Stockholm (2011)

22. Juli 2011 (Freitag)

Der Trierer Taxifahrer plädiert angesichts einer ausgefallenen Ampel an den Kaiserthermen dafür, die Ampel ganz auszuschalten. Dann laufe es viel besser. Keine Staus. In Schweich gebe es überhaupt keine Ampel mehr, in ganz Konz nur noch eine. Alles durch Kreisverkehr ersetzt. Meinen Einwand, dass es vielleicht eher an den Ferien liege, dass es keine Staus gibt, lässt er nicht gelten. Ebenso meine Beobachtung, es habe doch einige Unsicherheiten hinsichtlich der Vorfahrt gegeben. Das liege nur daran, dass die normale Spur nach Heiligkreuz gesperrt sei. Man müsse sie Spur nehmen, „wo ganz außen rum geht“.

 

Im Flugzeug wird man mit Hej begrüßt. Zwei junge Männer, die das Flugzeug betreten, antworten dem Steward mit Tjena, dem ungeliebten (von unserer Trierer Schwedisch-Lehrerin ungeliebten) Gruß der Stockholmer Jugend. Selbst dieses eine Wort ist fast nicht zu identifizieren, obwohl es mir bekannt ist. So fremd ist die Aussprache. Von den Ansagen versteht man erst recht nichts. Nicht einmal die Temperaturzahlen.

 

Im Flugzeug sitzen neben mir eine schwedisch aussehende Frau, die Deutsch spricht und ihr deutsch aussehender Ehemann, der eine schwedische Zeitung liest. Auf der anderen Seite ein arabisch aussehender Schwede, der sich in flüssigem Schwedisch mit schwerem Akzent beschwert, dass man für alles bezahlen müsse. Auf der Hinfahrt sei das nicht so gewesen.

 

In der Zeitung lese ich, dass man in Thailand mit Hitler für ein Wachskabinett geworben hat („Hitler ist nicht tot“) und in Australien für Kondome („Das sind Alois und Klara Hitler. Hätten sie doch nur eins unserer Kondome benutzt“). Hitler ist weltbekannt und lizenzfrei und bestens geeignet, um Aufmerksamkeit zu erregen. Neuerdings tauchen Nazi-Symbole auch ungewollt auf, in Form von umgedrehten Hakenkreuzen und S-Runen, die nicht mehr als Nazi-Symbole erkannt werden.

 

Außerdem lese ich, dass Stockholm zu einem Drittel aus bebautem Land, einem Drittel aus Wasser und einem Drittel aus Grün besteht.

 

Der Flughafen, Arlanda, wirkt um diese späte Zeit völlig verlassen. Das wirkt umso komischer, als es noch taghell ist. Ich werde es im Laufe der nächsten zwei Wochen nicht schaffen, Stockholm bei Nacht zu sehen. Wenn ich aufstehe, ist es schon hell, wenn ich schlafen gehe, immer noch.

 

Die Zugfahrkarte ins Zentrum kostet 260 Kronen, mehr als 30 €, bei meinem schlechten Wechselkurs beim Geldtausch am Flughafen noch mehr. Für eine Fahrt von 20 Minuten. Als ich das später meiner Lehrerin erzähle, will sie es nicht glauben. Das sei Abzocke. So etwas gebe es in Schweden nicht. Ich müsse mich vertan haben. Es handele sich bestimmt um eine Rückfahrkarte. Leider habe ich die Quittung aufgehoben und muss ihr diesen Zahn ziehen.

 

Da ich gleich auch noch für das erste Wochenende eine  Stockholm-Card kaufe, bin ich das getauschte Geld schon fast wieder los.

 

Der Zug ist hypermodern, die Wagen scheinen gerade frisch aus der Fabrik zu kommen. Dann zuckelt er aber, wie ein deutscher Regionalzug, mit 60 km/h der Stadt entgegen. Es ist immer noch 22°, um halb elf! Der Zug ist blau-gelb. Wie auch sonst?

 

Der Zug bringt einen zur Zentralstation. Dort geht es mit der U-Bahn weiter. Gar nicht so leicht zu finden. Aber es ist noch eine Fahrkartenausgabe offen. Und dort wird man äußerst freundlich, zuvorkommend bedient, hilfsbereit, in gutem Englisch. Im Gegensatz zu Deutschland kann hier auch jeder Kellner, jeder Busfahrer, jeder Frisör Englisch.

 

Ich stelle meine Fragen auf Englisch, um zumindest am ersten Tag ans Ziel zu kommen. Aber auch später scheitern die meisten Versuche, mit Schwedisch zu landen. Es gibt drei Möglichkeiten: Die Schweden verstehen mich nicht, sie verstehen mich, aber ich verstehe sie nicht, sie verstehen mich und antworten auf Englisch. Ziemlich frustrierend. Am Bahnsteig  gelingt es mir wenigstens, ein Werbeplakat zu verstehen: Vi är tvättmedlet som flest svenskar lita på – Wir sind das Waschmittel, dem die meisten Schweden vertrauen.

 

In die U-Bahn geht es über steile, schnelle, lange Rolltreppen, die an Moskau und an die russischen Linien in Budapest erinnern. Die Züge sind ebenfalls schnell und außerdem lang. Sie sind zwar außen nicht blau-gelb, dafür aber innen.

 

Schon nach einer Station bin ich da, am Östermalmtorg, meiner Heimat für die nächsten zwei Wochen. Als ich herauskomme, stehe ich mit einem schweren Koffer und meiner Cargohose inmitten von Gruppen modisch bekleideter junger Leute im Sommerlook. Der Östermalmtorg liegt mitten in der Stockholmer Partyszene. Ich irre durch die Gegend und versuche, mich anhand des Stadtplans zu orientieren, aber die U-Bahn-Station ist riesig und hat eine Menge Ausgänge und ich finde mich nicht zurecht. Also frage ich, aber man versteht einfach den Namen der Straße nicht, so wie ich ihn ausspreche: Riddargatan. Irgendjemand versteht mich dann, wiederholt aber zur Sicherheit den Namen der Straße. Das klingt ganz anders als bei mir. Es stellt sich heraus, dass ich in der Straße stehe, die ich suche. Zum Hotel sind es nur 200 Meter.

 

An der Rezeption wird man wieder sehr freundlich in Empfang genommen. Das Zimmer ist gut, und es gibt eine Flasche Wasser zur Begrüßung. Genau das, was ich brauche. Als ich auspacke, höre ich ein gleichmäßiges, nicht zu identifizierendes Geräusch, das gar nicht mehr aufhören will. Dann ziehe ich die Vorhänge zur Seite und sehe, was es ist: Regen!

 

23. Juli 2011 (Samstag)

Das Frühstück zerstreut meine letzten Bedenken. Ich habe zum ersten Mal ein Hotel aufgrund von Bewertungen in Internetportalen ausgesucht. Der Gesamttenor stimmt genau: gut mit Abstrichen. Die Ausreißer nach unten und oben rechnet man ohnehin raus. Hin und wieder fragt man sich, wie einzelne Kommentare zu erklären sind: „kein sehr reichhaltiges Frühstück“, „Frühstück etwas zu sehr auf Gesundheit ausgerichtet“. Gesundheit? Speck, Eier, Marmelade, Wurst, Käse? Nicht sehr reichhaltig? Was will der Mann? Kaviar? Gibt es auch! Bei anderen, widersprüchlichen Kommentaren – Service an der Rezeption – findet sich bei längerem Aufenthalt eine einfache Erklärung: Die Mädchen an der Rezeption sind einfach unterschiedlich freundlich und unterschiedlich hilfsbereit. Bei einem kurzen Aufenthalt trifft man vielleicht nur auf eine Sorte. Zum Zimmer gab es einige sehr negative Kommentare: unaufgeräumt, schmutzig, laut. Stimmt alles, wenn man sehr wählerisch ist und den Schmutz am Duschvorhang sucht oder am Freitagabend die Fenster weit aufmacht, um den Partylärm zu hören. Hat mich alles nicht beeindruckt. Wichtiger für mich, dass es ein stabiles Schreibbord gibt und sogar eine passable Leselampe, und dass man sich Tee oder Kaffee selbst machen kann. Es gibt auch Leute, die sich beschwerten, dass es keine deutschen Fernsehsender gibt. Das kann man auch als Vorzug verstehen.

 

Ich mache mich früh auf den Weg. Das Besichtigungsprogramm beginnt mit einem Paukenschlag: das Vasamuseum, das meistbesuchte Museum Skandinaviens. Ich fange damit an, weil es so früh aufmacht. Das erweist sich als gute Entscheidung. Als ich später aus dem Museum komme, steht eine lange Schlange davor, als ich hineingehe, bin ich praktisch der einzige.

 

Ich gehe zu Fuß zum Museum, sozusagen „hinten herum“, um etwas zu sehen und ein Gefühl für die Entfernungen zu bekommen. Nach gut einer Viertelstunde bin ich schon da.

 

Es regnet nicht mehr, aber schwere Wolken hängen am Himmel. Stockholm ist um diese Zeit an einem Samstagmorgen ziemlich verlassen. Das erste, was ich sehe, sind hohe Kaufmannshäuser, an Hamburg erinnernd. Rechts kommt bald ein schönes, älteres Haus, das der Straße seine Seite zuwendet. Es ist der Sitz des Musikmuseums, keine zwei Minuten vom Hotel entfernt. Auf der anderen Seite kommt dann als Gegenprogramm das Armeemuseum, in einem stattlichen  Gebäude untergebracht, ein gutes Stück von der Straße entfernt. Auf dem weiten Vorhof stehen Kanonen und Panzer herum. Der Panzer ist, um eine allzu aggressive Note zu vermeiden, ein weißer Panzer der UNO. Die Aufschrift ist ONU – im Schwedischen heißt es aber FN. Irgendwo lese ich später, dass Schweden nicht Mitglied der NATO ist, eine Fortführung der alten Neutralitätspolitik.

 

Am Gitter des Vorhofs ist ein Fahrrad angeschlossen, mit verbogenen Rädern und einem Platten. Es ist das letzte Mal, dass ich so etwas in Stockholm sehe. Hier ist alles adrett und aufgeräumt.

 

Dann kommt rechts Wasser in Sicht. Eine schöne Brücke mit weißem Geländer und Statuen von germanischen Göttern an allen vier Eingängen führt von Östermalm in den Stadtteil Djurgården – ‚Tiergarten‘, dem Freizeitviertel Stockholms. Das Stadtviertel ist eine eigene Insel, wie die meisten anderen auch. Stockholm, so heißt es, liegt auf 14 Inseln.

 

Es geht am imposanten Nordiska Museum vorbei und dann kommt das Vasamuseum. Bei der Vasa handelt es sich, kurz gesagt, um die Titanic der frühen Neuzeit. Das Museum ist in einem modernen Gebäude untergebracht. Man kann ihm förmlich ansehen, dass es um das Schiff herum gebaut worden ist. Nur mit der Höhe reichte es nicht ganz. Die Maste, die nicht ganz ins Museum hineinpassten, hat man kurzerhand aufs Dach gesetzt.

 

Das Museum hält alles, was es verspricht. Der Bau des Schiffes, der Untergang, die Bergung und die heutige Präsentation im Museum – alles gleich spektakulär.

 

Man betritt einen halbdunklen Raum, kann aber bald die Umrisse des riesigen Schiffes erkennen. Man kann auf verschiedenen Ebenen um das Schiff herumgehen und so ganz unterschiedliche Perspektiven sehen.

 

Die Vasa war ein Kriegsschiff, das im Krieg gegen Polen zum Einsatz kommen sollte. Gustav Adolf II. bekämpfte den dortigen König Sigismund, seinen Cousin. Das Schiff sollte nicht nur eine wichtige Kriegswaffe, sondern auch prächtig sein. Und das ist gelungen. An allen Seiten gibt es Schnitzereien, mit dem Wappen des Königs, mit den Initialen des Königs, mit einer Szene, in der ein Junge von zwei Greifen gekrönt wird und mit den Initialen GARS, alles Anspielungen auf die herrschende Dynastie der Vasa. Es gibt sogar Skulpturen, von Tritonen, Meerjungfrauen, römischen Soldaten und sogar von musizierenden Engeln, alle mit einem anderen Instrument ausgestattet, einer davon mit einem Dudelsack. Und das auf einem Kriegsschiff. Der König war musikalisch und spielte selbst Laute. Die Figuren waren, wie anhand einer Soldatenfigur am Rande des Schiffes demonstriert wird, ursprünglich farbig gefasst – sehr farbig. Heute sind sie alle in dunklem Holz. Ursprünglich war das Holz viel heller, wie anhand einer Nachbildung des Schiffes im Kleinformat am Rande des Schiffs vorgeführt wird. Es wurden zum großen Teil Kiefer und Linde verwendet.

 

Durch die Beschriftungen erfährt man dann noch etwas über das Schiff, das einem als Landratte unbekannt ist, zum Bespiel, dass solche Schiffe eine Luke mitten im Oberdeck haben, durch die Licht hinein und Luft heraus kann. Wenn man mehr wissen will, muss man aber Seefahrervokabular drauf haben, und zwar auf Englisch: roband, cringies, buntlines, capstan, sheaves. Hä?

 

Die bauliche Besonderheit des Schiffs war ein zweites Kanonendeck, und genau das sollte ihm später zum Verhängnis werden. Das zweite Kanonendeck war eine Idee des Königs selbst. Der wollte damit das Schiff kriegstüchtiger machen, aber auch einfach angeben. Beim Stapellauf wurden beide Kanonendecks geöffnet, in der Gewissheit, dass feindliche Spione anwesend waren. Die sollten beeindruckt werden. Das Schiff wurde zuerst gezogen, dann wurden die ersten Segel gesetzt. Dann wurde das Schiff von einer Bö erfasst und neigte sich zu einer Seite. Der Kapitän versuchte gegenzusteuern, erfolgreich. Dann kam eine zweite Bö von der anderen Seite. Wieder neigte sich das Schiff, und diesmal lief Wasser in die offenen Kanonendecks. Der Anfang vom Ende.

 

Im Zusammenhang mit dem zweiten Kanonendeck steht ein anderes Problem. Die Gegengewichte im Innern des Schiffs wurden nicht erhöht, nachdem das zweite Kanonendeck in die Planung kam. Warum, ist unbekannt. Vielleicht ist es auf den Wechsel des Baumeisters beim Bau zurückzuführen. Der erste war gestorben. Beide Baumeister waren übrigens Holländer, genauso wie viele der Schnitzer, unter denen aber auch viele Deutsche waren.

 

Der Kapitän führte kurz vor dem Stapellauf einen Test durch, um die Standfestigkeit des Schiffs zu prüfen. Dabei wurden dreißig Soldaten von einer Seite des Decks auf die andere gejagt. Das Ergebnis: Das Schiff fing an, verdächtig zu schwanken, und der Versuch wurde vorzeitig abgebrochen. Einen Warnschuss hatte es also gegeben. Aber der König war in Polen, er brauchte das Schiff, und es fand sich niemand, der die Sache aus eigener Hand abzublasen wagte.

 

Wenn man ganz unten steht und nach oben blickt, glaubt man sogar als Laie zu erkennen, dass die Sache nicht gut gehen konnte. Das Schiff ist viel zu hoch und unten viel zu schmal. Das muss doch umkippen! Tatsächlich hatte die Vasa ein Schwesterschiff, mit dem Namen Äpple. Blöder Name für ein Schiff, aber es ging wenigstens nicht unter. Es war unten nur auf jeder Seite gut einen halben Meter breiter als die Vasa. Und hielt 30 Jahre. Die Vasa 25 Minuten.

 

An Bord waren die 150 Seeleute und 50 Familienmitglieder, die zur Feier des Tages mitfahren durften. Die sollten kurz darauf aussteigen, und an ihrer Stelle sollten 300 Soldaten an Bord kommen. Die warteten irgendwo in den Schären auf ihren Einsatz. Glück gehabt.

Es kamen 30 Menschen ums Leben, von denen einige von den Kanonen zerquetscht wurden. 16 Leichen wurden geborgen. Hier im Museum sind einige Skelette ausgestellt, zusammen mit einer teils erdachten, aber ganz nachvollziehbaren Lebensgeschichte und einigen persönlichen Objekten, die geborgen wurden.

 

Die Geschichte der Bergung der Wasa ist ein angemessenes Pendant zum Untergang. Nach dem Untergang hatte man schnell die nahe der Wasseroberfläche befindlichen Teile beseitigt, um die Hafeneinfahrt frei zu machen. Dann war die Vasa mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Dann trat einer dieser Männer auf, die sich durch keinen Rückschlag von ihrem Konzept abbringen lassen. Er setzte erst einmal alles daran, den Ort zu identifizieren, einzelne Holzstücke zu bergen und dann den Beweis anzutreten, dass es sich um Reste der Vasa handelte. In einem Film sieht man, wie er, als die Sache endlich öffentliche Aufmerksamkeit erhielt, vom König, dem Vater des jetzigen Königs, empfangen wird, der grünes Licht gab. Von da an dauerte es noch 5 Jahre, bis das Schiff geborgen werden konnte, ziemlich genau 333 Jahre nach seinem Untergang. Die wichtigste Frage war, ob man das Schiff insgesamt bergen sollte oder von vornherein nur Einzelstücke. Man entschied sich für die Gesamtlösung. Das bedeutete für die Bergung, dass sie so von statten gehen musste, wie sich, dem alten Kalauer zufolge, Igel paaren: ganz, ganz vorsichtig. Es wurden Wasserkanäle unter dem Schiff angelegt, um es allmählich aus dem Schlamm zu heben. Dann kam es in ein Schwimmdock, dem immer wieder Wasser entzogen wurde, damit das Schiff schließlich  auf einem Trockendock landete. Ständig musste das Holz behandelt werden, und dann ging die Suche nach Einzelteilen im Schlamm los. Auch das wird in einem Film gezeigt. Unglaublich, was da alles unvermutet zur Erscheinung kommt. All das ist absolut beeindruckend.

 

Am Rande des Schiffes kann man dann noch in die nachgebaute Kajüte des Admirals gehen – niedrig, aber sehr bequem – kann die hauchdünnen Reste einiger Segel hinter Glas sehen – am besten erhalten ist das Hauptsegel, es kam nie zum Einsatz – und einige der geborgenen Objekte bewundern: Lederschuhe, eiserne Töpfe, Keramikschüsseln, weiße Lehmpfeifen, Werkzeuge und ein Brettspiel, so ähnlich wie Backgammon.

 

Man sieht auch einen Aufruf des Königs an sein Volk. Man mag es kaum glauben: Der König stilisiert sich selbst zum Friedensfürsten! Schuld am Konflikt haben immer die anderen. Einige Dinge ändern sich nie. In diesem Fall sind die Bösen die Papisten, d.h. die Katholiken. Es hatte durch Zwangsrekrutierung und Steuererhöhungen Unmut in der Bevölkerung und dann laute Prostest gegeben. Dagegen wird die ganze königliche Rhetorik aufgefahren: Seid gewarnt vor den Papisten. Es reicht nicht, sie einmal zurückzuschlagen. Sie greifen immer wieder von neuem an.

 

Ganz zum Schluss gibt es noch etwas zur Kulturgeschichte der Zeit. Wovon ernährte sich ein Seemann? In erster Linie von Erbsen. Es wurden so viele mitgeführt, dass es für einen Liter Erbensuppe pro Mann und Tag reichen würde. Das wichtigste Getränk war selbstredend Bier. Der König selbst hatte die Mitnahme großer Menge von Hopfen angeordnet – ohne Hopfen wird Bier sauer – und ausdrücklich vor Wasser gewarnt. Zur Illustration ist eine Hopfenranke ausgestellt. Daneben eine Flachsfaser. Dem Flachs wird hier das Hohelied gesungen: Linum usitatissimum. Es wurde für die Herstellung von Schiffssegeln und zum Versiegeln von Schiffen verwendet, mit Leinöl, auch aus Flachs gewonnen, wurden Magenbeschwerden behandelt und Bilder gemalt.

 

Eine ausgiebige erste Besichtigung. Ich fahre von Djurgarden mit der Museumsstraßenbahn ins Zentrum. Es ist die Linie 7, aber es ist die einzige Straßenbahnlinie. Sie fährt mit Wagen aus grauer Vergangenheit, obwohl jetzt auch moderne Wagen zum Einsatz kommen.

 

Die Straßenbahn bringt mich zum Sergels Torg, dem zentralsten, aber nicht unbedingt schönsten Platz Stockholms. Umgeben von Bürohäusern und einem Kreisverkehr steht in der Mitte des Platzes eine eckige Säule, Zentrum eines Brunnens.

 

Inzwischen ist die Stadt erwacht, und der Ein- und Ausstieg bei der Straßenbahn wird von einer Uniformierten geregelt. Es hängen immer noch dicke Wolken am Himmel, aber hin und wieder kommt ein Sonnenstrahl durch.

 

Am Sergels Torg beginnt Drottninggatan, eine schnurgerade, kilometerlange Einkaufsstraße, oben, in der Nähe von Sergels Torg, schwedischer, unten, in der Nähe des Schlosses, immer touristischer werdend. Sie mündet in ein Tor hinter einer Brücke, das direkt in die Altstadt führt, Gamla Stan. Ich biege unmittelbar vor dem Tor ab. Ich will nicht in die Altstadt, sondern zum Stadshus. An der Ecke steht die Skånes Enskilda Banken, ein großes Gebäude aus rötlichem Sandstein, das nach 19. Jahrhundert aussieht, mit Skulpturen von Bauern aus Skåne an der Fassade. Es war sicher etwas Neues, Bauern statt Monarchen abzubilden. Die Bauern standen für Sicherheit.

 

Nach kurzer Zeit erreicht man das Stockholmer Rathaus, das Stadshus. Dessen besondere Attraktion: Hier, im Blauen Saal, findet das Nobelpreisbankett statt, das auf Schwedisch Nobelprismiddagen heißt. Komischerweise bedeutet middag nämlich ‚Abendessen‘ (Mittagessen heißt lunch). Das muss wohl das Ergebnis eines Bedeutungswandels sein, denn in eftermiddagen, ‚Nachmittag‘ heißt middag weiterhin ‚Mittag‘. Das „Mittagessen“ nimmt man also nach dem Nachmittag ein.

 

Am Stadshus hört man aber eher wenig Schwedisch, sondern mehr Deutsch und Englisch und ganz viel Spanisch, vor allem aber Russisch!

 

Das Stadshus mit seinem hohen Turm sieht von weitem wie eine Kirche aus. Es wurde 1921-23 im nationalromantischen Stil gebaut. Diesen Begriff höre ich hier zum ersten Mal. Er bezeichnet wohl vor allem die Einstellung: alle Materialien stammen aus Schweden, alle Handwerker aus Schweden, die Baumeister aus Schweden. Stilistisch ist das Gebäude aber eher Neo-Renaissance. Man kommt sich ein bisschen wie in der Toskana vor, vor allem in dem Innenhof mit seiner doppelten Säulenreihe und dem Wasser dahinter, nur ist das Baumaterial Backstein, roter Backstein. Der Architekt war tatsächlich in Italien gewesen und hatte sich dort inspirieren lassen.

 

Gleich zu Anfang geht es in den Blauen Saal, den Saal, in dem das Nobelpreisbankett stattfindet. Die Begeisterung hält sich erst einmal in Grenzen. Von Blau keine Spur. Der Saal hat die gleichen roten Backsteine wie draußen. Die gefielen dem Architekten so gut, dass er den ursprünglichen Plan, einen Blauen Saal zu bauen, verwarf. Der Saal sollte eigentlich offen sein, eine Art großer Innenhof, ohne Decke. Wieder hatte der Architekt sich in Italien inspirieren lassen, aber seine Rechnung ohne das schwedische Klima gemacht. Also wurde eine Decke eingezogen. An die ursprüngliche Idee erinnern aber noch Balkone und Brunnen an den Seiten.

 

Beim Nobelpreisbankett ist alles minutiös geplant. Jeder Gast hat genau 60 cm Platz zur Verfügung, die königliche Familie und die Preisträger 70 cm. Die ersten Bankette fanden nicht hier statt, da das Gebäude einfach noch gar nicht existierte, sondern im Grand Hotel am Strandväggen, ganz in der Nähe meines Hotels. Dann fand das Bankett im Goldenen Saal, ebenfalls hier, eine Etage höher, statt, und erst dann, als man die Zahl der Gäste erhöhte, begann die Zeit des Blauen Saals. Die Küche, eigentlich ganz oben, wird für das Bankett in den Goldenen Saal verlegt, damit die Kellner  rechtzeitig mit dem warmen Essen bei den Gästen ankommen.

 

Die Nobelpreisträger kommen die Treppe hinunter in den Saal. Der Architekt soll seine Frau wieder und wieder in einem langen Kleid die Treppe rauf und runter gejagt haben, um den idealen Stufenabstand zu finden. An der Gegenseite ist in den Backstein ein großer, aber nicht auffälliger Stern eingelassen. Auf den sollen die Nobelpreisträger gucken, um nicht auf ihre Schuhe zu gucken.

 

Der Blaue Saal wird auf der anderen Seite ergänzt von dem gleich großen Ratssaal, einem eher funktional aussehenden Saal, aber mit einem Baldachin über den Sitzen der Ratsvorsitzenden. Hier tagt der Stockholmer Stadtrat. Er hat 101 Mitglieder, die Mehrheit davon Frauen.

 

Vom Stadshus aus gehe ich zur Oper. Die ist geschlossen, aber für morgen ist eine Führung angekündigt. Die Oper hatte ich mir als drittes Muss aus dem Reiseführer herausgesucht, nach Vasamuseum und Stadshus. Hier wurde der König, Gustav III., bei einem Maskenball getötet, das Motiv von Verdis Ein Maskenball. Verdis Oper spielt aber nicht in Stockholm, sondern in Boston, und das Opfer ist auch kein König, sondern ein Gouverneur. Die Zensur wäre über die Darstellung eines Königsmords aber nicht glücklich gewesen, und erst recht nicht über einen Königsmord bei einem Maskenball. Das finde ich aber erst nach meiner Rückkehr heraus. Hier und in den Reiseführern wird gesagt oder, wenn nicht, so getan, als spiele die Oper wirklich in Stockholm.

 

Der Königsmord hat noch eine Besonderheit: Er geschah in der von dem König selbst gebauten Oper! Der König war ein Theaternarr und selbst musikalisch begabt. Die Gründe für den Königsmord sind schwerer herauszufinden, aber es scheint sich um eine Adelsrevolte gehandelt zu haben. Gustav, der übrigens der Neffe Friedrichs des Großen war, hatte versucht, die Macht des Adels zu beschneiden und die absolute Monarchie wiederherzustellen, und das ausgerechnet zur Zeit der Französischen Revolution.

 

Die von ihm gebaute Oper brannte später ab. Wie sie, oder zumindest deren Fassade ausgesehen hat, sieht man am gegenüberliegenden Gebäude, dem Erbfürstenpalast. Gustav hatte darauf gedrängt, dass sie die Fassade des Opernhauses spiegeln sollte.

 

Die Oper steht am Gustav-Adolfs-Torg, benannt nach dem bedeutendsten schwedischen König. Machterweiterung und Modernisierung sind die Stichwörter, unter der man seine Regierungszeit zusammenfassen kann. Die Modernisierung ist aber wohl zum größten Teil das Verdienst des Grafen Oxenstierna, seines Kanzlers. Der erscheint im Sockel der Statue zusammen mit Clio, der Muse der Geschichte. Die diktiert ihm Gustav Adolfs Heldentaten ins Notizbuch, für die Annalen. Ob der Untergang der Vasa auch dazugehört? Gustav II. Adolf hatte das Glück, in der Schlacht zu sterben, in Lützen. Das machte ihn zum Helden.

 

Gustav Adolf ist auch der Gründer Göteborgs. Auch dort steht seine Statue auf einem Platz, der seinen Namen trägt. Die Göteborger Statue mit ihrem energischen Fingerzeig gefällt mir besser. Sie ist einem auch näher, im wahrsten Sinne des Wortes. Hier thront Gustav Adolf hoch auf seinem Pferd.

 

Da die Oper geschlossen ist und das Wetter besser wird, nehme ich eine Bootsfahrt mit, die auch in der Stockholm Card enthalten ist. Dazu muss ich wieder zurück zum Stadshus.

 

Als ich ein Eis kaufe, reagiert die Verkäuferin sofort auf mein verdutztes Gesicht, als ich das Wechselgeld erhalte. Sofort weiß sie, warum, und erklärt freundlich, dass es sich bei der großen Münze um 5 Kronen, bei der kleinen aber um 10 Kronen handelt.

 

Die Münzen sind ziemlich nichtssagend, und auch nicht sonderlich schön, die Scheine sind interessanter. Auf der Vorderseite erscheinen bekannte Schweden und auf der Rückseite ein mit ihnen zusammenhängendes Motiv: Selma Lagerlöf und die Gänse (20 Kronen), Jenny Lind (die in Westminster Abbey begraben ist!) und eine Opernbühne (50 Kronen), Linné und sein Garten (100 Kronen), Karl XI. und die schwedische Reichsbank (500 Kronen). Den größten Schein (1000 Kronen), mit Gustav Vasa, bekomme ich nie zu sehen.

 

Es geht mit dem Boot einmal um Kungsholmen herum, die Insel, auf der das Stadshus liegt. Es geht erst in offeneres Gewässer, dann über einen schmalen Streifen Wasser, der Kungsholmen von Norrmalm trennt, wo Sergels Torget liegt. Dabei kommen wir irgendwann an Schrebergärten vorbei! Sehen genauso aus wie unsere und haben auch genau denselben Zweck!

 

Kungsholmen war ursprünglich nach den Franziskanern benannt, die hier im Mittelalter großzügig Land zugesprochen bekommen hatten. Nach der Reformation stieß der Name nicht mehr auf so viel Gegenliebe und wurde durch Kungsholmen ersetzt. Angeblich hätte es Karlsholmen heißen sollen, aber der König, in all seiner Bescheidenheit, plädierte für Kungsholmen.

 

Da es nicht allzu viel zu sehen gibt, versorgt man uns mit Information über Schweden. Schweden ist doppelt so groß wie Italien, aber Italien hat sechsmal so viele Einwohner. Schweden hat 8000 Kilometer Küstenlinie mit vermutlich einer Million Schiffe.

 

Zu den bekannten schwedischen Firmen zählen Eriksson, H&M, SKF und natürlich IKEA. Bei den bekanntesten Sportlern werden Björn Borg (und andere frühere Tennisasse), Patrick Sjöberg, Ingemar Stenmark, Henrik Larsson genannt und ein Tischtennisspieler, den ich nicht kenne, bei den Teams das schwedische Eishockeyteam. Vom Handball ist komischerweise nicht die Rede.

 

Die kürzesten Tage im Winter sind sechs Stunden lang (9-15 Uhr), die längsten im Sommer 20 Stunden (3-23 Uhr), jedenfalls hier in Zentralschweden.

 

Der jetzige König ist der siebte der Dynastie der Bernadotte, also letztlich Franzose. Die Bernadottes folgten auf die Vasa, nachdem ein kinderloser König einen französischen Offizier adoptiert hatte.

 

Einmal gibt es ein schönes Missverständnis. Ich höre im englischen Text etwas von Derrick und frage mich, wie der wohl hier her kommt. Erst später merke ich, dass von St. Erik die Rede war, dem schwedischen Nationalheiligen. Ein Paradebeispiel für Probleme beim Hörverständnis. Man versteht nicht deshalb nicht, weil man Wörter nicht kennt, sondern weil man bekannte Wörter nicht identifiziert.

 

In der Ferne sieht man Drottningholm, die Königsresidenz, der älteste Beitrag Schwedens zu den Weltkulturerbe der UNESCO.

 

Dann kommen wir an einem ehemaligen Gefängnis vorbei, das jetzt als Jugendherberge dient. Hatte ich auch zuerst als Unterkunft in Betracht gezogen, aber wegen der Gemeinschaftsduschen verworfen. Vielleicht beim nächsten Mal. Dürfte jedenfalls billiger sein. Im Hof dieses Gefängnisses kam zum einzigen Mal die Guillotine in Schweden zum Einsatz. Man hatte sie eigens importiert, aber sie war lange nicht durch den Zoll gekommen. Man wusste nicht so recht, wie man sie klassifizieren konnte. Am Ende entschied man sich für landwirtschaftliches Gerät.

 

Dann kommen wir am Haus der Familie Nobel vorbei. Hierher hatte man die Experimentier-werkstatt verlegt, etwas außerhalb des Zentrums, wegen der gefährlichen Experimente mit dem Dynamit. Das war eine sehr realistische Einschätzung. Tatsächlich wurden hier draußen bei den Experimenten Nobels Bruder und drei weitere Männer getötet. Das höre ich zum ersten Mal. Man ist entsetzt und gleichzeitig erstaunt, dass Nobel trotzdem weitermachte.

 

Es ist auch noch von einem schwedischen Exportschlager namens Separator die Rede. Warum das Ding so wichtig und so bekannt ist, verstehe ich aber nicht. Ein weiterer schwedischer Exportschlager ist Absolut Vodka. Wir kommen an dem Gelände vorbei, auf der der Erfinder des Vodka, ein gewisser L.O. Smith, seine Destillerie betrieb, ganz absichtlich hier außerhalb Stockholm, nachdem er mit den Stadtvätern aneinandergeraten war, da sein Vodka mit dem städtischen Vodka konkurrierte!  Er hatte eine neue Destillationstechnik erfunden, die reineren Branntwein erzeugte. Damit zog er dann auch in die Werbung. Der charakteristische Flaschenhals, der an eine Apotheker-Flasche erinnern soll, geht auf seine Zeit zurück.

 

Als wir wieder zum Stadshus kommen, sieht man vom Schiff aus auf der gegenüberliegenden Insel einen mittelalterlichen Rundturm, der nach Birger Jarl benannt ist. Das ist der Gründer von Stockholm.

 

24. Juli 2011 (Sonntag)

Am Morgen geht es direkt zum Nobelmuseum. Das liegt in Gamla Stan, dem wichtigsten Tummelplatz der Touristen. Die liegt auf Stadsholmen, einer weiteren Insel, der Keimzelle Stockholms. Nach Gamla Stan kommt man durch das Tor, vor dem ich gestern zum Stadshus abgebogen bin.

 

Das Nobelmuseum liegt gleich am Stortorget, dem ‚Großmarkt‘, dem ältesten Platz Stockholms, aber für den habe ich jetzt keine Augen. Es geht direkt ins Museum.

 

Das Museum ist klein und modern. In erleuchteten Säulen, auf einer Zeitschiene angebracht, werden Objekte dargestellt, die mit den Nobelpreisen zu tun haben, vor allem Alltagsgegenstände, die demonstrieren, dass die Forschung tatsächlich zu „etwas gut ist“: Transistorradio, Plastikrührschüssel, Digitalkamera. Auch eine Euro-Münze und das Original von Kiplings Dschungelbuch sind ausgestellt sowie ein Exemplar der Weltbühne, herausgegeben von Tucholsky und von Ossietzky (in Zürich, Paris und Prag) als Zeitschrift der Intellektuellen gegen die Nazi-Herrschaft. Carl von Ossietzky erhielt dafür nicht den Literaturnobelpreis, sondern den Friedensnobelpreis! Umgekehrt erhielt Churchill den Literaturnobelpreis, vermutlich deshalb, weil es keinen Politiknobelpreis gibt und Frieden auch nicht so richtig zutraf. Andererseits: Das hat ja sonst auch nicht so eine große Rolle gespielt. Auch Kissinger erhielt den Friedensnobelpreis.

 

Warum Tucholsky nicht auch den Nobelpreis erhielt, weiß ich nicht. Sein Name kommt im Zusammenhang mit einer Reise nach Stockholm oft vor durch sein Schloss Gripsholm. Das liegt nicht weit von Stockholm.

 

Es gibt eigentlich nur fünf Nobelpreise: Physik, Chemie, Physiologie (eine praktische Kategorie, in die man sowohl Mediziner als auch Biologen hineinzwängen kann), Literatur und Frieden. Der Preis für Wirtschaftswissenschaften ist kein Nobelpreis, wird aber im Rahmen der Nobelpreiszeremonie vergeben. Er geht auch nicht auf Nobel zurück und wird auch nicht vom Nobelkomitee vergeben (oder bezahlt), sondern von der Schwedischen Reichsbank.

 

Dass der Friedensnobelpreis in Oslo vergeben wird, hat seinen Grund: Zur Zeit von Nobels Testament gehörte Norwegen noch zu Schweden! Der Friedensnobelpreis wird von einem Komitee des Storting, des norwegischen Parlaments, vergeben, der Literaturnobelpreis von der Schwedischen Akademie (auch von dem Theaterkönig Gustav III. gegründet), die anderen von der Swedish Academy of Sciences.

 

Jeder Preisträger bekommt eine Medaille, eine Urkunde und Geld, zurzeit 10 Millionen Kronen, also ca. 1 Million Euro. Die Medaille für den Friedensnobelpreis sieht anders aus als die anderen, und die Urkunden werden für jeden einzelnen Preisträger einzeln gestaltet. Am besten – und am einfachsten – geht das bei den Literaturnobelpreisen. Bei Physiologie ist das schon schwerer: Wie kann man eine Zelle künstlerisch darstellen?

 

Völlig überraschend kommen die Preise für die meisten Preisträger nicht. Es gibt Favoriten, es gibt Gerüchte. Die amerikanischen Preisträger erreicht die Nachricht meistens, wenn sie noch im Bett liegen. Von Becket wird berichtet, er sei bei dem Anruf gerade beim Mittagessen gewesen und habe sich nicht stören lassen. Er habe darum gebeten, man möge später noch einmal anrufen.

 

Bisher hat nur eine Frau den Preis für Wirtschaftswissenschaften bekommen. Insgesamt liegt der Anteil unter 10%.

 

Anlässlich von Sartres Nobelpreis wurde die Frage diskutiert, ob man einen Nobelpreis ablehnen könne. Die Antwort, so entschied es das Komitee: Nein. Man kann ihn nicht abholen, aber nicht ablehnen. Wenn man ihn nicht innerhalb eines Jahres abholt, ist auch das Geld futsch. Angeblich änderte Sartre später seine Meinung, angeblich um des Geldes willen, und angeblich war es da zu spät. Das Geld geht dann in den Vorrat der Nobelstiftung zurück, und der ist riesig. Nobel hatte sein Geld gut angelegt, hatte eine riesige Summe hinterlassen, die durch Zins und Zinseszins solche Summen produziert, dass man auch zehn Nobelpreise vergeben könnte. Er hätte den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften  verdient.

 

Im Nobelmuseum stößt man immer wieder auf bekannte Namen. Am besten hat man die Literaturpreisträger in Erinnerung: Gide, Miguel Angel Asturias, Faulkner, Pasternak, T.S Eliot, Becket, Octavio Paz, Toni Morrison, Orhan Pamuk, Vargas Llosa, Böll und Grass und Hesse. Unter den anderen erinnert man sich an Fleming, Einstein, Martin Luther King, den Dalai Lama, Niels Bohr, Dag Hammarskjöld, Obama. Nicht darunter ist Gandhi. Man verlieh ihm den Friedensnobelpreis nie, da es als Provokation seiner Gegner hätte verstanden werden und das Gegenteil von Frieden bewirken können, ein Fall, der deutlich macht, dass der Friedensnobelpreis immer auch ein Politikum ist (siehe Willy Brandt, siehe Obama). In dem Jahr, in dem Gandhi starb, wurde kein Friedensnobelpreis vergeben. Nachträglich konnte man den Preis nicht verleihen. Das lassen die Statuten nicht zu.

 

In einer Sonderausstellung sieht man einige Objekte, die die Preisträger selbst dem Museum vermacht haben, darunter ein finnischer Bär von Martti Ahtisaari, das Schmuckstück seines Schreibtischs. Von Einstein ist ein Brief ausgestellt. Dabei soll es um seine Scheidung gegangen sein. Er wollte sie, seine Frau wollte sie nicht. Also bot er ihr an: Wenn du dich scheiden lässt und ich den Nobelpreis bekomme, bekommst du das Geld. In dem Brief, auf Deutsch geschrieben, ist allerdings gar nicht von der Scheidung die Rede. Er ist auch nicht an seine Frau, sondern an seine Söhne gerichtet. Am kuriosesten ist ein von Pjotr Kapitsa, einem russischen Physikpreisträger, gestiftetes goldenes Krokodil. Da fragt man sich, welche Bewandtnis es damit haben kann. Das Krokodil stand für seinen Mentor, Rutherford, der selbst Nobelpreisträger gewesen war (aber für Chemie) und den er heimlich Das Krokodil nannte. In Russland gilt das Krokodil, das einen steifen Nacken hat und sich nur vorwärts bewegen kann, als Allegorie von hartnäckigen Charakteren, die man bewundert und fürchtet.

 

Wenig erfährt man in dem Museum über Nobel selbst. Und auch in dem Buchladen gibt es fast nichts über ihn. Über die Preisträger gibt es viel mehr. Bei einem Band über die berühmtesten Preisträger vermisse ich Röntgen. Er ist im Ausland viel unbekannter als bei uns.

 

Im Café des Museums sehe ich, wie Leute die Stühle umdrehen, bevor sie sich setzen. Es sind moderne, aber keineswegs so ungewöhnliche Stühle, dass man sie genauer inspizieren müsste. Es stellt sich heraus, dass das Café auf die raffinierte Idee gekommen ist, am Boden des Stuhls die Unterschriften verschiedener Preisträger anzubringen, und man will wissen, auf wen man sich setzt.

 

Ich gehe weiter zur Tyska Kyrkan, der ‚Deutschen Kirche‘, ganz in der Nähe gelegen. Hier haben wir das seltene Beispiel einer zweischiffigen Kirche. Das Resultat: Der Altar steht direkt hinter den Pfeilern. Die ursprünglich einschiffige Kirche wurde später ausgebaut. Für ein drittes Schiff reichte vermutlich das Geld nicht, oder auch der Platz, denn die Kirche liegt in dem engen Straßengewirr von Gamla Stan.

 

Dass es überhaupt eine Deutsche Kirche gibt, ist ein Beleg für den großen Einfluss der Ausländer in Stockholm, neben Deutschen vor allem Holländer und Finnen, vor allem auf der kommunalen Ebene. Auf der staatlichen Ebene kommt dann noch der Einfluss von Briten und Franzosen hinzu. Stockholm ist nicht erst heute eine internationale Stadt.

 

Noch heute sind die Ankündigungen und der Gemeindebrief und der Sonntagsgottesdienst in Deutsch, ebenso wie die Inschrift am Gitter am Eingang zum Kirchhof: „Fürchtet Gott, ehret den König“. Die Gemeinde hat heute noch 2000 Mitglieder. Früher gab es auch eine Schule. Die wurde aber später geschlossen. Es gibt aber immer noch Zusatzunterricht in Deutsch.

 

Die Kirche ist erstaunlich voll (von Objekten, von Besuchern aber auch) und erstaunlich ornamentiert, jedenfalls für eine protestantische Kirche: ein großer barocker Altar, eine große barocke Kanzel mit einem riesigen Schalldeckel, schwere Lüster, Buntglasfenster, eine große Empore aus schwarzem Holz, mit Bildern in jedem Abschnitt, die wiederum durch barocke, goldene Ziersäulchen getrennt sind. Die Kanzel stützt sich auf einen kraftvollen knieenden Engel, der wichtigsten Skulptur der Kirche.

 

Am auffälligsten ist aber eine Art zweistöckiger, vergoldeter Einbau mit Glasscheiben. Was das in einer Kirch soll, fragt man sich. Sieht aus wie ein Straßenbahnwagen, und erinnert mich an ähnliche, aber viel einfachere Einbauten, die ich in einer Kirche in Göteborg gesehen habe. Es handelt sich um die Königliche Galerie. Sie war für die deutschen Mitglieder der königlichen Familie bestimmt.

 

Die Kirche ist der Hl. Gertrud geweiht, der Schutzpatronin der Reisenden, Schreiner und Kaufleute. Fast unsere gesamte Familie.

 

Bei einem großen Brand im 19. Jahrhundert fiel unter anderem der Wetterhahn hinunter. Er ist jetzt in der Eingangshalle ausgestellt. Man ist verblüfft, wie groß solche Dinger sind.

 

Ich mache mich auf den Weg zur Oper, in der heute eine Führung stattfinden soll. Ich komme viel zu früh an. Ich überschätze einfach die Distanzen.

 

Ich warte in einem Café in einem Park ganz in der Nähe der Oper. Das Wetter ist nicht gerade gut, aber gerade gut genug, um draußen zu sitzen. In diesem Café kann man erst ab einem Betrag von 50 Kronen mit der Karte bezahlen. Das ist ungewöhnlich. Im Allgemeinen bezahlen alle überall mit der Karte, auch wenn es nur ein Tee oder eine Zeitung ist. Später komme ich einmal irgendwo hin, in ein kleines Geschäft, wenn ich mich richtig erinnere, wo man überhaupt nicht bar bezahlen kann.

 

Die Einschränkung in diesem Café bringt einen jungen Mann vor mir in die Bredouille. Er will seine Freundin einladen, hat aber kein Bargeld. Also lässt es sie bezahlen. Auf die Idee, ein Glas Sekt dazu zu bestellen, kommt er nicht.

 

Als ich auf die Führung warte, sehe ich, dass in der nächsten Saison Figaros Bröllop von Mozart und Svansjön von Tschaikowski auf dem Programm stehen.

 

Wir betreten gleich den Bühnensaal, einen prächtigen Saal mit drei Rängen, ein Bau der traditionellen Art. Man merkt, dass man sich noch im 19. Jahrhundert befindet.

 

Das Mädchen, das uns führt, sagt aber nicht viel zur Architektur. Sie erzählt aber, dass die Oper der Nachfolgebau der abgebrannten Oper von Gustav III. ist, ungefähr hundert Jahre später entstanden. Wir erfahren, dass es eine Ausschreibung gab und dass der Entwurf genommen wurde, der den 2. Preis bekam. Was mit dem 1. Preis passierte, weiß sie nicht. Das sei nun einmal so. Manchmal seien eben die besseren Entwürfe nicht so einfach umzusetzen. Da hat sie vielleicht sogar recht.

 

Es handelt sich ganz offiziell um eine Königliche Oper, und so hat sie auch zwei riesige Logen, gleich am Rand der Bühne. Zum Sehen ist das nicht so gut, zum Gesehenwerden besser. Gustav III, der Theaterkönig, hatte seinen Sitz der Bühne gegenüber. Beim Bau der Kopenhagener Oper wurde König Margareta nach ihrer Präferenz gefragt und entschied sich für die alte Loge. Man kann natürlich etwas um die Ecke gucken und die Bewegungen am Rand der Bühne sehen, die die anderen Zuschauer nicht sehen. Vielleicht macht das den Reiz aus.

 

Der Saal fasst 1100 Zuschauer. Das Mädchen fragt uns, ob in unseren Ländern die Opernhäuser größer oder kleiner seien. Die Italiener und Argentinier rufen unisono: „Größer, viel größer!“

 

Vom Opernsaal geht es durch graue, ordinäre, dem Zweck untergeordnete Räume und Gänge zur Bühne. Der Kontrast mit dem Saal könnte nicht größer sein. Dasselbe Bild, wenn man auf der Bühne steht. Um sich herum sieht man Flaschenzüge, Stromkästen, Kabelrollen, Strahler, vor sich den Theatersaal in Plüsch und Gold.

 

Die Bühne hat eine Besonderheit: Sie ist abschüssig. Der Unterschied ist aus dem Saal kaum wahrzunehmen und hat nur den Zweck, die Perspektive wirklicher erscheinen zu lassen. Hier unten aber ist er nicht zu übersehen.Der Unterschied zwischen vorne und hinten ist ein Meter. Selbst als Besucher tastet man sich vorsichtig voran. Wie das Opernsänger oder gar Balletteusen bewerkstelligen, ist mir ein Rätsel.

 

Eine besondere Funktion bei der Oper hat die Souffleuse. Sie ist ganz anders als beim Schauspiel, wo sie in erster Linie als Feuerwehr zum Einsatz kommt. Hier wird der gesamte Text vorgetragen, und zwar nicht gesprochen, sondern gesungen, den Sängern immer ein paar Sekunden voraus. Das ist eine beachtliche Arbeit, und die Oper beschäftigt alleine vier vollbeschäftigte Souffleusen. Die müssen ja schließlich alle Rollen lernen! Daneben gibt es 20 Bühnentechniker, die für Licht und Ton zuständig sind.

 

Als staatliche Institution bekommt die Oper auch staatlichen Zuschuss. Der Etat beträgt 400 Millionen Kronen, von denen nur 50 Millionen durch Eintrittsgelder hereinkommen.

 

Wir bekommen auch noch ein paar Kostüme zu sehen, u.a. ein Wams aus der Zeit der Renaissance. Alle staunen, wie schwer das Ding ist. Dann gibt es noch ein Ballettkostüm und Ballettschuhe. Die sind vorne, an den Zehenspitzen, ganz hart. Das hatte ich mir noch nie überlegt. Die Ballettschuhe werden nur grob in Form gebracht. Die genaue Ausgestaltung, z.B. durch zusätzliche Polsterung oder Schnüre, wird jeder einzelnen Balletteuse überlassen. Man braucht zwei Paar Schuhe pro Auftritt. Die kann man nachher wegschmeißen.

 

Es ist noch früh und das Wetter wird immer besser und ich entschließe mich, zum Katharinahissen zu fahren, einen Aufzug, der einen auf eine moderne Stahlplattform bringt, von der man eine gute Sicht auf Stockholm haben soll. Der Katharinahissen liegt auf Södermalm, einer weiteren Insel, südlich von Stadsholmen gelegen, aber problemlos mit der U-Bahn zu erreichen. Der Aufzug ist aber gesperrt. Oben auf der Plattform bewegen sich zwar einige Menschen, aber die müssen auf andere Weise dahin gekommen sein.

Genau dem Aufzug gegenüber liegt das Stadtmuseum. Dann nehme ich das eben mit. Das Museum ist etwas verstaubt und bedarf der Modernisierung. Andererseits hat gerade das seinen Charme, vor allem im Kontext der anderen, hypermodernen Museen, die Stockholm aufweist.

 

Begrüßt wird man vom Kopparmatte, einer traditionellen Figur mit strengem Aussehen und Schwert und erhobener Peitsche, die personifizierte Warnung vor Verbrechen.

 

Dann sieht man das Wappen Stockholms, in Blau und Gelb, mit dem bekrönten Haupt von St. Erik, dem Stadtheiligen. Er führt den Titel Heiliger, ist aber gar kein kanonisierter Heiliger. Von ihm weiß man herzlich wenig. Er soll im 12. Jahrhundert gelebt haben. Da gab es Stockholm noch gar nicht. Genauso wenig wie es Schweden gab. Das heutige Stockholm liegt genau zwischen den ehemaligen Reichen Svealand in Norden und Götaland im Süden, eine strategisch wichtige Lage.

 

Die erste Erwähnung von Stockholm findet sich in einer Urkunde, die Birger Jarl zugeschrieben wird. Die Jarls – das Wort jarl ist mit englisch earl verwandt – waren Adelige und die wichtigsten mittelalterlichen Herrscher nach den Königen, manchmal sogar vor den Königen, die gewählt wurden und von der Gunst der Adeligen abhingen. Während Birger Jarl sich noch in Västra Götaland  begraben ließ, ließ sich Magnus Ladulås eine Generation später bereits in Stockholm begraben, ein Beleg für dessen wachsende Bedeutung. Der ganz große Schub kam im 17. Jahrhundert: Stockholm hatte 1600 noch 9.000 Einwohner, 1680 schon 60.000!

 

Man sieht auch ein Modell von Gamla Stan, das schön zwei verschiedene Teile zeigt. Im Osten das unregelmäßige Straßensystem des Mittelalters, das im Westen später, als man es zu verwirrend und außerdem unpraktisch fand, durch geradere Straßen ersetzt wurde.

 

Die erste vollständige Karte von Stockholm, von 1642, ist hier auch zu sehen, ebenso wie ein Modell des alten Schlosses, Tre Kronor, das später abbrannte.

 

Dann kommen Dinge aus dem Alltagsleben, u.a. ein komplett nachgebauter, alter Klassenraum. Es gibt eine große Schiefertafel, ein Lineal mit Griff, ein Pult mit einem Buchhalter, einen Stock – ob zum Zeigen oder Schlagen ist nicht klar – verschiedene Fibeln und Wandkarten mit den Buchstaben des Alphabets. Auf jeder Karte befindet sich unter dem Buchstaben die Zeichnung eines Objekts, das mit diesem Buchstaben beginnt. Ich kann ein paar identifizieren: H = hus, B = bron, A = anka, O = ost, K = krona, aber bei den meisten stehe ich auf dem Schlauch. Genauso wie bei dem Zitat, das an der Tafel steht. Blåsippan ute, backarna står, niger och säger, nu är det vår. Klingt, wie aus einem Frühlingsgedicht.

 

Neben der Tafel hängt ein Schild, in dem die Kinder ermahnt werden, nicht zu fluchen. Darin taucht das wunderbare, wohl veraltete Wort icke auf. Es bedeutet ‚nicht‘.

 

Es muss einfach gewesen sein, Lehrer zu sein. Keine Vorbereitung, kaum Korrekturen, Autorität aufgrund des Amtes. Andererseits gab es nur einen Kamin, und der wurde mit Holz beheizt. Da ist man doch dankbar, dass das nicht mehr so ist.

 

In einer anderen Abteilung hängen in schmalen Längsstreifen Tapeten der letzten hundert Jahre, chronologisch geordnet. Davor Türklinken und Stromschalter, die zu der jeweiligen Zeit in Mode waren. Es ist gar nicht so einfach, eine Entwicklung abzulesen, aber tendenziell geht es doch von Aufwendig zu Einfach. Am Anfang sollten die Tapeten ganz offensichtlich wie Textil aussehen, später standen sie dazu, Tapeten zu sein und ließen auch mehr von sich sehen.

 

Ich lasse es dabei bewenden in dem Gefühl, nach zwei Tagen schon eine ganze Menge gesehen zu haben.

 

25. Juli 2011 (Montag)

Ein grauer Regentag. Der Busfahrer winkt mich zurück, als ich in der Mitte einsteige. Alle steigen vorne ein. Dabei dachte ich, dass ich gestern in der Mitte eingestiegen bin. Stimmt auch, aber das war bei der Straßenbahn.

 

Als ich an der Internationalen Bibliothek ankomme, die ich gefunden habe, obwohl die Haltestelle und der Straßenname nicht stimmten, ist noch niemand da. Dann kommen aber die anderen Teilnehmer und, ganz zum Schluss, die Lehrerin. Alle Teilnehmer sind Deutsche, eine junge, hübsche, etwas jungenhaft aussehende Grundschullehrerin aus Cuxhaven, eine junge, hübsche und, wie sich herausstellt, sehr umgängliche Unternehmerin aus der Nähe von Hamburg und eine ältere Dame aus Wesel. Die Grundschullehrerin hat ein Ferienhaus in Schweden, die Unternehmerin hat schwedische Kunden und die Frau aus Wesel hat einen schwedischen Schwiegersohn. Sie geht außerdem im September auf eine Wanderung über den Kungsleden in Lappland. Alle haben also gute Gründe, Schwedisch zu lernen.

 

Wir sind alle gleich schlecht, außer der Grundschullehrerin, die sich erstaunlich flüssig verständlich machen kann. Die Aufenthalte im Ferienhaus scheinen doch für den alltäglichen Verkehr etwas auszumachen, auch wenn sie sagt, da werde nur Deutsch gesprochen. Sie ist aber auch gescheit, achtet auf Details und nimmt alles schnell auf. Am schwersten tut sich die Frau aus Wesel. Sie kann vor allem das, was sie weiß, nicht anwenden, weicht oft auf Englisch aus, das sie sehr gut spricht. Außerdem rutscht ihr immer mal wieder Französisch raus, das sie, nach eigenem Bekunden, gar nicht gut kann. Sie ist aber gut, wenn es um Essen und Verwandtschafts-bezeichnungen angeht. Überhaupt bin ich in den nächsten Tagen immer wieder überrascht, was die anderen alles wissen. Einmal geht es um Beeren, und alle kennen alle gängigen Sorten, die Grundschullehrerin weiß sogar, was Moltebeeren auf Schwedisch heißt. Und alle kennen sich blendend mit schwedischen Traditionen aus.

 

Der Unterricht ist nicht sehr ergiebig. Das, was man lernt, lernt man mit Hilfe der anderen und auf Nachfrage.

 

Einmal ergibt sich ein schönes Missverständnis, das aber stillschweigend übergangen wird. Die Lehrerin hat eine Teilnehmerin gefragt, welches Verhältnis, förhållande, sie zu irgendwem habe. Darauf betont die, sie stamme Deutschland, nicht aus Holland. Ein Beispiel fürs Lehrbuch.

 

Nach dem Mittagessen, das auch zum Unterricht gehört, schlägt die Lehrerin vor, wir sollten ins Middeltidsmuseum gehen, ins Mittelaltermuseum. Der Weg dahin ist genauso schleppend wie der Vormittagsunterricht, und dann sieht sich jeder ein paar Sachen für sich an. Das kann man auch ohne Unterricht machen. Das wird nicht besser dadurch, dass sich hier eine Menge Dinge aus dem Stadsmuseum wiederholen und dass ich auf heißen Kohlen sitze, weil es wenig später eine Führung in der Storkyrkan gibt, zu der ich gerne will. Ich habe die Kirche gestern gesehen, aber nur kurz wegen des beginnenden Sonntagsgottesdienstes.

 

Das Museum ist unterirdisch und formt sich um die Reste der alten Stadtmauer herum.

 

Zuerst erfährt man die Gründungslegende Stockholms, eine typische Legende mit verschiedenen Varianten. Danach hat ein Fischer nach dem Brand von Stiguna, der ehemaligen Hauptstadt (oder einem Fieber in Stiguna) eine neue Heimat gesucht und dabei einen Lachs (oder einen Holzscheit) ins Wasser geworfen und ist dem gefolgt. Der trieb schnurstracks auf Stockholm zu.

 

Es gibt Nachbauten verschiedener mittelalterlicher Häuser und Bilder und Töne, die es einem erlauben, sich in das Alltagsleben der Zeit einzufühlen: Pferde wiehern, Kühe muhen, Hunde bellen, Glocken läuten. Man war dem Gestank von Latrinen, Abfall und Dünger und menschlichen Ausdünstungen ausgesetzt und dem Rauch und Ruß von Schmieden und Öfen und der beißenden Luft aus Gerbereien. Katze, Mäuse, Ratten laufen über die Straße und herrenlose Hunde. Und immer wieder wird ein Pesttoter weggekarrt.

 

Frauen waren in erstaunlich vielen Berufen tätig: Herstellerin von Kopfbedeckungen, Kleiderhändlerin, Näherin, Expertin für Aderlass, Dudelsackspielerin, Brauerin …

 

Der Marktplatz war der zentrale Platz, Anlaufstelle für Tagelöhner und Herumtreiber, Treffpunkte der Kaufleute und Ort der Ratssitzungen und Gerichtsverfahren. Bei denen geht es meistens um Fluchen, um Betrügereien oder um Schlägereien. Im allgemeinen hatte derjenige, der den Prozess anstrengte, bessere Chancen, ihn zu gewinnen. Ob das immer noch so ist?

 

Der andere zentrale Punkt war der Kirchplatz, inklusive des Kirchhofs mit seinen Gräbern. Die wichtigste Heilige war die Hl. Birgitta, eine der berühmtesten Schwedinnen und die einzige kanonisierte Heilige Schwedens. Sie, selbst Angehörige der Oberschicht, kümmerte sich um Frauen, die aus verschiedenen Gründen aus der Gesellschaft ausgeschlossen waren. Sie pilgerte mit ihrem Mann nach Santiago. Was muss das für eine Reise gewesen sein. Bei der Entfernung! Auf dem Rückweg starb ihr Mann. Von da an widmete sie sich einerseits ihren Visionen, mischte sich aber andererseits in die internationale Politik ein: Sie forderte den Papst auf, aus dem Exil in Avignon zurückzukehren, und sie versuchte zwischen Frankreich und England im Hundertjährigen Krieg zu vermitteln. Im Alter pilgerte sie dann mit ihren Kindern nach Jerusalem. Belastbare Frau.

 

Die Kirche war auch sozialer Treffpunkt, und für junge Leute war der Kirchgang oft die Chance, andersgeschlechtliche Altersgenossen zu sehen. Vor der Eheschließung wurden vor der Kirche, nicht in der Kirche, die Ringe getauscht.

 

Das wichtigste Dokument des Museums ist die Urkunde Birger Jarls, in der zum ersten Mal das Wort Stockholm auftaucht. Ein anderes wichtiges Exponat ist ein Bild. Es ist aber eine Kopie. Das Original hängt in der Storkyrkan. Das ist für mich  das Signal zum Aufbruch dorthin.

 

Wie die Tyska Kyrkan ist auch die Storkyrkan ziemlich voll. Dazu gehört auch eine moderne Installation, die erst auf den zweiten Blick Sinn ergibt: Drei nebeneinander stehende Fernseher. Auf den Bildschirmen sieht man, in Schwarz-Weiß, drei Räume, ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer, und einen weiterer Raum, alle ganz einfach eingerichtet. Die Gegenstände in diesen Räumen werden immer undeutlicher, verschwommener und verschwinden schließlich, nach zwanzig Minuten, ganz.

 

Die Storkyrkan wird ihrem Namen gerecht. Sie ist groß. Eine fünfschiffige, gotische Hallenkirche mit großen, hellen barocken Fenstern und barocker Ausstattung: Ölgemälde, Grabepitaphe, Kanzel, Orgel, Altar, Skulpturen, ein Siebenarmiger Leuchter, zwei völlig überdimensionierte Sitze für den König und die Königin. Die Orgel ist allerdings reine Fassade.

 

Die Kirche hat schöne Pfeiler, aus einfachen roten Backsteinen, die versetzt eingefügt sind und breite, weiße Fugen haben. Ornamentierung durch die Baumaterialien selbst.

 

Die Kirche war ursprünglich kleiner, dann aber größer als jetzt. Resultat der Verkleinerung ist der gerade abschließende Chor.

 

Die Kirche ist jetzt Kathedrale, aber noch nicht lange, und scheint der Stadt Stockholm zu gehören, nicht dem Bistum. Das Patrozinium, Nikolaus, wird einer Kaufmannsstadt gerecht. Hier findet die Messe aus Anlass der Parlamentseröffnung statt, und hier fand die Eheschließung der Thronfolgerin statt.

 

Das spektakulärste Kunstwerk der Kirche ist die riesige, spätmittelalterliche Skulptur des Hl. Georg. Die Skulptur ist aus Holz, aber das merkt man angesichts der Übermalung kaum. Sie wurde von einem Lübecker Künstler hergestellt. St. Georg sitzt hoch zu Ross und rammt dem Drachen eine lange Lanze ins Maul. Er sitzt dabei aber völlig unberührt und kerzengerade in seiner silbernen Uniform auf dem Pferd. Man kann sich viele kuriose Details ansehen, wie die enormen, aus echten Elchschaufeln gefertigten Fänge des Drachen oder die modischen, spitzen, überlangen Schuhe des Heiligen. Und wenn man genau hinsieht, merkt man, dass der Drache ein Zwitter ist. An seiner Seite erscheint ein kleiner, neuer Drache. Das Böse kann sich selbst generieren.

 

Ebenso wichtig ist aber die zugrundeliegende  historische Bedeutung der Skulptur, die sich dem heutigen Besucher verbirgt. Die Skulptur wurde nämlich aus Anlass einer Schlacht gefertigt, einer für Schweden erfolgreichen Schlacht. Der Heilige steht also für Schweden, der Drache für Dänemark, und die durch die Intervention des Heiligen gerettete Stadt ist natürlich Stockholm!

 

Dann muss ich aber noch das Bild sehen, dessen Kopie ich im Medeltidsmuseum gesehen habe. Es ist das erste Bild, in dem eine Ansicht von Stockholm erscheint. Man sieht die Altstadt, von Södermalm aus. Auf dem Bild wird ein Naturphänomen dargestellt, die Erscheinung mehrerer Sonnen am Himmel. Dies wurde verstanden als böses Omen. Dieses böse Omen gilt dem König, der sich in die Angelegenheiten der Kirche einmischen will. Hier ist es eine, in der Zeit der Reformation entstandene, Anspielung auf den König, der sich Zugriff auf die Kirche verschaffen wollte. Um ganz klar zu machen, wer zuerst kommt, ist die Storkyrkan auf dem Bild, anders als in Wirklichkeit, größer als das königliche Schloss!

26. Juli (Dienstag)

Eine Busfahrerin, bei der ich nach dem Weg gefragt habe, hält anschließend eigens noch mal an, winkt mich vom anderen Bürgersteig herüber und sagt mir, ich könne doch auch mit der U-Bahn fahren. Das gehe schneller als mit dem Bus. Toll.

 

Die Lehrerin nimmt sich die Freiheit, mit einer Viertel Stunde Verspätung zu kommen, in aller Ruhe. Der Unterricht zieht sich endlos hin. Der Lerneffekt ist  gering, der Unterhaltungswert ist gleich Null. Alle sind froh, als es zum Mittagessen geht. Auf dem Weg dahin wird deutlich, wie unzufrieden die Leute sind. Zu Recht. Sie haben alle viel Geld bezahlt und merken, dass wenig dabei herauskommt. Die Schule hat noch nicht einmal eigene Räume, was einer Teilnehmerin besonders missfällt. Wenn sie wenigstens ein Konzept hätte, denke ich. Der Unmut wird artikuliert, aber noch heimlich. Man will sich nicht als deutscher Miesepeter gerieren, sich aber auch nicht mit der Lage einfach abfinden. Nur: Was kann man tun?

 

Ich halte mich raus, auch beim Mittagessen, als ich zwei Bemerkungen mithöre, die mich eigentlich herausfordern müssten. Eine der Teilnehmerinnen sagt zu der Lehrerin, Schwedisch komme ihr vor wie eine Mischung aus Englisch, Deutsch und Holländisch, offensichtlich in der Erwartung, dafür Beifall zu bekommen. Bekommt sie aber nicht. Eine andere Teilnehmerin spricht von Plattdeutsch und erklärt, dass das kein Dialekt, sondern eine eigene Sprache sei. Darauf bestehe sie. Als ob das etwas bewiese.

 

Wir entscheiden, zur Touristeninformation zu gehen und gemeinsam zu planen, was wir in den nächsten Tagen tun können. Auf dem Weg dahin kommen wir am Anfang der Drottninggatan am Strindberg-Museum vorbei, das ohnehin auf meiner Wunschliste stand. Das trifft sich gut.

 

Das Haus kennt man hier als Blå tornet, Blauer Turm. Warum blau, ist nicht klar. Der Turm ist nicht blau, und war es wohl auch nie. Vielleicht hat Strindberg selbst ihm den Namen gegeben aufgrund der Inneneinrichtung. Aber innen ist die beherrschende Farbegrün.

 

Es ist auch eigentlich kein Turm, sondern ein Eckhaus mit einer Jugendstilfassade, das in einer Art Turm abschließt. In das Straßenpflaster sind in regelmäßigen Abständen Zitate von Strindberg eingelassen, aber längs der Straße, was das Lesen etwas schwer macht. Man stößt mit Passanten zusammen, die ihre Einkäufe machen und sich nicht für Strindberg interessieren. Wir versuchen, die Zitate zu entschlüsseln: Barn är det roligaste som finns, men den äro rysligt dyra.Kinder sind das Tollste, was es gibt, aber sie sind abscheulich teuer. Nicht sehr originell. An einem beißen wir uns die Zähne aus: När allt kommer omkring, utgör vinet en välgärning och avhåltsamketen en tuktan.. Auch mit Hilfe der Lehrerin gelingt es nicht, das Zitat zu entschlüsseln. Ob sie nicht will oder nicht kann? Zuhause schaffe ich es dann mit dem Wörterbuch und mit Geduld: Letzten Endes bedeutet Wein eine Wohltat und Enthaltsamkeit eine Strafe. Am besten auf ein Photo bekommt man Allt tjänar. Schwer zu übersetzen. Vielleicht Alles lohnt sich.

 

Strindberg bewohnte die Wohnung im Obergeschoss. Er wohnte hier von 1908-1912. Es war seine letzte Wohnung, die letzte Station eines unruhigen, unsteten Lebens. Schon sein Vater war in den 20 Jahren, in denen Strindberg bei ihm lebte, 10 Mal umgezogen, viel öfter, als es das finanzielle Auf und Ab erzwang. Aber der Vater hatte immer die gesamte Familie im Schlepptau. Bei Strindberg war das anders.

 

Für diese Wohnung sprach, dass sie in der Nähe seines eigenen Theaters lag, des Intimen Theaters, das er zusammen mit  einem jungen Theater-Unternehmer gegründet und sich damit einen alten Traum erfüllt hatte. Er hatte aber auch schon als Kind hier ganz in der Nähe gewohnt.

 

Es gibt schriftliche Erklärungen in verschiedenen Sprachen. Wir versuchen es mit Schwedisch, und es geht ganz gut. Dann, als wir schon halb durch sind, wird eine Führung auf Schwedisch angeboten. Da will ich sofort mitmachen. Und werde umgehend bestraft. Ich verstehe nichts, wirklich gar nichts. Und sehne nur das Ende der Führung herbei. Klarer Fall von Selbstüberschätzung. Gut, dass wir uns vorher mit den schriftlichen Erklärungen versorgt hatten.

 

Das Haus, das heute etwas altertümlich wirkt, war damals hochmodern und hatte Elektrizität, Zentralheizung, Toilette und Aufzug! Es gibt auch eine Art Telefon und einen Vorläufer eines Kühlschranks, einen Eisschrank. Eine Küche gab es nicht. Strindberg ließ sich das Essen bringen oder später von Fanny Falk zubereiten, der Tochter der Vermieterin, einer jungen Malerin, die er protegierte und die in der Dachkammer wohnte. Dort hatte er auch seine Bibliothek. Die war zwar nicht ausufernd, hätte aber in die kleine Wohnung nicht hineingepasst. Strindbergs Bibliothek ist strikt eine Arbeitsbibliothek. Er war kein Bibliophiler, sondern suchte nur solche Bände aus, die er zur Arbeit brauchte.

Die Bücher sind, zusammen mit dem Klavier, das einzige, was aus der alten Wohnung hinübergerettet wurde. Strindberg wollte nach der Trennung von Harriet Bosse, die wieder verheiratet war, nichts mehr mit der alten Wohnung zu tun haben und ließ alles zurück, auch seine eigenen Bilder. Alle Skulpturen hier sind billige Gipsabgüsse, das Aquarell eine Kopie. Strindberg fand nach seinem Einzug hier langsam die Lebensgeister wieder.

 

Die Wohnung besteht aus Schlafzimmer, Wohnzimmer und Arbeitszimmer. Um für Authentizität zu sorgen, werden ständig künstliche Geräusche erzeugt, wie man sie zu Strindbergs Zeit hören konnte. Wenn man an dem Klavier vorbeigeht, fängt es an zu klimpern, die Kaffeemaschine – auch ein sehr moderner Gegenstand – gluckert, jemand kommt die Treppe hinauf, es wird an der Tür geklopft, die Uhr tickt.

 

Das Arbeitszimmer ist exakt so erhalten, wie Strindberg es hinterlassen hat. Er war ein Ordnungsfanatiker. Alles musste an seinem Platz sein. Hier schrieb er seine beiden letzten Bücher und eine Reihe von Artikeln, in denen er die Monarchie, das Militär und Schriftstellerkollegen wie Sven Hedin angriff und die die sog. Strindberg-Fehde auslösten.

 

Auf dem Klavier steht eine Büste von Beethoven. Strindberg stammte aus einer Kaufmannsfamilie, die aber doch sehr musikalisch war. Der einzige, der sich da nicht beteiligte, war Strindberg selbst, jedenfalls als Kind. Er las lieber naturwissenschaftliche Bücher.

Auf der anderen Seite zwei Büsten von Schiller und Goethe. Schiller war schon früh einer seiner Helden, aber Goethe, ganz Ästhet, konnte er nicht leiden. Die meisten seiner Idole schuf er nur, um sie dann vom Thron zu stoßen.

 

An der anderen Seite eine Jason-Statue von Thorvaldsen. Auch das vielsagend. Strindberg mochte Thorvaldsen nicht und glaubte, er würde überschätzt. Aber er schrieb trotzdem ein Buch über ihn, In Rom. Was ihm gefiel, war, wie Thorvaldsen, völlig unbekannt, in Rom zu plötzlichem Ruhm kam. Das hätte ihn auch gefallen – wenn es ihm passiert wäre.

 

Ganz zentral vor dem Fenster steht eine Art Emaillampe mit einem roten „Auge“. Diese Lampe hatte eine besondere Bedeutung für Strindberg. Und sie kam zum Einsatz, als zu seinen Ehren zu seinem 63. Geburtstag ein Fackelzug veranstaltet wurde. Er stellte die Lampe zur Identifizierung seiner Wohnung auf den Balkon. Von dort aus nahm er dann die Ehrung in Empfang. Es nahmen tatsächlich 10.000 Menschen an dem Fackelzug teil, meistens Arbeiter. Für die hatte er sich eingesetzt. Das war die größte Ehrung,  die ihm in seinem Leben zuteilwurde, und entschädigte ihn auch für die größte Enttäuschung, als nämlich nicht er, der ihn verdiente hätte, den Literaturnobelpreis bekam, sondern Selma Lagerlöf. Schon damals war eine Spendensammlung für ihn veranstaltet worden, die eine Art Entschädigung für den entgangenen Nobelpreis sein sollte. Es kamen 45.000 Kronen zusammen, eine Riesensumme, die er aber weitergab: an die organisierten Arbeitslosen, an Opfer der Kinderlähmung, an Friedensorganisationen, an den sozialistischen Jugendbund.

 

Auf dem Weg zum Touristenbüro und anschließend zu einem gemütlichen Café, lerne ich wieder etwas fürs Leben. Frauen sehen Dinge, die Männer nicht sehen. Eigentlich kann man von Lernen gar nicht reden, denn das wusste ich schon lange, und eine vernünftige Erklärung habe ich auch jetzt nicht. Hier handelt es sich um die neueste Schuhmode und die neuesten Frisuren. Denen begegne man hier, erfahre ich zu meinem Erstaunen, überall. Man hat überhaupt kein Verständnis dafür, dass ich das noch nicht bemerkt habe. Jetzt wird mir auf die Sprünge geholfen: „Achtung: Stiefelalarm!“ Und plötzlich sehe ich überall Frauen mit Gummistiefeln, sogar mit roten Gummistiefeln! Wo waren die vorher? Und ich sehe Frauen mit an beiden Seiten kahl rasierten Köpfen.

 

Als wenn das nicht schon genug wäre, sagt mir eine der Teilnehmerinnen in dem Café, in das wir uns zur Beratung zurückgezogen haben, meine Hose hätte einen Riss, hinten, in der Nähe der Tasche. Ich befürchte das Schlimmste, aber als ich nach Hause komme, finde ich nichts. Kein Riss. Muss sie sich wohl eingebildet haben. Dann, als ich die Hose schon weglegen will, sehe ich einen winzigen Riss ganz oben, neben dem Knopf der linken Hosentasche. Wie kann sie den nur gesehen haben, wenn ich ihn nicht einmal sehe, nachdem man mich darauf aufmerksam gemacht hat?

 

Wir sitzen eine ganze Zeit in dem sehr gemütlichen Café, wo es hervorragenden Kaffee gibt, den besten, den ich in diesen zwei Wochen bekomme. Auch hier gibt es Selbstbedienung. Und nur eine Toilette. Beides passt nicht so richtig.

Mittwoch, 27. Juli

Heute treffen wir uns an den Saluhallen, der Markthalle in Östermalm, keine fünf Minuten von meinem Hotel entfernt. Vor der Markthalle steht eine moderne Skulptur mit einem nackten Mann, der auf eine liegende, nackte Frau blickt. Er scheint aus der Markthalle zu kommen und einen Schinken zu tragen. Die tiefere Bedeutung erschließt sich uns nicht, auch nicht angesichts des Titels, Möte, ‚Begegnung‘. Mein Deutungsversuch: Es handelt sich um  eine Anspielung auf die archaische Aufgabe des Mannes als Nahrungslieferant, der für seine Dienste von der ihn mit offenen Beinen erwartenden Frau belohnt wird, die damit gleichzeitig ihre archaische Aufgabe der Kindererzeugung erledigt.

 

Von den drei Markthallen ist die hier in Östermalm diejenige, die die hochwertigste Ware hat, sich auf Delikatessen spezialisiert. Das kann man auch als Laie erkennen, vor allem beim Fisch. Dem sieht man die Frische förmlich an, und die großen, rosafarbenen Lachsplatten müssen für einen Fischesser die reinste Verführung sein.

 

Der Bau ist historisierend und erinnert an ähnliche Markthallen in Frankreich oder Spanien. Wir gehen allerdings etwas ziellos und ungeleitet durch die Reihen der Verkaufsstände. Wieder drängt sich der Gedanke auf, dass man das auch alleine machen könnte.

 

Nicht weit von hier befindet sich das Historische Museum, unser Ziel für heute. Wir erreichen es nach einem Bummelgang von gefühlten 45 Minuten.

 

In einem Schaukasten wird dargestellt, wie Geschichte die Geschichte von Einzelpersonen ist, eine nicht ganz unproblematische Aussage. Das wird dargestellt anhand von Objekten aus verschiedenen Zeiten, die einen Namen tragen, von einem historischen Siegelring über ein Psalter mit persönlicher Widmung bis zu einem modernen Eishockeytrikot. Daneben kann man von sich selbst ein Photo machen lassen, mit dem man, wenn man es denn glauben will, auch in die schwedische Geschichte eintritt.

 

Dahinter erscheint der Text eines Liedes, Du gamla, du fria, einem patriotischen Volkslied, das den Status einer inoffiziellen Nationalhymne hat. Es ist gut, Grundkenntnisse im Schwedischen zu haben, um zu wissen, dass Schweden nicht etwa vergammelt und kalt, sondern alt und frei ist. Die erste Einspielung des Liedes stammt ausgerechnet von einem Dänen!

 

Über einem Treppenhaus schwebt eine große, rätselhafte Skulptur, Livets hjul, das ‚Rad des Lebens‘, eine Holzkonstruktion, an deren verschiedenen Ende Figuren hängen, die die Lebensetappen, Kindheit, Jugend, Alter usw. vertreten. Das war im Mittelalter ein klassisches Motiv. Hier ist es modern variiert. Die Inspiration ist dem Künstler auf dem Speicher einer Dorfkirche gekommen, an dessen Wänden Schattenspiele diese Figuren nahelegten.

 

Dann kann man etwas über seinen eigenen Namen erfahren. Dort erfahre ich zu meiner großen Freude, dass mein Name nicht sehr verbreitet ist. Glückliches Schweden!

 

Dann kommen in einem eigenen Raum Funde aus Sigtuna, Schwedens erster Stadt. Anhand der ausgestellten Objekte – unter anderem einem Kamm aus Elfenbein – wird gezeigt, wie vielfältig die Kontakte nach auswärts waren: Finnland, Heiliges Deutsches Reich, Konstantinopel – alles vertreten. In einer Inschrift in einem Knochen sieht man ein paar Runen, aber man muss schon ganz genau hinsehen.

 

Das Jahr 1200, erfährt man, gilt als Wasserscheide der schwedischen Geschichte. Mit dem starken Birger Jarl, dem Königsmacher, entstehen neue Städte, aber auch einheitliche Gesetze und Münzen werden eingeführt und, zur allgemeinen Freude, allgemeine Steuern.

 

Ob es im Mittelalter von Vorteil war, Nonne zu sein, wird man gefragt. Meine vermutete Antwort: Ja. Das bestätigt das Museum. Man konnte lesen und schreiben und ein Handwerk lernen und brauchte sich um Nahrung und Unterkunft nicht zu sorgen und war nicht der Gefahr ausgesetzt, bei der Niederkunft zu sterben.

 

Ob es im Mittelalter schmutzig gewesen sei, wird man gefragt. Meine vermutete Antwort lautet: Ja. Das Museum sagt Ja und Nein. Der Unrat wurde einfach auf die Straße geworfen, ungeordnet und ohne Rücksicht auf Passanten. Man war knöcheltief im Unrat, wenn man über die Straße lief. Ein Nebeneffekt: das Bodenniveau der Städte stieg kontinuierlich an! Andererseits gab es Badehäuser, deren Besuch einmal pro Woche auf der Tagesordnung stand. Ob das wohl für Männer, Frauen und Kinder gleichermaßen galt?  Merkwürdigerweise ging dieser Hygienestandard nach der Reformation runter. Die Badehäuser hatten einen schlechten Ruf erlangt als Orte der Unsittlichkeit und wurden geschlossen. Da ertrug man lieber den Gestank.

 

Ob die Öffnungszeiten in Bierkneipen besser oder schlechter waren, wird man gefragt. Meine vermutete Antwort lautet: Besser. Das Museum sagt: Schlechter. Nach neun Uhr habe man kein Bier mehr ausschenken dürfen.

 

Ob man im Mittelalter aus Angst vor dem Teufel das Fluchen unterlassen habe, wird man gefragt. Meine vermutete Antwort: Nein. Die Antwort des Museums: Nein. Natürlich nicht. Man lässt ja auch nicht das Klauen aus Angst vor dem Erwischtwerden. Das Fluchen war so verbreitet, dass wiederum die Reformation in erzieherischer Absicht glaubte, eingreifen und eine Verbotsliste erstellen zu müssen. Noch in der heutigen Alltagssprache sind die mittelalterlichen Flüche enthalten: Kyss mig i röven.

 

Die Entwicklung Schwedens zu immer größerer Bedeutung lässt sich an einer Karte ablesen, in der die königlichen Schlösser verzeichnet sind. Ich bin selbst überrascht, wie viele Namen mir bekannt vorkommen: Tre Kronor, Gävle Slot, Uppsala Slot, Gripsholm, Orobro, Kalmar, Ulriksadl. Sie befinden sich in verschiedenen Landesteilen, aber keins ist an der Westküste.

 

Dann geht es um den Alltag. Man sieht verschiedene Teller, die verschiedene Schichten vertreten: Der König aß von einem goldenen Teller, der Adelige von einem Zinnteller, der Bürger von einem Holzteller und der Bauer mit allen anderen aus einer gemeinsamen Schüssel. Die Woche hatte 4 fleischfreie Tage und das Jahr 208 Fischtage! Gemüse wurde nie roh gegessen, und alle Gerichte wurden gleichzeitig serviert. Man aß Brot und Grütze, man trank Bier – sehr passend bei den stark gesalzenen Gerichten!

 

Schwedens wichtigste Exportartikel waren Eisen, Fett, Häute, Schwedens wichtigste Importe waren Textilien, Salz und Öl.

 

Im Anschluss setzen wir uns in den Garten des Museumscafés und berichten einander, was wir gesehen haben. Dabei muss ich mich über die Aussprache von Uppsala belehren lassen, das auf der zweiten Silbe betont wird. Ich erinnere mich daran, dass man mir das schon mal beim Laufen in Trier gesagt hatte.

 

Anschließend fahren wir bei prächtigem Wetter mit der Fähre in das alternative Stadtviertel Södermalm, wo wir etwas verloren durch die Gegend laufen und dann zu einem erhöhten Punkt kommen, von dem aus man eine gute Sicht auf die Stadt hat. Am Straßenrand sehen wir ein Auto mit dem Kennzeichen: 2 HOT 4 U.

 

Als der „Unterricht“ dann beendet ist, gehen wir noch runter in die Stadt und setzen uns ans Wasser und anschließend in die Altstadt, am Järntorget, um ein Bier zu trinken, einem gemütlichen, unregelmäßigen Platz, an dem ich bisher noch nicht war. Hier stand früher die Eisenwaage, mit der Handelsgüter gewogen wurden. Die verschwand bei dem Bau des stattlichen Gebäudes an der Stirnseite des Platzes, dem angeblich ältesten Bankgebäude der Welt.

 

Ich erfahre, dass es neben lättöl und starköl (das nicht dem deutschen Starkbier, sondern dem ganz normalen deutschen Bier entspricht) auch noch eine mittlere Klasse, folköl, gibt. Ich muss mich belehren lassen: Das kann man durchaus trinken, obwohl ich lieber ein ganz normales Bier bekommen hätte, aber das bekommt man in Wirtschaften nicht.

 

Bei dem Gespräch erzählt die Weselerin, wie sich gelegentlich schwedische Elemente in das Deutsch ihrer seit vielen Jahren in Schweden lebenden Tochter mischen, so wenn sie ihr erzählt, sie wolle jetzt springen statt joggen gehen.

 

Im Laufe der Tage erfährt man mal wieder qualvoll, wie schwer es ist, auch nur ein paar Leute unter einen Hut zu bringen, wenn es darum geht, sich irgendwo hinzusetzen. Vor allem eine der Teilnehmerinnen ist ganz schön anspruchsvoll: „Windig hier“- „Am Wasser wär‘s ja schöner“. „Mitten in der Sonne?“

28. Juli (Donnerstag)

Wir verbringen heute den ganzen Tag in Skansen, dem Freilichtmuseum, dem Freilichtmuseum. Es gilt als das älteste der Welt. Es wurde 1891 von einem gewissen Artur Hazelius gegründet. Die Idee war von einer gewissen Nostalgie getragen: Man sah das alte Schweden verschwinden, das alte Schweden der dörflichen, überschaubaren und, wie man glaubte, solidarischen Gemeinschaften. Das hatte Hazelius selbst auf seinen Reisen durch ganz Schweden festgestellt. Jetzt bestimmten Städte, Stahlwerke und Sägewerke das Bild, und das Leben wurde immer stärker mechanisiert. Hazelius wollte hier ein Stück des alten Schweden bewahren: Bauten, Pflanzen, Tiere. Das Motto war Känn dig själv, ‚Kenne dich selbst‘. Hazelius war aber kein Träumer. So findet man in Skansen auch exotische Tiere, die mit Schweden nichts zu tun haben. Dafür würden die Leute eher bereit sein, Eintritt zu zahlen, vermutete er. Wie recht er hatte, können wir in den nächsten Stunden feststellen.

 

Skansen wurde bald zum Vorbild für andere Freilichtmuseen, und in einigen osteuropäischen Sprachen wurde es sogar das Wort für ‚Freilichtmuseum‘. Die eigentliche Bedeutung von skansen ist ‚Schanze‘, denn an dieser Stelle gab es eine.

 

Skansen liegt in Djurgarden und nimmt den größten Teil der Insel ein. Man kann sich hier ohne Schwierigkeiten einen ganzen Tag umsehen.  Hazelius hatte die wunderbare Idee, die Bauten geographisch „richtig“ anzuordnen, d.h. was sich im Norden Schwedens befindet, befindet sich auch im Norden von Skansen. Auch wenn man die Details nicht versteht, sieht man beim Gang über das Gelände eine generelle Tendenz: Die Bauernhäuser im Süden, wo der Boden fruchtbarer ist, sind größer und komfortabler und aus besseren Materialien.

 

Hazelius selbst lebte später in Skansen und ist auch dort begraben. Sein Grab sehen wir nicht, wohl aber sein eigenes Wohnhaus, das nach seinem Tod aus der Stadt hierher verpflanzt wurde und damit Teil seines eigenen Museums wurde.

 

Wir sehen eine Schule, die gleichzeitig das Wohnhaus des Schulmeisters war. Im Garten befinden sich Bienenstöcke. Die betrieb er zur Aufbesserung seines Gehalts, denn das reichte für eine Familie nicht aus. Man erfährt, dass die Schulpflicht in Schweden 1842 eingeführt wurde – sehr früh! Man ging sechs Jahre zur Schule, aber nur jeden zweiten Tag – eine nachahmenswerte Regelung.

 

Überall auf dem Gelände stehen Meilensteile aus verschiedenen Epochen herum. Sie tragen immer den Namen des jeweils regierenden Königs. Heute ist der Meilenstein verschwunden, aber nicht aus der Sprache. Die schwedische Meile ist, wie jeder Schwedischlerner weiß, länger als unsere, 10 Kilometer. Kann zu ziemlichen Missverständnissen führen.

 

In einem Haus sehen wir, wie eine Art Baumkuchen hergestellt wird: Eine Masse aus Kartoffelmehl, Zucker und Milch wird langsam über einen länglichen Spieß geträufelt und wächst so in die Breite.

In einem anderen Haus, einer Art schwedischer Almhütte, qualmt es wie wild. Uns brennt der Qualm in den Augen, aber der Frau, die am Feuer steht, scheint er nichts auszumachen. Über dem Feuer hängt ein Kessel mit einer zähflüssigen, gelblichen Masse. Hier entsteht Molkereikäse, hergestellt aus der Flüssigkeit, die bei der Käseherstellung übrig bleibt, der Käse des kleinen Mannes sozusagen.

 

Neben den Bauernhäusern, viele davon rietgedeckt, sieht man auch ein Bergmannshaus. Die Bergleute hatte es nicht mit Kohle, sondern mit Eisenerz zu tun und waren immer gleichzeitig auch Bauern, konnten sich aber wegen des Nebenverdienstes mehr leisten. Das zeigt sich auch an dem Haus: Es hat gusseiserne Kamine, Fenster mit Fensterkreuzen aus Blei und ist rot gestrichen. Das rote Pigment ist ein Abfallprodukt der Förderung von Eisenerz. Vielleicht erklärt das die Popularität der roten Häuser bis heute: Rot stand für (relativen) Reichtum und hatte deshalb Prestige. Heute findet man es schön, weil es früher Luxus war.

 

Wir sehen eine relativ große, schöne Dorfkirche aus Västra Götaland. Auch die hat ihre Besonderheit. Sie ist aus Holz, sieht aber aus, als sei sie aus Ziegeln! Und zwar täuschend echt!

 

In einem zweistöckigen Bauernhaus aus Hälsningland geht die Show noch einen Schritt weiter. Wenn man reingeht, sieht man, dass das zweite Stockwerk gar nicht existiert, sondern nur von außen vorgetäuscht wird!

 

Beim Mittagessen kommt eine Frage auf, die uns einen flüchtigen Einblick in die Geheimnisse der schwedischen Grammatik gewinnen lässt. Dabei ist die Frage denkbar simple: Wie sagt man auf Schwedisch Er ist verschwunden? Es geht uns in erster Linie um das Verb, haben oder sein? Ich meine haben, die anderen meinen sein. Die Antwort: Beides. Es kommt darauf an, wie man den Satz versteht. Und damit ändert sich dann auch die Form, die dem deutschen verschwunden entspricht: Han har försvunnit, aber Han är försvunnen.  Zum ersten Mal ahne ich, warum in der Schwedischbüchern von dem Supinum die Rede ist. Das dient dazu, die eine Form von der anderen, dem Partizip, zu unterschieden.

 

Nach der Pause bekommen wir auch noch Tiere zu sehen. Die größte Aufmerksamkeit ziehen zwei Braunbären auf sich, die wie auf Bestellung sich auf die Hinterbeine stellen und sich bearbeiten: Kampf, Spiel, Rauferei?

 

Natürlich gibt es auch Rentiere und Elche. Schließlich sind wir in Schweden. Man erfährt, dass die Rentiere die einzige Hirschart ist, bei der Männchen und Weibchen ein Geweih haben. Sie halten die Kälte deshalb gut aus, weil sie hohle Haare haben. Das isoliert. Elche gibt es in ganz Schweden außer in Gotland. Sie sind Einzelgänger. Wenn die Tiere ein Jahr alt sind, werden sie von der Mutter abgeschoben, die es eilig hat, wieder trächtig zu werden. Jedes Jahr werden 50.000 Elche geschossen! Das finde ich eine riesige Zahl. Und früher wurden wohl noch mehr geschossen. Im 19. Jahrhundert änderten sich die Jagdgewohnheiten und die Elchjagd wurde so populär, dass der Bestand sich verkleinerte. Als Folge davon fielen die Elche als Beute für Bären und Wölfe aus, die daraufhin in den Vorstädten erschienen und sich häusliche Nahrung suchten!

 

Als wir in den unteren Teil von Skansen zurückkommen, wo Handwerkbetriebe, also eher städtisches Leben nachgebildet ist, ist es schon später Nachmittag und viele Häuser sind geschlossen. Die Post hat aber noch geöffnet, ein traditionelles Postamt in einem traditionellen Haus, aber mit ganz normalem Betrieb. Meine Gelegenheit, Briefmarken zu kaufen. Die kosten satte 12 Kronen. 1,30 € für eine Postkarte!

 

Am Abend gehe ich zum Stadsmuseum, um eine Karte für eine Besichtigung für den Sonntag zu besorgen. Ich habe den Mut, auf Schwedisch zu fragen. Das klappt auch, aber den Preis verstehe ich erst auf Nachfrage, und die Erklärung, wo der Treffpunkt ist, überhaupt nicht.

 

29. Juli (Freitag)

Es ist Regen angesagt, mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90%. Dann fällt den ganzen Tag über kein Tropfen.

 

Im Laufe des Tages begegne ich einem Café mit dem Namen Eastanbul, einem (exklusiven) Geschäft für Haushaltswaren mit dem Namen Stockhome, und einem Geschäft für Hobbyartikel mit dem Namen Panduro. Ist wohl eher was für Hobbies, die mühselig sind. Wie Laufen.

 

Schon vor dem Unterricht mache ich mich auf der Suche nach der Stelle, an der Olof Palme ermordet wurde.  Es ist gar nicht einfach zu finden. Es gibt nur eine einfache, in den Boden eingelassene Bronzeplatte mit einer sehr sachlich gehaltenen Inschrift. Der Ort ist ganz zentral, in Fußgängerentfernung von meinem Hotel und ganz in der Nähe des Hörtorget, wirklich mitten in Stockholm, in der City, nicht in der Altstadt. Palme war mit seiner Frau im Kino gewesen. Sie waren ohne Leibwächter unterwegs, so wie man es in Schweden gewohnt war. An einer Straßenecke blieben sie vor einem Schaufenster stehen. In dem Moment kam ein Mann auf die zu und gab mehrere Schüsse ab. Palme wurde schwer verletzt, seine Frau leicht. Palme starb wenig später im Krankenhaus. Der  Täter wurde bis heute nicht gefasst, und die Tat ist jetzt, nach 25 Jahren, verjährt. Alle üblichen Verdächtigten wurden als mögliche Täter diskutiert: CIA, KGB, Mossad, PKK, südafrikanische Rassisten. Feinde hatte er sich genug gemacht. Oder war es ein Verrückter? Eine Verwechslung? Es wurde auch tatsächlich jemand angeklagt, verurteilt und inhaftiert, ein gewisser Christer Petersson, aber der wurde wieder freigelassen. Es fehlten Beweise, und bei der Gegenüberstellung hatte jemand Frau Palme einen Tipp gegeben. Nicht gerade eine Großtat von Polizei und Justiz, wie die gesamte Behandlung des Falls. Das Projektil wurde zufällig Tage später von einem Touristen in der Nähe des Tatorts gefunden. Das Projektil wurde dann falsch identifiziert: Es stammte angeblich aus einer „völlig veralteten“ Waffe. Das stellte sich als Irrtum heraus. Es stammt aus einer ganz gängigen, modernen Waffe. Und der Polizist, der als erster am Tatort eintraf, verlangte erst einmal von Frau Palme, sie solle sich ausweisen, bevor er irgendwelche Schritte unternahm.

 

Als ich ein Photo von der Gedenkplatte machen will, muss ich feststellen, dass meine Kamera ihren Geist aufgegeben hat. Später bitte ich die anderen um Rat. Sie fragen: Ist die Kamera mit Wasser in Berührung gekommen? Ist sie dir hingefallen? Da ich beides nicht mit Sicherheit verneinen kann und die Kamera in die Jahre gekommen ist, wird das geraten, was man in solchen Fällen rät: neue kaufen.

 

Nach Unterricht und Mittagessen machen wir einen wenig ergiebigen Spaziergang ins Zentrum, vorbei an dem Haus, in dem Astrid Lindgren wohnte und vorbei an einem monumentalen Denkmal der Gewerkschaftsbewegung und hin zu einem großen, modernen Modell des heutigen Stockholm im Kulturhuset, an dem moderne Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur dargestellt werden. Das alles führt nur dazu, dass ich Zeit verliere, um vielleicht doch noch vor der Besichtigung des Dramaten eine neue Kamera zu kaufen. Das schlägt natürlich fehl. Ich gehe erst ins NK, einem riesigen Warenhaus ganz in der Nähe des Kulturhuset, aber da gibt es keine Kameras. Dann versuche ich es aufs Geratewohl in der Gegend ums Hotel. Nichts. Überall nur Klamottenläden und Fressbuden. Dann versuche ich, im Hotel Auskunft zu bekommen und werde an die Galerie ganz in der Nähe, am Stureplan, verwiesen. Da gibt es lauter exquisite Dinge zu kaufen, aber keine Kameras, und selbst wenn es irgendwo Kameras gibt, sind die vermutlich nicht erschwinglich. Also gebe ich es auf und gehe zum Dramaten, ganz in der Nähe des Hotels.

 

Während ich auf die Führung warte, fällt mein Blick auf Ankündigungen für die nächste Spielzeit: Da gibt es Den girigeDer Geizige von Moliere, Två herrars tjänare - Diener zweier Herren von Goldoni und En handelsresandes död – Tod eines Handlungsreisenden von Miller. Bei dem fällt mir das Photo des Hauptdarstellers auf. Ich kenne den irgendwo her. Aber woher? Warum sollte ich überhaupt einen schwedischen Schauspieler kennen? Dann fällt es mir auf einmal ein: Er ist Kurt Wallander aus der Verfilmung der Romane von Henning Mankell.

 

Bei der Führung ist es diesmal umgekehrt wie in der Oper: Die Schweden sind in der Mehrzahl, und wir bekommen fast eine Privatführung.

 

Das Dramaten, eigentlich Kungliga Dramatiska Teatern, ist das Gegenstück zur Oper. Beide sind Repertoirebühnen, beide sind staatlich finanziert – wenn ich das richtig verstanden habe, die einzigen in Schweden – und beide stammen aus der gleichen Zeit, aber hier gibt es Schauspiele, dort Oper und Ballett.

 

Auch das Dramaten wurde von dem Theaterkönig, Gustav III., gegründet (1788), aber das jetzige Haus, das besterhaltene Art Nouveaux-Gebäude Stockholms, stammt vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Vorher war das Dramaten im Schloss. Da ist jetzt eine finnische Kirche!

 

Das Theater wurde eingeweiht mit Strindbergs Meister Olof, einem Stück über den schwedischen Reformator, bei dem schon die Wahl des Titels, Mäster Olof, von Bedeutung ist. Man kannte und kennt Olof Pedersen eher unter dem latinisierten Namen Olaus Petri. Er hielt nicht nur gegen den Willen des Bischofs eine Messe in Strängnäs, sondern hielt den Gottesdienst zum allgemeinen Entsetzen auch noch auf Schwedisch! Der König war klug genug, auf Olof aufmerksam zu werden und ihn zum Werkzeug der Reformation zu machen.

 

Der Zuschauerraum erinnert an die Oper, und man merkt deutlich, dass man sich an der Oper orientieren, aber sie auch übertreffen wollte. Das ist gelungen. Es ist auch größer, mit 1720 Plätzen. Auch hier gibt es die königliche Loge und eine gegenüberliegende Loge für andere Wichtigkeiten.

 

Der Raum ist in Blau und Gelb gefasst. Das war anfangs auch so, aber dann gab es Einwände: Blau sei eine kalte Farbe, und passe nicht zu der Kleidung und der Haut der Besucherinnen! Also Blau und Gelb wurde also Rot. Und daraus später wieder Blau und Gelb.

 

Es gab von vornherein elektrische Licht, aber keine Lampenschirme. Die Glühbirnen, eine Neuerung, sollten zur Geltung kommen! Ein ganz modernes Konzept, aber nur geboren aus dem Antrieb, anzugeben.

 

Ingmar Bergmann war hier Intendant, ein schwieriger Mensch, wie es heißt, Perfektionist, eigenwillig, und mit einem unberechenbaren Temperament. Und hartnäckig. Er setzte durch, dass die Gehälter der Schauspieler um 40% erhöht wurden. Die Schauspieler wurden jetzt genauso gut bezahlt wie ein Geistlicher. Er leitete auch die hauseigene Schauspielschule. Hier lernten auch Greta Garbo und Ingrid Bergmann das Handwerk. Später löste Bergmann die Schauspielschule auf zugunsten von mehreren staatlichen Schauspielschulen, die noch heute existieren.

 

Von mehreren Hundert Absolventen werden jedes Jahr gerade mal 8-12 ausgewählt, die dann Schauspieler werden können. Schweden hat ein Überangebot an Schauspielern, obwohl deren Durchschnittsgehalt (1800 Euro) unter dem allgemeinen Durchschnittsgehalt liegt (2600 Euro).

 

Wir gehen weiter ins Foyer. Dort zeigt ein Deckengemälde drei Personen, durch entsprechende Embleme gekennzeichnet. Den Schriftsteller (mit Feder), den Zuschauer (mit Opernglas) und einen Mann mit Schwert. Das ist der Kritiker.

 

Dann kommen wir in den ehemaligen Schulungsraum. Er hat große Spiegel an den Seiten, damit man sich selbst beim Tanzen oder Fechten beobachten konnte. Heute ist dies die Kleine Bühne.

 

Wir kommen später noch einmal in den Zuschauerraum zurück und sehen vom oberen Rang nach unten. Schwindelerregend. Und wir gehen auch auf die Bühne. Dort erfahren wir, dass es eine eigene gesetzliche Ausnahmeregel für Theater gibt. Über der Bühne schweben nämlich Geräte, die die normalerweise (aus Sicherheits-gründen) zulässige Gewichtsgrenze überschreiten.

 

Vorher aber gehen wir in die Kleiderkammer. Das ist der Höhepunkt des Besuchs. Wir sehen lange Reihen von wohl geordneten Kleidern und lange Regale von Schuhen, insgesamt 10.000. All das wird eigens angefertigt, und komischerweise relativ selten wieder eingesetzt. In gewissen Intervallen findet eine Auktion statt, in der ein Teil abgegeben wird. Viele wollen ein ganz bestimmtes Kostüm erwerben, auch wegen der Etikette, die für jedes Kostüm den Namen des Schauspielers samt Titel und Saison angeben.

 

Wir sehen ein Kostüm der Königin Christina und werden gefragt, wo der Stoff wohl herkomme. Eine der Teilnehmerinnen kommt tatsächlich auf die Antwort: Bettlaken von IKEA, zwei verschiedene, übereinander genäht.

 

Wir dürfen auch an den Kostümen riechen. Und  feststellen, dass sie, auch Jahre später, noch einen intensiven Schweißgeruch haben. Und wir dürfen die Kostüme in die Hand nehmen. Und feststellen, wie schwer die Kostüme sind. Das der Maria Stuart wiegt an die 10 Kilo. Man kann es mit einer Hand kaum halten. Und wir dürfen anfassen. Und feststellen, dass die meisten Kostüme rau sind. Sie werden mit Schmirgelpapier bearbeitet, um ihnen den Glanz zu nehmen und sie nicht zu neu aussehen zu lassen. Und lernen ein paar Tricks kennen: Wir sehen eine Art Laibchen, das Schauspieler tragen, die als fette Charaktere auf die Bühne gehen, aber schlank sind. Es ist mit einer gallertartigen Masse gefüllt, so dass das „Fett“ bei Bewegung so richtig natürlich wabbelt. Und dann einen eleganten Morgenrock. Erst einmal nichtssagend. Unter dem Kostüm ein zweiter Morgenrock, mit Rissen und Löchern. Der ist für eine Raufszene gedacht. Der Schauspieler trägt ihn unter dem anderen. Den zieht er, in einem Moment, in dem das Licht ausgeblendet wird, aus, wirft ihn hinter die Bühne und steht jetzt ganz „natürlich“ und gleichzeitig wirkungsvoll so vor auf der Bühne, wie man eben aussieht, wenn man sich gerauft hat. Und schließlich sehen wir ein schwarzes Jäckchen, das unregelmäßige graue und weiße Flecken und Streifen hat, aber nicht an allen Stellen, oben an der Schulter mehr als unten am Saum. Was soll das? Unter bestimmten Beleuchtungsbedingungen ergibt das einen optischen Effekt. Eine der Besucherinnen kommt darauf: Regen!

 

Als ich das Theater verlasse, fällt mir ein, dass ich vergessen habe, nach der Statue vor dem Theater zu fragen, der viel photographierten, modernen Skulptur eines Mannes, der ein kostümierter Schauspieler sein kann oder ein Stadtstreicher. Er steht auf der Höhe des Betrachters, auf dem Pflaster an der Ecke des Gebäudes, und hat eine blank geriebene Nase.

 

Am Abend bin ich dann wieder da, wo ich am Morgen gewesen bin: am Ort der Ermordung Olof Palmes. Dort mache ich mit der soeben erworbenen Kamera das Photo, das am Morgen nichts geworden ist.

 

Am Abend merke ich, dass mein neuer, kurz vor der Reise gekaufter Schlafanzug von der Marke Göteborg ist. Passt. In jeder Beziehung. Vergleiche verbieten sich eigentlich, aber ich tue es trotzdem. Stockholm ist größer und hat (noch) mehr zu bieten als Göteborg, aber ich würde Göteborg wegen des geschlossenen Stadtbildes dennoch auf eine Stufe mit Stockholm stellen. Mit anderen Worten: Stockholm hat sowohl schönere als auch hässlichere Ecken als Göteborg.

 

Stockholm liegt etwa soweit nördlich wie Tallin oder Oslo und nur wenig südlich von Petersburg und nördlicher als der nördlichste Zipfel Schottlands. Und es liegt etwa auf der Breite von Danzig.

 

Kurz vor dem Einschlafen fällt mir ein, dass der lange Weg ins Zentrum nach dem Unterricht doch nicht ganz umsonst war. Mitten in der Einkaufsstraße sehen wir ein junges Paar, das sich umarmt und küsst. Beide haben auf beiden Seiten des Kopfes das Haar abrasiert.

 

30. Juli (Samstag)

Wieder lasse ich mich durch die Wettervorhersage ins Bockshorn jagen und beschließe, das verregnete Wochenende in aller Ruhe in Stockholm zu verbringen und Bücher zu kaufen und Karten zu schreiben. Eine verpasste Chance. Statt des Anoraks kommt die Sonnencreme zu Einsatz. Dies wäre ein idealer Tag für die Schären gewesen.

 

Die Sache mit dem Bücherkauf gestaltet sich schwierig. Eine Kette, die sich bombastisch Akademibokhandeln nennt, hat fast nur Krimis. Akademische Krimis vermutlich. Nicht einmal Klassiker wie Strindberg sind vertreten. In Schweden! In der Hauptstadt! Mein erstes Buch kaufe ich am Ende in einer Bahnhofsbuch-handlung. Einen Krimi, Tre minuter, von einem Autorenduo geschrieben und von der Lehrerin empfohlen. Das Buch hat gerade einen britischen Buchpreis für Krimis bekommen. Ich habe gerade ein Buch von Stieg Larsson beendet, den ersten Band der vielgelobten Millennium-Serie. Ganz Stockholm ist voll davon, und es werden Stadtführungen auf den Spuren von Mikael Blomkvist angeboten. Mich hat das Buch enttäuscht. Nach all den euphorischen Stimmen und nach dem wundervollen Beginn mit dem rätselhaften Verschwinden einer jungen Frau hatte ich mehr erwartet. Aber dann zieht der Autor plötzlich einen Psychopaten aus dem Hut, der unter Anleitung seines Vaters und unter Mitwissen seiner Mutter Serienmorde begeht und Vergewaltigungen, auch an seiner eigenen Schwester. Das ist alles unmotiviert und lenkt nur von dem eigentlichen Fall ab, der sich dann auf ganz banale Weise auflöst. Darauf muss man aber 550 Seiten warten. Mikael Blomkvist ist eine Anlehnung an Kalle Blomkvist, und in der verschrobenen Lisbeth kann man eine Anleihe an Pippi Langstrumpf sehen.

 

Ich hole nach, was ich am letzten Wochenende verpasst habe, die Besteigung des Turms des Stadshuset. Das ist, allen Quellen zufolge, ein absolutes Muss eines Stockholmbesuchs.

 

Da man eine ganze Zeit warten muss – es werden immer nur 30 Personen eingelassen – kann ich mich noch ein wenig umsehen und entdecke Dinge, die ich vorher übersehen habe: einen vergoldeten Halbmond auf dem Dach des Gebäudes, ein großes blaues Holzpferd aus Dalarna (und im Souvenirshop eine unendliche Auswahl dieser klassischen Mitbringsel), einen Briefkasten, gelb, mit Posthorn, der auch von dem Architekten des Gebäudes entworfen wurde, und das golden glänzende Grabmal des Birger Jarl, des Gründers Stockholms, hinter dem Gebäude. Das Grabmal ist leer. Der Architekt hatte die Rechnung ohne die Mönche des Klosters Varnhem in Västra Götaland gemacht, die sich weigerten, seine sterblichen Überreste herzugeben. Da war das aufwändige Grabmal aber schon gemacht. Der Gründer Stockholms liegt also weiter im entfernten Västra Götaland begraben.

 

Und in dem Souvenirshop finde ich, ganz unten im Regal, verschämt, eine kleine Biographie von Alfred Nobel, nicht mehr als ein Heft, aber immerhin.

 

Vor allem aber kommt der Innenhof mit den Kolonnaden, durch die der Blick auf das Wasser und das gegenüberliegende Ufer fällt, bei dem Sonnenschein besonders gut zur Geltung.

 

Dann geht es auf den Turm. Der Aufstieg ist zwar nicht mühsam, da man oft Schrägen statt Treppen hat, zieht sich aber lange hin. Und es wird immer windiger.

 

Dann kommt man in eine Rotunde, wo Statuen ausgestellt sind, für die man aber keine Zeit hat. Nicht zu übersehen ist aber eine, vermutlich St. Erik darstellend, wegen ihrer schieren Größe. Wir gehen ihm nicht einmal bis zum Knie. Warum die Statue hier ausgestellt ist, bleibt aber offen.

Oben angekommen, werden die Kameras gezückt, und alles drängt sich auf einer Seite, nämlich der, die die Sicht auf Gamla Stan und auf Riddarholmen frei gibt. Der Rest ist nicht so malerisch. Was aber wichtiger ist: Der Turm ist nicht hoch genug. Die Sicht ist nicht weit genug, um Stockholms als Ensemble von Inseln zu sehen. Es sieht aus wie eine Stadt mit Fluss. Trotz aller Beteuerungen, wie unverzichtbar der Turmaufstieg ist: Er lohnt sich nicht so richtig.

 

Vom Stadshuset aus braucht man nur eine Brücke zu überqueren, um nach Riddarholm zu kommen. Die Riddarholmkyrkan mit ihrem schönen, durchbrochenen Turm zieht den Blick schon von weitem an. Wenn man dann rein kommt, ist man erst einmal enttäuscht: Die Kirche kann es weder mit der Storkyrkan noch mit der Tyska Kyrkan aufnehmen. Interessant ist sie aber, und wichtig für Schweden als Grablege der Könige.

 

Die Kirche war ursprünglich eine Franziskaner-Abtei und hatte als solches einen langen Chor und keinen Turm, sondern nur Dachreiter. Der heutige, so charakteristische Turm der Kirche gehört also gar nicht so richtig hierher und ist eine Zugabe des 19. Jahrhunderts.

 

Das Gebot der Einfachheit, das für die franziskanischen Kirchen galt, wird hier schon mal nicht so genau genommen. Das gilt z.B. für die schön ausgemalten Gewölbe mit vergoldeten Rippen. Das versteht man als eine Konzession an Magnus Ladulås, den einflussreichen Fürsten, der die Franziskaner förderte und entschied, hier begraben zu werden. Er liegt in der Krypta begraben, aber sein Grabdenkmal gleich darüber steht mitten im Chor. Die Tradition der Kirche als Grablege wurde später von Gustav II Adolf wieder aufgegriffen, und von da an wurden alle schwedischen Könige hier begraben, mit Ausnahme von Christina, die zum Katholizismus konvertierte und im Petersdom begraben liegt, als eine der ganz wenigen Frauen. Mit dieser Ausnahme hielt die Tradition dann bis fast in unsere Tage an, bis eine Königin, anlässlich einer Beisetzung hier in der Kirche, entschied, doch lieber draußen in der Natur, in Haga Park, begraben zu werden. Ihr Gemahl und alle seine Nachfolger taten das gleiche.

 

Heute ist die Ryddarholmkyrkan eine Mischung aus Kirche und Museum. Sie hat keine Gemeinde, wird aber von mehreren Gemeinden als Kirche benutzt, vor allem von katholischen Gemeinden. Der Orden wurde in der Reformation aufgelöst, und die Mönche mussten innerhalb eines Jahres das Kloster verlassen. Von dem ist nichts mehr übrig, fast nichts mehr. Allerdings vergrößerte man die Kirche um ein Schiff, indem man einen Teil des Kreuzgangs in die Kirche einbezog.

 

In verschiedenen Seitenkapellen, die meist später angebaut wurden, sind Angehörige der verschiedenen Dynastien begraben. Das größte Denkmal, in der Form einer überdimensionalen rundlichen Truhe, ist das von Karl XIV., dem ersten König der heutigen Dynastie. Vielleicht war er als nicht geborener Adeliger besonders erpicht darauf, seine Bedeutung unter Beweis zu stellen. Der blassrosa Sarkophag, aus Porphyr, das hier in der Gegend nicht erhältlich war, musste in Finnland hergestellt werden. Das dauerte acht Jahre. Dann brauchte man für den Transport sechs Jahre, da lange das richtige Klima ausblieb, um ihn auf Schienen über Eis zu transportieren. Und als er dann endlich hier ankam, passte er nicht durch die Kirchentür. Man stellte ihn also da auf, wo er jetzt steht und baute die Kapelle dann um ihn herum.

 

Einer der Sarkophage wurde kürzlich geöffnet, nach langem Widerstand durch die zuständigen Stellen. Es geschah auf den Wunsch von Historikern. Es geht um Karl XII., den letzten König, der auf dem Schlachtfeld fiel. Er wurde von einer Kugel getroffen. Es ging darum, durch die Beschaffenheit der Kugel und das Material, aus dem diese bestand, festzustellen, ob der König vom Feind oder, wie auch angenommen wurde, aus den eigenen Reihen, getötet wurde. Bisher deuten die Untersuchungen darauf hin, dass es eine norwegische Kugel war, die ihn traf.

 

Der eigentlich ganz schöne, unregelmäßige Platz vor der Kirche liegt etwas verlassen da. Das ist schade. Er ist in doppeltem Sinne leer: Die Touristen drängeln sich gegenüber in Gamla Stan; hier kommt allenfalls mal eine Reisegruppe vorbei. Und auf dem großen Platz steht eine einzige Statue, die von Birger Jarl. Auf der schräg gegenüberliegenden Seite liegt der Wrangel-Palast. Da wohnte die königliche Familie, nachdem Tre Kronor, das alte Schloss, abgebrannt war. Keine schlechte Unterkunft für Obdachlose.

 

Ausgerechnet in dieser Gegend sehe ich zum ersten Mal einen Bettler. Genau genommen ist er gar kein Bettler. Jedenfalls bettelt er nicht. Er durchsucht, mit einer großen Plastiktüte bewaffnet, die Abfallkörbe. Hartz V. Ein Stadtstreicher? Ein Obdachloser? Ein Clochard? Das scheint alles nicht auf ihn zuzutreffen. Er geht etwas gebückt, aber er wirkt würdevoll.

 

Am Abend mache ich noch mal einen Versuch, eine Buchhandlung  zu finden. Im dem etwas veralteten Heft über Nobel ist von Sweden Books die Rede. Ich fahre zu der angegebenen Adresse am Hamngatan. In dem genannten Eckhaus befindet sich Max. Eine Hamburgerkette. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Es gehört auch Fleisch dazu.

 

Wo ich schon einmal da bin, gehe ich den Kungsträdgården hinunter, eine breite Allee mit einem Park mit Ständen und Hüpfburgen. Wenn man das Ende des Kungsträdgården erreicht, ist man mitten in Stockholm. Vor einem liegt  Strömmen. Hier vereinigt sich das Salzwasser der Ostsee mit dem Süßwasser des Mälaren. Dort liegen Boote und einige größere Schiffe. Gleich links davon, erhöht, steht das riesige Nationalmuseum. Vor einem, geradeaus, hinter Strömmen, liegt Gamla Stan mit dem Schloss, und dahinter erhebt sich die Insel Södermalm. Gleich rechts von einem liegt die Oper. Die zeigt einem, wie das Schloss, ihre Hinterseite. Gustavs Oper brannte 1825 ab. Während einer Vorstellung! Das Publikum entkam ohne Schaden, aber drei Arbeiter kamen uns Leben. Das Gebäude, das wir jetzt sehen, ist der Neubau vom Anfang des 20. Jahrhunderts.

 

Der Kungsträdgården war ursprünglich der königliche Küchengarten. Das erklärt seine Lage in der Nähe des Schlosses, aber hinter dem Schloss. Er wurde dann (XV) in einen königlichen Park umgewandelt. Und dann in einen Paradeplatz. Der Adoptivsohn Karls XIII., eine begeisterter Militär, wollte einen Aufmarschplatz für seine Soldaten haben, gleich in der Nähe des Schlosses. Er ließ alle Büsche, Bäume und Blumen entfernen und verwandelte den Platz in eine Wüste. Mitten in dieser Wüste stand nur noch das Denkmal Karls XII., der dem Platz seinen Namen gibt. Das Denkmal wurde aus Anlass des 150. Todestages des Königs geschaffen. Karl XII. war, wenn ich mich richtig erinnere, der letzte schwedische König, der in einer Schlacht fiel. Um das Denkmal herum gruppieren sich vier große bronzene Vasen, die er von einem Beutezug mitbrachte. Sie stammen aus Dresden. Das Denkmal sieht ganz harmlos aus, war aber heftig umstritten: Darf man einen König barhäuptig darstellen? Sind die Stiefel nicht völlig unförmig? (Ja, das sind sie). Und warum zeigt der König mit dem Finger ausgerechnet nach Osten, zum Erzfeind, nach Russland? Tatsächlich kann man im Nachhinein die Polemik verstehen, wenn man überlegt, wie wenig „königlich“ die Statue ist. Es könnte sich genauso gut um einen Wissenschaftler handeln.

 

Gleich hinter dem Denkmal befindet sich eine Teestube. Sie wurde 1953 zum 700. Stadtjubiläum eingeweiht. Sie wird von einer Gruppe mächtiger Ulmen umrahmt, und die waren auch Gegenstand einer Protestbewegung. Sie sollten nämlich zugunsten eines U-Bahn-Eingangs gefällt werden. Das löste eine Bürgerbewegung aus, die als Prototyp solcher Bewegungen in Schweden gilt. Und Erfolg hatte. Die Ulmen stehen noch.

 

Auf einem Parkplatz sehe ich zwei Männer in ihre Autos steigen. Der eine sagt zum anderen: Jag följer dig – Ich folge dir. Alles verstanden. So schnappt man auf der Straße doch das eine oder andere auf. Davon ist zwar nichts richtig neu, aber in dieser Kombination und in einer authentischen Situation bin ich dem Satz noch nicht begegnet. So ähnlich auch dieser Tage in Skansen, wo eine Mutter ihrem Kind hinterherrief: Kom tillbaka! – Komm zurück! Auch der Aufzug im Hotel bemüht sich um meine Sprachkenntnisse. Bei jedem Aussteigen kündigt er an: Tredje våningen – Dritter Stock. Das müsste ich bis zum Ende der zwei Wochen gelernt haben. Vielleicht nutzt es ja was. Anders ist es bei der Metro. Da gibt es einen Warnhinweis vor dem Aussteigen, aber den verstehe ich einfach nicht, trotz der ständigen Wiederholung. Auch die Aussprache einiger Wörter fällt mir auf, zum Beispiel, als das Mädchen an der Rezeption auf meine Frage das Wort kameran wiederholt. Da liegen Welten zwischen ihrer und meiner Aussprache.

 

Ich habe mir schon immer vorgenommen, eine Liste von Wörtern zu erstellen, die wirklich wichtig sind. Das stellt man am besten fest, wenn man stecken bleibt. Jetzt beginne ich diese Liste. Meine ersten drei Einträge: dieser Tage, wegen und umgekehrt. Dagegen sind prototypische Substantive in normalen Gesprächen eher selten. Deshalb greifen auch die Versuche nicht, die eigene Wohnung mit Etiketten zu bestücken, die die Gegenstände in der Fremdsprache benennen: Türklinke, Zahnbürste, Glühbirne. Von denen spricht man eigentlich nur, wenn man sie nicht hat oder sie kaputt sind.

 

Am Abend habe ich dann Gelegenheit, mir das Heft über Nobel anzusehen. Der Name Nobel ist die verkürzte Form von Nobelius, und das wiederum ist die latinisierte Form von Nöbbelöv, einem Ort in Skåne, in Südschweden. Daher stammte die Familie ursprünglich. Das erklärt den ungewöhnlichen Namen Nobel.

 

Zum ersten Mal höre ich, dass Nobel seine prägenden Jahre in Petersburg verbrachte. Dahin war der Vater gezogen, nachdem seine Firma in Schweden bankrott gegangen war. In Petersburg gründete er eine Firma für Tretminen und hatte Erfolg. Daraufhin holte er auch seine Familie nach Petersburg, die sich dort einen großbürgerlichen Lebensstil leisten konnte. Dazu gehörte auch Privatunterricht für die Söhne, zu Hause, von führenden Experten in ihrer Disziplin erteilt. Nobels Lieblingsfach war von Beginn an Chemie, aber er lernte auch fünf Sprachen. Da sind wichtige Weichen gelegt, für den Experimentator und für den Weltbürger. Aber auch in dem Erfolg des Vaters, der mit Kriegsmaterialien sein Geld verdiente. Und wieder einpacken musste, als der Krimkrieg zu Ende ging. Die Eltern gingen nach Schweden, die Söhne blieben zurück. In dieser Situation kamen sie auf die Idee, Experimente mit Nitroglyzerin durchzuführen. Schon sein Entdecker, ein Italiener, hatte vor dem Stoff gewarnt. Der habe eine ungeheure Sprengkraft, und er sei nicht zu beherrschen. Die Experimente führten schließlich zu der Gewinnung eines Sprengstoffs, den Nobel Sprengöl nannte, das spätere Dynamit. Dass man den Stoff aber noch längst nicht beherrschte, zeigte dann der tragische Unfall in Stockholm, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen, darunter ein Bruder Nobels. Und dann spielte die Geschichte verrückt: Das war nicht etwa Abschreckung, sondern beste Propaganda: Es gab keinen Zweifel mehr daran, dass das Zeug Wirkung hatte. Nach weiteren Verbesserungen bekam Nobel für seine Entdeckungen einen Preis der Schwedischen Akademie für Wissenschaften, für „wichtige Entdeckungen, die für die Menschheit von Nutzen sind“, eine Formulierung , die sich später ganz ähnlich bei den Nobelpreisen wiederfindet.

 

Danach zeigte sich ein weiterer Charakterzug Nobels. Er war auch ein cleverer Geschäftsmann. Er schlug Kapital aus seiner Erfindung und leitete am Ende einen Konzern mit Verzweigungen bis nach Aserbaidschan und Beteiligungen an allen möglichen Projekten wie dem Bau des ersten Öltankers der Welt. Nobel war am Ende seines Lebens steinreich.

 

Die Idee, das Geld zu stiften, hatte er schon lange verfolgt und hatte sein Testament mehrmals umgeschrieben, um verschiedene Formulierungen gegeneinander abzuwägen. Am Ende stand ein Text, der auf ein Blatt Schreibmaschinenpapier passen würde. Mit der Stiftung machte er sich  allerdings nicht nur Freunde: Einige Verwandte fochten das Testament an, andere beklagten, dass auch Ausländer den Preis erhalten konnten, und wieder andere kritisierten die Stiftung eines Friedenspreises durch jemanden, der sein Geld mit Kriegsmaterialien gemacht habe. Solche Diskussionen hatte er auch mit Bertha von Suttner. Er behauptete aber, seine Fabriken würden eines Tages die Kriege eher beenden als ihre Friedenskongresse. Zwei gleich starke Armeen könnten es sich nicht leisten, sich gegenseitig anzugreifen. Eine frühe Formulierung des Prinzips des Gleichgewichts der Kräfte.

 

Bertha von Suttner hatte er als Sekretärin eingestellt, und sie gefiel ihm auch als Frau. Sie kündigte aber bald wieder, um zu heiraten – einen anderen. Nobel blieb sein ganzes Leben unverheiratet.

 

Genauso wenig wie Petersburg hatte ich im Zusammenhang mit Nobel San Remo auf der Rechnung. Dort lebte er die letzten Jahre und dort starb er. Begraben ist er aber wohl in Stockholm, auf dem Norra Begravningsplatsen.

 

Mir bleibt vor allem eine Formulierung in Erinnerung: „Jede Wissenschaft gründet auf der Beobachtung von Ähnlichkeiten und Unterschieden.“ Kürzer kann man es nicht sagen.

 

31. Juli (Sonntag)

Stockholm ist in der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO dreimal vertreten. Kaum jemand könnte sie auf Anhieb nennen. Weder die Vasa noch die Gamla Stan gehören dazu, und auch die Schären nicht. Es sind Drottningholm, die Residenz der Könige, Birka, der ehemalige Standort der ältesten schwedischen Stadt, und  Skogskyrkogården, der ‚Waldfriedhof‘. Da fahre ich heute hin.

 

Der Skogskyrkogardan liegt etwas außerhalb des Zentrums. Bei der Fahrt dorthin wird es etwas ländlich, und man sieht ein paar typisch schwedische Holzhäuser.

 

Die Bahnstation hat eine kuriose Skulptur. Ein mächtiger Holztisch, umgeben von zwei mächtigen Holzsesseln. Vermutlich dienen sie auch als Sitzgelegenheit.

 

Der Skogskyrkogården ist kein Museum, sondern ein funktionierender Friedhof. Die Führungen sind deshalb sonntags, weil hier während der Woche mächtig Betrieb ist. Wir werden geführt von einer dicken, burschikosen Schwedin, mit Socken in Sandalen, die so gut Englisch spricht, dass ich zuerst glaube, sie sei Engländerin.

 

Die Anlage des Friedhofs geschah aus zwei Gründen, einem praktischen und einem ideologischen: Die Bevölkerungszahl war gewachsen, die hygienischen Verhältnisse hatten sich verschlechtert. Reisende schrieben nach Hause und klagten über den unsäglichen Gestank der Stockholmer Innenstadt.

 

Der erste Friedhof außerhalb der Innenstadt war im Norden entstanden, der zweite hier, auf der gegenüberliegenden Seite der Bahn. Als das immer noch nicht reichte, schrieb man 1915 einen Wettbewerb für diesen neuen Friedhof aus. Er wurde von zwei schwedischen Architekten gewonnen, die noch nicht einmal 30 waren, Gunnar Asplund und Sigurd Lewerentz. Die Vorgabe war, dass es möglichst wenige Eingriffe in die Natur geben solle.

 

Tatsächlich gibt es einige Eigenarten, die ihre Inspiration in der Romantik haben und auch in einem Englischen Garten zu finden wären: ungerade Wege, unebenes Gelände, Wechsel von offenen und geschlossenen Plätzen und vor allem viel Natur. Die Gebäude kommen erst in Sicht, wenn man den Hügel hinaufsteigt. Auch die mit unregelmäßigen Steinplatten gepflasterten Wege über die Grasfläche scheinen sich der Natur anzupassen. Von oben sieht man auf einen inneren Ring von Laubbäumen und einen äußeren von Nadelbäumen.

 

Wir besuchen zwei Kapellen, eine ältere und eine jüngere. Die ältere ist eine Holzkapelle, von Sigurd Lewerentz in den Zwanzigerjahren geplant. Sie liegt im Wald. Den Wald betritt man kurioserweise durch ein Tor. Das Tor hat ein Steinrelief mit einer lateinischen Inschrift, die kurz und bündig und nicht allzu subtil ist: Hodie mihi, cras tibi – Heute ich, morgen du.

 

Das Dach der Kapelle formt ein Dreieck, der Innenraum ist aber ein quadratischer Rundbau, d.h. die Grundfläche ist quadratisch, aber in das Quadrat ist ein Rundbau mit einer Kuppel eingefügt. Es wirkt wie ein Zitat des Pantheons. Alles ist aus Holz, aber nichts sieht so aus, als wäre es aus Holz, am wenigsten die Säulen. Die Säulen scheinen Schäfte zu haben, aber das ist eine optische Täuschung.

 

Es gibt nur ganz wenige christliche Symbole. Hier kann jeder begraben werden. Der Friedhof und das Gelände gehören der Stadt Stockholm, nicht der schwedischen Kirche.

 

Die andere Kapelle ist etwa 20 Jahre jünger und viel größer. Man betritt sie durch ein enges Tor und verlässt sie durch ein weites Tor. Symbole des Todes sind hier kaum vertreten, eher Motive, die einen Zyklus andeuten wie ein Wandgemälde mit den vier Jahreszeiten. Besonderen Wert legten die Architekten auf die Gestaltung des Bodens, bei Trauerfeiern oft Ziel der Blicke. Die grauen Steinplatten scheinen Fäden zu haben, und an einigen Stellen sind regelrechte Teppiche in den Stein eingewirkt.

 

Die Kapelle ist Teil des beherrschenden Baukomplexes des Friedhofs, der außerdem das Krematorium und eine Säulenhalle umfasst, alles eine Gemeinschaftsarbeit der beiden Architekten. Es kam im Laufe der Entstehung des Baus zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen der Stadt Stockholm und Lewerentz, einem eigenwilligen Mann, einem Perfektionisten, einem Architekten mit sehr „radikalen“ Konzepten und mit ständiger Präsenz auf der Baustelle, um die minutiöse Ausführung der Pläne zu überwachen. Die Stadt Stockholm stellte schließlich Asplund, der sowohl von seiner Persönlichkeit her als auch als Architekt eine „weichere“ Alternative war, vor die Wahl: entweder alleine weiter machen oder hinschmeißen. Er entschied sich fürs Weitermachen und damit für die Beendigung der Zusammenarbeit und der Freundschaft mit Lewerentz, der Stockholm verließ und andere Projekte verfolgte. Es kam nicht mehr zur Aussöhnung der beiden.

Asplund starb 1940 und wurde hier begraben. Er war einer der ersten, die hier kremiert wurden. Die Kremation war in Schweden bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts verboten. Heute hat Stockholm eine Rate von 94%, Schweden insgesamt eine von 50%.

 

Dann sehen wir noch ein Gräberfeld, eines von vielen: Es gibt insgesamt 95.000 Grabstätten hier. Es gibt – und das unterscheidet den Friedhof von den anderen Friedhöfen Stockholms – keine Unterschiede, d.h. man kann sich nicht mit mehr Geld ein größeres oder prächtigeres Grab besorgen. Die Gräber haben eine einfache Steinplatte und ein kleines Feld für Bepflanzungen, nicht größer als die Steinplatte.

 

Nach langen und kontroversen Diskussionen wurde dann doch eine Ausnahme gemacht. Ein Grab, auf einer kleinen Anhöhe gelegen, ist größer und von den anderen abgesondert. Hier liegt Greta Garbo begraben.

 

Bei der Rückkehr sehe ich in der Metro eine junge Frau vor der Rolltreppe stehen. Sie hebt den Fuß und dann senkt sie ihn wieder. Erst glaube ich, es wäre eine Art Spiel, aber dann merke ich, dass sie behindert und ihr die Rolltreppe einfach zu schnell ist. Sie muss den richtigen Moment abpassen, den Fuß aufzusetzen. Ich weiß nicht, was ich tun soll, und tue genau das Falsche. Ich frage, ob ich helfen kann, gehe aber selber auf die Rolltreppe und kann dann gar nicht mehr helfen. Sie sagt aber freundlich nein, entscheidet sich dann und steht sicher auf der Rolltreppe. Sie geht dann sogar an mir vorbei und bedankt sich. Oben stehen ihre Freunde und warten auf sie. Ob die nicht bemerkt haben, was mit ihr los war? Sie waren vermutlich ins Gespräch vertieft. Oben angekommen, reagiert die Frau auf die fragenden Gesichter, indem sie vormacht, was schief gegangen ist.

 

1. August (Montag)

Als ich in den Bus einsteige, muss ich feststellen, dass meine Fahrkarte ungültig ist. Sie ist abgelaufen. Glücklicherweise gibt es gleich an der Haltestelle einen Fahrkartenautomaten. Der war mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen. Ein hervorragender Service. Ob es den an allen Haltestellen gibt?

 

Jetzt, wo ich im Skogskyrkogården gewesen bin, achte ich zum ersten Mal auf das Gebäude der Stadtbibliothek, auch von Gunnar Asplund. Das Gebäude gilt als sein bekanntestes, und jetzt kommt es mir mit seiner zylindrischen hohen Halle – ursprünglich wollte Asplund eine Kuppel – auch irgendwie bekannt vor.

 

Heute beginnt der Einzelunterricht. Die Lehrerin heißt Maria, ist  Kunstkonservatorin gewesen und jetzt Religions- und Schwedischlehrerin. Sie ist gut vorbereitet, bietet Alternativen an, korrigiert und gibt Hausaufgaben. Eine andere Welt. Nach zwei Stunden bin ich müde und zufrieden.

 

Maria kann mir auch gleich die Statue vor dem Theater erklären. Sie stellt keinen Schauspieler und erst recht keinen Vagabunden dar, sondern Margareta Krook, eine Charakterschauspielerin. Am Abend fahre ich gleich noch mal hin und muss mir selbst einen Knick in der Optik attestieren. Natürlich ist es eine Frau. Und dass es einen Bezug zum Theater gibt, sollte durch den Standort klar genug sein.

 

Nach dem Unterricht geht es mit der U-Bahn zum Reichstag. Unterwegs merke ich, dass ich mal wieder einen Kamm verloren habe. Als ich aussteige, ruft jemand hinter mir Ürsäkta! Ich drehe mich um und sehe ein ganz kleines Mädchen hinter mir. Sie hat meinen Kamm in der Hand und reicht ihn mir.

 

Das Reichstagsgebäude ist groß, riesengroß, und ich finde den Eingang nicht. Der Haupteingang ist geschlossen, und es gibt auch niemanden, den man fragen könnte. Ich gehe einmal um das Gebäude herum, ohne Resultat. Dabei bin ich sicher, dass um 12 Uhr eine Führung stattfindet. Ich versuche es an ein paar anderen Stellen. Nichts. Dann fällt mein Blick auf eine Polizistin. Die zeigt mir sofort den Eingang: im gegenüberliegenden Gebäude. Das hat seinen Grund. Der Reichstag lag ursprünglich auf Riddarholmen. Als das Gebäude dort zu klein wurde, zog man hierher um. Als dann auch dieses Gebäude zu klein wurde, kaufte man das gegenüberliegende Gebäude, das der Reichsbank, ein Gebäude mit einem charakteristischen Halbkreis, hinzu. Jetzt befindet sich der Reichstag also in zwei Gebäuden. Ich war um das falsche herumgelaufen.

 

Der Eintritt ist umsonst. Das ist neu. Und man wird auf gefährliche Gegenstände durchsucht. Auch das ist neu. Bisher bin ich in alle Museen und auch in die Stadtbibliothek mit Rucksack hineingekommen.

 

Wir sind eine sehr internationale Gruppe und werden von einem Mann geführt, der ein bisschen zu selbstbewusst ist. Mit dem Aufzug geht es nach oben, wo wir, auf der Fläche vor dem Eingang zum Plenarsaal, einen wunderbaren Blick auf Stockholm und auf die gegenüberliegenden Regierungsgebäude haben, darunter das Außenministerium, das Kabinettsgebäude und den Sitz des Premierministers. Die Chinesinnen, während der gesamten Führung schweigsam, rufend bewundernd „Oh, oh“, als das Wort Premierminister fällt. Es kann kaum eine Kultur auf der Welt geben, für die der Kommunismus so ungeeignet ist wie für China.

 

Dann geht es in den Plenarsaal. Er ist halbkreisförmig, wie bei uns, aber die Sitze sind nicht nach Parteizugehörigkeit zugeteilt, sondern nach Wahlkreis. Parallele und Unterschied gleichzeitig zwischen Deutschland und Schweden, nicht das einzige Mal, das mir das auffällt.

 

Auch hier wird alle vier Jahre gewählt, aber an einem festen Datum – dem dritten Sonntag im September – und zwar alles in einem Abwasch: Bund, Land (vor allem für Gesundheit, Erziehung und Verkehr zuständig) und Kommune. Danach hat man vier Jahre Ruhe. Das hat Vorteile: Berechenbarkeit und Politik ohne Rücksicht auf bevorstehende Wahlen.

 

Die Wahlbeteiligung liegt bei 84%. Der Norden wählt eher links, der Süden eher rechts, die großen städtischen Ballungsräume eher Mitte-Rechts.

 

Es gibt 349 Sitze. Der Plenarsaal wirkt deutlich übersichtlicher als bei uns, trotz des nicht allzu großen Unterschieds. Gegenwärtig sind 8 Parteien vertreten. Fast die Hälfte der Abgeordneten sind Frauen. Das wird hier zu Recht gewürdigt. Das repräsentiere die Bevölkerung. Berufe, die oft vertreten sind, sind Lehrer, Krankenschwester und Journalist. Hier wird die Frage der Repräsentativität nicht angesprochen. Und von Zuwanderern ist erst gar nicht die Rede.

 

Im Moment gibt es eine Minderheitsregierung, und das ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Die meisten Abstimmungen fallen dennoch deutlich aus. Wir sehen auf der elektronischen Tafel das Ergebnis der letzten Abstimmung, ungefähr 270:20. Das Prinzip, das hier sehr hoch gehalten wird, ist das der Konsensdemokratie. Man spricht so lange, bis man eine vernünftige und einigermaßen einvernehmliche Lösung gefunden hat. So heißt es jedenfalls.

 

Alle Abstimmungen sind öffentlich, und man kann an der Abstimmungstafel genau nachverfolgen, wer wie abgestimmt hat.

 

Wir werden dann weiter durch das Gebäude geführt, das im Gegensatz zu dem Plenarsaal einen schlossartigen Charakter hat, mit Marmortreppen und hohen, überkuppelten Räumen (wie dem Sitzungssaal der Konservativen, den wir besichtigen). Wir kommen zum Haupteingang. Der ist in der Regel geschlossen und wird meist nur für die Parlamentseröffnung durch den König im September geöffnet. Es ist das einzige Mal, dass der König das Parlament betritt.

 

Der große Gang führt auch zum ehemaligen Saal der 2. Kammer, die 1971 abgeschafft wurde. Irgendwer fragt nach den Gründen, aber unser Führer tut das als etwas belanglose Frage ab. So sei das eben. Die Dinge änderten sich eben. Es gebe ja auch kein Vierständeparlament mehr wie früher. Dann merkt er selbst, dass das keine befriedigende Antwort ist und sagt, es sei geschehen, um mehr Demokratie zu haben. Das ist natürlich auch keine befriedigende Antwort.

 

Am Ende sehen wir noch einen Ausschussraum mit Holzpaneele und einer alten Bibliothek. In den meisten Fällen käme man auch hier zu einer einstimmigen Lösung. Das ist allerdings auch in Deutschland so, aber das geht im Theaterdonner, die die deutsche Politik produziert, meist unter.

 

Wie fast alle hier, spricht der Führer sehr gutes Englisch. Vor allem kann man auch einen Busfahrer oder eine Verkäuferin an der Kasse im Supermarkt fragen, man bekommt immer eine Antwort. Erst im Laufe der nächsten Tage, da ich immer wieder schwedisches Englisch höre, merke ich nach und nach, welche Abweichungen immer wieder auftreten. Einige davon sind spezifisch schwedisch, andere könnten genauso gut deutsch sein könnten: *people knows,* we have this since 1970, *how it looks like, *if you would see this, *the today’s palace. Auch Sweden klingt sehr schwedisch, so wie Germany sehr deutsch klingt, wenn Deutsche es sagen. Das Merkmal per excellence ist aber das stimmlose /s/. Das steht sowohl für das stimmlose als auch für das stimmhafte. Es wird nicht unterschieden, ebenso wenig wie im Schwedischen.

 

Vom Parlament gehe ich zur Touristeninformation und versuche, durch meine Lehrerin angestachelt, endlich mal auf Schwedisch zu fragen. Es klappt, indem ich von vornherein ankündige, dass ich es nicht spreche. Mir wird empfohlen, für die Fahrt in die Schären eine ganz normale Fähre zu nehmen.

 

Im Anschluss versuche ich es auch im Konserthus auf Schwedisch. Resultat: Ich werde gefragt, ob ich Holländer sei.

 

Dann stelle ich verblüfft fest, dass die Führung hier auch auf Schwedisch ist. Mir ist etwas mulmig, aber ich will keinesfalls Aufsehen erregen. Ich kann mich aber nicht in der Masse verstecken, denn außer mir nimmt nur noch eine finnische Frau teil, die sehr gut Schwedisch spricht. Es geht los, und ich bin völlig überrascht, als ich merke, dass es geht. Nicht gut, aber es geht. Das verdankt sich vor allem der glasklaren Aussprache der Führerin. Außerdem sagt sie lauter offensichtliche Dinge, im wahrsten Sinne des Wortes. Man kann sehen, was sie sagt. Das war im Strindberg-Museum ganz anders. Leider geht man nach der Hälfte der Führung aus falsch verstandener Rücksichtnahme auf Englisch über.

 

Man macht es sich kaum klar: Das Konserthus ist gerade mal ein paar Jahrzehnte jünger als Operan oder Dramaten. Aber es wirkt wie aus einer anderen Welt. Operan und Dramaten könnten, wenn man nicht zu genau hinsieht, auch 200 Jahre älter sein als sie sind, aber das Konserthus ist definitiv 20. Jahrhundert. Erst vor diesem Hintergrund sieht man, wie modern es gewirkt haben muss. Man wollte alles Hergebrachte hinter sich lassen. Das reicht eigentlich schon als Erklärung dafür, dass das Gebäude blau ist, nicht gerade eine typische Farbe für Häuser, noch weniger für Konzerthäuser, am allerwenigsten der bizarre Blauton, den man hier gewählt hat, weder richtig himmelblau noch stahlblau noch violett, aber irgendeine Mischung daraus.

 

Die Stimmung nach dem 1. Weltkrieg war demokratiefreundlich. Das sollte sich auch in der Architektur niederschlagen, die Anlehnungen an die attische Demokratie machte, also klassische griechische Motive aufgriff. Ob die Vorstellung von Demokratie in Athen tatsächlich berechtigt ist, spielt keine Rolle. Der Eingang hat klassische Säulen, im Deckengemälde des Eingangs erscheinen Zentauren, und die Lampen sehen aus wie griechische Öllampen.

 

Zu dem demokratischen Gestus gehört auch, dass die Außentreppe, die flach aufsteigt und nicht sehr lang ist, zum Platz gehören soll, nicht nur zum Konzerthaus. Erstaunlicherweise ist das gelungen. Anders als bei anderen Kultureinrichtungen sitzt man hier auf den Treppen, ruht aus und sieht dem Leben auf dem Marktplatz zu.

 

Dazu passen auch die Instrumente, die in der Eingangshalle stehen und zur allgemeinen Benutzung freigegeben sind. In bestimmten Intervallen gibt es andere Instrumente. Im Moment gibt es Xylophone. Und tatsächlich, als ich später hinausgehe, spielen hier vier Jungen absolut mitreißende, schnelle Musik, zwei von ihnen mit verbundenen Augen.

 

Das klassische Motiv wird an der zentralen Stelle am Aufgang zum Konzertsaal wieder aufgenommen. Hier erscheint Pan mit seiner Flöte. Der Legende zufolge verfolgte Pan die Nymphe Syrinx, die sich vor ihm rettete, indem sie sich in ein Schilfrohr verwandelte. Pan umarmte sie, und in dem Moment kam Wind auf und brachte klagende Töne hervor. Pan wollte die Klänge nicht verlieren und brach das Rohr in sieben Teile, eines kürzer als das andere, und band sie zusammen. So kam es zu der Panflöte. Pan ist hier ganz menschlich dargestellt, eher melancholisch, und ohne Pferdefuß. Es geht um die Musik und nicht um seine sonstigen Exzesse.

 

Wir kommen in den Saal, einen schönen, modernen Saal mit roter Bestuhlung. Der Saal entspricht allerdings nicht mehr den ursprünglichen Plänen, denn es musste immer wieder umgebaut werden, weil die Akustik so schlecht war. Die Sitze bekamen hölzerne Hinterteile, die Wände wurden mit Paneele verkleidet, die Decke wurde schwarz, die Decke über den Logen mit ihren Verzierungen musste von einer japanischen Firma aufwändig geöffnet, isoliert und wieder verschlossen werden, um das Echo zu reduzieren.

 

Eine Besonderheit der Bühne besteht aber nach wie vor: Einzelne Teile der Bühne können mittels einer hydraulischen Vorrichtung nach oben gefahren werden, um bestimmte Instrumente besonders zur Geltung kommen zu lassen.

 

Hier, im Konserthuset, findet die Verleihung der Nobelpreise statt. In der Mitte der Bühne befindet sich ein großes N in einem Kreis, das genau den Ort bezeichnet, an dem der Preisträger auf den König trifft. Er bekommt Medaille und Urkunde und muss sich dann in festgelegter Reihenfolge in drei Richtungen verneigen, für einige Preisträger eine große Herausforderung angesichts der Nervosität.

 

Die Bühne wird zur Probe vorbereitet, und wir müssen den Saal fluchtartig verlassen, denn der finnische Dirigent duldet keine Störungen. Beim Hinuntergehen erfährt man noch, dass hier nicht nur Klassik, sondern auch Jazz und Rock gespielt wird, wobei der Saal mit seinen festen Sitzen eher etwas für Rock für Senioren ist.

 

Auf dem Weg nach Hause komme ich in der U-Bahn an einem Gottcenter vorbei. Kein unterirdisches Gotteshaus, sondern ein Süßwarengeschäft!

2. August (Dienstag)

Beim Unterricht erzähle ich von dem, was ich gestern gesehen habe. Dabei muss ich die Erfahrung machen, dass ich nicht einmal zwischen er und sie unterscheiden kann, zwischen han und hon. Dabei gibt es eine Merkformel, die jeder Schwedischlerner kennt: han wie der Hahn und hun wie das Huhn. Nur: Im sprachlichen Nahkampf ist das so gut wie nutzlos, beim Sprechen wie beim Hören: Man hat einfach keine Zeit, die Regel abzurufen und praktisch umzusetzen.

 

Dafür lerne ich wieder etwas über die Sprache, und zwar anhand des Wortes skärgården, der schwedischen Bezeichnung für den Schärengarten, der Inselwelt rund um Stockholm. Der erste Konsonant ist der schwedischste aller Konsonanten und der schwierigste für Ausländer. Es ist, als wolle man alle Konsonanten von Fläche gleichzeitig sprechen. Physiologisch unmöglich, aber davon lassen sich die Schweden nicht beeinflussen. Für diesen Laut gibt es 9 verschiedene Schreibweisen, was die Sache nicht gerade leichter macht. In der Aussprache gibt es allerdings eine Alternative zu dem unmöglichen Laut: Man kann ihn auch einfach wie ein deutsches <sch> aussprechen, Diese Aussprache ist allerdings markiert, und zwar sowohl regional als auch sozial. Der Norden spricht so und die Oberklasse, die meisten Schweden aber nicht. Es gibt vermutlich Schweden, die immer den „schwedischen“ Laut produzieren. Meine Lehrerin variiert. Das kann einmal daran liegen, dass sie von Geburt her ein Nordlicht ist, aber auch an den Wörtern: Sie spricht schampoo und shoppa mit dem „deutschen“, aber sju, ‚sieben‘ und sjuk, ‚krank‘, genauso sie skiva, ‚Platte‘ mit dem „schwedischen“ Laut aus.

 

Das zu wissen nutzt alles nichts, wenn man das Wort selbst gar nicht identifiziert, und genau das passiert mir, als die Lehrerin von dem Schärengarten spricht. Wir finden aber im Nachhinein den Grund heraus. Für mich ist das ein Wort mit drei Silben, und so würden es auch Schweden vermutlich aussprechen, wenn sie es isoliert und betont sprechen. Im Satzzusammenhang ist es aber so verkürzt, dass es zu einem zweisilbigen Wort wird: von den sechs Buchstaben von gården sind drei stumm. Es hört sich wie englisch gone an. Das klingt für mich wie ein völlig anderes Wort, und der gesamte Verständnisprozess bricht zusammen.

 

Wo schon so viel von dem Schären die Rede war, geht es nach dem Unterricht mit dem Schiff auf eine Schäreninsel, nach Vaxholm. Dem Tipp der Touristeninformation folgend, nehme ich eine ganz normale Fähre. Die hält dann auch unterwegs ein paar Mal an.

 

Im Anfang macht die Fähre einen Höllenlärm und rumpelt so vor sich hin, aber dann gleitet sie ganz ruhig über das Wasser, so dass ich noch nicht einmal nervös werde, als der Kapitän, der mit seinem wallenden Haar und seinem graumelierten Bart wie ein Künstler aussieht, die Brücke verlässt und das Schiff führungslos – so sieht es jedenfalls für mich aus – weiterfährt. Ein paar ältere Damen haben sich die paar Plätze am Sonnendeck gesichert und strecken ihre Gesichter, wie alte Damen das so tun, mit geschlossenen Augen und zusammengekniffenen Lippen, der Sonne entgegen, so als ginge es um jeden Zentimeter und jede Minute. Die Männer holen sich derweil ein Bier aus der winzigen Kantine.

 

Erst bin ich etwas enttäuscht von der vielgepriesenen Schärenlandschaft. Am Anfang hat man das Gefühl, einen breiten Fluss entlang zu fahren, dann geht es auf die See hinaus. Wir befinden uns in der Ostsee. Wir kommen an Dutzenden von Inseln vorbei, von ganz klein bis mittelgroß. Die meisten sind bewohnt und bewaldet, und gerade das nimmt ihnen ihren Reiz. Die kahleren, wilderen Inseln findet man vermutlich eher in den äußeren Schären, aber so weit geht der Ausflug nicht.

 

Nach gut einer Stunde erreichen wir Vaxholm. Hier ist es voll, wenn auch nicht überlaufen. Auf der Hauptstraße, noch mehr aber, wenn man in den Ort hineingeht, findet man die typischen schwedischen Holzhäuser. Alles sehr adrett und sehr nett, aber auch ein bisschen nichtssagend.

 

Ich folge den Schildern zu einem Museum, aber die führen nur zu dem Museumscafé, das wunderbar in dem zweiten, kleineren Hafen gelegen ist, aber keine freien Plätze hat.

 

Auf einer Nachbarinsel, die viel kleiner ist und nur einen Steinwurf entfernt liegt, befindet sich ein mächtiges, graues Kastell. Das ist der Nachfolger des ursprünglichen, von Gustav Vasa gebauten Kastells. Der hatte gemerkt, wie wichtig diese Stelle für die Verteidigung Stockholms war. Er beschaffte sich ein paar Inseln, verband sie mit Ketten und baute das Kastell. Das lohnte sich, auch für die Insel, denn das Kastell musste mit Gütern versorgt werden, und es entstanden ganze Wirtschaftszeige. Noch heute kennt man in Schweden den vaxholmströmming, einen Fisch, der die Grundlage der Nahrungsversorgung der Bewohner des Kastells wurde, und das vaxholmbåt, das typische Schärenboot. Es lohnte sich auch für Stockholm, wenn auch viel später, zu Zeiten des Vasa-Königs. Als Russland die Schären unsicher machte und praktisch alle Schäreninseln in Brand steckte, konnte wegen der Verteidigungsanlagen ein Übergriff auf Stockholm verhindert werden. Das heutige Kastell wurde nach dem Verlust Finnlands an Russland gebaut. Es stellte sich aber schon als veraltet heraus, als es gerade fertig war, und man benutzte es dann als Veraltungszentrum des Militärs.

 

Nach der Rückkehr nach Stockholm finde ich dann tatsächlich eine richtige Buchhandlung. Es ist eine Filiale von Akademibokhandeln. Hier verdient die Kette ihren Namen. Erstaunlicherweise sind Bücher in Schweden gar nicht so teuer, jedenfalls gängige Bücher. Bei den Fachbüchern sieht es da schon anders aus. Dennoch nehme ich ein Buch zur Geschichte der Sprache mit. Nicht genau das, was ich gesucht habe, aber bezahlbar und interessant.

 

3. August (Mittwoch)

Heute findet der Unterricht auswärts statt. Die Lehrerin will mich nach Drottningholm fahren. Sie wohnt in Bromma, einem der vornehmeren Bezirke Stockholm, in königlicher Nähe.

 

Ich fahre ein ganzes Stück mit der U-Bahn, aus dem Zentrum raus. An der U-Bahn-Station wartet sie mit dem Auto auf mich, einem Mercedes der A-Klasse, einem, wie sie findet, passendem Auto für sie mit zwei Söhnen und zwei Hunden. Sie entschuldigt sich, dass das Auto nicht sauber sei. Sie wasche sonst gerne ihr Auto. Das habe eine therapeutische Wirkung. Ist was dran.

 

Sprachlich ist der Unterricht außerhalb des Klassenraums eine Herausforderung. Man verlässt den vertrauten Rahmen, und prompt klappt gar nichts mehr. Man ist auf diese normalen Gesprächssituationen nicht eingestellt. Ich verstehe eine Bemerkung nicht, finde nicht heraus, warum, und finde nicht die richtige Strategie, um das herauszufinden. Immer wieder wiederholt sie die Teile der Bemerkung, die ich verstanden habe, so deutlich, dass es fast peinlich ist. Am Ende stellt sich heraus, dass ich att se, ‚um zu sehen‘, nicht verstanden und auch nicht als zwei Wörter identifiziert habe. Ich hatte irgendetwas von Zentrum verstanden, und die ganze Äußerung machte keinen Sinn.

 

Als wir vom Parkplatz Richtung Schloss gehen, wird es noch schlimmer. Sie macht alle möglichen Bemerkungen über das Schloss und die Arbeit, die sie hier als Restauratorin gemacht hat, auf die ich nicht zu reagieren weiß, außer mit einem lahmen „Ja?“. Und wenn ich mal kaschieren will, dass ich etwas nicht verstanden habe, sieht sie mir das an der Nasenspitze an. Zu allem Übel ist sind dann auch noch die Hausaufgaben, die ich gemacht habe, voller Fehler. Sprachenlernen erfordert auch das, was meine ehemaligen Soziologie-Kolleginnen „Frustrationstoleranz“ nannten.

 

Ich entscheide mich, nicht mit ihr zurückzufahren und mich noch ein bisschen umzusehen. Zuerst gehe ich durch den riesigen Schlosspark. Hier hat alles seine Ordnung. Die schnurgeraden Wege laufen genau parallel zueinander, getrennt von ebenso geraden Baumreihen, die Vasen und Skulpturen auf der Mauer wechseln sich in regelmäßigen Intervallen ab, die Buchsbäume sind beschnitten und bilden geometrische Formen, die Hecken haben die Formen von Kästen, die Beete sind rechteckig und haben Skulpturen genau an den Schnittstellen, der Brunnen ist kreisrund, das Gelände ist eben. Hier regiert die Form, hier regiert das Maß, hier regiert der Barock, hier will der Mensch zeigen, dass er sich die Natur untergeordnet hat, nicht umgekehrt. Der Architekt des Schlossparks, Tessin, war in Frankreich gewesen. Das merkt man.

 

In gewissem Kontrast dazu stehen die Skulpturen, das Werk von Adrian de Vries, die ganz bewegt sind, auch das ganz und gar barock. Hier windet und streckt und spannt und reckt sich alles.

 

Auf Tafeln wird die Entstehung des Schlossparks erklärt. Man macht sich heute kaum ein Bild davon, wie aufwändig sie gewesen sein muss. Allein die Begradigung des Terrains war eine Mammutaufgabe. Es war eine Arbeit für mehr als eine Generation, und so musste Tessin sie dann an seinen Sohn weitergeben, der sie vollendete. Allein das Anpflanzen der Linden war eine gewaltige Aufgabe. Sie wurden aus Holland importiert. Es gab und gibt allerhand Probleme mit ihnen, wie einige charaktervolle Exemplare belegen, die ausgehöhlte Baumstämme oder Auswüchse an den Baumstämmen haben und andere, die einfach ganz nackt, ohne Äste und Blätter, dastehen. Es werden jetzt ganze Reihen neuer Linden angepflanzt.

 

Perfekte Symmetrie weist auch das Schloss auf, zumindest die Fassade. Das machen besonders ein paar blinde Fenster deutlich, deren einzige Aufgabe ist, dem Auge auch da Symmetrie vorzuspielen, wo sie nicht vorhanden ist. Die Fassade ist wie eine etwas weniger glanzvolle Version von Versaille. Das ist ganz Vorbild.  Was auch für die Lage außerhalb des Zentrums gilt.

 

Die Innenausstattung ist, wie man hört, Rokoko, ebenso wie ein zusätzliches, kleineres Lustschloss, das sich weiter hinten im Schlosspark versteckt. Es entstand in der Zeit, als China in Europa ganz groß in Mode war, der „Chinaraserei“.

 

Ich begnüge mich damit, durch die Tür hineinzusehen. Man sieht in einen Saal mit gedeckter Tafel. Das Schloss heißt Confidence, und das hat seinen Grund. Hierher konnte sich der König mit seiner Mätresse zurückziehen und „vertraulich“ sprechen.  Damit das nicht ohne den gewohnten Service der Diener ablaufen musste, erfand man folgendes Instrumentarium: Der gesamte Tisch konnte mittels einer hydraulischen Bühne nach unten gefahren werden. Dort wartete die Dienerschaft und stellte alles bereit, um dann den Tisch wieder hochzufahren in den Saal, in dem der König in schönster Zweisamkeit mit seiner Geliebten dinieren konnte.

 

Den Namen Drottningholm, ‚Königininsel‘, hat sich das Schloss im Laufe seiner Geschichte gleich mehrfach verdient. Lange bevor das jetzige Schloss entstand, baute ein schwedischer König hier für seine polnische Ehefrau ein Schloss. Das brannte 1661 ab. Schon ein Jahr später begann man mit dem Neubau, auf dem Höhepunkt der schwedischen Macht, und zwar zur Zeit der Regentschaft einer Königin, Hedwig Eleonora, für ihren minderjährigen Sohn. Unter ihrer Ägide entstand das Schloss. Das bekam dann später Königin Lovisa Ulrika als Hochzeitsgeschenk. Als Kleinigkeit bekam sie dann später auch noch das Chinaschloss zum Geburtstag.

 

Ich tue mich schwer mit der Entscheidung, was ich mir ansehen soll, entscheide mich am Ende für das Theater. Eine gute Entscheidung. Als ich auf die Führung warte, sehe ich mir die beiden kleineren Bauten an, die das Theater flankieren. Sie sehen fast identisch aus, aber die Inschriften verraten, dass eins aus Holz ist, das andere aus Stein. Der Grund dafür ist, dass das steinerne Haus aus der Staatskasse bezahlt wurde, das Holzhaus aus der Privatschatulle des Königs, und da musste man sparsam sein.

 

Dann geht es in das Theater. Als ersten Raum betreten wir ein Schlafzimmer. Was hat ein Schlafzimmer in einem Theater zu suchen? Ganz einfach: Hier wohnte jemand. Dies war das Schlafzimmer des Theaterleiters, des Intendanten, modern gesprochen. Wie er lebten noch zwei Dutzend weitere Theaterleute, Schauspieler und Musiker, in dem Gebäude. Der Raum ist klein und enthält als einziges Möbelstück ein Himmelbett.

 

Dann geht es über eine Treppe und einen Gang Richtung Theatersaal. Hier ist alles etwas vergammelt: Kratzer an den Türen, Farben, die abblättern, nicht entfernte Haken und Nägel. Das hat etwas Authentisches.

 

Dann betreten wir den Theatersaal. Wunderbar! Man fühlt sich sofort ein paar Jahrhunderte zurück versetzt. Man hat tatsächlich versucht, alles so zu belassen, wie es war, mit ein paar Ausnahmen. Statt Kerzenlicht gibt es jetzt elektrisches Licht, aber sie sehen Kerzen täuschend ähnlich und flackern sogar! Die Kerzen wurden während der Vorstellung nicht gelöscht. Man saß im Halbdunkel, so wie wir jetzt auch, und wie man es auch heute noch bei Vorstellungen tut.

 

Der Zuschauerraum ist nicht breit, aber lang, und statt auf Stühlen sitzt man auf Bänken, langsam nach oben ansteigend, mit Platz für geschätzte 300 Zuschauer.

 

Gegenüber der Tür, durch die wir hineingekommen sind, befindet sich eine weitere, identische Tür. Oder auch nicht. Sie ist nur gemalt. Einen kleinen Unterschied zu der Eingangstür gibt es aber doch: Statt eines Türgriffs hat sie nur ein Schlüsselloch. Diese Änderung musste man vornehmen, nachdem immer wieder Zuschauer durch diese Tür hinaus wollten und nach dem nicht vorhandenen Griff suchten. Das Theater selbst ist auch Theater. Das gilt auch für die barock geschwungenen Stützen der Logen. Sie sind aus Pappmaché, also innen hohl, und haben keinerlei Funktion – außer vorzugeben, dass sie eine haben. Auch Gold und Marmor sind nicht Gold und Marmor. Alles Imitation.

 

Das jetzige Bühnenbild zeigt eine Stadt. Das Bühnenbild kann innerhalb von 9 Sekunden vor den Augen der Zuschauer umgebaut werden, ohne dass jemand auf der Bühne erscheint. Wie das geht, kann man sich später in einem Film ansehen. Die hohen Wände, die die Szenerie darstellen, befinden sich auf Schienen und können vor- und zurückgefahren werden, und zwar mechanisch, mit Hilfe von Winden und Kurbeln, genauso wie zu früheren Zeiten. Es sind mehr als 20 Bühnenarbeiter dafür nötig, die Muskelkraft mitbringen und gut zusammenarbeiten müssen. Vor allem, wenn es darum geht, jemanden durch eine Falltür auf die Bühne zu bringen oder in Windeseile verschwinden zu lassen, ist perfekte Synchronisation erforderlich.

 

Dann werden wir Zeuge davon, wie Donner und Wind entstehen. Zwei Besucher dürfen es hinter der Bühne machen. Es klingt erstaunlich echt. Der Wind wird erzeugt, indem eine mit Stoff bespannte Trommel bewegt wird, und je schneller sie bewegt wird, umso stärker ist der Wind. Für den Donner wird eine längliche, mit Steinen gefüllte Kiste, wie eine Wippe hin und her bewegt, und das Rasseln der Steine erzeugt den Donner.

 

Später sehen wir noch das Foyer, einen Anbau. Dort wurden Gäste bewirtet, und heute ist es der Frühstücksraum für die Theaterleute. Die Tapeten sind mit Nägeln an den Wänden befestigt. Man nahm sie mit von Schloss zu Schloss, wie überhaupt die gesamte Einrichtung. Was muss das für ein Aufwand gewesen sein!

 

Hier im Foyer hängt auch ein Gemälde, mit dem es seine Bewandtnis hat. Es führte nämlich zur Wiederentdeckung des fast in Vergessenheit geratenen Theaters. Für die Erbauer war das Theater nicht etwa nur ein Vorzeigestück, sondern echte Liebhaberei gewesen. Lovisa Ulrika und ihr Mann, Adolf Friederich, waren Theaternarren. Sie kamen mehrere Male pro Woche ins Theater, und zwar nicht nur als Zuschauer, sondern auch als Schauspieler. Von ihnen erbte ihr Sohn, der Theaterkönig, Gustav III., seine Theaterliebe. Nach dessen Tod wurde das Theater dann kaum noch benutzt und geriet mehr oder weniger in Vergessenheit. Bis eines Tages ein junger Historiker hierherkam, der über einen schwedischen König forschte und von dem Bild, das er für seine Forschungen gebrauchen konnte, gehört hatte. Er fand das Bild und entdeckte das Theater. Davon hatte er noch nie etwas gehört. Das löste eine Bewegung aus, die zur Wiedereröffnung des Theaters führte, diesmal für die Öffentlichkeit. Jetzt gibt es jedes Jahr ein Sommerprogramm, mit Stücken, vor allem aber Opern, aus der Zeit der Entstehung des Theaters, dieses Jahr Don Giovanni.

 

Wegen des guten Wetters lasse ich das Schloss Schloss sein und mache mich auf den Weg zurück, mit dem Schiff. Eine teure Angelegenheit, aber es lohnt sich. Die langsame Fahrt über den ruhigen Mälaren bei traumhaftem Sonnenschein, vorbei an weißen Booten und grünen Inseln, hat etwas Luxuriöses. Der Mälaren ist kein einheitlicher, „geschlossener“ See, hier jedenfalls nicht, sondern eher eine Summe von Wasserflächen zwischen den verschiedenen Inseln. Drottningholm liegt auf Lovön. Etwas weiter außerhalb liegt mit Birka die zweite Weltkulturstätte ganz in der Nähe.

 

Für Ablenkung während der Fahrt sorgt eine junge indische Familie mit ihrem wunderbaren Englisch und den ironischen, übertrieben höflichen Antworten der jüngeren, lebhaften Tochter auf die Zurechtweisungen der älteren, ernsten Schwester. Englisch scheint die Muttersprache zu sein, obwohl sich irgendwann die Eltern im Flüsterton und in einer indischen Sprache zu unterhalten scheinen.

 

Am Ende der Fahrt – man kommt am Kai vor dem Stadshuset an – kann man aus ungewöhnlicher Perspektive Bilder von Stockholm machen.

 

Beim Aussteigen habe ich wieder das rätselhafte, moderne Gebäude vor mir, und zwar direkt vor mir. Als ich darauf zu gehe, sieht es doch so aus, als gehöre es zum Bahnhof. Die Züge fahren direkt darauf zu. Aber das täuscht. Als ich auf das Gebäude zulaufe, lande ich nicht im Bahnhof, sondern an einer Baustelle. Das Gebäude ist einfach noch nicht fertig. Es wird, einer Inschrift zufolge, das neue Kongresszentrum werden. Das enorme Dach streckt sich einfach so weit nach außen, dass es die Bahnhofshalle teils überdacht.

 

Nach – im doppelten Sinne – Aufladen der Batterien im Hotel zieht es mich schon wieder zum Bahnhof. Ich will die Fahrkarte für den Zug zum Flughafen besorgen. Der Bahnhof ist ein komplexes Gebäude, in dem man sich leicht verlaufen kann. Es gibt mindestens drei Ebenen, und je höher man kommt, umso heller und moderner wird es. Meine Karte bekomme ich auf der höchsten Ebene, die schon gar nicht mehr richtig zum Bahnhof gehört. Zu meiner Überraschung bezahle ich nur 130 Kronen, nicht einmal die Hälfte von dem, was ich auf der Hinfahrt bezahlt habe und was auch dem Preis entspricht, der im Reiseführer genannt wird. Da wird man bei der Touristeninformation beim Eintreffen in Stockholm ganz schön über den Tisch gezogen. Vielleicht war es sogar gar keine offizielle Touristeninformation, sondern ein Reisebüro, das sich als solche ausgibt. Als ich dann nach Hause komme, merke ich, dass ich gar keine Karte für den Zug, sondern für den Bus gekauft habe …

 

Dann mache ich Stockholm zu Fuß. Es ist ein Sommertag, wie er im Buche steht. Die Sonne setzt alles ins richtige Licht. Ich komme am Sergels Torg vorbei, am Hötorget, am Strandvägen, am Schloss und lande schließlich, als es schon Abend, aber immer noch hell ist, in Skeppsbron und komme von dort aus wieder zum Hotel. Der Sergels Torg, sonst alles andere als schön, zeigt sich bei den Sonnenstrahlen, die sich im Wasser des Brunnens brechen, von seiner schönsten Seite. Am Hötorget kontrastiert das Blau des Konserthuset mit dem Blau des Himmels. Am Schloss entdecke ich über einem römisch wirkenden Brunnen eine Inschrift, in der sich ein König für seine Verdienste für den Aufbau des Schlosses feiern lässt, mit einem alten Wort für König. Nach Skeppsholm komme ich über eine Holzbrücke und entdecke einen schönen, gediegenen Stadtteil, gepflegt, etwas abseits von Kommerz und Tourismus (und doch in unmittelbarer Nähe), und auf dem Weg nach Hause mache ich endlich ein Photo von einem Pferd, dem ich in den letzten Tagen immer wieder über den Weg laufe und das passenderweise in der Stallgatan steht.

 

Am Abend habe ich nur noch Lust zum Fernsehen. Die schwedischen Dokumentarfilme übernehmen, wenn ausländische Experten gefragt werden, den Originalton und blenden Untertitel ein, auch wenn der Film selbst auf Schwedisch ist. Ein guter Kompromiss. Und die amerikanischen Seifenopern werden alle im Original mit Untertiteln gesendet.

4. August (Donnerstag)

Wild davon geträumt, dass ich den Flug verpasst und meine Dokumente verloren habe und nicht weiß, wo ich bin. Außerdem habe ich das Gefühl, bestohlen worden zu sein und werde bedrängt von anderen Ausländern, die sich noch weniger auskennen. Und dann gerate ich auch noch in einen Aufzug, der nirgendwo hält.

 

Im Deutschen kann man sagen Der Hund von der Nachbarin oder Der Hund der Nachbarin oder Der Nachbarin Hund, mit zunehmender Formalität. Im Unterricht stellt sich heraus, dass ich diese Möglichkeiten auch im Schwedischen nach Lust nebeneinander verwende. Falsch. Das Schwedische kennt nur die letzte Form. Kein Wunder, dass ich mir einen abbreche, als ich von Der Eigentümerins Tochter oder Des Schlosses ältester Teil sprechen will.

 

Der Lehrerin zufolge können sich Schweden und Norweger besser untereinander verständigen als mit Dänen. Beide werden von den Dänen aber besser verstanden als sie die Dänen verstehen.

 

Ich erfahre auch noch etwas über die Zeitungen: Sowohl Aftonbladet als auch Expressen sind Abendzeitungen und eher sensationalistisch. Dagegen sind die gediegeneren Dagens Nyheter und Svenska Dagblad Morgenzeitungen.

 

Wichtiger ist mir aber noch eine Erklärung zu den Stadtteilen Stockholms. Da hat die Lehrerin eigens recherchiert, um meine Frage beantworten zu können. Es geht um holm und um malm, die beide in vielen Ortsbezeichnungen vorkommen. Das Wort holm bezeichnet eine kleine unbewohnte Insel, wie man sie im Schärengarten findet. Ehemals unbewohnte Inseln haben ihren alten Namen aber behalten: Stadsholm, Riddarholm, Vaxholm, Kungsholm. Aber was hat es mit malm auf sich? Zunächst einmal heißt malm einfach ‚Erz‘. Dann wird es aber auch, wenn ich das richtig verstanden habe, für den Felsen angewandt, unter dem sich das Erz befand. Eine für Schweden also sehr passende Ortsbezeichnung. Und dann nennt sie einen Ort, der so offensichtlich in den Zusammenhang passt, dass ich hätte selbst drauf kommen können: Malmö. In Stockholm gibt es  Norrmalm, Södermalm und Östermalm. Aber nicht Västermalm. Ich habe aber irgendwo gelesen, dass das der alte Name von Kungsholmen ist. Und da fällt ihr ein, dass es tatsächlich ein Einkaufscenter gibt, das Västermalm Gallerian heißt. Auf Kungsholmen.

 

Nach dem Unterricht geht es ins Armeemuseum, schon deshalb, um mein Prinzip, statt in die Ferne zu schweifen das Nächstliegende anzusehen, nicht zu verraten. Das Armeemuseum ist nur ein paar Schritte vom Hotel entfernt und war eine meiner ersten Entdeckungen vor jetzt fast zwei Wochen. Dabei mache ich eine interessante Entdeckung: Das noch näher liegende Musikmuseum heißt Musikmuseet, das Armeemuseum aber Armémuseum, bestimmte gegen unbestimmte Form. Gerade heute ist die Lehrerin im Unterricht ins Schlingern geraten, als es darum ging, warum mein museum durch museet ersetzt werden muss.

 

Im Museum gibt es Trophäen und Uniformen zuhauf, aber ich sehe mir nur ein paar repräsentative Stücke der Militärgeschichte an.

 

In der Eingangshalle gruppieren sich um eine Herde wüst kämpfender Schimpansen Kriegsgemälde von Brueghel und Goya und ein Schwarz-Weiß-Photo von übereinanderliegenden toten Soldaten aus dem 1. Weltkrieg sowie Statuen von Kriegsgöttern, eines Kriegsgottes der Moche-Kultur im präkolumbianischen Peru, des germanischen Kriegsgottes Thor und der ägyptischen Kriegsgöttin Sekhmet. Deren Kriegslust war so groß, dass es schlecht um die Menschheit bestellt war und Ra eine List anwenden und sie betrunken machen musste, um das Schlimmste zu verhindern. Thor war eher ein grober Raufbold, beliebt bei den Kriegern, mehr als die anderen, vornehmeren Götter, und seine Kriegslust lässt sich psychologisch erklären, als Versuch, sich auf einem Gebiet ganz besonders hervorzutun und es den anderen zu zeigen.

 

Dazwischen hängen, fast unscheinbar, zwei lange Tafeln, auf denen in kleiner, fortlaufender Schrift die Kriege der Menschheitsgeschichte verzeichnet sind. Der Platz reicht nicht aus.

 

Die erste Krieger-Kaste, der man begegnet, sind die Wikinger. Es gibt Nachbildungen und echte Exponate, die zeigen, wie sie aussahen und warum sie so erfolgreich waren. Sie trugen einen kegelförmigen Helm, und zwar ohne Hörner! Das habe es, erfährt man, wenn überhaupt, bei den Germanen gegeben, und zwar viel früher.

 

Im Hochmittelalter gab es kaum Ritter im eigentlichen Sinn in Schweden. Die meisten Soldaten waren Bauern, die bei Bedarf unter militärischer Führung zum Einsatz kamen, wie später bei uns die Landsknechte, mit Armbrust,  aber auch mit ganz normalen Bauernwerkzeugen wie Sensen. Auch die Burgen waren viel bescheidener als in Mitteleuropa, mit einfachen Häusern und einem kleinen, zentralen Turm. Die Burgen lagen oft auf Inseln oder in Buchten und waren durch Palisadenzäune und Zugbrücken geschützt.

 

Erst gegen Ende des Mittelalters bildete sich eine Adelsschicht heraus. Adelige brauchten keine Steuern bezahlen, wenn sie mindestens einen Ritter stellten. So hatte man eine kleine, professionelle Teilzeitarmee.

 

Schweden trat mit dem Dreißigjährigen Krieg – der für sie aber nur ein Achtzehnjähriger Krieg ist – in großem Maße auf der europäischen Bühne auf. Es hatte sich vor allem im Baltikum ein Machtvakuum ergeben, und das nutzten die Schweden aus. Ihre Strategie wird mit einem ganzen Heer an Zinnsoldaten dargestellt und bestand darin, kleinere, mobilere Einheiten gegen die größeren Einheiten der deutschen Fürsten antreten zu lassen.

 

Die Soldaten brachten ihre Familien mit in die Kampagne, und dazu gesellten sich Gaukler, Händler, Prostituierte, Scharlatane, Bettler usw. Man schätzt, dass auf jeden Soldaten drei Personen aus der Entourage kamen. Das erforderte eine unglaubliche Logistik. Was das bedeutet, wird in einer Vitrine deutlich gemacht: Man benötigte 17.000 Liter Bier, 5.800 Kilo Brot, 1.900 Kilo Fleisch für die Soldaten und 130.000 m2 Futter für die Pferde. Pro Tag! Das bedeutete auch, dass man ständig unterwegs sein musste, ob man wollte oder nicht. Keine Gegend gab so viel Nahrung her.

 

Wenn sich ein Heer einer Ansiedlung näherte, stiegen dort sofort die Preise. Die Heere bezahlten manchmal, nahmen sich aber auch das Recht, Dinge einfach zu beschlagnahmen. In schlechten Zeiten musste man beginnen, sich Fleisch von Tierkadavern zu besorgen, was die Seuchen noch weiter anstiegen ließ. Die wenigsten starben in der Schlacht, die meisten, man schätzt über 90%, an Seuchen, Krankheiten und Verletzungen. Der erste Krieg, in dem mehr Menschen durch Kugeln als durch Seuchen fielen, war der deutsch-französische Krieg 1871.

 

Dann sieht man eine Rüstung mit einem Einschuss von einer Kugel. Man vermutet aber, dass das gar nicht im Gefecht passierte, sondern dass es eine Art Elch-Test für die Rüstung war, denn fast alle haben so einen Einschlag. Wenn man sich vergegenwärtigt, unter welchen Bedingungen so ein Soldat kämpfte, kann man nur Bedauern empfinden: Man musste früh aufstehen, für sich und sein Pferd sorgen, am Gebet teilnehmen, eine Rüstung von einem Gewicht von 35-40 Kilo tragen, die Hitze ertragen – es wurde meistens im Sommer gekämpft – den Staub ertragen und den Pulverdampf. Der war damals etwa fünfmal so stark wie heute. Und dann eine schwere Waffe schwingen und auf den Feind eindreschen.

 

Man sieht dann noch eine Eisenschmiede aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg. Schweden hatte allerbeste Bedingungen für die Herstellung von Eisen: Vorräte an Eisenerz, Holz und Wasserkraft. Das Know-how kam aus Mitteleuropa, aus Frankreich und Flandern. In diesen Eisenschmieden wurden zum ersten Mal Waffen in großer Stückzahl, nach einem vorgegebenen Muster, produziert, ein früher Vorläufer der industriellen Revolution.

 

Im Supermarkt mache ich später eine sprachliche Entdeckung: Man wird an der Kasse immer gefragt, ob man sie haben will oder nicht, so dass ich das Wort schon oft gehört habe, aber erst heute fällt mein Blick auf die Schreibweise: kvitto.

 

Am Nachmittag geht es zu einer Führung in die U-Bahn. Es geht um Kunst in der U-Bahn. Wir werden von einer sehr gut Englisch sprechenden Frau geführt, die alles bestens im Griff hat, obwohl wir eine große Gruppe sind und uns durch die Menschenmengen lavieren müssen. Der Führerin ist die Kunst in der Stockholmer U-Bahn aus drei Gründen einzigartig: wegen der vielen Stationen, die Kunst haben, 91 von 100, wegen des frühen Zeitpunkts, zu dem die ersten Kunststationen entstanden und wegen der sog. Höhlen-Stationen. Die sehen wir später.

Es geht los in T-Centralen. Wir stehen in einem neueren Annex der Station, einem Glaskasten, der auf den Sergels Torg hinausgeht. Hier lenkt die Führerin unsere Aufmerksamkeit auf ein paar Kleinigkeiten, die ich dieser Tage im Vorbeigehen gesehen, aber nicht weiter beachtet habe, darunter einen Gummistiefel auf halber Höhe der Glasscheibe. Es gibt auch einen Birkenstamm,  und auf der anderen Seite Laubwerk, das aussieht, als gehöre es zu der Birke, so als ob die Birke sich mit ihrem Zweig über das gesamte Gebäude neigte. Das alles ist aus Pappmaché und damit vergänglich. Kunst mit Verfallsdatum. Die Idee ist die, etwas von Schwedens Natur in den urbanen Raum zurückzubringen. Ein bisschen weit hergeholt, finde ich, zumal der Topos der Naturliebe der Schweden ein bisschen zu sehr ausgereizt wird.

 

Als zuerst das Projekt für Kunst in der U-Bahn entwickelt wurde, stieß man auf Widerstand bei den Stadtvätern, die angeblich lieber überall Reklame aufhängen wollten, aber dann kam es zu Kompromissen. Bei T-Centralen sieht es so aus, dass die obere Plattform Kunst hat und die untere Reklame. Bei der Kunst handelt es sich um Mosaike, die mit geometrischen Figuren Züge andeuten und alles Mögliche, was mit Bewegung zu tun hat. Ich muss zu meiner Verwunderung zugeben, dass die Atmosphäre hier tatsächlich entspannter ist als unten. Kann Kunst das tatsächlich bewirken? Auf der unteren Plattform gibt es auch etwas Kunst, aber sehr versteckt. An den schwarzen Pfeilern des Bahnsteigs sind Schmuckelemente eingelassen, ein Musikinstrument, ein Ballon, usw.

 

Wir fahren mit der roten Linie zu einer Station, die Stadion heißt. Als wir in die Station hineinfahren, sagt eine Australierin zu einer Österreicherin: „Nice and colourful.“ Die Österreicherin antwortet: „Yes.“ Das ist natürlich eine kommunikativ unzureichende Antwort. In der Muttersprache würde man es nicht dabei belassen. Genau so komme ich mir beim Schwedischen vor.

 

Diese Station ist unsere erste Höhlen-Station. Der Hintergrund ist der: Die erste Stockholmer Linie war die grüne Linie, mit Stationen, die nur knapp unter dem Straßenniveau lagen. Dann kam die rote Linie hinzu, mit Stationen, die viel weiter unter dem Straßenniveau lagen und für die Sprengungen durchgeführt wurden. Man beschloss deshalb, die durch die Sprengung entstandenen Höhlen nicht zu begradigen, sondern die unregelmäßige Form zu belassen und künstlerisch auszugestalten, was hier, wie die Australierin ja schon feststellte, sehr farbenfroh geschehen ist, mit hellem Blau als Hintergrund für die Höhle und den Farben der Friedensfahne davor. Darüber hängen die Vereinsabzeichen aller Vereine, die hier, im Stadion, je das Endspiel erreicht haben, das Endspiel im schwedischsten aller Spiele, Bandy. Jedenfalls hingen sie ursprünglich dort. Die Anhänger der Vereine haben einige verschwinden lassen.

 

Zum Ausgang hin gibt es links ein großes, buntes S und rechts ein großes, buntes M, wobei das M „Füße“ hat, die es wie Noten aussehen lassen. Das S weist die Richtung zum Stadion, das M zur Musikhochschule. Kunst, heißt es, könne auch eine praktische Funktion erfüllen. Dazu braucht man aber keine Kunst. Und: Braucht sie das zu ihrer Rechtfertigung?

 

In der Mitte hängt ein Plakat von den Olympischen Spielen in Stockholm 1912. Davon erzählt man, dass ein portugiesischer Marathonläufer, der gestartet war, spurlos verschwand und nie am Ziel ankam. Erst Jahre später habe sich herausgestellt, dass er eine schöne Schwedin am Rande der Strecke gesehen, sie angesprochen, ausgeführt und geheiratet hatte.

 

Die nächste Station ist die Technische Hochschule. An den entgegengesetzten Enden des Bahnsteigs hängen ein Apfel und Flügel. Der Apfel bewegt sich bei näherem Hinsehen ein bisschen. Es ist eine Anspielung auf den legendären Apfel, unter dem Newton die Idee mit der Erdanziehungskraft kam. Gleich daneben finden sich denn auch einige der von Newton entdeckten Naturgesetze. Die Flügel am anderen Ende symbolisieren Aufstieg im Gegensatz zu Fall und sind eine Anspielung auf Leonardo. Daneben hängen einige der phantastischen Entwürfe Leonardos für technische Neuerungen. Außerdem sind auf die ganzen Station Polyeder verteilt, insgesamt fünf, die mit fünf Elementen in Verbindung gebracht werden. Das geht, wie ich erfahre, auf Platon zurück. Der identifizierte fünf Elemente, und das passt gut dazu, dass es nur fünf verschiedene Formen von Polyeder gibt.

 

Die nächste Station ist Universitetet. Hier hat eine Künstlerin gearbeitet, die in aller Welt Kunstwerke mit dem Thema der Menschenrechte geschaffen hat, in Verbindung mit Themen des entsprechenden Ortes. Das lokale Thema ist hier Carl von Linné. Auf mehreren, sich wölbenden, länglichen Keramiktafeln werden die Stationen einer Forschungsreise Linnés dargestellt. Linné reiste in den hohen Norden Schwedens, und zwar per Pferd! Auf den Tafeln ist jede Station seiner Reise festgehalten, mit Ort und Datum. Dazu wird auf jeder Tafel ein Thema aus dem Leben oder Werk Linnés dargestellt. Auf einer Tafel erscheint der Linné-Garten in Uppsala, mit der nicht ganz unbescheidenen Inschrift, die er selbst für sein Grab aussuchte: Deus creavit, Linnaeus disposuit - Gott schuf, Linné ordnete. Ob Gott sich da nicht etwas auf die Füße getreten fühlt?

 

Alles das befindet sich auf dem Bahnsteig selbst. An der gegenüberliegenden Wand, der hinter den Gleisen, befinden sich dann, einer nach dem anderen, die Menschenrechtsparagraphen der UNO, in Großbuchstaben, ohne Trennung der Wörter und ohne Umlaute. Die Menschenrechte zu verstehen, das ist vermutlich der zugrundeliegende Sinn, ist schwer. Was das mit Linné zu tun hat, erschließt sich mir aber nicht.

 

Dann fahren wir zurück und zu unseren letzten Station, „meiner“ Station: Östermalmstorg. Die Kunst an den Wänden dieser Station habe ich schon mehrmals gesehen, aber nicht verstanden. Es sind gemischte Motive, Musiknoten, tanzende Frauen, Friedenszeichen. Die gegenständlichen Darstellungen sind kubistisch, so dass die Sache eher rätselhaft ist. Unsere Führerin erhellt sie aber wenigstens etwas: Die Station wurde in den Siebzigerjahre geschaffen, und zwar von einer damals bereits 77-jährigen Künstlerin, einer Künstlerin, die sich im Kreis von Picasso bewegte.  Es war die erste Station, die ganz von einer einzigen Person gestaltet wurde. Die Themen waren eben die Themen der Zeit, die Themen, die ihr am Herzen lagen: Frieden, Umwelt, Emanzipation, dargestellt nicht in einer kohärenten Erzählung, sondern durch einzelne Motive. Um die „richtig“ zu deuten, hilft es zu wissen, dass die Noten aus der Marseillaise stammen.

 

Interessant ist die Technik, die hier angewendet wurde. Die Station hat gräulich-weiße Betonplatten. Hinter ihnen verbirgt sich schwarzer Stein. Die Künstlerin brachte ihre Zeichnungen auf den Betonplatten an, und dann wurde mit einer Art Sandstrahlgebläse der Beton an diesen Stellen entfernt, so dass der schwarze Stein in Form ihrer Zeichnungen zum Vorschein kam.

 

Ich fahre von hier aus gleich ein paar Stationen weiter, nach Horntull. Hier sehe ich, jetzt sensibilisiert für Kunst in der U-Bahn, die Geschichte der Erde in vier Stationen, d.h. in vier Kästen. Erste Station: eine kreisrunder Ausschnitt und davor – nichts. Zweite Station: ein kreisrunder Ausschnitt und davor ein Mistkäfer mit Misthaufen. Dritte Station: ein kreisrunder Ausschnitt und davor ein Totem und ein Zaun. Vierte Station: ein kreisrunder Ausschnitt und davor – das Rad!

 

Ich bin nach Horntull gefahren, weil ich an den Strand will. Dafür die U-Bahn zu nehmen, war keine gute Idee, wie sich herausstellt. Ich irre eine Zeit in der Gegend herum, laufe über die falsche Brücke, dann über eine unendlich lange Brücke, und dann durch einen Park, bis ich endlich ankomme. Später sehe ich, dass ich viel besser von der anderen Seite aus zu Fuß gekommen wäre.

 

Der Umweg lohnt sich aber aus zwei Gründen. Erstens hat man, von der Mitte der Brücke aus, eine phantastische Sicht auf die Stadt, zweitens hat die Gegend einen unmittelbaren Bezug zu etwas, was im Unterricht aufgetaucht ist. Horntull ist eine der alten Zollstationen, die es mitten in Stockholm gab und die einen Stadtteil, meistens eine Insel, von den anderen trennte, zumindest wirtschaftlich. Der Name (vgl. engl. toll) zeigt es an: Horntull, Skanstull, Danvikstull Nicht umsonst liegt Horntull am Rande von Södermalm. Die „falsche“ Brücke, über die ich vorher gegangen bin, war die alte Zollbrücke.

 

Am Ende erreiche ich aber Norr Mälarstrand. Ein Strand im eigentlichen Sinne ist es zwar nicht, eher ein Seeufer, aber es gibt tatsächlich Leute, die hier schwimmen gehen, mitten in der Großstadt, in sauberem, kristallklaren Wasser. Die meisten liegen allerdings auf den Wiesen oder sitzen in den Cafés. Ich setze mich auf einen Stein ans Ufer, mit den Füßen im Wasser. Das ist eine solche Wohltat, dass ich gar nicht mehr aufstehen will.

 

Dann gehe ich über den Uferweg zurück zur Stadt. Dies ist eine wunderbare Ecke, und ich erinnere mich jetzt, dass unsere Gärtnerin aus dem Kurs sie mir schon empfohlen hatte. Nicht umsonst sind hier fast nur Schweden.

 

Unterwegs sehe ich zwei Frauen, die sich hier über den Weg laufen. Sie sind gleichen Alters und haben einen Hund und ein Handy des gleichen Fabrikats.

 

Als ich ein Photo mache, werde ich zum ersten Mal überhaupt in Stockholm angesprochen. Es stellt sich heraus, dass es ausgerechnet Finnen sind, die mich ansprechen. Um etwas zu sagen, frage ich, welche Stadt in Finnland ich am besten besuchen soll. Als Antwort folgt ein Redeschwall, aber ich höre auf jeden Fall, dass von Tampere die Rede ist.

 

Ich setze mich in ein Café gleich am Wasser. Auch daran fehlt es hier nicht. Als ich aufbreche, steht die Sonne immer noch hoch am Himmel. Es ist sieben Uhr.

 

Der Uferweg endet am Stadshuset, das man hier von der anderen Seite aus sieht. Dann führt der Weg weiter über vertraute Wege. Es ist keine große Entfernung, aber ich bleibe an jeder Ecke für ein Photo stehen, mit dem wunderbaren Licht als Erfolgsgarant.

 

5. August (Freitag)

Heute findet der Unterricht wieder auswärts statt. Es geht mit dem Auto nach Täby, außerhalb Stockholms. Unterwegs frage ich nach Marias in Paris gestrandetem Sohn. Sie versucht, ihre Sorge hinter einer Fassade der Indifferenz zu verbergen („Soll doch sehen wie er zurechtkommt“), was ihr aber nicht ganz gelingt („Hat noch nicht einmal auf meine SMS geantwortet“).

 

Ich habe einen Moment gezögert, als der Vorschlag kam, nach Täby zu fahren, denn sprachlich kommt bei diesen Ausflügen weniger heraus, aber ich wäre dumm, mir die Gelegenheit entgehen zu lassen. In Täby steht eine der vielen Kirchen, die der bekannteste schwedische Maler des Mittelalters, Albert Målare, ausgemalt hat. Die Lehrerin hat selbst hier bei der Restaurierung mitgearbeitet. Ich bin also in bester Gesellschaft. Es wäre sonst gar nicht so einfach, dahin zu kommen oder auch in die Kirche hineinzukommen. Sie hat dafür gesorgt, dass uns eigens aufgeschlossen wird. Den Mann, den wir kontaktieren müssen, bezeichnet sie als Wachtmeister. Ich stelle mir darunter so einen Mann vom Wachdienst vor. Es ist aber der Küster, ein geschwätziger Mann, den wir kaum loswerden.

 

Albert Målare ist fünfzig Jahre aktiv gewesen (1460-1510) und hat über 30 Kirchen ausgemalt. Das konnte er natürlich nicht alleine machen. Man glaubt, er habe zunächst für die Skizzierung gesorgt und die Ausmalung dann seinen Gesellen und Lehrlingen überlassen, um sich dann selbst wiederum um einzelne Figuren zu kümmern. Dass es sich um ihn handelte, weiß man nicht nur aus stilistischen Gründen, sondern auch, weil er seine Bilder, jedenfalls teilweise, signierte, ungewöhnlich in dieser Zeit. Er signierte mit der latinisierten Form seines Namens, Albertus Pictor.

 

In vielen der Kirchen wurden die Bilder, teilweise oder ganz, mit Kalk übermalt und dann mühsam wiederhergestellt. Oder verblassten so sehr, dass sie restauriert werden mussten.

 

Der Eindruck beim Betreten der Kirche ist überwältigend. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Fast die gesamte Kirche ist ausgemalt, mit kräftigen, vollen Figuren und lebendigen Szenen. Die Zwischenräume sind mit Girlanden und anderen Verzierungen ausgefüllt. Der Blick nach oben erinnert an die italienische Renaissance, und selbst ein Vergleich mit dem Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle ist nicht ganz von der Hand zu weisen, obwohl dort alles majestätischer ist.

 

Was das Übertünchen angeht, ist man in dieser Kirche einen Kompromiss eingegangen: Die Szenen den Wänden wurden überkalkt und sind trotz Restaurierung kaum zu erkennen, die im Gewölbe nicht und sind nach der Restaurierung gut zu erkennen. Die Farben sind relativ gut erhalten, wozu auch die nordische Kälte beigetragen haben soll. Die Gesichter waren ursprünglich alle rosa, aber das ist verblasst, und die schwarzen Flecken, die einige Figuren im Gesicht haben, waren ursprünglich rot. Das Gewand Mariens, blau, ist stark nachgedunkelt und wirkt fast schwarz.

 

Im Gewölbe befinden sich Szenen aus dem Alten Testament, an den Wänden Szenen aus dem Neuen Testament, thematisch einander zugeordnet. Manchmal ist der Zusammenhang ganz klar, so wie bei Elias Himmelfahrt in einem Feuerwagen und Christi Himmelfahrt vom Felsen, manchmal ist der Zusammenhang weniger offensichtlich: Noahs Rausch und Christi Dornenkrönung sind durch das Thema Scham verbunden.

 

Albertus folgte Abbildungen aus einer Armenbibel, malte sie aber nicht einfach ab, sondern gab ihnen seine eigene Interpretation, unter Einbeziehung von Themen seiner Zeit. So haben die wichtigeren Figuren lange biblische Gewänder, die anderen aber mittelalterliche Kleidung, die die Mode der Zeit widerspiegelt. Auch hier sind wieder ganz lange, spitze Schuhe vertreten. Die trägt Samson zum Beispiel. Die „unedlen“ Figuren haben unedle Gesichtszüge wie große, krumme Nasen. Wie Goliath.

 

Die bekannteste aller Szenen dieser Kirche befindet sich im ersten Joch und ist heute etwas versteckt. Man kann sie heute nur sehen, wenn man die Treppe zur Orgelbühne hinaufgeht und auf halber Höhe stehenbleibt. Es ist eine Szene, in der Tod, als dürres, nacktes Skelett dargestellt, mit einem Ritter in zeitgenössischer Kleidung und mit langem Haar unter einer grünen Kappe, Schach spielt – und ihn Schachmatt setzt. Der Ritter macht große Augen. Man sieht deutlich den Versuch, Perspektive in das Bild zu bringen, aber das Schachbrett scheint eher, wie auf naiven Kinderbildern, nach unten zu fallen.

 

Albertus übernahm auch Spruchbänder aus der Armenbibel. Die wirken wie Sprechblasen aus einem Comic-Heft. Die meisten sind auf Latein, aber in einigen Kirchen gibt es auch welche auf Schwedisch.

 

Was war die Funktion dieser Bilder? Man sagt immer, sie seien wie ein Bilderbuch für das Volk, die Analphabeten, gewesen. Aber, so Marias Einwand: Konnte man überhaupt viele sehen? Die heutigen Fenster sind barock und größer und heller als es die mittelalterlichen waren, und auch heute muss man schon genau hinsehen. Man konnte allenfalls eine bestimmte Szene mit Kerzen erleuchten und sie zu Zwecken der Belehrung einsetzen. Ihr Argument: Sie wurden in erster Linie für Gott gemalt. Zu seiner Verherrlichung. Vielleicht, aber warum dann die Gegenwartsbezüge, warum die Anspielungen auf den Alltag? Und wurde in mittelalterlichen Kirchen überhaupt gepredigt? Und wurde da nicht ohnehin nur Latein gesprochen? Was natürlich keiner verstand.

 

Entkalken ist, Maria zufolge, eine schreckliche Arbeit, schmutzig und staubig und sogar nicht ganz ungefährlich, die Restaurierung von Bildern dagegen die reine Freude, wenn man vom steifen Nacken absieht. Ich verstehe nicht ganz, wie die Arbeit ausgeführt wird, aber es ist auf jeden Fall von einem Radiergummi die Rede. Bei der Restaurierung kann man, sagt sie, jeden Pinselstrich erkennen. Trotzdem kann sie sich jetzt an viele Details der Kirche nicht mehr erinnern. Die Restaurierung ist 15 Jahre her und müsste jetzt schon wieder erneuert werden. Das sieht man als Laie aber nicht. Ich frage, wie lange so etwas dauert. Die Antwort: 4 Monate, bei zwei vollen und einer halben Kraft. Etwas weniger, als ich erwartet hatte.

 

Die Kirche hat auch ein paar Wappen – auch deren Restaurierung zählt nicht zu ihren Lieblingsarbeiten – einen goldenen, spätmittelalterlichen Altar und etwas, worüber sich der Küster und Maria unterhalten und predikstol nennen. Das ist die Kanzel. Sie kommt aus der Schlosskapelle. Wie kommt eine Kanzel aus der Schlosskapelle in eine Dorfkirche? Die Erklärung: Sie hat einen Makel. Auf drei Wangen erscheinen drei Evangelisten. Drei? Den vierten kann man nicht sehen. Er befindet sich da, wo die Kanzel an die Wand stößt.

 

Wir setzen uns noch auf eine Bank in den Kirchhof und dann geht es zurück nach Stockholm. Dort werde ich an der U-Bahn-Station abgesetzt, während Maria sich um ihren Hund kümmert und die Ankunft ihres Sohns erwartet.

 

Auf dem Rückweg fällt mir an der Station, die nach dem schwedischen Nationalheiligen benannt ist, die typisch schwedische Schreibweise für Sankt auf: S:t Eriksplan.

 

Endlich komme ich auch der Durchsage in der U-Bahn auf die Spur. Es geht nicht um die auf dem Bahnsteig Herumstehenden, sondern um den Abstand zwischen Waggon und Bahnsteig: Tänka på avstanden mellan vagn och platform när du stigger av. – Achten Sie auf den Abstand zwischen dem Wagen und dem Bahnsteig, wenn Sie aussteigen. Das erklärt, warum es die Durchsage nicht an allen Stationen gibt.

 

Ich kann Stockholm natürlich nicht verlassen, ohne das Schloss gesehen zu haben. Bisher habe ich es vermieden, weil es so groß ist und man nicht weiß, was man sich ansehen soll. Jetzt nehme ich es in Angriff.

 

Auf dem Weg zum Schloss begegnet mir die königliche Reitergarde. Vielleicht hat gerade ein Wachwechsel stattgefunden. Was daran so anziehend ist, verstehe ich nicht, aber das wollen alle sehen, genauso, wie hier alle stehen bleiben und den Reitern zusehen. Und ein Photo von sich und einem wachhabenden Soldaten vor dem Schloss machen lassen.

 

Es stellt sich heraus, dass man die Besichtigung auf verschiedene Tage verteilen kann, also fange ich mal an mit des Schlosses erstem Teil, den Staatsgemächern.

 

Man betritt das Schloss durch einen riesigen, quadratischen Innenhof. Die sich gegenüberliegenden Seiten sind jeweils identisch, wobei Ost und West einen etwas hervorgehobenen Mittelteil haben, alles in einem sehr zurückhaltenden klassizistischen Stil, gar nicht so verschieden von Drottningholm. Angesichts der Höhe ist man überrascht, dass es nur drei Geschosse sind. Der Innenhof ist völlig leer, und man kommt sich etwas verlassen vor. Auf einer Seite sind dem Schloss zwei große, vielleicht später hinzugefügte Arme vorgelagert, die einen umfassen, ganz ähnlich denen der Peterskirche.

 

Über eine Treppe betritt man gleich den wichtigsten Raum des Schlosses, den Thronsaal, einen langgestreckten, etwas kühl wirkenden Raum, an dessen Ende der Thron steht. Bis 1971 fand hier die Parlamentseröffnung statt. Dem Thronsaal perfekt entsprechend liegt auf der gegenüberliegenden Seite die Schlosskirche, mit dem Altar als Gegenstück zum Thron. Die Botschaft kann man leicht vernehmen. Die Schlosskirche ist eine etwas erdrückende Barockkirche mit sehr schönen hölzernen Sitzen, die noch aus dem alten Schloss stammen. Man hat sie vor dem Feuer retten können, eine bemerkenswerte Leistung.

 

Rechts am Thron vorbei führt eine Treppe in die beiden Hauptflügel des Schlosses, dem des Königs im Westen und dem der Königin im Osten. Sie sind verbunden durch einen langgestreckten Saal, den prächtigsten des Schlosses, mit hohen Fenstern auf der einen und genau passenden Spiegeln auf der anderen Seite, die den gangähnlichen Saal breiter erscheinen lassen. Hier finden Staatsempfänge statt.

 

Die ersten Räume des Königsflügels sind eher bescheiden, um dann, auf den zentralen Saal hin, immer aufwändiger zu werden. Die ersten beiden Räume gehörten der Wache des Königs. In einem dieser Räume sieht man oben an einer Ecke ein wichtiges Symbol. Das Vorbild Frankreich stand auch hier Pate, sollte aber übertrumpft werden. Statt des Sonne, des Symbols Ludwigs XIV, wählte man den Nordstern. Der ist auch dann noch zu sehen, wenn die Sonne untergeht.

 

Einer der nächsten Räume ist der ehemalige Speisesaal. Der Tisch steht diagonal im Raum. Auf einem Bild sieht man, wie die königliche Familie speiste, umgeben von Gästen und Würdenträgern, darunter den ausländischen Botschaftern. Die aßen aber nicht, sondern sahen der königlichen Familie beim Essen zu. Heute finden an diesem Tisch Treffen des Königs mit der Regierung statt. Der König sitzt am Tischende und lässt sich von den Ministern berichten. Im Zentrum des Tisches liegen Bücher, jeweils ein Exemplar für jede veränderte Version der Verfassung.

Dann kommen wir in das Schlafgemach Gustav III. Ich will gerne wissen, wo das Bett ist, komme aber mit meiner Frage nicht durch. Eine Engländerin liefert die Erklärung: Das Bett verschwindet, wenn es gerade nicht benutzt wird, hinter einer Balustrade. Der König schläft in einem Klappbett! Dies ist der Ort, in dem Gustav III. nach dem Attentat starb. Er wurde angegriffen, obwohl er eine Maske trug, der Attentäter musste also gut Bescheid wissen. Die beiden Schüsse waren aber nicht tödlich. Der König wurde lebend hierher transportiert. Als Folge der Verletzungen trat Fieber auf, und die Ärzte rieten dazu, die Fenster zu öffnen und frische Luft hereinzulassen. Im März! In Schweden! Der König zog sich eine Lungenentzündung zu. Und starb an der Lungenentzündung, nicht an den Wunden.

 

An den vier Ecken des Raums befinden sich vier allegorische Figuren. Sie stellen Laster dar, mit entsprechenden Emblemen versehen, der Symmetrie halber zwei als männliche, zwei als weibliche Figuren: Kummer und Neid (männlich), Geschwätzigkeit und Dummheit (weiblich). Unter den Figuren befinden sich goldene Engel. Die versetzen den Lastern einen energischen Tritt in den Hintern und werfen sie hinaus.

 

In den Gemächern der Königin haben die vier Laster ihre Entsprechung in den vier Kontinenten, genau an der gleichen Stelle angebracht. Asien, Europa und Afrika sind durch entsprechende Gestalten und Tiere dargestellt. Aber das Problem war Amerika. Der Künstler kannte keinen Amerikaner. Der sieht also aus wie ein Schwede und trägt europäische Kleider, hat aber einen Federbusch auf dem Kopf.

 

Die Gemächer der Königin entsprachen ursprünglich perfekt denen des Königs. Lovisa Ulrika, die viel gesunden Menschenverstand gehabt zu haben scheint, fand aber, das Schloss habe genug Wachräume und Speisesäle und machte aus ihren Räumen einen einzigen großen Ballsaal.  Bevor man einen Ball für 700 Gäste durchführte, ließ man, um die Stabilität zu prüfen, 20 Bedienstete ständig in dem Saal auf und ab laufen, und beobachtete von unten, wo die schwächste Stelle war. Dort errichtete man eine Bühne und konnte sicher sein, dass alles gut gehen würde.

 

Nach dem Königinnenflügel kommen die Gemächer der Bernadotte, der jetzigen Dynastie, auf den ersten Blick nicht so anders, aber etwas „leichter“.

 

Ich mache mich aber auf den Weg zu des Schlosses zweitem Teil, dem Antikenmuseum. Es ist eins der ältesten Museen Europas und wurde schon 1748 eröffnet. Es geht auch auf die Initiative des Theaterkönigs zurück. Schon vorher hatte es in Stockholm antike Skulpturen gegeben, aber die hatte Königin Christina mit sich nach Rom genommen.

 

Der Unterschied zu den Staatsgemächern könnte nicht größer sein. Inzwischen war Pompeji ausgegraben worden, und die schlichte, elegante Schönheit der Klassik war das neue Stilideal geworden. Von der neuen Begeisterung für die Klassik wurde auch Gustav III. erfasst. Er fuhr zwei Mal nach Südeuropa. Von der ersten Reise musste er zurückkehren, weil er eine kleine Verpflichtung zu Hause erledigen musste: den Thron besteigen. Seine Brüder blieben aber in Italien und schwärmten ihm von ihren Erfahrungen vor, und bald trat er eine zweite Reise an, nicht nur für Besichtigungen, sondern auch zum Einkaufen von Souvenirs: klassischen Statuen. Die sollten alle eigentlich in ein extra dafür gebautes Museum in Haga Park kommen, aber dazu kam es nicht: Das Museum wurde nie vollendet, der König starb. Jetzt stehen die Statuen hier, in einem Seitenflügel des Schlosses, wo sie zwischengelagert wurden. Der ganze Saal ist weiß und hat nur einfache Schmuckfriese an der Decke und Säulen mit toskanischen Kapitellen. Natürlich sind auch die Statuen weiß, obwohl das ein Missverständnis war. Sie waren in der Antike bunt angemalt. Wie weit das Missverständnis ging, zeigt einer Büste, bei der man versucht hat, die ursprünglichen Farbreste zu beseitigen! Dabei wurde Pferdeurin verwandt, und der ließ nicht nur die Farben verschwinden, sondern beschädigte die Büste sogar!

 

Diese und viele anderen Büsten sind in einem Nebenraum des Museums untergebracht. Sie sind mit Namen von römischen Staatsmännern und Philosophen versehen, die aber mehr oder weniger willkürlich vergeben wurden und teilweise nachweislich nicht stimmen.

 

Im dem hellen Hauptraum, mit einem schönen Blick auf den Garten, reihen sich links die neun Musen auf, mit Apollo, dem Gott der Künste, in der Mitte. Apollo, das versteht sich von selbst, war Gustav III., der Förderer der Künste. Um die Symmetrie zu bewahren, ist den vier Musen auf der einen Seite eine Göttin hinzugefügt. Ich erinnere mich angesichts der Namen der Musen an einen Merkspruch, den wir im Deutschunterricht gelernt haben: KlioMeTerThal – EuErUrPoKal.

 

Ob es sich bei den Statuen um Originale handelt oder ob sich Gustav da ein paar Imitationen hat aufschwatzen lassen, wird nicht ganz deutlich. Vermutlich sind Teile original, und den Rest hat man nachgebildet. Original in Gänze soll aber die liegende Endymion-Statue sein, auf die der Saal zuläuft und die das Glanzstück der Ausstellung ist. Endymion, der schöne Schäfer, von der Göttin, die sich in ihn verliebte, zu ewigem Schlummer verdammt, so dass sie ihn ansehen und liebkosen konnte, liegt mit geschlossenen Augen und völlig nackt da. Es scheint so zu sein, dass der homosexuelle Auftraggeber seine Vorliebe hinter dem Vorwand des Motivs kaschieren konnte.

 

Dann folgt des Schlosses dritter Teil, das Museum Tre Kronor. Es befindet sich tatsächlich in dem alten Schloss, allerdings in dessen Kellergewölben, das einzige, was davon übrig geblieben ist.

 

Die Keimzelle des späteren Schlosses war eine Burg. Die diente nicht so sehr als Residenz denn zur Verteidigung. Schweden hatte noch keine Hauptstadt, der König reiste von Ort zu Ort. Stockholm war aber von höchster strategischer Bedeutung, denn nur hier konnte man von der Ostsee in den Mälaren kommen oder umgekehrt. Das macht Stadsholmen, diese Insel, so wichtig. Wenn man hier den Durchgang kontrollierte, konnte man sowohl schwedische Städte schützen als auch Zölle kassieren. Diese alte Burg hatte bereits den charakteristischen Rundturm. Sie wurde kurz nach der Zerstörung von Sigtuna errichtet und steht vermutlich damit in Zusammenhang.

 

Hier, unter der Burg, waren die Vorratsräume. Vor allem Holz und Nahrung wurden hier gelagert. Das Holz brauchte man zum Heizen, aber auch zum Kochen, denn die Burg hatte, wie man hier noch sehen kann, im Keller eine Küche, eine gewagte Angelegenheit, denn wenn die Burg einen Feind hatte, dann das Feuer. Aber gleich neben der Feuerstelle befindet sich ein Brunnen.

 

Die Burg war praktisch nicht einzunehmen, mit einer sechs Meter breiten Mauer, durch die man heute das Museum betritt. Sie war die wehrhafteste Burg in ganz Nordeuropa. Das Problem waren Belagerungen, und die konnten dauern. Die längste dauerte drei Jahre. Deshalb mussten hier riesige Nahrungsvorräte gelagert werden. Viel Frisches gab es da am Ende nicht mehr. Man ernährte sich hauptsächlich von gepökeltem Fisch und Bier. Die Burg wurde aber nie erobert.

 

Im Laufe der Jahrhunderte wurde erweitert und erneuert, und es entstand ein wunderschönes Renaissanceschloss auf mittelalterlichem Grundriss, unregelmäßig, mit Giebeln und Türmchen und einem Rundturm, etwa in der Mitte der Anlage. So sah das Schloss, wie man an einem Modell sieht, zu seiner Hochzeit aus, nach dem Dreißigjährigen Krieg. Für Verteidigungszwecke hatte es da allerdings ausgedient. Dafür baute man das Kastell in Vaxholm.

 

Hier, in Stockholm, standen in den Bastionen keine Kanonen mehr, und in dem Burggraben war eine merkwürdige Absperrung eingelassen. Die hatte einen ganz besonderen Zweck. Es war eine Löwengrube. Auch nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs war den schwedischen Königen die Lust an Ausflüge in andere Länder nicht vergangen. Von einem dieser Ausflüge brachten sie aus Prag einen Löwen mit. Der sollte hier gegen einen schwedischen Bären kämpfen. Zur allgemeinen Enttäuschung gingen die beiden überhaupt nicht aufeinander los, sondern ließen sich in Ruhe. Nachdem sie angestachelt worden waren, versetzte der Bär dem Löwen einen Biss, und der zog den Schwanz ein und verkroch sich in eine Ecke. Das war das Ende der Löwengrube. Die bekam dann aber eine zweite Chance unter der theaterbesessenen Lovisa Ulrika, die hier ein Theater einrichtete. Während all dieser Zeit hieß das Schloss nie Tre Kronor. Das ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, als das Schloss schon lange nicht mehr stand.

 

Dies ist die Gelegenheit, etwas zu den Drei Kronen zu sagen. Sie sind das schwedische Symbol überhaupt, aber ihr Ursprung ist ungewiss. Lange galt die Annahme, es handele sich um die drei Kronen der vereinigten Königreiche von Dänemark, Norwegen und Schweden nach der Kalmarer Union. Das gilt aber heute als unwahrscheinlich. Es könnten auch die Kronen von Dänemark, Schweden und Skåne sein, damals ein eigenständiges Reich. Vielleicht stammen die drei Kronen aber auch aus einem Adelswappen und haben eine Verbindung zu den Heiligen Drei Königen und damit zu Köln!

 

Das alte Schloss galt schon lange nicht mehr als adäquat für eine europäische Macht. Das Schloss galt als alt, hässlich, unmodern und nicht repräsentativ für eine europäische Macht. Zu Schweden gehörten damals Finnland, Teile des Baltikums, Teile Polens und Teile Norddeutschlands. Karl XI. machte sich schließlich ans Werk und beauftragte Tessin, den Erbauer von Drottningholm, den Plan für einen Umbau zu entwerfen. Eine Längsseite des Schlosses wurde danach klassizistisch umgestaltet, mit hohen Geschossen, einem flachen Dach, ohne Türme und Giebel, und einer regelmäßigen Fensterfront.

 

Dieser Flügel kommt mir irgendwie bekannt vor. Er sieht aus wie das heutige Schloss. Und es ist wirklich so. Er ist der einzige Teil, der das Feuer überstand, wenn auch nur die Außenmauern. Die Eisentüren, die Tessin zum Feuerschutz vorgesehen hatte, waren noch nicht eingebaut worden.

 

Der weitere Umbau stockte dann aber, als der König starb und sein Nachfolger ein zu hohes Militärbudget hatte, um weiterzubauen.

 

Dann kam der Tag, an dem der Brand ausbrach. Der König war gerade gestorben und noch nicht einmal begraben. Er wurde beim Ausbruch des Feuers in der Kapelle des Schlosses aufgebahrt.

 

Bis heute ist die Ursache des Feuers unbekannt. Jedenfalls fing der Brand nicht unten in der Küche an, sondern in einer Wohnung ganz oben im Schloss, etwa in der Mitte. Es gab im ganzen Schloss Vorrichtungen zum Feuerlöschen, aber man bekam das Feuer nicht unter Kontrolle. Als man gerade dabei war, den Brand zu bekämpfen, drehte der Wind und das Feuer erfasste die andere Seite des Schlosses. Man merkte, dass man das Gebäude nicht retten konnte und machte sich daran, die Einrichtung zu retten. Viele Dinge wurden gerettet. Allerdings verbrannten ironischerweise ausgerechnet Tessins Pläne für den Umbau des Schlosses.

 

Wie durch ein Wunder kam kein Mensch ums Leben. Eine Legende will aber, dass doch ein Mann zu Tode kam. Er versuchte, dem Feuer zu entkommen und wurde unten auf der Straße von einem Geschoss am Kopf getroffen. Das Geschoss war ein Buch, das jemand aus der Bibliothek nach unten warf, um es zu retten, ein besonders dickes Buch, eine Ausgabe der Bibel, die Teufelsbibel heißt.

 

Wenn das Schloss nicht abgebrannt wäre, würde es heute trotzdem ganz anders als damals aussehen. Irgendwann hätte man wahrscheinlich Tessins Umbaupläne wieder hervorgekramt, und das Schloss würde fast so aussehen wie heute, obwohl man vermutlich den alten Rundturm nicht abgebrochen hätte. Es kommt einem fast so vor, als wäre das Feuer gerade recht gekommen.

 

Es ist inzwischen fast Zeit für die Schließung des Schlosses, und ich habe auch genug gesehen. Ich setze mich unter die von den Stockholmern freundlicherweise geretteten Ulmen und genieße ein Bier und einen Hähnchenspieß, ein Gericht, das auf vielen Speisekarten erscheint.

 

Ab Montag soll es kühler werden. Soll mir recht sein.

 

6. August (Samstag)

Womit ich nicht gerechnet habe, ist, dass es schon ab heute nicht mehr so schön ist. Der Himmel ist bewölkt. Statt zum Hagapark gehe ich ins Nordiska Museet, in Djurgarden, ganz in der Nähe des Vasamuseet, wohin ich mich vor genau zwei Wochen auf den Weg gemacht habe.

 

Das Nordiska Museet befindet sich in einem riesigen, breiten Gebäude (176 Meter breit), gebaut in einem Stil, den man als Neo-Renaissance bezeichnen könnte. So könnte das alte Schloss ausgesehen haben. Oder so stellte man sich das vor.

 

Der Stil ist kein Zufall. Das Museum entstand zu der Zeit der Nationalromantik am Beginn des 20. Jahrhunderts, einer Zeit, als alles, was schwedisch und alt war, ideal war.

 

In der Mitte der großen Eingangshalle thront eine überdimensionale, bemalte Holzskulptur von Gustav Vasa, von Milles ausgeführt und von seiner eigenen Ehefrau farbig gefasst. Die Skulptur ist eher hässlich, aber passt zu der Grundidee des Museums mit seinem Schwerpunkt auf Schweden und dessen Geschichte. Noch besser ist, dass das Holz aus einem Wald stammt, der zur Zeit Gustav Vasas angelegt worden ist und die Stirn sogar von einem Baum, der von dem König selbst gepflanzt worden sein soll! Auf dem Sockel steht ein Motto, das dem König zugeschrieben wird, das aber vor allem in die Zeit der Entstehung des Museums passt: Warer svenske!

 

Der Name des Museums ist irreführend. Es könnte eher Schwedisches Volkskundemuseum heißen. Es gibt aber eine ganz besondere Vorrichtung, nämlich einen Audioguide in „einfachem Schwedisch“. Von ihm lasse ich mir ausgewählte Stücke des Museums präsentieren. Es beginnt ganz oben, im 4. Stock.

 

Und es beginnt mit einem Tisch. Der hat sogar einen Namen: Eva. Er wurde in den Dreißigerjahren entworfen, hat keine Armlehne, ist auch hellem Holz (Birke), hat eine breite Bespannung aus Bast und ist leicht geschwungen. Obwohl er nicht unbedingt so aussieht, ist er als Arbeitsstuhl konzipiert. Wie modern der Stuhl war, sieht man, wenn man ihn mit den Stühlen in der gegenüberliegenden Vitrine vergleicht. Hier wird das Wohnzimmer einer durchschnittlichen Familie der unteren Mittelschicht aus der gleichen Zeit ausgestellt, komplett. Die Stühle sind dunkel und gerade, die gesamte Einrichtung gediegen. Die sechsköpfige Familie hatte zwei Zimmer und eine Küche. Die Eltern schliefen im Wohnzimmer, die Kinder in der Küche und in dem anderen Zimmer. Es gibt kaum Schmuck, aber man hatte eine Zeitung und ein Radio – allerneueste Kommunikationstechnologie. Die Zeitung berichtet auf der ersten Seite vom Ausbruch des 2. Weltkriegs. Schweden war neutral, sah sich aber immer wieder vor schwierigen Entscheidungen: Wie reagiert man auf die deutsche Besetzung Dänemarks und Norwegens, auf die russische Besetzung Finnlands? Wie verhält man sich deutschen Deserteuren gegenüber?

 

Die nächste Vitrine zeigt ein großbürgerliches Wohnzimmer der Jahrhundertwende: Polstermöbel, dunkle Tapeten, Blümchenmuster, ein Regal, auf dem Porzellanstücke präsentiert werden. Auch dies war das Wohnzimmer einer sechsköpfigen Familie, aber sie hatte eine Köchin und zwei Kindermädchen. Als neuester Errungenschaft liegt ein Photoapparat auf dem Regal.

 

Vom Ende des Gangs kann man in die langgestreckte Halle hinuntersehen. Elektrisches Licht gab es noch nicht. Das erklärt die vielen, flachen Kuppeln, aus denen Licht in das Gebäude gelangt. Die Halle sollte zunächst Ballsaal werden, aber dann wurden aus finanziellen Gründen die Pläne geändert. Man kann sich hier einen Ball gut vorstellen. Das improvisierte Café und das Kassenhäuschen stehen jedenfalls etwas verloren in diesem auf Grandiosität angelegtem Raum herum.

 

Auf der nächsten Etage geht es weiter in der Zeit zurück. Hier sieht man ein großzügiges, etwa 150 Jahre älteres Haus. Hier regiert das Holz: Fenstersprossen aus Holz, Blendläden aus Holz, Fußboden aus Holz, Tische aus Holz. Dass es sich um keine Holzbude handelt, sondern um das Heim einer großbürgerlichen Familie, sieht man an den Einrichtungsgegenständen, fein gearbeitet und den neuesten Zeittrends entsprechend: ein Kartentisch und ein Kaffeetisch. Kaffee war das Modegetränk der Zeit, und ein erheblicher Luxus. Er war mit den zurückkehrenden Soldaten Karls XII. nach Schweden gekommen, der in der Türkei gefangen war. Ähnlich war das Kartenspiel, eine leicht lasterhafte Zeitvergeudung, auch ein Luxus, den sich leisten konnte, wer überhaupt Freizeit hatte. Viele der Moden der Zeit kamen aus dem mit Schweden verbundenen England und lassen sich sogar bis nach China zurückverfolgen, woher sie über die East India Company nach Europa kamen.

 

Dann sieht man einen original erhaltenen, 350 Jahre alten Raum aus einem Schloss, dem Schloss Ulvsunda. Der Raum hat eine bemalte und sich wölbende Ledertapete. Und er hat ein Himmelbett. Das wurde aber in der Regel gar nicht benutzt, weil das Heizen zusätzlicher Räume einfach zu teuer war. Der Raum wurde lediglich geheizt, wenn ganz besonderer Besuch angemeldet war, Staatsbesuch sozusagen.

 

Dann geht es in eine Abteilung mit Volkskunst. Man sieht zwei Standuhren, gleich nebeneinander, eine „weibliche“ und eine „männliche“. Diese Attribute kann man zweifelsfrei den beiden Uhren zuordnen, aber ob das, wenn auch nur unterschwellig, eine Rolle gespielt hat bei der Herstellung der Uhr, weiß man natürlich nicht. Hier sind Amateure am Werk, Menschen, die die Fertigkeit von älteren Familienmitgliedern gelernt hatten. Es wird die Frage diskutiert, was denn überhaupt Volkskunst zu Volkskunst mache. Diese Uhren könnten auch von einem Kunstschreiner hergestellt worden sein. Wo die Grenze liegt, ist schwer zu sagen. Vielleicht, so kommt es mir vor, ist es der Überfluss und die Willkürlichkeit des Dekors. Was sollen die stilisierten Blumen auf diesen Uhren? Sie haben, jedenfalls soweit man das sehen kann, keinen Bezug zum Gegenstand oder zum Umgebung. Und es gibt ein bisschen viel davon. Was eigentlich Kunst ausmacht, Zurückhaltung, ist nicht zu erkennen.

 

In der Abteilung Volkskunst sieht man auch noch, auf einem Podium postiert, vier verschiedene Stühle. Sie kommen alle aus anderen Häusern. Es war normal, nur einen Stuhl zu haben. Ein Stuhl war ein Luxus, und gleichzeitig ein Machtsymbol für den, der einen hatte oder gar auf einem sitzen durfte, während alle anderen auf Schemeln oder Bänken saßen. Die Stühle sind also Einzelstücke, und mit entsprechend viel Liebe zum Detail gearbeitet.

 

Ein Stockwerk tiefer geht es ums Essen. Man sieht eine gedeckte Festtafel aus dem 17. Jahrhundert, mit einem Schwan in der Mitte, einem gebratenen Schwein dahinter, Muscheln davor, sowie Pasteten, Kuchen und allerlei anderes. Alles wurde gleichzeitig aufgetischt. Der Schwan wurde als Dekorationsstück immer wieder verwendet, nur der Braten wurde erneuert. Man aß von Zinntellern – sie kamen dem Silber am nächsten – und mit den neumodischen Gabeln. Die sorgfältig gefalteten Servietten wurden nicht benutzt, oder wenn überhaupt von Besuchern, sie dienten der Dekoration.

 

Als Gegenstück in einer gegenüberliegenden Vitrine ein Brettchen, dem Teller der gewöhnlichen Leute. Es trägt eine Inschrift, die besagt, wer es von wem geerbt hat und wer von ihm gegessen hat. Dazu gehörte auch ein Mann, der später zum schwedischen Botschafter in Frankreich avancierte. Als das Brettchen einen Riss bekam, bekam es die Inschrift und wurde dann als Erinnerungsstück weitervererbt. Ein ungewöhnlicher Vorgang, dass ein gewöhnlicher Alltagsgegenstand von 1685 bis heute überlebt hat.

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kamen Einladungen zum Kaffeetrinken in Mode, und wir sehen einen komplett gedeckten Kaffeetisch. Die Einladungen zum Kaffee ersetzten immer mehr die traditionellen Esseneinladungen, besonders bei Geburtstagen und Beerdigungen, und wurden durch technische Neuerungen wie den Backofen und das Backpulver erst ermöglicht. Die Kaffeetassen sind an beiden Tischseiten nacheinander aufgereiht. Man setzte sich also vermutlich nicht an den Kaffeetisch, sondern bediente sich und setzte sich dann woandershin. Selbstbedienung. Daher haben das die schwedischen Cafés! Es gab, in dieser Reihenfolge, Brot, Kuchen und Kekse, und es war sozial erforderlich, immer mindestens sieben verschiedene Keksarten anzubieten.

 

Dann gibt es noch eine Abteilung zu schwedischen Festen und Traditionen. Zur Mittsommernacht heißt es, dass die Tradition durch deutsche Hansekaufleute nach Schweden gekommen sei, und zwar als Maifest. Das Fest sei dann auf den Mittsommer verlegt und entsprechend schwedisch ausgestaltet worden. Ein schwedisches Fest deutschen Ursprungs? Aber vielleicht habe ich da etwas missverstanden.

 

Zum Museum gehört auch, auch wenn es eigentlich nicht ganz hierhergehört, ein Teil der Hinterlassenschaft Strindbergs. Sie gelangte wohl durch eine private Verbindung von Strindberg mit dem Gründer des Museums hierher. Diese Exponate werden deshalb auch getrennt von dem Rest, an einer Seite des Museums präsentiert.

 

Vor allem seine Bilder kann man hier sehen. Er malte, fast ausschließlich, Natur: Wälder, Bäume, Klippen, den Himmel, das Meer. Die Themen und die Techniken blieben gleich, aber man sieht, da die Bilder in chronologischer Reihe gehängt sind, dass die Form sich veränderte: die Bilder werden symbolischer und abstrakter.

 

Es gibt Briefe, Aufzeichnungen, Skizzen, das Originalmanuskript von Fräulein Julie und das korrigierte Titelblatt seiner umfassenden, später heftig umstrittenen Kulturstudie. Der Verleger hatte Svenska Kulturminnen als Titel vorgeschlagen. Den Titel hatte Strindberg durchgestrichen, mit dem Kommentar, es handele sich weder um „Schwedisches“ noch um „Erinnerungen“. Und hatte als neuen Titel vorgeschlagen: Historiska Studier.

 

Die ganze Woche über sieht man in Stockholm die Regenbogenfahne. Es ist die Woche von Stockholm Pride, einer Art Karneval für Fortgeschrittene, eine Woche mit Festen und Feiern und Konzerten und Umzüge für Schwule und Alternative und Radikale, d.h. junge Leute, die sich radikal dem Thema Vergnügen verschrieben haben.

 

Am Nachmittag will ich zum Kaknästorn, dem Fernsehturm Stockholms mit seiner eigenwilligen Gestalt, um hier vielleicht den Ausblick zu bekommen, die das Stadshuset nicht geboten hat. Aber wegen der Parade fährt der Bus nicht. Es wird geraten, zu warten, denn die Parade sei bald zu Ende. Ich warte und sehe, dass sich der Himmel immer mehr zuzieht. Und nach einer Stunde gebe ich auf.

 

An diesem Wochenende gibt es ein Taube-Festival. Nichts für Gehörlose, und auch nichts für Vögel. Evert Taube ist ein schwedischer Sänger und Komponist, der mit seinen Liedern sehr populär wurde.

 

7. August (Sonntag)

Beim Frühstück fragt ein deutscher Mann seine Frau: „Willst du auch Early Grey?“ Neue Teesorte.

 

Regen! Richtiger Regen! Jedenfalls nasse Straßen und ein paar Tropfen. Ich kann mich über das Wetter wahrlich nicht beschweren, aber es macht die Wahl für den letzten Tag etwas schwer.  Hagapark? Kaknästorn? Museum? Im Moment verschiebe ich die Entscheidung und warte ab, wie sich das Wetter entwickelt.

 

Dann lasse ich den Zufall spielen. An der Haltestelle wird der Bus zum Kaknästorn, der 69K, angekündigt: „2 min“. Da lohnt sich das Warten. Nach zwei Minuten kommt der immer noch in „2 min“. Dann kommt die Straßenbahn, dann kommt der Bus in „2 min“. Dann kommt er „nu“, dann kommt er wieder in „2 min“. Dann kommt ein anderer Bus, und dann kommt wieder eine Straßenbahn. Und dann kommt er und – fährt an mir vorbei. Er hat hinter der Straßenbahn gehalten und die Leute einsteigen lassen. Der 69 K hat etwas gegen mich.

 

Dann kommt er aber wirklich und hält. Der Fahrer hat eine kurze Hose an. Ich bin extra noch mal zum Hotel zurückgegangen, um mir eine lange Hose anzuziehen. Die kurze Hose sah mir unpassend aus.

 

Der Bus ist rappelvoll, vor allem Familien mit Kindern sind vertreten. Wollen alle zum Kaknästorn? Wir kommen zuerst durch die Gegend der ausländischen Botschaften. Die türkische befindet sich in einem schönen alten Backsteingebäude. Auf der anderen Seite, etwas weiter, befindet sich eine in einem modernen Betonklotz mit Stacheldraht. Israel? USA?

 

Dann kommen wir zum Technischen Museum. Hier steigen alle aus. Es gibt eine Ausstellung zur Raumfahrt. Die Fahrt geht weiter, in eine sehr ländlich anmutende Gegend. Der Turm steht wirklich inmitten von nichts.

 

Aus der Nähe betrachtet ist der Turm nicht schöner als aus der Ferne. Aber braucht er ja auch nicht. Es geht ja um die Fernsicht. Mit dem schnellen, aber veralteten Aufzug geht es in den 30. Stock, auf 150 Meter. Das ist Skandinaviens höchstes Gebäude. Nutzt aber alles nichts. Ist immer noch nicht hoch genug. Die Aufnahmen, die ich gesehen habe und die die Lage Stockholm so wunderbar zeigen, müssen aus dem Flugzeug gemacht worden sein. Hier erkennt man allenfalls ein paar Wasserstellen zwischen den Inseln. Genaues sieht man kaum. Der trübe Tag, der einsetzende Regen und die schmutzigen Fenster helfen auch nicht gerade. Immerhin kann man in der Ferne einige Gebäude gut erkennen: Stadshuset, Schloss und, vor allem, Nordiska Museet. Unmittelbar unter uns liegen der Hafen und der Ladulås-Park, hinter uns reine Natur: Wasser und Inseln. Ich gehe noch auf die höhere, offene Aussichtsplattform, ohne Fenster, aber mit Gittern. Und mit Regen.

 

Der Turm wurde 1963 begonnen und 1967 eingeweiht. Er durfte aus technischen Gründen nicht mehr als ein Kilometer von der Fernsehstation entfernt sein. Wo die liegt, weiß ich aber nicht. Zuerst sollte es ein runder Turm werden, dann entschied man sich für viereckig, aber mit einer Besonderheit: Die Besucherplattformen – und einige der Stockwerke darunter – wurden diagonal versetzt, so dass sich ein achteckiger Stern ergab. Das erlaubt auch das volle Ausnutzen von Sonne und Schatten. Die Fenster – das muss damals wohl eine Neuerung gewesen sein – haben eine goldene Beschichtung, die den großen Teil der Sonnenwärme  draußen hält. Daher vermutlich die rötlichen Streifen, die sich an den Fenstern bilden.

 

Es wurde zuerst nur der äußere Turm gebaut. Er wuchs jeden Tag um ca. 3,5 Meter, die dann hydraulisch nach oben gepumpt wurden. Erst dann begann man mit den Stockwerken, und zwar mit dem 24., von dem aus man sich dann nach unten und nach oben arbeitete. Das ist alles interessant, und die frühe Entstehung erklärt auch, dass heute alles etwas veraltet wirkt. Auf einer Zeichnung sieht man den Turm ganz in Blau, mit einigen in Gelb herausgehobenen Teilen. Trägt einiges zur Verbesserung des Aussehens bei. Was bedeutet eigentlich Kaknäs? Keine Ahnung.

 

Als ich unten den Turm verlasse, regnet es richtig heftig. Als der Bus kommt, laufe ich mit zwei anderen auf ihn zu, aber die Busfahrerin sieht uns nicht und lässt die Tür zu. Als sie sich dann öffnet, flüchten die beiden anderen in den Bus und beginnen, sich gemütlich mit der Busfahrerin zu unterhalten und lassen mich, im wahrsten Sinne des Wortes, im Regen stehen.

 

Die Busfahrerin ist eine ganz junge Frau, fast ein Kind noch. Sie sieht gar nicht so aus, als hätte sie schon einen Führerschein. Sie fährt sehr, sehr vorsichtig. Das ist gut, denn das Wasser aus den Pfützen spritzt zu allen Seiten. Die Busse werden mit Biogas betrieben, und sind ein Fabrikat von MAN.

 

Als wir im Zentrum ankommen, hat der Regen aufgehört. Ich gehe erst zum Nationalmuseum, das noch auf meiner Liste steht, lasse mich aber von der langen Schlange abschrecken. Es gibt eine Ausstellung, deren Titel seine Wirkung nicht verfehlt: Lust och Last.

 

Mir fällt ein, dass ich ja noch die Eintrittskarte für die Schatzkammer des Schlosses habe und ich beschließe, dass das meine letzte Besichtigung werden soll. Der Umweg über das Nationalmuseum kommt mich aber teuer zu stehen: Es beginnt wie wild zu schütten, und auf dem riesigen Platz vor dem Schloss kann man sich nirgendwo unterstellen. Als ich ankomme, bin ich völlig durchnässt.

 

Die Schatzkammer befindet sich unten, ganz unten. Es sind nur zwei kleinere Räume, in denen alles ausgestellt ist. Neben den Regalia gibt es zwei Kisten, in denen diese früher aufbewahrt wurden, die zweite, größere und mit einer Vielzahl von Schlössern versehene, ersetze die erste, nachdem die zu klein und unsicher geworden war. Sie tat ihre Dienste bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Dann gab es wohl modernere Aufbewahrungsmöglichkeiten. Öffentlich werden die Dinge seit 1970 präsentiert.

 

Seit der Krönung Gustav V. wird die Krönung nicht mehr von der schwedischen Staatskirche durchgeführt. Diese Änderung wurde wohl im Sinne der Modernisierung der Monarchie eingeführt. Als Folge davon, werden auch die königlichen Insignien – Krone, Zepter, Reichsapfel – bei der Krönung nicht mehr getragen, sondern wohnen der Krönung nur bei, genauso wie der prächtige, rote Krönungsmantel mit Hermelinbesatz, der in einer Vitrine ausgestellt ist. Fast möchte ich sagen: Schade. Wenn man das Zeug schon hat, könnte man es auch anziehen. So liegt es, wie man auf Photos sehen kann, etwas verloren in der Gegend herum.

 

Die ältesten Exponate stammen aus der Zeit Gustav Vasas. Dazu gehören zwei am Griff verzierte Schwerter. Auf der Scheide, hier nur schwer zu erkennen, gibt es Darstellungen. Es sind Szenen aus Genesis und Deuterononium. Nicht von ungefähr: Gustav Vasa stilisiert sich hiermit zum modernen Moses, der Schweden aus der dänischen Gefangenschaft ins Gelobte Land der Unabhängigkeit führt. Politik mit dem Schwert.

 

Die älteste Krone mit dem dazugehörigen Zepter und dem Reichsapfel stammen von der Krönung von Gustavs Sohn Erik. Es handelt sich um eine geschlossene Krone, gefertigt nach dem Vorbild der Krone Heinrichs VIII. in England. Offenen Kronen wie man sie aus dem Mittelalter kennt, sieht man hier nicht.

 

Auch hier wird mit den Insignien Politik betrieben, und zwar im doppelten Sinne. Die Krone enthält die drei Kronen, das Symbol Schwedens, aber auch die drei Leoparden, das Symbol Dänemarks. Drohung und Machanspruch gleichzeitig. Erik wurde später von einem seiner Brüder besiegt, gefangengenommen und abgesetzt. Er hatte die Dreistigkeit besessen, eine Nichtadelige zu heiraten, Anlass genug, ihm an den Kragen zu gehen. Sein Nachfolger, Johann, ließ daraufhin zwei Perlen an der Krone anbringen. Sie verdeckten die Initialen E.R. seines Vorgängers und kaschierten sozusagen den Staatsstreich.

 

Ich lasse es dabei bewenden in dem Gefühl, genug gesehen zu haben. Und laufe durch den Dauerregen ins Hotel, dankbar dafür, dass Stockholm mich mit so schönem Wetter verwöhnt hat und mich mit so schlimmen Wetter nach Hause schickt.

2 Responses to Stockholm (2011)

  1. Alfred Walter says:

    Vielen Dank für den tollen, ausführlichen Bericht aus Stockholm!
    A. Walter, Petersaurach

    Hier eine Ergänzung zum Sarkophag aus Porphyr:
    Wir waren letztes Jahr (2014) in Älvdalen (dort wo Sofia herkommt) und konnnten das Porphyrmuseum besichtigen.
    Dort findet man zu dem Sarkophag von König Karl XIV Johan folgende Geschichte:
    Als der König Karl XIV Johan starb bestellte man – um zu zeigen, dass auch Schweden weiß, wie man eines Königs würdevoll gedenkt – einen Sarkophag für ihn.
    Der wurde in 8 Jahren angefertigt und konnte erst nach weiteren 4 Jahren Wartezeit in einem Winter 1856 , in dem es mehrer Woche um die Minus 30°C hatte, weil er 16 Tonnen schwer war, auf einem Schlitten von – angeblich 180 (16 ständig?)- Leuten auf dem Fluss und über viele Seen, über eine Zeit von 16 Tagen, an die Ostsee gezogen werden. Damit die Leute auch gleichmäßig zogen, wurden sie von Musikern unterstützt. Dort setzte man in Gävle den Sarkophag um, auf ein Schiff und transportierte ihn über die Ostsee nach Stockholm.

    Hierzu kurz Links und Textauszüge:
    - http://www.geonord.org/shows/porph.html
    - 1844 Karl XIV Johan died. The making of the famous sarcophagus in the Riddarholm Church was started. Work went on for eight years and engaged a great part of the population in Älvdalen. The sarcophagus is made of the same kind of stone as the Rosendal vase, Garberg granite. It weighs 16 tons (about 35 000 pounds). The material was taken from Garberg.

    1852 The sarcophagus was ready to be delivered but had to wait for suitable surface for sledging for four years.

    1856 The winter was cold and snowy. Two big sledges were made, one for the sarcophagus and one for the lid. 180 strong local men were hired to pull the sarcophagus to Gävle, where they arrived after sixteen strenuous days. The sarcophagus was there loaded on to a steamboat to be transported to Stockholm.

    - http://www.spelman.de/spelmaen/gyrisen.htm
    -Als im Februar 1856 der prächtige Sarkophag aus Älvdalsporphyr für Karl XIV Johan nach Gävle überführt wurde, saß Gyris Anders zusammen mit Hins Lars aus Mora auf dem Lastschlitten und spielte für die Männer, die den Schlitten zogen. Einer der ‘Hits’ dieser Reise war der ‘Sarkofagmarschen’ oder ‘Karl-Johan-Marschen’, der seitdem in verschiedenen Versionen den ganzen Dalälven entlang überliefert wird.

    - Sarkofagmarschen –
    Auf der anstrengenden Reise des Sarkophages von Älvdalen nach Gävle an der Ostsee saß neben einem weiteren Spielmann Gyris Anders die ganze Strecke hindurch auf dem Lastschlitten und spielte für die “Königspferde”, die 16 Männer, die den Schlitten mit dem Sarkophag zogen. Während sich Hins Lars aus Mora Erfrierungen an den Fingern zuzog, konnte Gyris’n die ganze Strecke durchhalten – er spielte mit Handschuhen.

  2. schaefew says:

    Vielen Dank für den freundlichen Kommentar und die interessanten Ergänzungen!

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>