Erhaltungstrieb

Das Wort Mumie leitet sich vom persischen mūm ab. Das bezeichnete keine Mumie, sondern eine natürliche wachsartige Substanz. Das Wort wurde dann auf die Mumie übertragen, einfach, weil, wie man fand, beide ähnlich aussahen. Das erfährt man in der Mumien-Ausstellung im Reiss-Engelhorn-Museum in Mannheim.

Es gilt, zwischen natürlichen, zufällig entstandenen Mumien und künstlichen, absichtlich erstellten Mumien zu unterscheiden. Natürlich entstehen Mumien in extremen Gegenden: Sandwüsten, Salzwüsten, Eiswüsten, aber auch Mooren. Im Moor ist es zwar feucht, aber es fehlt der Sauerstoff, der zur Verwesung von Leichen führt. Aber auch auf Dachböden und in Kellern finden sich manchmal Mumien. Man stellt sich vor, wie es ist, wenn man unverhofft auf so eine Mumie stößt.

Ich erinnere mich an den Ratskeller in Bremen, an St. Michan’s Church in Dublin und an die Kapuzinergruft in Palermo. An allen drei Orten habe ich im Laufe der letzten Jahre natürlich entstandene Mumien gesehen.

In der Ausstellung sieht man ein Frettchen, einen Marder, eine Hyäne, eine Ratte, eine Schwalbe, eine Fledermaus – alle mumifiziert. Als Kontrast dazu wird der natürliche Prozess der Verwesung anhand eines Singvogels gezeigt, in verschiedenen Phasen. Wie lange da dauert, wird leider nicht gesagt. Ein halbes Jahr?

Aus dem Moor wird eine menschliche Mumie gezeigt, die besonders durch das erhaltene Haar auffällt, zwei geflochtene Zöpfe!

Eine besondere Attraktion ist das “Paar von Weerdinge” (NL), zwei Mumien, plattgedrückt, schwarzbraun, die ganz eng beieinander liegen, so, wie sie auch gefunden wurden. Fast sieht es aus, als würden sie sich umschlingen. Man denkt unwillkürlich an ein Paar, an Mann und Frau. Aber es sind zwei Männer! Das hat man an den Barthaaren ablesen können.

In der Nähe zwei ägyptische Mumien, ohne “Verpackung”. Auch hier handelt es sich um zwei Männer, was bei einem von beiden unschwer zu erkennen ist.

Dann eine ägyptische Mumie mit gekreuzten Armen. Das war ein Zeichen, das bis zum Neuen Reich königlichen Mumien vorbehalten war, später aber nicht mehr so restriktiv gehandhabt wurde. Das willkürliche Zeichen erhält seine Bedeutung erst aus der Entstehungszeit.

Eine Inka-Mumie ist auf den ersten Blick gar nicht als eine Mumie zu erkennen. Sie versteckt sich hinter einem Kleiderbündel, der äußere Umhang verziert mit einer Kordel, einer Muschel, einem Fuchsschwanz und verschiedenen Schnüren. In dem Bündel befindet sich die Mumie eines siebenjährigen Jungen. Man weiß von ihm, dass er durch Wanzenstiche ums Leben gekommen ist!

Dann wieder eine nackte Mumie, auch aus Peru, eine Frau mit gekreuzten Händen und gekreuzten Schenkeln. Wieder das Kreuz, wie bei der ägyptischen Mumie. Zufällige Übereinstimmung? Die Bedeutung kennt man nicht. Die Frau hat eine auffällig deformierten Schädel. Man rückte den hässlichen Schädel, wie ihn die Natur geschaffen hatte, mit Bändern und Brettern zu Leibe. Das kann einerseits einem Schönheitsideal entsprochen haben, kann aber andererseits auch Ausweis hoher gesellschaftlicher Stellung sein.

Eine mumifizierte Nonne aus Bratislava, bei der sogar der Name bekannt ist, Terezia Sandor, sieht man in vollem Ornat (XVIII). Bei ihr wurde das Herz entnommen. Warum, weiß man nicht, vielleicht aus Furcht, bei lebendigem Leib begraben zu werden.

Bei einer weiteren Nonne, Rozalia Tridentin (XVIII), befindet sich am Fuß ein verschnürtes Päckchen. Es enthält mumifizierte Finger. Die könnten von ihr selbst stammen (eine Hand ist nicht ganz erhalten). Was für eine Bewandtnis es mit den Fingern hat, weiß man nicht. Eine der vielen geheimnisvollen, rätselhaften Erscheinungen, die diese Ausstellung zu etwas ganz Besonderem machen.

Aus der Ming-Dynastie in China ist die Statue eines Mönchs im Schneidersitz zu sehen. Drinnen befindet sich die Mumie, von verschiedenen Lagen Textil umhüllt. Es hat keinerlei erkennbare Behandlung des Körpers stattgefunden, Warum die Mumie erhalten ist, ist nicht geklärt. Es gab allerdings in China Mönche, die sich der Selbstmumifizierung widmeten. Schon zu Lebzeiten reduzierten sie ihre Nahrungs- und Wasseraufnahme und nahmen entwässernde Substanzen zu sich. Vielleicht handelt es sich hier um einen Fall von Selbstmumifizierung.

Der Ötzi ist in der Ausstellung persönlich nicht vertreten, wohl aber virtuell. Auf einer Konsole gibt es Abbildungen und Informationen. Man weiß, dass der Ötzi braune Augen hatte, etwas 45 Jahre alt war und einen Bart trug. Er hat sich von Emmer ernährt, dem Urweizen. Er war kein Vegetarier, aber Fleisch machte nur den kleineren Teil seiner Nahrung aus. Milch kann er nicht in großen Mengen zu sich genommen haben, da er laktoseintolerant war. Er hatte einen hohen Cholesterinspiegel. Sein Körper wurde erst mit Schnee bedeckt und dann in Eis eingefroren. Das Eis schmolz dann, neuer Schnee fiel auf den Körper, und am Ende war er wieder im Eis eingeschlossen. Als man ihn fand, war ganz und gar nicht klar, aus welcher Epoche er stammte, ob er überhaupt alt war. Jetzt weiß man, dass er im Neolithikum lebte. Er starb keines natürlichen Todes, sondern wurde ermordet. In seinem Körper steckt ein Pfeilspitze.

 

 

 

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