Ecuador (2025)

23. November (Sonntag)

Am frühen Morgen geht es zum Flughafen. Der Taxifahrer hat eine Zeitlang in Ecuador gelebt, in Esmeraldas, und sich als Goldgräber versucht. Mit Erfolg? – Nein. – Warum? -Pech.

Er stimmt mich gleich richtig ein: Ecuador – das gefährlichste Land Südamerikas. Straßenbanden – Drogenkriminalität – Schießereien. Es selbst sei zweimal überfallen worden. Einmal auf der Straße, einmal im Bus. Bewaffneter Überfall. Von beiden Seiten seien sie in den Bus eingestiegen und hätten den Leuten mit vorgehaltener Pistole alles genommen, was sie mit sich trugen.

Ich bin solche Begleittöne bei meinen Reisen gewohnt, kann mich aber immer noch nicht daran gewöhnen. Frage mich immer wieder: Was denken sich die Leute dabei, wenn sie einem das Land madig machen, das man bereisen will?

Wir fahren, obwohl es zum Flughafen geht, erst durch Wohnviertel, dann über Landstraßen. Es sind schon viele Leute unterwegs, trotz der frühen Zeit, trotz des Sonntags: Radfahrer, Passanten, Jogger, Hundebesitzer. Verschiedene Bäckereien und Cafés haben schon geöffnet.

Etwas weiter ist eine ganze Fahrspur für Jogger abgesperrt. Davon wird trotz der frühen Stunde schon viel Gebrauch gemacht. Der Verkehr wird von Polizisten geregelt. Vorfahrt haben die Jogger.

Dann kommen wir auf eine Mautstraße und durch einen unendlich langen Tunnel, und dann kommt auch schon der Flughafen in Sicht.

Viel Betrieb. Man muss so ziemlich alles selbst machen. Es hakt immer wieder, so, als der Apparat meinen Reisepass nicht erkennt: Es liegt keine Reservierung vor. Mit der Flugnummer geht es dann doch.

Beim Einchecken tippen zwei Frauen gewissenhaft jedes Teil meiner Flugbuchung von Quito nach Lima in den Computer. Ich lasse mich dummerweise auf eine Diskussion über den Sinn und Zweck dieser Einrichtung ein. Warum muss man vor der Einreise schon die Ausreise nachweisen? Das sei eben so, meinen sie. Aber das bedeutet doch nicht, dass es gut ist. Was ich denn tun solle, wenn ich vielleicht länger in Kolumbien oder Ecuador bleiben wollte, einfach, weil es mir gefällt? Dann könne ich meinen ja Flug stornieren. Und damit geben sie mir, ohne es zu merken, den Hinweis darauf, wie man die ganze Regelung unterlaufen kann.

Am Flugsteig angekommen, kaufe ich mir einen Kaffee. Erstaunlich günstig: 6.500 Pesos. Der Kaffee später am Flughafen in Bogotá kostet 18.000 Pesos. Fast dreimal so viel. Auf den verzichte ich.

Das Flugzeug ist für so einen kurzen Inlandsflug erstaunlich groß, sechs Sitzreihen, fast alle vollständig besetzt.

Avianca erweist sich als kniepig. Es gibt nicht einmal einen Kaffee. Wenn man etwas will, muss man bezahlen, in Dollars: Kaffee 3.50 $, Wasser 4 $, Bier 8 $. Davon macht nur ein einziger Passagier Gebrauch. Der trinkt einen Kaffee.

Die Stewardessen müssen sich aber beeilen. Sie sind noch gar nicht mit ihrem Servierwagen durch, da beginnt schon der Anflug auf den Flughafen von Bogotá.

Der ist nicht wiederzuerkennen. Es geht richtig ruhig zu. Selbst bei der Sicherheitskontrolle. Bei der gelten überall andere Regeln. In Luxemburg musste man alles rausnehmen, auch die Handys, in Madrid gar nichts, auch den Laptop nicht. Dann hab ich es mal so, mal so gehalten, ein Handy, beide Handys, kein Handy. Mein Gürtel (ohne Eisenschnalle) geht überall anstandslos durch, der Proviant auch. Meine Uhr, die ich hier schon abgenommen habe, solle ich wieder umziehen, wird mir gesagt.

Die Passkontrolle erfolgt elektronisch: Flugnummer eingeben, Pass scannen, in die Kamera gucken. Beschleunigt die Sache.

Gott sei Dank habe ich reichlich Zeit. Die Wege in den Flughäfen werden immer länger. Und mein Abflugsteig ist am äußersten Ende des Flughafens.

Auch dieser Flug ist kurz. Quito empfängt uns mit vielen Wolken, aber ohne Regen. Die Temperatur, 18°, fühlt sich wärmer an.

Hier erfolgt die Passkontrolle auf traditionelle Art. Und  es gibt nur eine Schlange für alle ausländischen Einreisenden. Die sind allerdings auch deutlich in der Minderheit. Das Mädchen in der Kabine fragt: „Zum zweiten Mal in Ecuador?” Unglaublich, was der Computer sich so alles merkt.  

Ich komme, während ich auf den Koffer warte, in das Netz des Flughafens rein und kann Illac kontaktieren, den Fahrer, den Miriam, die Vermieterin, mir geschickt hat. Er wartet schon vor dem Ausgang. Aber bevor ich raus kann, muss das Gepäck auch hier noch mal durch die Kontrolle.

Dann steige ich in das falsche Auto ein, aber das Missverständnis klärt sich noch rechtzeitig. Illac betätigt die Lichthupe, um auf sich aufmerksam zu machen. Er begrüßt mich höflich, wir packen die Sachen in den Wagen, und los geht’s.

Der Flughafen von Quito liegt, wie ich aus leidvoller Erfahrung weiß, weit außerhalb. Beim letzten Mal habe ich drei Stunden gebraucht. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Heute brauchen wir nur gut eine Stunde. Das ist mir die 20 Dollar wert.

Illac, erklärt er mir, sei ein Name aus dem Ketschua. Und in welcher Beziehung steht er zu Miriam? Sie ist seine Schwägerin.

Er textet mich während der ganzen Fahrt zu, ohne ein Gefühl dafür, was und wie viel für einen Fremden von Interesse sein kann. Resultat: Ich schalte ab und will nur noch ankommen.

Es wird städtisch, aber in die Innenstadt führen kurvige, schlecht asphaltierte Straßen. Dann sind wir fast an der Wohnung, müssen aber noch einen Umweg fahren, weil irgendwo die Straße gesperrt ist.

Inzwischen habe ich schon einen weißen Kirchturm gesehen und richtig getippt: Das ist die Basilika, eins der emblematischsten Gebäude Quitos. Ganz in der Nähe habe ich beim letzten Mal gewohnt, ganz in der Nähe wohne ich auch diesmal.

Illac setzt mich vor der Haustür ab und hilft mir noch, die Eingangstür mittels des Chips zu öffnen. Dann verabschiedet er sich.

Die nächste Hürde ist nicht existent, denn das Tor zum Innenhof steht offen. Dann stehe ich etwas verloren im Innenhof, weiß nicht, wohin ich mich wenden soll, aber eine Nachbarin und das mit brüderlicher Hilfe gesicherte Video geben die Antwort. Oben stellt sich nur noch eine Frage: rechts rum oder links rum aufschließen?

Das Apartment ist geräumig und sehr gut eingerichtet. Hier kann man es aushalten. Das Bad ist winzig klein, aber dann entdecke ich, dass es noch ein zweites gibt, und das ist größer.

Hier gibt es wieder andere Steckdosen. Erst will es nicht klappen mit meinem Universal-Adapter, aber im zweiten Anlauf funktioniert es dann doch, auch wenn es eine wacklige Angelegenheit ist.

Dankenswerterweise hat Miriam eine Flasche Wasser im Kühlschrank deponiert, und Kaffee gibt es auch. Nur suche ich nach Besteck. Als ich alle Schubladen zweimal vergeblich geöffnet habe, sehe ich, dass es auf dem Küchentisch steht!

24. November (Montag)

Die Sonne geht heute fast genau um 6 Uhr auf und um 6 Uhr unter. Die Variation das Jahr über dürfte gering sein.

Quito liegt auf 2.850 Meter Höhe. Von Höhenluft habe ich aber beim letzten Mal nichts gemerkt.

Ein Kamm, ein Kuli, ein Schirm, meinen USB-Stick und eine abgebrochene Brille – die Verlustliste der bisherigen Reise lässt sich sehen. Wenn das so weiter geht, komme ich mit leerem Koffer zurück.

Inzwischen haben sich die ecuadorianischen Bekannten aus Buenos Aires gemeldet, Zufallsbekanntschaften, ein Trio, das, wenn ich das richtig verstanden habe, gleich mehrere Restaurants in Quito betreibt. Die ziemlich vagen Nachrichten der letzten Wochen konkretisierten sich dann ganz plötzlich: Gleich für heute Einladung zum Frühstück ins Antojo Manabita. Die Information war weder vollständig noch klar, und ich landete am Anfang immer bei einer Clínica Dental. Hat sich aber, nach mehreren Nachfragen, geklärt.

Als ich am Morgen rausgehe, zu einer ersten Orientierung, ist es frisch, die Leute tragen das, was man bei uns Übergangskleidung nennt, aber wenn mal ein Sonnenstrahl durchbricht, ist es sofort richtig warm.

Gleich hier gegenüber, auf der Francisco de Caldas, ist ein winziges Café: drei Tische, neun Stühle, kein Gast. Ich bestelle einen Kaffee und dazu eine Kugel, die hier bolón heißt, gefüllt mit zerlaufenem Käse und kleinen Fleischstücken. Aus was die Kugel gemacht ist, kann mir der junge Mann nicht genau erklären, aber das Internet weiß es: Kochbananen.

Er kann meinen 20-Dollar-Schein nicht wechseln und geht nach nebenan. Dann kommt er mit dem Wechselgeld wieder: 18 1-Dollar-Münzen. Auf diese Weise komme ich an Kleingeld.

Der Supermarkt, Tuti, ist noch geschlossen, also frage ich mich zum Mercado Central durch, ein zweistöckiges Gebäude aus den fünfziger Jahren. Die einzelnen Verkaufsstände, die meisten mit viel Glas, sind nach Gruppen sortiert: Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch. Die Hinweisschilder sind dreisprachig, Spanisch, Englisch, Ketschua: Frutas – Fruits – Rurukuna.

Ich finde einen Blumenstand. Einen Strauß als Mitbringsel für die Einladung, genauer gesagt zwei. Die freundliche Frau berät mich gut und bindet die Sträuße mit viel Aufmerksamkeit fürs Detail. Während sie damit beschäftigt ist, kommt ein Mann vorbei, der Plastikgefäße verkaufen will. Kann ich beim besten Willen nicht gebrauchen. Wir kommen ins Gespräch. Woher ich sei: England, Italien, Australien? Als er sich auf den Weg macht, sagt die Blumenfrau ganz verwundert: Ich dachte, Sie wären Spanier.

Dann geht es zu einem Obststand. Eine Frau bedient mich, der Mann sieht zu. Ich kaufe Weintrauben, Erdbeeren, Pitahaya. Am Ende sagen auch hier die beiden, sie hätten geglaubt, ich wäre Spanier.

Die Blumen waren billig, 4 $ zusammen, das Obst teuer, 7 $.

Nach kurzer Pause zu Hause geht es dann zum Tuti. Der Laden ist klein, modern, mit eher mäßiger Ausstattung. Es sind kaum Kunden da. Die Kassiererinnen nehmen einem die Arbeit ab, die Waren vom Band in den Einkaufswagen zu legen.

Auf dem Rückweg sehe ich von der Straßenkreuzung ganz oben in der Ferne die Virgen de El Panecillo, eine Figur von der Größe des Cristo Redentor von Rio. Sie stellt, mit dem Halbmond unter ihren Füßen, die Unbefleckte Empfängnis dar. Ihr Körper ist in sich gedreht, und sie scheint sich fast zu bewegen. Ich war vor drei Jahren dort oben und habe vor allem die merkwürdige Oberfläche der Figur in Erinnerung. Sie besteht aus 7.400 Aluminiumplatten.

Am Ende unserer Straße, der Caldas, nach oben hin deren Abschluss bildend, steht ein großbürgerliches Haus, fast palastartig, mit einer ganz merkwürdigen Dachkonstruktion. Auf dem Dach ruht nämlich ein Steinsarg. Die Bewohner des Hauses wollten dort begraben werden, um dem Himmel näher zu sein. Illac hat mich gestern darauf hingewiesen. Als ich später einem Taxifahrer davon berichte, stellt sich heraus, dass er noch nie darauf geachtet hat.

Dann geht es mit dem Uber zum Antojo Manabita. Ein großes Lokal, offene Küche, Bambusstäbe als Verzierung.

Es ist noch niemand da. Ich solle erst einmal Platz nehmen. Als erster taucht Edgar auf. Wir erkennen uns sofort wieder. Er ist ein ausgesprochen freundlicher Mann mit lebensbejahenden Einstellungen.

Er fragt nach meiner Ankunft und Unterkunft und nach meiner letzten Reise nach Ecuador. Selbst ist er mit seiner Frau vor kurzem in Costa Rica gewesen. Sie haben eine Rundfahrt mit dem Auto gemacht. Voll begeistert. Und außerdem hat er in Kolumbien, ein ganzes Stück außerhalb von Medellín, einen Ausbildungskurs zum Yoga-Lehrer gemacht. Das scheint alles zu gehen. Die Restaurants – sie haben außer diesem mindestens noch zwei – scheinen von selbst zu laufen. Alles ist so gut strukturiert, dass sie sich selbst um wenig kümmern müssen, allenfalls eine Grundkontrolle ausüben. Selbst fürs Personal gibt es eine eigene Abteilung. Er und seine Frau, Yolanda, müssen die Entscheidungen nur absegnen.

Er stellt sich vor, das alles eines Tages hinter sich zu lassen und ein Hotel – besser gesagt eine ganz Hotelanlage – im Amazonasgebiet, zu eröffnen, in Tena, da wo ich vor drei Jahren war. Und als Traumreise will er den Amazonas in Brasilien entlang fahren.

Dann kommt Yolanda, aber die bringt ihre Schwester mit, Rocío. Ich habe einen Blumenstrauß zu wenig, aber Edgar teilt seine Schokolade mit Rocío. Die ist auch mit im Geschäft. Sie regelt am Wochenende den Betrieb in dem größten der Lokale, einem dreistöckigen Restaurant außerhalb von Quito.

Viel später kommt Alexandra, die kein Taxi bekommen hat. Sie ist die (zukünftige) consuegra von Edgar und Yolanda. Ihr Sohn ist mit deren Tochter liiert. Oder umgekehrt?

Alexandra ist gleichzeitig Psychologin und Yogalehrerin und außerdem noch in einer weiteren Funktion tätig. Sie erzählt begeistert von ihren letzten Reisen, vor allem der nach Argentinien. Sie ist in Calafate gewesen, ganz im Süden Argentiniens.

Einer ihrer Söhne geht demnächst nach Madrid. Seine Verlobte ist schon dort. Sie selbst hat ihren Sohn schon mal in Madrid besucht, die anderen kennen Europa noch nicht.

Edgars und Yolandas Tochter ist auch geschäftstüchtig und will demnächst nach Dubai gehen. Geschäfte machen. Das habe mehr Zukunft als Europa und Amerika.

Die Eltern sehen das ganz gelassen, die Kinder sollen ihre eigenen Erfahrungen machen.

Schließlich kommt auch noch kurz ihr Sohn vorbei. Der hat in der Schule mal Deutsch gelernt. Ein bisschen. Er kann sich aber nur noch an Auf Wiedersehen und eins erinnern. Englisch kann er. Er hat fünf Monate in Chicago gelebt. Hat ihm gut gefallen. Warum Chicago? Verwandte. Klar, hätte man sich denken können. Was er denn in Chicago gemacht habe, will ich wissen. In einem Geschäft gearbeitet, wo Armeeuniformen verkauft wurden. Wie, ohne Ausbildung? Ja, er habe das schnell gelernt. Und wie ist er an den Job gekommen? In den Laden gegangen und sich dem Chef vorgestellt. Chapeau! Was so alles geht!

Als er sich verabschiedet, entwickelt sich ein turbulentes, unterhaltsames, lustiges Gespräch über Gott und die Welt. Alle sind weltoffen, zugänglich, am anderen interessiert. Vor allem ums Älterwerden geht es, ums Zusammenleben und Alleinleben, um Sicherheit, und natürlich ums Reisen. Ob ich immer alleine reise, wollen sie wissen. Nein, nur auf diesen großen Reisen. Edgar könnte sich gut vorstellen, auch so zu reisen, die anderen weniger.

Von allen Seiten gibt es Tipps, was ich alles machen soll in den nächsten Tagen, welche Ausflüge man von Quito aus machen kann. Ich bitte Edgar, die verschiedenen Ziele in mein Notizblock zu schreiben, sonst vergesse ich alles wieder. Ich solle mich erst einmal um Galapagos kümmern, alles andere könne man danach sehen. Am besten in einem Reisebüro. Edgar will mich später dahinbringen.

Ich erzähle von meiner Verwirrung, als ich gestern nicht wusste, was mit dem Treffpunkt El Antojo de la Polonia gemeint war. Allgemeine Heiterkeit. Polonia ist der Name der Straße, ganz einfach. Antojo ist der erste Teil des Namens des Restaurants, vollständig heißt es Antojo Manabita. Das bedarf der Erklärung. Manabí ist eine Region von Ecuador, die besonders für ihre Küche bekannt ist. Antojo ist so etwas wie Laune, Gelüst, Bock, auch in Bezug aufs Essen. Wer ist denn auf diesen Namen gekommen? Edgar deutet bescheiden mit dem Finger auf sich.

Das kam so: Er hatte ein kleines Fischlokal, das hieß El Rincón Manabita. Das lief gut, aber dann kam die Pandemie. Pandemie? Ja, Cholera! Muss in den achtziger Jahren gewesen sein. Die Ansteckung wurde mit dem Verzehr von Fisch in Verbindung gebracht, und die Fischlokale in Ecuador, aber auch in Peru, mussten reihenweise schließen. Edgar ging Pleite. Und dann? Dann ist er mit einem Wägelchen, das seine Mutter ihm geschenkt hat, durch die Straßen gezogen und hat Snacks verkauft. Und heute ist er Eigentümer von vier Restaurants! Eine beeindruckende Geschichte.

Ich breche auf, wir verabschieden uns wie alte Freunde. Edgar fährt mich zum Reisebüro.

Als wir ins Auto steigen, sehe ich, dass genau auf der Ecke die Casa Humboldt ist, mit dem Goethe-Institut. Humboldt hat sich in Quito sehr wohl gefühlt. Und hat die Umgebung unermüdlich erkundet, vor allem die Vulkane, den Pichincha und den Cotopaxi. Vor allem hat hier, in den Kordilleren, die aufsehenerregende Besteigung des Chimborazo stattgefunden. Bei der er noch gerade rechtzeitig seinen Ehrgeiz zügeln konnte und angesichts einer Gletscherspalte den Rückzug antrat. Er wäre sonst sicher umgekommen.

Der Pichincha ist gleich am Rande von Quito. Als ich davon erzähle, dass ich da gerne rauf will, sagt Edgar sofort: Aber nicht alleine! Das machen wir zusammen. Zu gefährlich. Nicht nur wegen möglicher Überfälle, sondern auch wegen des unberechenbaren Wetters.

Unterwegs erzählt mir Edgar vertrauensvoll von seiner Ehe. Die hält jetzt schon 26 Jahre. Alles gut. Ein Mann brauche eine Frau, die einen unterstütze. Und das tue Yolanda.

Er setzt mich vor dem Einkaufszentrum ab, und ich frage mich zum Reisebüro durch. Habe schon im Internet einiges angesehen, aber es ist verdammt schwer, da sind die Angebote voller Fallstricke, und man kann leicht die versteckten Kosten übersehen. Da ist es mir lieber, das von Person zu Person zu machen, und in Ruhe Frage stellen zu können. Ich ahne aber noch nicht, wie kompliziert das werden soll.

Die Dame hinter dem Schreibtisch ist nett und hat viel Geduld. Es dauert aber, bis sie zwei Angebote für Galápagos zusammengestellt und ausgedruckt hat. Wir gehen beide durch. Sie empfiehlt das zweite, etwas teurere, weil da eine Schifffahrt von Insel zu Insel drin ist. Sie empfiehlt, nur einen Rucksack mitzunehmen. Es sei auf jeden Fall warm dort. Internet gebe es, aber kein sehr zuverlässiges. Sie erklärt auch, was ich hier am Flughafen tun müsse, noch vor dem Einchecken.

Sie macht eine genaue Liste der zusätzlichen Kosten. Da fallen verschiedene Sachen an, und die müssen alle vor Ort bezahlt werden, und zwar in bar, darunter 300 $ für den Eintritt in den Nationalpark. Außerdem muss man den Reisepass mitnehmen, Personalausweis genügt nicht. Den Reisepass brauchen wir auch für die endgültige Buchung, aber im Moment gibt sie sich mit der Nummer zufrieden. Das Bild könne ich ihr später schicken.

Ich nehme die Unterlagen mit in eine Cafeteria und sehe alle noch mal durch. Dann stelle ich die offenen Fragen, Ausrüstung, Einzelzimmer, Verpflegung. Sie kann (fast) alles klären.

Die ganze Sache zieht sich hin. Sie kann hier im Reisebüro nichts selbst entscheiden, ist ständig in Kontakt mit anderen, der Agentur vermutlich. Dabei betätigt sie zwei Handys und ein Festnetztelefon. Die Eingaben meiner Daten dauert unendlich lange.

Um die Wartezeit zu verkürzen, gehe ich durchs Einkaufszentrum und entdecke tatsächlich einen Stand mit Billigbrillen. Und lasse mich von dem netten Mann überreden, doch auch gleich noch ein Portemonnaie mitzunehmen.

Dann geht es ans Bezahlen. Wieder müssen am Bildschirm ganze Formulare ausgefüllt werden, um mit der Kreditkarte zu bezahlen. Als alles endlich im Kasten ist, kommt eine Fehlermeldung. Dann noch eine. Sie versucht es mit einem anderen Programm. Wieder dasselbe. Noch ein anderes Programm. Wieder dasselbe. Ein letzter Versuch. Jetzt klappt es! Ich brauche nur noch bei der Bank die Buchung am Handy zu bestätigen. Habe aber kein Internet. Sie wählt mich in das des Reisebüros ein, ich bestätige bei der Bank, bekomme grünes Licht – und dann gibt es wieder eine Fehlermeldung. Die Sache ist endgültig gescheitert, und ich habe die Befürchtung, dass man mir inzwischen meine Kreditkarte gesperrt hat.

Ich will die Sache aber abschließen. Fahre nach Hause zurück, um Bargeld zu holen. Und bei der Gelegenheit dann auch gleich den Reisepass mitzubringen.

Ich nehme den Bus. Der fährt gleich vor dem Einkaufszentrum ab. Der Bus hat eine eigene Spur und fährt meistens schnurstracks geradeaus. Die Fahrkarte kann man am Schalter kaufen. Sie kostet gerade mal 35 Cent. Der Mann sagt mir, ich solle rechts einsteigen. Was ich auch tue.

Bald bereue ich, den Bus genommen zu haben. Es herrscht großes Gedränge, und gerade an den Haltestellen wird mir mulmig angesichts dessen, was ich da in den verschiedenen Taschen bei mir habe:  Personalausweis, Handy, Kreditkarte, Portemonnaie, Schlüssel.

Dann stellt sich heraus, dass ich in der falschen Richtung unterwegs bin. Der Mann am Schalter kann rechts und links nicht auseinanderhalten.

Also geht es in die andere Richtung zurück. An welcher Haltestelle man ist, kann man meist nicht feststellen. Ich versuche es irgendwo auf gut Glück, und komme tatsächlich an der Haltestelle an, an der ich aussteigen sollte. Aber von Basilika weit und breit nichts zu sehen. Ich frage eine Gruppe von Mädchen, und die sagen, zu weit zu Fuß, besser ein Taxi nehmen. Ich gehe, teils aus Trotz, teils um meine Frustration zu verdauen, trotzdem zu Fuß. Auch, wenn es gerade anfängt zu regnen.

Ich hole Geld und Pass aus der Wohnung und fahre mit dem Taxi zurück. Jede Taxifahrt im Laufe des Tages kostet 3 $, Trinkgeld inbegriffen.

Als ich wieder ins Reisebüro komme, verweist mich die Frau an ihren Kollegen. Ich lege Geld und Pass vor und bekomme eine Quittung. Die Flugtickets kämen gleich. Es dauert aber. Auch er tippt ständig neue Daten ein und ist ständig am Telefon.

Dann sind die Flugtickets endlich da. Mit bedeutungsvoller Miene präsentiert der Mann mir sie. Und der Rest? Für die anderen Unterlagen soll ich morgen wiederkommen, sagt er. Jetzt schalte ich auf Protestmodus, aber wie! Der Mann gibt kleinlaut nach, tätigt  einen Anruf und sagt, es klappe doch. In 20 Minuten seien die Unterlagen da.

Ich gehe, einfach um die Zeit zu überbrücken, durch das Einkaufszentrum und entdecke einen riesigen Supermarkt, und da gibt es etwas, womit man nicht unbedingt rechnen konnte: einen Schirm.

Als ich wieder ins Reisebüro komme, sagt der Mann mir, es habe geklappt, alles sei gekommen. Das heißt aber nicht, dass er die Unterlagen schon ausgedruckt hat. Das erfordert noch einmal verschiedenen Telefonate und eine halbe Stunde. Dann ist es endlich soweit. Ich mache drei Kreuzzeichen und trete den Rückweg an.

Der Kreis schließt sich, als im Radio des Taxis genau das Lied läuft, mit dem ich den Tag begonnen habe: „Porque te vas.“

25. November (Dienstag)

In der Küche hängt eine Karte von Ecuador. Auf der kann man die drei natürlichen Landschaften des Landes gut erkennen: Costa, Cordillera, Selva. Dazu Galápagos. Und das in einem relativ kleinen Land. 283.000 km2, etwa so viel wie Großbritannien.

Am Morgen kommt die Sonne raus. Ich gehe die Caldas mit ihren schönen Häusern und den in den Nationalfarben Ecuadors bemalten Pflastersteinen rauf zur Basilika. Die wirkt grau, ich habe sie weiß in Erinnerung. Ihre besondere Attraktion sind die Wasserspeier, die die Form aller möglichen exotischer Tiere habe, darunter Schildkröten.

Auf dem Weg sehe ich ein kleines Lokal, hübsch dekoriert. Da gehe ich zum Frühstück rein. An den anderen Tischen sitzt eine kleine Gruppe junger Frauen, und neben ihnen steht ein gedrungener Mann mit Schnäuzer, der sie über irgendeine anstehende Aktion informiert. Dabei fallen nebeneinander die Wörter boleto und billete. Da scheint es einen Bedeutungsunterschied zu geben.

Im Radio läuft Juanes: „Y es por tiiiii, que late mi corazón”. Als Kontrast kommt von draußen die Musik eines vorbeiziehenden Spielzugs.

Ich nehme, schon wegen des Namens, das Desayuno Manabita. Unterscheidet sich nicht groß von dem von gestern, obwohl es anders heißt. Wieder sind Kochbananen, Reis, Speck und Spiegelei vertreten. Ist aber schöner präsentiert als das von gestern. Wenn das der Edgar hört!

Manabí liegt im Nordwesten Ecuadors, am Pazifik, und grenzt an die Provinz Esmeraldas. Da war ich vor drei Jahren.

Das Wetter ist ideal für einen Spaziergang Richtung Innenstadt. Auf dem Weg kann ich gleich ein paar Besorgungen machen. Ich bekomme, was ich suche, nur Tempotücher sind nicht aufzutreiben.

Die Erleichterung ist groß, als ich Geld abheben und danach auch mit der Kreditkarte bezahlen kann. Ecuador ist der beste Ort für Versorgung mit Bargeld, da man hier Dollars bekommt.

Es herrscht auch hier buntes Treiben, aber es geht ruhiger zu als in Kolumbien: weniger Trubel, weniger Gedränge, weniger Motorräder, weniger Straßenverkäufer.

Die Straßen sind nach Orten in Ecuador benannt, Guayaquil, Esmeraldas, Galápagos. Auch Manatí ist vertreten. Daneben fallen mir andere auf wie die Calle del Algodón, die Calle Angosta (die weniger eng ist als die meisten anderen) und die Calle de las Siete Cruces.

Ich komme auf die Plaza Grande, mit Kathedrale, Palacio Presidencial, Palacio Arzobispal, Palacio Municipal. Der Platz hat seinen Namen wirklich verdient. Und rechtfertigt auch die Aufnahme von Quito in das Weltkulturerbe der UNESCO.

Von hier aus sieht man in entgegengesetzte Richtungen schnurstracks auf zwei Sehenswürdigkeiten in der Ferne, beide erhöht gelegen, den Panecillo und die Basilika. Die präsentiert sich hier mit ihrer zweitürmigen Frontseite.

Die Kathedrale hat zwei flache Kuppeln mit glasierten Kacheln und einen Hahn, der der Legende zufolge Trunkenbolde angreift und vom Platz vertreibt.

Im  Zentrum das unvermeidliche Denkmal für die „Helden“ der Unabhängigkeit. Statt eines Generals oder eines Politikers ist es hier eine weibliche Allegorie, eine Figur, die den „Schrei der Unabhängigkeit“ ausstößt.

Mir gelingt ein Schnappschuss von einem Mann, der sich auf einer Parkbank räkelt, den Kopf zur Seite, beide Arme hinter der Lehne.

Vom Platz aus geht es dann, an der Jesuitenkirche und am Geldmuseum vorbei zum großen Platz vor dem ehemaligen Franziskanerkonvent. Ich habe alles gut, aber nicht so genau in Erinnerung, wie ich dachte.

Der Himmel zieht sich zu. Ich gehe auf einem anderen Weg zurück. Plötzlich ein Polizeiauflauf. Mehrere Jeeps hintereinander mit Blaulicht, und daneben bewaffnete Polizisten im Laufschritt, alle Richtung Plaza Grande. Die Polizisten tragen, wenn ich das richtig erkenne, Maschinenpistolen.

Ich mache in einem Café Halt und bestelle einen Eistee. Kostenpunkt: 1 $. Das erinnert mich an Edgars Bemerkung von gestern, dass  Ecuador billiger sei als Kolumbien. Ob er recht hat?

Die Erinnerung an die letzte Reise kehrt zurück, als ich auf einer schmalen Straße, die erst durch eine Kuhle geht und dann steil nach oben führt, Richtung Basilika gehe. Hier gibt es viele alte Geschäfte mit offenstehenden Türen. In einem davon gibt es alte Münzen und Geldnoten zu kaufen, vor allem den Sucre, die frühere Währung Ecuadors, in allen Varianten.

Die Straße ist so steil, dass man es in den Beinen spürt. Ich überquere die Galápagos. Hier muss ich beim letzten Mal gewohnt haben.

Als ich die Basilika erreiche, eilen gleich mehrere Leute herbei, um einer sehr alten Dame zu helfen, die auf dem Bürgersteig gefallen ist. Ein Mann trägt sie auf den Armen und übergibt sie einer Frau, die sie zum Bus trägt. Die alte Dame lässt den Kopf hilflos zur Seite sinken, ihr Gesichtsausdruck ist trostlos. Sie gehört zu einer Reisegruppe, die hier in Ecuador unterwegs ist. Man fragt sich unwillkürlich: Ist das mutig oder unvernünftig? Muss man irgendwann das Reisen drangeben und einsehen, dass es nicht mehr geht?

Ich überquere den großen Innenhof der Basilika. Dort halten sich vereinzelte Touristen und mehrere Schulklassen auf. Auf dem Mauerabsatz sitzen lauter kleine Mädchen mit Verkleidung, zusammen mit ihren Lehrerinnen. Nach Karneval sieht das nicht aus. Aber was es sonst sein soll, kann ich mir auch nicht erklären.

Ich frage eine Bettlerin, die vor dem Gitter sitzt, das den Hof der Basilika begrenzt, wo die Plaza San Blas ist. Ich gebe ihr eine Münze und sehe dann erst ihre demolierte Nase und Lippe und bereue, ihr nicht mehr gegeben zu haben.

Schließlich komme ich zur Plaza San Blas. Die liegt nicht am oberen, sondern am unteren Ende der Caldas. Gut zu wissen. Das ist der Treffpunkt morgen früh.

26. November (Mittwoch)

Der Tag beginnt mit der wunderbaren Pitahaya. Die hat eine dicke, gelbe Schale, aber mit der braucht man sich nicht herumzuplagen. Man schneidet die Frucht in zwei Teile und löffelt das Fruchtfleisch aus. Die kleinen schwarzen Samen kann man mitessen. So stachelig die Pitahaya von außen wirkt, so weich ist sie innen.

Heute geht es zum Cotopaxi, einem der von Humboldt untersuchten Vulkane. Als Humboldt dort ankam, hatte er die Reise von Bogotá, wo er wie ein König empfangen und fürstlich bedient wurde, bis nach Quito bereits bewältigt, ohne Flugzeug, ohne Auto, mal auf Eseln, meist zu Fuß. Adrett gekleidet, in europäischer Manier, mit Gehrock und Straßenschuhen. Ohne Sonnenbrille, ohne Wanderschuhe, ohne Regenschirm. Über die Anden! Die Lasten, vor allem die Sammlungen und die Messinstrumente, wurden von Einheimischen auf Ochsenkarren transportiert.  

Humboldt maß mit Leidenschaft, ohne Unterlass: die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit, den Luftdruck, die Zusammensetzung der Luft und, mit einem Apparat namens Zyanmeter, die Bläue des Himmels. Dazu die genauen Koordinaten jedes Ortes und die Konstellationen. Die Vermessung der Welt.

In den Anden begegnete er immer wieder den cargueros, Lastenträgern, Indios, Schwarze, aber auch Weiße, die keine Dinge, sondern Menschen durch die Berge trugen. Bis zu 70 Kilogramm, einige sogar mehr, konnten die cargueros bewältigen! Eine schwere und gefährliche Aufgabe, denn die Träger mussten sich darauf verlassen, dass die Passagiere auf ihrem Rücken sich ruhig verhielten. Sonst konnte es zu gefährlichen Stürzen kommen. Humboldt nahm mit Verwunderung wahr, dass die Arbeit, obwohl schlecht bezahlt, gut angesehen war. Er und Bonpland machten nie von Gebrauch von dieser Art der Fortbewegung. Sie machten es lieber zu Fuß.

Wir dagegen fahren motorisiert zum Cotopaxi. Mit einem alten, klapprigen Kleinbus, mit Mountain Bikes auf dem Dach.

Wir verlassen Quito in südlicher Richtung. Nach einer guten Stunde machen wir Halt an einem kleinen Lokal. Während die anderen frühstücken, besorge ich mir in dem Lädchen nebenan Tempotücher.

Draußen komme ich mit einem Mann ins Gespräch, der vor seinem Jeep steht. Er ist Tierarzt hier in der Gegend, behandelt in erster Linie große Tiere, Pferde und Kühe. Er kommt gerade von einem Bauern, bei dem er einem Kalb auf die Welt geholfen hat. Diese Gegend, meint er, sei tranquilo, das Lieblingswort der Südamerikaner benutzend, wenn sie sagen wollen, dass man sich hier ruhig bewegen kann, ohne Sorgen, überfallen zu werden. Quito sei anders. Aber hier auf dem Land, da sei die Welt noch in Ordnung. Er gibt mir ein paar Tipps, welche Orte ich noch besuchen soll, vor allem Cuenca, aber das ist, wie ich auf Nachfrage erfahre, sechs Stunden von Quito entfernt.

Im Bus wird vorwiegend Englisch und Deutsch gesprochen. Obwohl ich die Tour ausdrücklich als spanische Exkursion gebucht habe.

Die beiden jungen Führer texten uns zu, was das Zeug hält, aber es geht immer nur um Organisation: Verhaltensregeln, Vorsichtsmaßnahmen, Tagesablauf.

Ein paar ganz dünne Daten gibt es dann doch zu den Vulkanen: Ecuador hat insgesamt 86, davon 32 aktiv. Und der Chimborazo ist der Sonne näher als der Mount Everest. Wegen der Erdkrümmung.

Dabei bleibt es. Während des ganzen Tages gibt es nichts zur Entstehung der Vulkane oder zur Entstehung der Lagune, nichts zur Vegetation, nichts zu den Gesteinsarten, nichts zur Erforschung der Gegend. Die Namen Humboldt und Bonpland fallen nicht. Eine einzige Enttäuschung.

Als mich später beim Essen eine Kanadierin fragt, ob mir die Exkursion gefallen habe, ist sie ganz verblüfft über meine Antwort. Das sei ihr gar nicht aufgefallen. Stimmt dann aber emphatisch zu: Ja, richtig, es habe ja wirklich überhaupt keine Erklärungen gegeben. Dabei interessiert sie sich für Pflanzen und hätte gerne was über die am Wegesrand erfahren.  

Bei einem Photostopp komme ich mit dem jüngeren der Führer ins Gespräch. Der kann Deutsch. Er hat als 17-Jähriger als Austauschschüler ein Jahr in Deutschland  verbracht, erst in Unna, dann in Köln. Hat ihm gut gefallen.

Vom Cotopaxi ist nichts zu sehen, alles ist in Nebel und Wolken gehüllt. Und es ist kalt. Wir sind inzwischen auf 3.600 Metern Höhe. In der anderen Richtung sieht man die braunen Konturen des Rumiñahui, des Brudervulkans des Cotopaxi. Der Rumiñahui ist allerdings erloschen. Der Cotopaxi ist zum letzten Mal 2022 ausgebrochen. Danach war der Nationalpark ein Jahr lang geschlossen.

Da von den Führern nichts kommt, muss ich mich bei der Weiterfahrt auf meine eigenen, dünnen Beobachtungen verlassen. Als wir in den Nationalpark kommen, haben wir die Baumgrenze schon hinter uns gelassen, aber es gibt auf beiden Seiten, dicht aneinander, hübsche grüne Sträucher, die sich im Wind bewegen. Einige haben kleine, schöne Blüten, in Rot und Blau.

Dann verschwinden die, es gibt nur noch eine durchgehend grüne Fläche mit Gräsern, mit ein paar stacheligen Pflanzen hier und da.

Als wir an dem Ausgangspunkt für unseren Aufstieg ankommen, ist auch dieser Rest der Vegetation verschwunden. Hier ist alles nur noch grau und schwarz.

Als wir aus dem Bus steigen, werden wir fast weggeweht. Der Wind ist so stark, dass man zuerst kaum einen Fuß vor den anderen setzen kann. Jeder Schritt ist mühsam, es geht steil bergauf, und nach ein paar Metern bin ich schon ganz außer Atem.

Etwas weiter bleibt der erste Führer stehen und fragt, welchen der beiden Wege wir nehmen wollen, den schwereren, gerade verlaufenden oder den leichteren, im Zickzack nach oben führenden. Ein oder zwei der Teilnehmer rufen „The hard one!“, und ich muss wohl oder übel mitmachen.

Schon nach wenigen Minuten habe ich die vorne an der Spitze aus den Augen verloren. Aber andere sind noch weiter hinten. Die Erde ist weich, und man rutscht bei jedem Schritt immer wieder ein Stückchen runter. Der Wind ist heftig, trifft einen in Böen und erfasst den ganzen Körper. Glücklicherweise regnet es nicht. Einmal kommt die Berghütte in Sicht, verschwindet dann aber wieder hinter einer Kurve. Immer wieder, wenn ein Stein kommt, halte ich mich da für einen Moment fest oder setze mich einen Moment. Für die Umgebung habe ich angesichts der Anstrengung kein Auge. Dann kommt die Berghütte endlich in Sicht. Mit Mühe und Not schaffe ich die letzten Schritte.

In der Berghütte gibt es Tee aus Cocablättern. Soll gut für die Höhenluft sein. Wir sind inzwischen bei 4.800 Metern angekommen.

Ich spreche kurz mit zwei jungen Frauen aus Costa Rica, die den Aufstieg auch qualvoll fanden, und mit einer jungen Frau aus Ungarn, die in Barcelona lebt. Sie lässt sich freudig erregt vor der Fahne ihres Landes photographieren.

Der Abstieg ist – da sollten unsere Führer recht behalten – viel leichter als der Aufstieg. Allerdings peitscht der Wind einem den Regen ins Gesicht, obwohl es hier gar nicht regnet.

Ziemlich durchgefroren, trotz Mütze, T-Shirt, Pullover, Regenjacke, zwei Paar Socken, komme ich am Bus an.

Dann geht es die halbe Strecke bis zur Lagune mit dem Bus hinab. Danach kann man entscheiden, ob man im Bus bleibt oder ein Fahrrad nimmt. Schweren Herzens bleibe ich im Bus. Die Mountain Bikes und die Schotterstraße sehen nicht so einladend aus.

Als wir an der Lagune ankommen, regnet es so heftig, dass die meisten im Bus sitzen bleiben. Ich gebe mir einen Ruck und gehe doch noch bis zu dem Aussichtspunkt. Das lohnt sich, nicht wegen der Lagune, sondern weil ganz plötzlich der Regen aufhört und sich die Wolken lichten und den Blick auf den Cotopaxi freigeben.

Nach dem Essen will ich nur noch nach Hause. Und freue mich, als die Türme der Basilika in Sicht kommen, in der Sonne von Quito glänzend.

27. November (Donnerstag)

Die Erdbeeren, die ich gleich am ersten Tag im Mercado Central gekauft habe, sind ein Gedicht: fest im Biss, voll im Geschmack, süß, aber nicht zu süß.

Auf dem Weg in die Innenstadt fällt mir eine Bronzefigur auf, an einer Straßenecke auf dem Bürgersteig stehend. Ein Mann, der energisch voranschreitet, eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger nach vorne gereckt, eine Schriftrolle in der anderen Hand haltend. Dieser Mann ist Sixto Durán-Ballén, und die Schriftrolle ist eine Bauzeichnung, die sich auf seine Ausbildung als Architekt bezieht. Er war Ecuadorianer, wurde aber in Boston geboren, und wurde nach dem Krieg mit dem Wiederaufbau einer vom Erdbeben zerstörten Stadt beauftragt. Auch als Bürgermeister von Quito stieß er wichtige Bauprojekte an. Er wurde später auch Bauminister und schließlich Präsident von Ecuador. War sehr umstritten aufgrund seiner neoliberalen Politik und zahlreicher Skandale und der von ihm betriebenen Abspaltung von seiner Partei. Populär wurde er auf die einfachste Weise, in der Politiker populär werden: Er führte Krieg. Er strengte einen Grenzkonflikt mit Peru an und einte die Nation unter dem Motto Ni un paso atrás.

Die Straßen in der Innenstadt haben alle zwei Namen, einen aktuellen und einen ehemaligen. Die aktuellen Namen sind oft geographischer Natur – ich komme heute über die Venezuela und die Chile – und haben neutrale, moderne Schilder. Die alten Straßennamen sind suggestiver – ich komme über die Calle de la Sabana Santa und die Calle de los Suspiros – und zeigen ihren Namen auf schön verzierten Kacheln.

Auf der vergeblichen Suche nach einer Apotheke stoße ich in einer Einkaufszeile auf die Optica Alemana.

An der Plaza Grande bekomme ich in der Touristeninformation einen in Südamerika selten entdeckten Schatz: einen Stadtplan. Trotz des Plans kann ich die Casa del Alabado nicht finden.

Als ich über den Platz gehe, werde ich von einem Soldaten gestoppt: Halt, nicht hier entlang! Es findet gerade eine Parade oder ein Wachablösung statt, unter Trommelwirbel. Die Soldaten tragen einerseits Tarnanzüge, andererseits schön verzierte, bunte Kappen und halten Hellebarden in den Händen, mit der Standarte von Ecuador verziert. Die Parade findet vor dem Palacio Presidencial statt, auf dessen Dach eine überdimensionale Fahne von Ecuador weht.

Dann finde ich eine Apotheke. Die Verkäuferin gibt mir, wie das hier so üblich ist, nicht die ganze Packung, sondern nur einen Blister.

Den von der Apothekerin empfohlenen Geldautomaten finde ich nicht, komme aber auf meinem Weg an der Calle Espejo vorbei und erinnere mich plötzlich an ein Lokal, in dem ich hier damals für ganz wenig Geld gegessen habe.

Panamahüte werden hier, wie ich an einem Geschäft sehe, als Panama Hats verkauft, obwohl sie ursprünglich aus Ecuador stammen!

Ein Polizist schickt mich in die entgegengesetzte Richtung zu einem Geldautomaten, zur Banco de Pichincha, hinter dem Torbogen auf der übernächsten Straße. Volltreffer!

In dieser Straße ist auch das Museo de la Ciudad, ein ganz außergewöhnliches Museum, das ich beim letzten Mal hier besucht habe. In meiner Verzweiflung gehe ich hier rein, um nach der Casa del Alabado zu fragen, nachdem alle Passanten den Kopf geschüttelt haben. Die Frau hier an der Kasse kennt das Museum und macht mir eine flüchtige Zeichnung auf einem Zettel. Nein, bloß nicht über die Rocafuerte gehen! Viel zu gefährlich. Aber das Museum liegt doch ganz in der Nähe der Rocafuerte. Ja, aber besser zur Plaza San Francisco zurück. Das tue ich, finde das Museum aber nicht und komme wieder an den Torbogen.

Jetzt gehe ich erst mal einen Kaffee trinken. Milchkaffee. Der wird hier auf unorthodoxe Weise serviert. Man bekommt eine Tasse heiße Milch und dazu eine kleine Tasse Kaffee. Aus der schüttet man dann nach Bedarf Kaffee in die Milch.

Auf der weiteren Suche bleibe ich unter dem Torbogen stehen und lese, dass der ursprünglich gebaut wurde, damit die Gläubigen vor der Kirche hier an der Seite den Rosenkranz beten konnten, ohne nass zu werden.

Jetzt bin ich doch wieder auf der Rocafuerte. Hier herrscht ziemliches Gedränge, aber als gefährlich empfinde ich sie nicht. Auf einer Seite der Straße sitzen Frauen auf kleinen Klappstühlen und bieten die  Produkte aus ihrem Gemüsegarten zum Kauf an: Möhren, Kartoffeln, Tomaten, aber auch Minze.

Jetzt gehe ich die Straße weiter rauf, biege endlich in die Cuenca ab und stehe nach ein paar Metern vor dem Museum.

Das Museum ist hochmodern und bietet vorkolumbianische Kunst. Paradoxerweise ist es in einem schönen Bau aus der Kolonialzeit untergebracht, mit baumbestandenem Innenhof und schönen Holzgalerien.

Das Mädchen an der Kasse sagt, die Sammlung  sei nicht chronologisch, sondern thematisch aufgebaut, aber das stimmt nur für das Obergeschoss. Im Erdgeschoss werden, in abgedunkelten Räumen, die ältesten Exponate ausgestellt.

Was man da zu sehen bekommt, verschlägt einem den Atem. Ein Stück toller als das andere. Alle Figuren stellen, in sehr schematischer Weise, Menschen dar, Ahnen vermutlich, die hier, in Stein gehauen, das Fortleben der Gemeinschaft garantieren sollen.

Die zeitliche Einordnung kann bei so alten Exponaten nicht sehr präzise sein. Hier ist von 4.000 v. Chr. bis 1.500 v. Chr. die Rede.

Einige Figuren sind ganz glatt, sie müssen sehr sorgfältig poliert worden sein, andere sind rau. Augen, Nase und Augenbrauen – die sind oft ganz stark ausgestaltet – sind genug, um einen Menschen erkennen zu lassen. Man hat das Gefühl, dass sie einen aus der Ferne der Zeiten ansehen.

Was auffällt: Die Figuren sind nicht spezifisch hinsichtlich des Geschlechts. Sie könnten Frauen oder Männer sein oder sind besser beides gleichzeitig.

Der Kopf scheint immer getrennt vom „Körper“ geformt zu sein. Bei einer etwas stärker ausgestalteten Figur – allerdings auch die nur ein Relief – hat man das Gefühl, eine trauernde Frau zu erkennen.

Ganz kurios eine etwas klobige Figur, mit dem Aussehen eines Roboters. Sie hat die Form eines Quaders und hat auf allen vier Seiten ein Gesicht.

Dann kommt ein Sprung, und von diesen „formelhaften“ Figuren geht es zu Darstellungen von Herrschern. Die treten jetzt an die Stelle der Vorfahren. Vermutlich Zeichen einer stärker hierarchisch ausgeprägten Gesellschaft. Ein Beispiel ist ein einfach gearbeiteter „Thron“, der auf dem Kopf eines Löwen ruht.

Alles das ist aus Stein. Oben kommen dann auch andere Materialien zum Tragen: Quarz, Marmor, Ton, Holz. Datiert werden die Exponate auf die Zeit zwischen 400 und 1400 nach Chr.

Sehr schön zwei bauchige, bemalte Keramikgefäße mit Ausguss. Sie enthielten Chicha, das fermentierte Maisgetränk, das ich bei der letzten Reise in Tena probieren konnte. Später sieht man auch noch ein Gefäß, mit dem Chicha auf die Felder aufgetragen wurde, als Gewähr für eine gute Ernte.

Etwas hilflos stehe ich vor einem Keramikgefäß, das ein Wesen mit weit aufgerissenem Maul darstellt. Es ist eine Kröte, und ihr aufgerissenes Maul zeigt die Ankunft der Regenzeit an, und Regen bedeutete reiche Ernte.

Immer wieder kommen Figuren paarweise vor oder Gefäße mit zwei Gesichtern. Ganz elementar spielt das auf die Polarität der Welt an, Tag und Nacht, männlich und weiblich, Leben und Tod.

Zwei Figuren, ein Mann und eine Frau, sitzen nebeneinander und haben jeder eine Art Brett vor sich. Erinnert mich an die Figuren aus dem alten Ägypten, die beim Kneten von Teig dargestellt wurden.

Sehr hübsch zwei Frauen, mit Ohrringen, einer Scheibe durch die Nase (Piercing ist keine Erfindung unserer Tage), einer Halskette und originellem Haarschmuck. Sie liegen auf dem Bauch, mit erhobenem Oberkörper, stützen sich auf ihre Hände und scheinen Pilates zu machen.

Man sieht Urnengefäße, in denen die Knochen der Verstorbenen aufbewahrt wurden. Die Gefäße haben die Form weiblicher Hüften, was andeutet, dass die Toten in den Uterus zurückkehren und der Zyklus des Lebens weitergeht.

In kleineren Figuren sieht man geometrische Muster, aber auch immer wieder innere Organe: Uterus, Niere,  Magen. Schwer zu sagen, was dahinter steht.

Unter den Tieren sind vor allem Schlangen und Schmetterlinge gut vertreten. Warum? Sie stehen für die Metamorphose, die Schlange häutet sich, der Schmetterling tritt aus der Raupe heraus. Das versinnbildlicht den Lebenszyklus. Analog dazu werden aus den Samen Pflanzen und aus den Verstorbenen Vorfahren. So sieht man auch die Arbeit des Künstlers als Transformationsprozess: Aus Stein, Ton, Metall, Holz, Muscheln und Pflanzenfasern entstehen Kunstwerke.

Ich sehe mir noch eine Sonderausstellung an, in der es um alles geht, was glänzt. Sie trägt den vielsagenden Titel No todo lo que brilla es oro und gibt damit einem Sprichwort statt seinem metaphorischen Sinn einen wörtlichen Sinn. Es gibt ganz fein gearbeitete, aber auch einige massive Exponate. Am schönsten ein breites aus Metall gearbeitetes, ganz fein punziertes Band. Krone? Halsschmuck? Armreif? Könnte alles sein.

Ich setze mich noch einen Moment in den Innenhof des Museums und lasse das Gesehene Revue passieren.  

Auf dem Rückweg von dem Museum komme ich an der Metrostation San Francisco vorbei. Die Metro stand damals kurz vor der Eröffnung. Jetzt verbindet sie, über 15 Stationen, den Norden mit dem Süden Quitos. San Francisco ist die Station des Centro Histórico. Als ich durch die Station gehe, pfeift eine Aufseherin mit Mikrophon eine Frau zurecht. Die sitzt mit ihrer Tochter auf der Treppe und isst. Verboten!

Trotz der vielen Wolken ist es wärmer und sonniger geworden. Hunderte von Müßiggängern sitzen auf den Bänken auf der Plaza Grande. Ich setze mich dazu. Hier ist Platz für viele, weil es außer dem zentralen Fünfeck weitere Fünfecks gibt, die sich darum gruppieren, jedes mit seinem eigenen Springbrunnen, eigenen Bäumen – meist Palmen und Araukarien – und seinen eigenen Sitzbänken. Gefällt mir gut.

Erst jetzt fällt mir auf, dass der Palacio Municipal ein Neubau ist. Spricht für die Planer, dass er mit seinem Aussehen hier nicht aus der Reihe fällt.

Zu Hause gibt es heißen Tee in rauen Mengen und ein paar Snacks. Die Wohnung zieht einen weiteren Trumpf aus der Tasche: Die Waschmaschine ist bedienungsfreundlich und verrichtet ihre Arbeit bestens und beinahe lautlos.  

28. November (Freitag)

Heizungen gibt es in Ecuador nicht. Dafür aber dicke Wolldecken auf den Betten. Die kann man nachts gut gebrauchen. Die Energieversorgung basiert, wie in Kolumbien, weitgehend auf Wasserkraft.

Die Weintrauben aus dem Mercado Central sind auch gut, können aber mit den Erdbeeren nicht mithalten. Komischerweise sind die dunklen Trauben hier viel billiger als die hellen.

Wohin mit dem Hausmüll? Den bringt man nach draußen. An den Straßenecken stehen Müllbehälter mit einer Klappe. Die öffnet man und wirft den Müll in ein unterirdisches Lager. Es wird getrennt nach organisch und Restmüll.

Ziemlich gutes Wetter heute. Am Vormittag geht das Thermometer auf 18°, aber für den Nachmittag ist Regen angesagt.

In der Stadt die übliche Suche nach dem Museum, dem Alberto Mena Caamaño. Es stellt sich heraus, dass die Adresse auf der Website des Museums falsch ist. Ich laufe die Espejo rauf und runter. Vergeblich. In der Touristeninformation gibt es ein Missverständnis, weil sie sagen, dass sei das Wachsmuseum, ich aber in ein historisches Museum will. Jedenfalls sei das Alberto Mena Caamaño gleich hier, am anderen Ende der Plaza Grande.

Ich gehe hin, und es stellt sich heraus, dass es ein historisches Museum mit einigen mit Wachsfiguren nachgestellten Szenen ist. Alles in Ordnung.

Es geht um die Epoche der Unabhängigkeitskämpfe in Ecuador. Im Detail ist das für einen Außenstehenden schwer zu verstehen, zu viele Namen, Daten, Ereignisse, Prozesse. Aber man kann doch einiges mitnehmen:

Der ganze Prozess setzte im 18. Jahrhundert ein, einmal durch eine große Zahl von Vulkanausbrüchen, durch mehrere Epidemien, darunter Ziegenpeter, bedingt, und durch den Niedergang der Textilindustrie durch die Einfuhr von Textilien aus Spanien. Damit war eine materielle Basis geschaffen.

Dazu kam eine geistesgeschichtliche Komponente, die Aufklärung sowohl in Europa als auch hier in Amerika. Das wissenschaftliche Interesse an Amerika wuchs, hier sind zwei Bücher ausgestellt, eins von einem Franzosen, eins von einem Spanier verfasst – beide noch vor Humboldt – die Südamerika bereisten und es wissenschaftlich unter die Lupe nahmen. Einer der beiden trug wesentlich dazu bei, dass der Äquator genau vermessen wurde. Es gab auch eine große Reihe anderer wissenschaftlicher Publikationen, alle hier ausgestellt, zur Mathematik, zur Medizin, zur Theologie. Als Wachsfiguren sieht man Männer im Studierzimmer und in einer täuschend echt aussehenden Bibliothek.

Dazu kommen politische Entscheidungen. Die Ausweisung der Jesuiten durch die Spanier – man sieht einen Jesuiten gesenkten Hauptes das Land verlassen – war keine kluge Entscheidung. Die Jesuiten, die viel geleistet hatten, hinterließen ein Machtvakuum, das von anderen, auch weltlichen Kräften, gefüllt wurde. Genau hier in dem Museum waren die Räume der ersten Universität des Landes (das damals noch keins war). Die Jesuiten publizierten außerdem in Europa reichlich über die amerikanischen Kulturen und ließen das Verständnis und die Achtung davor wachsen.

„Die Spanier“ waren keineswegs eine homogene Gruppe, weder hier noch dort. In Spanien gab es fortschrittliche Gruppen, die in Amerika grundlegende Reformen durchführen wollten. Viele von denen blieben aber im Versuch stecken, weil die konservative Opposition nicht mitspielte.

Die zahlreichen Aufstände der Indios hatten nicht die Unabhängigkeit zum Ziel, überhaupt nicht, denen war es vermutlich ganz gleich, in welchem politischen System sie sich bewegten. Sie wollten ganz einfach eine bessere Behandlung und weniger Abgaben.

In Spanien bildeten sich, nach der Absetzung Fernandos durch Napoleon und die Einsetzung seines Bruders als König Komitees, Juntas Provinciales, die sich vornahmen, das Land im Sinne der spanischen Monarchie zu kontrollieren. Nach diesem Vorbild formierten sich hier ähnlich Komitees, die die Eigenverantwortung zum Ziel hatten. Also hatte Napoleon auch einen Anteil an der Unabhängigkeit.

Im Museum wird eine Gruppe von Schülern von einem engagierten Mann herumgeführt, der Fragen stellt wie „Gab es Ecuador schon immer?“, „In welchem Land leben wir heute?“, „Hieß Ecuador schon immer Ecuador?“. Gute Herangehensweise, so wird das Feld abgesteckt.

Tatsächlich ist erst einmal von Ecuador überhaupt nicht die Rede, sondern von der Real Audiencia de Quito. Die gab es schon zur kolonialen Zeit. Nachdem die ersten vorsichtigen Versuche, die Unabhängigkeit zu erreichen, gescheitert waren – meist durch Uneinigkeit, nicht alle wollten die Unabhängigkeit und nicht alle wollten dieselbe Form von Unabhängigkeit – erreichte die Real Audiencia de Quito 1821 die Unabhängigkeit, schloss sich aber Bolívars Gran Colombia an. Davon spaltete es sich 1830 ab und wurde zu einem eigenen Staat. Allerdings gehörten anfangs nur Quito, Guayaquil und Cuenca dazu. Die anderen Territorien – Küste und Urwald – traten erst später hinzu. Ab wann und warum es den Namen Ecuador gab – dafür kann ich hier keine Erklärung finden. Dafür finde ich heraus, dass Espejo, der Name der Straße, sich auf Eugenio Espejo bezieht und nicht auf einen Spiegel. Eugenio Espejo war offenbar ein wichtiger Mann in der Unabhängigkeitsbewegung.

Eine sprachliche Kuriosität gibt es noch auf einem Bild zu entdecken, das auf dramatische Weise einen Vulkanausbruch des 18. Jahrhunderts darstellt. In der Beschreibung des Bildes heißt es, orthographisch abweichend cuebas, bolcán, cañaberales, abenida, llebó. Kein einziges v. Wenn sich diese Rechtschreibung durchgesetzt hätte, wären den Kindern in den spanischsprechenden Ländern viele Kopfschmerzen erspart geblieben.

Nach dem Museum sehe ich mich auf der Plaza Grande nach einem Café um, aber hier gibt es keins. Dafür viele Schuhputzer, vor den Parkbänken und unter den Arkaden. Die haben hier viel zu tun.

Auf der Suche nach einem Café komme ich an San Agustín vorbei. Ich gehe rein. Am Hauptaltar und an allen Seitenaltären barocke Goldpracht. Als Gegenprogramm dazu die wunderschöne Ausmalung des Mittelschiffs: Pfeiler, Bögen, Wangen, Kappen, Rippen – alles feinstens ausgemalt mit Girlanden, Bändern, Beeren, Blättern, in Pastellfarben: Grün, Blau, Gelb.

Was man als Laie nicht sieht: Es handelt sich um ein falsches Gewölbe. Das ursprüngliche wurde (wohl noch vor seiner Vollendung) bei einem Erdbeben zerstört, und beim Wiederaufbau rüstete man die flache Decke, mit Holz, Schilf und Stuck, mit einem falschen Gewölbe aus.

An der Theke des Cafés, in dem ich am Ende lande, finde ich, ohne zu suchen, die Antwort auf eine Frage, die ich mir dieser Tage beim Frühstück gestellt habe, als mir ein Saft serviert wurde. Das sei frutilla, sagte die Kellnerin. Keine Ahnung, was das ist. Jetzt sehe ich das Wort über einem Törtchen hier an der Theke. Es sind Erdbeeren – fresas

Als ich am Nachmittag aus dem Haus gehe, fallen die ersten Tropfen. Es dauert keine zwei Minuten, und es schüttet wie aus Eimern. Alles rennet, rettet, flüchtet. Ich schaffe es bis zum Theaterplatz und tue dann das, was alle tun: Ich stelle mich unter. Und beobachte fasziniert, wie der Regen auf das Pflaster prasselt.

Inzwischen habe ich Zeit, mir das Theater gegenüber anzusehen, ganz im Stil der griechischen Klassik, oben mit einer säulenbestandenen Loggia im Mittelrisalit, unten mit Arkaden, im Giebelfeld ein Relief, deren Figuren von hier aus nicht zu erkennen sind. Auf dem Dach strecken zwei Löwen zu beiden Seiten ihren Schwanz in die Höhe.

Niemand rührt sich vom Fleck. Hinten scheint es aufzuklaren, aber das täuscht, nachdem es für einen Moment so schien, als würde es aufhören, erneuert der Regen seine Kraft.

Auf dem Platz sitzt vor uns auf einer Bank völlig ungerührt ein Mann mitten im Regen. Es ist eine Skulptur. Ein origineller Anblick.

Der Donner beginnt zu grollen, aber man sieht keine Blitze. Der Donner kommt näher und näher, und ich versinke in Gedanken und stehe ganz selbstverloren in der Gegend herum. So vergeht die Zeit besser.

Der Donner entfernt sich allmählich, und dann ist es so, dass man es unter dem Schirm riskieren kann, weiterzugehen.

Mein Ziel ist die Ecovía, ein weiteres Transportmittel Quitos. Als am Morgen Alexandra sagte, sie sei verhindert und ob ich nicht am Nachmittag nach Cumbayá kommen könne, habe ich zugesagt, ohne zu wissen, worauf ich mich einlasse. Ein uniformierter Mann an einer Haltestelle hatte mir gesagt, nein, nicht die Metro, nicht der Trolleybus, die Ecovía sei es, die ich nehmen müsse, um nach Cumbayá zu kommen.

Ich frage mich zu der Haltestelle durch. Die ist eher ein Bahnhof, an einer großen Kreuzung gelegen. Die Frau am ersten Fahrkartenhäuschen schickt mich weiter, die am zweiten auch, die am dritten auch, und dann bin ich richtig. „Río Coca“, sagt sie ganz nebenbei. Das heißt, ich kann von hier aus gar nicht nach Cumbayá kommen. Doch, schon, aber erst müsse ich nach Río Coca und dort umsteigen.

Die Ecovía, auch ein Bus, hat ihre eigene Spur und erhöht liegende Bahnsteige, an denen der Bus ganz genau dort seine Türen öffnet, wo auf dem Bahnsteig Lücken in der Glasfront sind. Wie in einigen U-Bahnen. Das ist gut gedacht. Allerdings gibt es beim Einsteigen und Aussteigen ein wahnsinniges Gedränge, niemand kommt auf die Idee, jemandem den Vortritt zu lassen.

Der Bus ist proppenvoll. Sitzplätze gibt es keine, aber als eine Frau mit einem Säugling auf dem Arm einsteigt, steht sofort jemand für sie auf. Neben mir steht ein Mann mit einem Tolino in der Hand. Muss ein Ausländer sein, und der Text, den er liest, ist auch auf Englisch. Wie er bei dem ruckartigen Fahren des Busses lesen kann, ist mir ein Rätsel. Ebenso eine junge Frau, die sich durch die Menge wühlt und Kekse verkauft.

Der Bus hat seine eigene Spur und kommt gut voran, nur nicht an den Kreuzungen. Die sind grundsätzlich verstopft. Alle, auch Taxifahrer, Lastwagenfahrer und Busfahrer fahren auf die Kreuzung, auch wenn die Ampel längs rot ist.

Dann haben sich zwei verwegene junge Radfahrer auf die Busspur gewagt. Als sie den Bus hinter sich hören, legen sie noch mal voll zu, strampeln sich ab wie verrückt, bis sie hinter die Haltestelle gekommen sind.

Eine weibliche Stimme sagt die erste Haltestelle an, schweigt dann aber bis zur Endstation. Die ist Río Coca.

Ich frage, wie ich hier weiterkommen kann und erfahre, dass der nächste Bus erst in 40 Minuten fährt. Also nehme ich ein Taxi, ohne zu ahnen, wie weit es noch ist und wie lange wir im Stau stehen werden. Der Taxifahrer flucht und hupt und wechselt ständig die Spur, kommt aber damit keinen Meter weiter.

Als wir an einer Felswand vorbeikommen, erkenne ich die Strecke wieder. Wir fahren offensichtlich Richtung Flughafen. Aber vor dem kommt doch noch Cumbayá in Sicht.

Ich steuere das nichtssagende, moderne Café an, das Alexandra mir genannt hat, und mit 20 Minuten Verspätung treffe ich ein.

Sie fragt nach Cotopaxi und nach Galápagos und will alle möglichen Details über meine Buchung wissen, die ich nicht kenne. Es stellt sich heraus, dass sie, als junge Frau, in der Tourismusbranche tätig, mal ein Jahr in Galápagos gelebt hat. Wunderschön, und ich könne mich darauf verlassen, dass es dort schön warm sein werde. Vom Regen sagt sie nichts.

Am Ende habe sie es aber nicht mehr ausgehalten dort. Warum nicht? Wegen der Drogen? Was? Drogen? Galápagos? Ja. Einheimische oder Touristen? Beide. Ihre Chefin sei Britin gewesen. Die habe sich ständig gespritzt. Als sie sie beim ersten Mal in Trance gesehen habe, habe sie gefragt, ob ihr nicht wohl sei, ob sie etwas für sie tun könne.

Ich frage nach ihrer Arbeit als Psychologin. Sie habe im Moment noch Sitzungen mit einzelnen Patienten, habe aber vor, zusammen mit einem Kollegen demnächst Workshops anzubieten, für Gruppen. Fünf komplette Wochenenden. Warum fünf? Es gelte, fünf Verletzungen zu heile, die seien an verschiedenen Stellen des Körpers angedockt. Dabei gebe es eine männliche und eine weibliche Körperhälfte. Die Verletzungen müsse man durch Bewegungen beseitigen, Kommunikation alleine genüge nicht. Ich frage, woher man das denn wisse. Das sei alles „wissenschaftlich nachgewiesen“. Ich frage nach der theoretischen Grundlage. Das sei die allgemein in der Psychologie anerkannte. Sie hat offensichtlich keine Ahnung.

Wir kehren zu banaleren Themen zurück. Nein, Heizungen gebe es in Ecuador nicht, einige wenige hätten ein kleines Heizöfchen. Und dicke Wolldecken für die Nacht. Hier in Cumbayá sei das aber weniger nötig als in Quito. Cumbayá liegt 400 Meter tiefer als Quito.

Sie erklärt mir, warum Illac mich am Dienstag nicht zum Flughafen bringen kann: Pico Plata. Je nach der Endziffer des Nummernschildes hat jedes Auto einmal pro Woche zur Hauptverkehrszeit Fahrverbot. Aber nur in Quito, in Cumbayá nicht.

Cumbayá ist wie eine Stadt innerhalb einer Stadt. Die Leute hier haben keinen Grund, nach Quito zu fahren, es sei denn, zur Arbeit. Man ist auch dabei, ein großes Gesundheitszentrum zu bauen, um noch unabhängiger zu werden. Und man will auch mehr politische Selbständigkeit.

Obwohl sie sich als unpolitisch bezeichnet und nichts zu dem Referendum sagt, haut sie ordentlich auf die Kacke, als es um den früheren Präsidenten ging. Der habe sich persönlich bereichert und sich nach der Präsidentschaft ins Ausland abgesetzt. Er habe mit den Narkos gemeinsame Sache gemacht.

Das mit der Erziehung ihrer Söhne, das sei eine schwere Aufgabe gewesen. Bis sie 14 waren, sei alles in Ordnung gewesen – aber dann! Schlaflose Nächte hätten sie ihr bereitet, bis vor wenigen Jahren. Die drei waren in schneller Folge geboren worden, mit weniger als zwei Jahren Abstand voneinander.

Sie habe am Anfang eine Haushaltshilfe gehabt, mehr Kindermädchen als Putzfrau. Sie habe ihr immer wieder gesagt, sie solle was anderes machen, solle sich weiterbilden, um nicht das ganze Leben dasselbe zu machen. Die Frau hat ihr Folge geleistet, Wirtschaftswissenschaften studiert, ihren Professor geheiratet und hat heute eine interessante berufliche Stellung und ein gutes Auskommen. Ihre Schwestern würden weiter putzen.

So langsam wird es Zeit für den Aufbruch. Zurück könne ich den Bus nach Río Coca nehmen. Der fahre gleich dahinten, an der großen Kreuzung ab.

Das tue ich. Es ist ein alter Reisebus mit sehr bequemen Sitzen. Und ich habe das Glück, dass bald ein Sitz frei wird. Dieser Bus hat keine eigene Spur, kommt aber trotzdem gut voran.

In Río Coca nehme ich dann ein Taxi. Als wir losgefahren sind, sagt der Fahrer, er wisse nicht, ob er es schaffe. Ich verstehe nicht, was damit gemeint ist. Er meint, bei diesem Verkehr sei kein Durchkommen bis zur Stadtmitte. Er bringe mich nach Labrador. Dort gebe es Trolleybus und Metro. Auch gut.

Es stellt sich heraus, dass der Taxifahrer auch ein Jahr auf den Galápagos-Inseln gelebt hat, als Bauarbeiter. Er war beim Bau eines Restaurants im Einsatz. Eine Erinnerung für den Rest des Lebens.

Bei Labrador angekommen, nehme ich die Metro. An der Kasse eine lange Schlange, aber die Frau hinter dem Schalter macht das wunderbar schnell und nimmt sich sogar noch die Zeit, jeden mit Buenas noches zu begrüßen.

Die Beschilderung in der Metro ist genau wie die in Madrid. Vielleicht hat man hier mal bei der Madre Patria nachgefragt. Die Züge sind auch genauso wie die neuesten in Madrid, durchgängig und mit wenigen Sitzplätzen, aber länger als in Madrid. Hier hat man die Bahnhöfe gleich länger bauen können. So können viele Passagiere transportiert werden.

Die Stellen, an denen man am Bahnsteig wartet, sind markiert, und man steht dahinter Schlange. Das gewährleistet, dass man sich beim Ein- und Aussteigen nicht in die Quere kommt. Wachleute passen auf, dass man sich an die Regeln hält.

Die Metro ist voll, aber es gibt kein Gedränge. Beim Aussteigen merke ich, wie tief man die Metrolinien gelegt hat.

Unterwegs überlege ich, ob Cumbayá etwas mit dem Kumbaya aus dem Spiritual zu tun hat, damals auch von den Carpenters gesungen. Wenn das eine Amerindisch und das andere Hebräisch ist, wäre das ein verrückter Zufall.

Draußen erwartet mich eine Überraschung: Regen. Wieder tropischer Regen wie am Nachmittag. Ich muss mich zur Basilika durchfragen, aber als ich ankomme, bin ich von Kopf bis Fuß durchnässt.

29. November (Samstag)

In der kleinen Bäckerei bekomme ich zum Kaffee ein Gebäck, das guinea heißt und nach Banane schmeckt.

Als ich aus der Bäckerei komme, läuft ein Taxifahrer auf mich zu, als ob er ahne, dass ich ein Taxi suche. Zum Teleférico, bitte.

Er hat ein nagelneues Taxi, groß. Andere hätten kleinere Wagen, aber er wolle, dass seine Kunden genug Platz hätten.

Er erzählt, er habe drei Kinder. Von denen ist eins aber noch gar nicht auf der Welt. Das kommt im März. Seine Tochter ist 8, sein Sohn 2.

Er hat Verwandte in Frankreich und in Spanien. Und auch seine frühere Verlobte lebt in Spanien. Die hätte alle keine Kinder. Hunde, aber keine Kinder. Die seien auch nicht mehr die jüngsten, und es werde langsam Zeit, meint er: „El arroz se está quemando“.

Ja, vor ein paar Jahrzehnten habe es eine große Auswanderungswelle gegeben. Insgesamt lebten etwa zwei Millionen Ecuadorianer im Ausland. Früher seien die meisten nach  Europa ausgewandert, heute die meisten in die USA.

Seine Tochter macht Karate und möchte irgendwann nach Japan, um dort einen Gürtel zu bekommen. Sie lernt sogar schon Japanisch!

Deutsch, das sei ja eine verdammt schwere Sprache, meint er. Zusammen mit Chinesisch und Russisch die schwerste, die es gibt.

In Europa würden noch Bücher gelesen, meint er, in Südamerika nicht. Er halte seine Tochter auch zum Lesen an. Er selbst sei ein großer Freund von Tolkien. Habe alle die Filme gesehen und sich dann auch die Bücher gekauft. Das sei ja sagenhaft. Da stehe ja viel mehr drin als was man im Film sieht.

Im Fußball kennt er sich sehr gut aus. Borussia, ja, Schwarz-Gelb, das sehe richtig gut aus. Und was für Spieler die gehabt hätten, Rosicky und Kohler und so. In Ecuador hält er zu Barcelona. Barcelona? Ecuador? Ja, so heißt der Verein von Guayaquil. Barcelona SC Guayaquil. Von einem Katalanen gegründet. Wie es denn so laufe? Nicht so toll. Lange keinen Titel mehr geholt.

Inzwischen sind wir in einem abgesperrten Waldstück angekommen und passieren eine Sperre. Dann erreichen wir die Seilbahn. Die führt auf den Pichincha, den Hausberg Quitos. Sie geht bis zum Aussichtspunkt. Genau genommen auf den Rucu Pichincha (‚neuer Pichincha‘), nicht auf seinen Bruder, den Guagua Pichincha (‚Alter Pichincha‘).

Von der Bodenstation aus fahren wir zuerst durch ein Spalier von Bäumen. Dann kommen sattgrüne Hänge, die wie Almwiesen aussehen, begrenzt von Bäumen. Auf der anderen Seite steile Hänge, an denen Büsche wachsen, mit dem Kopf nach unten.

Wege sind, außer ganz unten, keine zu sehen. Ich frage mich, wie Humboldt hier zu Fuß heraufgekommen ist.

Unten sieht man Quito liegen, teils im Schatten, teils in der Sonne. Man erkennt klar die Grenze zwischen der Innenstadt mit den niedrigen Häusern und den Vororten mit den Hochhäusern. Hinten ist die Sicht von Bergen begrenzt, aber an einer Stelle kann man auf ein Tal dahinter sehen. Dort ist der Flughafen, dort ist Cumbayá.

Den Chimborazo kann man nicht sehen. Er liegt im Nebel. Oder ist das Smog? Wahrscheinlich beides.

An einer Seite sieht man die Spur, die eine Schlammlawine hinterlassen hat, die vor eins, zwei Jahren nach heftigem Regen bis in die Innenstadt von Quito vordrang.

Ein junger Ecuadorianer, der mit seiner Freundin neben mir sitzt, ist schon mal auf den Gipfel gestiegen, mit einem Führer. Alleine könne man das nicht. Man würde sich verirren. Die Wege sähen alle gleich aus.

Derweil verschwinden wir in den Wolken, und Quito mit uns. Wir sind auf 4.050 Metern Höhe angelangt. Und die Fahrt hat, wie mir später ein Wachmann bestätigt, genau 18 Minuten gedauert.

Oben sieht man – nichts. Ich stelle mich vor ein Schild, auf dem Mirador de los Volcanes steht und auf dem die Konturen der Berge eingezeichnet sind. Aber man sieht nur Nebel.

Man kann in verschiedene Richtungen einen kleinen Spaziergang machen. Nach hinten hin liften sich die Wolken und geben für einen Augenblick den Blick auf ein Tal frei. Ansonsten sind die Berge in Wolken gehüllt, aber da die dünn sind, kann man durch den Schleier hindurch immer wieder etwas erkennen. Ein mystisches Bild.

Ich fahre wieder runter und nehme ein Taxi zurück in die Stadt. Das kostet einen Dollar mehr als bei der Hinfahrt, 6 $. Der Fahrer heißt Klever. Mit Vornamen.

Als wir fast an der Basilika sind, geht es nicht mehr weiter. Desfiles – Umzüge. Heute wird La Fiesta de Quito gefeiert. Was genau der Anlass ist, ist nicht herauszubekommen. Jetzt erinnere ich mich, dass ich heute Morgen an der Bäckerei schon uniformierte Schulkinder gesehen habe.

Auf dem Weg die Caldas runter komme ich an dem kleinen Lokal vorbei, wo ich schon zweimal gefrühstückt habe. Jetzt gibt es hier Mittagessen. Ich sitze kaum, schon steht eine Suppe vor mir, eine leckere Gemüsesuppe, sancocho. Es gibt wohl ein festes Menu. Als Hauptspeise gibt es Hähnchen süß-sauer, mit Reis und Gemüse in einer Mango-Soße. Lecker. Kostenpunkt: 3.50 $.

begleitet mich in der Dunkelheit noch nach Hause. Am späten Nachmittag treffe ich mich mit Manuel, Dedes Spanischlehrer. Er ist ein vielbeschäftigter Mann und hatte während der Woche keine Zeit.

Bis er kommt, habe ich noch Gelegenheit, mir den Umzug anzusehen. In der Innenstadt ist es knallvoll, verschiedene Straßen sind abgesperrt, zu beiden Seiten des Umzugs stehen dichtgedrängt Zuschauer, und außen an ihnen vorbei rennen Leute, die „ihren“ Zug weiter verfolgen wollen.

Von Manuel erfahre ich später, dass ich lange nach dem 29. November suchen konnte. Der eigentliche Día de Quito ist am 6. Dezember, nur gibt es im Vorfeld eben auch schon alle möglichen Festivitäten.

Es ist wohl ein Schülerumzug heute. Jede Schule, jedes Kolleg, jede Bildungseinrichtung scheint vertreten zu sein. Voran geht jemand mit einem Plakat, dann kommen fahnen-, taschentücher- und girlandenschwingende uniformierte Mädchen aller Altersklassen, die sich rhythmisch zur Musik bewegen. Manchmal skandieren sie etwas. Davon verstehe ich immer nur „!Viva Quito!“. Sie tragen winzige Kleidchen und lustige Hütchen, einige auch aufwendigen Kopfschmuck in Indianerart. Verschiedene Altersklassen sind vertreten. Dann kommt die Musik: Trommeln, Pauken, Xylophone. Alles sehr schmissig.

Alle lächeln, scheinen gerne dabei zu sein, stolz darauf zu sein, mitmachen zu dürfen. Das ist natürlich besser als Zwang, aber es macht mich auch ein bisschen nachdenklich. Ein weites Feld.

Dann kommt Manuel und reißt mich aus meinen Gedanken. Er hat mich schon vorher gesehen, begrüßt mich sehr freundlich und gibt mir erst einmal Verhaltensregeln für unseren Marsch durch die Menge.

Er führt mich auf die Terrasse eines Lokals, von dem aus man einen guten Blick auf Quito hat, in verschiedenen Richtungen. Er zeigt mir, wo er die ersten neun Jahre seines Lebens verbracht hat, zusammen mit seinen zahlreichen Geschwistern, in einer Wohnung, die der Schulleiter dem Vater zur Verfügung gestellt hat. Manuel hat nur gute Erinnerungen an seine Kindheit.

Von Quito ist er begeistert. Es habe die größte und besterhaltene Innenstadt von ganz Südamerika. 

Begeistert ist er auch von der Metro. Die habe die Innenstadt wieder attraktiver gemacht. Er persönlich gehört zu den ganz großen Nutznießern, da er im Süden arbeitet und im Norden wohnt.

Er spricht in höchsten Tönen von dem Präsidenten, unter dessen Ägide die Metro entstanden sei. Das ist der, von dem Alexandra so schlecht gesprochen hat, der habe sich nach seiner Präsidentschaft mit Millionen von Dollar ins Ausland abgesetzt. Manuel sagt, das seien alles bösartige Erfindungen seiner politischen Gegner. Er habe eine belgische Frau und sei mit ihr nach Belgien gezogen. Dagegen bekommen die drei anderen Präsidenten der letzten Jahrzehnte ihr Fett weg. Alle korrupt, denken nicht an das Volk, nur an sich und ihre Verwandtschaft. Staatsanwalt wurden nicht die mit den besten Noten, sondern die mit den besten Beziehungen.

Wir fliehen vor der Kälte auf der Dachterrasse nach unten und bestellen etwas zu essen. Er empfiehlt mir eine Suppe, locro de papas, eine typische Speise in Quito, eine Kartoffelsuppe mit Käse und Auberginen. Er nimmt ein Rindersteak.

Er erzählt von der Schule, an der er Spanisch für Ausländer unterrichtet. Sie kommen so gerade zurecht, haben aber während der Pandemie und 2024 eine echte Talsohle durchschritten. Dieses Jahr sei viel besser. Die Schüler kamen vorwiegend aus der Schweiz, den USA und Deutschland, aber sie hätten auch Schüler aus Japan und Korea. In der Schule werden außer dem Sprachunterricht Kochkurse und Tanzkurse angeboten.

Er unterrichtet nur vormittags an der Schule. Nachmittags unterrichtet er online auf eigene Kosten. Das mache ihm großen Spaß. Das Sprachniveau seiner Schülerinnen sei sehr hoch, man könne sich mit ihnen über alles unterhalten, es sei eher ein Austausch als Unterricht.

Ursprünglich war er Grundschullehrer. Er hat dabei sowohl sehr reiche als auch sehr arme Schüler unterrichtet und habe dabei gelernt, mit den armen Schülern rücksichtsvoll umzugehen.

Nein, die Frau auf seinem Profilphoto sei nicht seine Ehefrau, sagt er. Das vermuteten die meisten. Es ist eine berühmte mexikanische Tänzerin, mit der er einmal das Vergnügen hatte.

Tanzen ist eine seiner Leidenschaften. Im Anschluss an unser Treffen geht er noch zu einem Tanzabend. Mit Vorliebe tanzt er Bachata und Salsa. Tanzen – damit habe man bei Frauen gute Chancen. Ich solle das auch mal probieren, rät er mir.

Seine zweite Leidenschaft sind seine Hunde, Straßenköter, die er irgendwo aufgelesen hat. Sie sehen sich sehr ähnlich, haben aber nichts miteinander zu tun, obwohl die meisten sie für Brüder halten. Nächste Woche habe er frei, und dann werde er Stunden mit seinen Hunden verbringen.

Als wir aufbrechen, ist der Umzug immer noch im Gange. Wir nehmen ein Taxi, aber nach ein paar Metern gibt der Taxifahrer auf. Kein Durchkommen. Wir gehen zu Fuß. Unterwegs kann ich noch ein Photo der erleuchteten Basilika schießen. Manuel bekommt an der Plaza San Blas ein Taxi und macht sich auf den Weg zu seinem Tanzabend.

30. November (Sonntag)

Es ist erst gerade hell geworden, da steht Illac schon vor der Türe. Er hat auf meine Anfrage sofort reagiert. Kein Problem, Tagesausflug, auch am Sonntag machbar. Nicht umsonst zu haben, aber es lohnt sich.

Ich hab mich für die nördliche Route entschieden. Er scheint das auch für die richtige Entscheidung zu halten.

Während wir aus Quito rausfahren, fragt er nach meinen bisherigen Unternehmungen. Und hat noch das eine oder andere beizutragen. Die Skulptur, die ich auf dem Theaterplatz beim Regen photographiert habe, stellt einen bekannten ecuadorianischen Komiker dar, Ernesto Albán. Er hat eine Figur kreiert, Don Evaristo, für die er im ganzen Land bekannt ist. Der steht stellvertretend für den Chullita quiteña, einen Bohemien, der mehr Reichtum vorgibt als er tatsächlich hat. Damit verbunden ist auch ein Lied, ein Straßenfeger, ein Passacaille, der zu so etwas wie der inoffiziellen Hymne von Quito geworden ist.

Zum Cotopaxi erzählt er, dass der zum letzten Mal 1877 ausgebrochen ist, mit verheerenden Konsequenzen für die gesamte Umgebung. 1757 hatte es schon einmal einen Ausbruch gegeben, bei dem der gesamte Ort Latacunga verschüttet wurde. In den letzten Jahren hat es mehrmals Erschütterungen gegeben, aber keinen weiteren Ausbruch.

Unter der Erde, unter einem Hügel, schlummert aber eine noch viel größere Gefahr, der Chalupa, ein Vulkan von einer Ausdehnung von 22 Kilometern. Wenn der eines Tages ausbricht, könnte ganz Quito zerstört werden.

Im Nationalpark des Cotopaxi gibt es seit einigen Jahren ein Jagdverbot, so dass sich die Tierwelt gut erholt hat. Das gilt vor allem für den Brillenbär (der heißt im Spanischen tatsächlich oso anteojos), einem in Südamerika einheimischen Bären, dem kleinsten seiner Art. Er ernährt sich in erster Linie vegetarisch: Wurzeln, Blätter, Mais, Bromelien.

Nicht so gut geht es dem Condor, denn der wird trotz des Verbots gejagt. Es soll nur noch 150 Exemplare geben.

Wir fahren Richtung Ibarra, auf einer Straße, die zur kolumbianischen Grenze führt. Ich hätte gut daran getan, mit dem Flugzeug nach Quito zu kommen. Die gesamte Gegend, vor allem die Strecke von Pasto nach Tulcán, sei hochgefährlich. Einer der Präsidenten Ecuadors hat drei der nördlichen Provinzen entmilitarisiert, und das ganze Grenzgebiet zwischen Kolumbien und Ecuador ist zum Spielfeld für die Drogenbanden geworden, die sich gegenseitig bekämpfen. Das Kokain wird in Kolumbien produziert, auch von den Drogenbanden, und nach Ecuador exportiert, für den einheimischen Gebrauch und als Schmuggelware für die USA. Bei der Produktion werden die Coca-Blätter zerstampft und dann mit allen möglichen Chemikalien, darunter Benzin, vermischt. Für ein Kilo kann man 1.000 $ und mehr kassieren. Polizei, Militär und Zoll sind mit von der Partie. Wenn irgendwo, rechnet Illac vor, 100 Kilo geschmuggelt werden, werden 40 Kilo konfisziert und vernichtet (um den Schein zu wahren), der Rest wird geteilt.

Wir machen Halt an einer Tankstelle. Hier wird man bedient, wie das hier so üblich ist. Das Benzin kostet 2,83 $. Pro Gallone! Das dürften etwa 50 Cent pro Liter sein.

Ecuador hat selbst Erdöl, im Amazonasgebiet. En Oriente, wie Illac sagt.  Sie haben allerdings durch die Zusammenarbeit mit Chavez und Venezuela ein ganz schlechtes Geschäft gemacht, Verluste von Hunderten von Millionen. Wie das genau passiert ist, verstehe ich allerdings nicht.

Illac hat selbst eine Zeitlang dort gelebt, en Oriente. Hat dabei die Avancen eines 15-jährigen Mädchens erfahren, das in ihren Bemühungen von seinem Vater bestärkt wurde. Das Mädchen könne alles, einen Haushalt führen, einen Mann unterstützen und ihm zu Dienste sein. Die Mädchen en Oriente, meint Illac, seien frühreif, in jeder Beziehung, anders als die der Sierra. Die Verwandtschaft des Mädchens habe allerdings beklagt, dass er so komisch spreche, nicht wie sie. Er macht den Singsang der Bewohner des Oriente nach. Die Sprachmelodie ist tatsächlich ganz eigen.

Wir sind inzwischen auf einer perfekt ausgebauten, mautpflichtigen Straße angelangt, die sich in weiten Kurven durch die wunderbare, nebelverhüllte Berglandschaft windet.

Hier kämpfen sich tatsächlich Radfahrer den Berg rauf, Radsportler, darunter auch eine nicht ganz schlanke Frau, die sich mit bewundernswerter Ausdauer diese Qual auf sich nehmen.

Nicht weit von hier ist Perucho, von dem mir auch Edgar berichtet hat, einem Ort in der Provinz Pichincha, der zum Lieblingsort der Einwanderer aus Europa und den USA geworden ist. Illac scheint davon genauso angetan zu sein wie Edgar. Dort könne man Deutsch auf der Straße hören. Die Gegend ist sehr fruchtbar, besonders für Guaven und Chirimoya bekannt.

Wir machen Halt an einem Aussichtspunkt, dem Mirador del Pisque. Man hat einen wunderschönen Blick auf die Berge und ins Tal. Es ist erstaunlich warm hier.

Zwischen den Wolken und dem Nebel kaum zu erkennen: der schneebedeckte Cayambe, ein weiterer Vulkan. Bei der Weiterfahrt tritt er dann ganz deutlich aus seiner Umgebung hervor.

Die blasse Sonne am Himmel sieht hier dem Mond zum Verwechseln ähnlich.

Hier oben wachsen Agaven und Kaktusse. An einer Art Kaktus ernähren sich Schildläuse, cochinillas, aus denen seit Jahrhunderten, auch von den Indios hier, der intensiv rote Farbstoff gewonnen wird. Waren von großer wirtschaftlicher Bedeutung bis zur künstlichen Herstellung von Farben.

Wir fahren von der großen Straße ab auf eine einsame Landstraße. Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Zwei Indiofrauen haben ein Seil quer über die Straße gespannt: La Minga. Sie bitten um eine kleine Hilfe, una contribución. Die bekommen sie. Und sie haben sie sich wirklich verdient. Eine ganze Gruppe von ihnen, mit Spaten, Hacken, Macheten, Schubkarre und Besen bewaffnet, säubern den Straßenrand, schieben Steine an die Seite, begradigen die Erdbegrenzung, beschneiden den Wildwuchs. Sie übernehmen freiwillig die Arbeit, die eigentlich von staatlichen Stellen geleistet werden müsste und verdienen sich so ein paar Dollar dazu.

Dann biegen wir auf einen Feldweg ab. Sind wir richtig hier? Ja, meint Illac, er folge dem GPS. Schön riechende wilde Pflanzen zu beiden Seiten, in der Mitte kniehohes Gras. Dann stehen wir plötzlich vor einem Acker. Es geht zurück.

Wieder auf der Straße fragt Illac lieber einen Mann am Wegesrand, statt sich auf das GPS zu verlassen, und wir kommen in die richtige Richtung, zum Archäologischen Park von Cochasquí, ganz einsam gelegen.

Während Illac das Auto parkt, besorge ich schon einmal die Eintrittskarten. Dafür muss man seinen Personalausweis vorlegen und eine Mailadresse angeben. An die wird dann die Quittung geschickt: 4 $.

Hier draußen gibt es auch ein WC. Ein älterer Mann schleicht schon einige Zeit hinter mir her und zeigt mir dann, wo das WC ist. Das koste aber 50 Cent. Er bekommt einen Dollar und wendet sich zufrieden ab.

In der Nähe des Eingangs bereitet eine Frau in einem breiten Kessel ein Getränk vor, marocho, wie Illac mir erklärt. Aus Milch, Mais, Zimt und Nelke. Ist aber noch nicht fertig. Nach der Besichtigung probieren wir es dann. Schmeckt gut.

Nach einiger Wartezeit stellt sich die Führerin ein, eine junge, kleine, rundliche Frau, die ihre Sache sehr gut macht.

Cochasquí ist das Zentrum einer präinkaischen Kultur, den Caranquí, die zwischen 500 und 1500 dieses Gebiet bewohnten.

Das typischste Merkmal der Siedlungen der Caraquí sind die sog. tolas, grüne Erdhügel, die ein Teil der Natur zu sein scheinen, unter denen sich aber Pyramiden verbergen, insgesamt 16. Das erinnert mich an die prähistorischen Hügelgräber im entfernten Irland, aber hier waren die  Pyramiden wohl keine Gräber.

Wir gehen zuerst ins Museum und dann auf die weitläufige Ausgrabungsstätte. Wir sind ganz alleine hier zu dritt.

Im Museum gibt es die ältesten Funde zu sehen, Speerspitzen aus der Eisenzeit, aus verschiedenen Materialien.

Dann kommt die Keramik, eher rustikal in der verschiedenen Phasen. In einer Vitrine sind zwei Gefäße ausgestellt, die sich von den anderen unterscheiden. Eins ist bemalt mit Linien und Kreisen, das andere ist ganz dünn. Bei beiden handelt es sich um Importware.

In der zweiten Phase stehen die Gefäße dann auf drei Füßen, eine Weiterentwicklung, die wohl beim Kochen von Vorteil war.

Dann fragt uns die Führerin bei einem weiteren Gefäß, ob uns da was auffalle. Das hat Henkel. Und das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass es sich um Inka-Ware handelt. Die Caraquí hatten das nicht.

Dann kommen wir zu einem Skelett. Echt oder unecht? Illac ist für echt, ich bin für unecht. Warum? Weil selten so ein fast vollständiges Skelett erhalten ist. Illac hat recht. Es ist echt. Woran kann man das erkennen? An den porösen Knochen. Und woran kann man erkennen, dass es sich um eine Frau handelte? Am Becken und an den Backenknochen.

Das Skelett stammt aus einem Grab, und daneben hat man Grabbeigaben gefunden für das Weiterleben nach dem Tod. Der Führerin zufolge ist das ein Beweis für die zyklische Lebensauffassung der Caraquí, im Gegensatz zu unserer linearen, aber da könnte man natürlich einwenden, dass auch die Ägypter, Griechen und Römer Grabbeigaben kannten. 

Wir sehen Musikinstrumente, schöne, anthropomorphe Figuren, die allerdings nur einen Ton produzieren konnten. Die späteren Musikinstrumente sind viel weniger aufwändig gestaltet, haben aber mehrere Löcher und können eine Vielzahl von Tönen produzieren, wie bei einer Blockflöte.

Kurios sind einige Musikinstrumente, die das Aussehen eines Tiers haben. Sie imitieren genau die „Stimmen“ der Tiere, die sich darstellen.

Dann kommen wir zu dem Modell einer Pyramide. Es handelt sich um eine Stufenpyramide. Sie ist erbaut aus einem Material, das irgendwo zwischen Stein und Lehm angesiedelt ist. Und deshalb nicht sehr beständig. Aus dem Grunde haben die Caraquí die Pyramiden mit Gras bedeckt. Das war allerdings gar nicht so einfach, weil auf diesem Material nichts, überhaupt nichts wächst. Deshalb wurde erst eine Erdschicht aufgetragen, und die dann bepflanzt.

Wir verlassen das Museum und gehen auf das Ausgrabungsgelände hinaus. Dort geht es erst um eine Reihe von Dingen, die mit den Cataquí nichts zu tun haben, aber hochinteressant sind.

Auf dem ganzen Ausgrabungsgelände nisten Uhus, ungewöhnlicherweise auf der Erde, in den Grashügeln. Die Führerin weiß genau, wo welche sitzen, aber die Biester haben so eine gute Tarnung, dass ich das erste Paar nicht sehe. Später gelingt es aber dann doch. Einer macht es mir leicht, indem er auffliegt. Ich bin überrascht, wie klein die Uhus sind. Sie sind Tag- und Nachtjäger, auch das eher ungewöhnlich, und die Weibchen sind größer als die Männchen.

Von den Tieren zu den Pflanzen. Wir sehen Blumen mit winzigen weißen Blütenblättern. Die bedecken ganze Bereiche des Ausgrabungsgeländes. Sie sehen alle gleich aus, aber die Führerin quetscht eine Blüte aus und holt eine Frucht heraus, winzig klein. Die wird sowohl für Heilzwecke als auch für kulinarische Zwecke genutzt. Aber nur die eine Art hat diese Früchte, die andere nicht, obwohl sie genauso aussieht. Und es gibt noch eine Besonderheit: Die meisten Blüten haben vier Blütenblätter, aber ganz vereinzelt gibt es auch welche mit fünf Blütenblättern. Die sind wie das vierblättrige Kleeblatt.

Als wir weitergehen, sagt Illac plötzlich: Pssst, hört mal! Ich höre erst gar nicht, dann doch, dann immer deutlicher. Eine Art Surren. Was ist das? Das sind die Käfer. Die kommunizieren miteinander. Aber man sieht sie doch gar nicht. Nein, sie sind unter der Erde. Tatsächlich sieht man in der Wiese alle Nase lang einen kleinen Erdhügel, wie ein winziger Maulwurfhügel. Das sind die Eingänge.

Die Führerin erzählt, es gebe ganz verschiedene Arten von Käfern hier. Einige davon werden auch gegessen. Gebraten.

Wir wenden uns wieder den Caraquí zu. Vor uns ein offener Hügel, eine zerstörte Pyramide. Da waren Grabräuber am Werk. Die machten sich mit den Eigentümer des Geländes, das in Privatbesitz war, einig und suchten die Pyramide nach Schätzen ab, vermutlich nach Gold. Immerhin mussten sie also wissen, was sich unter den Erdhügeln befand. Ob sie fündig geworden sind, weiß man nicht. Wahrscheinlich nicht, sonst hätten sie die anderen Pyramiden auch in Angriff genommen.

Erst dann traten die Archäologen auf den Plan, ausgerechnet deutsche Archäologen, darunter Max Uhle, dem ich bei der Lektüre vor der Reise schon mal begegnet bin. Er fand Tunnel innerhalb der Pyramiden, und darin über 500 Schädel. Was sie zu bedeuten haben, weiß man nicht, aber Illac und die Führerin favorisieren die These, dass es die Schädel von besiegten Kriegsgegnern sind.

Was war überhaupt die Funktion der Pyramiden? Illac möchte sie gerne als astronomische Beobachtungsstationen sehen. Diese These vertritt auch ein russischer Archäologe, Jurewitsch. Aber es fehlt bisher, wie die Führerin sagt, an Belegen dafür. Was dafür spricht ist die erhöhte Lage und der im Juli und August wunderbar klare Sternenhimmel, an dem tatsächlich heute astronomische Beobachtungen vorgenommen werden. Die Führerin sagt, das sei ein richtig bewegender Anblick, wenn man hier zu der Zeit in den pechschwarzen Nachthimmel sieht und die Sterne beobachten kann.

Wir steigen zu einer Pyramide hinauf, die teils freigelegt worden ist. Das Material muss aus einer Entfernung von zwei Kilometern herangeschleppt worden sein, einzig mit Muskelkraft. Pferde und Esel gab es nicht, und das Rad war wohl auch nicht bekannt.

Die jeweils nächste Stufe wurde erbaut, indem man die  Steine über eine Rampe nach oben schleppte und dann auf die nächst unteres Stufe aufsetzte.

Wir sehen noch in die höchste „Etage“ der Pyramide hinein. Hier gibt es Gänge und Löcher im Boden und kreisförmige Anlagen, die alle noch der genauen Interpretation bedürfen. Auf jeden Fall geht man heute davon aus, dass hier oben nur die Kaziken und ihre Sippen wohnten und dass das Volk unten um die Pyramide herum angesiedelt war.   

Es ist noch ein ganzes Stück zu gehen bis zum Ausgang, und die Führerin fragt mich, ob alles in Ordnung sei. Sie muss wohl mein Keuchen gehört haben. Ist es vielleicht die Höhenluft? Wer weiß?

Wir verabschieden uns mit einem herzlichen Dankeschön, trinken den inzwischen fertig gewordenen morocho und machen uns auf den Weg.

Als nächstes kommen wir nach Cayambe, einer großen, lebendigen Stadt. Hier ist es richtig warm, und die Sonne so kräftig, dass man Sonnencreme gebrauchen könnte. Ich habe stattdessen einen Schirm dabei. Es gab eine ganze Reihe von Siedlungen, die zu dem Machtbereich eines Kaziken, eines Kazikenherrschaft, gehörten. Sie waren alle miteinander verbunden, wenn auch nicht unbedingt verbündet. Das ändert sich aber angesichts der Bedrohung durch die Inka, denen sie lange Widerstand leisteten. Denen sie sich aber am Ende beugen mussten.

Cayambe ist bekannt für sein Gebäck, die bizcochos. Gibt es hier überall, aber alle sind Nachahmer des Originals, und nur das zählt, die Bizcochos San Pedro von Padre Rafael, einem Priester, der vor 35 Jahren zusammen mit seiner Mutter ganz klein angefangen hat. Jetzt ist er im ganzen Land bekannt. Davon zeugen zahlreiche Zeitungsartikel, die hier an den Wänden hängen sowie Photos von Fernsehstars, Musikern, Fußballprofis und Politikern, darunter mehrere Präsidenten, die hier schon zu Besuch waren.

Man bestellt, bezahlt und wird dann am Tisch, ganz einfachen Holztischen mit Bänken, bedient. Die ganze Anlage, klein, mit verschiedenen Räumen, vielen Pflanzen und abseits der Straße, hat eine schöne Atmosphäre. Die bizcochos werden im Holzofen gebacken. Man erlaubt mir, ein Photo davon zu machen. Schmecken wirklich gut, ganz frisch, noch warm serviert. Sie sind trocken , schmecken aber nicht trocken.

Als wir auf dem Weg nach draußen sind, bleibt Illac vor einer kleinen Küche stehen und spricht mit jemandem. Der kommt dann heraus. Es ist der Padre. Er wolle ihm seinen Freund aus Deutschland vorstellen. Alemania? Berlin und der … Rhein, so hieß der doch, und gutes Bier und gute Wurst. Dann breitet er die Hände über uns aus und spricht ein kleines, sehr persönliches Gebet und segnet uns. Als ich ihm zum Abschied die Hand schüttele, bin ich ganz gerührt. Illac sagt später dasselbe von sich. Er habe einen Cousin, der Priester ist, aber der mache die Segnung so routiniert, unpersönlich, dass man nichts dabei empfinde. Beim Padre Rafael ist das anders.

Auf der Weiterfahrt Richtung Otavalo fragt Illac unversehens, warum es eigentlich in Deutschland verboten sei, vom Nationalsozialismus zu sprechen. Da muss ich aber einiges richtigstellen. Er hört aufmerksam, geradezu gebannt zu. Und wird ganz nachdenklich. Komisch, wie sich solche Vorstellungen verbreiten. Basiert sicher darauf, dass der Gebrauch von Nazisymbolen und ähnlichem verboten ist. Anschließend fragt er noch nach der Teilung Deutschlands. Ich gebe ihm einen etwas ausführlicheren, persönlich gefärbten Überblick: Nachkriegszeit, Teilung, Wiedervereinigung, aktuelle Situation.

Vor Otovalo machen wir noch an einer Lagune Halt, die von der Straße aus wie ein Fluss aussieht. Es ist eine Lagune, obwohl Illac von einem See spricht (der Unterschied zwischen lago und laguna sei nur einer der Größe – was ich nicht glauben kann). Jedenfalls steht irgendwo Laguna de San Pedro.

Es gibt ein paar Souvenirstände und einen Aussichtspunkt, aber hier sind wir eigentlich in einem Ort der Indios. Die sind hier überall, meist in traditioneller Kleidung, zu sehen. Die weißen Hosen deuten bei den Männern darauf hin, dass sie schon verheiratet sind.

Auf einem Feld wird Essen zubereitet. Für das ganze Dorf. Die Hochzeiten, sagt Illac, dauerten hier drei Tage und länger. Es ist auch ein Ort für Schwarze Magie, Hexenzauber.

Von dem Aussichtspunkt hat man einen schönen Blick auf die Lagune und den Vulkan am anderen Ufer.

Dann geht es auf Otavalo zu. Einer der wohlhabendsten Orte Ecuadors, man habe hier gut die beiden Pole Landwirtschaft und Kunsthandwerk zusammengeführt.

Otavalo hat, wie man mir immer wieder gesagt hat, den größten Indio-Markt ganz Südamerikas. Das scheint für alle zu bedeuten, dass man den unbedingt gesehen haben muss. Leuchtet mir nicht so ein.

Ob besondere Vorsicht geboten sei auf dem Markt, will ich wissen. Nein, sagt Illac. Auf den Indio-Märkten sei man sicher, da würden sich die Diebe nicht hintrauen. Die Indios nehmen nämlich die Justiz in die eigene Hand. Wenn sie jemanden erwischen, käme der in eine Badewanne mit eiskaltem Wasser und werde dann mit Brennnesseln ausgepeitscht.

Alle Sorge völlig gegenstandslos. Es geht heute ganz ruhig zu auf dem Markt, der mitten in der Innenstadt stattfindet. Es sind heute fast mehr Verkäufer als Käufer da, und es ist reichlich Platz zwischen den Ständen. Man wird unweigerlich überall mit A la orden begrüßt.

Es gibt von allem etwas, aber in erster Linie Kleidung, Kleidung aus Wolle, Alpaka und Schaf: Mützen, Handschuhe, Ponchos, Pantoffeln, Schals und Stolen (die hier chals heißen). Alles für kalte Tage.

Daneben gibt es Schmuck und Souvenirs, meist mit irgendwelchen Motiven von Ecuador verziert, auch Fußballschals und Fußballtrikots.

Am schönsten sind die Stickereien, Blusen für Frauen und Kinder, aber auch für Männer, Latzhosen für Kinder, Tischläufer. Vor einigen Ständen sitzen Frauen und sticken.

Bei der Weiterfahrt kommt die Rede auf Ecuador und die politische Situation. Mit Alexandra und Manuel ist Illac derselben Meinung, dass der Präsident das kürzlich abgehaltene Referendum vor allem deshalb verloren habe, weil in den Wochen zuvor das Militär bei einem Einsatz drei Minderjährige getötet hat und der Präsident nichts unternommen habe, weder bei den Familien gewesen sei noch jemanden zur Verantwortung gezogen habe.

Es gab überall Proteste, auch hier in Otovalo, wo das Militär den Männern die langen Haare, die Teil ihrer Identität sind, abgeschnitten hat.

Was das Referendum betrifft, ist er der Meinung, dass zwei der Fragen ein Ja verdient hätten, im Gegensatz zu Manuel, der froh war, dass alle Vorhaben zurückgewiesen wurden.

Bei dem umstrittenen Präsidenten, Correa, Manuels Idol, ist Illac ganz auf der Seite Alexandras. Korrupt, habe sich selbst bereichert und nach Belgien abgesetzt, um der Justiz zu entkommen. Er habe sehr gut funktionierende Bildungszentren, die vor allem den Armen zugute kamen, einfach geschlossen. Er billigt ihm aber zu, dass die erste seiner drei Amtszeiten besser gewesen sei und Hoffnung gemacht habe.

Unser nächstes Ziel ist Peguche, eine spanische Finca, ein Landgut, 1631 von den Spaniern unter Ausnutzung der Arbeitskräfte der Indios, Männer, Frauen, Kinder, errichtet, heute ein Touristenziel.

Von der Finca selbst ist nichts zu sehen, ist vielleicht nicht erhalten, aber die ganze parkähnliche Anlage, sehr schön, sehr gepflegt, ist zu sehen.

Am Anfang kommt man abseits der Weges auf eine Art Sonnenuhr oder astronomischen Kalender, mit Steinen auf dem Boden angebracht, die in der Form eines Rads, mit der Nabe in der Mitte, dem Rad außen und den  Speichen dazwischen. In der Mitte des Rads brachten die Indios der Pachamama Opfer in Form von Naturalien dar, wobei immer darauf geachtet wurde, dass alle vier Elemente vertreten waren. Die wichtigsten Tage waren die Sommersonnenwende und die Wintersonnenwende.

Über einen steinernen, von Baumriesen gesäumten Weg geht es dann zum Wasserfall. Der tritt unvermittelt aus der grünen Felswand hervor, stürzt mit einem einzigen, breiten Strahl in die Tiefe und formt dort einen wilden Bach, dessen Wasser sich über die Felsen hinwegsetzen muss. Hier ist alles schön, vor allem der Dreiklang des schönen Anblicks, des rauschenden Baches und der  Wassertropfen in der Luft.

Wir gehen dann noch zu dem Bach hinunter. Den kann man über eine wunderbare hölzerne Hängebrücke überqueren. Illac meint, das  Wasser sei nicht mehr so kristallklar wie früher.

Diese ganze Gegend ist in der Vergangenheit ein Kultzentrum von Hippies gewesen, diejenigen, die durch die Einnahme von Substanzen in einen anderen Bewusstseinszustand gelangen wollten. Da waren sie hier in der Gegend richtig: „Zauberpilze“ und Mohn gab es in hier reichlich. Noch heute bewohnt eine kleine Hippie-Gemeinschaft ein Waldstück neben dem Bach.

Der Wasserfall wird auch zu Reinigungsritualen benutzt, vor allem bei der Sommersonnenwende. Der Campingplatz am Rande des Weges sei dann rappelvoll, erklärt Illac.

Draußen in der Nähe des Parkplatzes gibt es an einem Stand Zuckerrohr. Ein Mann schneidet mit einem großen Messer mit großem Geschick die äußere Rinde des Zuckerrohrs, das ihm bis zur Schulter geht, ab. Der anderen macht mit einem kleineren Messer kleinere Ausbesserungsarbeiten und zerteilt das Zuckerrohr in Stücke. Die kommen dann in einen Apparat, bei dem der Saft aus dem Zuckerrohr gepresst wird. Wir probieren beides, die Zuckerrohrstücke und den Saft. Die Süße des Zuckerrohrs ist so intensiv, dass Illac den Saft mit Zitrone trinkt.

Wir unterhalten und noch über die Herkunft (Indonesien, nicht Karibik) des Zuckerrohrs und darüber, wie man früher Speisen süßte, mit Honig und Obst in erster Linie.

Bei der Weiterfahrt konfrontiere ich Illac mit Manuels Aussage, ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung Ecuadors müsse mit drei Dollar pro Tag auskommen. Er glaubt das nicht. Wenn überhaupt, treffe das auf ganz, ganz wenige zu. Die meisten würden sich schon ihr Auskommen sichern. Er macht die Rechnung auf, anhand dreier Beispiele: der ambulante Gürtelverkäufer auf dem Markt, der Mann, der Autos bewacht, der Gaukler an der Straßenkreuzung. Er schätzt das Tageseinkommen auf 15-20 Dollar. Hunger müssten wenige leiden, und ich solle mal darauf achten, wie wenige Unterernährte man sehe.

Als wir unser letztes Ziel erreichen, Quitsato mit dem Museo Solar, hat es zu regnen begonnen. Aber wir werden nicht nass.

Quitsato bedeutet ‚Mitte der Welt‘, und wenn man zwei Laute weglässt, ergibt sich Quito, was vielleicht dieselbe Bedeutung hat.

Mitte der Welt ist ein ziemlich hochtrabender Titel, schließlich gibt es den Äquator auch woanders, aber der junge Mann, der mich führt, gibt sein Bestes, um ihn begreiflich zu machen.

Von den Erklärungen verstehe ich weniger als knapp die Hälfte, aber das liegt nicht an ihm, sondern an mir. Er nimmt auch immer wieder Deutschland zum Referenzland, um die Sache anschaulich zu machen.

Was ich mitnehme: Die europäischen Forscher, hauptsächlich Franzosen, kamen wegen der Berge hierher und gingen nicht nach Afrika, was für sie näher gelegen hätte. Sie brauchten die Berge für ihre geodätischen Untersuchungen.

Man fand heraus, dass die prä-inkaischen Indios auf den Kuppen mehrerer Berge der Umgebung Zeichnungen in den Felsen eingeritzt hatten. Und alle diese Berge „kommunizieren“ miteinander, weil sie alle gleich weit von dem gedachten Zentrum in Catequilla, genau am Äquator, liegen, alle genau auf einem Abschnitt eines Längengrades.

Als es an die Vermessung des Äquators ging, war die Frage noch offen, welche Form die Erde hatte. Hatte Newton recht oder hatte Cassini recht? Ist die Erde an den Polen oder am Äquator abgeplattet? Newton hatte recht.

Erst durch die wissenschaftlichen Untersuchungen wurde das Wort Äquator geläufig, und es wurde dann, 1830, auch zum Namen des Staates Ecuador.

Wir stehen unter einem Himmelsgewölbe mit dem Äquator in der Mitte. Von hier aus, vom Äquator aus, kann man sowohl den Großen Bären sehen, den sie in Argentinien nie sehen, als auch das Kreuz des Südens, das wir nie sehen. Auch die Milchstraße kann man nur vom Äquator aus vollständig sehen.

Es gibt eine Sache, die mir sehr gefällt, Karten, auf denen die Erde nach Osten statt nach Norden ausgerichtet ist. Da ist dann plötzlich Nordamerika „links“ von Südamerika, und Afrika „rechts“ von Europa, und das Mittelmeer ist ein langer Streifen, wie eine hängende Wurst.

Dass die Ausrichtung auf den Erdkarten ganz willkürlich ist und Australien auch „oben“ und Norwegen „unten“ sein könnte, war mir klar, aber die Ostausrichtung, die Orientierung habe ich noch nie im Sinn gehabt. Der junge Mann scheint zu unterstellen, dass das die einzig „richtige“ Darstellung ist. Was vermutlich nicht stimmt. Aber immerhin: Die erste erhaltene Karte der Erde sieht so aus, und die ganz frühen Karten aus Frankreich und England auch.

Am Ende gehen wir noch nach draußen. Dort hat man in den Boden die Linie des gedachten Äquators in Stein gehauen. Es gibt zwei Plaketten, die die Richtigkeit dieser Positionierung bestätigen, eine von einer internationalen Wissenschaftsorganisation, eine von einer US-amerikanischen. Beide Ortungen beruhen auf Satellitenmessung. Die ursprüngliche, von ecuadorianischer Seite vorgenommene Ortung liegt knapp daneben, aber nur ein paar Zentimeter. Wir befinden uns genau auf dem Breitengrad 0°.

Wenn man die Linie zu den Bergen hin verlängert, läuft sie genau auf den Gipfel eines Vulkans zu. Damit endet die letzte Besichtigung.

Als wir am Ende eines ereignisreichen Tages in Quito ankommen, sind 12 Stunden vergangen und es ist stockdunkel.

1. Dezember (Montag)

Warum sind Männer größer als Frauen? Dafür sind zwei Faktoren verantwortlich: die Hormone und das Y-Chromosom. Die Hormone machen 9 Zentimeter aus, das Chromosom 4 Zentimeter, also sind Männer im Schnitt 13 Zentimeter größer als Frauen. Einige Männer haben ein XYY-Chromosom. Die sind noch mal 3 Zentimeter größer im Schnitt.

Sandwiches wird hier Sanduches geschrieben. Habe erst gedacht, das wären zwei verschiedene Dinge, die sanduches vielleicht eine XXL-Variante der Sandwiches. Scheint sich aber nur um die Schreibweise zu handeln.

Auch eine orthographische Kuriosität: Im Deutschen heißt es ecuadorianisch, im Spanischen ecuatoriano. Da behält der Äquator sein t.

Zum Mittagessen gehe ich in das von Illac empfohlenen La Exquisita, gleich gegenüber, kurz hinter der Plaza San Blas. Da mache ich aber einen Fehler bei der Bestellung und bekomme nur das normale Menu, nicht die von Illac so gepriesenen ecuadorianischen Spezialitäten.

2. Dezember (Dienstag)

Schon bevor der Wecker schellt, reißt mich ein unangenehmer Traum aus dem Schlaf, der an die Zeiten an der Uni zurückführt. 

Um 5 Uhr – es ist noch stockdunkel – bekomme ich die Nachricht, der Uber sei eingetroffen, aber als ich auf die Straße komme, ist da nichts. Die komplette Straße ist leergefegt, kein Auto, kein Mensch. Ich weiß nicht, was ich machen soll, gehe dann zur Plaza San Blas runter, aber auch da ist nichts. Dann die ganze steile Straße rauf, bis zu ihrer Verlängerung oben an der Basilika. Da steht ein Auto, aber es ist nur ein leerstehendes Polizeiauto. Ich gehe wieder bis zum Haus zurück und beschließe, noch etwas zu warten. Ein Taxifahrer kommt vorbei, fordert mich auf, einzusteigen. Dies sei eine gefährliche Gegend. Ich gebe aber seinem Drängen nicht nach. Er fährt weg, und ich steige noch mal die Treppen rauf, um im Handy nachzugucken. Nichts. Dann gehe ich wieder zur Plaza San Blas und nehme doch ein Taxi.

Zu dieser Zeit kommt man gut durch. Am Flughafen suche ich sofort den Galapagos-Schalter, lande aber erst an der falschen Stelle. Dann klappt es doch, und Gott sei Dank gibt es hier keine Schlange. Ich muss meinen Reisepass vorgelegen, die 20 $ für die Registrierung zahlen. Dann geht es um alle möglichen Angaben und die Bestätigung der Handy-Nummer. Ich habe aber kein Zugang zum Netz. Der Mann am Schalter erledigt das aber für mich, und ich bekomme drei Nachweise aufs Handy, für die ich sofort einen Screenshot mache.

Dann geht es durch die Sicherheitskontrolle. Nur Gepäck.

Danach versuche ich, die Bordkarte zu bekommen, aber an den Apparaten wird weder meine Flugnummer noch mein Reisepass erkannt. Also zum Schalter. Die Frau hinter dem Schalter erledigt die ersten Schritte, kann aber die Bordkarte auch nicht ausstellen und begleitet mich zu den Apparaten.

Mit Bordkarte und den Bestätigungen geht es dann durch die eigentliche Sicherheitskontrolle und dann durch die lange Ladenstraße zum Flugsteig.

Während der Wartezeit trinke ich einen Kaffee, der mich 4 $ kostet. Daraufhin sage ich dem Mann hinter der Theke, dass ich dafür in Quito ein ganzes Mittagsmenu bekomme.

Das Flugzeug ist groß und gut besetzt, aber die Plätze neben mir bleiben frei. Als wir auf Guayaquil zufliegen, kommt Wasser in Sicht, aber es ist wohl nicht das offene Meer. Guayaquil, die größte Stadt Ecuadors, hat aber einen Hafen und Zugang zum Meer, etwa wie Hamburg vermutlich.

Nach einem Aufenthalt geht es weiter nach Galápagos. Neben mir jetzt ein junger Ecuadorianer mit seiner US-amerikanischen Freundin. Es stellt sich heraus, dass er Deutschland kennt, Berlin, Leipzig, Dresden, Karlsruhe. Er muss wohl in der Schule Deutsch gelernt und richtig gut gekonnt haben. Müsse er nur wieder aktivieren, meint er.

Als wir ankommen, sind sieben Stunden vergangen, seit ich aufgestanden bin. Wir steigen auf dem Rollfeld aus dem Flugzeug. Nur zwei weitere Flugzeuge stehen auf dem ganzen Flughafen.

Es ist wolkig und windig, kein Sonnenstrahl zu sehen. Aber warm.

Jetzt heißt es erst mal wieder Schlange stehen. Bevor man eingelassen wird, muss man den Eintritt für den Nationalpark bezahlen. 200 $. Auf die Hand. Die Schlange bewegt sich langsam fort, weil die Hälfte der sechs Angestellten nur die eine Hälfte, die andere die andere Hälfte macht. Hier muss man zuerst vorzeigen, ob man all die Formalitäten erledigt hat. Dann wird kassiert.

Als ich in die Vorhalle komme, bin ich erleichtert, als ich meinen Namen auf dem Zettel von zwei Frauen sehen, die uns dort in Empfang nehmen. Ich bin der erste, solle schon mal vorgehen und die Busfahrkarte kaufen: 5 $.

Als die anderen auch durch sind, geht es in den Bus. Die Gegend sieht nicht sehr einladend aus, viele Sträucher und viele verbrannte Pflanzen.

Der Bus bringt uns zur Fähre. Wir befinden uns auf Baltra, einer unbewohnten Insel, und müssen nach Santa Cruz übersetzen. Es sind nur wenige Minuten.

Am anderen Ufer werden wir in Taxis verfrachtet, je nach Hotel. Die Taxis sind aber noch nicht angekommen. Wir bilden einen kleinen Kreis und stellen uns vor. Alles Ecuadorianer, wie es scheint, darunter eine fünfköpfige Familie. Als ich als Letzter mit der Vorstellung an der Reihe sein soll, übergeht die Frau mich.

Dann kommt das erste Taxi, und ich werde zusammen mit drei anderen darin zum Hotel gebracht. Ich soll mich nach vorne setzen.

Irgendwie ist mir mulmig, so ein bisschen wie seekrank. Ich hoffe nur, mich nicht übergeben zu müssen.

Dann sitze ich plötzlich einem unbekannten jungen Mann in einem roten T-Shirt gegenüber. Ich sehe mich um. Wir sind in einem Kleinbus, und ich liege auf einer Pritsche. Er spricht mich an, aber ich bekomme keinen richtigen Satz zusammen. Verstehe aber, dass ich während der Fahrt ohnmächtig geworden bin und mich in einem Krankenwagen befinde. Der Mann fragt mich, ob ich Epileptiker sei.

Wir fahren in eine Notstation. Dort werde ich auch auf eine Pritsche gelegt und behandelt: Temperatur wird gemessen, Blutdruck wird gemessen, Blut wird abgenommen, ein Serum wird gespritzt. Die Prozedur zieht sich hin. Erst ganz langsam wird mir klar, was da passiert ist.

Als alles vorüber ist, werde ich zum Hotel gefahren. Dort kann ich erst mal meinen Rucksack an der Rezeption ablegen.

Eine junge Frau begleitet mich zu dem Lokal, in dem es Mittagessen und Abendessen gibt. Wir unterhalten und auf dem Weg rege, und sie führt mich zum Hotel. Dort muss man sich am Eingang melden und seine Identität prüfen lassen.

Die junge Frau macht sich auf den Weg, und ich bekomme ein schmackhaftes Essen, lasse aber das meiste liegen. Ich habe einfach keinen Appetit.

Ich mache mich auf den Weg zurück, finde aber das Hotel nicht. An einer Ecke, an der eine riesige Schildkröte stehe, gibt es drei Möglichkeiten, und ich probiere alle drei mehrmals aus. Bin jetzt auch nicht mehr ganz sicher, ob ich den Namen des Hotels richtig in Erinnerung habe.

Hier geht es wie auf Mallorca zu: Souvenirläden und Lokale reihen sich aneinander, kaum zu unterscheiden, viele Werbesprüche auf Englisch. Das macht die Orientierung nicht einfacher.

Ein Mann an einem Souvenirstand ist sehr hilfreich, schickt mich zurück an die Kreuzung, aber es nutzt nichts. Weiterhin irre ich durch die Gegend, und irgendwann komme ich, ohne es zu merken, wieder an demselben Souvenirstand vorbei, und der Mann spricht mich an. Immer noch nicht gefunden? Er sieht sich die Nachrichten der Reiseleiterin auf meinem Handy an, aber darin taucht der Name des Hotels nicht auf, da wir alle woanders untergebracht sind.

Ich kann nicht anrufen, aber er lässt mich in sein Netz rein, so dass ich es versuchen kann. Am anderen Ende meldet sich niemand. Dann versucht er es selbst und kommt durch. Ja, das Hotel heißt Portuga Bay. Er begleitet mich an die Straßenkreuzung und hält ein Taxi an. Die kann man hier nicht als Taxis erkennen. Sind ganz normale Pick-ups.

Es ist inzwischen dunkel geworden, aber der Mann von Souvenirstand sagt, hier in Galápagos sei man sicher, alles tranquilo.

Der Fahrer bringt mich zum Hotel, und dort muss ich an der Rezeption die übliche komplizierte Registrierung vornehmen, mit Pass, Handynummer, Mail.

Der junge Mann, der erste unfreundliche Ecuadorianer, dem ich begegne, drückt mir den Schlüssel in die Hand. Das Zimmer ist im dritten Stock, und meine Beine sind müde.

Oben bekomme ich aber die Tür nicht auf. Sie hat einen merkwürdigen Schließmechanismus. Ich muss wieder runter, der junge Mann geht mit und schließt auf.

Im Zimmer komme ich mit dem Nummernsystem des Safes nicht zurecht, gehe noch mal runter und besorge mir bei der Gelegenheit auch gleich eine Flasche Wasser. Für den Safe gibt es einen Schlüssel.

Als ich wieder oben bin, geht die Prozedur mit dem Zimmerschloss wieder los, aber am Ende klappt es dann doch.

3. Dezember (Mittwoch)

Am Morgen ist früher Aufbruch. Treffpunkt 7 Uhr an der Tortuga Bay, gleich um die Ecke.

Um das Fischerboot im Hafen fliegen Vögel mit weiten Schwingen und breiten Schnäbeln herum, um etwas von den Resten zu ergattern. Auf dem Bürgersteig hocken Leguane, unbeweglich, und auf einer Parkbank hat es sich ein Seelöwe bequem gemacht.

Bevor wir aufbrechen, lächelt mich eine Frau freundlich an und fragt mich, wie es mir gehe. Sie war gestern auch im Taxi, als es mir schlecht wurde. Ich hätte irgendwie geschrien und dann nur noch gestöhnt und nicht mehr auf Fragen reagiert. Sie hätten geglaubt, ich könne kein Spanisch. Ich sei dann von dem Krankenwagen übernommen worden.

Wir brechen auf und gehen erst durch das noch fast leere, nichtssagende Zentrum, wo man mit auffälliger Werbung auf sich aufmerksam machen will: Las Delicias de Will Grill oder Serial Chiller.

Dann kommen wir auf einen schmalen gepflasterten Weg mit dichter Vegetation zu beiden Seiten. Sieht alles wie verdorrt aus, aber das „muss“ wohl so sein. Diese Pflanzen können nicht viel Wasser vertragen. Erkennen kann man diese Art von Vegetation an den weißen Flecken auf den Steinen, Lichen, ein Wort, das ich noch aus den Romanen von George Eliot kenne.

Die höchsten Kakteen überhaupt, erfahren wir, wachsen in Mexiko. Sie werden 15-20 Meter groß und können 150-200 Jahre alt werden. Diese hier sind 10-15 Meter groß und werden 100-150 Jahre alt. Die älteren unter ihnen haben einen Stamm. Der sieht wirklich wie ein Baumstamm aus, ist aber keiner, und der Kaktus ist und bleibt ein Strauch. Drinnen ist kein Holz.

Unterwegs habe ich inzwischen eine Reihe der anderen kennengelernt. Eine junge Ecuadorianerin ist mit ihrem belgischen Ehemann unterwegs auf Hochzeitsreise. Sie haben seine Eltern mitgenommen und mexikanische Freunde, einen jungen Mann und seine Eltern. Der junge Mexikaner hat auch in Belgien studiert, ein technisches Fach mit Englisch als Studiensprache. Sein Vater ist seit Juni in Rente und voll zufrieden damit. Er hat vorher unter anderem bei Böhringer gearbeitet. Der belgische Vater will wissen, woher ich komme in Deutschland und sagt sofort: Trier, klar, kenne er doch, die Römer und der Wein, da sei er schon zweimal gewesen. Das junge Ehepaar spricht auch wohl in der Regel Englisch miteinander, aber er kann auch schon ganz gut Spanisch.

Wir kommen ans Meer. Ein Sonnenstrahl ist weiterhin nicht zu gehen. Am Strand liegt wirklich überhaupt kein Wohlstandsmüll und man stößt auch nur ganz gelegentlich auf eine Muschel, ein Blatt oder eine Feder. Hier kann man aber nicht baden. Zu gefährlich. Wir müssen weiter, zur Tortuga Bay. Leider gibt es da trotz des Namens keine Schildkröten.

Hier kann man baden. Ich gehe aber er nur mit den Füßen ins Wasser.

Als ich wieder nach Hause komme, habe ich zehn Kilometer hinter mir, zusätzlich zu der Strecke, die ich durch die Stadt irre und nach dem Hotel suche. Am Ende nimmt ein Anwohner seine Fahrrad in die Hand und schiebt es neben mir her, um mich zum Hotel zu begleiten.

In dem kleinen Swimming-Pool ist eine der Frauen von gestern. Ich tue es ihr nach und gehe auch rein. Sie erzählt, sie seien gestern an einem doppelten Krater gewesen, der aber eigentlich keiner sei. Da sei einfach ein Berg eingestürzt.

Am Mittag bekomme ich für die 40 $, die ich gestern bezahlen musste, sogar einen medizinischen Befund.

Am Nachmittag ist wieder die Pelican Bay unser Treffpunkt, und es ist tatsächlich ein Pelikan, der da sitzt und sich die Federn putzt. Das müssen sie Vögel gewesen sein, die heute Morgen um das Fischerboot herumgeflogen sind.

Die Fischer, heißt es, dürfen nur mit der Angel fischen und müssen in bestimmten Intervallen drei Ruhe Tage Ruhepause einlegen.

Am Rande des Platzes hocken die Leguane, in Gruppen, so gut wie unbeweglich. Man könnte sie für Skulpturen halten, wenn nicht der eine oder andere mal den Kopf bewegte. Sie haben keine gleichbleibende Temperatur und müssen in der Sonne aufheizen, um wieder „auf Temperatur“ zu kommen.

Heute Nachmittag steht noch ein Spaziergang an, zur Wissenschaftsstation Charles Darwin. Zunächst erfahren wir, dass Santa Cruz auch ein Kanton der  ecuadorianischen Provinz Galápagos ist, mit 30.000 Einwohnern. Das verbirgt sich vor den Augen von uns Touristen.

Auf dem Weg die Küste entlang sehen wir, wie eine Seekuh auf einer Parkbank ihr Junges säugt. Man soll nicht zu nahe ran gehen, weil natürlich die Mutter aggressiv werden kann, vor allem aber, weil, wie es heißt, die Mutter ihr Kind nicht mehr erkennt, wenn es menschlichen Geruch angenommen hat. Ob das stimmt? Jedenfalls müssen aus diesem Grunde Hunde auf Galápagos auch immer an der Leine gehalten werden. Streunende Hunde oder Katzen habe ich noch gar nicht gesehen.

Auf dem Weg zur Wissenschaftsstation sehen wir das Emblem des Nationalparks, eine Schildkröte und ein Seelöwe. Die Galápagos-Inseln wurden zufällig von einem spanischen Geistlichen entdeckt, der vom König von Panama nach Peru beordert worden war und zufällig 1535 hier gestrandet war. Später waren die Galápagos-Inseln dann ein Seeräuberparadies. Erst 1832 wurden sie von Ecuador annektiert, unter der Präsidentschaft von Florenz, nach dem bis heute noch eine Insel benannt ist. Auf der eigentlich unbewohnten Insel, auf der wir gelandet sind, befindet sich eine ecuadorianische Militärbasis.

Nur ein paar der Inseln sind bewohnt, 97%, heißt es, gehörten zum Nationalpark.

In der Wissenschaftsstation werden Schildkröten künstlich inkubiert. Warum? Sie haben zu viele natürliche Fressfeinde. Vögel fressen ihre Eier, Ratten fressen ihre Jungen. Deshalb werden sie aus den verschiedenen Inseln hierhergebracht und nach einer gewissen Zeit wieder ausgesetzt.

Darwin selbst war nur drei Wochen hier, hatte hier aber eine wichtige Erkenntnis bei der Beobachtung der Schnäbel der Finken auf den verschiedenen Inseln.

Dasselbe Prinzip der Anpassung an Bedürfnisse und Habitat kann man auch bei den Schildkröten beobachten. Einige haben einen rundlichen Panzer und einen kurzen Hals. Die haben genug Fressen zur Verfügung. Die anderen haben einen länglichen, sattelähnlichen Panzer entwickelt und einen langen Hals, weil sie sich nach der kargen Nahrung „strecken“ müssen. Deren Panzer sieht wie ein Sattel aus, auf ihnen könnte man reiten, galoppieren, und davon, galopar, soll Galápagos kommen. 

In der Wissenschaftsstation sind, wie in einem Zoo, Schildkröten verschiedener Art und Größe in verschiedenen Absperrungen zu sehen. Bei der künstlichen Befruchtung versucht man das gleiche Ergebnis wie die Mutter zu erzielen. Wie macht die das? Sie buddelt ein Loch, legt die Eier rein (Zahl kommt auf die Spezies an, bei einer sind es 12-14), übereinandergeschichtet, verdeckt das Loch mit Kot, Urin und Erde, und legt außerdem noch zwei drei Eier für Fressfeinde oben drauf, damit die die Brut in Ruhe lassen.

Die Schichtung der Eier hat zur Folge, dass sowohl Männchen als auch Weibchen schlüpfen. Die oberen, die mehr Sonnenwärme bekommen, werden zu Weibchen (benötigen 29,5°), die unteren zu Männchen (28°). Die Männchen sind drei- bis viermal so groß wie die Weibchen.

Wir sollen uns individuell wieder auf den Rückweg machen. Das tue ich auch und komme dabei an dem Schmuckstand vorbei, an dem der Mann mir gestern so bei der Suche des Hotels geholfen hat. Er begrüßt mich freudig und sagt, er habe sich schon überlegt, was wohl aus mir geworden sei. Ich sage ihm, ich sei dank seiner Hilfe gut angekommen. Dann kaufe ich ihm etwas ab, um mich dankbar zu erweisen.

4. Dezember (Donnerstag)

Am Morgen geht es schon um 6.15 los. Es geht nach Isabela, der größten der Galápagos-Inseln.

Einen Moment habe ich überlegt, auf den Ausflug zu verzichten.

Wir sind nur zu zweit an der Pelican Bay. Wir werden zur Schiffsanlegestelle geführt und dann getrennt, je nach Ziel. Man muss Schlange stehen, sich registrieren, das Gepäck kontrollieren lassen und wieder Schlange stehen.

Dann kommt ein kleines Boot, mit dem man zu dem entsprechenden Schiff gefahren wird. Auf dem Boot wird erst einmal wieder kassiert.

Ich hatte mir die Schifffahrt wie eine kleine Kreuzfahrt über das Meer vorgestellt, aber davon hat sie wirklich nichts. Es ist ein schnelles Motorboot, das hart auf den Wellen aufschlägt. Sehen kann man nichts. Und die Fahrt zieht sich hin. Ich habe mich von dem Mädchen in dem Reisebüro dazu überreden lassen, eine kleine Rundtour im Hafen hätte es auch getan.

Bei der Ankunft – die Sonne lässt sich weiterhin nicht sehen – geht es erst wieder auf das Fährboot, das uns an Land bringt. Hier wird genauso kassiert wie bei dem Eintritt auf die Insel.

Isabela ist die größte der Galápagos-Inseln, mit 6 Vulkanen, von denen 5 noch aktiv sind. Wir sehen sie aber nur in der Ferne in den Wolken.

Der Name Isabela geht noch auf die kastilische Königin zurück, die Kolumbus auf die Reise schickte.

Insgesamt gibt es 13 größere Galápagos-Inseln, von denen 4 bewohnt sind.

Wir besteigen ein Boot und sehen zuerst Seelöwen. Jedes Männchen hat eine Truppe von 20-30 Weibchen zu betreuen. Das geht an die Substanz. Außerdem ist er ständig den Angriffen von Konkurrenten ausgesetzt, die ihn verdrängen wollen. Seine Lebenserwartung beträgt deshalb gerade mal 9-10 Jahre. Die Weibchen stellen sich auf jeden Nachfolger ein und leben mehrere Jahrzehnte lang.

Dann sehen wir einen Pinguin, ein einziges Exemplar. Die hier lebenden Pinguine sind die einzigen tropischen Pinguine. Sie sind schlanker als ihre Kollegen, weil sie sich nicht gegen die Kälte schützen müssen. Seine Eier legt er ganz tief in die Erde, damit sie eine Art Kälteschutz erhalten.

Auf einem Felsvorsprung sehen wir blaufüßige Tölpel. Sieht witzig aus. Die blaue Farbe soll von der Nahrung kommen. Sie bleiben ganz ungerührt sitzen, als wir näherkommen.

Wir fahren eine unbewohnte Insel an und machen einen Spaziergang. Begrüßt werden wir von einem Leguan, groß, mit grünlicher Hautfarbe. Das muss ein Männchen sein, wegen der Größe und wegen der Farbe. Die nimmt er in der Zeit der Brunft an. Die anderen Tiere sind schwarz-gräulich.

Die ganze Insel ist von Lavagestein bedeckt, in kleineren Felsbrocken. Die wiederum sind von dem weißlichen Lichen bedeckt. Die sind angeweht worden und haben die Funktion, den Stein anzunagen und wieder Pflanzenwachstum zu ermöglichen. Die ersten Pflanzen, die hier wachsen werden, werden Kakteen sein.

In einer Art Kanal sehen wir Haie, auch die gräulich, eng aneinander geschmiegt. Sie sind nachtaktiv und haben jetzt Pause. Sie sind für den Menschen ungefährlich.

Irgendwo auf der Erde entdeckt jemand einen Krebs, einen schönen Krebs mit roter, wie geschmückt aussehender Schale. Unser Führer hebt ihn einfach auf. Es ist gar kein Krebs, sondern die von einem Krebs abgestoßene Schale. Sieht perfekt erhalten aus.

Dann geht es ans Schnorcheln. Die meisten machen mit, aber ich verzichte darauf.

Wir verlassen die kleine Insel wieder und kehren aufs „Festland“ zurück. Hier stoßen wir noch auf einige Flamingos. Es gibt insgesamt etwa 280 auf Isabella, aber sie verteilen sich auf die verschiedenen Seen. Hier haben wir eine Handvoll vor uns. Die Jungen sind weiß, dann nehmen sie allmählich die rosa Farbe an, auch hier ist sie nahrungsbedingt. Flamingos habe eine kleine Reproduktionsrate, sie zu schützen, ist keine leichte Aufgabe.

Irgendwo gibt es ein bescheidenes Mittagessen, und dann fahren wir noch zu einer Aufzuchtstation für Schildkröten. Die waren durch eine Reihe von Gründen ins Hintertreffen geraten: Fressfeinde, Feuer, Vulkanausbrüche, menschlicher Konsum. Deshalb die Aufzuchtstationen. Wir sehen ganz kleine, Einjährige und Dreijährige und, getrennt davon die Erzeuger, die Riesenschildkröten. Wenn sie fünf Jahre alt und ihre Panzer stark genug sind, werden sie in die Freiheit entlassen. Hier bekommen sie nur dreimal pro Woche etwas zu essen, weil die Nahrungssuche in der Freiheit auch schwierig sein wird.

Am Rande des Geheges sehen wir noch calandrias, Spottdrosseln. Die bauen ihre Nester in den Kakteen und schützen sich damit vor Fressfeinden wie Ratten, die es nicht wagen, hier raufzusteigen.

Danach geht es zurück, und als wir endlich wieder in Santa Cruz sind, falle ich nur noch ins Bett.

. 5. Dezember (Freitag)

Irgendwie ist es paradox: Ausgerechnet heute, auf dem Rückweg zum Flughafen, sehe ich zum ersten Mal zwei Exemplare der berühmten Riesenschildkröten in freier Wildbahn. Sie sind dabei, die Straße zu überqueren. In aller Ruhe. Ist das nicht gefährlich, fragt man sich unwillkürlich.

Das Zimmer im Hotel muss um 9 Uhr geräumt werden, und als ich in Quito ankomme, ist es schon stockdunkel. Zwei der vier Tage Galápagos sind alleine für die Reise draufgegangen. Dazu kommen die Wartezeiten und die Formulare auf Galápagos und die verschiedenen Transfers dort. Mal abgesehen von der ständigen Abzocke. Ich wäre besser in Quito geblieben.

6. Dezember (Samstag)

Auch Darwin war von den Galápagos alles andere als begeistert. Erst nach seiner Rückkehr nach England und der Sichtung seiner „Mitbringsel“ gewannen die eine besondere Bedeutung beim Anblick der Schnäbel der Finken, drei unterschiedliche Formen von drei unterschiedlichen Inseln. Dabei waren die Finken eigentlich nur eine Notlösung gewesen.

Darwin war ein gewissenhafter Forscher, und er quälte ich lange mit der Veröffentlichung seiner Erkenntnisse, auch, weil er wohl wusste, was die auslösen würde. Erst als er von Wallace, einem ihm völlig unbekannten, viel weniger privilegierten Forscher, einen Artikel zugesandt bekam, der seine eigenen Erkenntnisse kurz und bündig, aber exakt wiedergab, entschloss er sich zur Veröffentlichung, schickte gleich beide Artikel zur Veröffentlichung ein. Seine Zurückhaltung war auch darin begründet, dass ihm ganz klar war, dass seine Theorie ein Manko hatte, aber er wusste nicht, welches. Dieses Manko war seine Unkenntnis der Theorie der Vererbung. Von Mendel hatte er nie etwas gehört, obwohl der sein Zeitgenosse war, auch von dessen Forschungen nicht, und selbst führte er keine Experimente durch. Dadurch blieb ihm das „Geheimnis der Geheimnisse“ bis ans Ende seines Lebens undurchdringlich.

Als er endlich veröffentlichte, ließ er die menschliche Abstammung zuerst einmal ganz außen vor, das schien ihm doch zu gewagt, und die Verteidigung bei öffentlichen Anlässen überließ er anderen, Gleichgesinnten. Er selbst blieb zu Hause und forschte weiter.

Dass Darwin behauptet hatte, der Mensch stamme vom Affen ab, wurde oft gegen ihn verwendet, ganz zu Unrecht. Das hatte und hätte Darwin nie behauptet, aber es war ein probates Angriffsmittel.

Quito verabschiedet mich mit Sonnenschein, aber mein Aktionsradius bleibt beschränkt, ich schaffe es nicht einmal bis zum Zentrum. Meine letzte Aktion ist der vergebliche Versuch, in der Apotheke die empfohlenen Medikamente zu bekommen.

Wohl aber schaffe ich es noch zu La Exquisita, und da gibt es den von Illac empfohlenen chivo, Ziegenfleisch. Er hat nicht zu viel versprochen, es ist sehr schmackhaft. Dazu gibt es Avocado und Unmengen Reis. Und Mango-Saft. Die Portion ist aber zu groß. Mit diesem Eindruck verabschiede ich mich von Quito.