begangen. Beide Feste erinnern an die Darstellung Christi im Tempel, 40 Tage nach der Geburt. Jesus wird als Licht zur Erleuchtung der Heiden gefeiert. Daher auch die Lichter und der Name des Festes. Ich dachte immer, dass Blasius am 2. Februar wäre, auch das Fest ist mit Lichtern verbunden. Stimmt zwar nicht, das ist erst am 3. Februar, aber jetzt habe ich gelesen, dass der Segen oft schon am 2. Februar gespendet wird.

Mick Jagger wollte, wie ich jetzt gestern gehört habe, M.C. Escher für das Plattencover von Let It Bleed engagieren. Der war überhaupt nicht begeistert. Er hielt nichts von den Stones, fühlte sich nicht, wie Jagger vermutlich erwartet hatte, geschmeichelt durch die Anfrage. Im Gegenteil, schon Jaggers vertrauliche Anrede „Lieber Maurits“ war dem Niederländer zuwider. „Bitte teilen Sie Mr. Jagger mit, dass ich für ihn nicht Maurits bin“, beschied er dem Assistenten des Rockstars kühl-distanziert. Das Cover-Motiv gab’s selbstverständlich auch nicht.

Gutes Zeichen: Evangelina macht sich daran, die Wäsche zu waschen! Das heißt, dass es ihr wieder besser geht.

Sie erzählt von Straßenarbeiten, die hier vor dem Haus fällig wurden, nachdem eine Wasserleitung geplatzt war. Wochenlang war ein Loch in der Straße, und es tat sich nichts. Bis kurz vor Ostern ein Radfahrer in das Loch stürzte und dabei umkam. Danach wurden die Arbeiten in Rekordzeit abgeschlossen, und es wurde auch an den Feiertagen vormittags und nachmittags gearbeitet. Am Ostermontag war alles in Ordnung gebracht. Welches Schicksal hat den unglücklichen Radfahrer getroffen!

Am Mittag geht es zu Evangelinas Mutter zum Essen. Als wir die Tür aufschließen, entwischt uns Morcilla, und Evangelina hat ihre liebe Not und Mühe, ihn in der Nachbarschaft wieder einzufangen.

Im Fernsehen sieht man Aufnahmen aus verschiedenen Landesteilen. Erst gibt es Waldbrände, dann eine einsame Felsenlandschaft, dann Berge im Nebel, dann Strandurlauber, dann Schneeverwehungen. Alles von ein und demselben Tag.

Bevor wir uns zum Essen hinsetzen, sehe ich mich in dem verwunschenen Garten um. Auf den ersten Blick sieht man nichts, außer Wildnis. Dann entdeckt man Feigen, Paprika, Avocados, Mandarinen (noch ganz grün, aber schon groß), Weintrauben, Pampelmusen, Papaya, Quitten. Und in dem Käfig eine Henne mit zwei Küken.

Es gibt gefüllte Kürbisse. Da müssen zuerst die Kerne entfernt werden, dann wird eine Mischung aus Hackfleisch, Käse und Ei eingefüllt, und dann kommt oben drauf das entnommene Fruchtfleisch. Köstlich.

Evangelina Mutter fragt nach „unserer“ Argentinierin in Trier und will wissen, ob die kein Heimweh habe. Sie selbst war 16 Jahre in Buenos Aires, bevor sie geheiratet hat und war dann froh, ins ruhige Jujuy zurückzukehren.

Wir machen uns auf den Weg zu den Termas de Reyes, einem Thermalbad irgendwo in der Gegend. Ein Vorschlag von Evangelina, ein schöner Abschluss der Reise.

Erst geht es mit dem Bus nach San Salvador. Dabei kommen wir am Stadtrand von Palpalá an einem Tennisplatz, einem Golfplatz und einem Schwimmstadion vorbei, früher von der Öffentlichkeit abgeschirmt, nur den Mitgliedern des Bergbauunternehmens zugänglich, heute heruntergekommen, verwaist. Das wäre doch auch ein Thema für Evangelinas Abschlussarbeit: Wie ist es zu der Dekadenz gekommen? Hätte man keine anderen Lösungen finden können? Wie sieht die Zukunft aus?

Eine Frau, die einsteigt, fragt mich, ich käme doch wohl nicht von hier. Ob sie das an meinem Aussehen oder an meinem Akzent festmacht, weiß ich nicht. Frankreich? – Nein, aber Nachbarland. – Belgien? – Nein, aber auch Nachbarland. – Deutschland? Zeugt von ganz guten Erdkundekenntnissen. Sie kennt auch die Steyler Missionare, die hier aber Misioneros del Verbo Divino heißen.

Es ist erstaunlich warm, so warm, wie es in der ganzen Zeit in Argentinien nicht gewesen ist. Und die Sonne lässt sich von den paar weißen Wolken nicht weiter beeindrucken. 

In San Salvador setzen wir uns in einen Uber. Bald wird es ländlich, Wiesen und Weiden zu beiden Seiten, grüne Bäume, grüne Berge.

Erst kommt eine riesige Schafherde, dann kommen Pferde, dann Kühe, dann ein vereinzeltes Schwein, das sich an der üppigen Vegetation am Straßenrand schadlos hält. Es sieht wie ein gewöhnliches Hausschwein aus. Ob es ausgebüxt ist?

Die Fahrbahn ist in guten Zustand, und wir sind so gut wie alleine unterwegs. Dann kommt ein Loch in der Straße, ein Erdrutsch, verursacht durch den Guerrero, den Fluss, der uns ständig begleitet. Die Baustelle ist nur notdürftig abgesichert und schon, wie uns der Fahrer versichert, schon seit Ende Dezember in Betrieb.

Der Guerrero ist wie der León, breit, seicht, voller Kiesel, leichter zu hören als zu sehen.

Die Fahrt dauert ewig, und ich fürchte, dass es eine teure Angelegenheit sein wird. Umso überraschter bin ich, als wir am Ende nur 11.000 Pesos bezahlen. Das ist geschenkt. Dass Argentinien ein teures Land ist, stimmt so pauschal auf jeden Fall nicht.

Vor dem Eingang zu dem Thermalbad wehen Flaggen aus aller Herren Länder, von Frankreich bis Japan, von Mexiko bis China. Wir hören hier während unseres Aufenthalts aber nur Spanisch.

Das Thermalbad ist umgeben von hohen, grünen Bergen, und durch das Tal rauscht der Guerrero.

Nach den üblichen lästigen Formalien – beim Ausfüllen des Formulars mache ich aus reinem Widerspruchsgeist einige Phantasieangaben – gehen wir sofort zum Schwimmbecken. Das Wasser sieht kalt aus, ist aber 40° warm. Wohltuend, aber ermüdend. Nicht umsonst macht uns der Bademeister darauf aufmerksam, man solle nicht länger als 30 Minuten im Wasser bleiben.

Langsam füllt es sich, aber da nie alle gleichzeitig im Wasser sind, gibt es keinen Platzmangel.

Von dem Getränkeangebot wird reichlich Gebrauch gemacht. Bier, Saft, Kaffee, Wein, Cocktails. Der Bademeister hat allerhand zu tun.

Es gibt ein paar Schilder mit Verhaltensregeln, darunter Prohibido tirarse de bomba. Darauf wäre ich nicht gekommen.

Wir trinken einen Kaffee, gehen dann wieder ins Wasser, legen uns auf die Liegestühle und gehen noch mal ins Wasser. Dann wird es Zeit fürs Abendessen.

Im Restaurant sind wir fast die ersten, aber bald füllt es sich, man kennt die Gesichter aus dem Schwimmbecken wieder. Ich bekomme als Vorspeise einen frittierten Käse mit Kräutern und Käse, dazu eine Soße aus Honig und Senf. Sehr lecker. Dazu gibt es etwas in einem Schälchen, das ich dummerweise auch dazu nehme. Und mit bald die Zunge verbrenne, so scharf ist das. Der Kellner sagt etwas herablassend, da erkenne man jemanden, der das nicht gewöhnt sei.

Evangelina bekommt Humita, einen Topf mit gemahlenem Mais und Zwiebeln, Käse und Kürbis. Schmeckt hervorragend.

Gut für sie, denn von dem Hauptgericht, einem Salat, isst sie nur ein paar Häppchen. Sie hat nicht damit gerechnet, dass die Forelle in dem Salat roh serviert wird, und diese Vorstellung verleidet ihr das ganze Essen.

Ich habe mehr Glück. Ich bekomme Bandiola, Schweinenacken, ein saftiges Stück Fleisch, dazu eine Kugel aus Süßkartoffeln, gefüllt mit Nüssen und Ei. Wunderbar.

Das Bier, ein argentinisches Bier, wird in einem Sektkühler mit Eiswürfeln serviert. So bleibt es wunderbar kalt. Ich bin aber nicht sicher, ob ich mich selbst bedienen darf oder darauf warten muss, dass der Kellner mir nachschüttet.

An einem Ecktisch sitzen vier Erwachsene und ein Junge, vielleicht 12 Jahre alt. Die Erwachsenen unterhalten sich angeregt, der Junge spielt mit seinem Handy, erst ein Kartenspiel, dann eine Verfolgungsjagd. Die Erwachsenen kommen nicht auf die Idee, ihn irgendwie einzubeziehen. Wir fragen uns, ob unsere Eltern mit uns gespielt haben. Antwort: Nein. Jedenfalls in der Regel nicht. Und schon gar nicht mit uns auf dem Boden sitzend oder herumtollend. Evangelina erinnert sich an drei Gelegenheiten, bei denen ihr Vater sich ganz kinderfreundlich gezeigt, auf ihre Wünsche eingegangen ist: Einmal hat er sie mit in den Zirkus genommen, einmal hat er sie mit auf die Kirmes genommen, und einmal hat er ihr eine Schallplatte geschenkt. Ihre Augen leuchten heute noch, wenn sie davon erzählt.

3. Februar (Dienstag)

Der Tag vergeht mit langweiligen Aktionen wie Kofferpacken und Bordkarten ausstellen. Beides klappt nicht auf Anhieb. Die größte Herausforderung ist es, ein Bild so im Koffer unterzubringen, dass es nicht kaputtgeht.

Am Mittag gibt es bei Evangelinas Mutter Gnocchi, mit ein paar Tagen Verspätung. Sie sind wunderbar, genauso wie das dazu servierte Hähnchen. Die beiden Frauen erklären mir, wie man Gnocchi macht und versehen gar nicht, dass ich das kompliziert finde.

4. Februar (Mittwoch)

Heute heißt es, Abschied zu nehmen von Argentinien. Ich werde mit herrlichem Wetter verabschiedet. Die Sonne strahlt, der Himmel ist blau, schon am Morgen ist es sommerlich warm.

Auf dem Weg zum Flughafen überholen wir einen Laster mit Anhang, der bis oben voll mit Tabakblättern beladen ist.

Am Flughafen geht es ruckzuck mit dem Einchecken. Zu meiner Beruhigung gibt es weder beim Koffer noch beim Rucksack Beanstandungen.

In der Cafeteria bestehe ich darauf, auf einem Platz am Fenster zu sitzen, von der Sonne beschienen. Es gibt passenderwiese Cappuccino argentino, mit Schokolade und Zimt.  

Wir sehen auf Plakaten noch ein paar argentinische Imperative – Descubrí, Viajá, Pedí – und ich mache endlich eine Notiz zu der typisch argentinischen Antwort, die man hört, wenn man Gracias sagt: No, por favor.

Auf einer schönen, illustrierten Karte von Argentinien sehen wir uns an, wo wir schon gewesen sind letztes Jahr und dieses Jahr und wohin wir demnächst nach fahren könnten.