Marx (1)

Beim Aufgang zu den Ausstellungsräumen erfährt man, dass Marx bereits mit 23 promoviert wurde, und zwar in Jena. Dass auch Paris zu seinen Stationen gehörte, noch vor Brüssel und London, nach Bonn, Berlin und Köln. Und dass er Staatenloser war. Seine preußische Staatsbürgerschaft, heißt es, habe er „abgelegt“, 1845. Man fragt sich, ob das nicht bei den weiteren Stationen im Ausland, aber nicht nur da, schwierig war.

Die Ausstellung macht es einem nicht leicht und ist nicht jedermanns Sache, wie ich bereits gehört habe. Man muss lesen und sich konzentrieren, dann lohnt es sich.

Am besten lassen sich die Eindrücke anhand von konkreten Exponaten zusammenfassen. Unter denen befinden sich einige, die von Marx selbst stammen. Dazu eine Seite, handschriftlich, aus dem Kommunistischen Manifest. Es soll die einzig erhaltene Seite sein. Die handschriftlichen Seiten wurden peu à peu, so wie sie zum Drucker kamen, vernichtet. Es ist eine kleine, eng beschriebene Seite mit Unterstreichungen und einigen Korrekturen, ohne Linienblatt geschrieben, in einer  sehr krakeligen Handschrift. Man fragt sich, wie der Drucker das lesen konnte. Irgendwo heißt es, die arme Jenny habe alle seine handgeschriebenen Texte in Schönschrift übertragen. Aber warum sind dann die Originaltexte verschwunden?

Rechts und links von der handschriftlichen Seite Ausgaben des Kommunistischen Manifests aus verschiedenen Zeiten in verschiedenen Sprachen. Das Manifest soll unter Zeitdruck entstanden sein. Im Allgemeinen gilt Marx als ein akribischer und ausführlicher Autor, dem Sarkasmus und Polemik nicht fremd waren.

Bemerkenswert auch eine aufgeschlagene Kladde. Da sieht man Marx‘ Arbeitsweise. Beide Seiten der Kladde sind bis auf den letzten Zentimeter gefüllt mit Zeitungsausschnitten, handgeschriebenen Tabellen, Listen und Kommentaren, wieder in ganz kleiner Schrift. Von diesen Kladden soll Marx, thematisch unterschieden, mehr als 160 gehabt haben. Eine immense, gut organisierte Arbeit.

Die meisten Exponate beziehen sich eher auf die Zeit als auf Marx selbst. Gleich zu Beginn der Ausstellung sieht man ein Ölgemälde, ein Portrait (1848), von Adolf Menzel. Am dem ist zunächst nichts Besonderes zu merken. Die Besonderheit liegt in dem Portraitierten. Es ist ein Weber, einer Weber aus Schlesien, dort, wo der Weberaufstand stattfand. Dies soll das erste Portrait eines Arbeiters überhaupt sein. Auch in der Malerei bedeutete die Umwälzung eine neue Zeit.

In einer Vitrine sieht man Broschen und Tabakpfeifen mit den Portraits der Revolutionäre wie Blum und Hecker. Eine Art der politischen Meinungskundgebung. Die Namen sind unter den Portraits angebracht, außer bei Blum. Den erkannte man auch so, an seinen markanten Gesichtszügen.

In einem Saal geht es um die kommunikative Revolution des 19. Jahrhunderts. Keine Übertreibung, sie mit der heutigen zu vergleichen. Als Ausweis der neuen Techniken ist ein Lochstreifenstanzer ausgestellt. Er sieht aus wie ein Vorläufer des primitiven Computers. Er diente zur Übertragung von Morsezeichen. 1832 dauerte es noch 14 Tage, mit jemandem in New York zu kommunizieren, 1870 nur noch wenige Minuten. Es ist auch ein Originalteil der Kabels zu sehen, mit dem 1866 Europa und Amerika verbunden wurden, ein 3000 Kilometer langes Unterseekabel, das von The Great Eastern verlegt wurde. 1866 war es dann soweit. Die Verlegung des Kabels galt als achtes Weltwunder. Nicht zu unrecht.

In einem anderen Saal steht ein Kaufladen (1880). Es gibt einen Tresen, auf dem Boden stehen Säcke und Fässer mit Schaufeln, hinter dem Tresen fein mit Keramikschildern bezeichnete Schubladen und alle möglichen Gefäße, auf dem Tresen eine Waage und daneben Gewichte. Eine Kasse ist komischerweise nicht zu sehen. Dafür aber Kehrblech und Handfeger, ein charakteristisches Detail! Die Bedeutung des Kaufladens erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Kaufläden gab es in Mittelstandfamilien. Deren Kinder wurden von früh auf „trainiert“, als Käufer und Verkäufer. Die industrielle Revolution hatte einen Überschuss an Waren hervorgebracht, zum ersten Mal in der Geschichte, und aus der Sicht der Kaufmannskaste ging es darum, den Konsum anzutreiben, auch Waren zu verkaufen, für die es eigentlich keinen Bedarf gab. Eine echte Revolution, deren Folgen wir erst heute in vollem Maße übersehen. Und unter der wir leiden. Marx hatte einen klaren Blick dafür.

In einem Saal ist symbolisch eine Fabrikhalle nachgebaut, mit einem Fließband, auf dem statt Waren Begriffe transportiert werden wie Mehrwert. Alles ist Grau in Grau, ohne Tageslicht, eine bedrückende Atmosphäre. Als Emblem der neuen Zeit steht in einer Vitrine ein Wecker (1990). Nicht mehr die Natur bestimmt den Tagesablauf, sondern die Gesellschaft, die industrielle Produktion.

An der Seite ein Zitat von Marx: „Der römische Sklave war durch Ketten, der Lohnarbeiter ist durch unsichtbare Fäden an seinen Eigentümer gebunden.“

Am Rande dieses Raums eine Art Transparent, ein längliches Stofftuch mit einer Parole, Rot auf Weiß, zum Jahrestag eines Aufstands: „Rache für unsere Gemaſsregelten & Verfolgten. Hoch lebe die Social-Demokratie“.

In der Nähe ein besticktes, verziertes Stickbild, eines der wenigen Schmuckstücke aus den sonst kargen Arbeiterwohnungen. Auch hier ein Sinnspruch, mit den auf das ganze Bild verteilten Buchstaben, gar nicht so leicht zu entziffern: „Wir wollen den Frieden, die Freiheit und Recht dass Mensch (?) sei des anderen ???, dass Arbeit aller Menschen Pflicht und niemand es an Brod gebricht“.

Auch hier ein Marx-Zitat: „Die Befreiung der Arbeiterklasse muss das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.“ Die Arbeiterbewegung hat sich nicht daran gehalten.

Zum Schluss gibt es einen Nachruf auf Marx, erschienen in Der Sozialdemokrat. Es ist ein ganzseitiger Nachruf auf der ersten Seite. Bemerkenswert, denn Marx hatte sich nie parteipolitisch gebunden oder gar engagiert.

Vor dem Ausgang können Besucher auf rote Zettel ihre Eindrücke von der Ausstellung notieren. Der allgemeine Tenor: hochaktuell! Viele Dinge, die Marx für seine Zeit konstatiert hat, können auf unsere Zeit übertragen werden. Ein paar kuriose Zitate: „Ein Bartträger – der erste Hipster“, „Ein Trierer Jung, „Ein deutscher Denker, der Weltgeschichte gemacht hat, ohne es zu wollen“ und: „Junge, komm bald wieder“.

(„Karl Marx 1818-1883. Leben, Werk, Zeit“, in: Landesmuseum Trier, 2018)

 

 

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