Ecuador (2025)

23. November (Sonntag)

Am frühen Morgen geht es zum Flughafen. Der Taxifahrer hat eine Zeitlang in Ecuador gelebt, in Esmeraldas, und sich als Goldgräber versucht. Mit Erfolg? – Nein. – Warum? -Pech.

Er stimmt mich gleich richtig ein: Ecuador – das gefährlichste Land Südamerikas. Straßenbanden – Drogenkriminalität – Schießereien. Es selbst sei zweimal überfallen worden. Einmal auf der Straße, einmal im Bus. Bewaffneter Überfall. Von beiden Seiten seien sie in den Bus eingestiegen und hätten den Leuten mit vorgehaltener Pistole alles genommen, was sie mit sich trugen.

Ich bin solche Begleittöne bei meinen Reisen gewohnt, kann mich aber immer noch nicht daran gewöhnen. Frage mich immer wieder: Was denken sich die Leute dabei, wenn sie einem das Land madig machen, das man bereisen will?

Wir fahren, obwohl es zum Flughafen geht, erst durch Wohnviertel, dann über Landstraßen. Es sind schon viele Leute unterwegs, trotz der frühen Zeit, trotz des Sonntags: Radfahrer, Passanten, Jogger, Hundebesitzer. Verschiedene Bäckereien und Cafés haben schon geöffnet.

Etwas weiter ist eine ganze Fahrspur für Jogger abgesperrt. Davon wird trotz der frühen Stunde schon viel Gebrauch gemacht. Der Verkehr wird von Polizisten geregelt. Vorfahrt haben die Jogger.

Dann kommen wir auf eine Mautstraße und durch einen unendlich langen Tunnel, und dann kommt auch schon der Flughafen in Sicht.

Viel Betrieb. Man muss so ziemlich alles selbst machen. Es hakt immer wieder, so, als der Apparat meinen Reisepass nicht erkennt: Es liegt keine Reservierung vor. Mit der Flugnummer geht es dann doch.

Beim Einchecken tippen zwei Frauen gewissenhaft jedes Teil meiner Flugbuchung von Quito nach Lima in den Computer. Ich lasse mich dummerweise auf eine Diskussion über den Sinn und Zweck dieser Einrichtung ein. Warum muss man vor der Einreise schon die Ausreise nachweisen? Das sei eben so, meinen sie. Aber das bedeutet doch nicht, dass es gut ist. Was ich denn tun solle, wenn ich vielleicht länger in Kolumbien oder Ecuador bleiben wollte, einfach, weil es mir gefällt? Dann könne ich meinen ja Flug stornieren. Und damit geben sie mir, ohne es zu merken, den Hinweis darauf, wie man die ganze Regelung unterlaufen kann.

Am Flugsteig angekommen, kaufe ich mir einen Kaffee. Erstaunlich günstig: 6.500 Pesos. Der Kaffee später am Flughafen in Bogotá kostet 18.000 Pesos. Fast dreimal so viel. Auf den verzichte ich.

Das Flugzeug ist für so einen kurzen Inlandsflug erstaunlich groß, sechs Sitzreihen, fast alle vollständig besetzt.

Avianca erweist sich als kniepig. Es gibt nicht einmal einen Kaffee. Wenn man etwas will, muss man bezahlen, in Dollars: Kaffee 3.50 $, Wasser 4 $, Bier 8 $. Davon macht nur ein einziger Passagier Gebrauch. Der trinkt einen Kaffee.

Die Stewardessen müssen sich aber beeilen. Sie sind noch gar nicht mit ihrem Servierwagen durch, da beginnt schon der Anflug auf den Flughafen von Bogotá.

Der ist nicht wiederzuerkennen. Es geht richtig ruhig zu. Selbst bei der Sicherheitskontrolle. Bei der gelten überall andere Regeln. In Luxemburg musste man alles rausnehmen, auch die Handys, in Madrid gar nichts, auch den Laptop nicht. Dann hab ich es mal so, mal so gehalten, ein Handy, beide Handys, kein Handy. Mein Gürtel (ohne Eisenschnalle) geht überall anstandslos durch, der Proviant auch. Meine Uhr, die ich hier schon abgenommen habe, solle ich wieder umziehen, wird mir gesagt.

Die Passkontrolle erfolgt elektronisch: Flugnummer eingeben, Pass scannen, in die Kamera gucken. Beschleunigt die Sache.

Gott sei Dank habe ich reichlich Zeit. Die Wege in den Flughäfen werden immer länger. Und mein Abflugsteig ist am äußersten Ende des Flughafens.

Auch dieser Flug ist kurz. Quito empfängt uns mit vielen Wolken, aber ohne Regen. Die Temperatur, 18°, fühlt sich wärmer an.

Hier erfolgt die Passkontrolle auf traditionelle Art. Und  es gibt nur eine Schlange für alle ausländischen Einreisenden. Die sind allerdings auch deutlich in der Minderheit. Das Mädchen in der Kabine fragt: „Zum zweiten Mal in Ecuador?” Unglaublich, was der Computer sich so alles merkt.  

Ich komme, während ich auf den Koffer warte, in das Netz des Flughafens rein und kann Illac kontaktieren, den Fahrer, den Miriam, die Vermieterin, mir geschickt hat. Er wartet schon vor dem Ausgang. Aber bevor ich raus kann, muss das Gepäck auch hier noch mal durch die Kontrolle.

Dann steige ich in das falsche Auto ein, aber das Missverständnis klärt sich noch rechtzeitig. Illac betätigt die Lichthupe, um auf sich aufmerksam zu machen. Er begrüßt mich höflich, wir packen die Sachen in den Wagen, und los geht’s.

Der Flughafen von Quito liegt, wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß, weit außerhalb. Beim letzten Mal habe ich drei Stunden gebraucht. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Heute brauchen wir nur gut eine Stunde. Das ist mir die 20 Dollar wert.

Illac, erklärt er mir, sei ein Name aus dem Ketschua. Und in welcher Beziehung steht er zu Miriam? Sie ist seine Schwägerin.

Er textet mich während der ganzen Fahrt zu, ohne ein Gefühl dafür, was und wie viel für einen Fremden von Interesse sein kann. Resultat: Ich schalte ab und will nur noch ankommen.

Es wird städtisch, aber in die Innenstadt führen kurvige, schlecht asphaltierte Straßen. Dann sind wir fast an der Wohnung, müssen aber noch einen Umweg fahren, weil irgendwo die Straße gesperrt ist.

Inzwischen habe ich schon einen weißen Kirchturm gesehen und richtig getippt: Das ist die Basilika, eins der emblematischsten Gebäude Quitos. Ganz in der Nähe habe ich beim letzten Mal gewohnt, ganz in der Nähe wohne ich auch diesmal.

Illac setzt mich vor der Haustür ab und hilft mir noch, die Eingangstür mittels des Chips zu öffnen. Dann verabschiedet er sich.

Die nächste Hürde ist nicht existent, denn das Tor zum Innenhof steht offen. Dann stehe ich etwas verloren im Innenhof, weiß nicht, wohin ich mich wenden soll, aber eine Nachbarin und das mit brüderlicher Hilfe gesicherte Video geben die Antwort. Oben stellt sich nur noch eine Frage: rechts rum oder links rum aufschließen?

Das Apartment ist geräumig und sehr gut eingerichtet. Hier kann man es aushalten. Das Bad ist winzig klein, aber dann entdecke ich, dass es noch ein zweites gibt, und das ist größer.

Hier gibt es wieder andere Steckdosen. Erst will es nicht klappen mit meinem Universal-Adapter, aber im zweiten Anlauf funktioniert es dann doch, auch wenn es eine wacklige Angelegenheit ist.

Dankenswerterweise hat Miriam eine Flasche Wasser im Kühlschrank deponiert, und Kaffee gibt es auch. Nur suche ich nach Besteck. Als ich alle Schubladen zweimal vergeblich geöffnet habe, sehe ich, dass es auf dem Küchentisch steht!

24. November (Montag)

Die Sonne geht heute fast genau um 6 Uhr auf und um 6 Uhr unter. Die Variation das Jahr über dürfte gering sein.

Quito liegt auf 2.850 Meter Höhe. Von Höhenluft habe ich aber beim letzten Mal nichts gemerkt.

Ein Kamm, ein Kuli, ein Schirm, meinen USB-Stick und eine abgebrochene Brille – die Verlustliste der bisherigen Reise lässt sich sehen. Wenn das so weiter geht, komme ich mit leerem Koffer zurück.

Inzwischen haben sich die ecuadorianischen Bekannten aus Buenos Aires gemeldet, Zufallsbekanntschaften, ein Trio, das, wenn ich das richtig verstanden habe, gleich mehrere Restaurants in Quito betreibt. Die ziemlich vagen Nachrichten der letzten Wochen konkretisierten sich dann ganz plötzlich: Gleich für heute Einladung zum Frühstück ins Antojo Manabita. Die Information war weder vollständig noch klar, und ich landete am Anfang immer bei einer Clínica Dental. Hat sich aber, nach mehreren Nachfragen, geklärt.

Als ich am Morgen rausgehe, zu einer ersten Orientierung, ist es frisch, die Leute tragen das, was man bei uns Übergangskleidung nennt, aber wenn mal ein Sonnenstrahl durchbricht, ist es sofort richtig warm.

Gleich hier gegenüber, auf der Francisco de Caldas, ist ein winziges Café: drei Tische, neun Stühle, kein Gast. Ich bestelle einen Kaffee und dazu eine Kugel, die hier bolón heißt, gefüllt mit zerlaufenem Käse und kleinen Fleischstücken. Aus was die Kugel gemacht ist, kann mir der junge Mann nicht genau erklären, aber das Internet weiß es: Kochbananen.

Er kann meinen 20-Dollar-Schein nicht wechseln und geht nach nebenan. Dann kommt er mit dem Wechselgeld wieder: 18 1-Dollar-Münzen. Auf diese Weise komme ich an Kleingeld.

Der Supermarkt, Tuti, ist noch geschlossen, also frage ich mich zum Mercado Central durch, ein zweistöckiges Gebäude aus den fünfziger Jahren. Die einzelnen Verkaufsstände, die meisten mit viel Glas, sind nach Gruppen sortiert: Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch. Die Hinweisschilder sind dreisprachig, Spanisch, Englisch, Ketschua: Frutas – Fruits – Rurukuna.

Ich finde einen Blumenstand. Einen Strauß als Mitbringsel für die Einladung, genauer gesagt zwei. Die freundliche Frau berät mich gut und bindet die Sträuße mit viel Aufmerksamkeit fürs Detail. Während sie damit beschäftigt ist, kommt ein Mann vorbei, der Plastikgefäße verkaufen will. Kann ich beim besten Willen nicht gebrauchen. Wir kommen ins Gespräch. Woher ich sei: England, Italien, Australien? Als er sich auf den Weg macht, sagt die Blumenfrau ganz verwundert: Ich dachte, Sie wären Spanier.

Dann geht es zu einem Obststand. Eine Frau bedient mich, der Mann sieht zu. Ich kaufe Weintrauben, Erdbeeren, Pitahaya. Am Ende sagen auch hier die beiden, sie hätten geglaubt, ich wäre Spanier.

Die Blumen waren billig, 4 $ zusammen, das Obst teuer, 7 $.

Nach kurzer Pause zu Hause geht es dann zum Tuti. Der Laden ist klein, modern, mit eher mäßiger Ausstattung. Es sind kaum Kunden da. Die Kassiererinnen nehmen einem die Arbeit ab, die Waren vom Band in den Einkaufswagen zu legen.

Auf dem Rückweg sehe ich von der Straßenkreuzung ganz oben in der Ferne die Virgen de El Panecillo, eine Figur von der Größe des Cristo Redentor von Rio. Sie stellt, mit dem Halbmond unter ihren Füßen, die Unbefleckte Empfängnis dar. Ihr Körper ist in sich gedreht, und sie scheint sich fast zu bewegen. Ich war vor drei Jahren dort oben und habe vor allem die merkwürdige Oberfläche der Figur in Erinnerung. Sie besteht aus 7.400 Aluminiumplatten.

Am Ende unserer Straße, der Caldas, nach oben hin deren Abschluss bildend, steht ein großbürgerliches Haus, fast palastartig, mit einer ganz merkwürdigen Dachkonstruktion. Auf dem Dach ruht nämlich ein Steinsarg. Die Bewohner des Hauses wollten dort begraben werden, um dem Himmel näher zu sein. Illac hat mich gestern darauf hingewiesen. Als ich später einem Taxifahrer davon berichte, stellt sich heraus, dass er noch nie darauf geachtet hat.

Dann geht es mit dem Uber zum Antojo Manabita. Ein großes Lokal, offene Küche, Bambusstäbe als Verzierung.

Es ist noch niemand da. Ich solle erst einmal Platz nehmen. Als erster taucht Edgar auf. Wir erkennen uns sofort wieder. Er ist ein ausgesprochen freundlicher Mann mit lebensbejahenden Einstellungen.

Er fragt nach meiner Ankunft und Unterkunft und nach meiner letzten Reise nach Ecuador. Selbst ist er mit seiner Frau vor kurzem in Costa Rica gewesen. Sie haben eine Rundfahrt mit dem Auto gemacht. Voll begeistert. Und außerdem hat er in Kolumbien, ein ganzes Stück außerhalb von Medellín, einen Ausbildungskurs zum Yoga-Lehrer gemacht. Das scheint alles zu gehen. Die Restaurants – sie haben außer diesem mindestens noch zwei – scheinen von selbst zu laufen. Alles ist so gut strukturiert, dass sie sich selbst um wenig kümmern müssen, allenfalls eine Grundkontrolle ausüben. Selbst fürs Personal gibt es eine eigene Abteilung. Er und seine Frau, Yolanda, müssen die Entscheidungen nur absegnen.

Er stellt sich vor, das alles eines Tages hinter sich zu lassen und ein Hotel – besser gesagt eine ganz Hotelanlage – im Amazonasgebiet, zu eröffnen, in Tena, da wo ich vor drei Jahren war. Und als Traumreise will er den Amazonas in Brasilien entlang fahren.

Dann kommt Yolanda, aber die bringt ihre Schwester mit, Rocío. Ich habe einen Blumenstrauß zu wenig, aber Edgar teilt seine Schokolade mit Rocío. Die ist auch mit im Geschäft. Sie regelt am Wochenende den Betrieb in dem größten der Lokale, einem dreistöckigen Restaurant außerhalb von Quito.

Viel später kommt Alexandra, die kein Taxi bekommen hat. Sie ist die (zukünftige) consuegra von Edgar und Yolanda. Ihr Sohn ist mit deren Tochter liiert. Oder umgekehrt?

Alexandra ist gleichzeitig Psychologin und Yogalehrerin und außerdem noch in einer weiteren Funktion tätig. Sie erzählt begeistert von ihren letzten Reisen, vor allem der nach Argentinien. Sie ist in Calafate gewesen, ganz im Süden Argentiniens.

Einer ihrer Söhne geht demnächst nach Madrid. Seine Verlobte ist schon dort. Sie selbst hat ihren Sohn schon mal in Madrid besucht, die anderen kennen Europa noch nicht.

Edgars und Yolandas Tochter ist auch geschäftstüchtig und will demnächst nach Dubai gehen. Geschäfte machen. Das habe mehr Zukunft als Europa und Amerika.

Die Eltern sehen das ganz gelassen, die Kinder sollen ihre eigenen Erfahrungen machen.

Schließlich kommt auch noch kurz ihr Sohn vorbei. Der hat in der Schule mal Deutsch gelernt. Ein bisschen. Er kann sich aber nur noch an Auf Wiedersehen und eins erinnern. Englisch kann er. Er hat fünf Monate in Chicago gelebt. Hat ihm gut gefallen. Warum Chicago? Verwandte. Klar, hätte man sich denken können. Was er denn in Chicago gemacht habe, will ich wissen. In einem Geschäft gearbeitet, wo Armeeuniformen verkauft wurden. Wie, ohne Ausbildung? Ja, er habe das schnell gelernt. Und wie ist er an den Job gekommen? In den Laden gegangen und sich dem Chef vorgestellt. Chapeau! Was so alles geht!

Als er sich verabschiedet, entwickelt sich ein turbulentes, unterhaltsames, lustiges Gespräch über Gott und die Welt. Alle sind weltoffen, zugänglich, am anderen interessiert. Vor allem ums Älterwerden geht es, ums Zusammenleben und Alleinleben, um Sicherheit, und natürlich ums Reisen. Ob ich immer alleine reise, wollen sie wissen. Nein, nur auf diesen großen Reisen. Edgar könnte sich gut vorstellen, auch so zu reisen, die anderen weniger.

Von allen Seiten gibt es Tipps, was ich alles machen soll in den nächsten Tagen, welche Ausflüge man von Quito aus machen kann. Ich bitte Edgar, die verschiedenen Ziele in mein Notizblock zu schreiben, sonst vergesse ich alles wieder. Ich solle mich erst einmal um Galapagos kümmern, alles andere könne man danach sehen. Am besten in einem Reisebüro. Edgar will mich später dahinbringen.

Ich erzähle von meiner Verwirrung, als ich gestern nicht wusste, was mit dem Treffpunkt El Antojo de la Polonia gemeint war. Allgemeine Heiterkeit. Polonia ist der Name der Straße, ganz einfach. Antojo ist der erste Teil des Namens des Restaurants, vollständig heißt es Antojo Manabita. Das bedarf der Erklärung. Manabí ist eine Region von Ecuador, die besonders für ihre Küche bekannt ist. Antojo ist so etwas wie Laune, Gelüst, Bock, auch in Bezug aufs Essen. Wer ist denn auf diesen Namen gekommen? Edgar deutet bescheiden mit dem Finger auf sich.

Das kam so: Er hatte ein kleines Fischlokal, das hieß El Rincón Manabita. Das lief gut, aber dann kam die Pandemie. Pandemie? Ja, Cholera! Muss in den achtziger Jahren gewesen sein. Die Ansteckung wurde mit dem Verzehr von Fisch in Verbindung gebracht, und die Fischlokale in Ecuador, aber auch in Peru, mussten reihenweise schließen. Edgar ging Pleite. Und dann? Dann ist er mit einem Wägelchen, das seine Mutter ihm geschenkt hat, durch die Straßen gezogen und hat Snacks verkauft. Und heute ist er Eigentümer von vier Restaurants! Eine beeindruckende Geschichte.

Ich breche auf, wir verabschieden uns wie alte Freunde. Edgar fährt mich zum Reisebüro.

Als wir ins Auto steigen, sehe ich, dass genau auf der Ecke die Casa Humboldt ist, mit dem Goethe-Institut. Humboldt hat sich in Quito sehr wohl gefühlt. Und hat die Umgebung unermüdlich erkundet, vor allem die Vulkane, den Pichincha und den Cotopaxi. Vor allem hat hier, in den Kordilleren, die aufsehenerregende Besteigung des Chimborazo stattgefunden. Bei der er noch gerade rechtzeitig seinen Ehrgeiz zügeln konnte und angesichts einer Gletscherspalte den Rückzug antrat. Er wäre sonst sicher umgekommen.

Der Pichincha ist gleich am Rande von Quito. Als ich davon erzähle, dass ich da gerne rauf will, sagt Edgar sofort: Aber nicht alleine! Das machen wir zusammen. Zu gefährlich. Nicht nur wegen möglicher Überfälle, sondern auch wegen des unberechenbaren Wetters.

Unterwegs erzählt mir Edgar vertrauensvoll von seiner Ehe. Die hält jetzt schon 26 Jahre. Alles gut. Ein Mann brauche eine Frau, die einen unterstütze. Und das tue Yolanda.

Er setzt mich vor dem Einkaufszentrum ab, und ich frage mich zum Reisebüro durch. Habe schon im Internet einiges angesehen, aber es ist verdammt schwer, da sind die Angebote voller Fallstricke, und man kann leicht die versteckten Kosten übersehen. Da ist es mir lieber, das von Person zu Person zu machen, und in Ruhe Frage stellen zu können. Ich ahne aber noch nicht, wie kompliziert das werden soll.

Die Dame hinter dem Schreibtisch ist nett und hat viel Geduld. Es dauert aber, bis sie zwei Angebote für Galápagos zusammengestellt und ausgedruckt hat. Wir gehen beide durch. Sie empfiehlt das zweite, etwas teurere, weil da eine Schifffahrt von Insel zu Insel drin ist. Sie empfiehlt, nur einen Rucksack mitzunehmen. Es sei auf jeden Fall warm dort. Internet gebe es, aber kein sehr zuverlässiges. Sie erklärt auch, was ich hier am Flughafen tun müsse, noch vor dem Einchecken.

Sie macht eine genaue Liste der zusätzlichen Kosten. Da fallen verschiedene Sachen an, und die müssen alle vor Ort bezahlt werden, und zwar in bar, darunter 300 $ für den Eintritt in den Nationalpark. Außerdem muss man den Reisepass mitnehmen, Personalausweis genügt nicht. Den Reisepass brauchen wir auch für die endgültige Buchung, aber im Moment gibt sie sich mit der Nummer zufrieden. Das Bild könne ich ihr später schicken.

Ich nehme die Unterlagen mit in eine Cafeteria und sehe alle noch mal durch. Dann stelle ich die offenen Fragen, Ausrüstung, Einzelzimmer, Verpflegung. Sie kann (fast) alles klären.

Die ganze Sache zieht sich hin. Sie kann hier im Reisebüro nichts selbst entscheiden, ist ständig in Kontakt mit anderen, der Agentur vermutlich. Dabei betätigt sie zwei Handys und ein Festnetztelefon. Die Eingaben meiner Daten dauert unendlich lange.

Um die Wartezeit zu verkürzen, gehe ich durchs Einkaufszentrum und entdecke tatsächlich einen Stand mit Billigbrillen. Und lasse mich von dem netten Mann überreden, doch auch gleich noch ein Portemonnaie mitzunehmen.

Dann geht es ans Bezahlen. Wieder müssen am Bildschirm ganze Formulare ausgefüllt werden, um mit der Kreditkarte zu bezahlen. Als alles endlich im Kasten ist, kommt eine Fehlermeldung. Dann noch eine. Sie versucht es mit einem anderen Programm. Wieder dasselbe. Noch ein anderes Programm. Wieder dasselbe. Ein letzter Versuch. Jetzt klappt es! Ich brauche nur noch bei der Bank die Buchung am Handy zu bestätigen. Habe aber kein Internet. Sie wählt mich in das des Reisebüros ein, ich bestätige bei der Bank, bekomme grünes Licht – und dann gibt es wieder eine Fehlermeldung. Die Sache ist endgültig gescheitert, und ich habe die Befürchtung, dass man mir inzwischen meine Kreditkarte gesperrt hat.

Ich will die Sache aber abschließen. Fahre nach Hause zurück, um Bargeld zu holen. Und bei der Gelegenheit dann auch gleich den Reisepass mitzubringen.

Ich nehme den Bus. Der fährt gleich vor dem Einkaufszentrum ab. Der Bus hat eine eigene Spur und fährt meistens schnurstracks geradeaus. Die Fahrkarte kann man am Schalter kaufen. Sie kostet gerade mal 35 Cent. Der Mann sagt mir, ich solle rechts einsteigen. Was ich auch tue.

Bald bereue ich, den Bus genommen zu haben. Es herrscht großes Gedränge, und gerade an den Haltestellen wird mir mulmig angesichts dessen, was ich da in den verschiedenen Taschen bei mir habe:  Personalausweis, Handy, Kreditkarte, Portemonnaie, Schlüssel.

Dann stellt sich heraus, dass ich in der falschen Richtung unterwegs bin. Der Mann am Schalter kann rechts und links nicht auseinanderhalten.

Also geht es in die andere Richtung zurück. An welcher Haltestelle man ist, kann man meist nicht feststellen. Ich versuche es irgendwo auf gut Glück, und komme tatsächlich an der Haltestelle an, an der ich aussteigen sollte. Aber von Basilika weit und breit nichts zu sehen. Ich frage eine Gruppe von Mädchen, und die sagen, zu weit zu Fuß, besser ein Taxi nehmen. Ich gehe, teils aus Trotz, teils um meine Frustration zu verdauen, trotzdem zu Fuß. Auch, wenn es gerade anfängt zu regnen.

Ich hole Geld und Pass aus der Wohnung und fahre mit dem Taxi zurück. Jede Taxifahrt im Laufe des Tages kostet 3 $, Trinkgeld inbegriffen.

Als ich wieder ins Reisebüro komme, verweist mich die Frau an ihren Kollegen. Ich lege Geld und Pass vor und bekomme eine Quittung. Die Flugtickets kämen gleich. Es dauert aber. Auch er tippt ständig neue Daten ein und ist ständig am Telefon.

Dann sind die Flugtickets endlich da. Mit bedeutungsvoller Miene präsentiert der Mann mir sie. Und der Rest? Für die anderen Unterlagen soll ich morgen wiederkommen, sagt er. Jetzt schalte ich auf Protestmodus, aber wie! Der Mann gibt kleinlaut nach, tätigt  einen Anruf und sagt, es klappe doch. In 20 Minuten seien die Unterlagen da.

Ich gehe, einfach um die Zeit zu überbrücken, durch das Einkaufszentrum und entdecke einen riesigen Supermarkt, und da gibt es etwas, womit man nicht unbedingt rechnen konnte: einen Schirm.

Als ich wieder ins Reisebüro komme, sagt der Mann mir, es habe geklappt, alles sei gekommen. Das heißt aber nicht, dass er die Unterlagen schon ausgedruckt hat. Das erfordert noch einmal verschiedenen Telefonate und eine halbe Stunde. Dann ist es endlich soweit. Ich mache drei Kreuzzeichen und trete den Rückweg an.

Der Kreis schließt sich, als im Radio des Taxis genau das Lied läuft, mit dem ich den Tag begonnen habe: „Porque te vas.“

25. November (Dienstag)

In der Küche hängt eine Karte von Ecuador. Auf der kann man die drei natürlichen Landschaften des Landes gut erkennen: Costa, Cordillera, Selva. Dazu Galápagos. Und das in einem relativ kleinen Land. 283.000 km2, etwa so viel wie Großbritannien.

Am Morgen kommt die Sonne raus. Ich gehe die Caldas mit ihren schönen Häusern und den in den Nationalfarben Ecuadors bemalten Pflastersteinen rauf zur Basilika. Die wirkt grau, ich habe sie weiß in Erinnerung. Ihre besondere Attraktion sind die Wasserspeier, die die Form aller möglichen exotischer Tiere habe, darunter Schildkröten.

Auf dem Weg sehe ich ein kleines Lokal, hübsch dekoriert. Da gehe ich zum Frühstück rein. An den anderen Tischen sitzt eine kleine Gruppe junger Frauen, und neben ihnen steht ein gedrungener Mann mit Schnäuzer, der sie über irgendeine anstehende Aktion informiert. Dabei fallen nebeneinander die Wörter boleto und billete. Da scheint es einen Bedeutungsunterschied zu geben.

Im Radio läuft Juanes: „Y es por tiiiii, que late mi corazón”. Als Kontrast kommt von draußen die Musik eines vorbeiziehenden Spielzugs.

Ich nehme, schon wegen des Namens, das Desayuno Manabita. Unterscheidet sich nicht groß von dem von gestern, obwohl es anders heißt. Wieder sind Kochbananen, Reis, Speck und Spiegelei vertreten. Ist aber schöner präsentiert als das von gestern. Wenn das der Edgar hört!

Manabí liegt im Nordwesten Ecuadors, am Pazifik, und grenzt an die Provinz Esmeraldas. Da war ich vor drei Jahren.

Das Wetter ist ideal für einen Spaziergang Richtung Innenstadt. Auf dem Weg kann ich gleich ein paar Besorgungen machen. Ich bekomme, was ich suche, nur Tempotücher sind nicht aufzutreiben.

Die Erleichterung ist groß, als ich Geld abheben und danach auch mit der Kreditkarte bezahlen kann. Ecuador ist der beste Ort für Versorgung mit Bargeld, da man hier Dollars bekommt.

Es herrscht auch hier buntes Treiben, aber es geht ruhiger zu als in Kolumbien: weniger Trubel, weniger Gedränge, weniger Motorräder, weniger Straßenverkäufer.

Die Straßen sind nach Orten in Ecuador benannt, Guayaquil, Esmeraldas, Galápagos. Auch Manatí ist vertreten. Daneben fallen mir andere auf wie die Calle del Algodón, die Calle Angosta (die weniger eng ist als die meisten anderen) und die Calle de las Siete Cruces.

Ich komme auf die Plaza Grande, mit Kathedrale, Palacio Presidencial, Palacio Arzobispal, Palacio Municipal. Der Platz hat seinen Namen wirklich verdient. Und rechtfertigt auch die Aufnahme von Quito in das Weltkulturerbe der UNESCO.

Von hier aus sieht man in entgegengesetzte Richtungen schnurstracks auf zwei Sehenswürdigkeiten in der Ferne, beide erhöht gelegen, den Panecillo und die Basilika. Die präsentiert sich hier mit ihrer zweitürmigen Frontseite.

Die Kathedrale hat zwei flache Kuppeln mit glasierten Kacheln und einen Hahn, der der Legende zufolge Trunkenbolde angreift und vom Platz vertreibt.

Im  Zentrum das unvermeidliche Denkmal für die „Helden“ der Unabhängigkeit. Statt eines Generals oder eines Politikers ist es hier eine weibliche Allegorie, eine Figur, die den „Schrei der Unabhängigkeit“ ausstößt.

Mir gelingt ein Schnappschuss von einem Mann, der sich auf einer Parkbank räkelt, den Kopf zur Seite, beide Arme hinter der Lehne.

Vom Platz aus geht es dann, an der Jesuitenkirche und am Geldmuseum vorbei zum großen Platz vor dem ehemaligen Franziskanerkonvent. Ich habe alles gut, aber nicht so genau in Erinnerung, wie ich dachte.

Der Himmel zieht sich zu. Ich gehe auf einem anderen Weg zurück. Plötzlich ein Polizeiauflauf. Mehrere Jeeps hintereinander mit Blaulicht, und daneben bewaffnete Polizisten im Laufschritt, alle Richtung Plaza Grande. Die Polizisten tragen, wenn ich das richtig erkenne, Maschinenpistolen.

Ich mache in einem Café Halt und bestelle einen Eistee. Kostenpunkt: 1 $. Das erinnert mich an Edgars Bemerkung von gestern, dass  Ecuador billiger sei als Kolumbien. Ob er recht hat?

Die Erinnerung an die letzte Reise kehrt zurück, als ich auf einer schmalen Straße, die erst durch eine Kuhle geht und dann steil nach oben führt, Richtung Basilika gehe. Hier gibt es viele alte Geschäfte mit offenstehenden Türen. In einem davon gibt es alte Münzen und Geldnoten zu kaufen, vor allem den Sucre, die frühere Währung Ecuadors, in allen Varianten.

Die Straße ist so steil, dass man es in den Beinen spürt. Ich überquere die Galápagos. Hier muss ich beim letzten Mal gewohnt haben.

Als ich die Basilika erreiche, eilen gleich mehrere Leute herbei, um einer sehr alten Dame zu helfen, die auf dem Bürgersteig gefallen ist. Ein Mann trägt sie auf den Armen und übergibt sie einer Frau, die sie zum Bus trägt. Die alte Dame lässt den Kopf hilflos zur Seite sinken, ihr Gesichtsausdruck ist trostlos. Sie gehört zu einer Reisegruppe, die hier in Ecuador unterwegs ist. Man fragt sich unwillkürlich: Ist das mutig oder unvernünftig? Muss man irgendwann das Reisen drangeben und einsehen, dass es nicht mehr geht?

Ich überquere den großen Innenhof der Basilika. Dort halten sich vereinzelte Touristen und mehrere Schulklassen auf. Auf dem Mauerabsatz sitzen lauter kleine Mädchen mit Verkleidung, zusammen mit ihren Lehrerinnen. Nach Karneval sieht das nicht aus. Aber was es sonst sein soll, kann ich mir auch nicht erklären.

Ich frage eine Bettlerin, die vor dem Gitter sitzt, das den Hof der Basilika begrenzt, wo die Plaza San Blas ist. Ich gebe ihr eine Münze und sehe dann erst ihre demolierte Nase und Lippe und bereue, ihr nicht mehr gegeben zu haben.

Schließlich komme ich zur Plaza San Blas. Die liegt nicht am oberen, sondern am unteren Ende der Caldas. Gut zu wissen. Das ist der Treffpunkt morgen früh.

26. November (Mittwoch)

Der Tag beginnt mit der wunderbaren Pitahaya. Die hat eine dicke, gelbe Schale, aber mit der braucht man sich nicht herumzuplagen. Man schneidet die Frucht in zwei Teile und löffelt das Fruchtfleisch aus. Die kleinen schwarzen Samen kann man mitessen. So stachelig die Pitahaya von außen wirkt, so weich ist sie innen.

Heute geht es zum Cotopaxi, einem der von Humboldt untersuchten Vulkane. Als Humboldt dort ankam, hatte er die Reise von Bogotá, wo er wie ein König empfangen und fürstlich bedient wurde, bis nach Quito bereits bewältigt, ohne Flugzeug, ohne Auto, mal auf Eseln, meist zu Fuß. Adrett gekleidet, in europäischer Manier, mit Gehrock und Straßenschuhen. Ohne Sonnenbrille, ohne Wanderschuhe, ohne Regenschirm. Über die Anden! Die Lasten, vor allem die Sammlungen und die Messinstrumente, wurden von Einheimischen auf Ochsenkarren transportiert.  

Humboldt maß mit Leidenschaft, ohne Unterlass: die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, den Luftdruck, die Zusammensetzung der Luft und, mit einem Apparat namens Zyanmeter, die Bläue des Himmels. Dazu die genauen Koordinaten jedes Ortes und die Konstellationen. Die Vermessung der Welt.

In den Anden begegnete er immer wieder den cargueros, Lastenträgern, Indios, Schwarze, aber auch Weiße, die keine Dinge, sondern Menschen durch die Berge trugen. Bis zu 70 Kilogramm, einige sogar mehr, konnten die cargueros bewältigen! Eine schwere und gefährliche Aufgabe, denn die Träger mussten sich darauf verlassen, dass die Passagiere auf ihrem Rücken sich ruhig verhielten. Sonst konnte es zu gefährlichen Stürzen kommen. Humboldt nahm mit Verwunderung wahr, dass die Arbeit, obwohl schlecht bezahlt, gut angesehen war. Er und Bonpland machten nie von Gebrauch von dieser Art der Fortbewegung. Sie machten es lieber zu Fuß.

Wir dagegen fahren motorisiert zum Cotopaxi. Mit einem alten, klapprigen Kleinbus, mit Mountain Bikes auf dem Dach.

Wir verlassen Quito in südlicher Richtung. Nach einer guten Stunde machen wir Halt an einem kleinen Lokal. Während die anderen frühstücken, besorge ich mir in dem Lädchen nebenan Tempotücher.

Draußen komme ich mit einem Mann ins Gespräch, der vor seinem Jeep steht. Er ist Tierarzt hier in der Gegend, behandelt in erster Linie große Tiere, Pferde und Kühe. Er kommt gerade von einem Bauern, bei dem er einem Kalb auf die Welt geholfen hat. Diese Gegend, meint er, sei tranquilo, das Lieblingswort der Südamerikaner benutzend, wenn sie sagen wollen, dass man sich hier ruhig bewegen kann, ohne Sorgen, überfallen zu werden. Quito sei anders. Aber hier auf dem Land, da sei die Welt noch in Ordnung. Er gibt mir ein paar Tipps, welche Orte ich noch besuchen soll, vor allem Cuenca, aber das ist, wie ich auf Nachfrage erfahre, sechs Stunden von Quito entfernt.

Im Bus wird vorwiegend Englisch und Deutsch gesprochen. Obwohl ich die Tour ausdrücklich als spanische Exkursion gebucht habe.

Die beiden jungen Führer texten uns zu, was das Zeug hält, aber es geht immer nur um Organisation: Verhaltensregeln, Vorsichtsmaßnahmen, Tagesablauf.

Ein paar ganz dünne Daten gibt es dann doch zu den Vulkanen: Ecuador hat insgesamt 86, davon 32 aktiv. Und der Chimborazo ist der Sonne näher als der Mount Everest. Wegen der Erdkrümmung.

Dabei bleibt es. Während des ganzen Tages gibt es nichts zur Entstehung der Vulkane oder zur Entstehung der Lagune, nichts zur Vegetation, nichts zu den Gesteinsarten, nichts zur Erforschung der Gegend. Die Namen Humboldt und Bonpland fallen nicht. Eine einzige Enttäuschung.

Als mich später beim Essen eine Kanadierin fragt, ob mir die Exkursion gefallen habe, ist sie ganz verblüfft über meine Antwort. Das sei ihr gar nicht aufgefallen. Stimmt dann aber emphatisch zu: Ja, richtig, es habe ja wirklich überhaupt keine Erklärungen gegeben. Dabei interessiert sie sich für Pflanzen und hätte gerne was über die am Wegesrand erfahren.  

Bei einem Photostopp komme ich mit dem jüngeren der Führer ins Gespräch. Der kann Deutsch. Er hat als 17-Jähriger als Austauschschüler ein Jahr in Deutschland  verbracht, erst in Unna, dann in Köln. Hat ihm gut gefallen.

Vom Cotopaxi ist nichts zu sehen, alles ist in Nebel und Wolken gehüllt. Und es ist kalt. Wir sind inzwischen auf 3.600 Metern Höhe. In der anderen Richtung sieht man die braunen Konturen des Rumiñahui, des Brudervulkans des Cotopaxi. Der Rumiñahui ist allerdings erloschen. Der Cotopaxi ist zum letzten Mal 2022 ausgebrochen. Danach war der Nationalpark ein Jahr lang geschlossen.

Da von den Führern nichts kommt, muss ich mich bei der Weiterfahrt auf meine eigenen, dünnen Beobachtungen verlassen. Als wir in den Nationalpark kommen, haben wir die Baumgrenze schon hinter uns gelassen, aber es gibt auf beiden Seiten, dicht aneinander, hübsche grüne Sträucher, die sich im Wind bewegen. Einige haben kleine, schöne Blüten, in Rot und Blau.

Dann verschwinden die, es gibt nur noch eine durchgehend grüne Fläche mit Gräsern, mit ein paar stacheligen Pflanzen hier und da.

Als wir an dem Ausgangspunkt für unseren Aufstieg ankommen, ist auch dieser Rest der Vegetation verschwunden. Hier ist alles nur noch grau und schwarz.

Als wir aus dem Bus steigen, werden wir fast weggeweht. Der Wind ist so stark, dass man zuerst kaum einen Fuß vor den anderen setzen kann. Jeder Schritt ist mühsam, es geht steil bergauf, und nach ein paar Metern bin ich schon ganz außer Atem.

Etwas weiter bleibt der erste Führer stehen und fragt, welchen der beiden Wege wir nehmen wollen, den schwereren, gerade verlaufenden oder den leichteren, im Zickzack nach oben führenden. Ein oder zwei der Teilnehmer rufen „The hard one!“, und ich muss wohl oder übel mitmachen.

Schon nach wenigen Minuten habe ich die vorne an der Spitze aus den Augen verloren. Aber andere sind noch weiter hinten. Die Erde ist weich, und man rutscht bei jedem Schritt immer wieder ein Stückchen runter. Der Wind ist heftig, trifft einen in Böen und erfasst den ganzen Körper. Glücklicherweise regnet es nicht. Einmal kommt die Berghütte in Sicht, verschwindet dann aber wieder hinter einer Kurve. Immer wieder, wenn ein Stein kommt, halte ich mich da für einen Moment fest oder setze mich einen Moment. Für die Umgebung habe ich angesichts der Anstrengung kein Auge. Dann kommt die Berghütte endlich in Sicht. Mit Mühe und Not schaffe ich die letzten Schritte.

In der Berghütte gibt es Tee aus Cocablättern. Soll gut für die Höhenluft sein. Wir sind inzwischen bei 4.800 Metern angekommen.

Ich spreche kurz mit zwei jungen Frauen aus Costa Rica, die den Aufstieg auch qualvoll fanden, und mit einer jungen Frau aus Ungarn, die in Barcelona lebt. Sie lässt sich freudig erregt vor der Fahne ihres Landes photographieren.

Der Abstieg ist – da sollten unsere Führer recht behalten – viel leichter als der Aufstieg. Allerdings peitscht der Wind einem den Regen ins Gesicht, obwohl es hier gar nicht regnet.

Ziemlich durchgefroren, trotz Mütze, T-Shirt, Pullover, Regenjacke, zwei Paar Socken, komme ich am Bus an.

Dann geht es die halbe Strecke bis zur Lagune mit dem Bus hinab. Danach kann man entscheiden, ob man im Bus bleibt oder ein Fahrrad nimmt. Schweren Herzens bleibe ich im Bus. Die Mountain Bikes und die Schotterstraße sehen nicht so einladend aus.

Als wir an der Lagune ankommen, regnet es so heftig, dass die meisten im Bus sitzen bleiben. Ich gebe mir einen Ruck und gehe doch noch bis zu dem Aussichtspunkt. Das lohnt sich, nicht wegen der Lagune, sondern weil ganz plötzlich der Regen aufhört und sich die Wolken lichten und den Blick auf den Cotopaxi freigeben.

Nach dem Essen will ich nur noch nach Hause. Und freue mich, als die Türme der Basilika in Sicht kommen, in der Sonne von Quito glänzend.

27. November (Donnerstag)

Die Erdbeeren, die ich gleich am ersten Tag im Mercado Central gekauft habe, sind ein Gedicht: fest im Biss, voll im Geschmack, süß, aber nicht zu süß.

Auf dem Weg in die Innenstadt fällt mir eine Bronzefigur auf, an einer Straßenecke auf dem Bürgersteig stehend. Ein Mann, der energisch voranschreitet, eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger nach vorne gereckt, eine Schriftrolle in der anderen Hand haltend. Dieser Mann ist Sixto Durán-Ballén, und die Schriftrolle ist eine Bauzeichnung, die sich auf seine Ausbildung als Architekt bezieht. Er war Ecuadorianer, wurde aber in Boston geboren, und wurde nach dem Krieg mit dem Wiederaufbau einer vom Erdbeben zerstörten Stadt beauftragt. Auch als Bürgermeister von Quito stieß er wichtige Bauprojekte an. Er wurde später auch Bauminister und schließlich Präsident von Ecuador. War sehr umstritten aufgrund seiner neoliberalen Politik und der zahlreicher Skandale und der von ihm betriebenen Abspaltung von seiner Partei. Populär wurde er auf die einfachste Weise, in der Politiker populär werden: Er führte Krieg. Er strengte einen Grenzkonflikt mit Peru an und einte die Nation unter dem Motto Ni un paso atrás.

Die Straßen in der Innenstadt haben alle zwei Namen, einen aktuellen und einen ehemaligen. Die aktuellen Namen sind oft geographischer Natur – ich komme heute über die Venezuela und die Chile – und haben neutrale, moderne Schilder. Die alten Straßennamen sind suggestiver – ich komme über die Calle de la Sabana Santa und die Calle de los Suspiros – und zeigen ihren Namen auf schön verzierten Kacheln.

Auf der vergeblichen Suche nach einer Apotheke stoße ich in einer Einkaufszeile auf die Optica Alemana.

An der Plaza Grande bekomme ich in der Touristeninformation einen in Südamerika selten entdeckten Schatz: einen Stadtplan. Trotz des Plans kann ich die Casa del Alabado nicht finden.

Als ich über den Platz gehe, werde ich von einem Soldaten gestoppt: Halt, nicht hier entlang! Es findet gerade eine Parade oder ein Wachablösung statt, unter Trommelwirbel. Die Soldaten tragen einerseits Tarnanzüge, andererseits schön verzierte, bunte Kappen und halten Hellebarden in den Händen, mit der Standarte von Ecuador verziert. Die Parade findet vor dem Palacio Presidencial statt, auf dessen Dach eine überdimensionale Fahne von Ecuador weht.

Dann finde ich eine Apotheke. Die Verkäuferin gibt mir, wie das hier so üblich ist, nicht die ganze Packung, sondern nur einen Blister.

Den von der Apothekerin empfohlenen Geldautomaten finde ich nicht, komme aber auf meinem Weg an der Calle Espejo vorbei und erinnere mich plötzlich an ein Lokal, in dem ich hier damals für ganz wenig Geld gegessen habe.

Panamahüte werden hier, wie ich an einem Geschäft sehe, als Panama Hats verkauft, obwohl sie ursprünglich aus Ecuador stammen!

Ein Polizist schickt mich in die entgegengesetzte Richtung zu einem Geldautomaten, zur Banco de Pichincha, hinter dem Torbogen auf der übernächsten Straße. Volltreffer!

In dieser Straße ist auch das Museo de la Ciudad, ein ganz außergewöhnliches Museum, das ich beim letzten Mal hier besucht habe. In meiner Verzweiflung gehe ich hier rein, um nach der Casa del Alabado zu fragen, nachdem alle Passanten den Kopf geschüttelt haben. Die Frau hier an der Kasse kennt das Museum und macht mir eine flüchtige Zeichnung auf einem Zettel. Nein, bloß nicht über die Rocafuerte gehen! Viel zu gefährlich. Aber das Museum liegt doch ganz in der Nähe der Rocafuerte. Ja, aber besser zur Plaza San Francisco zurück. Das tue ich, finde das Museum aber nicht und komme wieder an den Torbogen.

Jetzt gehe ich erst mal einen Kaffee trinken. Milchkaffee. Der wird hier auf unorthodoxe Weise serviert. Man bekommt eine Tasse heiße Milch und dazu eine kleine Tasse Kaffee. Aus der schüttet man dann nach Bedarf Kaffee in die Milch.

Auf der weiteren Suche bleibe ich unter dem Torbogen stehen und lese, dass der ursprünglich gebaut wurde, damit die Gläubigen vor der Kirche hier an der Seite den Rosenkranz beten konnten, ohne nass zu werden.

Jetzt bin ich doch wieder auf der Rocafuerte. Hier herrscht ziemliches Gedränge, aber als gefährlich empfinde ich sie nicht. Auf einer Seite der Straße sitzen Frauen auf kleinen Klappstühlen und bieten die  Produkte aus ihrem Gemüsegarten zum Kauf an: Möhren, Kartoffeln, Tomaten, aber auch Minze.

Jetzt gehe ich die Straße weiter rauf, biege endlich in die Cuenca ab und stehe nach ein paar Metern vor dem Museum.

Das Museum ist hochmodern und bietet vorkolumbianische Kunst. Paradoxerweise ist es in einem schönen Bau aus der Kolonialzeit untergebracht, mit baumbestandenem Innenhof und schönen Holzgalerien.

Das Mädchen an der Kasse sagt, die Sammlung  sei nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut, aber das stimmt nur für das Obergeschoss. Im Erdgeschoss werden, in abgedunkelten Räumen, die ältesten Exponate ausgestellt.

Was man da zu sehen bekommt, verschlägt einem den Atem. Ein Stück toller als das andere. Alle Figuren stellen, in sehr schematischer Weise, Menschen dar, Ahnen vermutlich, die hier, in Stein gehauen, das Fortleben der Gemeinschaft garantieren sollen.

Die zeitliche Einordnung kann bei so alten Exponaten nicht sehr präzise sein. Hier ist von 4.000 v. Chr. bis 1.500 v. Chr. die Rede.

Einige Figuren sind ganz glatt, sie müssen sehr sorgfältig poliert worden sein, andere sind rau. Augen, Nase und Augenbrauen – die sind oft ganz stark ausgestaltet – sind genug, um einen Menschen erkennen zu lassen. Man hat das Gefühl, dass sie einen aus der Ferne der Zeiten ansehen.

Was auffällt: Die Figuren sind nicht spezifisch hinsichtlich des Geschlechts. Sie könnten Frauen oder Männer sein oder sind besser beides gleichzeitig.

Der Kopf scheint immer getrennt vom „Körper“ geformt zu sein. Bei einer etwas stärker ausgestalteten Figur – allerdings auch die nur ein Relief – hat man das Gefühl, eine trauernde Frau zu erkennen.

Ganz kurios eine etwas klobige Figur, mit dem Aussehen eines Roboters. Sie hat die Form eines Quaders und hat auf allen vier Seiten ein Gesicht.

Dann kommt ein Sprung, und von diesen „formelhaften“ Figuren geht es zu Darstellungen von Herrschern. Die treten jetzt an die Stelle der Vorfahren. Vermutlich Zeichen einer stärker hierarchisch ausgeprägten Gesellschaft. Ein Beispiel ist ein einfach gearbeiteter „Thron“, der auf dem Kopf eines Löwen ruht.

Alles das ist aus Stein. Oben kommen dann auch andere Materialien zum Tragen: Quarz, Marmor, Ton, Holz. Datiert werden die Exponate auf die Zeit zwischen 400 und 1400 nach Chr.

Sehr schön zwei bauchige, bemalte Keramikgefäße mit Ausguss. Sie enthielten Chicha, das fermentierte Maisgetränk, das ich bei der letzten Reise in Tena probieren konnte. Später sieht man auch noch ein Gefäß, mit dem Chicha auf die Felder aufgetragen wurde, als Gewähr für eine gute Ernte.

Etwas hilflos stehe ich vor einem Keramikgefäß, das ein Wesen mit weit aufgerissenem Maul darstellt. Es ist eine Kröte, und ihr aufgerissenes Maul zeigt die Ankunft der Regenzeit an, und Regen bedeutete reiche Ernte.

Immer wieder kommen Figuren paarweise vor oder Gefäße mit zwei Gesichtern. Ganz elementar spielt das auf die Polarität der Welt an, Tag und Nacht, männlich und weiblich, Leben und Tod.

Zwei Figuren, ein Mann und eine Frau, sitzen nebeneinander und haben jeder eine Art Brett vor sich. Erinnert mich an die Figuren aus dem alten Ägypten, die beim Kneten von Teig dargestellt wurden.

Sehr hübsch zwei Frauen, mit Ohrringen, einer Scheibe durch die Nase (Piercing ist keine Erfindung unserer Tage), einer Halskette und originellem Haarschmuck. Sie liegen auf dem Bauch, mit erhobenem Oberkörper, stützen sich auf ihre Hände und scheinen Pilates zu machen.

Man sieht Urnengefäße, in denen die Knochen der Verstorbenen aufbewahrt wurden. Die Gefäße haben die Form weiblicher Hüften, was andeutet, dass die Toten in den Uterus zurückkehren und der Zyklus des Lebens weitergeht.

In kleineren Figuren sieht man geometrische Muster, aber auch immer wieder innere Organe: Uterus, Niere,  Magen. Schwer zu sagen, was dahinter steht.

Unter den Tieren sind vor allem Schlangen und Schmetterlinge gut vertreten. Warum? Sie stehen für die Metamorphose, die Schlange häutet sich, der Schmetterling tritt aus der Raupe heraus. Das versinnbildlicht den Lebenszyklus. Analog dazu werden aus den Samen Pflanzen und aus den Verstorbenen Vorfahren. So sieht man auch die Arbeit des Künstlers als Transformationsprozess: Aus Stein, Ton, Metall, Holz, Muscheln und Pflanzenfasern entstehen Kunstwerke.

Ich sehe mir noch eine Sonderausstellung an, in der es um alles geht, was glänzt. Sie trägt den vielsagenden Titel No todo lo que brilla es oro und gibt damit einem Sprichwort statt seinem metaphorischen Sinn einen wörtlichen Sinn. Es gibt ganz fein gearbeitete, aber auch einige massive Exponate. Am schönsten ein breites aus Metall gearbeitetes, ganz fein punziertes Band. Krone? Halsschmuck? Armreif? Könnte alles sein.

Ich setze mich noch einen Moment in den Innenhof des Museums und lasse das Gesehene Revue passieren.  

Auf dem Rückweg von dem Museum komme ich an der Metrostation San Francisco vorbei. Die Metro stand damals kurz vor der Eröffnung. Jetzt verbindet sie, über 15 Stationen, den Norden mit dem Süden Quitos. San Francisco ist die Station des Centro Histórico. Als ich durch die Station gehe, pfeift eine Aufseherin mit Mikrophon eine Frau zurecht. Die sitzt mit ihrer Tochter auf der Treppe und isst. Verboten!

Trotz der vielen Wolken ist es wärmer und sonniger geworden. Hunderte von Müßiggängern sitzen auf den Bänken auf der Plaza Grande. Ich setze mich dazu. Hier ist Platz für viele, weil es außer dem zentralen Fünfeck weitere Fünfecks gibt, die sich darum gruppieren, jedes mit seinem eigenen Springbrunnen, eigenen Bäumen – meist Palmen und Araukarien – und seinen eigenen Sitzbänken. Gefällt mir gut.

Erst jetzt fällt mir auf, dass der Palacio Municipal ein Neubau ist. Spricht für die Planer, dass er mit seinem Aussehen hier nicht aus der Reihe fällt.

Zu Hause gibt es heißen Tee in rauen Mengen und ein paar Snacks. Die Wohnung zieht einen weiteren Trumpf aus der Tasche: Die Waschmaschine ist bedienungsfreundlich und verrichtet ihre Arbeit bestens und beinahe lautlos.