Gargnano (2009)

26. März (Donnerstag)

Die Taxifahrerin polemisiert auf der Fahrt zur Bushaltestelle gegen Kreditkarten, Internetbestellungen und all den neumodischen Kram, gerade die Art von Konversation, die man schätzt, morgens um halb sechs. Sie zahle bar. Sie hat sich schon mit der Sparkasse überworfen. Jetzt will sie auch der Postbank kündigen. Das sagt sie gerade in dem Moment, in dem wir dort vorbeifahren.

 

Mit einem riesigen, modernen Reisebus geht es zum Flughafen. Wir sind gerade mal sechs Leute. Das muss bei einem Fahrpreis von 12 € ein Zuschussgeschäft sein. Vielleicht holt man das mit anderen Fahrten wieder raus. Der Bus verkehrt jedenfalls regelmäßig und ist auf die Minute pünktlich.

 

Im Hunsrück liegt auf den Hügeln noch Schnee, und in den Ackerfurchen auch. Das gibt ein ganz regelmäßiges, scheinbar künstliches Muster mit geraden braunen und weißen Linien. An anderen Stellen sieht der Schnee wie drübergestreut aus, wie der weiße Krümelkäse auf dem braunen Bohnenmus beim mexikanischen Frühstück.

 

Am Flughafen in Hahn ist ausnahmsweise kein großer Betrieb, und es geht alles schnell und reibungslos, mit einer Ausnahme: Ich werde erst von dem Eingang zum Check-in zum Automaten und dann vom Automaten wieder zurück geschickt. Man will mit aller Macht versuchen, die Passagiere zum elektronischen Check-in zu veranlassen. Deshalb wird der Zugang zum Schalter streng bewacht. Es gibt aber Schwierigkeiten mit den Umlauten. Mit denen wird der Automat nicht fertig. Ob ich einen Umlaut in meinem Namen hätte? Ja. Ob ich auch so das Ticket bestellt hätte? Nein. Warum nicht? Weil das Internet keine Umlaute zuließ! Deshalb bin ich in der Grauzone zwischen den modernen Automatenabfertigung und der veralteten persönlichen Abfertigung.

 

Wir leben nicht nur immer länger, wir werden auch immer größer, lese ich in der Zeitung. Der Europäer hat in den letzten 80 Jahren 11 cm zugelegt. Das hat nicht nur positive Folgen: Es gibt mehr Haltungsschäden und auch mehr Probleme mit den Zähnen! Kurioserweise verändern sich auch die Stimmen: Da der Kehlkopf größer ist, sind die Stimmbänder länger und die Stimmen tiefer! Das Wachstum steigt nicht stetig an, sondern hängt von den Lebensbedingungen ab. In der Altsteinzeit waren die Menschen größer als in der Jungsteinzeit, als man sesshaft geworden war und es Versorgungsprobleme gab. Auch im Mittelalter waren die Menschen größer als in der frühen Neuzeit, als Bevölkerungswachstum und die Pest die Ernährungslage verschlechterten. Der negative Trend hielt an bis in 17. Jahrhundert. Dann wurden die Menschen langsam wieder größer. Und in Südkorea sind die Menschen seit dem Ende des Krieges um 6 cm gewachsen, in Nordkorea sind sie gleich groß geblieben!

 

Die brasilianischen Telenovelas kreisen zwar auch, wie die mexikanischen und kubanischen, unermüdlich um das Thema Liebe, aber sie repräsentieren auch die brasilianische Wirklichkeit. Und nicht nur das. Sie gestalten sie sogar mit, wie Soziologen jetzt herausgefunden haben. In den Telenovelas kamen eheliche Untreue, Scheidung, Verhütung, Religionskritik bereits vor, als all das noch ein Tabu oder sogar verboten war, nämlich zur Zeit der Militärdiktatur, und zwar ausgerechnet auf dem von den Militärs lancierten Sender Rede Globo. Der Sender war zunächst noch nicht überall zu empfangen, verbreitete sich aber allmählich und erreichte schließlich 90 % aller Haushalte. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Haushalte mit Fernseher allmählich und stieg schließlich auf 82% im Untersuchungszeitraum. Das Ergebnis der Studie, kurz gefasst: Wo die Telenovelas hinkamen, gab es weniger Geburten und mehr Scheidungen!

 

Dann geht es in einem nicht ganz voll besetzten Flugzeug nach Bergamo. Bei den Durchsagen im Flugzeug bekommt man Kostproben des internationalen Englisch: Der Pilot spricht Englisch mit markantem irischen Akzent, der Steward mit russischen oder etwas Ähnlichem.

 

Auch der Flughafen von Bergamo ist so klein, dass man zu Fuß über das Rollfeld zur Halle gehen kann. Zu allen Seiten hat man einen Blick auf die Alpen, und es ist sonnig und frühlingshaft warm.

 

Mit dem Bus geht es von Bergamo nach Brescia, und von Brescia mit einem weiteren Bus nach Gargnano. Brescia sieht, wenn man hineinkommt, ganz ‚unitalienisch’ aus, mit hochmodernen, variantenreichen Bürohochhäusern mit viel Glas, die eher an Kapstadt erinnern. Ein paar kommen mir bekannt vor, zum Beispiel eins, das auf einer Spitze steht, die wiederum auf einem breiten Sockel ruht. Aber ich bin noch nie in Brescia gewesen und glaube auch nicht, dass ich hier schon mal vorbeigefahren bin.

 

Inzwischen haben wir uns unwillkürlich zu einer kleinen Gruppe zusammengefunden. Wir sind alle aus Trier und wollen nach Gargnano. Unter den Teilnehmern ein paar bekannte Gesichter, ein oder zwei Studentinnen, die auch Englisch machen, eine Ex-Nachbarin, Frau S., und eine Italienischlehrerin, Frau B.

 

Dann kommt von oben der See ins Blickfeld, tief blau, mit schneebedeckten Bergen am anderen Ufer. Der Gardasee ist der größte See Italiens, langgestreckt, oben schmal, unten breit, mit Saló als einziger größerer Stadt, am Westufer gelegen, etwas unterhalb von Gargnano. Die großen Städte liegen aber abseits des Sees, wahrscheinlich, weil das schmale Ufer keine größere Ausdehnung erlaubte, verteilt auf die historischen Regionen, die den See auf drei Seiten umgeben: Brescia in der Lombardei, Verona im Veneto, Trient im Alto Adige. Der alte, keltische Name des Sees ist noch in dem Ortsnamen San Felipe del Benaco erhalten, der neue in Riva del Garda, dem Ort an der Nordspitze des Sees. Vermutlich heißt benaco ‚Halbinsel’. Was garda heißt, kann ich nicht herausfinden. Das Wasser stammt aus dem geschmolzenen Eis der Eiszeit, und die hat auch an den südlichen Ufern fruchtbare Erde angeschwemmt. Die höchsten Berge sind aber nicht vom Eis erreicht worden und haben deshalb eine andere, ganz eigene, alpine Vegetation.

 

Statt der zarten Knospen in der Heimat haben die Bäume hier schon Blätter, und viele Pflanzen stehen in Blüte, darunter Magnolien, Mandelbäume und ein wie Goldregen aussehender Strauch, eine Mimosa. Links der Straße liegen in den Hang gebaute Villen, von Zypressen umstanden. Und auch an der Uferstraße alle Arten von Nadelbäumen, Kiefern, Zedern, Tannen und allerhand nicht identifizierbares Zeug.

 

Zwischendurch steigt eine ganze Horde von Schülern, alle mit MP-3-Spielern bewaffnet, in den Bus und dann nach und nach wieder aus. Der ungewöhnliche und ungewöhnlich schöne Schulweg ist vermutlich Alltag für sie und kaum der Rede wert.

 

Schließlich erreichen wir Gargnano. Zu dem Zeitpunkt bin ich immerhin acht bis neun Stunden unterwegs. In der Zeit hätte man es vermutlich auch mit dem Auto geschafft.

 

Das Hotel, sehr schön direkt am See gelegen, ist ein Labyrinth. Man hat vermutlich mehrmals angebaut, mit mehreren Zwischengeschossen, und das Gebäude ist der Hanglage angepasst worden. Dadurch ist die Rezeption, zur Straße hin, ebenerdig, aber mein Zimmer, zum See hin, auch, obwohl es zwei Stockwerke tiefer liegt. Vom Zimmer sehe ich durch Palmen hindurch direkt auf den See.

 

Wegen des guten Wetters geht es gleich, aber kurzärmelig und mit Sandalen, in die Stadt hinunter. Dabei treffe ich auf einen der Mitreisenden, Glauco, und wir stellen fest, dass wir Kollegen sind. Er unterrichtet Italienisch an der Uni. Die Studentinnen, mit denen ich ihn im Bus gesehen habe, kennt er aber auch nicht. Er ist Psychologe und wohnt mit seiner deutschen Freundin in Luxemburg. Die hat er in Bologna kennen gelernt, seiner Heimatstadt. Er hat sich auf Aeronautische Psychologie spezialisiert – ich wusste nicht, dass es so etwas gibt – und interessiert sich vor allem für Verständnisprobleme, vor allem durch das internationale Englisch. Viele Schwierigkeiten und Fast-Unfälle sind nach seiner Meinung die Folge von Verständnisschwierigkeiten. Die Leute verständen das, was sie verstehen wollten. Er ist ganz begeistert, als ich ihm sage, dass man das in der Sprachwissenschaft genauso sieht.

 

Gargnano zeigt sich bei dem hellen Sonnenschein von seiner schönsten Seite. Über einen schmalen, an beiden Seiten von einer Steinmauer begrenzten Weg, auf der an einer Seite wilder Wein wächst, geht es in die Stadt. Die Hauptstraße, mit einfachen, aber schönen, Häusern, verläuft parallel zum See, aber mit etwas Abstand. Zwischen den Häusern blickt man auf die ganz nahen, hohen Berge, zur anderen Seite liegt der See mit einem kleinen, gemütlichen Hafen und schönen Lokalen. Die meisten Häuser sind sehr italienisch, einige auf Arkaden, in verschiedenen Farben verputzt, mit Blendläden, eher schmal, eher hoch, mit sehr hohen Geschossen, weitgehend ohne Zier, nur selten mit Balkonen. Zwischendurch sieht man auch mal ein ‚österreichisches’ Haus, breiter, mit Fassadenmalerei. Kleine Bäume in der Nähe des Ufers tragen Apfelsinen. Am Hafen und etwas abseits davon, wo es einen kleinen Kieselstrand gibt, hat man das Gefühl, am Meer zu sein.

 

Zwischen der Hauptstraße und dem Hafen öffnet sich der Durchgang zu einem kleinen Platz, an dem ein schönes, aber nicht ganz passendes Jugendstilhaus steht. Neben dem Eingang eine Steinplatte, die an das einzig nennenswerte historische Ereignis erinnert, einen österreichischen Angriff auf den Hafen, der von den Italienern zurückgeschlagen wurde. Einige Häuser haben noch Einschusslöcher, andere haben dekorativ Kugeln in ihre Fassaden integriert.

 

Wir kaufen ein Eis im Stehen, und dabei lerne ich mein erstes italienisches Wort, gleich in zwei Varianten: gusto, so steht es auf dem Schild und so bestellt es eine Kundin (due gusti), ist ein Wort für ‚Kugel’, pallina, so nennt es der Verkäufer, ein anderes.

 

Am Hafen treffen wir dann in einem Café auf Mara, der Kollegin von Glauco, einer der Organisatorinnen des Kurses, und ihren Ehemann, der, wie ich später erfahre, Brasilianer ist. Jedenfalls fragt er mich sofort, ob ich Spanisch spreche, nachdem ich den ersten Satz auf Italienisch gesagt habe. Von Mara erfahren wir, dass die Apfelsinen keine Apfelsinen sind, sondern Zitronen, die wie Apfelsinen aussehen. Es handelt sich um eine besondere Züchtung, die notwendig wurde, nachdem in einem harten Winter alle Zitronen eingegangen waren. Diese Früchte haben auch einen besonderen Namen, an den sie händeringend sich zu erinnern versucht. Der Reiseführer gibt auch keine Auskunft, aber er berichtet auch von dem Schwarzen Winter 1928/29. Er erklärt aber auch, dass die Zitrone hier ohnehin nicht ihr natürliches Habitat hat, sondern unter großem Aufwand heimisch gemacht werden musste, durch Schutzmauern und Holzbalkenkonstruktionen, die ein besonderes Klima schufen. Das Material dafür und sogar die Erde mussten eigens vom Ostufer herbeigeschafft werden. Der Schwarze Winter war dann eine Art Rache der Natur. Die Zitronen des Gardasees waren aber ohnehin dabei, den Konkurrenzkampf gegen die Zitronen aus Sizilien zu verlieren, obwohl sie einen höheren Saftanteil hatten, mehr Vitamin C enthielten und länger hielten. Die sizilianischen Zitronen waren aber einfach billiger. Als sprachliches Kuriosum erfährt man noch, dass Limone, der Name des Touristenortes nördlich von Gargnano, nichts mit Zitronen zu tun hat, sondern sich von Limes ableitet.

 

Am Abend gibt es Durcheinander bei der Organisation. Ich gehe, da vor dem Hotel niemand zu sehen ist, alleine in den Ort hinunter, wo in einem nur vage mündlich bezeichneten Gebäude der Empfang stattfinden soll. Ich lande nach mehreren Nachfragen vor dem Palazzo Feltrinelli, der aber verschlossen und auch kaum beleuchtet ist. Inzwischen sind wir zu viert. Die anderen sind ebenso ratlos wie ich. Wir sind auf die Minute pünktlich. Aus Mangel an Alternativen entscheiden wir uns, zu warten. Eine der Studentinnen erzählt, als die Rede auf Mailand kommt, da sei sie auch vor kurzem gewesen, allerdings nur im Stadion. Sie hat das Rückspiel von Werder beim AC Mailand miterlebt und ist ganz begeistert davon. Frau S., die sich nicht für Fußball interessiert, erzählt, sie habe aber einmal in ihrer Jugend, in England, bei Stoke City, ein Fußballspiel gesehen, und die Atmosphäre im Stadion sei hinreißend gewesen. Als ich dann nach Details frage, stellt sich heraus, dass sie den leibhaftigen Stanley Matthews gesehen hat.

 

Den Studentinnen sagt der Name Feltrinelli nichts. Sie haben aber bestimmt schon mal ein Buch in der Hand gehabt, das bei Feltrinelli verlegt wurde. Die Feltrinelli stammen aus Gargnano, und im Laufe der nächsten Tage stoße ich immer wieder auf ihren Namen, als Erbauer, als Unternehmer, als Mäzen. Der mächtige Palazzo Feltrinelli, vor dem wir stehen, wird im Sommer von der Universität Mailand für Sprachkurse genutzt. Deshalb hat man uns auch hierher geschickt. In einem anderen Teil Gargnanos, einem Vorort, liegt die Villa Feltrinelli, heute ein Luxushotel. Hier residierte Mussolini während der Repubblica di Salò. Mussolini war in Rom gestürzt und eingekerkert, aber mit Hitlers Hilfe befreit und wiedereingesetzt worden. Allerdings umfasste die Repubblica di Salò nur den Norden Italiens. Der Süden wurde bereits von den Alliierten kontrolliert.

 

Nach einer halben Stunde Wartezeit in der Stille wird es auf einmal laut. Aus einem Gebäude ganz in der Nähe ergießt sich ein Strom von Menschen auf die Straße. Es sind die anderen Kursteilnehmer, die im Gegensatz zu uns noch rechtzeitig das in letzter Minute aktualisierte Programm bekommen haben und wussten, dass der Empfang eine halbe Stunde früher stattfand. Wie dem auch sei, viel verpasst haben wir offensichtlich nicht.

Beim Abendessen im Hotel lerne ich dann noch zwei serbische Kursteilnehmer kennen, Alexander, einen Dirigenten, der in Mannheim und Stuttgart studiert hat und irgendwelche schwäbischen Verbindungen zu haben scheint, und Voina, eine Kunsthistorikerin. Sie sind mit zwei Bussen aus Belgrad über Land gekommen. Die Fahrt hat 13 Stunden gedauert. Es habe lange Grenzkontrollen gegeben, zwischen Serbien und Kroatien und zwischen Kroatien und Slowenien! Voina hat jetzt einen kroatischen Pass, und das macht ihr das Reisen erheblich leichter, vor allem, wenn es in Länder der EU geht. Beide sprechen hervorragend Italienisch, flüssig und idiomatisch und fast ohne Akzent, wenn auch mit einem markanten ‚dunklen’, velarisierten /l/, wie man es im Katalanischen oder Holländischen hört. Die allermeisten Kursteilnehmer sind Serben, meist ganz junge Mädchen. Ein Professor aus Belgrad hat ursprünglich die Zusammenarbeit initiiert.

 

27. März (Freitag)

In der Dusche stelle ich den Regler immer weiter Richtung Rot, aber das Wasser wird und wird nicht warm. Dann fällt mir ein, dass ich in Italien bin. Rot steht hier für kalt.

 

Der Fön ist ein Wunderwerk der Technik. Er erwärmt die nähere Umgebung ein wenig, produziert aber überhaupt keine Luft. Mit dem Handtuch geht es schneller.

 

Das Frühstück ist in der italienischen Tradition mit ein paar Konzessionen an die Erwartungen der Touristen. Wenn man es verpasst, verpasst man nichts. Außerdem ist es ziemlich spät, um 9.30 – die angemessene Zeit für diejenigen, die am Abendprogramm teilnehmen, meist Diskothekenbesuche.

 

Danach gibt es in der Sala Civica, in einem großen, modernen Hörsaal eine Einführung ins Programm, auch nichts, was man sich keinesfalls entgehen lassen sollte. Mit großem Stolz weist man auf die Auswahl der Filme hin. Es gibt insgesamt fünf, und sie repräsentieren angeblich die italienische Realität in ihrer ganzen Breite.

 

Dann gibt es erst mal wieder Freizeit, und ich gehe in die Stadt hinunter. Der Himmel ist dicht bewölkt, und es ist auch nicht mehr so warm wie gestern.

 

Ich sehe mir die Stadtkirche an, San Francesco, ein romanischer Bau mit einer fast schmucklosen Fassade. Interessanterweise geht der Bau direkt, in rechtem Winkel, in die nächsten Gebäude über, wie man das oft im Barock findet, nur dass hier das nächste Gebäude kein sakrales ist, sondern das Rathaus. An seiner Fassade hängt neben der italienischen und der europäischen Fahne die grüne Fahne der Lombardei. Der Innenraum der Kirche, im Barock in einen einschiffigen Raum umgewandelt, ist grauenvoll: duster und grau, mit gerade mal zwei Fensteröffnungen, einem barocken, grauen Altar und zwei riesigen Gemälden im Westen, die so stark nachgedunkelt sind, dass man auch bei besserem Licht nichts erkennen würde.

 

Sehenswert ist dagegen der angrenzende Kreuzgang, quadratisch, gotisch, klein. Er hat Bögen, die weit und flach sind und nur in der Mitte spitz zulaufen. Ich hätte sie viel später datiert, vielleicht aus der Renaissance, aber es sind gotische Bögen der venezianischen Art. Die Kapitelle sind mit einheimischen Früchten, darunter „Zitronats-Zitronen“ (Sind das die vermeintlichen Apfelsinen?) verziert, und an einer Stelle ist sogar die einheimische Forelle abgebildet. Zwei Steinplatten stammen aus der römischen Zeit, eine Neptun, eine Revino, einer lokalen Gottheit, gewidmet. Die Römer waren immer klug genug, ihre Religion nicht in Reinform aufzuzwingen, sondern sie durch Vermischung mit einheimischen Traditionen schmackhaft zu machen.

 

An der Wand hängt eine Tafel mit Erklärungen in verschiedenen Sprachen, u.a. in ganz passablem Deutsch. Aus der Anbetung der Könige ist allerdings die Bewunderung der Weisen geworden.

 

Am Nachmittag gibt es den ersten Vortrag, gehalten von einem Mann mit Glatze und unglaublich rauer Stimme. Es geht um Giorgio Strehler, den Theaterregisseur. Es wird deutlich, wie wichtig er für das italienische Theater war. Er war ein Neuerer. Er  brachte a) den bis dahin in Italien unbekannten Realismus, b) ausländische Autoren wie Gorki, c) klassische italienische Autoren wie Goldoni, d) moderne italienische Autoren wie Pirandello und e) Dialektstücke wie El nos Milan auf die Bühne.

 

Während Visconti, der Adelige und Kommunist aus Mailand, nach Rom ging, ging Strehler, der Bürgersohn aus Triest, nach Mailand und gründete dort, man mag es kaum glauben, das erste feste Theater in Italien. Er war der erste in Italien, der versuchte, aus Theater Kunst zu machen, nachdem das Theater seine alte Funktion verloren hatte und nicht mehr, zusammen mit der Kirche, das Massenmedium war. Als Beleg dafür, dass das heute nicht mehr so ist, zitiert er den Kauf eines Mailänder Theaters durch Berlusconi – er wollte seinem Onkel eine kleine Freude machen. Darüber habe sich niemand aufgeregt.

 

Strehlers Laufbahn dauerte genau 50 Jahre, von 1947 bis 1997. In dieser Zeit brachte er Servitore di due padroni 13 Mal auf die Bühne und ein unvollendetes Stück von Pirandello, I giganti della montagna, 3 Mal. Im Laufe der Zeit machte er eine Entwicklung vom Realismus zu moderneren, minimalistischen Form durch: Während Viconti für den Kirschgarten richtige Kirschbäume auf  die Bühne brachte, setzte Strehler kleine seidene Kirschsträußchen ein, die symbolträchtig auf der Bühne herumlagen.

 

Sein Geld gab er fast ausschließlich für Kokain aus, und sein Haus vermachte er seiner Frau, aber mit lebenslangem Nutzungsrecht für seine Geliebte!

 

Wie alle späteren Vorträge wird auch dieser mit großer Redegewandtheit und großem Selbstbewusstsein vorgetragen. Rücksicht auf ausländische Studenten oder gar Hilfe gibt es nicht, bis auf das angesichts der Lage absurde Angebot, unbekannte Vokabeln zu erklären. So spricht man zu Italienern, die nicht vom Fach sind, nicht zu Fremdsprachenstudenten.

 

Auch Werturteile werden ohne Zweifel am eigenen Urteil vorgetragen: Strehler war einer der größten Theaterregisseure des 20. Jahrhunderts. Und ein schlechter Schauspieler. Italien ist das größte Kunstland der Welt. Im Theater war es nicht vorne mit dabei, da hatten Frankreich, Deutschland und Russland die Nase vorn. Von England ist überhaupt nicht die Rede – kein einziges Mal während des gesamten Vortrags.

 

Einen komischen Wiedererkennungswert haben, als die Rede auf Brecht kommt, der für Strehler von großer Bedeutung war, die italienischen Entsprechungen deutscher Titel: L’opera da tre soldi, Santa Giovanna dei macelli, L’anima buena di Sezuan.

 

28. März (Samstag)

Als ich vom Frühstück zurückkomme, sehe ich, als ich um die Ecke biege, einen Mann aus meinem Zimmer kommen! Ich traue mich nicht, irgendetwas zu rufen und wüsste auch nicht was, und vielleicht habe ich mich ja auch vertan, aber ich fixiere die Tür genau und als ich näher komme, gibt es keinen Zweifel: Es ist mein Zimmer. Was tun? Es scheint nichts zu fehlen, der Laptop steht auch unangetastet auf dem Tisch, alle Wertsachen sind ohnehin im Safe. Das Bett ist gemacht, aber nach Zimmermädchen sah er nicht aus. Ich sehe noch in allen Schubladen nach, aber es ist nichts Auffälliges zu finden. Dann mache ich das Licht an, und es geht mir ein Licht auf: Die Deckenlampe hatte einen Wackelkontakt, jetzt funktioniert sie wieder einwandfrei. Es muss der Hausmeister gewesen sein, der von den Zimmermädchen auf die defekte Lampe aufmerksam gemacht worden ist. Sehr effizient!

 

Am Vormittag bekommen wir einen Film zu sehen, Ovo sodo. Für den Fremdsprachenlerner eine frustrierende Erfahrung. Man versteht, außer der Stimme des Erzählers im off und ein paar Grüßen, fast nichts. Und die immer bei solchen Gelegenheiten schnell vorgebrachten Begründungen – Sprechgeschwindigkeit, Dialekt, Umgangssprache – greifen zu kurz. Die Sprechgeschwindigkeit ist bei den Vorträgen ebenso groß, und da verstehe ich das meiste. Und wenn man den Text geschrieben sähe, würde man auch das meiste verstehen, ob dialektal oder umgangssprachlich. Es ist ausschließlich die konkrete Realisierung der Laute in der gesprochenen Alltagssprache, die das so schwer macht, die Auslassung, Veränderung und Verschmelzung von Lauten und die von Person zu Person und von Situation zu Situation sich verändernden Laute. Das Problem sind nicht die unbekannten Wörter, sondern die bekannten Wörter.

 

Die thematische Einführung, die gegeben wird, ist auch nicht gerade hilfreich, und später stelle ich fest, dass auch die anderen nicht verstanden haben, was ein hartgekochtes Ei mit dem Gehirn oder den Lebenserwartungen eines Jungen zu tun hat: Das ist die wörtliche Bedeutung von ovo sodo, die dialektale Variante von uovo sodo – der Film spielt in Livorno.

 

Der Film ist nicht schlecht. Einem schüchterner Junge aus einem Armenviertel, der eigentlich alles gegen sich hat – Mutter ist gestorben, Vater landet im Knast, Stiefmutter kümmert sich in erster Linie um eigenen Säugling und nicht um ihn und seinen geistig behinderten Bruder – eröffnen sich neue Lebensperspektiven, als er den Weg aufs Gymnasium schafft und zum exzellenten Schüler wird. Er fällt dann durchs Abitur, weil er sich für seinen Freund, den reichen Sohn eines Fabrikbesitzers, dem er ein paar verrückte Erlebnisse verdankt, aufopfert, landet in der Fabrik von dessen Vater und heiratet am Ende die hübsche  Nachbarstochter, die es schon als Teenager auf ihn abgesehen hat, und endet im Mittelmaß.

 

Dann gibt es einen Vortrag über Mussolinis Repubblica di Salò, eigentlich die Repubblica Sociale Italiano, eine Name, der gleichzeitig einen Abschied vom Königreich (Der König hatte Mussolini fallen lassen) bedeutet, eine Anbiederung an die Arbeiterschicht und sogar an die Sowjetunion und eine Reklamation ganz Italiens, von dem aber nur eine kleiner Teil dazu gehörte. Der Rest war entweder von Deutschland besetzt oder von den Amerikanern. 1600 Tage hielt die Konstruktion, ein Staat von deutschen Gnaden, mit einer ‚Hauptstadt’ am Gardasee, ganz hier in der Nähe. Mussolini selbst bevorzugte Mailand oder Turin und keinesfalls Salò, aber beide waren nicht zu verteidigen, und unter deutschem Druck wurde Salò zur Hauptstadt, ganz in der Nähe des deutschen Gebiets. Trotz des Namens war aber in Salò lediglich das Außenministerium. Mussolinis Amtssitz und auch sein Privatsitz waren in Gargnano, der Sitz der Deutschen war in Gardone.

 

Mussolini gerierte sich als Gegner des Kapitalismus, als Gegner vor allem der Amerikaner und Engländer, die den Krieg verlängerten, die Juden schützten, ihre Soldaten auf die unschuldigen italienischen Mädchen losließen und durch die Schwarze nach Italien kamen. Er wurde von allen möglichen Organisationen unterstützt, darunter die Brigate Nere, eine spezielle Fraueneinheit, das Heer Grazianis und eine italienische SS. Der Referent erzählt, dass seine Mutter erzählte, dass ihre Mutter ihr die Ohren zugehalten habe jedes Mal, wenn sie an dem Gebäude vorbeikamen, in dem die SS ihre Verhöre durchführte, damit sie, das Mädchen, die Schreie der Gefolterten nicht höre.

 

Als die Sache zu Ende zu gehen droht, flieht Mussolini nach Mailand und will mit den Partisanen verhandeln. Erfolglos. Er will in die Schweiz fliehen, aber Hitler will ihn in Deutschland haben. Mussolini flieht in einem deutschen Soldatenwagen, der aber von den Alliierten angehalten wird. Mussolini ist als Deutscher verkleidet, trägt aber noch eine italienische Uniformhose und wird erkannt. Man schafft ihn nach Mailand und er wird auf der Piazza Loreto mit dem Kopf nach unten aufgehängt, ebenso wie seine Geliebte. Mütter aus Mailand sollen auf den toten Körper geschossen haben, jede eine Kugel für jeden Sohn, den sie verloren hatten.

 

29. März (Sonntag)

Zur allgemeinen Bestürzung ist das Wetter noch schlechter geworden. Heute gibt es Dauerregen. Das Klima am Gardasee ist schlechter als sein Ruf. Die Sonnenstunden pro Tag liegen zwischen 3 und 8 je nach Monat, Regentage pro Monat gibt es zwischen 5 und 11, und die durchschnittliche Höchsttemperatur im Januar ist 5°. Angesichts von nicht vorhandenen Vergleichszahlen schwer zu deuten, aber das kommt mir nicht sehr mediterran vor.

 

Am Vormittag gibt es Il Divo, einen Film über Andreotti. Auch der ist schwer zu verstehen, obwohl fast nur die Standardsprache gesprochen wird und obwohl es italienische Untertitel gibt. Aber die sind nicht immer vollständig, weichen oft vom Film ab und wechseln oft zu schnell. Dazu kommt eine Unzahl von Namen und Figuren aus der italienischen Politik, deren Kenntnis vorausgesetzt wird.

 

Dieser Film ist von ganz anderer Machart als der von gestern: schwarz-weiß, mit vielen Szenen, die nur ein Pinselstrich sind, einen Eindruck vermitteln, mit ungewöhnlichen Gestaltungsmitteln. Immer wieder gibt es Szenen, in denen Andreotti erst ins Bild kommt, als er sich erhebt. Vorher sieht man nur den Hintergrund und weiß nicht so recht etwas damit anzufangen.

 

Der Film zeichnet Andreotti als einen undurchdringlichen, zynischen, andererseits tief religiösen Charakter, einerseits sehr ernst, ohne ein einziges Lächeln, andererseits fähig zu trockenem Humor und schneidenden Pointen. Eine rätselhafte Figur. Und von einer unglaublichen Steifheit. Fast ein Markenzeichen.

 

In einer Szene wird er mit einem Zitat über ihn konfrontiert: „De Gaspari und Andreotti gehen beide in die Kirche, aber was sie da machen, ist ganz unterschiedlich. De Gaspari spricht mit Gott, Andreotti spricht mit dem Priester“. Darauf Andreotti: „Gott hat kein Stimmrecht“.

 

Im Vatikan wird er unter Lachen begrüßt, als der Redner folgendes Bonmot erzählt. Während einer Auseinandersetzung über die italienische Politik sagte Andreotti zu Johannes XXIII: „Heiligkeit, Sie kennen den Vatikan nicht.“

 

Der Film setzt ein mit dem Beginn seiner 6. Amtszeit und endet mit Andreotti vor dem Gericht. Er selbst sagt an einer Stelle, man habe versucht, ihn für so ziemlich alle Übel Italiens bis auf die Punischen Kriege verantwortlich zu machen. Ob Andreotti für all die Attentate und Überfälle und Selbstmorde, vor allem für den Tod Aldo Moros, verantwortlich ist, bleibt offen, und ich verstehe auch nicht so recht, ob der Film das nahe legt. Später sagen mir sowohl Glauco als auch Adriano unabhängig voneinander, an seiner Verstrickung gebe es keinen Zweifel. Jedenfalls hat Andreotti sich gut aus der Affäre gezogen. Er ist in erster Instanz verurteilt, in zweiter Instanz freigesprochen worden und ist jetzt sogar Senator auf Lebenszeit und nimmt somit am politischen Geschehen aktiv teil. Er selbst sagt, alle diejenigen, die ihn immer gewarnt hätten, er werde nicht mit dem Leben davonkommen, seien jetzt tot, er aber nicht.

 

Glauco erklärt mir auf meine Frage, warum gerade Aldo Moro, der liberalste der rechten Politiker und der, der den historischen Kompromiss mit den Kommunisten anstrebte, Opfer der linken Brigade Rosse wurde, das sei ein abgekartetes Spiel zwischen Extremisten der Rechten und der Linken gewesen, die gemeinsame Sache gemacht hätten. Keine der beiden Seiten hätte Interesse an einer Einigung gehabt. Die Rechten hätten den Linken Moro schlichtweg überlassen. In dem Film sagt Andreotti – für mich zumindest im Film glaubwürdig – er hätte das Gelübde abgelegt, nie mehr Eis zu essen, wenn Moro gerettet werde. Eis war sein großes, kleines Laster.

 

Am Nachmittag ein fast zweistündiger Vortrag auf höchstem intellektuellen und höchstem Abstraktionsniveau über Pirandellos Romane – ohne Pause, ohne Atemholen, ohne Zwischenresümee oder Zwischenfragen, ohne Bilder und ohne Überschriften. Am Ende kann ich nicht mehr folgen – und will eigentlich auch nicht mehr. Die Bewertungen fallen ganz unterschiedlich aus, Voina kann damit gar nichts anfangen, Frau S. ist verwirrt, Frau B. hingerissen. Ich fand es auch sehr gut.

 

Pirandello ist in einem Ort geboren, dessen wörtliche Übersetzung Wald des Chaos heißt. Das hat er selbst gerne betont. Sein Anliegen ist es, die Wahrheit über das Individuum zu sagen, bei gleichzeitiger Erkenntnis, dass das unmöglich ist, weil die Wahrheit nur durch die Sprache transportiert werden kann, und die Sprache ist für alle gleich, die Wahrheit aber für alle unterschiedlich. Die Wirklichkeit lässt sich nicht erfassen. Es handelt sich also um eine mission impossible.

 

Bei Pirandello ist die Welt nicht logisch, die Ereignisse ergeben sich nicht, wie im Naturalismus, folgerichtig aus dem Geschehen heraus. Folgen ergeben sich eher aus dem, was nicht geschehen ist. In L’esclusa wird eine Frau von ihrem Ehemann aus dem Haus gejagt, weil sie eine Beziehung mit einem anderen Mann gehabt hat. Hat sie aber nicht. Sie hat lediglich einen Brief von ihm bekommen. Sie schlägt sich als Lehrerin durch, sieht sich mit allen möglichen Vorbehalten konfrontiert. Irgendwann trifft sie wieder auf den Mann, der ihr den Brief geschrieben hat. Sie kommen sich näher, und diesmal entwickelt sich wirklich eine Beziehung. Der Ehemann erfährt davon und bittet sie jetzt, wo der Grund wirklich existiert, dessentwegen er sie aus dem Haus gejagt hat, zu ihr zurückzukommen!!

 

In einer späteren Ausgabe von Mattia Pascal macht Pirandello sich einen Spaß daraus, seinen Kritikern zu antworten. Die hatten den Roman als unglaubwürdig verurteilt, wegen seiner Handlung. Pirandello gibt den Kritikern scheinbar recht, indem er sagt, ja, die Handlung des Romans sei zu Recht als absurd kritisiert worden. Gleichzeitig hat er aber Zeitungsausschnitte gesammelt, die von ganz ähnlichen Fällen im ‚richtigen’ Leben berichten. Der Roman ist absurd, weil das Leben absurd ist!

 

In einem zweiten Vorwort lässt Pirandello eine Figur auftreten, die sagt, Kopernikus sei an allem schuld. Bis dahin hätten wir gedacht, die Erde drehe sich nicht, wir seien das Zentrum. Dann wird der Einwand gemacht, auch damals habe sich doch die Erde gedreht, auch wenn es die Menschen nicht wussten. Worauf er antwortet: Ja, aber die Menschen wussten es nicht – also hat sie sich nicht gedreht!

 

Nach dem Vortrag gehe ich mit Voina einen Kaffee trinken, und wir treffen auf eine andere Kursteilnehmerin, Lisa. Sie ist aus Georgien. Es entspannt sich ein interessanter serbisch-georgisch-deutscher Erfahrungsaustausch auf Italienisch. Von Lisa erfahren wir, dass die georgischen Namen, die auf -schwili und auf –ze enden (Iaschwili und Schewardnadse), einfach ‚Sohn von’ bedeuten. Das kann ich in meine Sammlung aufnehmen: Karlsson, McDonalds, O’Neill, Fernández.

 

Außerdem erfahre ich, dass die Georgier sich nicht Georgier nennen – das ist eine von außen gekommene Form, die an den Hl. Georg erinnert – sondern Sakartvelo. Das gilt für das Land, die Leute, und die Sprache. Und sie haben ein ganz eigenes Alphabet, das weder dem kyrillischen noch dem lateinischen noch dem griechischen ähnelt. Lisa erklärt außerdem, dass Georgisch indogermanisch  ist, was ich natürlich wissen müsste. Aber Aserbaidschanisch ist es nicht, und bei Armenisch bin ich mir nicht sicher.

 

Als mich an der Rezeption ein Fremder anspricht und ich es gerade schaffe, eine halbwegs verständliche Antwort herauszubringen, schießt aus dem Nichts plötzlich Frau B., die deutsche Italienischlehrerin, hervor und korrigiert mich: „Da hätte aber jetzt der Konjunktiv stehen müssen“. Sie weiß dagegen nicht, was ein Konditionalsatz ist – „Das gibt es im Englischen aber nicht“ – und wusste auch nicht, dass uovo sodo ein hart gekochtes Ei ist. Das halte ich ihr aber nicht vor. Als sie dann anfängt, sprachwissenschaftlichen Unsinn zu reden, versuche ich erst, milde zu widersprechen, gebe es dann aber auf.

 

Im Hotel arbeitet eine Thailänderin. Beim Warten an der Rezeption – Voina hat nicht daran gedacht, dass die Uhr umgestellt worden ist – frage ich sie, ob denn auch Touristen aus Thailand hierher kämen. Nein, Europa gefalle den Thais nicht. Besser Japan und Amerika. – Aha, und warum? – In Amerika und in Japan gebe es alles, in Europa sei alles gleich. Manchmal tut es gut, die Welt aus den Augen anderer zu sehen.

 

Aus Langeweile nehme ich die Broschüre eines Autovermieters in die Hand. Da findet man wunderbare deutsche Sätze wie: „Unsere Firma stellt sich zur Verfügung fuer alle Bewegungen mit Puenktlichekit, Ernsthaftigkeit, Hoeflichkeit und Zurueckhaltung“ oder „Ihr werdet eine Reise in den Kunststaetten planen koennen oder Sportspielen gehen koennen ohne Sorgen um das Auto zu machen“ oder „Mit unserem Dienst werdet ihr den Fahrstress beseitigen, die Schwierigkeiten um einen Parkplatz zu finden oder das Auto fuer vielen Tagen park zu lassen vergessen“.

 

Eine serbische Studentin kommt herein und grüßt mit Buon giorno. Die Dame an der Rezeption verbessert sie: In Italien sage man ab fünf Uhr Buona sera. Die Wirklichkeit ist, wie immer, etwas komplizierter, aber auf jeden Fall umfasst sera einen größeren Zeitraum als Abend.

 

Am Abend, in der Pizzeria – irgendein Straßenfest ist ins Wasser gefallen – sind wir 9 Personen aus 7 Ländern: Italien, Deutschland, Spanien, Portugal, Holland, Serbien, Georgien. Dabei ist auch ein unglaublich italienisch aussehender Italiener aus Neuwied, Adriano, absolut zweisprachig und in der Alltagskultur beider Länder gleich heimisch. Er ist witzig und schlagfertig und kann alle nachmachen: Stoiber, Schröder, Wolfgang Petry, Heinz Erhardt, Trapattoni, den italienisch sprechenden Papst, Frau S., aber auch alles Entsprechende auf der italienischen Seite, darunter Berlusconi. Das wiederum ist mir alles sehr fremd. Viele der anderen sind damit viel vertrauter.

 

Der Heilig Antonius von Padua hieß nicht Antonius und kam nicht aus Padua. Er hieß Francesco und kam aus Lissabon.

 

30. März (Montag)

Am Morgen geht es mit zwei Autobussen nach Venedig. Der Himmel klärt ein bisschen auf, und wenigstens regnet es nicht. Das soll auch den ganzen Tag so bleiben, aber unter schönem

Wetter versteht man etwas anderes.

 

Die Fahrt ist lang und verzögert sich bei der Abfahrt hier und dort. Ob sich das wirklich lohnt, fragt sich, aber Venedig zieht natürlich.

 

Unterwegs kommt die Rede auf Nikolaus von Kues und seinen besonderen Coup, die Entlarvung der Konstantinschen Schenkung als Fälschung. Das Besondere daran war die Methode. Er hat einfach die Sprache ganz genau untersucht und ist dabei zu dem Schluss gekommen: Das kann unmöglich das Latein der Antike sein. Dieses Dokument muss später verfasst worden sein.

 

Die Außenbezirke von Venedig, wo die meisten Venezianer wohnen, sind an Hässlichkeit nicht zu überbieten. Schäbige Wohnblocks, Ölraffinerien, Schlote.

 

Dann geht es auf einer schmalen, langen, geraden Straße mitten durch die Lagune. Es ist, als wenn man über das Meer fährt, links und rechts nur Wasser, keine Häuser, keine Boote, keine Fischer.

 

Dann kommt ein Parkplatz, auf dem der Bus eine Art Pass erwerben muss, um weiter zu fahren, und schließlich steigen wir an der Piazza di Roma aus.

 

Dann geht es über Straßen, Gassen, Plätze, Brücken ins historische Zentrum. Der Weg ist erstaunlich lang, und Venedig macht hier einen erfreulich normalen Eindruck: Obstgeschäfte und Zeitungsgeschäfte, Schulkinder, Frauen, die vom Einkauf kommen, ein paar von Einheimischen frequentierte Cafés, kommunistische Zeitungen austeilende Studenten an der Universität. All das vor dem schönen Hintergrund der palazzi und Kanäle mit ihrem dekadenten Charme. Eine Mutter bugsiert einen Kinderwagen über die Stufen einer Brücke, zwei Männer eine schwer beladene Schubkarre. Das ist Teil der Alltagswirklichkeit Venedigs.

 

Das Wasser in den Kanälen steht fast still und ist grünlich. Die Brücken sind aus Holz oder aus Stein, und die Steinbrücken haben teilweise schöne Geländer aus Gusseisen.

 

Die Straßen heißen hier Calle wie im Spanischen und die Häuser Ca’ wie auf Mallorca. Das wird venezianischer Dialekt sein. Hier berühren sich die verschiedenen Varietäten der romanischen Sprachen.

 

Dann kommt man auf die riesige Piazza San Marco, an deren Ende der Dom steht. Die Superlative, die in vielen Beschreibungen vorkommen, hat der Platz meines Erachtens nicht verdient: Er ist groß und, trotz der vielen Menschen, irgendwie leer. Es gibt keine Skulptur, keinen Brunnen, keinen Baum. Die weiße Fassade des Doms mit den Mosaiken ist nicht unbedingt schön, und der getrennt stehende Backsteinturm passt weder dazu noch zu irgendetwas sonst. Der Turm ist eingerüstet und wird renoviert, aus gutem Grund: Er ist ihnen schon einmal eingestürzt, was durch Beschreibungen und Bilder am Bauzaun illustriert wird. Die langen, weißen, auf Arkaden ruhenden Gebäude der beiden Längsseiten waren für irgendwelche Verwaltungsdinge bestimmt, eine Art Archiv der Republik, glaube ich. Heute sind es Museen. Die dem Dom gegenüberliegenden Seite soll von Napoleon geschlossen worden sein, aber auf den Bildern sieht man, dass das nur die halbe Wahrheit ist: Sie war auch vorher geschlossen, aber durch eine Kirche. Die ließ Napoleon abreißen und an ihrer Stelle eine Verlängerung der Längsseiten entstehen.

 

Schöner als all das ist der Dogenpalast, rechts vom Dom, dessen Platz sich zur Lagune hin öffnet. Hier stehen auf zwei viel zu hohen Säulen die Heiligen Venedigs, Markus, der es erst nach dem Raub der Gebeine durch venezianische Kaufleute wurde, und Theodor, der angestammte Heilige.

 

Der Dogenpalast hat eine schöne, leichte, gleichmäßige Fassade aus weißem Marmor, aber ist innen ganz unübersichtlich. Verschiedene Teile wurden in verschiedenen Epochen hinzugefügt. Hier residierte der Doge. Auf Lebenszeit. Er wurde vom Rat ausgewählt, wie es heißt, womit wohl etwas anderes als gewählt gemeint ist. Obwohl der Doge – der Titel leitet sich von dux ab und ist mit duce verwandt – immer mächtiger wurde, hatte er doch eine ganze Reihe von Einschränkungen in Kauf zu nehmen: Er durfte den Palast nur in Begleitung verlassen, er durfte die Stadt normalerweise überhaupt nicht verlassen, er durfte innerstaatliche Korrespondenz nur in Anwesenheit anderer öffnen. Im Palast gibt es eine unendliche Reihe von repräsentativen Räumen, die aber alle leer sind, bis auf die Gemälde. Das liegt daran, dass auch das Mobiliar Privatbesitz des Dogen war und nach seinem Tod wieder entfernt wurde!

 

Die beeindruckende Gemäldesammlung des Palasts kam dadurch zustande, dass jeder Doge ein Bild stiften musste. Nicht alle taten das mit derselben Begeisterung.

 

Auf der Loggia im Innenhof sieht man eine in Stein gemeißelte päpstliche Verfügung aus dem Mittelalter. Das Besondere daran ist, dass sie auf Italienisch verfasst wurde, damit auch die gewöhnlichen Menschen sie verstehen.

 

Der Aufgang zu den Räumen erfolgt über eine zweiteilige Treppe, an deren Decke Gemälde mit mythologischen Motiven angebracht sind, im ersten Teil Venus, im zweiten Teil Neptun. Das ist politisch motiviert: Venus repräsentiert die Herrschaft Venedigs über Zypern, Neptun die Herrschaft Venedigs über das Meer.

 

Die berühmte Seufzerbrücke ist auch eingerüstet, und man kann sie von außen nicht sehen, aber innen geht man über sie, um in den anderen Teil des Palasts zu kommen! Dort gibt es den 50 Meter langen Ratssaal, einen der größten Europas. Da ist auch der Saal des Kontrollrats, des Consiglio dei Dieci, einem Zehnerrat, der nach einer Verschwörung gegründet und mit immer mehr Macht ausgestattet wurde. Er bewachte den Senat, durfte unangekündigt anklagen und vor Gericht stellen und hatte praktisch eine Spitzelfunktion.

 

Nach dem Verlassen des Palasts sehe ich mir noch die reich ornamentierte Papierpforte an, an der Seite des Palasts, die an den Dom grenzt. Woher der Name kommt, weiß keiner definitiv, aber man vermutet, dass man hier früher Bittschreiben an den Dogen abgeben konnte.

 

Auf dem Platz sehe ich mich nach Kaffeepreisen um und wähle absichtlich ein Café, wo kein Orchester spielt, aber auch hier kostet der Kaffee 8,50 €. Das ist mir dann doch ein bisschen zuviel, und ich suche mir etwas in einer Seitenstraße. Dann geht es schon zurück, denn man will schließlich nicht riskieren, sich hier in den Straßen zu verlieren und den Bus zu verpassen.

 

 

 

31. März (Dienstag)

Am frühen Morgen herrscht eitler Sonnenschein, aber das hält nicht lange an. Am Hafen erfahre ich, dass meine ehrgeizigen Pläne, den halben Gardasee an einem Tag zu besichtigen, unrealistisch sind. Mit dem Boot kann man bestenfalls ein oder zwei Orte schaffen. Dabei habe ich noch Glück, dass ausgerechnet morgen der Sommerfahrplan beginnt und zusätzliche Schiffe verkehren.

 

Auf einem Schild wird vor einem Geschäft für zuppa inglese geworben, ‚englische Suppe’. Darunter kann ich mir ohnehin nichts vorstellen, und es wird auch dadurch nicht besser, dass es sich bei dem Geschäft um eine Eisdiele handelt. An einem der nächsten Tage probiere ich die Suppe. Es handelt sich um eine ziemlich süßliche Angelegenheit mit Vanillegeschmack und Schokoladenstücken.

 

Die Vorträge des Tages sind ein Schuss in den Ofen. Am Morgen gibt es einen Presseüberblick, aber viel erfährt man nicht. Es gibt zwei große Zeitungen, die Repubblica und den Corriere della Sera, die eine Mitte links, die andere Mitte rechts, mit eher gemäßigter Berichterstattung. Dann gibt es Zeitungen, die eine deutlichere politische Tendenz verfolgen, Il Manifesto (links), Libero (rechts) und La Padana (Lega Nord). Die Leute lesen die Zeitung, die ihrer politischen Tendenz entgegenkommt. Um die Unterschiede zwischen der seriösen und den weniger seriösen Zeitungen zu illustrieren, wird gezeigt, wie ein Eifersuchtsdrama in zwei verschiedenen Zeitungen abgehandelt wird: mit analytischem Abstand auf der einen Seite, der Frage gewidmet, wie und unter welchen Umständen Eifersucht zur Antriebskraft wird, mit viel Liebe zum blutrünstigen Detail auf der anderen Seite. Über einen neuerlichen Zusammenstoß zwischen Italienern und afrikanischen Flüchtlingen wird in einer Zeitung auf zehn Seiten mit Bildern, in einer anderen gar nicht berichtet, aber ich bekomme nicht mit, welche Zeitungen das sind und wie das bewertet wird. Nebenbei fällt die Bemerkung, der Corriere gehöre Agnelli und deshalb sei jeder Kommentar der Zeitung zu Fiat oder zur Ölkrise von vornherein unglaubwürdig.

 

Wie immer, geht alles sehr schnell, es wird keine Vor- oder Hintergrundinformation gegeben, alle Fakten und Namen und Ereignisse werden als bekannt vorausgesetzt. Die ist kein Kurs für jemanden, der Italienisch lernen will, sondern für jemanden, der Italienisch kann. Wie weit der Einfluss Berlusconis geht, verstehe ich auch nicht richtig. Jedenfalls spricht ‚seine’ Zeitung von ihm als Silvio, die gegnerische spricht von Il Cavaliere.

 

In der anschließenden Diskussion spricht Glauco von Vasco Rossi, einem italienischen Singer, der seine Konzerte mit dem Zitat eines griechischen Philosophen eröffne, der gesagt hat, die Mächtigen wollten, dass das Volk traurig sei, denn Traurigkeit erzeuge Lethargie. Glauco erklärt damit all die schlechten Nachrichten, die man in den Zeitungen findet. Dagegen könnte man einiges einwenden, aber als Denkanstoß ist es gut.

 

In der Pause bestellt Angels, die Spanierin aus Barcelona, einen crodino, einen leicht bitteren, nicht-alkoholischen Aperitif. Ich habe davon noch nie gehört. Von ihr erfahre ich auch, dass ein Aprilscherz pesce d’aprile heißt. Was der Aprilscherz mit Fischen zu tun hat, bleibt allerdings offen. Angels gehört zu denen, die in jeder Beziehung mit der italienischen Kultur vertraut sind und fließend Italienisch sprechen und damit zu den wenigen, die die Diskussionen bestreiten, eigentlich monopolisieren. Von den serbischen Studenten, die immer in der hinteren Hälfte des Auditorium sitzen, hat noch nie einer eine Frage gestellt, von den deutschen Studenten nur eine, die ein Jahr in Salerno studiert hat. Durch eine etwas aus dem Zusammenhang gerissenen Bemerkung von Davide, dem eigentlichen Organisator des Kurses, kommt es dann zu einem heftigen Schlagabtausch darüber, wie gut in welchen Ländern Fremdsprachen gesprochen werden und ob die Presse frei sei. Es handelt sich um lauter subjektive, durch nichts zu belegende Behauptungen. Eine serbische Frau sagt, Freiheit habe es nie gegeben und werde es nie geben, und in Deutschland könne überhaupt niemand Fremdsprachen, die Deutschen könnten nur Deutsch und sonst gar nichts, Frau B. beteiligt sich wortreich an der ‚Diskussion’ und macht u. a. die durch nichts zu beweisende und die Diskussion in keiner Weise vorantreibende Bemerkung, in Deutschland gebe es Pressefreiheit, in Frankreich nicht. Nach dem Vortrag kommt sie strahlend auf mich zu und sagt: Endlich haben wir mal sprechen können. Das habe ich ja schon die ganze Zeit gewollt“. Ich kann mich nicht zurückhalten und sage: „Ja, das kann ich mir vorstellen, dass Sie das gewollt haben“.

 

Als wir hinausgehen, fragt Filippa, die Portugiesin, mich nach dem deutschen Wort für Blumen, die wir in einem Blumenkasten sehen. Eigentlich kennt sie das Wort und auch seine Bedeutung, hat aber die Form vergessen: Stiefmütterchen. Ich kann ihr aber zusätzlich auch noch die Erklärung liefern. Auf Portugiesisch heißen sie so etwas wie Ewige Liebe, und auf Serbisch so etwas wie Tag und Nacht, weil es sie angeblich nur in zwei Farben, einer hellen und einer dunklen gibt.

 

Am Nachmittag kommt ein Mann von der RAI und setzt die schlechte Tradition des Vormittags fort. Er sagt eigentlich, trotz erheblicher Redezeit, so gut wie gar nichts. Dass die Nachrichten im Internet, die am meisten angeklickt werden, nicht die mehr oder weniger schweren politischen Nachrichten sind, sondern die über private Schicksalsschläge, exzentrische Personen und ungewöhnliche Vorkommnisse, ist nicht unbedingt exklusives Expertenwissen. Er macht ein paar sehr kritische und ein paar sehr unkritische Bemerkungen über Italien: Für den Abtransport der Juden in die Konzentrationslager habe sich niemand interessiert – Juden galten nicht als ‚so richtig’ dazugehörig – und nur 5 von 500 Professoren hätten durch ihre Ablehnung des Faschismus ihr Amt verloren, aber in Italien gebe es keinen Nationalismus wie in Frankreich oder Deutschland, wo man sich der Überlegenheit der eigenen Nation sicher sei. Italien hätte von jeher Minderwertigkeitsgefühle, das Gefühl, mit den Fremden nicht mithalten zu können, nehme aber die Fremden immer gerne auf. Eine holländische Studentin macht den berechtigten Einwand, das gelte vielleicht für europäische Touristen oder europäische Immigranten, die das entsprechende Kleingeld mitbrächten, aber nicht in gleichem Maße für mittellose Afrikaner. Dann entspannt sich unter den Experten eine Diskussion über Brescia, das wohl ganz besonders von starker Immigration betroffen ist und sich inzwischen einen Namen für die damit verbundenen Probleme gemacht hat.

 

Dies ist außerdem der Vortrag, den ich am schlechtesten verstehe. Warum, ist mir ein Rätsel. Er ist leichter als die intellektuellen Schwergewichte der letzten Tage. Letztlich merkt man, dass kein Akademiker, sondern ein Journalist an der Reihe ist.

 

Der Höhepunkt des Tages ist nicht akademisch, sondern sportlich: Nach dem Vortrag gehe ich mit Lisa laufen. Das Versprechen einer flachen Strecke – ohnehin absurd in dieser Gegend – stellt sich nach etwa anderthalb Minuten als falsches Versprechen heraus, und am Ende der Steigung läuft sie mir gnadenlos weg. Aber die Strecke, gleich an der hohen Felswand entlang mit Blick hinunter auf den See am Ende des steilen Abhangs und mit den schneebedeckten Bergen des anderen Ufers ist superb. Außerdem kommen wir an der Villa Feltrinelli vorbei, die ich ganz woanders vermutet habe, und an den ehemaligen limonaie, den Zitronenhängen mit ihren hölzernen Aufbauten.

 

Unterwegs erfahre ich, dass sich der Name Tiflis auf die heißen Quellen bezieht, die es dort und in anderen Teilen Georgiens gibt, abgeleitet von tbili, ‚heiß’. Tiflis ist also nichts anderes als ein Kurort. Die heißen Quellen sind sulfathaltig und werden u.a. zur Heilung von Hautunreinheiten genutzt. Bei den Russen, so Lisa, seien sie auch nach übermäßigem Alkoholgenuss beliebt.

 

1. April (Mittwoch)

In Deutschland scheint die Sonne und der Himmel ist blau, hier regnet es und der Himmel ist grau.

 

Der Mann am Bootssteg macht sich unendliche Mühe, kramt seinen Taschenrechner hervor und betreibt höhere Mathematik, um herauszufinden, welche der verschiedenen Varianten für mich besser ist. Am Ende spare ich 2 € – die dann aber am Abend wieder verschütt gehen, als ich das letzte Boot verpasse. Aber das weiß ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Am Ende ruft er mir hinterher: „Und Vorsicht mit dem Wetter. Es könnte durchaus im Laufe des Tages zu Sonnenschein kommen!“. Und damit sollte er Recht behalten.

 

Am Anfang ist es aber noch so diesig, neblig, wolkig, dass man auf dem See eine geradezu unheimliche Atmosphäre verspürt: Wasser, Berge, Himmel verschwimmen ineinander, und es ist nichts auszumachen als eine einzige grau-blau-weiße Masse.

 

Das eher schäbige Schnellboot macht seinem Namen alle Ehre. Trotzdem dauert die Fahrt nach Sirmione, meinem Ziel, eine ganze Weile. Dabei legen wir vielleicht gerade mal ein Fünftel der Gesamtstrecke ab. Der Gardasee ist eben der größte See Italiens. Der lässt sich nicht einfach an einem Tag bewältigen.

 

Wir legen in Maderno, Gardone, Salò, Garda und Bardolino – wo der bekannte Rotwein herkommt – an. Überall steigen nur zwei oder drei Passagiere aus und ein. In Maderno liegen in der Pfarrkirche die Reliquien von San Ercolano, der überall am Gardasee verehrt wird. Er soll drei Karpfen, die schon, für den menschlichen Verzehr bestimmt, auf dem Rost lagen, zurück in den See geworfen haben. Als Andenken daran behielten sie die Streifen.

 

Dann geht es zum Ostufer des Sees, nach Garda. Das gehört schon zu Venetien. Hier ragt ein mächtiger Felsen in den See hinein, der die Gegend quasi bewacht, und das ist das entscheidende Wort, denn davon leitet sich Garda ab. Wörter wie dt. Garde, dt. Wächter, engl. warden, eng. guardian, span. guardar, it guardare gehen trotz ihrer verschiedenen heutigen Bedeutungen alle auf die gleiche Wurzel zurück, vielleicht sogar Garten. War der Garten vielleicht ursprünglich ein Ort, von dem aus man das Haus bewachte? Wenn man den Felsen vom Boot aus sieht, findet man die Geschichte mit dem Wächter jedenfalls ganz einleuchtend. Er scheint just zu diesem Zweck dahin gestellt worden zu sein. Schon zu keltischen Zeiten gab es deshalb auch naheliegenderweise eine Burg hier, und unter Karl dem Großen entstand die Grafschaft Garda, die dann der ganzen Gegend ihren Namen gab.

 

Sirmione ist anders als Gargnano, größer, belebter, noch einseitiger auf touristische Bedürfnisse ausgerichtet, auch wohl etwas reicher, mit fein herausgeputzten Fassaden und Gässchen, fast ein bisschen zu schön, um wahr zu sein. Die Verkehrssprache ist hier Deutsch. Man kann so viel Italienisch sprechen, wie man will, die Antwort kommt auf Deutsch.

 

Gleich hinter der Anlegestelle steht die mächtige, gut erhaltene, in verschiedenen Phasen erweiterte und an einer Seite praktisch im See gelegene Burg. An der Fassade der geflügelte Löwe von Venedig – heute gehört Sirmione aber zur Lombardei – und das Wappen der Scaliger, mit einer Leiter in Anspielung auf den Namen. Sie waren lange die beherrschende Familie der Gegend. Über eine von mehreren Zugbrücken geht es in die Burg hinein. In der Eingangshalle stehen Einbäume aus dem Hochmittelalter, ohne Metallwerkzeuge und ohne Nägel gebaut, ziemlich lang, heute wunderbar verzogen. Sie wurden erst vor relativ kurzer Zeit im See gefunden.

 

Dann gibt es verschiedene Innenhöfe mit verschiedenen Türmen, und in der Mitte der Burg den hohen, steilen Hauptturm. Der war so etwas wie eine Burg in der Burg. Hierher musste man sich Im Notfall zurückziehen und hier musste man im Notfall überleben können, und deshalb war der Turm mit Getreidelagern, Waffenarsenalen, sogar einer Zisterne und einem Gefängnis ausgestattet! Damit es dazu kam, musste der Feind aber erst in die gut geschützte Burg mit ihren Zugbrücken und mit Widerhaken versehenen, hinabfahrbaren Toren eindringen. Außerdem konnte durch die Schießscharten des Untergeschosses und von den zinnenbewehrten Mauern von oben die Gegend bewacht und die Burg verteidigt werden. Die schwalbenschwanzförmigen Zinnen sind ein besonderes Merkmal der Burg. Die Mauern sind ganz unterschiedlich gebaut, vermutlich je nach Entstehungszeit, aber die Mauer des Haupthofes sieht aus wie die des römischen Teils des Trierer Domes, mit regelmäßigen, schmalen, horizontal verlaufenen Reihen von Ziegeln zwischen den Feldern aus Mörtel und Steinen. Besonders ist hier, dass die Ziegel in Doppelreihen verlaufen, die in der Art einer Säge miteinander verzahnt sind. Bei dem Gang über die Wehrgänge oben bekommt man eine Vorstellung von den Dimensionen der Burg.

 

Sirmione liegt auf einer schmalen Landzunge, die in den See hinein ragt. An deren äußerstem Ende, an das man über eine einsame Landstraße kommt, auf der man den Touristenrummel bald hinter sich lässt, liegen die Grotte di Catullo, ein im doppelten Sinne irreführender Begriff, denn es handelt sich weder um Grotten noch um die Grotten von Catull. Es handelt sich um eine Villa aus römischer Zeit, die aber erst nach dem Tod von Catull entstanden ist. Man hatte es aber ursprünglich mit Catull in Verbindung gebracht, nicht ganz zu Unrecht, denn Catull entstammte einer reichen Familie aus Verona, die tatsächlich in Sirmione Besitzungen hatte. Nachdem man durch die Ausgrabungen den populären Namen als Fehler identifiziert hatte, hat man jetzt aber Reste eines älteren Gebäudes gefunden, die vielleicht doch Catull gehörten und damit dem falschen Namen wieder zu Ehren bringen könnten. Die Bezeichnung Grotten kam dadurch auf, dass die ersten Besucher sich angesichts der hohen, damals noch erhaltenen Mauern wie in einer Grotte vorkamen, und das kann man auch heute noch gut nachempfinden.

 

Sirmione lag an einer der wichtigsten Straßen Norditaliens, der Straße von Brescia nach Verona. Diese Straße war in verschiedene Streckenabschnitte aufgeteilt, die jeweils etwa einer Tagesreise entsprachen, 22 Meilen. Genau an so einer Stelle lag Sirmione. Dort gab es Verpflegung, Rast, Nachschub, Schutz.

 

In dem modernen Museum gibt es Funde aus der Villa zu sehen, eine ganze Reihe, nicht nur aus römischer, sondern auch aus langobardischer Zeit. Unter den römischen Funden mehrere Meilensteine, die den Historikern besonders zur Bestimmung des Verlaufs der Straße dienten, denn viele wurden noch an Ort und Stelle gefunden. Aber Vorsicht: Es gibt keinen Beweis, dass der aktuelle Fundort tatsächlich auch der ursprüngliche Standort war. Außerdem kann sich der Verlauf der Straße auch im Laufe der Zeit verändert haben.

 

Da sich die Gräber am Rande der Straße befanden, gibt es auch eine Reihe von Grabfunden, darunter ein runder, mit einer Kordel umfasster Stein, in dem sich die Überresten eines Toten befanden und, der Erklärung zufolge, noch befinden! Wie sie in den Stein hineingekommen sind, kann ich mir nicht erklären. Eine Schnittstelle ist jedenfalls nicht zu sehen.

 

Von den römischen Funden gefallen mir besonders die Malereien, nur teilweise, aber in den Farben sehr gut erhalten. Besonders das gut erhaltene Stück eines Bildes, auf dem man einen Mann in weißer Toga – wohl eine Toga der besonderen Art – sieht, mit einem Purpurband und einer Schriftrolle in der Hand. Catull?

 

Die Villa selbst ist nicht etwa ein Haus, sondern ein ausgedehnter Gebäudekomplex mit zum Teil sehr hohen, noch erhaltenen Mauern, in denen sich die Vögel um Nistplätze streiten und zwischen denen sich Wiesen mit Butterblumen und Gänseblümchen ausbreiten. Vermutlich handelte es sich um ein Gasthaus der gehobenen Art. Es hatte sogar sein eigenes Thermalbad. Am äußersten Ende hat man einen bemerkenswert schönen Blick auf den See.

 

Wegen des Anmarschwegs muss ich mich aber schon wieder auf den Rückweg machen. Die Boote sind äußerst pünktlich. Auf dem Rückweg sehe ich ein Lokal, in dem es Morgenessen gibt, und später am Tag eins, in dem es eine Pizza mit Scharfkäse gibt.

 

Ich habe gerade noch Zeit, mir eine der beiden Stadtkirchen anzusehen, eine Kirche mit einer der schmucklosen Fassade vorgesetzten, schönen Säulenhalle. Auch hier ist von dem Treiben im Zentrum nichts zu spüren, obwohl man keine fünf Minuten entfernt ist. Innen gibt es eine ganze Reihe von mittelalterlichen Fresken, die frei gelegt, aber wegen der Dunkelheit schlecht zu erkennen sind, u.a. eine Kreuzigungsszene mit alten Männern mit weißen Bärten, die wie die Großväter von Maria und Maria Magdalena aussehen.

 

Dann geht es mit dem wiederum fast leeren Boot und leerem Magen zurück. Mein zweiter Halt ist Gardone, wiederum eine andere Stadt, größer, lauter, normaler, mit der viel befahrenen Gardesana, die längs durch den Ort verläuft. Ein riesiges Hotel gleich am Steg diente als Klinik während der Zeit der Repubblica di Salò, und viele andere Gebäude des Ortes hatten damals öffentliche Funktionen.

 

Da der Ort weniger touristisch ausgerichtet ist, gibt es auch zu dieser Zeit nichts zu essen. Also mache ich mich gleich auf den Weg zum Botanischen Garten, einst von einem deutschen Forscherehepaar angelegt und später von André Heller übernommen. Es geht über Serpentinen bergauf. Auf halber Höhe des Hügels liegt der Botanische Garten. Sobald man den Eingang passiert hat, riecht es nach Botanischem Garten, nach Gewächshaus sogar, obwohl es hier gar keine Gewächshäuser gibt. Für stolze 9 € kann man sich hier Pflanzen aus aller Welt ansehen, denn das war das eigentliche Ziel, eine Art Weltgarten anzulegen. Merken tut man davon aber nicht so schrecklich viel, und Beschreibungen gibt es nicht. Das war ausdrücklich nicht das Ziel von Heller, der nicht informieren, sondern zeigen wollte, eine Art künstlich angelegtes Paradies, und genau das ist es auch. Bäche, Rinnsäle, Tümpel, Wasserfälle en miniature, Grotten, alle künstlich angelegt, Holzstege aus Bambus, Beete – vor allem Tulpen, an jeder Ecke eins in anderen Farben – Baumgruppen – besonders schön die stark bemoosten Stämme chinesischer Bäume, und dazwischen moderne Skulpturen, von Heller ausgewählt, zum Teil etwas kitschig. Das Ganze ist ein Spektakel, künstliche Natur. Das macht aber den Vögeln nichts aus, die auch hier überall lautstark vertreten sind und sich genauso wenig photographieren lassen wie die in den Grotten des Catull. Genauso wenig wie zwei hohe Figuren zu beiden Seiten eines Stegs, die sich – und den Besucher – in regelmäßigen Abständen mit Wasser bespucken. Ich drücke immer zu spät oder zu früh auf den Auslöser.

 

Dann geht es weiter, noch weiter den Hügel hinauf. Ein wunderschönes Lokal mit Terrasse an einer Biegung ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen. Ich kämpfe mich weiter hinauf. Gardone erscheint mir, nicht nur wegen des Hungers, als der unattraktivste der drei Orte, die ich bisher kenne, aber das ändert sich, als ich oben an dem Platz mit der Kirche ankomme, der schön und lauschig ist und italienisch. Ich würde am liebsten hier bleiben, aber der Bootsfahrplan diktiert den Tagesablauf.

 

Deshalb geht es nach ganz kurzer Rast ins gleich gegenüber liegende Vittoriale degli Itagliani. Hier hat Gabriele d’ Annunzio, Poet und Exzentriker, den Italienern und vor allem sich selbst ein Denkmal gesetzt. Es ist ein weitläufiges Gelände mit Museum, Park und Villa.

 

Das Museum ist posthum entstanden und ist ein Kriegsmuseum, ganz im Sinne d’Annunzios, denn er war nicht nur Poet, sondern auch Krieger. Mit über 50 Jahren zog er noch freiwillig in den Krieg und nahm als Kommandant einer Truppe Rijeka ein. Als er nach der Rückkehr von Mussolini, den er verehrte, nicht die erwartete Anerkennung erhielt, zog er sich schmollend hierher zurück und widmete sich der Selbstdarstellung.

 

Um die Villa herum, im Museum und in dem weitläufigen Park werden Erinnerungsstücke an sein Leben präsentiert: das Auto, mit dem er in Rijeka einfuhr, das Flugzeug, mit dem er über Wien antiösterreichische Flugblätter abwarf, und, inmitten von Olivenhainen und Zypressen, das Vorschiff der Kreuzers Puglia, das ihm die Marine geschenkt hatte. Als Krönung, hoch oben, mit einem spektakulären Blick auf den See hinunter, das Mausoleum, ein runder Platz an freier Luft, auf dem die Sarkophage gefallener Kameraden konzentrisch um das erhöhte Denkmal d’Annunzios angeordnet sind. All das ist seiner marmornen Kälte nicht unbedingt schön, aber bemerkenswert.

 

Der Höhepunkt der Besichtigung ist die Priora, die Villa selbst, durch die man geführt wird. Eine ziemlich endlose Reihe vollgestopfter, durch Buntglasfenster abgedunkelter Räume mit dunklen Möbeln und dunklen Wänden. Die völlig unüberschaubare Menge von Objekten, Skulpturen, Ornamenten, Krimskrams, Puppen, Globen, Gemälden, vor allem aber Büchern ist erdrückend und lässt einen Raum, bei allen Unterschieden, wie jeden anderen erscheinen. Selbst im Badezimmer befinden sich  über 800 Objekte. In der schmalen Eingangshalle steht mitten auf der Treppe eine Säule, und auf einer kleinen Kommode liegt eine riesige Kopie eines Pferdekopfs vom Fries des Parthenon. Viele der ausgestellten Dinge haben eine ziemlich penetrante Symbolik. Dante-Abbildungen gibt es überall, den d’Annunzio gerierte sich – ganz bescheiden – als Dante der Adria und fühlte sich wesensverwandt mit Michelangelo, der auch überall präsent ist.

 

Auch Eleonora Duse, für die er mehrere Theaterstücke schrieb und die eine Zeitlang seine Geliebte war, ist mit einer Büste und mehreren Abbildungen präsent.

 

Im Reliquienzimmer stehen Heiligenfiguren auf einem Sims oben um den ganzen Raum herum und an allen Seiten Götteridole aus anderen Religionen, vor allem aus dem Buddhismus. An einer Seite eine Hand mit ausgestreckten Fingern, die für die fünf Laster stehen. Man hat so viele, wie man Finger hat, also fünf, und nicht sieben. Geiz und Lüsternheit galten d’Annunzio nicht als Laster. Er vertrat offen Unmoral, sexuelle Exzesse, antidemokratisches Denken.

 

Als weitere Reliquie liegt hier das zerbrochene Lenkrad des Bootes, mit dem Sir Henry Segrave auf dem Windermere-See den Geschwindigkeitsrekord für Motorboote brechen wollte und dabei ums Leben kam. D’Annunzio hatte ihn dazu animiert.

 

In dem Zimmer des Aussätzigen sieht man ein Gemälde, auf dem Franziskus einen Aussätzigen umarmt, der die Gesichtszüge d’Annunzios trägt. Er sah sich wie das Mittelalter die Aussätzigen sah: von Gott erwählt, aber von den Menschen verstoßen. Das Gemälde hängt über einem ganz schmalen Bett, dem Bett der zwei Lebensalter, Geburt und Tod. Tatsächlich wurde d’Annunzio hier nach seinem Tod 1938 aufgebahrt.

 

In die Werkstatt, wo d’Annunzio seine Werke verfasste und die er so nannte, weil er sich als einen Wortschmied sah, muss man wegen des niedrigen Eingangs in gebückter Haltung eintreten und somit der Kunst seine Reverenz erweisen. D’Annunzio selbst war nur 1,58 (auch wenn er sich selbst als größer beschrieb) und brauchte sich vermutlich nicht zu verbeugen.

 

Ich verpasse die Gelegenheit, nach dem Pseudonym zu fragen, das ja wohl ein doppelter Verweis auf die biblische Verkündigung ist. Der eigentliche Name d’Annunzios war Antonio Rapagnetta.

 

Die Besichtigung hat sich länger hingezogen als angekündigt, und als ich wieder am Hafen ankomme, ist das letzte Boot weg. Es geht aber von hier aus zur Not auch ganz gut mit dem Bus nach Hause. Als ich mich erschöpft hinsetze, erscheint auf einmal Alexander, der gerade aus Mailand zurückkommt, statt mit Schuhen mit Partituren bestückt. Er erzählt mir ausführlich von seinem Ausflug, interessiert sich aber nicht für das, was ich gemacht habe.

 

2. April (Donnerstag)

Heute regnet es den ganzen lieben langen Tag – ununterbrochen. Am späten Vormittag geht es mit dem Bus nach Franciacorta, einer Weinbauregion bei Brescia. Der Name leitet sich von Mönchen von Cluny ab, die sich hier niedergelassen und Außenstellen eröffnet haben.

 

Dort werden wir von einem Experten, einem Mann mit Zopf, der nicht so recht zu seiner sonstigen Erscheinung passen will, kenntnisreich und unterhaltsam, durch die Weinkellerei Boschi geführt, eine hochmoderne, computergestützte Anlage. Die Weinkellerei stammt erst von 1989, hat aber schon wichtige Preise errungen und sich eine gute Stelle unter den besten Weinproduzenten erkämpft. Die gesamte Produktion ist riesig, zwei Millionen Flaschen pro Jahr! Es wird auch Champagner produziert, aber mit einem höheren Anteil von Chardonnay (50%), der hier besser wächst als in Frankreich und einem geringeren Anteil an Pinot Grigio (nur 30% im Gegensatz zu 70% in Frankreich). Das ergebe, so hört man, einen weicheren, leichteren Wein. Ohne dass es ganz ausdrücklich gesagt wird, heißt das: besser als das Original. Überhaupt geht natürlich nichts über die italienischen Weine, die allen anderen an Qualität überlegen seien. Australien kommt noch, wenn auch mit vielen Einschränkungen, passabel davon, alle anderen Weine von weither erfahren ein vernichtendes Urteil. Von Deutschland ist natürlich überhaupt nicht die Rede, ebenso wenig wie von Spanien. Er beklagt auch die gestiegene Nachfrage nach Barrique, das habe einen Markt geschaffen, der künstlich bedient werde, mit unzulänglichen Weinen. Für einen guten Wein müsse man Geduld, Wissen und Material haben.

 

Die Weinfelder werden durch satellitengestützte Kameras überwacht, so dass, wenn ich das richtig verstanden habe, immer gezielt zum richtigen Zeitpunkt geerntet werden kann. Der Wein lagert dann in riesigen Metallfässern, in denen die Temperatur durch Computer kontrolliert wird. Die Einzelheiten des weiteren Prozesses entgehen mir. Es scheint jedenfalls so zu sein, dass der Wein mindest drei Jahre lang insgesamt lagert, und auch mit Naturzucker und bestimmten Geschmäckern angereichert wird. Die teuersten der Holzfässer, in denen der Wein lagert, kosten 25.000 € pro Stück. Aber das scheint nur für die Spitzenweine zu gelten, denn schon vorher sind wir an unendlichen, wohlgeordneten Reihen von Flaschen vorbeigekommen. Dieser Wein wird in der bekannten schrägen Position von Frauen alle acht Tage um ein Achtel gedreht. Dabei bewegen sie nicht zwei nebeneinander liegende Flaschen, sondern 1 und 4, 2 und 5, 3 und 6, denn das ist der natürliche Abstand zwischen den Armen. Sonst würde man sich den Rücken verrenken. Die Frauen drehen 10.000 Flaschen pro Tag!

 

Er gibt dann noch ein paar Ratschläge: Den Wein sehen, riechen und schmecken, nicht nur trinken. Den Wein, vor allem Rotwein, immer vorher öffnen – eine Stunde vorher für den normalen Alltagswein, jeweils eine Stunde mehr für jedes Jahr, das der Wein alt ist – und nie nachher wieder verschließen. Den Wein, auch den Weißwein, nie im Kühlschrank lagern. Weißwein trinke man bei 14,5°. Bei größerer Kälte habe man nur die Frische, aber nicht den Geschmack. Ich würde gerne fragen, wie eine italienische Familie, die in einer Mietswohnung wohnt, im Sommer mit diesen Ratschlägen umgehen soll, aber das ist vielleicht zu praktisch gedacht. Der Kühlschrank ist ohnehin tabu, nicht nur für Wein, auch für Käse und Salami. Die bewahre man unter einem Netz auf, damit sie vor Insekten geschützt werden und damit sie atmen könnten. Käseglocken erlaubten das nicht.

 

Im Anschluss gibt es Wein und ein paar Kleinigkeiten, mit Olivenöl geröstete Brotstücke, sehr leckere eingelegte Silberzwiebeln und Salami. Der Rotwein schmeckt umwerfend gut.

 

Im Bus höre ich, wie eine Serbin das Wort falsch gebraucht, genau wie im Deutschen, wenn auch mit dunklem /l/. Ich frage nach und es stellt sich heraus, dass es tatsächlich ein deutsches Lehnwort ist, mit der gleichen Bedeutung wie im Deutschen, vermutlich ein Erbe aus der österreichischen Zeit. Alexander wird ganz enthusiastisch und zählt deutsche Lehnwörter auf. Darunter Schraube, Schraubstock und Brusthalter.

 

Dann kommt eine böse Überraschung. Der nächste Programmpunkt, auch in Franciacorta, ist die Besichtigung eines Outlet. Das habe ich im Programm übersehen oder nicht richtig gelesen. Es wird noch schlimmer, als angekündigt wird, dass wir uns in drei Stunden wieder am Bus treffen. Drei Stunden! Drei Stunden einkaufen! Es gibt fast nur Kosmetik und Konfektion. Ein Paradies für die serbischen Studentinnen, obwohl ich nicht so recht verstehe, was das Outlet so attraktiv macht. Alexander sagt, es seien die Preise. In Belgrad kämen die Abgaben auf den Import hinzu. Mir scheinen die Preise gar nicht so niedrig zu sein. Glücklicherweise treffe ich nach einer Stunde des Umherirrens in dieser tristen Umgebung auf Glauco und wir verbringen den Rest der Zeit im Café bei Kaffee – und später Bier.

 

3. April (Freitag)

Der heutige Film, wiederum trotz Untertiteln sehr schwer zu verstehen, ist eine uralte Komödie mit Slapstick-Elementen aus dem Ambiente der kleinen Ganoven, I soliti ignoti, mit einem blutjungen Marcello Mastroianni, einem ebensolchen Vittorio Gassman und einer ebensolchen Claudia Cardinale: Betrügereien, Unglücksfälle, Eifersuchtsszenen, Romanzen und die Vorbereitung des großen Coups, der im Nichts endet. In einer Szene bekennt sich einer der Ganoven in dramatischer Sprache und mit theatralischen Gesten dazu, einen Diebstahl begangen zu haben, um seinen einsitzenden Kumpanen herauszubekommen. Das Ergebnis: Er kommt selbst in den Knast und sein Kumpel kommt nicht heraus.

 

Es ist eine Welt, in der der Säugling vorübergehend bei der einsitzenden Ehefrau im Knast abgeliefert wird, damit der Vater sich am Coup beteiligen kann, eine Welt, in der im Knast der Genuss des Rauchens angesichts der Knappheit von Zigaretten dadurch verlängert wird, dass die Zigarette die Runde macht und der Rauch nicht in die Luft, sondern in eine leere Flasche geblasen wird, die dann die Runde macht und ebenfalls ‚geraucht’ wird.

 

Anschließend gibt es einen guten Vortrag über Italo Calvino, ein Vortrag der, vor allem durch die verrückten Motive der Bücher, Lust auf Lesen macht.

 

Calvino wurde auf Kuba geboren! Er kam aber schon mit 2 Jahren nach Italien und erachtete San Remo als seine Heimatstadt. Die kubanische Herkunft ist für sein Leben und Schaffen unerheblich.

 

Beide Eltern waren Naturwissenschaftler, die Mutter Biologin, der Vater Agronom, und  in dieser Hinsicht war Calvino das schwarze Schaf der Familie. Oder das rote Schaf, denn später trat er der Kommunistischen Partei bei.

 

Er fing früh an zu schreiben und erregte bald die Aufmerksamkeit Paveses, der ihn förderte. Er heiratet, geht nach Paris, schließt sich einem Zirkel von exilierten Schriftstellern um Borges an, wird berühmt, bekommt Preise und später einen Lehrauftrag in Harvard.

 

Seine Sprache ist kunstvoll, poetisch, schwer zu verstehen. An einer Kurzgeschichte, die man in 30 Minuten liest, arbeitet er anderthalb Jahre.

 

Es werden verschiedene Bücher vorgestellt, unter anderem eins, ein „Buch über Bücher“, in dem ein Leser und eine Leserin sich in einer Bibliothek treffen und ein Buch suchen, das nicht endet.

 

Im Il cavaliere inesistente tritt ein Ritter auf, der nach einer geschlagenen Schlacht immer noch eine blitzblanke, unbeschädigte Rüstung hat, obwohl er die Schlacht für die Christen gewonnen und die Ungläubigen getötet hat. Karl der Große geht auf ihn zu und will wissen, wer er ist. Er bittet den Ritter, sein Visier zu heben. Der Ritter hebt sein Visier und – es ist niemand drin. Der Ritter existiert nicht.

 

In Il viconte dimezzato kommt nach dem Krieg nur die eine Hälfte des Grafen vom Schlachtfeld zurück, die böse Hälfte. Sie überwirft sich mit allen, tötet Vögel, schneidet Blumen ab usw. Dann kommt die andere Hälfte, die gute. Sie ist hilfsbereit, kümmert sich um die Armen, schont die Natur – und geht nach einiger Zeit den Menschen genauso auf die Nerven wie die böse Hälfte!

 

In Il barone rampante steht ein Kind aus guter Familie unter Missachtung der Regeln der vornehmen Gesellschaft mitten beim Essen auf. Er flüchtet auf einen Baum und will nie mehr herunter kommen. Er holt sich die Frauen vom Boden, bleibt aber immer oben. Er geht in andere Länder, ohne jemals die Bäume zu verlassen. Er will am Leben teilhaben, aber er will es von oben sehen.

 

Der letzte Vortrag, gehalten von Davide, dem Organisatoren des Kurses, der offensichtlich professioneller Diskjockey ist, ist über Musik: La notte e le note. Im Schnelldurchgang werden Lieder vorgestellt, in deren Titel die Nacht vorkommt, und dazu gibt es ein paar recht seichte Kommentare hinsichtlich der ‚Interpretation’ der Texte. Die Lieder stammen meist aus den Achtziger und Neunziger Jahren. Die Qualität sei damals besser gewesen. Ob das nicht eher etwas mit dem Alter des Redners zu tun hat?

 

Am Abend lädt der Bürgermeister von Gargnano, ein fülliger Mann mit mächtiger Stimme, wie er bei einer improvisierten Gesangseinlage zeigt, zu einer Abschlussfeier ein. Es gibt stark gesalzene geröstete Kartoffeln und Fleischstücke und Hunderte von Flaschen Wein, die der Bürgermeister selbst aus Franciacorta mitgebracht hat. Er entschuldigt sich für das Wetter, fast so, als ob er selbst die Verantwortung dafür trägt, und sorgt für Entschädigung dadurch, dass er die Kursteilnehmer bei der Austeilung der Zertifikate ganz besonders herzlich verabschiedet und umarmt und herzt und küsst – allerdings nur die weiblichen.

 

4. April (Samstag)

Tag der Abreise: Ich fahre mit Angels und Lisa nach Mailand. Unterwegs sehen wir Steinbrüche, in denen Marmor gebrochen wird, einen Imbiss, der sich Paninoteca nennt, sehr niedrige Weinstöcke, Werbung für die verbreitete Kaffeemarke Haussbrandt und einen Baum der, Lisa zufolge, keine Blätter hat und trotzdem in voller Blüte steht. Zum Abschied bekomme ich eine georgische Münze geschenkt.

 

Der Mailänder Bahnhof ist hässlich und wird, wie viele andere Gebäude, gerade renoviert. 2010 findet in Mailand die Weltausstellung statt.

 

Vor der Stadtbesichtigung habe ich gerade noch Zeit, etwas zu essen. Eine Chinesin bedient am Tisch, ein Inder hinter der Theke, ein Italiener, mit Kaffee und Zeitung am Tisch sitzend, gibt Anweisungen und kontrolliert.

 

„Ein Politiker denkt an die nächsten Wahlen, ein Staatsmann an die nächsten Generationen“ steht auf der Unterlage.

 

Dann geht es auf eine ausgedehnte Stadtbesichtigung, teils mit Bus, teils zu Fuß. Es wird Deutsch und Englisch mit gleich starkem Akzent gesprochen, manchmal muss man zweimal nachdenken: „People leaved here“, „fool of people“, „If you laugh motorbikes“.

 

Zuerst fahren wir auf Kopfsteinpflaster durch die Innenstadt, am Teatro Strehler vorbei. An der Scala steigen wir aus. Die wird heute bestreikt und kann nicht besichtigt werden. Von außen sieht sie ausgesprochen enttäuschend aus, einfach und etwas schäbig, mit Holztüren, die auch die eines Warenlagers sein könnten. Die Scala ist tatsächlich so schlicht, dass oft das gegenüberliegende Haus, das Rathaus, für die Scala gehalten wird. Ihre Besonderheit liegt dem Vernehmen nach in der Akustik. Ausverkauft ist sie fast immer, und erst recht am 7. Dezember, dem Fest von San Ambrogio, dem Patron Mailands. Wie bei den alten Londoner Theatern, gibt es zwei Eingänge, vorne den fürs Parkett, an der Seite den für die Galerien.

 

Wo ist nur die Treppe? Außen ist keine zu sehen, und innen gibt es auch keine, jedenfalls keine, von der das Theater seinen Namen hätte. Warum dann La Scala? Im Jahre 1776 brannte das alte Theater ab und man wollte ein größeres, moderneres. Dafür wurde die an dieser Stelle stehende Kirche, Santa Maria della Scala, abgerissen. Und die hieß so, weil die Scaliger, dieselben, denen ich in Sirmione begegnet bin, sie finanzierten.

 

Auf dem Platz zwischen den beiden Gebäude eine Statue Leonardos, der 17 Jahre lang in Mailand arbeitete.

 

Dann geht es zur Galleria Vittorio Emanuele, dem Salotto, der ersten überdachten Passage Mailands, mit den seinerzeit innovativen Materialien Glas und Gusseisen gebaut. Früher gab es hier fast ausschließlich Cafes, in denen sich das Mailänder Großbürgertum traf, jetzt gibt es vorwiegend Geschäfte, vor allem Mode, darunter Gucci (Florenz) und Prada (Mailand).

 

Die Galerie hat die Form eines Kreuzes, und an der Schnittstelle befindet sich das Wappen der alten Königsdynastie, selbst ein Kreuz. An dieser Stelle befindet sich das einzige 7-Sterne-Hotel Europas. Die vier Ecken sind verziert mit Abbildungen von Rom, Florenz, Mailand und Turin und Allegorien der vier Kontinente. Australien ‚gab’ es noch nicht.

 

Dann geht es weiter zum Dom. Auf dem Weg sehen wir, dass morgen hier der Stramilano stattfindet, der Mailand-Marathon. Das wäre die Gelegenheit gewesen!

 

Der Dom ist komplett aus Marmor vom Lago Maggiore. Der Marmor wurde über Kanäle nach Mailand transportiert, denn Mailand ist eine Art kleines Venedig, was wenig bekannt ist. Die Kanäle wurden später in der Innenstadt zugeschüttet, aber in den Außenbezirken beibehalten. Leider bekommen wir davon nichts zu sehen.

 

Carlo Boromeo, der hier Bischof war und den Chor abänderte, ist unter dem Hauptaltar begraben, und Napoleon ließ sich hier zum König von Italien krönen.

 

Der Dom hat gerade außen eine Renovierung hinter sich. Die hat 20 Jahre gedauert. Ansonsten wird in Mailand überall gestrichen, ausgebessert, gebaut. Alles für die Expo.

 

Der Führerin zufolge ist Mailand die (nach Grundfläche) drittgrößte europäische Kathedrale und fasst 40.000 Menschen, so viele, wie es zur Bauzeit Einwohner hatte. Die Kirche ist sehr breit, fünfschiffig, und hat, untypisch für Italien, eine riesige Menge an Glasfenstern aus verschiedenen Epochen, auch modernen, und all das ergibt ein schönes, harmonisches, lichtes  Ensemble.

 

Die Glasfenster ‚liest’ man von links nach rechts und von unten nach oben. Die Farben sind sehr gut erhalten, weil sie nicht aufgetragen, sondern in das flüssige Glas eingegeben wurden.

 

Unterwegs zum Castello Sforzesco erfahren wir, dass Mailand 1,3 Millionen Einwohner hat, die Lombardei 9 Millionen. Zweimal im Jahr findet hier die Modemesse statt. Ursprünglich war Mailand eine keltische Gründung, und die Germanen fanden, es liege mitten im Land – daher der Name Mailand. Daraus wurde später bei den Römern Mediolano, als Mailand, zusammen mit Trier, eine der Hauptstädte des Römischen Reichs war.

 

Unterwegs sieht man alte Straßenbahnen aus den 20er Jahren in der Innenstadt und hypermoderne in der Nähe des Castello. Es geht an verschiedenen Kirchen vorbei und an römischen Mauerresten, die man aber kaum sieht, sowie an einer Pop-Art-Skulptur, deren Sinn sich erst durch die Erklärung erschließt: Es sind Nadel und Faden, in Anspielung auf die Modestadt Mailand, in den drei Farben der drei U-Bahn-Linien.

 

Die Besichtigung des Castello wird zu einem Desaster: Der Zugang ist durch ein riesiges Motorradtreffen erschwert, das eigentliche Museum ist wegen Renovierung geschlossen,  das historische Museum, das wir statt dessen besichtigen sollen, ist heute geschlossen und als wir ersatzweise durch eine historische Musikinstrumentensammlung geschleust werden sollen, von der die Führerin genauso wenig versteht wie wir, stürzt eine ältere deutsche Dame und der ganze Tross kommt zum Stehen. Man bekommt eigentlich nur mit, dass der vordere Teil des Castello eher Verteidigungszwecken diente, während der hintere, spätere Teil auch die Residenz der Sforza war. Deren Wappen, eine Schlange, sieht man an der Innenseite des mächtigen Eingangstors. Dieses Wappen ziert heute den Alfa Romeo. In dem Wohnbereich gibt es Treppen, über die man auch auf dem Pferderücken in die Wohngemächer kommen konnte.

 

Abschließend geht es dann zum Cenacolo. So heißt auf Italienisch Leonardos Abendmahl. Es befindet sich in einem Dominikanerkloster, das einst geschlossen, dann neugegründet wurde und jetzt wieder von einem Dutzend Mönchen bewohnt wird. Passenderweise befindet sich das Gemälde im Speisesaal!

 

Vom Innenhof und von außen hat man einen schönen Blick auf die Kirche mit ihrer Mischung aus Gotik und Renaissance und ihrer Kuppel.

 

Durch ein ausgeklügeltes Schleusensystem gelangt man in den Speisesaal, den man nur mit einer begrenzten Anzahl von Besuchern betreten darf und aus dem man nach genau 20 Minuten unerbittlich wieder hinausgeworfen wird.

 

Das Bild ist an der Breitseite angebracht. Leonardo malte es al secco, um mehr Zeit zu haben. Er benötigte 3 Jahre für dessen Vollendung. Die Maltechnik erklärt seinen schlechten Erhaltungszustand. Schon 30 Jahre nach der Vollendung wurden die ersten Klagen darüber laut.

 

Das Bild ist über den Durchgang zur Küche angebracht, und als der vergrößert wurde, gingen Jesus’ Füße für immer verloren. Damals hatte man keine Hoffnung, dass man das Bild je wieder in seinen ursprünglichen Zustand bringen konnte. Das gelang aber weitgehend durch die moderne Restaurierung. Bei der wurden auch später aufgetragene Farben wieder beseitigt, und außerdem kamen Brot und Wein wieder zum Vorschein.

 

Die Gruppe der Apostel ist in vier Dreiergruppen aufgeteilt. Die Gesichter sind expressiv und spiegeln sehr verschiedene Regungen wieder. Es ist der Moment eingefangen, in dem Jesus sagt, dass einer von ihnen ihn verraten werde. Bartholomäus stützt sich mit beiden Händen auf dem Tisch auf, so als wolle er aufspringen, Andreas wehrt mit beiden Händen ab, so als wolle er jeden Verdacht von sich weisen, Philipp zeigt auf sich selbst, so als ob er fragen wolle, ob er gemeint sei. Alle haben Bärte, außer Johannes, der wie eine Frau aussieht. Judas sitzt nicht abseits der Gruppe wie auf anderen Gemälden. Er hat noch die Wahl, will der Maler uns sagen. Sagt die Führerin. Er hat aber auch schon den Geldbeutel in der Hand.

 

Von dort geht es dann auf direktem Weg zum Flughafen nach Bergamo. Am Flughafen ist die Hölle los, der ohnehin sehr späte Flug ist verspätet, und im Flugzeug sind italienische Jugendliche, die sich in der Horde lautstark und albern bemerkbar machen und Deutsche, die sie kritisch ansehen oder den Kopf schütteln, ein passender Abschluss einer Reise, die alles andere als perfekt war.

 

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