Perugia (2007)

16. März (Freitag)

Die Wettervorhersage lässt nichts Gutes ahnen: Die Schönwetterperiode soll am Samstag enden und ab Sonntag soll es Schauer geben – in Perugia, nicht in Trier.

 

Wieder erweisen sich alle drei Wecker als unnötig. Um halb drei bin ich auch ohne sie auf den Beinen. Ich habe sogar noch Zeit, mich an den Computer zu setzen und mein Bartstoppel-Dokument um zwei Einträge zu erweitern. Einer der berühmtesten Flüchtlinge, die dem Tower of London entkamen, war der Earl of Nithsdale. Er war als Frau verkleidet. Das wäre an sich noch nichts Besonderes. Das Besondere war, dass es ihm gelang, als Frau durchzugehen, obwohl er einen roten Vollbart hatte! Und: In der alten St. Paul’s Cathedral gab es eine Reihe obskurer Kulte, zu denen die Verehrung der bärtigen St. Uncumber gehörte. Sie befreite die Frauen gegen eine Gegengabe von ungeliebten Ehemännern!

 

Der Bus, ein von einer privaten Firma betriebener Linienbus, hat um vier Uhr morgens keine Mühe, pünktlich zum Hahn zu kommen. Die Fahrt kostet 12 €, etwas mehr als erwartet, aber immer noch günstiger als die Parkplatzgebühren.

 

Dann geht es über die grauen Spitzen der Alpen nach Süden. Der Steward, der die Durchsagen macht, ein Russe, den ich für einen Spanier gehalten habe, ist der vom Flug nach London. Sein Deutsch ist viel besser zu verstehen als sein Englisch. Italienisch gibt es vom Band, von einer professionellen Sprecherin gesprochen. Da versteht man fast jedes Wort und kann jede Silbe identifizieren.

 

Dann kommt schon bald der Arno, in dem sich die Strahlen der schräg stehenden Sonne spiegeln, in Sicht. Wir sind schon da, und es ist noch nicht einmal 8 Uhr!

 

In Pisa ist die Abfertigungshalle keine 100 Meter vom Standort des Flugzeugs entfernt, und als wir die Halle betreten, drehen sich die Koffer schon auf dem Laufband! Keine zehn Minuten nach der Landung ziehe ich mit meinem Gepäck Richtung Bahnsteig.

 

Von hier geht es, mit Umsteigen in Pisa Centrale und Florenz, nach Perugia. In Florenz kann ich mich noch an ein Café auf  der anderen Straßenseite erinnern, eine Alternative zu den Burgerläden im Bahnhofsgebäude. In dem Café gibt es zu einem Cappuccino ein leckeres, gefülltes cornetto, und ich passiere mit einigen Schwierigkeiten die ersten sprachlichen Hürden, vor allem, als es darum geht, den Schlüssel zum WC zu bekommen.

 

In der Bahnhofshalle kaufe ich an demselben Stand wie vor drei Jahren mein Wasser für unterwegs, und im Zug erscheint auch wieder ein bettelnder Zigeuner mit einem schmalzigen Text mit einem kitschigen Marienbild.

 

Das Wetter ist gut, sonnig und warm, aber das Bild wird getrübt von Wolken und Dunst. Luxusbeschwerden nach der langen Zeit in Deutschland, als es ganze Tage lang überhaupt nicht hell werden wollte, aber man will alles, und  der Himmel ist nicht so blau, die Luft ist nicht so klar wie an den letzten Tagen zuhause.

 

Die Landschaft wird erst etwas interessanter, nachdem wir hinter dem Trasimenischen See einen langen Tunnel passiert haben.

 

Im Zug sitzen mir gegenüber zwei Geschäftsleute, von deren Unterhaltung ich fast nichts verstehe, obwohl ihre Sprache vermutlich auch nicht schwieriger ist als die der Stimme vom Band im Flugzeug. Es ist alles wohl eher eine Frage der ‚klaren’, am Standard orientierten  Artikulation.

 

Am Bahnhof in Perugia gibt es einen Taxistand, aber keine Taxis, und die beiden ersten, die kommen, lasse ich mir vor der Nase wegschnappen, weil ich mich mal wieder zu dämlich anstelle. Dafür bekomme ich dann aber beim dritten Versuch einen historisch bewanderten Fahrer, der über den etruskischen Ursprung der Stadt und das Verhältnis zum Papst spricht. Die Etrusker hätten, erfahre ich, ihre Städte aus Verteidigungsgründen immer auf der Anhöhe gebaut, und das erkläre, warum wir jetzt die ganze Zeit bergauf führen, zur historischen Oberstadt rauf. Das tun wir tatsächlich. Es geht immer weiter bergauf. Der Papst spielte, so erfahre ich weiter, für Perugia eine wenig förderliche Rolle. Die Stadt erlebte ihre Blüte als freie Stadt im Mittelalter und ihre Dekadenz, nachdem sie vom Papst erobert und dem Kirchenstaat einverleibt worden war. Wie, um mir das zu beweisen, setzt er mich an der Rocca Paolina ab, der päpstlichen Festung, die nach der Eroberung der Stadt durch den Papst gebaut und später, nach der Einigung Italiens, symbolträchtig geschleift wurde.

 

Direkt vor das Hotel kann er mich nicht fahren, denn das liegt innerhalb der Oberstadt in einem kleinen Gässchen, in das man über eine kleine Treppe gelangt.

 

Das Hotel erweist sich als sehr einfach. Londoner Verhältnisse, wenn auch etwas geräumiger. Alles wackelt und klemmt, und der angekündigte Schreibtisch ist keiner, sondern eine Kommode, und es gibt auch keinen einzigen Stuhl, so dass man im Stehen schreiben müsste. Dafür gibt es sogar eine mit einem Zeltdach überdachte Terrasse, auf der ich, solange das Wetter hält, schreiben kann, und der Preis – 30 € inkl. Frühstück – versöhnt ohnehin mit allem.

 

Die freundliche, hübsche, blonde, deutsch sprechende Italienerin an der Rezeption erweist sich als Ungarin. Ich bekomme einen Adapter für den Laptop und kann meine Wertsachen an der Rezeption hinterlassen. Dabei gilt es einige sprachliche Hürden zu überwinden, und später sehe ich in einer Buchhandlung die beiden Wörter nach, die mir fehlten: cassetto, ‚Schublade’ und presa, ‚Steckdose’. Aber es geht ja nicht so sehr darum, die Wörter zu wissen, als darum, trotz der fehlenden Wörter die Sache zu erledigen. Das klappt, wobei mir allerdings die glasklare Artikulation der Frau entgegenkommt. Nur bei der Unterscheidung zwischen rechts und links hat sie Schwierigkeiten, aber: Wer hat die nicht?

 

Als ich das Hotel verlasse, ist es erst kurz vor zwei. Erst oder schon? Immerhin bin ich seit zehn Stunden unterwegs. Aber auf jeden Fall habe ich noch Zeit, mich etwas umzusehen. Ich gehe, den Anweisungen der jungen Frau grob folgend, Richtung Innenstadt, und schon nach kurzer Zeit befinde ich mich auf dem Corso Vannucci, der wichtigsten Straße der Oberstadt. Sie ist anders als alles andere in der Oberstadt, breiter, gerader, ohne großes Gefälle, und sie ist das Resultat einer klugen städtebaupolitischen Entscheidung: Perugia stand ursprünglich nicht auf einem, sondern auf zwei Hügeln. Dann wurde das Tal zwischen den beiden Hügeln aufgeschüttet und darauf entstand der Corso Vannucci. Hinter dem Namen Vannucci verbirgt sich kein anderer als der Perugino, besser bekannt unter seinem Pseudonym als unter seinem eigentlichen Namen.

 

Der Corso mit all seinen palazzi zu beiden Seiten ist an sich schon beeindruckend genug, und dann wird noch eins draufgelegt, als er auf den Domplatz zuführt und man links das monumentale, fast kubistische Gebäude des Palazzo dei Priori sieht. Man fragt sich, warum es trotz seiner gewaltigen Dimensionen nicht erdrückend wirkt. Der Palast stammt aus der Blütezeit Perugias als Stadtrepublik und war der Sitz der Stadtregierung.

 

Auf dem Platz, der aus Gründen, die sich dem Ausländer nicht so ohne weiteres erschließen, Piazza IV Novembre heißt, setze ich mich auf eine Terrasse und trinke ich ein Wasser. Dabei bestätigt sich meine Erfahrung, dass um diese Zeit, kurz nach zwei, Buona sera schon der angemessene Gruß ist.

 

Auf der Freitreppe des Doms sitzen ganz junge Leute, wahrscheinlich zu jung, um Studenten der Ausländeruniversität zu sein, wie ich zuerst annehme, sondern wahrscheinlich eher lokale school kids. Sie beobachten lachend eine ältere Dame, die ihren schlappen, übergewichtigen Hund, dessen Ohren und Bauch fast den Boden streifen, zum Weitergehen bewegen will. Der aber verweigert alle paar Meter die Gefolgschaft und legt sich einfach hin, so als wäre jetzt Zeit für eine Siesta und nicht für einen Spaziergang.

 

In der Mitte des Platzes steht der mittelalterliche Brunnen, ein Werk von Nicola und Giovanni Pisano, das vielleicht wichtigste Bauwerk Perugias (XIII). Es ist eine vieleckige Konstruktion mit drei Schalen. Unten hat das Becken 25 Ecken mit Reliefs, die durch Säulen nochmals in zwei Teile geteilt sind, also insgesamt 50 Reliefs, auf denen sich die Bildhauer so richtig austoben konnten: Landleben, Handwerksberufe, die artes liberales, Romulus und Remus, Fabeln von Äsop, Samson und Delilah, David und Goliath, Greif und Löwe, alles, was das Herz begehrt. Das kann man sich ansehen, auch ohne das Programm zu verstehen. Sehr dynamisch die Darstellung von Dreschen und Schaufeln, sehr schön die Darstellung eines Mannes, der ein ganzes geschlachtetes Tier auf der Schulter wegträgt und von einem Hund angebellt wird, der sich mit den Vorderpfoten an den Beinen des Mannes festhält. Die Wölfin von Romulus und Remus sieht dagegen nicht wie eine Wölfin aus, eher wie eine Mischung aus Bärin und Robbe. In der zweiten Schale 25 Figuren von Heiligen und Stadtpatronen, und darüber wiederum die Figuren von vier allegorischen Vögeln, deren Köpfe, zur Seite gewandt, den Eindruck von Bewegung entstehen lassen. Die konkave Form der Reliefs und die feinen Säulen, die die Reliefs einerseits voneinander trennen und andererseits in zwei Teile teilen und auch das blasse Rosa des Marmors verleihen dem großen Brunnen Eleganz.

 

Dann wandere ich noch ein bisschen herum, auf der Suche nach Postkarten, Briefmarken und Informationen. Dabei gilt es, eine weitere sprachliche Herausforderung zu bestehen. Ich habe eine öffentliche Toilette gefunden, in einem Kellerloch untergebracht, dennoch hochmodern, und dennoch etwas schmuddelig. Irgendwie sehr italienisch. Alles geschieht auf Knopfdruck, aber jeder normale Schritt, vom Türöffnen bis zum Betätigen des Wasserhahns, erfordert Überlegung. Besonders muss man darauf achten, einen direkt neben dem WC angebrachten roten Knopf nicht zu betätigen, denn der löst nicht den Wasserfluss, sondern den Alarm aus. Als ich den gar nicht so stillen Ort, der gerade geräuschvoll seinen Selbstreinigungsmechanismus betätigt, verlasse, steht eine hilflose ältere Dame davor. Ich versuche, ihr zu erklären, wie alles funktioniert, und zwar bei geschlossener Tür, vor allem, wie man wieder raus kommt, denn sie hat Angst, eingesperrt zu werden. Als sich dann die Tür – auf Knopfdruck, versteht sich –  wieder öffnet, hat sie immerhin so viel Vertrauen gefasst, dass sie sich auf das Abenteuer einlässt – was ich als Erfolg verbuche. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass sie, wenn ich es nicht verständlich erklärt habe, den roten Knopf drücken und also auch rauskommen wird.

 

Dann gilt es, eine Schwierigkeit anderer Art zu bewältigen: Wie bekommt man in einer historischen Stadt etwas ganz Normales wie Brot? Es gibt überall Modeboutiquen, Tabakläden, Souvenirläden, alles in historischen Gebäuden untergebracht, sogar Konditoreien, nur keinen Bäckerladen. Bei der Suche geht es ständig auf und ab. Perugia ist keine Stadt für Fußlahme, und man muss außerdem ständig aufpassen, wohin man tritt, denn das Gelände ist uneben. Und Umknicken ist ja schließlich unser aller Lieblingsfreizeitspaß.

 

Am Ende werde ich auf einer ebenen Straße gerade außerhalb der Oberstadt fündig und decke mich bei einem sehr freundlichen Verkäufer mit einem guten Stück focaccia und mit Wasser ein. Als ich die lang gezogene Straße zurückgehe, entdecke ich auf einmal Geschäfte an allen Ecken und Enden. Sie machen jetzt, so um halb fünf, langsam wieder auf.

 

Am Abend gehe ich noch einmal ins schön erleuchtete Zentrum. Laut einer Anzeige haben wir 16˚, aber es fühlt sich überhaupt nicht warm an. Perugia ist wegen seiner Höhenlage wohl doch eher etwas für den Sommer.

 

Sehr italienisch: Auch zu dieser Zeit sind die Konditoreien noch geöffnet und haben Publikum. Dann muss ich dem Schlafbedürfnis Tribut zollen. Statt richtigem Essen gibt es auf dem Hotelzimmer focaccia mit Gouda und zum Nachtisch mitgebrachte Donauwelle. Diese italienisch-holländisch-deutsche Kombination schlägt an diesem Abend für mich jedes Gourmetrestaurant.

 

Während des ganzen Tages bin ich noch kein einziges Mal auf die berühmten Rolltreppen gestoßen. Das soll sich morgen ändern.

 

17. März (Samstag)

Dieser Versuch scheitert gleich am nächsten Morgen, als ich den Weg zur Sprachschule ausfindig machen will. Nachdem ich um ein paar Ecken gebogen bin, frage ich eine Verkehrspolizistin nach dem Weg. Es stellt sich heraus, dass ich schon auf der Straße bin, die ich suche, nur ein paar Schritte von der Sprachschule entfernt. Keine Rolltreppe weit und breit. Die Schule ist in einem großen, modernen Gebäude untergebracht, das die Straße wie eine Brücke überspannt. Sieht alles nicht sehr einladend aus.

 

Bei der Suche nach der Rolltreppe komme ich an einem Sportplatz mit einer Laufbahn vorbei, auf der ein paar Jogger unterwegs sind. Auf wunderliche Art und Weise lande ich dann doch auf einer Rolltreppe. Sie sieht allerdings unaufregend normal aus, wie Rolltreppen eben aussehen. Nach einem kleinen Stück im Freien geht es dann in einen Tunnel und ein ganzes Stück bergauf. Dann führt die Rolltreppe doch noch durch die Reste historischer Gebäude, die Rocca Paolina, wie sich später herausstellt, und dann wieder ins Freie. Zu meiner Überraschung befinde ich mich auf der Piazza Italia, ganz in der Nähe des Hotels. Der Hinweg zu Fuß ist mir viel kürzer vorgekommen als der lange Aufstieg mit der Rolltreppe. Die Rolltreppen stammen aus den Achtziger Jahren und wurden eingebaut, um den Zugang zur Oberstadt zu ermöglichen und das Auto so weit wie möglich aus der Stadt zu verbannen. Das war offensichtlich erfolgreich. Es gibt Rolltreppen an allen Seiten, nicht nur die durch die Rocca Paolina.

 

Da ich mich jetzt ohnehin nahe dem Zentrum befinde, entschließe ich mich, nicht weiter zu suchen und gehe auf direktem Wege zum Palazzo dei Priori. Darin befanden sich einst die repräsentativen Geschäftsräume der Zünfte, von denen einige erhalten sind, darunter die der Geldwechsler, das Nobile Collegio del Cambio. Es ist das Prunkstück, und deshalb kann man sich Unfreundlichkeit und den stolzen Eintrittspreis von 4.50 € leisten. Von diesen Räumen aus wurden die Geldwechselgeschäfte geregelt und überwacht, und es wurde auch in den einschlägigen Fragen Recht gesprochen. Das taten die uditori, und nach ihnen ist der erste, prächtig geschmückte erste Saal benannt, die Sala de la Udiente (XV). Der obere Teil der Wand und die gewölbte Decke sind mit Fresken ausgemalt, der untere Teil der Wand hat Holzvertäfelung. Die Fresken stammen zum großen Teil von Perugino selbst oder aus seiner Werkstatt und verbinden im Sinne des Humanismus antike und biblische Motive. Man sieht Trajan und Sokrates genauso wie David und Moses. Die Figuren wirken sehr plastisch, gar nicht ‚mittelalterlich’, und die Farben sind zum großen Teil hervorragend erhalten, voll und klar. In der Geburtsszene sieht man, wie Perugino alle ‚Tricks’ anwendet, um Perspektive in die Darstellung zu bringen: Die Figuren im Vordergrund sind gestaffelt und vom Hintergrund einmal durch einen Zaun, dann durch eine niedrige Mauer abgetrennt, und der Stall ist eine – historisch natürlich völlig unsinnige – Säulenhalle, deren drei Säulen auf jeder Seite leicht nach hinten versetzt sind, um wiederum Raumwirkung zu erzeugen. Dadurch ist der gesamte Raum in mehrere kleinere Räume aufgeteilt, vom Jesuskind im Vordergrund bis zu den Bergen im Hintergrund, eine – wiederum historisch völlig unsinnige – mittelitalienische Landschaft.

 

Zwischen den Figurengruppen der antiken und biblischen Helden hat Perugino sein Selbstportrait angebracht, nicht sehr schmeichelhaft, mit leichtem Doppelkinn, schiefem Mund und schiefer Nase, aber mit einem ernsten, durchdringenden Blick, der der Figur etwas Würdevolles gibt. Man würde ihm glauben, dass er meint, was er sagt, oder, etwas flippig ausgedrückt, man würde ihm einen Gebrauchtwagen abkaufen. Auf dem Kopf trägt er eine rote Kappe, die ihn als Maler ausweist, und in einer Inschrift beschreibt er sich selbst, ganz bescheiden, als egregius pictor, ‚hervorragender Maler’. Wenn man die Fresken sieht, neigt man dazu, ihm Recht zu geben.

 

Auf der Decke sind in Medaillons zwischen Grotesken die antiken Götter als Gestirne dargestellt. Jupiter sieht wie ein alter Mann mit schwacher Brust und zotteligem Graubart aus, mit einem Helm, der eher an eine Narrenkappe erinnert.

 

Neben diesem Hauptraum befindet sich noch eine kleine Kapelle, auch sie mit den unterschiedlichsten Motiven bis auf den letzten Zipfel ausgemalt. Interessant, dass diese Meister, die die Perspektive so spielerisch beherrschen, irgendwie keine aufgeschlagenen Bücher darstellen können. Irgendetwas stimmt da nicht. Der Buchrücken ist entweder zu lang oder der Winkel ist falsch sonst ist irgendetwas nicht in Ordnung. Jedenfalls sieht man so nicht.

 

Bei der Darstellung der Salome-Szene ist das Hauptgeschehen an den Rand des Bildes verlegt, und das abgeschlagene Haupt des Johannes sieht man erst auf den zweiten Blick. Im Zentrum der Aufmerksamkeit, auf dem einen großen Raum einnehmenden Boden vor der Festtafel, sitzen in abwartender, aber aggressionsbereiter Stellung, sich gegenseitig herausfordernd in die Augen sehend, ein Hund und eine Katze!

 

Dann gehe ich in die Rocca Paolina, in der es in einer kleinen, sehr modernen Ausstellung, einen Film über die Geschichte dieses Stadtteils gibt, denn das war es, bevor es päpstliche Festung wurde, ein ganzer Stadtteil mit den Wohntürmen der beiden herausragenden, natürlich sich befehdenden Patrizierfamilien, mit einer Universität, einer Kapelle, einer Kirche usw. Der Papst, Paul III., ließ all das abreißen, als sich die Stadt in dem ‚Salzkrieg’ gegen seine Herrschaft aufgelehnt hatte. Es wurde eine Festung gebaut, die nach außen eine militärische Fassade hatte und zur Stadtseite zwei zivile Ausgänge, so als gelte es, äußere Feinde zu bekämpfen. Wenig später wurde aber die Festung noch stadteinwärts erweitert, mit Bastionen versehen und auch zur Stadtseite wehrhaft ausgebaut. Jetzt fiel die Maske und die wahre Funktion der Festung wurde deutlich. Die Festung wurde zum gehassten Symbol der Unterdrückung und folgerichtig im 19. Jahrhundert, nach der Einigung Italiens, abgerissen, eine kunsthistorische barbarische, aber politisch legitime Aktion. Was nun stehen geblieben ist, sind die hohen Grundmauern, die Untergeschosse der Festung, während die päpstlichen Gebäude selbst verschwanden und symbolträchtig durch die Piazza Italia und den Palazzo della Provincia in deren Zentrum, den Sitz der Provinzialregierung, ersetzt wurde. In die Rocca Paolina bin ich durch die Porta Marzia gelangt. Deren Besonderheit liegt darin, dass sie etruskischen Ursprungs ist, dann von den Römern mit Skulpturen versehen wurde und dann von Sangallo, als er die Festung errichtete, ein paar Meter verschoben wurde, um sie zu erhalten! Sie hat auch den Abbruch der Festung überlebt.

 

Während der Papstherrschaft wurden auch die Zinnen des Palazzo dei Priori abgerissen. Und im 19. Jahrhundert wieder draufgesetzt.

 

Anschließend geht es in den Dom. Dessen Fassade – die nach Osten, nicht nach Westen weist – ist nichts sagend, also geht es gleich hinein. Aber auch der dunkle Innenraum hat nicht viel zu bieten. Es handelt sich um eine dreischiffige Hallenkirche – ungewöhnlich für Italien – die auch durch die hohen Arkaden ganz wie ein einheitlicher Raum wirkt. Links hinter dem Eingang hinter Gittern eine Kapelle, in der, man mag es kaum glauben, der Verlobungsring Mariens aufbewahrt wird! Trotz aller Enttäuschungen hinterlässt das Innere dann doch noch Eindruck: In den modernen Glasfenstern bricht sich das starke, von der Platzseite eindringende Sonnenlicht und lässt auf einem Pfeiler und an den Orgelpfeifen ein kaleidoskopartiges Farbenspiel entstehen.

 

Die dem Platz zugewandte Seite des Doms ist die schönste, wenn auch sie unfertig ist. Man sieht nur das nackte Mauerwerk. Nur ein unterer Streifen hat eine Marmorverkleidung aus Weiß und Rosa, den Farben Perugias, und man kann sich vorstellen, wie die ganze Sache aussehen sollte. An der Fassade ist auch eine schöne, kleine Kanzel angebracht, von der Bernard von Siena gepredigt haben soll. Ob man die Kanzel allerdings von innen betreten kann oder jemals konnte, ist zweifelhaft. Etwas weiter versetzt eine mächtige Bronzeskulptur eines Papstes, eines Papstes, dem die Peruginer wohl gesinnt sind, denn er hat ihnen die von Paul III. aberkannten Stadtrechte zurückgegeben: Julius  III.

 

Um seine Skulptur hier anzubringen, wurde sogar ein Bogen der alten Loggia abgerissen, deren anderen Bögen noch stehen. Diese Bogenhalle war Teil des abgerissenen Palasts eines  Condottiere mit dem wohlklingenden Namen Braccio Fortebraccio.

 

Am Nachmittag gehe ich noch einmal in den Palazzo dei Piori, diesmal in den Saal der Zunft der Händler. Er ist nicht ausgemalt, sondern vertäfelt, in dunklem Holz mit feinen, einfachen Mustern. Das entspreche, erklärt mir der sehr freundliche und kommunikative Aufseher, eher der nordeuropäischen Tradition, und es ist möglich, dass die Arbeit, die eine Gemeinschaftsaktion vieler Handwerker gewesen sein muss, von deutschen Handwerkern ausgeführt wurde. Er zeigt mit auch eine alte Truhe und, versteckt hinter der Paneele, die man erstaunlicherweise öffnen kann, die Schlüssel dazu, die immer von drei verschiedenen Mitgliedern der Zunft verwahrt wurden. Die Truhe ist nicht, wie man glaubt, aus Eisen, sondern aus Holz, weil sie auch transportiert werden musste. Am Eingang sieht man zwei geschnitzte Figuren, einen Löwen und einen Greif. Der ist das Symbol Perugias und seiner Eigenständigkeit. Der Mann erklärt den Symbolwert so: Es ist eine Verbindung von Löwe und Adler, zwei Tieren, denen die Herrschaft auf der Erde und in der Luft zugeschrieben wird. Der Greif hat eine Krone auf, weil angeblich ursprünglich nur Adelige der Zunft angehören konnten. Das spiegle sich auch im offiziellen Namen, Nobile Collegio della Mercanzia, nieder. Eigentlich widerspricht die Nobilität dem Wesen einer Zunft, aber vielleicht ist so etwas wie Stadtadel gemeint. Oder man wollte sich selbst durch diese Symbolik und Sprachregelung aufwerten. Der Mann weist mich auch auf eine Besonderheit des Raums hin, die ich sicher übersehen hätte: Der Raum hat zwei Joche, aber beide sind verschieden, das hintere hat vier Wangen, das vordere fünf. Das ist raffiniert gemacht, und war deshalb notwendig, weil man eine ungerade Zahl brauchte, um auf die beiden Außentüren hinführen zu können.

 

Als ich zwischendurch auf der Piazza einen Kaffee trinke, zeigt sich Perugia von seiner schlechtesten Seite: Ein wahrer Autokorso führt fast unmittelbar an den Tischen vorbei, ein Motorradfahrer lässt seine Maschine dröhnen, kläffende Hunde versuchen ihn zu übertönen, die Bedienung ist grantig, und der Wind lässt einen frieren und weht alles weg.

 

Grund genug, bald wieder aufzustehen und sich unter die Erde zu begeben. Ganz in der Nähe, am Rande der Piazza, befindet sich nämlich der Eingang zu einem etruskischen vorchristlichen Brunnen. Man steigt über dunkle, unregelmäßige, schlecht beleuchtete, glatte Treppen – ideal, um sich die Haxen zu brechen – vier oder fünf Meter auf das ehemalige Niveau des Platzes hinab. Dann sieht man von einer kleinen Plattform aus auf den Brunnen hinunter, d.h. auf ein Wasserbecken, in das von den bemoosten Wänden das Wasser hineintropft. Die Technik bleibt einem verborgen, aber man gibt sich mit der etwas geheimnisvollen Atmosphäre zufrieden und damit, einen solch alten Brunnen gesehen zu haben.

 

Irgendwann komme ich an einem Irish Pub vorbei und werde dabei daran erinnert, dass heute St. Patrick’s Day ist und dass außerdem zur Feier des Tages Italien gegen Irland im Rugby antritt.

 

Als ich gegen Abend wieder ins Hotel zurückkehre, habe ich Muskelkater in den Waden. Die Etrusker fordern ihren Tribut.

 

18. März (Sonntag)

Der Morgen beginnt mit einer unliebsamen Überraschung, die auch wiederum eine sprachliche Herauforderung mit sich bringt: Das Wasser des WC kommt nicht zum Stoppen. Das Mädchen an der Rezeption, ein neues, nimmt die Mitteilung ungerührt auf und verspricht, sich um ein neues Zimmer für mich zu kümmern. Auf die Idee, jemanden zu benachrichtigen oder selbst die Sache wenigstens in Augenschein zu nehmen, kommt sie nicht. Kurz darauf meldet sie sich dann per Telephon. Sie hat mit dem Chef gesprochen, und der hat sie gebeten, sich um einen Klempner zu kümmern. Verzweifelt meine Wörter zusammenkratzend, versuche ich ihr, in einem hispanisierten Italienisch, klarzumachen, dass es mir nicht um einen Zimmertausch geht, sondern dass es um das literweise in den Orkus fließende Wasser geht. Dafür hat sie wohl wenig Verständnis, und weiß es auch nicht zu würdigen, dass ich das Wasser erst einmal abgedreht habe, was ich bei meinen technischen Kenntnissen für eine mittlere Heldentat halte.

 

Ich flüchte von den Banalitäten des Lebens in die Kunst der Galleria Nazionale dell’Umbria. Der Weg dahin führt allerdings an ein paar italienischen Drachen vorbei in Gestalt einer Frau, die sich mir in der Schlange an der Kasse vordrängt, aber so, als gäbe es mich gar nicht, und in Gestalt von drei Frauen, die mich im Aufzug so in die Ecke drängen, dass ich kaum Luft bekomme.

 

Die Ausstellung ist allerdings auch erdrückend durch die schiere Vielzahl der Exponate und der fast ausschließlich religiösen Thematik. Fast alles ist aus Mittelalter und früher Neuzeit. Man hat den Eindruck, dass Umbrien danach aufhörte zu existieren.

 

Man sucht sich ein paar Kuriositäten heraus: In einem abgenommenen Fresko eines Malers aus Perugia sehen die gedrungenen Schafe in der Hirtenszene eher wie Warzenschweine aus. Ein Hirte mit einer Kleidung wie Till Eulenspiegel, der Szene abgewandt, so als interessiere ihn das alles gar nicht, bläst in eine kuriose, dudelsackähnliche Flöte und bringt einen Hund vor ihm dazu, Männchen zu machen.

 

In einem Bild von Bonfigli (XV) kniet einer der Könige vor Jesus und küsst ihm die Füße, was dem gar nicht zu gefallen scheint, denn er blickt entsetzt auf den König herab und scheint den Fuß wegziehen zu wollen.

 

In der sehr gut restaurierten Anbetung der Könige von Perugino, dem emblematischsten Bild der Sammlung, tragen alle drei Könige rot-grün und sind somit als Mitglieder des einflussreichen Baglioni-Clans zu erkennen. Ihre Köpfe sind Portraits der Baglionis, und der Sohn ist außerdem durch eine Wunde am Schienbein identifiziert. Schön die Detailfreude der Darstellung: Josef hat einen Haarkranz, aber sonst einen kahlen Kopf, aber ein paar Härchen am Stirnansatz. Einer der Könige hat schwarze Fingernägel, und die Balken des Stalls werden an einer Stelle notdürftig durch ein Tau festgehalten.

 

Neben Bildern gibt es auch Skulpturen, darunter die Originale des Löwen und des Greifs, die jetzt etwas unvermittelt, an der Fassade des Palasts hängen. Ursprünglich waren sie Figuren eines zweiten Brunnens, der aber verschwunden ist.

 

In einer Vitrine sieht man Geräte, die wie Waffeleisen aussehen, und es auch sind. Was haben sie hier zu suchen? Sie zeigen den ursprünglich liturgischen Charakter von Waffeleisen: Sie wurden zur Herstellung von Hostien eingesetzt. Die ältesten stammen aus dem 11. Jahrhundert. Erst gegen Ende des Mittelalters kamen sie dann auch für profane Zwecke in Gebrauch. Die christlichen Symbole, vor allem das populäre IHS, wurden durch Familienwappen und Monogramme ersetzt. Ursprünglich wurde bei der Eucharistie Brot gebraucht, dann entstand die Notwendigkeit einer Vereinheitlichung und es kamen Oblaten in Gebrauch, und die wurden dann später durch Hostien ersetzt.

 

Eigentlich kann ich jetzt keine Malerei mehr sehen, aber der Vollständigkeit halber gehe ich jetzt noch zu der Kapelle San Severo, die eine Besonderheit aufzuweisen hat. Die Prophezeiung des Reiseführers, dass die Kapelle schwer zu finden ist, erweist sich als berechtigt, aber am Ende treffe ich endlich mal auf eine sehr nette Frau, die mich ein Stück des Weges begleitet und mich dann eine steile Gasse raufschickt, an deren Ende auf einem kleinen Platz die Kapelle steht. Sie besteht nur aus einem kleinen Raum, und dieser Raum ist völlig nackt bis auf das Fresko, um das sich alles dreht. Es ist nämlich eine Gemeinschaftsarbeit von Perugino und Raffael, seinem Schüler. Raffael bekam als noch unbekannter Künstler den Auftrag, führte ihn halb aus, ging dann nach Rom und starb, bevor er das Werk vollenden konnte. Dann beauftragte die Bruderschaft Perugino, seinen alten Meister, damit, das Werk zu vollenden. Eine interessante Konstellation, und die Experten sagen, hier habe der Schüler seinen Lehrer übertroffen. Ob ich das ohne die Meinung der Experten herausgefunden hätte? Wohl nicht. Die untere Reihe der Heiligen von Perugino scheint mir nicht so fahrig, wie sie angeblich sein soll und, wenn auch verschieden, nicht schlechter als die obere Reihe der Heiligen von Raffael. Einzig die beiden dynamisch nach vor stürmenden Engel Raffaels zu beiden Seiten des Trinitas haben etwas, das über das malerisch Gekonnte hinausgeht.

 

Die Kapelle ist ein guter Startort zur Erwanderung der nördlichen Oberstadt. Ich komme an einem Platz vorbei, der wie eine Aussichtsplattform ist und von dem aus man einen guten Blick auf die umbrische Hügellandschaft, auf einen langen Teil der Stadtmauer und auf verschiedene Stadtviertel hat, an der in einem barocken Palast untergebrachten Ausländeruniversität, an einem der mächtigen, wenn auch alles andere als schönen Stadttore, und an einem gut erhaltenen mittelalterlichen Haus aus grauem Stein, das eine Totentür hat. Damit soll es folgende Bewandtnis haben: Hinter der Totentür soll man die Toten aufgebahrt haben, um sie nach dem Begräbnis wieder zuzumauern. Die weniger dramatische Erklärung ist die: Bei dieser, etwas höher gelegenen und schmaleren Tür soll es sich um die eigentliche Eingangstür gehandelt haben, die in den Wohnbereich führte, während die breiteren Türen rechts und links in Stall, Werkstatt und Laden führten. Die Eingangstür soll deshalb etwas höher gelegen sein, um den vom Regen angeschwemmten Unrat vom Haus fern zu halten.

 

Mein Weg führt mich schließlich über eine schöne, überdachte Gasse – einem Postkartenmotiv – steil hinauf ins historische Zentrum, wo ich mir zur Belohnung das erste richtige Essen in Perugia leiste.

 

19. März (Montag)

Es regnet, und die Temperatur ist von 18º auf 10º gefallen. Morgen soll Perugia die kälteste Stadt Italiens sein.

 

Nach einem ganz kurzen mündlichen Test komme ich in eine Gruppe mit lauter Frauen, einer älteren Amerikanerin, einer Polin, einer (hochnäsigen) Holländerin (mit goldenen Sportschuhen) und zwei Engländerinnen. Dazu die italienische Lehrerin. Als erstes diskutieren wir, was Frauen an Männern und Männern an Frauen missfällt. Da habe ich eine schwere Position. Nach der Pause gibt es Grammatik mit einer völlig veränderten Konstellation. Wir sind nur, einschließlich eines Japaners, zu viert. Schon nach kurzer Zeit stelle ich fest, dass ich hier keine Seelenverwandten wie in Lucca finden werde. Der Unterricht ist ganz passabel, wenn auch nicht sehr effektiv. Die beiden Lehrer haben eine glasklare Artikulation, und man versteht sie hervorragend.

 

Am Nachmittag, als es bereits schüttet, findet ein Ausflug in eine Schokoladenfabrik statt. In einer unendlich scheinenden Busfahrt, die tatsächlich nur eine halbe Stunde dauert, geht es durch den Dauerregen in einen Außenbezirk Perugias, in der die moderne, aber nicht hypermoderne Schokoladenfabrik steht. Man bekommt einen kleinen Film zu sehen und wird dann durch eine Ausstellung und dann durch die Fabrik geschleust. Sehr informativ ist das nicht. Man erfährt, dass aus nicht weiter erläuterten Gründen um diese Zeit in Italien kaum Schokolade verzehrt wird. Vielleicht ein Relikt der Fastentradition? Dagegen läuft die Produktion von Ostereiern bereits seit September auf Hochtouren. Der große Teil der Aufmerksamkeit gilt einem von der Fabrik vor ein paar Jahren produzierten Schokoladen-Ei, das in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wurde. Man steht neben einer Nachbildung des Eis aus Plastik und sieht Bilder von dem Ereignis. Das Ei wog fast sechs Tonnen. Es dauerte tausend Stunden, um es produzieren, aber nur fünf, um es zu vertilgen.

 

Anschließend geht es durch den Regen zur Bushaltestelle, durch den Regen in die Stadt zurück, durch den Regen in die Telephonzelle, durch den Regen zu dem Krämerladen und durch den Regen ins Hotel. Als ich ankomme, bin ich nass bis auf die Haut.

 

20. März (Dienstag)

Am Morgen sind meine Klamotten immer noch feucht, und auf dem Weg zur Schule hagelt es.

 

Die ältere amerikanische Dame des Kurses, Marcia, kommt auf mich zu und sagt mir, ich sei in gamba, ‚in Ordnung’, und man habe gestern bei der Diskussion sehen können, dass ich die Frauen verstehe. Das hat mir noch nie jemand gesagt, und sie weiß sicher nicht, wie grotesk diese Bemerkung angesichts der Umstände ist. Aber immerhin haben die alten Frauen noch ein Herz für mich.

 

Nach der Schule gehe ich mit ihr und einer (langweiligen) Holländerin in ein einfaches Lokal, Dalla Bianca. Marcia ist schon mehrmals drei Monate zum Italienischlernen in Perugia gewesen und spricht gut von der Ausländeruniversität, bei der es zügig voran gehe, aber wo man aufgrund der größeren Gruppen weniger Möglichkeiten zur aktiven Beteiligung habe.

 

Dann durch den Regen zurück ins Hotel. Es regnet so stark, dass ich mich nicht traue, einen Fuß vor die Tür zu setzen. Erst gegen Abend, als der Regen ein bisschen nachgelassen hat, gehe ich in die ganz in der Nähe gelegene Kirche Sant’ Ercolano.

 

Die Kirche ist wie in die Stadtmauer eingelassen und wirkt von außen wie eine Festung. Drinnen erwartet einen aber völlig überraschend ein einheitlicher, achteckiger Barockraum, ausgesprochen schön und harmonisch – endlich mal ein schöner Barockraum, nicht so düster und auch nicht so schwülstig wie sonst oft. Der Raum wirkt auch nicht überladen, obwohl kein Quadratmeter von der barocken Lust an der Dekoration verschont geblieben ist. Warum der Raumeindruck so schön ist, ist mir nicht klar, vielleicht liegt es an den erstaunlich frischen Farben der Gemälde. Sowohl auf ihnen als auch in den Skulpturen ist alles in Bewegung, am besten zu erkennen an einem Ensemble, in dem ein Heiliger im Bischofs- oder Kardinalsornat zum Himmel zu schweben scheint, begleitet oder getragen von zwei Engeln. Sein Ornat ist wie vom Wind aufgebläht, und ein Knopf der Soutane ist aus dem Knopfloch gerutscht. Die Strahlen des Heiligen Geistes scheinen geradezu auf ihn hinab zu schießen. Flankiert wird die Szene von zwei Gestalten, eine davon eine stillende Frau mit entblößter Brust ist, an der das Kind begierig saugt, während ein zweites sich um ihr Bein klammert und nach Beachtung verlangt. Das alles wirkt sehr profan und könnte, wie die Putten, die Figuren in der Kuppel, die wie Galionsfiguren an einem Schiffsbug wirken, und die zwei Logen, von denen man das Geschehen verfolgen kann, ebenso gut ein Theater oder einen Palast zieren.

 

Als Altar dient ein römischer Sarkophag (IV) mit einem Relief von zwei Löwen, die Pferde reißen. Auch nicht unbedingt ein erbauliches christliches Motiv. In diesem Sarkophag liegt Ercolano begraben, Bischof von Perugia und Märtyrer. Er führte den Widerstand gegen die Belagerung von Perugia durch die Goten an, unter Einsatz von Kniffs wie dem, ein fettes Lamm über die Stadtmauer zu werfen, um zu demonstrieren, dass man noch lange nicht ausgehungert war. Als die Stadt – vermutlich durch Verrat – dann doch erobert wurde, musste er als erster dran glauben und wurde enthauptet.

 

20. März (Mittwoch)

Am Morgen regnet es nicht mehr, aber die Temperatur ist jetzt auf 6º und später auf 5º Grad gefallen, und es weht ein eisiger Wind, der einen vermuten lässt, Perugia liege in Sibirien.

 

Beim Cappuccino in der Pause schon wiederholt die Erfahrung gemacht, dass es in Italien eine Todsünde ist, in einer Bar vor der Kasse zu stehen. Man wird ziemlich brüsk darauf aufmerksam gemacht, wenn man das Verbot nicht beachtet.

 

Die städtischen Busse in Perugia machen Werbung damit, dass sie mit Methan fahren.

 

Am Nachmittag gehe ich in das große, wenig besuchte archäologische Museum. Es befindet sich im ehemaligen Dominikanerkloster. Es gibt von allem etwas, aber im Zentrum stehen Funde aus etruskischen Nekropolen, vor allem Urnen. Davon gibt es weit über 200. Viele haben die Form eines einfachen Hauses mit Satteldach, mit einem Ornament, z.B. einer Rosette, vorne an der Fassade. Andere, die bedeutenderen, haben vorne aufwändige Darstellungen mythologischer Szenen und oben die Figur des Verstorbenen, immer liegend und immer mit dem linken Arm sich aufstützend dargestellt, die Männer mit entblößter Brust, die Frauen dezent mit Tunika und Mantel. Farbreste sind oft noch gut erkennbar, und die Inschriften sind immer in Rot. Die etruskische Schrift sieht wie Spiegelschrift aus. Später, als die etruskische Kultur von der römischen aufgesaugt wurde, werden die Darstellungen viel einfacher. Gesondert wird das Grab der Familie Cai Cutu gezeigt, Ergebnis eines Zufallsfunds aus den Achtziger Jahren hier mitten in Perugia. Dieser Fund enthielt 50 Aschenurnen und einen Sarkophag, wobei der Sarkophag älter ist und zeigt, dass in archaischer Zeit die Erdbestattung die Norm war und in der hellenistischen Zeit, etwa vom 3. Jahrhundert v. Chr., von der Brandbestattung abgelöst wurde. In den späteren Urnen ist der  etruskische Name Cutu zu Cutius latinisiert. Unter den Grabbeigaben befindet sich ein riesiger Bronzeschild, bei dem man sich fragt, wer den hat halten können.

 

Unter den anderen Exponaten besonders bemerkenswert ein Stück schwarzer Keramik – sieht wie der Boden einer Tasse aus – in die nach dem Brennen das gesamte etruskische Alphabet von 19 Buchstaben eingeritzt wurde, von rechts nach links. Die meisten Buchstaben sehen wie unsere aus, aber das sagt natürlich nichts über den Lautwert aus, und es gibt auch andere wie das griechische Zeta.

 

Die eigentliche Bronzesammlung des Museums befindet sich im Obergeschoss im ehemaligen Dormitorium, einem schönen, großen Raum mit offenem Dachstuhl. Unter den Exponaten auch Rasierklingen aus Bronze für unsere nicht so verweichlichte Vorfahren.

 

Vom Obergeschoss des Museums hat man einen tollen Blick, einmal auf die gesamte, steil aufsteigende Oberstadt, einmal in die Ferne über die grünen Hügel auf die dunklen Berge.

 

In der Zeitung lese ich, dass es demnächst Direktflüge von Frankfurt-Hahn nach Perugia geben wird, ab Juni schon. Ausgerechnet jetzt! Alles scheint mir sagen zu wollen, dass ich alles falsch gemacht habe und später hätte reisen sollen.

 

Am späten Nachmittag auf einen Tee, aber nicht wegen des Tees, sondern wegen der Wärme, in die Pasticceria Sandri, die Teil des historischen Zentrums ist, da sie unter Denkmalschutz steht. Sie ist in einem kleinen, länglichen Raum mit einer bemalten Wölbung untergebracht. Das ist nicht schlecht, und die Auslagen in den Schaufenstern sind kunstvoll gemacht, aber ich finde nicht, dass es eine eigene Sehenswürdigkeit ist.

 

Zu den wenigen erfreulichen Dingen in diesen tristen Tagen zählt die Lektüre einer mit distanzierter Bewunderung geschriebenen, kritischen Franziskus-Biographie. Das hier entstehende Bild ist meilenweit entfernt von dem des sanften Heiligen, der den Vögeln predigt. Franziskus hatte eine gefühlvolle, poetische, ‚weiche’ Seite, aber er konnte auch rechnen, planen, organisieren. Als erfolgreicher Kaufmann hatte er das gelernt. Und er war voller Widersprüche: Seine Demut und Bescheidenheit widersprechen seinem Selbstbewusstsein und seinem Sendungsbewusstsein, sein Verlangen nach Brüderlichkeit und Gleichheit widersprechen seiner Forderung nach unbedingtem Gehorsam und der Unterwerfung unter eine Autorität. Er und seine eigene Gemeinschaft sollten keine Klostergemeinschaft werden, sondern umherziehen, aber Klara und ihre Anhängerinnen wurden gegen ihren Willen hinter Klostermauern eingesperrt. Seine Forderung nach Unterwerfung unter die kirchliche Hierarchie trieb ihn am Ende auch in die Hände des Papstes, der sie klug nutzte, um die Bewegung in einen Orden mit klaren Regeln und Hierarchien umzuwandeln, die Armutsforderung zu entschärfen und die Armutsbewegung in den Schoß der Kirche zurückzuholen. Was am Ende herauskam, hatte nur noch bedingt etwas mit dem zu tun, was Franziskus gewollt hatte, und folgerichtig gab es im Laufe der Jahrhunderte auch immer wieder Abspaltungsbewegungen, die zu den Ursprüngen zurück wollten, heute noch sinnenfällig an den unterschiedlichen Trachten von braunen Franziskanern, schwarzen Franziskanern und Kapuzinern. Dass man sich bei jeder Entscheidung an einem Scheideweg sieht, macht die Diskussion um den Kleiderbesitz deutlich: Durfte man, wie Franziskus mit Hinweis auf eine Bibelstelle forderte, nur die Kleider besitzen, die man am Leib trug? Oder durfte man eine Ersatzkutte haben, wie es eine spätere Regel vorsah? Und Sandalen, wenn es die Witterungsverhältnisse erforderten, vor allem in den kälteren Regionen, in die sich die Bewegung bald ausweitete? Sind das Kinkerlitzchen oder Prinzipienfragen?

 

Nach der Lektüre am Abend in ein Restaurant, die Locanda degli Artisti, ganz in der Nähe des Hotels. Ein richtiges Menu mit allen Schikanen gegessen, gute, bodenständige, sättigende Kost in leicht ruralem Ambiente. Nur kalt ist es auch hier, aber als ich ins Hotel zurückkehre, stelle ich fest, dass wenigstens hier jetzt die Heizung funktioniert.

 

21. März (Donnerstag)

Es ist noch ein bisschen kälter geworden und es ist auch für morgen noch keine Besserung in Sicht. Die Sonnencreme im Badezimmer sieht mich jedes Mal höhnisch an.

Heute Tränen im Unterricht. Als wir über Beziehungen reden, bekommt das junge englische Mädchen, Gemma, auf einmal feuchte Augen, und dann fließen die Tränen. Mir ist auch zum Heulen zumute.

 

Nach dem Unterricht machen wir uns auf Anregung von Marcia und unter ihrer Führung auf die Suche nach einem Slow-Food-Restaurant. Es soll in der Nähe der Schule sein, aber wir sind ein ganzes Stück durch die Kälte unterwegs und immer noch auf der Suche. Dann stehen wir an einer Kreuzung, und es werden Broschüren und Karten konsultiert. Schließlich sind wir wieder auf dem richtigen Weg, und es stellt sich heraus, dass wir einen Umweg gemacht haben. Als wir dann endlich an dem Lokal ankommen, passiert, was passieren musste. Es ist geschlossen. Marcia hatte zwar darauf geachtet, dass es dienstags Ruhetag hat, nicht aber darauf, dass es nur abends öffnet. Am Ende landen wir wieder in bei Della Bianca, dem einfachen Lokal von einem der vorherigen Tage, wo es hervorragende, allerdings schwer im Magen liegende penne gibt, Penne alla norcina. Das ist von dem Ort Norcia im Osten Umbriens abgeleitet, das für seine Schinken und Würste bekannt ist und sogar ein eigenes umbrisches Wort für Metzger, norcino, hervorgebracht hat. Zu meiner Verblüffung stelle ich fest, dass Norcia der Name des antiken Nursia und der Geburtsort des Hl. Benedikt ist.

 

Am Nachmittag in der Schule einen Film gesehen, Il mio miglior nemico, eine unterhaltsame Komödie, die sich nicht ganz entscheiden kann, was sie sein soll, Situationskomödie wie im ersten Teil oder romantische Komödie wie im zweiten Teil. Im Zentrum ein junger Mann, der einen Hoteldirektor um alles bringt, Frau, Tochter, Geld, Arbeit und Würde, weil der, unberechtigterweise, wie er glaubt, seine Mutter entlassen hat. Die Wege der beiden kreuzen sich immer wieder und zum Schluss finden sie wenigstens die Tochter wieder.

 

23. März (Freitag)

Am Morgen sogar etwas Sonne, dann Wolken. Die Temperaturen sind auf herzerwärmende 8º gestiegen.

Die Lehrerin, Sara, sagt, dass der Akzent von Bergamo besonders schwer zu verstehen ist. Versöhnt mich etwas mit meiner Hampelei in Bergamo.

 

Spanisch si ist italienisch se und spanisch se ist Italienisch si, was sich allerdings in bestimmten Kontexten in se verwandeln kann, aber nur als Pronomen, nicht als Konjunktion. Spanisch ist dagegen auch italienisch (wenn auch der Akzent anders gesetzt wird).

 

Laut Zeitung verringert sich statistisch der Unterschied zwischen Norditalien und Süditalien, z.B. in Bezug auf Lebenserwartung und Geburtenrate. Liegt zum Teil an den Migranten!

 

Service-Wüste Deutschland? Service-Wüste Italien! Ich will in einer Touristeninformation nach Exkursionen fragen. Hinter der altertümlichen Theke in dem Kellerraum stehen drei junge Frauen. Alle machen den Versuch, mich zu ignorieren. Schließlich kommt eine auf mich zu und fragt grußlos: „You want map of city?“ Als ich dann gerade angefangen habe, meinen Wunsch auf Italienisch vorzutragen, klingelt ihr Handy. Sie geht kommentarlos dran und lässt mich im Regen stehen. Die Auskunft, die ich erhalte, ist auch nicht gerade sehr aufbauend: Exkursionen gibt es erst wieder vom 1. April an.

 

Am Nachmittag den Versuch gemacht, die Reinigung zu finden, den Instruktionen der Sekretärin und der Broschüre der Schule folgend. Nachdem ein Dutzend Busse gehalten hat, werde ich endlich argwöhnisch und stelle fest, dass an dieser Haltestelle die 10 bzw. die 12, die ich nehmen soll, gar nicht abfahren. Ich frage den Fahrer des erstbesten Busses, ob er in diese Richtung fährt, und er sagt sehr freundlich, ich solle mal mitfahren, es sei zwar nicht die beste Verbindung, aber es gehe durchaus. Als ich es endlich geschafft habe, meine Karte so in den Automaten einzuführen, dass sie entwertet wird (ich bin nicht der einzige, der Schwierigkeiten damit hat), spricht er mich sofort auf mein Italienisch an und wir kommen ins Gespräch. Er erzählt mir, er habe einen mit einer Deutschen verheirateten Freund in Hamburg, der dort Geschäftsführer einer großen Gaststätte geworden sei. Dessen Frau spreche bis heute noch nicht vernünftig Italienisch. Er erzählt, er verbringe seinen Urlaub am liebsten im Norden. Ich glaube, er meint Norditalien, aber er meint Nordeuropa. Von Skandinavien fehle ihm nur noch Finnland, und das stehe dieses Jahr auf dem Programm. Und dann später wolle er noch ein paar Tage nach Irland. Das sei sein Lieblingsreiseland. Die Menschen in Nordeuropa gälten als verschlossen, aber das stimme gar nicht. Man käme gut ins Gespräch mit ihnen. Als wir uns per Handschlag verabschieden, könnte man glauben, wir wären Freunde. Er zeigt mir auch den Weg zu dem Geschäft, das mein Orientierungspunkt ist, und erklärt genau, wie ich zurück komme und wie ich demnächst einfacher hierher kommen könne. Mein Dank für all diese Freundlichkeit fällt irgendwie lahm aus.

 

Die Fahrt ist unendlich lang gewesen, durch verschiedene Vororte und durch die Außenbezirke. Aber die Odyssee beginnt erst jetzt. Erst geht es zurück zu dem Geschäft, an dem ich mich laut Sekretariat orientieren soll. Ich weiß noch nicht einmal, welches die richtige Straße ist, und die alte Frau, von der ich wissen will, welche der beiden die Via Martiri dei Lager ist, zeigt auf ein Wohn- und Geschäftsviertel statt auf eine der Straßen. Dort begegne ich komischerweise nur Menschen, die nicht von hier sind, das letzte, was man in diesem Viertel erwarten würde. In den Geschäften selbst weiß auch keiner richtig Bescheid, bis mir eine freundliche Dame in einer Drogerie die Richtung weist. Die Reinigung finde ich aber trotzdem nicht. In einer Apotheke, wo ich mich gleich mit Aspirin eindecke, verweist mich der Apotheker auf seine Kollegin. Die telephoniert aber gerade, und als sie Schluss gemacht, muss sie sich erst wort- und gestenreich von einer Kundin verabschieden. Sie ist dann aber doch die richtige, die erste, die Bescheid weiß: Die Reinigung Ellemme gibt es nicht mehr. Sie kenne aber eine andere. Jetzt geht die Suche wieder von vorne los. Ich lande ich Bars, Geschäften, an Haltestellen, immer mit meinem Bündel schmutziger Wäsche auf dem Rücken. Als ich kurz davor bin, aufzugeben, sehe ich auf einmal die Wäscherei und merke, dass ich schon mehrmals daran vorbei gelaufen bin. Es ist ein Einmannbetrieb in einem kleinen Raum in einem normalen Wohnhaus ohne Geschäftsschild, und als ich den Raum betrete, stelle ich die dümmste Frage, die man stellen kann angesichts einer bügelnden Frau, umgeben von Wäscheständern: „Ist dies eine Reinigung?“ Das weitere Gespräch hat ähnlich absurde Züge, da ich nicht richtig klar gemacht habe, dass ich hier völlig verloren bin und weder weiß, wie ich wieder in die Stadt komme noch, wie ich wieder hierher komme, um die Wäsche abzuholen.

 

24. März (Samstag)

Am Morgen, trotz Fußweh und Kälte, gelaufen: 25 Runden im Stadion (woanders geht es hier wohl nicht).

 

Um das Stadion herum kleinere Gruppen südamerikanischer Jugendlicher, dick vermummt (sehr vernünftig!) und alle im Einheitsdress des Kapuzenpullovers. Auch im Internet Point wird viel Spanisch gesprochen. Vor allem scheint es viele Ecuadorianer zu geben. Das Telephonieren nach Südamerika ist genauso billig wie das nach Europa. Sogar für China gelten dieselben Preise. Nordafrika ist dagegen teurer.

Servicewüste Italien, zweiter Teil: Nachdem ich im Postamt eine ganze Zeit mit einer vorher gezogenen Nummer angestanden habe, eröffnet mir der Beamte hinter dem Schalter, nachdem er eine zeitlang herumgehampelt und sich dann kommentarlos an einen anderen Schalter gesetzt und einen anderen Kunden bedient hat, die Briefmarken seien ihm ausgegangen! Später stellt sich heraus, dass er mir außerdem eine falsche Information hinsichtlich des Portos für eine Karte gegeben hat.

 

Auch italienisch: Als ich bei dem Aufbruch nach Assisi um zwei Uhr nachmittags frage, warum man sich entschieden hat, nachmittags und nicht vormittags zu fahren, sagt der von der Schule organisierte Führer, er habe keine Ahnung. Er wäre lieber vormittags gefahren. Als wir dann gemeinsam die Sekretärin fragen, sagt sie, sie habe keine Ahnung, von ihr aus hätten wir auch vormittags fahren können.

 

Wir sind nur zu viert und haben das Privileg, mit dem Auto des Führers fahren zu können. Er ist nur Amateur, was man bald merkt, hat aber hervorragende Ortskenntnisse.

 

Assisi ist gar nicht so voll, aber durch das Anstehen und Durchschleusen ist von einer Atmosphäre von Spiritualität nichts zu spüren. Assisi hat allerdings mehr zu bieten als nur die mit Franziskus verbundenen Stätten: die vielen Häuser aus grobem Stein und Mörtel, alle unterschiedlich und doch auch ähnlich, mit immer wieder abzweigenden Treppen und Gängen, und den lang gestreckten Marktplatz mit dem zwischen dem Rathausturm und einem mittelalterlichen Palast eingezwängten zweitausend Jahre alten Minervatempel, den schon Goethe bewunderte. Die Säulenhalle mit sechs mächtigen korinthischen Säulen und zwischen den Säulen verlaufenden Stufen ist erhalten. Drinnen ist der Bau in eine kitschige Barockkirche verwandelt worden.

 

In einem Café gibt es Gebäck, dass Brutti ma buoni heißt, Häßlich, aber gut. Besonders schön sieht es wirklich nicht aus. Und ein Geschäft heißt Maledetti Toscani – Verdammte Toskaner. Der Spaziergang durch das Zentrum hätte geradezu schön sein können, wenn nicht auch hier eine sibirische Kälte geherrscht hätte. Das wird nicht besser durch die Erkenntnis, dass gleichzeitig in Berlin die Sonne scheint und der Frühling ausgebrochen ist.

 

Begonnen hat die Besichtigung aber außerhalb der Stadt, bei Santa Maria degli Angeli, das wir ohne Auto wohl gar nicht hätten erreichen können. Über einen langen Vorplatz geht man auf eine nichts sagende Barockkirche zu. Ihr einziger Verdienst besteht darin, dass sie die Porziunkula umschließt. Das ist eine einfache Kapelle, die das erste Zentrum der Bewegung der Franziskaner war. Hier traf man sich, hier schlief man, und hier starb Franziskus 1226, nachdem man ihn, bereits im Sterben liegend, hierher gebracht hatte. Er wurde dabei schwer bewacht, denn keine andere Stadt sollte sich in den Besitz des Körpers bringen, der sich, wie man ahnte, schon bald in wertvolle Reliquien verwandeln würde! Die Kapelle, später mit einigen Fresken ausgemalt, steht mitten in der Vierung der Barockkirche. Ein ganz merkwürdiger Anblick.

 

Die nächste Station ist San Damiano, auch noch außerhalb der Stadtmauern. Hier hatte Franziskus sein entscheidendes Erweckungserlebnis, als der Christus vom Kreuz ihn aufforderte, seine Kirche in Stand zu setzen, und hier war der Ort, an dem sich Klara mit ihren Gefährtinnen niederließ und wo sie auch starb. Alles ist schlicht und einfach, der Kreuzgang, die Kapelle, der Betraum, das Chorgestühl.

 

Nach dem Eintritt in die Stadt durch ein mächtiges Stadttor kommt man dann zu Santa Chiara, der Kirche, die als Grablege für Klara gebaut wurde. Die Kirche ist außen durchgehend mit Steinen aus dem Subasio-Gebirge verblendet, immer mit dem Farbwechsel Weiß und Rosa. Sie hat eine sehr schöne Rosette, die innen noch besser zur Wirkung kommt. In dem schlichten, einschiffen Innenraum hängt das ‚sprechende’ Kreuz aus San Damiano mit bunten, starken Farben.

 

Am Schluss dann die am anderen Ende der Stadt liegende Basilika mit Ober- und Unterkirche, beide in einem Zeitraum von wenigen Jahren entstanden. Das hatte seinen Grund: Die gedrungene, dunkle Unterkirche war ein Raum der Meditation, die offenere Oberkirche diente liturgischen Zwecken. Beide sind größer, als ich mir sie vorgestellt habe, und in beiden ist, wie in ganz Assisi, keine Spur des Erdbebens mehr zu sehen, das erst zehn Jahre zurückliegt und die meisten Fresken in Tausende von Einzelteilen zerfallen ließ. Alles wurde in unglaublicher Kleinarbeit in relativ kurzer Zeit wieder hergestellt. Viel Zeit, uns die Fresken anzusehen, haben wir allerdings nicht. Es werden höchstens im Vorbeigehen einige bedeutende Szenen hervorgehoben: Wie Franziskus symbolisch die Kirche San Damiano mit den Schultern stützt, wie er in Rom vom Papst die Bestätigung der Regel empfängt – erstaunlich, wie er es überhaupt hinbekam, empfangen zu werden, er war völlig unbekannt und gehörte nicht einmal zum Klerus – und wie er seinem Vater quasi die Brocken vor die Füße wirft, d.h. sich von ihm, dem reichen Kaufmann, und seinem Erbe lossagt, indem er sich die Kleider vom Leib reißt. In dem Fresko hat der Maler, vermutlich Giotto, allerdings dafür Sorge getragen, dass der Bischof hinter ihm steht und ihm sein Gewand überwirft, so dass Franziskus nicht nackt dasteht.

 

Der Altar der Oberkirche steht genau über dem Altar der Unterkirche und der wiederum über dem Ort in der Krypta, in dem Franziskus in einem erhöht liegenden, einfachen Steinsarg begraben liegt.

 

Am Ende fahren wir noch mit dem Auto über Zickzackkurven den Subasio hoch, den Hausberg Assisis. Dort oben versteckt sich eine Einsiedelei, die Eremo delle Carceri, der Ort, an den sich Franziskus zurückzog, um zu beten. Später entstand dort ein kleines Kloster. Wir kommen allerdings für die Besichtigung zu spät und werden von einem sehr grimmigen Aufpasser zurückgewiesen. Bei der Fahrt hinunter sieht man auf einem Schild, dass die Partnerstadt von Assisi Bethlehem ist. Leuchtet ein, für Franziskus war der Nachfolgegedanke der zentrale Leitfaden.

 

Nach der Rückkehr nach Perugia gibt es am Abend in einem Lokal bruschetta mit Trüffeln. Trüffel sind eine der Spezialitäten Umbriens und werden hier mit Hilfe von Hunden statt Schweinen aufgespürt.

 

25. März (Sonntag)

Am Morgen erlebe ich eine sehr ‚deutsche’ Szene. Protagonisten: Eine Frau, ein Mann und die Polizei. Die Frau hat irgendwo, wo es offensichtlich niemanden stört, im Parkverbot geparkt, der Mann hat die Polizei benachrichtigt und die ist erbarmungslos: Der Wagen wird abgeschleppt, auch wenn die Frau gleich daneben steht. Die Frau zeigt vorwurfsvoll auf den Mann und wirft ihm vor, immer derjenige zu sein, der die Probleme des Viertels verursache. Und der antwortet: „Und jetzt soll ich also schuld sein?“

 

Wir sind jetzt wieder bei 3º Grad und Regen. Ich halte trotzdem an meinem Vorsatz fest, nach Gubbio zu fahren. Am Busbahnhof finde ich keinen Hinweis auf den 11-Uhr-Bus, nur auf den 14-Uhr-Bus. Als ich nachfrage, weist der Mann hinter dem Schalter mit dem Finger hinter mich. Es dauert etwas, bis ich verstehe, was er meint. Dann merke ich, dass ich auf die Uhr schauen soll. Es ist 12 Uhr. Der Bus ist längst weg. Heute Nacht ist die Uhr umgestellt worden. Diese Reise steht unter einem schlechten Stern.

 

Ich entschließe mich, die Zeit in einem Internetcafé zu verbringen. Dort ist aber die Verbindung gestört. Erst ab heute Nachmittag geht es wieder. Ich mache mich auf die Suche nach dem anderen Internetcafé, das ich dieser Tage irgendwo gesehen habe. Es ist wie vom Erdboden verschwunden, und als ich es schließlich finde, stellt sich heraus, dass es sonntags geschlossen ist. Daraufhin gehe ich zu San Domenico, das der Führer gestern empfohlen hatte. Es ist überall von Gerüsten umstellt, und als ich schließlich den Eingang finde, stellt sich heraus, dass gerade Mittagpause ist. Dann gehe ich ins Zentrum, um mir das Collegio dei Notari im Palazzo die Priori anzusehen, der Zunft, deren Räume ich noch nicht gesehen habe. Die kann man heute aber nicht besichtigen, denn es findet eine Journalistenversammlung statt. Diese Reise steht definitiv unter einem schlechten Stern.

 

Als ich wieder am Busbahnhof ankomme, muss ich immer noch eine Stunde warten, und die wird mir in der menschenleeren Gegend unter dem grauen Himmel in der tristen Umgebung sehr lang. Dennoch gibt es keine Alternative zur Fahrt nach Gubbio. In Perugia würde mir die Zeit noch länger werden.

 

Der Busfahrer trägt eine dicke Rolex und – bei diesem Wetter – eine gespiegelte Sonnenbrille und macht sich einen Spaß daraus, mit der Hupe die Tauben auf dem Platz aufzuschrecken. Die Fahrt geht bald über den gar nicht sonderlich breiten, braunen Tiber. Der ist nicht nur geographisch, sondern auch kulturell eine Grenze: Westlich des Tiber siedelten die Etrusker, östlich des Tiber die Umbrer. Wir kommen jetzt also in umbrisches Stammesgebiet. Dann geht es durch die grüne – kein Wunder bei all dem Regen – Hügellandschaft auf die dunklen, schneebedeckten Berge hinzu, an deren Fuß Gubbio liegt.

 

Das erweist sich als ein echtes Schatzkästchen. Wie viel es sonst besucht wird, sieht man nur an der Vielzahl von Cafés und Souvenirläden, um diese Jahreszeit kaum ausgelastet.

 

Der Bus hält unten in der Ebene. In diesem Teil sind die Straßen ganz römisch regelmäßig, im oberen Teil mittelalterlich unregelmäßig.

 

Unten befindet sich die nicht sehr sehenswerte Kirche San Francesco. Hier sitzen Konventualen, d.h. die gemäßigten, schwarz gekleideten Franziskaner. An der Stelle, wo jetzt die Kirche steht, soll Franziskus von einem Kaufmann eine Kutte bekommen haben, nachdem er sich von seinem Vater losgesagt und allen Besitz verloren hatte. In der rechten Chorkapelle wird dieses Ereignis in allen Kitschvarianten gedacht. Außerhalb der Kirche gibt es eine große, viel photographierte Bronzestatue von Franziskus mit dem Wolf. Der Wolf legt Franziskus sanft sein Haupt in den Schoß. Das erinnert mich an ein altes spanisches Gedicht. Wie in der Legende, spricht Franziskus in dem Gedicht mit dem Wolf, der die Stadt Gubbio terrorisiert. Er hält ihm eine Bußpredigt und weist ihn darauf hin, was für ein schlimmes Verbrechen es sei, Menschen zu töten. Anders als in der Legende verwandelt sich der Wolf aber nicht in ein Unschuldslamm, sondern verteidigt sich: Er sei nur so geworden, weil die Menschen ihn so schlimm behandelt, ihn aus seinem Lebensraum vertrieben, ihn mit Knüppeln geschlagen, ihn gejagt und gehetzt und ihn zu einem Untier gemacht hätten.

 

Auf der anderen Seite des Platzes steht eine riesige Loggia, unter deren Arkaden an kleinen Verkaufsständen kleine kulinarische Besonderheiten verkauft werden. Die Loggia war die Säulenhalle der Wollweber.

 

Dann geht es über ganz steile Gassen in die Innenstadt hinauf. Schon nach knapp Hundert Meters geht den meisten – außer uns Durchtrainierten natürlich! – die Puste aus. Sie können aber von da aus mit einer Seilbahn in die noch höher gelegenen Teile der Oberstadt fahren. Der Weg dahin und die Stadt selbst erweisen sich als das beste, was ich bisher in Umbrien gesehen habe. Alles ist malerisch, ohne kitschig zu sein. Die steilen Gassen führen plötzlich auf einen ebenerdigen Platz, der an drei Seiten von Palästen verschiedenen Stils bestanden ist. Von dem Balkon des Platzes aus hat man einen phantastischen Blick in die Stadt und in die Ferne. An diesem Platz steht der mittelalterliche, zinnenbekrönte Palazzo dei Consoli, der ehemalige Kommunalpalast aus weißen Kalkquadern. Hier hat das Museo Civico seinen Sitz, und hier, in der ehemaligen Ratskapelle, wird der Schatz des Museums aufbewahrt, die Eugubinischen Tafeln. Sie enthalten den bedeutendsten rituellen Text der gesamten Antike. Es sind insgesamt sieben Bronzetafeln unterschiedlicher Größe, und sie stammen aus vorchristlicher Zeit. Wahrscheinlich wurden bereits auf Holztafeln existierende Texte der Haltbarkeit halber in die Bronzetafeln geritzt. Das Alphabet ist auf den älteren Platten etruskisch, auf den neueren lateinisch, aber die Sprache ist umbrisch! Es geht um Riten und Zeremonien, um die Befolgung genauer Vorschriften bei der Wahrsagung durch Vogelschau, bei der Läuterung der Stadt durch Tieropfer usw. Die immer wiederkehrende Zahl drei scheint magische Bedeutung zu haben: Es gibt drei Stadttore, drei Paare von Gottheiten, drei Phasen bei der Darbringung von Opfern usw. Leider lässt die Präsentation der Platten – schlechtes Licht, blendende Glasplatten – zu wünschen übrig. Man muss sich in erster Linie auf die Beschreibung verlassen. Der Rest des Museums ist genau umgekehrt. Es besticht durch die Präsentation in den wundervollen, hohen Sälen, aber für Details fehlt mir die Geduld.

 

Auch nach diesem Platz geht es noch weiter rauf, und am Ende einer engen Gasse stehen sich plötzlich auf engstem Raum zwei Gebäude gegenüber, die man hier am wenigsten erwartet: Dom und Herzogspalast. Der Herzogspalast war den Bewohnern von Gubbio  verhasst, denn er gehörte dem Herzog von Urbino, der sich die Stadt kurzerhand einverleibt hatte. Der schöne, unregelmäßige Innenhof des Palasts wird durch ein paar optische Tricks regelmäßig gemacht: am hinteren, dem sich verjüngenden Teil – hier muss überall Platzmangel geherrscht haben – hat man nur drei statt vier Bögen gesetzt, und die Linien, die sich kreuzend in den Boden eingelassen sind, scheinen den Hof in vier gleiche Dreiecke zu teilen, obwohl das gar nicht sein kann.

 

Als ich wieder runter gehe, komme ich in einen schönen, gepflegten Park, der eigentlich gar nicht zu dem mittelalterlichen Ensemble passt. Auch von hier hat man phantastische Ausblicke. Es kommen sogar für ein paar Momente ein paar Sonnenstrahlen heraus. Die Vögel, verwirrt, fangen an zu singen, in dem Glauben, der Tag wäre angebrochen.

 

Auf einem kleinen Platz weiter unten, an dem sich auch mehrere Totentüren befinden, steht ein steinerner Brunnen mit einem dreifachen, nicht identifizierbaren Aufsatz. Ein junger Mann läuft unter den Augen seiner Partnerin, dreimal um den Brunnen und hält dabei die Hand ins Wasser. Der Tradition zufolge muss man das tun, um als Spinner zu gelten. Das tue ich längst und brauche also auch nicht zu laufen.

 

26. März (Montag)

Bei der Abfahrt zum Bahnhof liegt das ganze Tal in einer sich langsam lichtenden Decke aus Dunst. Sieht fast schön aus.

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