Krakau (2012)

22. Juli (Sonntag)

Krakau: Weltkulturerbe, polnische Königsstadt, Sitz einer der ältesten mitteleuropäischen Universitäten. Und was interessiert mich? Klotüren! Einem Reiseführer zufolge sind die Klotüren in Polen mit einem Dreieck bzw. einem Kreis bezeichnet, und man muss entscheiden, welches für Männer und welches für Frauen steht. Ich habe da keine klare Vorstellung, höchstens eine Ahnung. Bevor ich die überprüfen kann, muss ich aber erst mal dahin kommen, nach Krakau. Mit Auto, Bus, Flugzeug, Zug.

Die Autobahn ist voll. Halb Holland scheint unterwegs zu sein. Natürlich mit Wohnwagen oder Wohnmobil.

Im Autoradio erfahre ich, dass das ostdeutsche Sandmännchen im Gegensatz zum westdeutschen einen Bart hat. Und dass das Sandkorn, das wir morgens im Auge finden, nicht aus Sand ist, sondern aus Kristall, und dass der Sandplatz im Tennis nicht aus Sand gemacht ist, sondern aus zermalmten und zerkleinerten Ziegelsteinen! Das Sandkorn bildet sich deshalb, weil die Tränenproduktion, die tagsüber dafür sorgt, dass das Auge feucht bleibt, nachts eingestellt wird. Während dieser Zeit vertrocknet die übrig gebliebene Flüssigkeit und kristallisiert.

Der vorgebuchte Parkplatz in Frankfurt liegt meilenweit vom Flughafengebäude entfernt, aber man wird mit einem Shuttlebus zum Terminal gebracht. Überall stehen Leute mit Kameras mit riesigen Objektiven herum. Kommt heute irgendeine Berühmtheit hier an? Sieht so aus, denn die Zufahrt ist auch abgesperrt, genauso wie ein Teil des Flughafengebäudes. Ich kann aber vorzeitig aus dem Bus aussteigen und zu Fuß weitergehen, während die anderen, die zum Terminal 2 müssen, vor der Absperrung warten. Glück gehabt!

Ansonsten geht aber alles schnell und problemlos. Polen ist dem Schengen-Abkommen beigetreten, und es gibt keine Passkontrollen.

Es kommen immer wieder Durchsagen, das Flugzeug sei vollbesetzt und man möge großes Handgepäck vorher abgeben. Es wird auch streng darauf geachtet, dass man nur ein Stück Handgepäck dabei hat. Es stellt sich aber nachher heraus, dass das in unserem Fall unbegründete Sorgen sind. Es ist reichlich Platz fürs Handgepäck.

Der Flug nach Palermo ist übergebucht, und es wird ein Freiwilliger gesucht, der später fliegt. Dafür bekommt man 250 € bar auf die Hand. Bei Krakau gibt es das leider nicht.

Das Flugzeug ist aber bis auf den letzten Platz besetzt. Die meisten Passagiere sind Amerikaner, die wie Amerikaner aussehen. Dem Reiseführer zufolge stellen sie die größte Touristengruppe in Krakau, nach den Engländern. Englische Bildungsbürger unterwegs? Nicht nur. Krakau ist auch beliebtes Ziel für Sauftouren.

Es geht auf einem wie mit einem Lineal gezogenen Strich über Prag nach Krakau. Frankfurt, Prag und Krakau scheinen auf demselben Breitengrad zu liegen.

Der Flughafen in Krakau wirkt sehr klein. Er heißt Flughafen Jana Pawla II. Wie auch sonst. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass ich diesem Namen auf dieser Reise begegne.

Es geht alles schnell und reibungslos, und an einem Geldautomaten gibt es polnische Złoty. Beim Wechselkurs macht sich der schwächelnde Euro bemerkbar.

Es gibt einen Shuttlebus zum Bahnhof, aber die 200 Meter kann man auch zu Fuß gehen. Es ist warm, etwas wärmer als in Deutschland, so um die 20°, und ein bisschen windig.

Dann kommen schon die Gleise in Sicht. Aber kein Bahnhofsgebäude. Es gibt gar keins. Es gibt eine ganz einfache Haltestelle, mitten in der Landschaft. Und Gleise gibt es streng genommen auch nicht. Nur ein Gleis. Fahrkartenautomaten gibt es nicht, und die Informationen sind auf Polnisch. Der Zug fährt in Richtung Kraków Glówny. Ob das der Bahnhof ist? Schwer zu sagen, aber an der Haltestelle stehen nur Menschen mit Koffern. Wird wohl richtig sein. Zur Sicherheit frage ich eine Italienerin, die wie eine Italienerin aussieht, ob sie Italienerin sei – Sie ist Italienerin  – und ob sie Bescheid wisse. Nein, sie vertraut auch irgendwie darauf, dass das schon seine Richtigkeit haben werde. Sie ist aus Turin und auch noch nie in Polen gewesen.

Dann kommt der Zug, eigentlich ein Schienenbus, sehr modern. Neben mir sitzen zwei Spanier, die wie Spanier aussehen. Die Fahrkarten gibt es beim Schaffner. Zum ersten Mal bezahle ich mit polnischem Geld: 19 Złoty kostet die Fahrt, immerhin gut 5 €. Der Zug schaukelt in aller Ruhe vor sich hin, und nach einer Viertelstunde sind wir am Ziel.

Es geht durch ein riesiges, hypermodernes Einkaufszentrum, das auch in jedem anderen europäischen Land stehen könnte. Hier gibt es H&M, Tchibo und Rossmann. Als ich endlich herauskomme, stehe ich auf einmal vor der Fassade des Bahnhofs. Das hätte man einfacher haben können. Der Bahnhof heißt wirklich Kraków Glówny. Muss wohl so etwas wie ‚Haupt‘ heißen.

Da es weiterhin schön ist, mache ich auch auf den Weg zum Hotel zu Fuß. Es ist viel los auf den Straßen, viele junge Leute in Gruppen, viele Familien auf ihrem Sonntagsspaziergang.

Natürlich verlaufe ich mich dabei, trotz Karte, und bin auf einmal in der Altstadt. Mitten in schönsten Kakanien. Man fühlt sich an Budapest und Prag erinnert. Mit ‚Osteuropa‘ hat das hier nichts zu tun.

Ich komme sogar an zwei Sehenswürdigkeiten vorbei, die ich aus dem Reiseführer kenne: Die Barbakane und das Florianstor, beide Teile der ehemaligen Stadtbefestigung. Vor allem die Barbakane, ein großer, mächtiger Rundbau, ist nicht zu übersehen und leicht zu identifizieren.

Dann geht es weiter Richtung Süden. Einige Straßennamen, wie Szpitalna, kann man verstehen, andere, wie Westerplatte, haben deutsche Namen, kombiniert mit dem ‚russischen‘ Wort für ‚Straße‘, heißt sie Uliza Westerplatte. Immer wieder muss ich über große Straßenkreuzungen. Die Polen bleiben, so steht es im Reiseführer, an der roten Ampel brav stehen. Es gibt empfindliche Strafen bei Nichtbeachtung. Dennoch gibt es einige Verwegene, die kurz nach links und rechts sehen – mehr nach Polizisten als nach Autos – und dann schnell die Kreuzung bei Rot überqueren. Vielleicht dadurch ermutigt, dass heute Sonntag ist.

Das Hotel liegt in einem Viertel mit breiten Straßen und hohen, teils historischen (aber etwas vergammelten), teils neueren Bauten, vermutlich eine Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts, ein Viertel, das die Altstadt mit dem einst eigenständigen, jüdischen Kazimierz verbindet.

Das Hotel liegt an der Kreuzung von zwei breiten, mehrspurigen Straßen mit einer doppelten Trasse für Straßenbahnen in der Mitte. Mir schwant Böses, was die Nachtruhe angeht, vor allem eingedenk einiger Kommentare auf dem Hotelportal, aber die Befürchtung bewahrheitet sich überhaupt nicht.

Das Hotel nennt sich Blue Bells Apartments und befindet sich in einem alten Wohnhaus. Ich habe sogar den Eindruck, dass hier auch ganz ‚normale‘ Leute wohnen und das Hotel nur die meisten Wohnungen aufgekauft hat. Die junge Frau, die mich an der Rezeption in Empfang nimmt, ist ausgesprochen freundlich und spricht gutes Englisch.

Mit einem kleinen, alten Aufzug, der klappert und surrt und knarrt, geht es in den vierten Stock. Man muss die zusätzlichen Holztüren innen verschließen, und wenn man den Aufzug besteigt, sackt er erst einmal ein Stück nach unten. Wunderbar.

Das Zimmer hat einen Blick auf einen nichtssagenden Innenhof mit parkenden Autos, aber das ist die einzige Einschränkung. Die gleichzeitig ein Pluspunkt ist, weil man dem Verkehrslärm nicht ausgesetzt ist. Das Zimmer ist sogar vergleichsweise groß – allen, die moppern, sei empfohlen, mal ein preiswertes Hotel in London zu suchen – hat einen richtigen Schreibtisch, eine Kommode, einen sehr praktischen Eckschrank, ein modernes Bad und einen Wasserkocher. Kaffee und Tee werden zur Verfügung gestellt, und sogar Geschirr und Besteck für die Selbstversorgung. Und es gibt Internetverbindung – kostenlos.

Der Hunger treibt mich am Abend aber noch mal hinaus. Die Straßen sind jetzt leer. Der Einfachheit halber gehe ich in ein thailändisches Restaurant ganz in der Nähe des Hotels. Mein erster Abend in Polen, und ich lande in einem thailändischen Hotel! Das darf man keinem Polen sagen! Aber auch hier gibt es landestypisches zu entdecken: der leckere, süßliche Krautsalat zu dem sehr scharfen Hähnchengericht ist vermutlich polnischer Provenienz, das Bier, ein etwas dünnes, aber gut schmeckendes Bier der Marke Śywiec, ebenfalls. Außerdem merke ich, als andere Gäste hereinkommen, was ich falsch gemacht habe: Man geht zum Tresen, nimmt sich seine Speisekarte von einem bereitliegenden Stapel und sucht sich selbst einen Platz.

Auf dem Rückweg sehe ich auf der anderen Straßenseite eine Filiale von Kefirik, einer Kette kleiner Supermärkte, bei der sich besonders gerne Touristen versorgen. Sonntags ist er zwar am Abend geschlossen, aber an anderen Tagen sind die Öffnungszeiten sehr großzügig.

Am Abend gibt es in der BBC kurze Rückblicke auf Olympische Spiele der Vergangenheit. Anlass sind die bevorstehenden Olympischen Spiele in London, der ersten Stadt, die die Spiele zum dritten Mal ausrichtet. Man erfährt, dass 1920 eigentlich Budapest an der Reihe sein sollte, aber nicht zum Zuge kam, da Ungarn einer der Verlierer des Kriegs war. Die Spiele wurden dann Antwerpen zugeschlagen, eine Geste an ein Land, das im Krieg besonders gelitten hatte. In Antwerpen wurde zum ersten Mal die Olympische Fahne gehisst. In Stockholm waren 1912 zum ersten Mal alle Erdteile vertreten. Japan war das erste asiatische Land, das teilnahm. Es wurden zum ersten Mal Zielphotos gemacht, und tatsächlich entschied ein Zielphoto über eine Medaille in einem Hürdenlauf. Es gab auch Wettbewerbe in Kunst, und Stockholm hatte einen Teilnehmer, der sowohl als Athlet als auch als Künstler eine Medaille gewann! Der Star der Spiele war ein gewisser Jim Thorpe, ein Amerikaner, der den Fünfkampf und den Zehnkampf gewann. Der schwedische König  gratulierte mit den Worten: „You are the greatest athlete“. Thorpe antwortete, ohne falsche Bescheidenheit: „Thanks, King.“ Dummerweise wurden ihm später die Medaillen aberkannt, als sich herausstellte, dass er gleichzeitig professioneller Baseballspieler war.

23. Juli (Montag)

Sonne, keine Wolke am hellblauen Himmel. Endlich Sommer. Krakau präsentiert sich von seiner besten Seite. Das gilt auch für das Hotelviertel, das mir heute schöner vorkommt als gestern. Die mehr als ansehnlichen Häuser sind wohl Ergebnis einer systematischen Stadtplanung. Zwar sind alle verschieden und haben nicht genau die gleiche Höhe, aber alle haben vier hohe Stockwerke, von denen das erste durch einen Fries von den anderen abgetrennt ist. Auffällig, dass es kaum Balkone gibt. Wo es welche gibt, fallen sie auf.

Ich merke jetzt auch, wie günstig das Hotel liegt. In wenigen Minuten bin ich am Planty, dem Grüngürtel, einem Pendant zu der Promenade in Münster. Der Planty entstand, als die Stadtmauer unter den Österreichern abgerissen wurde.

Wenige Schritte weiter und ich bin in der Altstadt. Und die ist wirklich beeindruckend. Die Schönheit, Vielfalt und Zahl der historischen Bauten ist überwältigend. Man weiß kaum, wo man hinsehen soll.

Außer den schönen Bauten fällt die Präsenz von Ordensleuten auf: weiße Mönche, schwarze Nonnen, braune Mönche begegnen mir. Und keine Autos. Die gesamte Altstadt scheint für Autos gesperrt zu sein.

Ich mache mich zuerst auf die Suche nach dem Collegium Maius, dem historischen  Kern der Universität, das ich erst finde, als ich es zweimal umrundet habe. Hier habe ich einen Termin, aber heute will von der telephonischen Bestätigung, die man mir gegeben hat, niemand mehr etwas wissen. Macht nichts, ich bekomme eine Karte für eine Führung um 12.20. Bis dahin kann ich Kaffee trinken und mich ein bisschen umsehen.

Ich komme zu dem Marktplatz, dem Zentrum der Altstadt, wo man vor lauter Cafés nicht weiß, welches man auswählen soll. Ich flüchte in eine der Seitenstraßen, über die ich gekommen bin und lande in einem Café mit einer langgestreckten Terrasse unter einer Holzdecke. Man bestellt drinnen, an einer mit bunten Flaschenböden dekorierten Theke. Die Gerichte sind mit bunter Kreide an die Wand hinter der Theke geschrieben, und an anderen Wänden gibt es Inschriften in verschiedenen Sprachen und Schriften, wahrscheinlich von Besuchern gemacht.

Gleich gegenüber liegen das deutsche und das amerikanische Konsulat. Sie haben sich ein schönes Stückchen Krakau ausgesucht. Ich genieße das Feriengefühl, bei Tee und Apfelkuchen und Sonnenschein ohne Zeitdruck in einer schönen Stadt zu sein.

Neben dem Café, einen weiteren Teil der überdachten Terrasse einnehmend, befinden sich ein Antiquariat, ein Buchladen und eine Reiseagentur.

Auf dem Weg zum Markt fällt mir auf, dass es immer wieder Backsteinbauten gibt, vor allem Kirchen, die im Kontrast zu den anderen Gebäuden stehen. Vielleicht ist das einfach der Entstehungszeit geschuldet. Bei den Kirchen, vor allem denen mit Treppengiebel hat man das Gefühl, in Norddeutschland zu sein. Es ist so, als hätte man ein Stück Lübeck nach Wien verschleppt.

Am Markt empfiehlt eins der zahllosen Lokale „polish food“. Das nehme ich auf und meinen Studenten als Warnung mit. Aber es wird wohl nichts nutzen. Die Kleinschreibung setzt sich durch.

Im Zentrum des Marktplatzes die langgestreckten Tuchhallen. An einer Seite ein Turm, der letzte Rest des unter den Österreichern abgebrochenen Rathauses. Heute ist der Turm Teil des Historischen Museums, das sich über verschiedene Gebäude verteilt.

In der Nähe eine moderne Skulptur, Eros Bendato, ein auf die Seite gestürzter riesiger Kopf, in den man hineinkriechen und aus dessen Augen man nach außen sehen kann – was Kinder gerne machen.

Auf der anderen Seite der Tuchhalle die gotische Marienkirche mit ihren zwei ungleich hohen Türmen.

Zwischen Tuchhallen und Marienkirche steht auf einem Podest das Denkmal für Adam Mickiewicz, dem polnischen Nationaldichter. Jede polnische Stadt hat ein Denkmal für Mickiewicz, Krakau sogar, obwohl er nie hier war, jedenfalls zu Lebzeiten nicht. Jetzt ist er in der Kathedrale auf dem Wawel begraben.

Und an einem Ende des Platzes die Adalbert-Kirche, eine der ältesten Kirchen Krakaus, romanisch, wenn auch barock verändert und ausgebaut. Den einfachen, fast quadratischen romanischen Kern aus dem 11. Jahrhundert mit seinen fast fensterlosen Wänden kann man aber noch gut erkennen. Der heutige Eingang liegt im Westen und auf dem Niveau des heutigen Platzes, der alte Eingang liegt im Süden und fünf Meter tiefer, auf dem Niveau, den der Platz im Mittelalter hatte. Oben werden Karten für Touristenkonzerte verkauft, unten gibt es eine kleine Ausstellung. Von dort ruft mir ein Mann mit pathologisch starrem Blick und mechanischen Bewegungen, aber mit emphatischer Stimme entgegen, ich solle runterkommen, der Eintritt sei umsonst. Dem mag ich nicht widersprechen und klettere über ein paar unregelmäßige Steinblöcke hinunter. Der Mann drückt mir einen Führer für 2 Słoty in die Hand und zählt die 8 Słoty Wechselgeld in meine Hand, wobei er es schafft, an mir vorbei zu sehen, so als müsse er den Eingang im Auge halten. So ist es auch. Als nächstes wird eine Engländerin, eine ältere Dame, eingeladen, hereinzukommen, aber die traut sich nicht über die Steinblöcke am Eingang.

Allzu viel zu sehen gibt es nicht, aber man kann sich anhand von zwei Modellen eine gute Vorstellung von den Vorgängerbauten machen. Die Modelle stehen in Glaskästen, die man drehen kann, eine gute Erfindung. Auf diese Weise kann man sie von allen Seiten sehen. Der erste Bau war ein Holzbau, aus der Zeit, als es den heutigen Marktplatz noch nicht gab, nur ein paar Häuser außerhalb der befestigten Stadt, auf sumpfigem Gelände, und einen Friedhof, alles um die Holzkirche herum gruppiert. Das zweite Modell zeigt die romanische Steinkirche ohne die Anbauten und späteren Veränderungen.

Die Kirche ist dem Hl. Adalbert gewidmet, dem ersten slawischen Märtyrer und Patron der polnischen Kirche.  Den Job hat der polnische Papst noch nicht übernommen. Adalbert war befreundet mit Otto III. und mit Stefan von Ungarn und gleichzeitig deren Lehrer.

Man kann ein paar Reste der ursprünglichen Kirche und Abbildungen des Platzes sehen, vor allem aber ein Skelett von dem alten Friedhof, eins von über dreihundert, die hier gefunden wurden. Das Skelett, aus vielen unverbundenen Einzelteilen bestehend, sieht irgendwie falsch aus: Die Wirbel liegen vorne, so als trage man den Rücken auf der Brust.

Die Abbildungen zeigen, warum der Hauptmarkt so groß ist. Er war früher viel dichter bebaut. Unter anderem gab es einen Brunnen und eine Waage, aber auch alle möglichen kleineren Gebäude und Stände.

Dann geht es zum Collegium Maius. Durch einen unscheinbaren Durchgang gelangt man in einen schönen, zweistöckigen Innenhof, mit Arkaden im Untergeschoss. Auch das Collegium Maius ist aus rotem Backstein. Es ist der älteste Teil der Universität, sieht aber nicht so alt aus wie es ist.

Während ich auf die Führung warte, gehe ich in ein kleines Museum im Untergeschoss, das etwas verborgen daliegt. Man traut sich kaum hinein, und außer mir ist auch keiner da. Man sieht das Modell einer Archimedischen Schraube. Keine Ahnung, was das ist, wahrscheinlich ein astronomisches Instrument. Außerdem eine Armillarsphäre, auch ein astronomisches Instrument, dessen Funktionsweise ich noch nie verstanden habe.  Sie stammt von 1711, basiert aber immer noch auf dem geozentrischen Weltbild. Das sollte man bedenken, wenn von der ‚Kopernikanischen Wende‘ die Rede ist.

In einer Vitrine liegt ein einfaches, altes, fast schmuckloses Zepter. Es heißt, es handele sich um das älteste Universitätszepter überhaupt. Das Emblem des Collegium Maius besteht aus zwei sich kreuzenden Zeptern. Die sind allerdings vergoldet und verziert und haben einen Knauf. Bei dem hier handelt es sich vermutlich um das Original. Genau kann ich das aber nicht herausfinden, denn die englischen Erklärungen sind dürftig. Hin und wieder hilft Russisch, ein einzelnes Wort zu verstehen – nauki Wissenschaften, stare, alt – aber nicht, einen durchgehenden Text zu verstehen, und gesprochene Sprache schon gar nicht.

In mehreren Vitrinen gibt es persönliche Gegenstände eines gewissen Hugo Kołłataj. Er war Rektor der Universität und betrieb eine wichtige Reform. Diese Reform, zur Zeit der polnischen Teilung eingeführt, war nicht nur für die Universität, sondern für das ganze Land von Bedeutung. Sie erlaubte letztlich der Mittelklasse die Beteiligung an der Macht. Man sieht u.a. Briefe und Dokumente von ihm und ein riesige Taschenuhr.

In einer anderen Vitrine sieht man ein Verzeichnis der Handschriften der Universität in fein säuberlicher Handschrift und eine schöne Zeichnung des Botanischen Gartens.

Dann beginnt die Führung. In einem Affenzahn werden wir von einem gut aufgelegten Führer, der alle Nase lang eine witzige Bemerkung zu den Verhältnissen der Vergangenheit parat hat, durch die Räume geschleust. Wir sind eine große Gruppe und passen oft gar nicht alle zusammen in einen Raum. Wenn man dann drin ist, ist er schon längst in den nächsten Raum geeilt und macht dort seine Witzchen. Die bekommt man dann nicht mit und wenn doch, versteht man sie meistens nicht. Er spricht Stakkato und Englisch, das wie Polnisch klingt: „His father was bishop, his father was bishop.“  Immerhin erfährt man einiges über die einzelnen Exponate, und von denen gibt es Tausende.

Die Eile hat ihren Grund: Am Ende der Tour können wir, wenn wir es zur vollen Stunde geschafft haben, im Innenhof ein Glockenspiel sehen. Wir schaffen es tatsächlich, so gerade. Zum Klang von Gaudeamus Igitur treten verschiedene Figuren, die für die Universität von Bedeutung waren, König und Königin, Rektor und Professor und angeblich auch der Hausmeister, aus der Wand im Obergeschoss hervor und ziehen vorbei. Das passiert aber erst ganz am Ende der Führung.

Gleich am Anfang der Führung sieht man in einem Raum mit einer bemalten Kuppel ein historisches Gemälde, das ein Ereignis von größter Wichtigkeit für die Universität darstellt, die Hochzeit einer polnischen Prinzessin mit einem litauischen Fürsten. Das Paar war wesentlich für den Aufschwung der Universität Krakau verantwortlich.

Wir befinden uns hier im Collegium Maius, dem Herzen der alten Universität. Es gab auch ein Collegium Minus. Dort wurde ‚nur‘ Philosophie betrieben, hier auch Theologie. Die Professoren waren unverheiratet und wohnten hier, im ersten Stock des Gebäudes. Die Vorlesungssäle waren unten. Das ist aber auch schon alles, was man zur Universität erfährt. Alles andere sind Details.

Wir sehen ein dreieckiges Holzgestell, ein einfaches Gerät, mit dem Kopernikus, der berühmteste Sohn der Universität, seine Himmelsbeobachtungen machte, ohne Fernglas, nur mit einem verschiebbaren Messingknopf versehen, mit dem man wohl seine Position im Verhältnis zu  den Sternen bestimmen konnte.

In der Nähe steht eine Büste von Kopernikus aus dunklem Holz. Warum Kopernikus wohl braun wäre? Weil er in Italien am Strand gelegen habe! Tatsächlich studierte Kopernikus auch in Italien, in Bologna und Rom und Padua und Ferrara. In Padua hatte er Medizin studiert, in Ferrara den Doktorgrad in Kanonischem Recht erhalten. Die Urkunde ist in einem der Räume ausgestellt. Astronom war er wohl nur in der Freizeit. Er wusste also, worauf er sich einließ, wenn er alte Weisheiten in Frage stellte. Das erklärt wohl auch seine Vorsicht. Er veröffentlichte seine entscheidenden Schriften erst sehr spät. Unserem Führer zufolge war er einfach klug. Er hatte, so heißt es, in Italien die Verbrennung Savonarolas miterlebt, und das bestärkte ihn in seiner Vorsicht.

Mich beschäftigt weiterhin die Frage, welche Sprache er sprach und ob er, wenn man das entscheiden kann, Pole oder Deutscher war.

Wir kommen durch einen Saal, in dem auch heute noch der Senat tagt – ansonsten hat das Collegium Maius nur noch repräsentative Funktionen – und dann in das Refektorium, in dem allerdings wohl nur die Professoren speisten. Es ist aus dunklem Holz, mit einer gedrechselten Wendeltreppe an der hinteren Wand. In einer Ecke steht ein Kachelofen in der Form eines Minaretts mit arabischen Verzierungen. Das hat, so heißt es, seine Erklärung darin, dass Polen früher eine große Ausdehnung hatte und auch muslimische Gebiete umfasste.

In einem anderen Raum sehen wir ein winziges, sechseckiges Rauchertischchen, mit fest installierten Utensilien für den Raucher, vom Zigarrenschneider über den Pfeifenhalter bis zum Aschenbecher.

Man sieht auch die Liste der Studenten vom Jahrgang des Kopernikus. Er taucht unter den zahlenden Studenten auf. Es gab wohl auch Stipendiaten. Er ist aber mit dem Namen Nikolai Nikolai eingetragen. Warum, verstehe ich nicht.

In einer ganz besonders geschützten Vitrine stehen hinter einem vergoldeten Gitter ganz besondere Schätze. Dazu gehört ein vergoldeter, ‚hohler‘ Globus. Es ist angeblich der erste Globus, auf dem Amerika abgebildet ist. Es liegt im Indischen Ozean.

In der Nähe eine Aufnahme der Erde aus dem All mit einer Widmung an Kopernikus, dem „Riesen“ von Neil Armstrong, erstellt am 500. Geburtstag von Kopernikus.

In einem anderen Raum sehen wir ein Silbertischchen. Es gehörte Sobieski, dem Helden im Kampf um Wien gegen die Türken, der hier als „Retter Europas“ gefeiert wird. Der Tisch ist wohl ein Geschenk von ihm an die Universität. Ob er hier auch Absolvent war, verstehe ich nicht. Es gibt auch ein Portrait von ihm, uniformiert, auf dem Pferderücken, das – man mag es kaum glauben – nicht gemalt ist, sondern aus ganz feiner Seide gesponnen.

In einer Vitrine sieht man andere Donationen ehemaliger Absolventen: eine olympische Goldmedaille (von einem Geher, der insgesamt fünf gewann), einen Oscar, einen Goldenen Bären, einen Goldenen Löwen und die Nobelpreismedaille einer polnischen Dichterin, Wisława Szymborska. Trost für alle Studenten: Sie beendete ihr Studium nicht. Den Nobelpreis kann man trotzdem bekommen.

In dem Türsturz zu einem Saal ist eine Inschrift eingemeißelt, die der Führer uns sehr ans Herz legt: Plus Ration quam vis – Mehr Vernunft als Gewalt.

In diesem Saal hängen Portraits berühmter Absolventen der Universität, darunter ein gewisser Karol Wojtyła. Er kam schon mit zehn Jahren zum ersten Mal hierher. Er besuchte seinen Bruder, der hier Medizin studierte. Als er selbst Student wurde, schrieb er sich für Literaturwissenschaften ein. Dann kam der Krieg, und damit veränderte sich sein Leben und er begann, Theologie zu studieren. Da kann man mal sehen, wie viel Unheil der Krieg anrichten kann.

Am Ende sehen wir noch eine schöne Tür mit Einlegearbeiten. Sie stammt aus dem alten Rathaus. Es werden Asien und Afrika dargestellt, und darüber Europa und darüber, alles überkrönend, Krakau.

Nach einer kurzen Pause in einem Café geht es dann zurück zum Hauptmarkt. Dort beginnt die Stadtführung. Außer mir sind nur zwei Australier dabei.

Wir erfahren, dass die Anlage des Platzes, seine Größe und Ausrichtung, nach einem Masterplan erfolgte, der kurz nach der Stadtgründung oder, besser gesagt, der Verleihung der Stadtrechte entwickelt wurde. Krakau bekam die Stadtrechte 1257, und zwar von Magdeburg. Dieser Plan sah vor, dass der Platz 200×200 Meter messen, also schon die heutige, riesige Dimension haben sollte. Er sah auch die regelmäßige Anlage der Straßen vor, die auf den Platz münden. Es sollten drei an jeder Seite sein, und sie sollten schnurgerade auf den Platz zulaufen. Das ist ein für das Mittelalter ungewöhnlicher Plan, finde ich. Das wurde auch so ausgeführt. Rücksicht nehmen musste man nur auf die schon vorhandenen Bauten. Davon gab es nicht viele, denn praktischerweise war Krakau kurz zuvor von den Mongolen in Schutt und Asche gelegt worden. Man konnte also frei schalten und walten. Eine Ausnahme bildet die Grodzka, die spitz auf den Platz zuläuft und in der anderen Richtung direkt zum Wawel, dem Burgberg, führt. Das liegt einfach daran, dass sie schon vorher vorhanden war und nicht neu geplant wurde. Aus dem gleichen Grund steht die Marienkirche schräg auf dem Platz und ordnet sich nicht in die ordentlichen Häuserreihen ein. Sie war schon vorher da.

Um die Marienkirche ranken sich zwei Legenden. Die eine betrifft die unterschiedlich hohen Türme. Sie wurden angeblich von zwei Brüdern entworfen. Als der eine, dessen Turm etwas höher war, sah, dass der andere ihn übertreffen würde – sein Turm war etwas breiter – wurde er neidisch auf den Bruder und brachte ihn um. Dann überkam ihn die Reue, und er stürzte sich selbst von seinem Turm in den Tod.

Die andere Legende bildet den Hintergrund zu einem immer noch praktizierten Ritual: Ein Türmer bläst jede Stunde vom Turm aus eine Melodie, hört dann aber unvermittelt auf, bevor er zu Ende gespielt hat. Daran sind die Mongolen schuld. Im Mittelalter waren die Trompetenstöße Weckruf, aber auch Warnung vor Gefahren, vor allem vor Feuer und vor Angriffen. Als der Türmer die Krakauer vor den heranstürmenden Mongolen warnte, traf ihn ein Pfeil der Angreifer und er sank tot zu Boden. Er konnte die Melodie nicht zu Ende spielen. Wenn auch die Geschichte erfunden ist – und die ganze Tradition eigentlich aus dem 19. Jahrhundert und nicht aus dem Mittelalter stammt – ist das Motiv der Gefahrenerkennung durchaus von Belang: Noch heute sind die Türmer im Hauptberuf Feuerwehrleute, und es sind immer zwei Türmer gleichzeitig vertreten, damit der eine die Trompete blasen und der andere die Lage im Auge behalten kann.

Im Gegensatz zu der gotischen Marienkirche sind die Tuchhallen im Stil der Renaissance. Man glaubt, in Italien zu sein, und der Architekt war tatsächlich Italiener. Und hieß tatsächlich Gucci. Die Tuchhallen ersetzten die einzelnen Stände, an denen bis dahin die Waren feilgeboten wurden. Das Gebäude ist lang und nicht sehr breit, mit einer überdeckten Passage zwischen den Verkaufsständen auf beiden Seiten. Heute werden kunsthandwerkliche Erzeugnisse verkauft. Die Touristen sind hier die wichtigste Zielgruppe. Das überrascht nicht weiter. Oben aber gibt es ein Museum, mit polnischer Kunst aus dem 19. Jahrhundert. Damit würde man nicht unbedingt rechnen. Ganz oben gibt es auf der Dachterrasse ein Kaffee. Die Wasserspeier sind mit Fratzen verziert, die, je nach Interpretation, menschliche Laster darstellen oder die Ratsherren, die den Architekten nicht vernünftig bezahlen wollten.

Wir gehen vom Hauptmarkt aus die Florianska hinunter, einer der belebtesten Straßen Krakaus, zum Florianstor. Über vielen Eingängen findet man Reliefs, die dem Haus einen Namen geben, zum Beispiel ein Eichhörnchen. „Wo wohnst du? –  Unter dem Eichhörnchen.“ So gab man seine Adresse an. Das soll Orientierungshilfe für Analphabeten gewesen sein. Aber nicht nur für die. Hausnummern gab es sicher noch nicht. Später sehen wir auch noch Glocken, einen goldenen Löwen und eine Weinrebe.

Am Floriansturm ist stadtseitig eine Darstellung des Hl. Florian, der seiner Aufgabe als Brandhelfer gerecht wird und einen Eimer Wasser über ein Feuer ausgießt. Florian wurde in Ermangelung eines polnischen Heiligen aus Rom importiert, und mit seinen Gebeinen erstarkten Handel und Tourismus. Heutzutage gibt es keinen Mangel an polnischen Heiligen mehr. Dafür hat der polnische Papst gesorgt.

Es gibt eine klare Aufgabenverteilung: Florian ist der Stadtheilige von Krakau, Stanislaw der polnische Nationalheilige, und Adalbert der Patron der polnischen Kirche. So habe ich es mir jedenfalls aus verschiedenen Quellen zusammengebastelt.

Neben dem Florianstor ist ein Teil der Stadtmauer erhalten, zusammen mit zwei Türmen. Da wird Kunstkitsch verkauft, wie man ihn in jeder touristischen Stadt findet.

Kurz dahinter kommt ein schönes Haus, das das Czartoryski-Museum beheimatet, benannt nach der Stifter-Familie. Es gibt Masken, Waffen, erbeutete türkische Zelte und Porzellan, vor allem aber Malerei. All das ist zurzeit nicht zu sehen, denn das Museum wird renoviert. Sein bekanntestes Bild ist aber im Wawel ausgestellt: Leonardos Dame mit dem Hermelin.

Irgendwie landen wir auf der parallel zur Florianska verlaufenden Straße. Sie ist ganz ruhig. Und dann biegen wir auf einmal zum Collegium Maius ab. Das auf einmal ganz in der Nähe ist. Trotz des regelmäßigen Stadtplans bin ich orientierungslos.

Dabei erfahre ich auch etwas von dem historischen Hintergrund der Universitätsgründung. Der eigentliche Gründer ist Kasimir der Große. Er ersuchte den Papst um die Erlaubnis zur Gründung einer Universität. Er bekam sie, durfte aber nur drei statt vier Fakultäten gründen. Die wichtigste fehlte, die Theologie. Da kam Kasimirs Tochter ins Spiel, Jadwiga. Erst Tage später merke ich, dass es sich bei ihr um Hedwig handelt, um die Hedwig. Und auch um die Frau, die auf dem Gemälde in der Universität bei ihrer Hochzeit mit einem litauischen Fürsten dargestellt wird. Der wurde dann als Władislaw II. König und regierte die beiden Länder, wenn ich das richtig verstanden habe, in Personalunion mit Hedwig. Die beiden begründeten die Dynastie der Jagellonen. Und erwirkten beim Papst die Erlaubnis, dass zukünftig auch Theologie gelehrt werden durfte.

Hedwig scheint eine ganz besondere Frau gewesen zu sein. Sie war vorher mit einem Habsburger Prinzen verlobt, der Liebe ihres Lebens, gab ihn aber auf, um aus Gründen der politischen ‚Vernunft‘ die Verbindung mit  Władislaw einzugehen, der außerdem viel älter war als sie. Danach setzte sie sich, auch materiell, sehr für die Belange der Universität ein. Als ihr Grab geöffnet wurde, fand man Insignien ihrer Herrschaft, die aus Holz gemacht waren. Sie hatte, wie es heißt, allen ihren Besitz für die Universität hergegeben.

Wir hören das alles, während wir gemütlich im Sonnenschein im Innenhof der Universität sitzen. Der kommt mir weiterhin viel zu neu vor, aber auch auf Nachfrage wird mir bestätigt, dass er aus der Gründungszeit stammt. Vorne, an der Fassade mit ihren unregelmäßigen Steinen, glaubt man das eher. Die Führerin macht uns aufmerksam auf schräg abfallende Mauerverstärkungen im Untergeschoss. Sie sind wohl später zur Stützung der Statik angefügt worden. Wir machen sie darauf aufmerksam, dass das auch bei jüngeren Gebäuden, bei den Adelspalästen der Neuzeit anzufinden ist. Hier scheint es aber von vornherein geplant zu sein. Vielleicht ist es hier Mode und statisch gar nicht notwendig.

Die Universität hatte von vornherein großes Prestige und hat es auch weiterhin. Heute hat sie 50,000 Studenten. Daneben gibt es aber noch weitere Universitäten in Krakau, und die Gesamtzahl der Studenten beläuft sich auf über 100,000. Jeder achte Einwohner ist Student. Jetzt sind Sommerferien, und die meisten Studenten sind nicht da. Dennoch wimmelt es in der Innenstadt immer von jungen Leuten.

Wir machen uns auf den Weg und stehen plötzlich wieder ganz nahe am Hauptmarkt, aber von einer anderen Seite, genau zwischen Dominikanerkirche und Franziskanerkirche. Beide sind gotisch, beide aus Backstein, beide nicht unähnlich und stammen vermutlich aus derselben Zeit, aber trotzdem hat man den Eindruck, dass die Architektur auch Teil des heimlichen Wettbewerbs zwischen den beiden Orden war.

Dann fragt die Australierin, von Beruf Architektin, nach einem auffallenden Gebäude. Es ist tatsächlich das einzige moderne Gebäude in der Altstadt, sehr schmal, sehr hoch. Außen hat es sehr passende rote Lamellen, vielleicht aus Ziegel. Das nimmt die Form der alten Ziegelbauten sehr schön auf und verhindert, dass der Bau wie ein Fremdkörper wirkt. Er besteht eigentlich nur aus einem schmalen Gang, in dessen hinterem Teil sich das Büro der Touristeninformation befindet. An einer Seite sind oben drei längliche, hochmoderne, verstörende Glasfenster angebracht, jeweils eine Figur darstellend. Die in der Mitte scheint einen Totenkopf zu haben. Es sind Glasfenster eines polnischen Künstlers, Wyspiański, und sie sind schon hundert Jahre alt. Das kann man nicht glauben. Sie sehen, da sind wir uns alle einig, wie zeitgenössische Kunst aus. Wyspinański machte sich mit dieser Kunst, wie man sich vorstellen kann, nicht nur Freunde, zumal es sich bei den abgebildeten Gestalten um polnische Heilige und Könige handelt.

Dann geht es auf die Grodzka, die Straße, die direkt vom Hauptmarkt zum Wawel führt. Hier stehen wir auf dem Grund einer ehemaligen Kirche, deren Grundriss in den Bodenfliesen eingefügt ist, und blicken, in kürzester Entfernung, auf zwei weitere, direkt nebeneinander liegende Kirchen, die barocke Peter-und Paul-Kirche und die romanische Andreas-Kirche. Vor der Peter-und Paul-Kirche stehen monumentale Skulpturen der zwölf Apostel, und an der Fassade erscheint das Emblem der Jesuiten. Das alles ist mehr als logisch. Aber über dem Jesuiten-Emblem erscheint das Wappen der Wasa, der schwedischen Dynastie. Was hat das hier zu suchen? Merkwürdigerweise heirateten die Schweden bei den einst verfeindeten Polen ein und waren dann auch später, als das Wahlkönigtum eingeführt wurde, Herrscher von Polen.

Die Australier fragen unsere Führerin nach der Euro. Ob es während der Zeit hier von Touristen gewimmelt hätte. Die überraschende Antwort: überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Und nicht nur, weil es hier in Krakau keine Spiele gab. Alle glaubten, alle anderen würden zur Euro nach Polen fahren, also blieben alle zuhause. Leuchtet ein. Die erhöhten Preise taten ihr Übriges. Viele der regelmäßigen Tagungen und Treffen wurden sogar abgesagt oder verschoben. Die Ausrichtung so einer Großveranstaltung ist in erster Linie ein Prestigegewinn. Finanziell kommt nicht viel dabei rum, und Fußballfans sind sowieso nicht die ausgabenfreudigsten Besucher. Die Führerin fragt auch, was aus den Stadien werden solle. In Warschau gibt jetzt Madonna ein Konzert, aber das tut sie auch nicht alle Tage. Langfristig, glaube ich, wird man aber einfach bekannter. Viele Besucher brauchen vielleicht Jahre, bis sie mal kommen, aber dann kommen sie doch. Ich habe nur ein paar Monate gebraucht, aber das ist eine Ausnahme.

Wir sind inzwischen auf der Kanoniker-Straße. Hier ist es ruhig und gediegen. Keine Geschäfte, kein Rummel, keine Reklame. Hier haben sich die Kirchenoberen niedergelassen, in palastartigen Bauten. Hier sieht man auch einzelne in der Sgraffito-Technik bemalte Fassaden, wie man sie aus Prag kennt, mit schwarzen und weißen Rechtecken, die ein Relief vortäuschen. Auch das teuerste Hotel Krakaus, das Copernicus, befindet sich hier. Natürlich fehlt auch ein Haus nicht, das im Zusammenhang mit der Karriere eines aufstrebenden polnischen Klerikers steht, der es später bis nach ganz oben bringen sollte.

Die Kanoniker-Straße fällt zur Mitte hin ab, wie im Mittelalter, als in dem hier fließenden Wasserkanal der Unrat landete.

Und dann sind wir am Wawel, dem Endpunkt unseres Rundgangs. Neben der Rampe, die den Hügel hinauf führt, steht ein Reiterdenkmal, und es gelingt der Führerin, eine Verbindung mit Australien herzustellen. Wie heißt der höchste Berg Australiens? Das soll der Mount Kosciusko sein, und der ist benannt nach Tadeusz Kósciuszko, dem polnischen Freiheitskämpfer und Nationalhelden, der hier abgebildet ist. Er ist in Polen und  Amerika ein Held. Er kämpfte im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg an der Seite Washingtons und später in Polen gegen die Russen.

An ihm vorbei kommen wir zum Schloss selbst und zur Kathedrale. Das Schloss überrascht mit einem Innenhof in reinster Renaissance. Das sieht man ihm nicht von außen aus.

Die Kathedrale ist ein Gemisch aus den verschiedensten Stilen, mit einer langen Baugeschichte. Am auffälligsten sind die vielen später hinzugefügten Kapellen.

Die Bedeutung der Kathedrale liegt vor allem in ihrer Funktion als Krönungsort und als Grablege für die polnischen Könige. An der Seite, an der wir sitzen, ist der Zugang zu einem ganz besonderen Grab, dem jüngsten der Kathedrale, dem von Lech Kaczyński. Er hatte die Karte „Kattyn“ voll für seine populistischen Thesen ausgespielt. Das Massaker von Kattyn bleibt den Polen in Erinnerung, nicht nur wegen der Grausamkeit und dem großen Verlust, sondern auch wegen der Vertuschung der Ereignisse durch die Sowjetunion, durch die Volksrepublik Polen und durch den Westen.

Die Führerin erzählt uns von den Kontroversen, die ausbrachen, als diskutiert wurde, ob er hier, bei den Königen, beigesetzt werden solle. Sie selbst war verwundert, weil er zu Lebzeiten wohl eher Gegenstand des Spotts gewesen sein muss. Und die Tatsache, dass er Präsident und sein Zwillingsbruder gleichzeitig Ministerpräsident war, war auch nie auf große Begeisterung gestoßen. Nach seinem Tod trat dann aber die große Heldenverehrung ein, begünstigt durch die Umstände des Todes. Unsere Führerin sagt, es sei nie so richtig klar geworden, wer denn letztlich die Entscheidung getroffen habe, dass er hier begraben werden soll. Das allein spricht Bände. Mit dieser Anmerkung zum modernen Polen in einem historischen Kontext endet die Tour.

Nach der Führung sehe ich kurz in herein bei Krakowski Kredens, einem alten (oder auf alt gemachten) Laden, in dem es polnische Delikatessen in traditioneller Verpackung gibt. Durch eine kleine Luke zur Straße hin werden cieple bulki verkauft, warme Baguettes. Ich esse eins mit Schweinfleisch, aber es ist nichts Besonderes.

In einer Seitengasse sehe ich einen grün-weißen Käfer. Sieht genauso aus wie die Taxis in Mexiko. Und deshalb steht er auch da. Er macht Werbung für eine mexikanische Tacos-Bar.

Trotz aller Modernisierung sieht man immer wieder traditionelle Geschäfte, die keiner Einkaufskette angehören, auch im Zentrum. Sie sind in kleinen Läden untergebracht, mit winzigen Schaufenstern, wie ein Laden für Damenhüte, an dem ich vorbeikomme.

Irgendwie gelange ich zum Kleinen Markt, auf der Rückseite des Hauptmarkts gelegen. Er ist auch sehr ansehnlich, kommt aber nicht so richtig zur Geltung, weil er den Vergleich mit dem Hauptmarkt bestehen muss.

Kurz dahinter sehe ich eine Frau, die einen Schirm trägt. Es regnet nicht, und sie steht nicht im Schatten, also wundere ich mich. Es stellt sich heraus, dass sie Werbung macht, indem sie den Schirm spazieren führt. Der Name des Ladens, in dessen Nähe sie sitzt, ist auf dem Schirm des Schirms aufgedruckt. In den nächsten Tagen sehe ich sie immer wieder. Immer an der gleichen Stelle.

Krakau soll an der Weichsel liegen. Davon habe ich bisher nichts bemerkt.

24. Juli (Dienstag)

Das Wort głowna verfolgt mich inzwischen: Vorgestern tauchte es beim Hauptbahnhof auf, gestern beim Hauptmarkt, heute bei der Hauptpost.

Dort, bei der Hauptpost, beginnt am frühen Morgen, bei wunderbarem Sommerwetter und noch ein bisschen frischer Luft, mein Lauf über den Planty. Man hat links die Altstadt und rechts die großen Ringstraßen, von denen man aber immer durch ein gutes Stück Planty getrennt ist. Ich komme am Florianstor und der Barbakane und Resten der Stadtmauer vorbei, am neugotischen Collegium Novum, auf das ich gestern bei der Suche nach dem Collegium Maius immer wieder gestoßen bin, am Wawel und an allen möglichen Kirchen, barocken wie gotischen. Ich laufe den Weg zweimal und brauche für jede Runde genau 20 Minuten.

Die Nachrichten vom Jahrestag des norwegischen Terroranschlags erinnern mich daran, dass ich vor genau einem Jahr in Stockholm war. Auch da hatte ich Glück mit dem Hotel. Auch da merkte ich im Laufe der Tage, wie günstig das Hotel lag. Paradoxerweise passiert auch jetzt wieder ein Terroranschlag, diesmal in einem Kino in Amerika. Während sich alle noch fragen, wie so etwas passieren kann, frage ich mich immer noch, warum so etwas nicht öfter passiert.

Heute geht es zum Schloss. Ich habe eine Führerin ganz für mich alleine. Zum Wawel rauf geht es, anders als gestern, über eine breite Rampe. Frank, der deutsche Nazi-Gouverneur, hat sie sich extra bauen lassen, damit er mit dem Auto zum Wawel, seinem Amtssitz, fahren konnte. An der Seite der Rampe sieht man eine lange Mauer, die von den Österreichern und aus dem 19. Jahrhundert stammt, und dahinter einen Turm aus dem Mittelalter. Der Wawel hat eine lange und komplizierte Baugeschichte.

Man betritt den Wawel durch ein Tor mit der Aufschrift Si deus pro nobis, quis contra nos?Wenn Gott mit uns ist, wer ist dann gegen uns? Am Ende des Tordurchgangs macht mich die Führerin auf drei Wappen aufmerksam, die ich garantiert übersehen hätte: eins mit einer Schlange, eins mit einem Reiter, eins mit einem Adler. Adler und Reiter stehen für Polen und Litauen. Mit Litauen rechne ich ja seit gestern. Aber mit der Schlange habe ich nicht gerechnet. Sie steht für die Sforza von Mailand, auch sie Teil der komplizierten polnischen Königsgeschichte und der Geschichte des Wawel.

Die Führerin schleust mich an den Schlangen an der Kasse vorbei zu einem Extraschalter. Dort wird umständlich und auf veraltete Weise festgehalten, wer wann das Schloss betritt. Das System der Eintrittskarten mit den verschiedenen Ausstellungen des Museums ist kompliziert.

Die Räume befinden sich auf drei Stockwerken: unten die des Verwalters, in der Mitte die Privaträume der Könige, oben die Repräsentationsräume der Könige. Die Privaträume können nicht besichtigt werden, aber es ist auch so mehr als genug.

Nicht alles ist Original, viel ging durch Kriege und Dynastiewechsel, anderes bei einem schweren Brand verloren, aber das würde man gar nicht merken, wenn man es nicht wüsste. Es gibt zum Beispiel Portraits des Bürgermeisters von Braunschweig und seiner Ehefrau. Die waren nie hier und haben auch mit dem Wawel nichts zu tun. Aber sie tragen die Renaissancetracht, die auch der Verwalter getragen haben könnte. Auch bei einer Auferstehung Christi ist der Bezug zum Wawel kaum zu erkennen. Es gibt ihn aber. Christus steigt nämlich vor der Kulisse von Krakau in den Himmel auf. Durch dieses Bild weiß man zum Beispiel, wie das Schloss vor dem großen Brand aussah.

Womit sich der Verwalter am meisten beschäftigte, bleibt einem nicht verborgen: mit Geld. Das Thema taucht immer wieder auf, u.a. in der Form verschiedener Geldtruhen, auch beweglicher Geldtruhen, die man auf Reisen mitnahm. Die hatten eine leicht gewölbte Form, so dass man auf ihnen auch schreiben und sie unter das Kopfkissen legen konnte.

Am Ende des Rundgangs ist einem ganz schwindlig vor lauter Namen und Daten und Stilen, aber man erkennt in verschiedenen Bereichen ganz schön die Entwicklung. Das gilt zum Beispiel fürs Heizen, einem wichtigen Thema in einem Land, wo es im Winter schon mal 30° unter Null sein kann. Bei der primitivsten Form von Heizung kam die Wärme des offenen Feuers aus den Innenhöfen einfach durch die Fenster nach innen. Dann kamen offene Kamine, dann Kachelöfen. Feuer war natürlich ein Sicherheitsrisiko. Nicht umsonst wurde ein Teil des Schlosses bei einem Brand zerstört. Beim Rundgang merkt man das an einem Stilwechsel, der sich unter anderem an den Decken bemerkbar macht: statt Kassettendecken kommen jetzt Deckengemälde. Und an der Wand erscheinen Ledertapeten.

Bei den Kassettendecken gibt es in einem Raum eine Besonderheit, die vielleicht sogar einzigartig ist: in jeder Kassette hängt ein Kopf. Abgebildet sind vornehme Menschen wie einfache Bürger. Identifizierbar sind sie nicht, und es ist auch bis heute nicht geklärt, was Sinn und Zweck der Veranstaltung war. Es sind allerdings nur noch 30 von ursprünglich 200 Köpfen erhalten. Schade, dass man keine Photos machen kann.

Besonders bekannt sind die Tapisserien des Schlosses. Sie sind fast ausschließlich in Brüssel hergestellt, oft auf Bestellung, und tragen das Brüsseler Qualitätszeichen. Auch hier kann man deutlich eine Entwicklung ablesen. Die frühen Tapisserien sind oft aus Wolle und fast ohne Farben, später kommen Seide und Silber und Gold hinzu. Die Motive sind zuerst meist aus den klassischen Mythen, später eher biblisch, alttestamentarisch. Auch die Perspektive und die Darstellung der Details werden immer kunstvoller. Bei einer Darstellung des Turmbaus zu Babel sieht man hervorragend dargestellte Werkzeuge und Nägel. Man kalkuliert, dass ein Weber etwa einen Monat für einen Quadratmeter brauchte. Es waren immer verschiedene Weber gleichzeitig am Werk. Wie das dann zusammengefügt wurde, bleibt mir unverständlich. Nähte kann man jedenfalls nicht erkennen. Unabhängig von der Epoche ist die Bordüre immer ohne jeden Bezug zum dargestellten Sujet. Man bekommt die Anbetung der Hl. Drei Könige und auf der Bordüre Fasanen oder Grotesken. Die Kartons, nach denen die Tapisserien gefertigt wurden, konnte man auch aufkaufen, wenn man das Geld investieren wollte, eine Art früher Copyright-Schutz. Wenn man es nicht tat, gab es oft billige Nachahmungen. Auch davon hängen ein paar im Schloss.

Bei den Gemälden gibt es eins mit der Darstellung der Seeschlacht von Lepanto, die gleichzeitig die in Rom gleichzeitig stattfindende Rosenkranzprozession abbildet, zwei Szenen in einem Bild.

Unter den Portraits befinden sich die von zwei Monarchen, Jan Sobiecki, einem starken, beliebten Monarchen, der in Polen als „Retter Europas“ gilt, und Michael Wiśniowiecki, einem ungeliebten, schwachen Monarchen, von dem gesagt wurde, er könne sieben Sprachen und könne in keiner etwas Gescheites sagen.

Als Warschau 1608 Hauptstadt von Polen wurde – vor Krakau war es Gnesen gewesen – kamen die Könige nur noch zur Hochzeit, zur Krönung und zur Bestattung auf den Wawel, und das Schloss wurde vernachlässigt. Es wurde dann von den Österreichern als Kaserne genutzt und von den Polen, als sie wieder selbständig waren, notdürftig instandgesetzt. Es diente sogar als Amtssitz des Präsidenten. Später machte der deutsche Generalgouverneur Frank, der „Schlächter von Krakau“, den Wawel zu seinem Amtssitz.

Außer der Reihe ist momentan wegen der Renovierung des Czartoryski-Museums Leonardos Dame mit dem Hermelin im Schloss zu sehen, in einer eigenen Abteilung, in einem eigenen Raum und mit zusätzlicher Eintrittskarte.

Das Bild ist erstaunlich klein. Man sieht eine junge Dame, die ein Hermelin auf dem Arm hält. Das soll eine Anspielung darauf gewesen sein, dass sie schwanger war. Sie war die Geliebte Ludovico Sforzas, Leonardos Auftraggeber. Die Dame blickt vom Betrachter weg, hat klare, schöne Gesichtszüge und ein auffälliges, dünnes Band an der Stirn. Der Vergleich mit der Mona Lisa drängt sich auf, aber dieses Bild ist ganz klar besser.

Aus diesem besonders abgedunkelten Raum geht es dann wieder ans Tageslicht. Man tritt direkt auf den schönen Innenhof. Das ist Renaissance pur. Der Innenhof hat drei Stockwerke, zwei mit Arkaden, von denen der dritte, der mit den Repräsentationsräumen, der höchste ist. Die Säulen haben hier einen Knoten in der Mitte. Eine Kuriosität ist das Dach. Man würde bei dieser Konstruktion ein Flachdach erwarten, aber das Dach ist ein stark geneigtes Pultdach aus roten Ziegeln. Die italienischen Konstrukteure mussten diese Konzession an das polnische Wetter machen.

Gleich neben dem Schloss liegt die Kathedrale. Die hatte ich ja schon gestern gesehen, mit ihren verrückten Stilmisch. Jeder scheint zu jeder Zeit etwas angebaut zu haben, vor allem Kapellen. Dabei ist die Kathedrale eigentlich gotisch, was man im Westen und innen immerhin noch erkennen kann, aber überall hat der Barock seine Finger drin gehabt.

Über dem Eingang hängen merkwürdigerweise einige riesige Tierknochen, von Nashorn und Wal unter anderem. Sie wurden hier ganz in der Nähe gefunden. Der Legende zufolge bleibt die Kathedrale, oder sogar die Welt, bestehen, solange die Knochen dort hängen. Wenn das stimmt, dann hängt die Welt an einem seidenen Faden.

Die heutige Kathedrale ist die dritte, nachdem die erste durch Feineinwirkung, die zweite durch Brand zerstört wurde.

Die erste Krönung fand 1320 statt, nachdem Krakau von Gnesen die Funktion als Hauptstadt übernommen hatte. Seitdem wurden die meisten polnischen Könige hier gekrönt und die meisten auch hier begraben. Die Sarkophage sind auf die ganze Kirche verteilt, die Gräber selbst sind wohl in der Krypta.

Auch bei den Sarkophagen kann man wieder schön eine Entwicklung sehen. Die mittelalterlichen Könige sind immer liegend und gerade ausgestreckt dargestellt, ab der Renaissance liegen sie dann lässig auf der Seite, so als wären sie nicht tot.

Auch die Figuren am Sockel der Sarkophage ändern sich. Bei Wladislaw Jagiello, einem König, der über 80 Jahre wurde, sind unten auf dem Sockel die königlichen Räte dargestellt. Der Sarkophag, aus rotem Marmor, wurde noch zu Lebzeiten gemacht, der König hatte also ein Mitspracherecht. Bei dem Sohn Kasimirs sind trauernde Frauen dargestellt, und bei Kasimir selbst, dem Gründer der Universität, sind es Professoren.

In einer Kapelle befindet sich ein riesiges schwarzes Kreuz. Es ist das Kreuz, vor der Hedwig gebetet haben soll, die Königin von dem Bild im Collegium Maius, die aus Staatsräson den litauischen Fürsten heiratete. Am Fuß des Christus hängt der in einer Schlacht eroberte Steigbügel des türkischen Großvisiers!

Als Hedwig heiliggesprochen wurde, wurde ihr Sarg geöffnet, und die Grabbeigaben sind auch hier in der Kathedrale ausgestellt, ein Zepter und ein Reichsapfel. Sie sind tatsächlich aus Holz, wenn auch vergoldet.

Der künstlerische Höhepunkt der Kathedrale soll die Kapelle der Jagellonen sein, eine Renaissancekapelle, die in aller Welt nachgeahmt worden sein soll, unter anderem gleich hier, in der Kathedrale, denn die Kapelle gleich daneben, obwohl viel später gebaut, ist von derselben Machart. Außen ist eine der Kuppeln vergoldet, die andere nicht.

Der Höhepunkt der Kathedrale im Sinne der polnischen Volksfrömmigkeit ist der silberne Sarkophag des Hl. Stanislaus, des ersten echten polnischen Heiligen nach dem „importierten“ Florian. Der Sarkophag steht erhöht auf einem Altar und stellt Szenen aus dem Leben, dem Martyrium und den Wundern des Heiligen dar.

In der ganzen Kathedrale drängt man sich, und ich bin froh, als es auch hier wieder ans Tageslicht geht, zumal an so einem schönen Sommertag.

Auf dem Rückweg geht es den anderen Weg vom Wawel hinunter. Zwischen zwei Baumreihen auf der Planty ergibt sich ein kurzer Blick auf den Kósciuszko-Hügel, einen künstlich aufgeschütteten Hügel zur Verehrung des Nationalhelden. Er wurde vor ein paar Jahren von einer Überschwemmung fast weggeflutet, aber wieder aufgebaut.

Kurz darauf kommen wir zur Franziskaner-Kirche. Sie vor allem eins: lang. Sie ist gotisch, mit Veränderungen im Jugendstil. Für die ist Wyspiański zuständig, der von den atemberaubend modernen Glasfenstern der Touristeninformation im Zentrum. Auch hier hat er das Westfenster gestaltet, in hellen Farben und fließenden Formen. Gott wird bei der Erschaffung der Welt und der Trennung von Gut und Böse dargestellt. Er sieht fast zornig aus, jedenfalls agiert er vehement, mit einer hoch in die Luft gehobenen Hand scheint er auf etwas eindreschen zu wollen. Es heißt, Wyspiański habe seinen Onkel als Modell für die Figur genommen. Der war Anführer einer patriotischen Bewegung und soll ständig schlecht gelaunt durch Krakau gelaufen zu sein, um Anhänger zu rekrutieren.

Die Wände der Kirche hat Wyspiański mit Tapeten ausgestattet, dunklen Tapeten, die Motive der polnischen Volkskunst zeigen oder der polnischen Natur oder dem, was dafür gehalten wird.

Das Franziskaner-Kloster hier war die Heimat von Maximilian Kolbe, der auf einem Portrait im Mittelschiff dargestellt ist.

In einer Seitenkapelle steht hinter Glas eine künstlerisch vermutlich nicht wertvolle Christusfigur, deren Motiv aber ungewöhnlich oder sogar einzigartig ist: Christus irgendwann zwischen Dornenkrönung und Kreuzigung, in sitzender Position, mit einem Gewirr von Seilen über der Schulter. Sind es die Seile, mit denen das Kreuz nach oben gezogen wird?

In der Nähe der Franziskaner-Kirche befindet sich der Bischofspalast mit dem „Papstfenster“ über dem Balkon. Das ist das Fenster, von dem aus der polnische Papst zu den Krakauern gesprochen hat, wenn er zu Besuch war.

Ich erfahre unterwegs, dass Krakau bis zum 2. Weltkrieg 250.000 Einwohner hatte und heute mehr als dreimal so viel. Wo die denn alle wohnen würden, will ich wissen. Es werde überall gebaut, sagt die Führerin. Bei ihr, in Nova Huta, der sozialistischen Modellsiedlung, werde gleich vor ihrem Fenster gebaut. Das Problem sei, dass all das viel zu teuer sei und viele neue Wohnungen leer stünden.

An einer Karte von Krakau zeigt mir die Führerin, dass Kazimierz, der jüdische Stadtteil, früher eine Insel war, abgetrennt vom Rest durch einen Nebenarm der Weichsel, der dann später zugeschüttet wurde. Auf dieser Trasse verlaufen einige der großen Ringstraßen, darunter die meines Hotels: Starowiślna. Das bedeutet ganz einfach ‚Alte Weichsel‘.

Und dann kommt noch ein Nachtrag zur Kathedrale. Das älteste Königsgrab der Kathedrale ist das von Władysław I., „Władysław Ellenlang“. Der erfand schon zu seiner Zeit einen Sprachtest zur Identifizierung der ungeliebten Ausländer: Man musste die polnischen Wörter für ‚Linse‘, ‚Rad‘, ‚mahlt‘ und ‚Mühle‘ aussprechen, soczewica, kolo, miele, młyn. Das, so glaubte man, könne kein Ausländer. Ich versuche mich trotzdem daran, und das Urteil der Führerin ist eindeutig: hoffnungslos. Das lernen sie nie, das kann kein Deutscher. Danke für die Ermutigung! Das sei eben das Besondere. Sie, die Polen, hätten keinen Akzent, deshalb seien sie so gut im Fremdsprachenlernen. Sie muss wohl meinen skeptischen Gesichtsausdruck gesehen haben – ich erinnere mich, wie sie Weissenheim, geborren und Vätter sagt – und sorgt für Klarheit: „So ist das.“

Die Führerin will mir noch die St.-Anna-Kirche zeigen, die „schönste Barockkirche der Welt“, aber die ist geschlossen, also gehen wir zum Hauptmarkt, dem „schönsten Platz der Welt“. Dann schiebt sie noch hinterher, sie kenne aber nicht viele Plätze. Was die Behauptung nicht besser macht.

Da ich nun schon einmal da bin, leiste ich mir anschließend in einem der Cafés gleich neben der Elisabethkirche auf dem mal wieder voll besetzten Hauptmarkt eine Schokolade. Es ist kein Kakao, sondern wirklich zerlassene Schokolade, so zähflüssig, dass man sie mit dem Löffel essen muss. Zufällig erwische ich auch gerade eine volle Stunde und den Türmer. Es öffnet sich ein Fenster in einem der oberen Turmgeschosse, und man sieht die Trompete hervorschauen.

Dann gehe ich zu der nur ein paar Schritte entfernten Stadtmauer. Es gibt nicht viel zu sehen, aber einige interessante Informationstafeln. Man macht zuerst eine Runde durch die Barbakane, deren gleichmäßige, rote Ziegel nach Rekonstruktion aussehen, aber original sein sollen, und dann über die erhaltene Stadtmauer, zwischen den beiden erhaltenen Türmen. Alle 50 Meter gab es früher einen Turm, und für deren Aufrechterhaltung und Versorgung mit Personal war jeweils eine andere Zunft zuständig. Den Abbildungen an der Wand kann man entnehmen, dass die Türme sehr unterschiedlich waren: rund, rund mit hohem, spitz zulaufendem Dach, quadratisch mit achteckigem Aufbau, rechteckig mit Walmdach, eckig mit spitzem Turm (sieht wie eine Kirche aus).

An der Barbakane begann einst die Via Regia, der Weg, den die Könige zur Krönung im Wawel zurücklegten, und dann später ein zweites Mal – im Sarg.

Woher das Wort Barbakane kommt ist umstritten: Arabisch? Keltisch? Latein? Wenn es aus dem Arabischen kommt, bedeutet es ‚Kuhtor‘, wenn es aus dem Keltischen kommt, bedeutet es ‚Bollwerk‘, wenn es aus dem Lateinischen kommt, ist es von barba abgeleitet, das eigentlich ‚Bart‘ heißt, aber auch eine zusätzliche, der Stadtmauer hinzugefügte Verteidigungsanlage bezeichnet.

Die Barbakane, wird stolz verkündet, verhinderte die Eroberung der Stadt durch Maximilian von Habsburg (XVI), der es auf die polnische Krone abgesehen hatte. Auch Gustav Adolf sei an ihr gescheitert, heißt es. Aber dann wird verschämt hinzugefügt, er habe die Stadt trotzdem erobert: Den Einwohnern waren nach der langen Belagerung Proviant und Munition ausgegangen.

In einer der Schlachten machte sich ein gewisser Marcin Orancewicz einen Namen. Er soll den russischen General Iwan Panin getötet haben, und das, obwohl ihm die Munition ausgegangen war. Statt einer Kugel soll er einen Knopf benutzt haben.

Auch einen Namen machte sich ein gewisser Feliks Radwański. Er setzte sich für den Erhalt der Mauer ein. Als ihm die Argumente ausgingen, behauptete er, der Abriss würde die gefürchteten Nordwinde ohne Hindernis in die Stadt eindringen lassen. Das hatte Wirkung. Der Nordteil der Stadtmauer und die Barbakane blieben erhalten.

Von hier aus sind es nur ein paar Hundertmeter bis nach Kleparz, dem nördlichen Vorort Krakaus. Aber man kommt in eine andere Welt: Kaum ein Auto ist zu sehen oder zu hören, die etwas schäbigen Fassaden der hohen Häuser haben noch nie etwas von Renovierung gehört, und mit Englisch geht hier fast gar nichts mehr. Das soll sich bald rächen. Auf dem Markt, dem eigentlichen und einzigen Ziel der Exkursion, werde ich von Käseverkäuferinnen und vom Käse angelockt. Ich möchte herausfinden, ob es hier den oscypek gibt, den berühmten Schafskäse, den man unbedingt probieren soll. Vorher bin ich auf der Florianska keiner der Bäuerinnen begegnet, die hier sonst stehen und den selbst gemachten Käse verkaufen. Dieser hier ist auch unverpackt und wahrscheinlich „aus eigener Herstellung“. Ich bekomme von zwei Bergen etwas zu probieren. Beide schmecken nicht nach viel, aber der Höflichkeit halber will ich von dem zweiten etwas nehmen. Zu meinem Entsetzen sehe ich, dass die Frau mir den ganzen Berg andrehen will und gestikuliere wild, um meinen Protest kundzutun. Freudestrahlend redet sie auf mich ein, und ich glaube, sie habe mich verstanden. Dann packt sie trotzdem den ganzen Berg ein und drückt mir einen Słoty in die Hand. Sonderpreis. Sie dachte, ich wolle feilschen.

Da ich nun schon auf dem Käse sitzen geblieben bin, kaufe ich gleich auch noch Tomaten und Brot für eine „Brotzeit“ dazu. Alles in großen Mengen zu kleinen Preisen. Der Markt lohnt auf jeden Fall einen Besuch. Es ist voll und trotzdem ruhig. Die Stände stehen eng beieinander, und die Gänge sind schmal. Alle Stände sind vollgepackt mit Artikeln, vor allem im vorderen Teil, wo es Kleidung und Haushaltswaren gibt. Zwischen den Ständen, alle unter Wellblechdächern, gibt es vereinzelte kleine Häuschen, in denen sich ganze „Läden“ befinden. Die Leute sind freundlich und lassen sich gerne darauf ein, sich mit Hand und Fuß zu verständigen. Die Tomaten sind riesig und fest, ganz anders als bei uns. Auch die berühmten polnischen Gurken, kurz und dick, gibt es an jedem Stand. An einem Kiosk sehe ich eine Aufforderung, den Markt im Internet zu entdecken, und zwar na Facebooku.

Auf dem Markt löst sich auch endlich das Rätsel mit den Klotüren, allerdings auf unspektakuläre Weise. Neben dem Dreieck steht Menski und daneben ist eine Figur abgebildet, die eindeutig einen Mann darstellt. Das Dreieck zeigt nach unten. Das hätte man durchaus für ein Symbol für Frau ansehen können, den Kreis aber auch. Ich hätte jedenfalls mal wieder falsch gelegen.

Am Abend gehe ich ins Cechowa, ein traditionelles polnisches Restaurant in der Altstadt. Der Name ist abgeleitet von cech, dem polnischen Wort für ‚Zunft‘, denn hier war einst der Sitz einer Gilde. Noch heute ist das Haus ebenfalls Sitz der Handwerkskammer, und der heutige Besitzer hat die Gilde der Kaufleute wiederbelebt und ist deren Vorsitzender. An der Wand sind Embleme der verschiedenen Zünfte angebracht.

Die Einrichtung ist eine Mischung aus vornehm und zünftig: Seidentapeten und Kronleuchter, Holzbalken und Gildezeichen. Hier kann ich gleich zwei typische polnische Gerichte probieren, zurek und bigos, eine säuerlich schmeckende Mehlsuppe mit Kartoffel- und Wurstscheiben und eine Art Auflauf aus Kohl, Pflaumen, Äpfeln und verschiedenen Fleischstücken. Beides schmeckt hervorragend, und auch das Bier, wieder von der Marke Śywiec, schmeckt gut, besser als dieser Tage im Thailändischen Restaurant.

Als ich um halb zehn das Restaurant verlasse, bin ich schon der letzte Gast. Außer mir hat sich vielleicht ein halbes Dutzend Gäste hierher verirrt. Das Restaurant liegt zwar in der Innenstadt, aber nicht direkt am Markt, und dann hat man es schwer. Das tut einem leid, denn die Schnellimbissläden im Zentrum sind noch voll. Ich sehe mir aus Neugier die Preise an. Eine Pizza Salami kostet 24 Słoty, einen Słoty weniger als mein gesamtes Essen.

Ich kann dann noch ein paar Photos des nächtlichen Krakau machen und entdecke, halb zufällig, eine Kneipe, die schon wegen ihres Namens im Reiseführer erwähnt wird: Pierwszy lokal na Stolarskiej po lewej stronie idąc od Malego Rynku – Das erste Lokal auf der linken Seite in der Stolarska-Straße, wenn man vom Kleinen Markt kommt.

25. Juli (Mittwoch)

Die Klamotten sind schon trocken, also beginnt der Tag wie gestern: mit Laufen. Es ist aber heute nicht so sonnig und etwas drückend.

Auf dem Rückweg bringe ich mir einen Kringel mit, obwarzanki, ein Backwerk, das an jeder Straßenecke von „Einzelunternehmern“ in kleinen Karren verkauft und in jedem Reiseführer erwähnt wird. Es gibt sie neuerdings wohl auch mit Sesam und mit Käse, aber der Klassiker ist der mit Mohn. Schmeckt gut, etwas süßlich, aber auch kein Anwärter auf das kulinarische Weltkulturerbe.

Auf den polnischen Geldscheinen sind polnische Könige abgebildet. Früher waren es polnische Sozialisten. Die Münzen wirken etwas veraltet. Sie haben alle den polnischen Adler auf der Rückseite, und vorne die Zahl. Die kleinere Einheit sind Groschen – so hört es sich jedenfalls an – und es gibt tatsächlich Münzen von einem Groschen. Das entspricht ungefähr einem Viertel Cent. Die Deklination der Münzeinheit hängt von der Zahl ab: 1 Słoty, 2 Słote, 5 Słotych.

Gleich unten am Hotel gibt es einen kleinen Verkaufsstand, in die Häuserwand eingelassen. Da gibt es Schirme. Das kommt gut zu Pass. Es regnet, und ich habe in einem Anfall von Wahnsinn meinen Schirm im letzten Moment im Auto gelassen. Ich kaufe einen, und den ganzen Tag lang geht er auf und zu, auf und zu. Das Wetter ist wie ausgewechselt. Schade.

Heute geht es nach Kazimierz. Wieder bin ich begeistert über die Lage des Hotels, als ich nach wenigen Minuten schon da bin.

Die Krakauer Juden lebten ursprünglich in dem heutigen Universitätsviertel. Als die Universität sich immer weiter ausdehnte und die Häuser der Anwohner aufkaufte, breiteten die Juden sich über die ganze Stadt aus. Es kam zu gelegentlichen Streitereien und dann zu einem Pogrom, in dessen Gefolge der König entschied, die Juden alle in dem alten christlichen Viertel Kazimierz unterzubringen und direkt unter seinen Schutz zu stellen.

Man kommt zuerst zu einer Synagoge, die später um ein Stockwerk erhöht wurde, und zwar von Gucci, dem Erbauer der Tuchhallen. Ursprünglich durften die jüdischen Häuser nicht höher sein als die christlichen. Neben der Synagoge sieht man Reste einer Mauer, die früher das jüdische Viertel vom christlichen abtrennte.

Die Juden legten, dem Vernehmen nach, nicht viel Wert auf Sauberkeit in den Straßen und pflegten ihre Häuser und Synagogen auch kaum. Man fühlt sich an das orthodoxe jüdische Viertel in Jerusalem erinnert. Wenn das so war, war es sicher guter Nährboden für Vorurteile („Dreckige Juden“). Auch jetzt kann man sich noch ein Bild davon machen. Teile des Viertels wirken ein bisschen vernachlässigt, jedenfalls nicht so herausgeputzt wie das Zentrum.

Das Verhältnis zwischen Christen und Juden war passabel, auch wenn es Prügeleien und Erpressungen gab.

Dann kommt man zu der Breiten Straße. Sie ist eher ein Platz als eine Straße. An der Ostseite des Platzes reiht sich ein Restaurant an das andere, alle mit großen Terrassen. Mehrere der Restaurants bieten am Abend Klezmer-Musik und jüdische Küche. Jedenfalls wird nach jüdischen Rezepten, nicht aber unbedingt nach jüdischen Vorschriften gekocht. Heute leben nur noch gut Hundert Juden in Krakau.

An Restaurants, Bars und Cafés herrscht kein Mangel in Kazimierz. Eins heißt Szalom und gewährt damit einen kleinen Einblick in die polnische Orthographie. Ein anderes hat das Wort für ‚Kaffee‘ in mehr als einem Dutzend Sprachen an seiner Fassade angebracht: coffee, café, kawa, cafea, kávé, cà phé und Wörter in Kyrillisch, Arabisch, Chinesisch und anderen Schriften.

An dem Breiten Platz liegt auch das Café Rubinstein. Es befindet sich in dem Geburtshaus von Helena Rubinstein. Sie emigrierte nach einem abgebrochenen Medizinstudium nach Australien, mit ein paar von ihrer Großmutter geerbten Pflegecremes. Das kam in Australien gut an, und sie entschied, eigene Cremes herzustellen. Die Kosmetik war in Australien noch nicht sehr entwickelt, und sie war mit ihrem weißen Teint der beste Werbeträger für ihre eigenen Produkte. Am Ende stand ein Kosmetik-Imperium.

Dann kommt man zum Neuen Platz, dem Zentrum von Kazimierz, mit den Markthallen im Zentrum, einem niedrigen, runden Gebäude. Hier befand sich früher die jüdische Geflügelschlächterei. Heute sind die kleinen Luken in den niedrigen Ziegelbau Imbissbuden, an denen vor allem die berühmten zapiekanka verkauft werden, warme Baguettes, die hier in Kazimierz besonders gut sein sollen.

Die privaten Häuser befanden sich oft etwas zurückgezogen von der Straße, um einen Innenhof gruppiert. Das hatte wohl finanzielle Gründe. In dem berühmtesten dieser Innenhöfe wurden Teile aus Schindlers Liste gedreht. Der Innenhof ist ausgesprochen schön.

Auf das Viertel verteilen sich verschiedene Synagogen, die Isaak-Synagoge, die Kupa-Synagoge, die Hohe Synagoge und andere. Die Hohe Synagoge heißt so, weil sie sich im ersten Obergeschoss des Hauses befand. Da war man vor den Belästigungen durch die Christen besser geschützt.

Die Synagoge, die Touristen normalerweise besuchen, ist die Remuh-Synagoge. Innen wird momentan renoviert, aber man kann trotzdem rein. Hier kann ich endlich meine in Jerusalem gekaufte Kippa aufsetzen, die in Jerusalem nie zum Einsatz kam.

Der ungewöhnliche Name der Synagoge geht auf die Initialen eines Rabbi zurück, des Rabbi Moses Isserles. Um das ganz zu begreifen, muss man wahrscheinlich Hebräisch können.

Der kleine Gebetsraum hat eine Bima mit einem schönen Gitter und schön bemalten bzw. skulptierten Türen.

Es ist überraschend, wie viel Gemeinsamkeiten man entdeckt: Wie Kirchen haben Synagogen ein ewiges Licht, einen Opferstock und ein Lesepult.

Unter dem Lesepult ist der Boden etwas vertieft. Das steht symbolisch für die Lage des Betenden, der „aus der Tiefe“ Gott anfleht.

Gleich neben der Synagoge liegt der alte jüdische Friedhof, mit einer bewegten Geschichte. Die Grabsteine wurden von den deutschen Besatzern umgestürzt und zugeschüttet. Erst viel später hat man sie wieder aufgestellt, allerdings ohne die ursprüngliche Lage beachten zu können. Aus den Resten von zerbrochenen Grabsteinen ist die Außenmauer des Friedhofs gemacht, die „Krakauer Klagemauer“. Drei Grabsteine sind von besonderer Bedeutung und durch ein einfaches Gitter vom Rest abgetrennt. Man sagt, die Nazis hätten es nicht vermocht, sie umzustürzen. Und diejenigen, die es versucht hätten, seien auf der Stelle umgefallen. Diese Grabsteine erfahren viel Beachtung von Juden aus aller Welt. In den Ritzen stecken die kleinen, weißen Bittzettel.

Von Kazimierz geht es nach Podgórze. Auf dem Weg steht an einer großen Felswand Cracovia, in dicken Pinselstrichen. Das ist eine der beiden, in herzlicher Feindschaft miteinander verbundenen Fußballmannschaften Krakaus. Die andere ist Wisła. Die Rivalität, die als „Heiliger Krieg“ etikettiert wird, führt nicht nur verbal zu Konflikten. Bei den Derbys kommt es häufig zu Schlägereien. Es gibt auch ideologische Untertöne: Wisła-Anhänger diskreditieren Anhänger von Cracovia, indem sie auf deren jüdische Wurzeln verweisen, und die antworten auf die gleiche Art zurück. In der Vergangenheit gab es auch politische Unterschiede. Während der Zeit der Teilung Polens trat Cracovia dem Österreichischen Fußballbund bei und wurde dafür von Wisła attackiert, das aber am Ende selbst auch dem Österreichischen Fußballbund beitrat.

Dabei komme ich endlich an die Weichsel. Und über die Weichsel. Sie ist hier ein breiter, ruhiger Fluss. Alle Brücken, die man sehen kann, sind modern. Alle alten Brücken wurden im 2. Weltkrieg zerstört. Ansonsten blieb Krakau fast völlig verschont.

Ganz zum Schluss der Reise, am Tage der Abreise, sollte ich später noch einmal an die Weichsel kommen, in der Nähe des Wawel. Dort gibt es Ausflugsschiffe, aber die Uferpromenade ist nicht sonderlich verlockend. Hier hat man das Gefühl, noch im sozialistischen Polen zu sein. Ansonsten bekomme ich die Weichsel nicht mehr zu sehen. Die Stadt kehrt ihr den Rücken zu.

In Podgórze befand sich das Krakauer Ghetto, und man gelangt auch sofort auf den Platz der Ghetto-Helden. Der Platz ist einfach und groß und leer, bis auf eine ganze Anzahl von übergroßen Stühlen, die wiederum leer und unregelmäßig über den Platz verteilt sind. Die Skulptur erinnert an die hier exekutierten Krakauer Juden und die Leere nach der Auflösung des Ghettos. Das Ghetto bestand nur zwei Jahre lang.

An der Ecke des Platzes befindet sich die berühmte Adler-Apotheke, benannt nach einem Adler, der hinter der Theke stand, nicht über dem Hauseingang, wo ich lange vergeblich nach ihm suche. Die Apotheke, zur Zeit des Ghettos geführt von einem gewissen Tadeusz Pankiewicz, beherbergt heute eine kleine Ausstellung zum Krakauer Ghetto.

Pankiewicz war der einzige polnische Arier, der im Ghetto wohnte. Er half den Juden, wo er nur konnte, indem er kleine Dienste verrichtete: Post aus der Stadt mitbringen, Lebensmittel zustecken, Nachrichten übermitteln, persönliche Gegenstände heimlich aufbewahren. So wurde er zu einem kleinen Schindler (dessen Fabrik hier ganz in der Nähe war). Er versteckte sogar vier Thora-Rollen, die den Krieg überlebten und dann auf mysteriöse Weise verschwanden. Pankiewicz hielt nach dem Krieg seine Erfahrungen für die Nachwelt fest. Er bezeichnete die Apotheke als eine Art Botschaft der freien Welt im Ghetto.

In der Apotheke sieht man Photos und Dokumente aus der Zeit und sogar einen Film, der zeigt, wie normal die Präsenz der Juden im Zentrum von Krakau bis zum Ausbruch des Kriegs war. Man sieht, mit welcher Effizienz Deutschland vorging: Schon am 6. September waren die Nazis in Krakau einmarschiert, schon am 8. September erging die Order, dass alle Juden einen Stern zu tragen hätten. Sie galt vom 9. September an, ab 17 Uhr. Die Größe der Binde und der Abstand des Sterns vom Rand waren genau festgelegt.

Anfangs gab es viele Einschränkungen für die Juden, aber noch keine Drangsalierung. Juden mussten den Stern tragen, ihre Geschäfte kennzeichnen, durften nicht in die Tuchhallen, in Cafés, in Kinos oder in die Tuchhallen. Man wollte sie „sanft“ zur freiwilligen Auswanderung drängen. Das gelang auch zum Teil, und viele Juden wanderten in die Tschechei aus. Die Mehrheit aber vertraute darauf, dass man sich nur an die Regeln halten müsse und ansonsten ein normales Leben würde führen können.

Dann wurden die Maßnahmen drastischer und dann, 1941, wurde das Ghetto eingerichtet. Das bedeutete, dass fünfmal so weil Menschen wie früher in Podgórze leben mussten, aber auch, dass die Polen, die in Podgórze gewohnt hatten, umgesiedelt wurden. Auf Photos sieht man, wie polnische Hinweisschilder durch Hinweisschilder auf Jiddisch ersetzt werden.

Anfangs konnte man sich noch relativ frei bewegen, aber dann wurde das Verlassen des Ghettos streng verboten. Man sieht in der Ausstellung zwei „Passagierscheine“, einen für Juden, einen für Arier, die die Ausreise erlaubte, aber das waren Ausnahmen. Die Straßenbahn fuhr mitten durch das Ghetto, hielt aber nicht. Anfangs steckten die Fahrgäste den Ghettobewohnern Kleinigkeiten durch die Fenster zu, aber dann wurden die Fenster zugeklebt und verschlossen.

Dann wurde das Ghetto in zwei Teile aufgeteilt, Ghetto A für Arbeitsfähige, Ghetto B für Alte, Kranke, Gebrechliche. Als das Ghetto aufgelöst wurde, kamen die Arbeitsfähigen in Arbeitslager, die nicht Arbeitsfähigen in Vernichtungslager. Die Besichtigung von Kazimierz und Podgórze ist eine Art Einführung auf die Besichtigung von Auschwitz am nächsten Tag.

Auf dem Rückweg entdecke ich eine unscheinbare, etwas veraltet aussehende Eisdiele. Von allen Seiten wird sie empfohlen. Man kann sie leicht übersehen, jedenfalls heute. Sonst stehen hier immer Schlangen von Menschen für ein Eis an, sagt man. Heute nicht. Das Eis schmeckt wirklich sehr gut.

Nach einer Pause im Hotel gehe ich ins Zentrum, um Informationen über die Fahrt nach Auschwitz zu bekommen. Bei der Gelegenheit esse ich eine zapiekanka. Soll das ein Höhepunkt der polnischen Küche sein? Wenn ja, habe ich wohl den falschen Stand erwischt. Das Baguette, mit Pilzen und Käse belegt, ist trocken und hat wenig Geschmack. Am Vormittag habe ich in Kazimierz, wo es „die besten der Welt“ gibt, die Gelegenheit verpasst, eine zu essen.

Ganz in der Nähe sehe ich auch wieder die Frau, die Werbung mit dem Schirm macht. Was macht sie wohl all die Stunden? Leute gucken? Das dürfte die einzige Betätigung sein, der man nachgehen kann. Man hat ja nicht einmal die Hände frei. Musikhören käme vielleicht noch in Frage.

Gegenüber von ihr sehe ich an einem Hauseingang ein Schild, das auf eine dort beheimatete Institution hinweist: Klub inteligencji Katolickiej. Ja, sind denn nicht alle Katholiken intelligent? Oder habe ich da was missverstanden?

Im selben Haus tagt der „Englische Stammtisch“, jeden Mittwoch, und zwar seit zwanzig Jahren. Der Treffpunkt ist im dritten Stock, on the second floor. Und, um Verwechslungen zu vermeiden, fügt man zur Sicherheit hinzu two floors above the ground floor.

Sowohl vor dem Untergrundmuseum als auch vor der Marienkirche stehen lange Schlangen. Als Alternative gehe ich zum Hipolit-Haus und erwische zufällig sogar einen Tag, an dem der Eintritt frei ist, schon zum zweiten Mal innerhalb von drei Tagen. Es ist eins der weniger bekannten Museen Krakaus, und es versteckt sich hinter einem Torbogen.

Es handelt sich um das Haus eines reichen Kaufmanns, das man auf zwei Etagen mit Mobiliar und Accessoires aus verschiedenen Zeiten bestückt hat. Man bekommt einen Eindruck, wie die reichen Krakauer vergangener Zeiten lebten.

Über sehr steile Treppen geht es nach oben. Zuerst gibt es zwei Arbeitszimmer aus der frühen Neuzeit, mit Renaissance-Friesen und einem in die Wand eingelassenen, von einem verzierten Fenster verschlossenen Raum, einem closet, für besonders wertvolle Dinge, eine typisch Krakauer Einrichtung. Eine schwer zu identifizierender Messingschüssel erweist sich als Vorrichtung zum Weinkühlen. Damit es bei der Arbeit nicht allzu streng zugeht.

Die weiteren Räume dieser Etage repräsentieren das 18. Jahrhundert. Es ist wie eine andere Welt, komfortabler, reichhaltiger, moderner. Das Mobiliar ist im Chippendale-Stil. Es gibt unendlich viele Gegenstände, die das tägliche Leben angenehmer machen. Dabei herrscht vor allem Zinn vor: Teller und Kannen, Humpen und Vasen, eine Zuckerdose und sogar ein Kreuz: alles aus Zinn. Im Salon hängen Portraits und historische Gemälde, oft mit patriotischen Motiven. Natürlich erscheint auf denen aus Tadeusz Kościuszko, der Namensgeber des höchsten Bergs Australiens.

Im oberen Stockwerk ist das 19. Jahrhundert repräsentiert, unter anderem durch das elterliche Schlafzimmer, ein verbotener Raum für den Rest der Familie. Außer für die ganz kleinen Kinder, die in einem Bettchen neben dem der Eltern schliefen, geschützt durch ein Netz, das sich über das Bett spannte und das Herausfallen verhinderte. Neben dem Bett der Eltern steht der unvermeidliche Nachttopf.

Der Salon ist ausgesprochen repräsentativ, mit einem Klavier, das jetzt die Stelle des Spinetts aus der unteren Etage einnimmt, und einer großen Palme, deren Blätter sich über das Klavier und das Bücherbord wölben. Anstelle von Chippendale sind jetzt Neurokoko und Biedermeier an der Reihe.

Im Esszimmer steht ein Bücherbord. Nach dem Essen wurde vorgelesen, und alle hörten zu. Das war der Vorgänger der Familienprogramme im Fernsehen der Nachkriegszeit. Es gibt auch ein Telefon und einen vorsintflutlichen, damals hochmodernen Schallplattenspieler mit einem riesigen, sich öffnenden Schallrohr – auch das aus Zinn.

Schließlich gibt es noch das Großmutterzimmer, vollgestopft mit allem möglichen Kleinkram. Hier kam es weniger auf Wert als auf Gemütlichkeit und Sentimentalitäten an. Es werden auch viele nicht genutzte und halb beschädigte Dinge aufbewahrt. Der Hingucker des Zimmers ist aber ein Spinett, das sich, wenn man es öffnet, als Nähkästchen erweist.

Am Abend lande ich in einem der ungewöhnlichsten Lokale, in denen ich je gewesen bin, U Babci Maliny, einer Mischung aus Großmutters Küche, der Kantine des Arbeitsamtes und der Bar eines Sportvereins. An die Großmutter erinnert die Einrichtung, an die Kantine die Selbstbedienung, die Schlange, die Geschirrrückgabe und die rote, elektronische Nummer, die aufblinkt, wenn das Gericht fertig zur Abholung ist, an die Vereinsbar die Pokale und die Photos von Sportsgrößen. Witalij Klitschkow scheint hier Stammgast zu sein, und auch andere posieren in Boxerpose. An die Großmutter erinnert auch der Name, U Babci Maliny, was, jedenfalls in meiner Interpretation, ‚Zur Kleinen Großmutter‘ heißen muss.

Die Kleine Großmutter steht auch in Form einer Statue auf der Theke und hält eine Speisekarte in der Hand. Sie trägt ein knöchellanges Kleid, eine große Schürze und hat einen Dutt. Die Bedienung hinter der Theke ist jung und trägt einen Minirock und eine enge Bluse und reichlich Schmuck. Sie macht fast alles selbst: Bestellung aufnehmen, Bestellung eingeben, Bier zapfen, kassieren, Essen ausgeben, Nummer überprüfen. Das ist gleichzeitig gesundheitsfördernd und geschäftsschädigend: Als mein Bier zu Ende ist, verzichte ich darauf, ein zweites zu bestellen, um nicht wieder in der Schlange stehen zu müssen und mein Essen kalt werden zu lassen.

Das Essen ist sehr schmackhaft, auch wenn ich nicht weiß, welches Gericht ich ausgewählt habe. Das habe ich auf Anraten der Wirtin genommen, konnte aber in der Schnelle bei dem schummrigen Licht nicht lesen, was ich bekomme. Ich weiß nur meine Nummer. Es sind jedenfalls kleingeschnittene Stücke verschiedener Fleischsorten mit Kartoffelstückchen, Bohnen und einem sehr gut dazu passenden, wieder etwas süßlichen Salat, aus Kohl und Möhren. Das Gericht hat den stolzen Namen Przysmak Gospodarza Zestaw Surówek.

Während man wartet, hat man genügend Zeit, sich die verrückte Einrichtung anzusehen: lange Holzbänke an langen Holztischen, ein Reetdach über der Theke, gehäkelte Gardinen und handbemalte Läden an den „Fenstern“ des fensterlosen Kellerraums, traditionelles Geschirr auf Regalen an der Wand, Puppen, und ein Kinderbett.

Die Kunden sind fast ausschließlich Polen. Das Lokal ist allerdings auch nicht ganz einfach zu finden und befindet sich, so unpassend, dass es zu der Gesamtidee passt, in dem neoklassizistischen Gebäude einer polnischen Akademie!

26. Juli (Donnerstag)

Soll man nach Auschwitz fahren? Muss man nach Auschwitz fahren? Immer wieder mache ich mir Gedanken darüber und komme zu keinem Schluss. Und wenn man sich entscheidet, nach Auschwitz zu fahren, dann wie? Alleine? Oder etwa mit einer organisierten Exkursion? Die werden hier angeboten, als es wenn es dasselbe wie eine Exkursion nach Sakopane oder in das Salzbergwerk nach Wieliczka wäre. Das alleine macht einen skeptisch.

Im letzten Moment, am Vorabend, entscheide ich mich dann doch für eine organisierte Fahrt. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellt. Das liegt in erster Linie an der Führung in Auschwitz. Aber der Grund für die Entscheidung ist praktischer Art. Man braucht sich um nichts zu kümmern, und wird sogar vom Hotel abgeholt. Der Fahrer fährt allerdings so, als wolle er, dass wir Auschwitz nicht mehr erleben.

Das Wetter scheint sich dem Anlass angepasst zu haben. Nieselregen und dunkle Wolken. Wir kommen an einem Fußballstadion vorbei, sehen einen verwegenen Anstreicher ohne jede Absicherung und fröhlich quatschend auf dem Fenstersims im zweiten Obergeschoss eines Hauses, kommen an einem Geschäft vorbei, das Natur House heißt und dann an einem Porzellanladen, dessen Namen einem zeigt, dass man mit den Normen der polnischen Rechtschreibung nicht vertraut ist: Szkło. Die letzten Mitfahrer werden direkt neben einer Polizeiwache abgeholt. Der Fahrer hält im absoluten Halteverbot, bleibt aber im Auto sitzen, da in dem Moment ein Polizeiauto vorfährt. Die Polizisten sehen einmal fragend in unsere Richtung, gehen dann aber in die Wache, und der Fahrer steigt aus und holt seine Kundschaft.

Während der Fahrt wird ein Film über Auschwitz gezeigt, auf Englisch. Es ist aber, wie man im Abspann sehen kann, ein deutscher Film. Im Zentrum des Films steht der sowjetische Kameramann, der Bilder von der Befreiung von Auschwitz gemacht hat, damals ein junger Mann und, wie er berichtet, ohne jeden konkreten Auftrag, was zu photographieren sei. Was ihm besonders in Erinnerung geblieben sei, sagt er, sei die Abwesenheit von Freude in den Gesichtern der Befreiten.

Als wir ans Ziel kommen, erinnere ich mich an einen Zeitungsartikel über Auschwitz. Über Auschwitz. Nicht über das Konzentrationslager. Über Auschwitz, die Stadt. Über das Verlangen der Bewohner, nicht immer mit dem KZ in Verbindung gebracht zu werden. Und über die Vergeblichkeit dieses Wunsches. Wo immer man nach der Herkunft gefragt wird, dieselben Reaktionen. Und über die Proteste gegen die Eröffnung einer Disko im Ort, von den Jugendlichen so sehr ersehnt. Als wir in die Stadt fahren, stehen ein Kreisverkehr und ein Lidl am Rande des Kreisverkehrs für die herbeigesehnte „Normalität“. Auf Polnisch heißt Auschwitz Oświęcim.

Das Konzentrationslager heißt heute Museum Auschwitz. Der Parkplatz steht voller Reisebusse.

Unter dem berühmten Torbogen Arbeit macht frei, der sich nicht gleich am Eingang befindet, jedenfalls heute nicht mehr, werden wir von der Führerin in Empfang genommen, einer couragierten Frau mittleren Alters. Sie macht alles richtig. Die Führung ist von großer Intensität. Die Führerin schildert alles genau und eindringlich und ohne falsches Pathos. Sie macht es ihren Zuhörern nicht einfach und arbeitet gegen falsche Selbstzufriedenheit: „Was wäre wenn …?“, „Was würden sie tun, wenn..?“, „Wie verhalten wir uns heute?“. Gleichzeitig ist die Führung informativ, und sie räumt mit einigen Klischeevorstellungen auf.

Es herrscht absolute Stille. Alle hören gebannt zu, keiner stellt Fragen, es wird nicht untereinander getuschelt. Erst am Ende, als wir schon in Birkenau sind, löst sich auf dem offenen Gelände die Spannung ein bisschen, und es werden Kommentare gemacht und Fragen gestellt.

Ein paar Norweger fragen die Führerin, wie lange sie das schon mache. Zwanzig Jahre. Muss eine merkwürdige Erfahrung sein, in einem Konzentrationslager zu arbeiten, auch wenn es jetzt Museum heißt. Was sagt man auf die Frage „Wo arbeiten Sie?“. Welche Reaktionen löst die Antwort aus?

Gleich zu Anfang müssen wir eine unserer überkommenen Vorstellung korrigieren. Wo sind die Holzbaracken? Es gibt keine. Das Konzentrationslager hatte keine, jedenfalls bis kurz vor Schluss nicht. Hier sind alle Häuserblöcke aus Backstein. Das hat seinen Grund. Es sind die Gebäude der polnischen Kaserne, die sich hier befand, als Polen überfallen wurde. Das war auch der Grund für die Wahl des Standortes.

Es geht zunächst durch ein paar Ausstellungsräume, die allgemeine Informationen bieten. Ganz grundlegend ist erst einmal die Unterscheidung zwischen Konzentrationslagern und Vernichtungslagern. Auschwitz war beides. Das Vorhandensein von Konzentrationslagern war hinlänglich bekannt. Sie wurde auch gar nicht geheim gehalten. Es waren „Umerziehungslager“, und um die Sache zu rechtfertigen, waren die Gefangenen im Grunde „politische Gefangene“. Zu ihnen gehörten Homosexuelle, Huren, Bettler, Zigeuner, Priester, Kommunisten und Sozialisten. Die wurden auch durchaus wieder freigelassen, auch das aus Motiven der politischen Propaganda. Eine Warnung an alle anderen.

Es gab um die tausend Konzentrationslager, viele davon in Deutschland, auf dem Boden des Deutschlands der Weimarer Republik. Es gab aber nur sechs Vernichtungslager, alle auf dem Territorium des eroberten Polen: Auschwitz, Majdanek, Sobibor, Bergen-Belsen, Treblinka, Kulmhof. Beide stehen auch in einem anderen zeitlichen Rahmen. Konzentrationslager bestanden schon seit 1933, Vernichtungslager erst seit 1941, und deren Existenz wurde streng geheim gehalten. Sie wurden ebenfalls als Konzentrationslager bezeichnet, und selbst im internen Schriftverkehr ist lediglich von Sonderbehandlung, Säuberung, Umsiedlung, Evakuierung die Rede.

Es gab in Europa nach der nationalsozialistischen Interpretation etwa 11 Millionen Juden, davon 9 in der Sowjetunion, Polen und Ungarn. Die meisten der in Auschwitz umgebrachten Juden waren Ungarn. In Großbritannien lebten nur 300,000 Juden. Die wurden gerettet, weil Großbritannien nicht erobert wurde, genauso wie die in Schweden lebenden Juden, während die dänischen Juden gerettet wurden, weil Schweden sie aufnahm.

Die Juden in den eroberten Gebieten wurden ausgewiesen. Ihnen wurde eine neue Heimat, ein neues Land versprochen. Die kollaborierenden Länder sorgten selbst für den Transport der Juden in die Vernichtungslager. Oder übertrugen das den Juden selbst. Man sieht in einer Vitrine Zugfahrkarten, die von griechischen Juden gelöst wurden: von Athen nach Auschwitz.

Auschwitz bestand, wie man auf einer Karte gut sehen kann, aus drei Lagern, mit einiger Distanz zueinander: Auschwitz I, das Konzentrationslager, Auschwitz II, das Vernichtungslager Birkenau, und Auschwitz III. Wir besuchen Auschwitz I und Auschwitz II. Auschwitz III wurde von den Alliierten bombardiert und zerstört. Es ist fast nichts übriggeblieben. Hier waren die Arbeitslager von IG Farben und Buna. Man sieht Luftaufnahmen, die die Alliierten gemacht haben, die alles ganz klar sehen lassen. Die Führerin macht ganz klar, dass das Interesse der Alliierten in der Zerstörung der deutschen Industrie lag. Es ging darum, den Krieg zu gewinnen, nicht darum, Juden zu befreien.

In der durch Filme und Erzählungen geprägten Vorstellung strömte das Gas von oben in die Krematorien ein. Stimmt nicht. Das Gas befand sich in Pellets, pillenförmigen, weißen Kapseln, von denen hier Tausende präsentiert werden. Die Pellets lösten sich, wenn die Türen geschlossen wurden, durch die Einwirkung der menschlichen Körperwärme langsam auf.

Das Töten dauerte nicht lange. Wohl aber das Verbrennen. Das überließ man den Gefangenen. Die Deutschen machten sich nicht die Hände schmutzig bei dieser Arbeit. Es waren Gefangene, die die Leichen aus den Gaskammern ziehen mussten.

Man wird durch verschiedene Blöcke geführt, von denen sich jedes einem zentralen Thema widmet. In einem sieht man eine unendliche Reihe gleichförmiger Photos, mit genauen Angaben über die Person: Name, Geburtsdatum, Beruf, Zivilstand und Nummer. Die Frauen sind mit ihren kurzgeschorenen Haaren oft kaum als Frauen zu erkennen. Einige wenige tragen das Haar lang. Warum, bleibt unklar.

Es wurden 40,000 solcher Photos gemacht. Im Konzentrationslager ging es um genaue Erfassung aller Daten, im Vernichtungslager zählten nur Zahlen.

In diesem Zusammenhang stellt die Führerin zwei unbequeme Fragen: Wie hätten Sie sich verhalten, wenn Sie an der Stelle des Photographen gewesen wären? Sein Vater war Österreicher, seine Mutter Polin, seine Großmutter Russin. Er stellte sich auf die Seite des Regimes, kollaborierte. Hätten wir das nicht auch gemacht? Von dem Photographen wird erzählt, er habe nach dem Krieg nie wieder ein Photo gemacht.

Die andere unbequeme Frage, deren Antwort offen bleibt, ist die: Warum hinterließen die Deutschen so viele Dokumente? Warum wurde nicht alles vernichtet? Fast alles, was über Auschwitz bekannt ist, weiß man aus deutschen Dokumenten.

Die Gefangenen wurden alle in die bekannte Einheitskleidung gesteckt. Juden wurden durch einen Stern, alle anderen durch ein Dreieck gekennzeichnet. Alle Kleidungsstücke wurden mit der Identifikationsnummer gekennzeichnet. Und in Auschwitz, aber nur in Auschwitz, wurde sie auch in den Arm tätowiert. Die Führerin erzählt von einem Überlebenden, der seinen Enkeln, wenn sie ihn als fragten, erzählte, das sei seine Telephonnummer. Er wollte ihnen die Wahrheit nicht zumuten, solange sie Kinder waren.

In einem anderen Block sieht man persönliche Gegenstände, alle in Unzahl auf einen Haufen geworfen, ungeordnet. Das gibt ein sehr eindringliches Bild. In einer die ganze Längsseite des Raumes einnehmenden Vitrine sieht man nur Koffer, in einer anderen nur Haare, in einer anderen nur Schuhe. Dann Bürsten, Kämme, Prothesen.

Die Haare wurden desinfiziert und an die deutsche Industrie verkauft, die daraus unter anderem Socken herstellte. Und Zöpfen und Perücken, von denen eine ganze Menge hier ausgestellt ist.

Dann sieht man Gefängniszellen, alle durch ihre Enge und Kargheit charakterisiert. Jedes kleinste Vergehen, jede kleinste Abweichung von der Norm wurde geahndet. Auch hier ging es um Abschreckung. Besonders prägt sich mir ein Stehzelle ein, ein kleines, von Ziegelsteinen geformtes Quadrat. Hier musste man stundenlang stehen. Einfach stehen.

Block 11, der letzte in der Reihe, wurde Todesblock genannt. Hier saßen Saboteure ein, von außen und von innen. Wer hier einsaß, kam selten mit dem Leben davon. Der Exekutionshof befand sich zwischen diesem und dem davor stehenden Block.  Dessen Fenster sind verbarrikadiert. Die anderen Gefangenen sollten nicht Zeuge der Hinrichtungen werden, der Führerin zufolge deshalb nicht, weil sich viele Verurteilte weigerten, sich nach hinten zu drehen und stattdessen dem Tod mutig und singend oder betend ins Auge sahen.

Dann geht es an den Küchengebäuden vorbei. Überleben konnten, der Führerin zufolge, nur die physisch und psychisch Starken und die, die sich zusätzliches Essen besorgen konnten. Von der normalen Ration – mittags eine Suppe mit einer Kartoffel und abends ein Stück Brot – konnte man bei der harten Arbeit nicht überleben. Auch wenn die Ration minimal war, mussten immerhin 20,000 Stück Brot gebacken und geschnitten werden, und 20,000 Kartoffeln und Suppe für 20,000 gekocht werden. Wenn man kollaborierte und in der Küche zum Einsatz kam, hatte man eine bessere Möglichkeit, etwas abzuzweigen. Auch hier die unbequeme Frage: Was hätten Sie gemacht? Kollaboriert, auch wenn es auf Kosten der Mitgefangenen gegangen wäre?

Immer wieder kommen wir an Mauern mit Stacheldraht innerhalb des Lagers vorbei. Auschwitz war in zehn voneinander abgetrennte Lager aufgeteilt. In denen herrschten teils andere Bedingungen vor. Das erklärt, warum Überlebende von Auschwitz teils widersprüchliche Berichte hinterlassen haben: Männer und Frauen gemeinsam, Männer und Frauen getrennt; harte Arbeit, überhaupt keine Arbeit; Juden unter den Häftlingen, keine Juden unter den Häftlingen.

Dann kommen wir zum Krematorium. Dass ein Krematorium auf dem Gelände des Konzentrationslagers stand, das, erfährt man, gab es nur in Auschwitz. Hier wurde mit Zyklon B experimentiert. Als dann das Vernichtungslager eingerichtet wurde, wurde das Krematorium nicht abgerissen, sondern zu einem Luftschutzbunker umfunktioniert. Deshalb ist es stehen geblieben.

Die Gefangenen mussten sich außerhalb des Krematoriums ausziehen. Dafür gab es noch keine Vorrichtungen wie später in Birkenau. Die Führerin sagt, die Verurteilten hätten vermutlich mehr Scham als Furcht empfunden.

Gleich gegenüber dem Krematorium ist das Quartier des Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß. Er lebte mit seiner ganzen Familie hier. Nach dem Krieg und den Nürnberger Prozessen wurde er an Polen ausgeliefert, vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Er wurde genau hier, vor dem Krematorium, gehängt.

Dann endet die Besichtigung von Auschwitz I. Mit den Bussen werden wir nach Auschwitz II gebracht, nach Birkenau, dem Vernichtungslager. Auf dem Weg dahin liegt längs der Straße ein stillgelegtes Bahngleis.

Birkenau wurde, im Gegensatz zu Auschwitz I, wo die Kasernenbauten bereits vorhanden waren, eigens errichtet. Die Bewohner des Ortes wurden evakuiert. Sie mussten einfach Platz machen.

Hier sind die meisten Gebäude zerstört worden, ein Krematorium noch einen Tag vor der Befreiung von Auschwitz. Wir gehen einen langen, schnurgeraden Weg entlang. Rechts davon verläuft wieder ein Eisenbahngleis, auf dem ein einzelner Waggon steht. Auch hier muss mit überkommenen Vorstellungen aufgeräumt werden: Die meisten Gefangenen kamen nicht in Waggons, sondern auf Lastwagen. Erst ganz zum Schluss, als immer mehr Menschen hierher gebracht wurden, wurde das Eisenbahngleis angelegt.

Am Ende des Weges steht ein Monument für die Ermordeten. Darum herum gruppieren sich 21 Gedenkplatten, in allen in Auschwitz gesprochenen Sprachen und auf Englisch, alle mit dem gleichen Text. Spanisch ist nicht vertreten, aber eine dem Spanischen nah verwandte Sprache oder ein Dialekt des Spanischen, vielleicht Asturianisch. Ob das etwas mit der besonderen politischen Ausrichtung von Asturien als Bergbaugebiet und Arbeiterregion zu tun hat? Jedenfalls machen die Gedenksteine klar, dass sich die Gefangenen nicht ohne Weiteres miteinander verständigen konnten.

Kurz vor der Befreiung von Auschwitz gab es einen Aufstand im Lager, aber der fand keine Unterstützung. Zum einen, weil durch die Ankunft der Gefangenen aus den inzwischen von der Sowjetunion eroberten Gebieten Nachrichten aus dem Osten hierher drangen, Nachrichten von der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto und Nachrichten von der Befreiung von Majdanek durch die Sowjetunion. Man hoffte auf die baldige Befreiung von Auschwitz. Ein Aufstand jetzt hätte noch mehr Opfer gefordert. Zum anderen scheiterte der Aufstand, weil die Russen auf sich warten ließen und den Aufstand nicht unterstützten. Dabei klingt in den Worten der Führerin deutlich ein Vorwurf Richtung Sowjetunion mit. Andererseits betont sie immer wieder, die ersten Konzentrationslager seien von der Sowjetunion, nicht von den USA befreit worden.

An der Seite des Monuments die zusammengestürzten Reste eines Krematoriums. Hier gab es einen langen Gang, in dem man sich auskleidete, um dann zu den „Duschen“ geführt zu werden. Unserer Führerin zufolge muss es den Gefangenen eingeleuchtet haben, gleich nach der Ankunft im Lager nach der Zugfahrt unter verheerenden Bedingungen in die Dusche geführt zu werden. Als sie merkten, dass sie in den Tod gingen, war es zu spät, um zu agieren. Sie standen unbekleidet den uniformierten und bewaffneten SS-Leuten gegenüber. Und die meisten von ihnen waren Frauen und Kinder. Männer hatten eine bessere Chance, für den Arbeitsdienst ausgewählt zu werden. Die Frauen gingen vermutlich singend und betend und ihre Kinder beruhigend in den Tod.

Hinter dem Krematorium befindet sich ein riesiges „archäologisches“ Gelände, das man aus Pietätsgründen bisher weitgehend unerforscht gelassen hat. Hier müssen sich Tausende von Leichen befinden. Man hat exemplarisch ein paar Ausgrabungen gemacht und dabei noch einige persönliche Gegenstände gefunden, vor allem Tagebücher. Die Führerin sagt, viele Überlebende hätten über Auschwitz geschrieben oder gesprochen, aber kaum jemand von denen, die für die Entsorgung der Leichen ihrer Mitgefangenen zuständig waren. Das sei vermutlich eine zu große Bürde. In dem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Besprechung des Buchs eines polnischen Häftlings, Tadeusz Borowski, der als politischer Gefangener nach Auschwitz kam und an der Rampe in Einsatz war. Er schildert, dass er kein Mitleid empfindet. Er ist über sich selbst entsetzt. Ein erfahrener Kollege versichert, das sei normal. Die Rampe gehe dir auf die Nerven, man bekomme Wut auf die Menschen, die in den Tod gingen – weil sie es langsam tun, zu laut klagen, weil sie die unangenehme Arbeit in die Länge ziehen. Borowski selbst wird mit seinen Gefühlen nicht fertig und nimmt sich das Leben.

Auschwitz insgesamt sollte auf das doppelte seiner Kapazität erweitert werden. Diese Pläne bestanden noch bis kurz vor der Auflösung des Lagers. Höß, der Lagerkommandant, gab nach dem Krieg Auskunft über die Vorzüge des Standorts: mitten in Europa und dennoch abgelegen und damit gut für die Geheimhaltung, vorhandene Eisenbahnlinien, das nahegelegene Kohlerevier.

Auf dem Rückweg komme ich mit einem mexikanischen Studenten ins Gespräch, der gerade ein Auslandssemester in Hohenheim hinter sich hat und begierig Deutsch spricht. Das hilft mir, ins normale Leben zurückzukehren.

Der Besuch von Auschwitz, furchterregend und gleichzeitig tief bewegend, hinterlässt ein schwer beschreibbares, auf paradoxe Weise fast versöhnliches Gefühl. Vielleicht liegt es an dem würdevollen Rahmen, vielleicht daran, dass man sich einfach mit dem Schrecken auseinandergesetzt hat.

Die Führerin sagt, viele kämen ein zweites Mal. Erst dann könne man die ungeheure Menge an Eindrücken und Informationen bewältigen.

Am Abend gehe ich dann noch einmal nach Kazimierz, dem ehemaligen jüdischen Viertel. Irgendwie kommt mir das angemessen vor. Es wirkt heute viel freundlicher als gestern. Das Wetter ist besser und überall sitzen oder flanieren Leute.

Das Klezmer-Lokal, das mir empfohlen worden war, ist ausgebucht, und die großen Lokale an der Breiten Straße sind in ihren Werbemethoden etwas aufdringlich und außerdem teuer. Am Ende lande ich in einem Restaurant mit einem merkwürdigen Namen: Dawno Temu Na Kazimierzu – Vor langer Zeit in Kasimir. Es ist genauso vollgestopft mit Dingen wie das Großmutter-Lokal gestern, scheinbar ohne jedes Prinzip ausgewählt: ein Kachelofen, eine Nähmaschine, ein Spiegel, eine Presse, ein Akkordeon, ein Brautkleid, ein Siebenarmiger Leuchter, Kaftane. Vermutlich stehen sie alle irgendwie in Verbindung mit jüdischen Traditionen.

Es gibt Live-Musik: ein Akkordeon und eine Gitarre, gespielt von zwei jungen Männern mit ganz kurz geschorenen Haaren. Da bleiben Assoziationen nicht aus. Die Musik ist schön, mit schnellen, dynamischen Rhythmen.

Draußen zieht ein Gewitter auf und drinnen gibt es nur einen schummrigen Leuchter und ein paar Kerzen. Man kann die Einträge auf der Speisekarte kaum erkennen.

Es gibt Weine aus Israel und aus einem Land namens Włochy. Das ist Italien! Ich bleibe aber beim Bier, denn hier gibt es Tyskie, das ich schon immer mal probieren wollte. Irgendwie klingt der Name verheißungsvoll. Es schmeckt aber nicht so gut wie Śywiec.

Ich esse als Vorspeise ein Gericht, das Jüdischer Kaviar heißt. Das ist kleingehackte Hühnerleber mit Ei. Das isst man mit Brot und Butter. Anschließend gibt es Tschulent, ein Rindfleischgericht mit drei verschiedenen Arten von Bohnen.

Auf dem Rückweg bekomme ich noch die letzten Flügelschläge des Gewitters mit, aber dann klärt es auf, und ich kann noch einen Spaziergang machen, am Wawel und am Hauptmarkt vorbei und über die Josefa Dietla. Jetzt erst schwant mir, dass Josefa keine Frau ist, sondern der Genitiv von Josef. Und Jana auch keine Frau ist, sondern der Genitiv von Johannes.

In der Nähe des Wawel werden die Entfernungen zu allen möglichen Städten angegeben: Nach Budapest sind es nur 295 Kilometer, aber nach Dublin stolze 2230 Kilometer. Hätte ich nicht gedacht. Nürnberg heißt Norymberga, und Rzym ist Rom.

27. Juli (Freitag)

Beim Laufen einen kleinen Schlenker gemacht, um herauszufinden, um was es sich bei dem riesigen, blassgelb gefassten, neoklassizistischen Bau handelt, der stadtwärts gleich neben einer gotischen Kirche liegt. Steht nicht dran, aber der Stadtplan weiß Rat: Es ist das Slowaki-Theater. Hat nichts mit der Slowakei zu tun, sondern mit einem polnischen Romantiker. Hier werden vor allem polnische Klassiker gespielt.

Auf dem Weg ins Zentrum fällt mir wieder die unglaubliche Sauberkeit der Stadt auf. Überall stehen Abfallkörbe herum, und auf dem Boden liegt kein Schnitzelchen Papier.

Heute gibt es die Tuchhallen im Gesamtpaket. In vier Durchgängen, und auf vier Etagen.

Es beginnt im Keller. Der Tuchhallen erster Teil. Hier befindet sich das neueste und modernste Museum Krakaus. Es zeigt, was genau hier, an Ort und Stelle, gefunden wurde. Die Ausgrabungen sind noch neueren Datums. Auf Photos sieht man, wie noch vor kurzem der gesamte Bereich an den Seiten der Tuchhallen aufgewühlt war. Was gefunden wurde, sind die Kellerräume der alten Tuchhallen. Und darin alle Art von Gegenständen, die Auskunft über das mittelalterliche Leben geben. All das wird in allermodernster Form hier präsentiert.

Man betritt das Museum durch einen virtuellen Schleier. Das ist so lebensecht gemacht, dass man sich kaum traut, hindurchzugehen.

Dann kommt man auf einen virtuellen Marktplatz, mit Pferdegetrampel, Marktschreiern und Unterhaltungen auf Polnisch, Deutsch und Italienisch.

Zur Ergänzung des virtuellen Markts gibt es reale Gegenstände, darunter eine große Waage, auf der man sich wiegen lassen kann. Ich wiege 1 Cetnar, 1 Kamien, 23 Funt, 2 Wiardunek, 1 Uncja, 1 Łut Kratkowski, 1 Skoljec, 1 Obol. Geht noch.

Alle Waren mussten gewogen werden, und man musste dafür bezahlen! Dafür hatte man die Gewähr, dass richtig gewogen wurde. Private Waagen waren verboten!

In diesem Zusammenhang gibt es Informationen und Anschauungsmaterial zu Maßen und Gewichten. Eine Sache, die ich nicht richtig verstehe bezieht sich auf die Längenmaße. Es heißt, es habe unterschiedliche Einheiten für Distanzen und Längen gegeben. Den Menschen im Mittelalter wäre es unsinnig erschienen, die Entfernung nach Kazimierz genauso anzugeben wie die Länge eines Feldes. Meilen wurden als Einheit von Landvermessern genutzt. Eine Meile war etwa 8 Kilometer.

Das Dezimalsystem wäre den Menschen im Mittelalter zu kompliziert erschienen. In Dutzend konnte man besser rechnen: 12 lässt sich durch 2, 3, 4 und 6 teilen, 10 nur durch 2 und 5. Außerdem konnte man sich in das Zwanzigersystem gut einklinken, wenn man 12 x 5 nahm.

Neben der Waage steht ein Fuhrwerk. Der Transport war für den Handel natürlich von zentraler Bedeutung. Das Fuhrwerk ist zweirädrig. Damit war man auf den unebenen Straßen beweglicher. Das vierrädrige Fuhrwerk setzte sich erst im 14. Jahrhundert durch, nachdem man ein bewegliches Vorderteil konstruiert hatte.

Und auf den Boden kam es an. Lehmböden konnten Regen und Tauwetter nicht gut vertragen. Deshalb fand der Handel meist im Sommer und im Winter statt. Im Winter wurden die Fuhrwerke oft durch Schlitten ersetzt.

Wasserläufe bedeuteten immer ein Hindernis. Es ist verblüffend, wie viele Alternativen zu deren Überwindung es gab: Brücken, Stege, Deiche, Fähren, Furten. Diese waren am wichtigsten. Wenn man einen  Flusslauf überquerte, bedeutete das oft auch Zollabgaben. Krakau hatte fast von Beginn an das Privileg, dass alle Waren, die hier durchkamen, drei Tage lang zum Kauf angeboten und verzollt werden mussten.

An einer Messwand kann man sehen, wie groß die Menschen waren. Im 11.-12. Jahrhundert war der durchschnittliche Mann 1,71, die durchschnittliche Frau 1,56 groß. Wie sie das bloß rausgefunden haben?

Dann kommt ein Stadtmodell, ganz einfach gehalten, mit braunen Klötzchen für die Häuser. Fast alles ist innerhalb der Stadtmauern. Außerhalb nur ein paar vereinzelte Bauernhäuser und ein paar Kirchen. Waren die außerhalb, um Pilger oder Reisende aufzunehmen? Oder weil es Klöster waren und man die Einsamkeit suchte? Es müssen aber nur wenige Minuten Fußweg bis zu der Stadt gewesen sein.

Man sieht noch die alten Tuchhallen, viel niedriger als die heutigen, aber einen größeren Teil des Platzes einnehmend. Sie sehen eher aus wie die Hamburger Dammtorhallen. Das Rathaus ist noch komplett, und die Marienkirche hat viel niedrigere Türme, die aber auch zu dieser Zeit schon ungleich hoch waren.

Die größten archäologischen Funde waren die Begräbnisstätten. Dabei wurden einige überraschende Entdeckungen gemacht. Zum Beispiel wurden schon vereinzelt Särge benutzt (neben Leichentüchern), zu einer Zeit, als es sie in Mitteleuropa noch nicht gab – dachte man jedenfalls.

Auch wurden einige Menschen mit den Händen über Kreuz begraben. Das war die byzantinische Tradition, aber in Mitteleuropa dem Klerus und der Elite vorbehalten. Einige der Bischöfe auf dem Wawel wurden aber nicht mit überkreuzenden Händen begraben. Das gibt den Archäologen Rätsel auf.

Zu den Grabbeigaben zählen sehr bunte, modern aussehende Halsketten. Die könnten ohne weiteres heute oben in dem Gewölbe der Tuchhallen verkauft werden.

Einige Leichen wurden in merkwürdigen Positionen gefunden: auf dem Bauch liegend, auf der Seite liegend, mit an den Brustkorb gedrückten Beinen, so als hätte man sie gefesselt. Bei einigen war der Kopf abgetrennt und fand sich woanders, teilweise auf dem Sarg. Man vermutet, dass es Menschen waren, die des Vampirismus verdächtigt wurden. Durch die besondere Lage und das Fesseln sollte verhindert werden, dass sie den Lebenden nachstellen.

Auch ein Pferdekopf wurde entdeckt und die Köpfe zweier Männer, die Besonderheiten aufwiesen. Der eine wurde vermutlich exekutiert, durch einen gezielten Schlag, der andere unterzog sich einer Schädeltrepanation, die er überlebte und die sein Leben verlängerte. Man sieht deutlich das Loch im Kopf! Wahrscheinlich wurde die Trepanation zu therapeutischen Zwecken durchgeführt. Es gab auch Schädeltrepanationen zu magischen Zwecken. Dieser Patient scheint aber eine Verletzung gehabt zu haben, vermutlich durch einen Kampf, bei dem ein Stück Metall in seinen Kopf geriet.

Dann wird man an den Grundmauern der Keller entlang geführt, und alle paar Meter wartet eine Station auf einen, wo es Ausgrabungsobjekte und Informationen zu einem Thema gibt. Das ist erstklassig gemacht, aber zu viel.

Ich bleibe bei den Düften, bei der Frauenkleidung, bei der Männerkleidung und beim Spiel stehen. Spiele wurden von der Kirche nur ungern geduldet und manchmal gar nicht. Karten und Spielfiguren landeten häufig im Feuer. Geduldet wurde nur Schach, da es als intelligenzfördernd galt. Hier sieht man das, was dem Feuer entging: winzige Würfel, Spielsteine, Spielfiguren, auch Holzpferdchen.

Unter „Krakauer“ verstand man damals einen Herrenschuh. Der lief so spitz zu, dass er das Gehen erschwerte, ein Tribut, den die Dandys der Zeit an die Mode zollen mussten. Man sieht einige Exemplare, meistens mit einem vulgären Motiv an der Spitze.

Gürtel waren ein unerlässlicher Teil der Männerkleidung. Sie hatten schon Löcher und eine Schnalle. Am Gürtel hing dann auch der Beutel, in dem man die persönlichen Dinge wie Handy und Kreditkarte mit sich herum trug. Das war nötig, denn es gab noch keine Taschen in der Kleidung!

Frauenkleider waren zunächst lang und weit. Alle Kurven wurden unter der Kleidung verborgen. Das änderte sich im Spätmittelalter, als ein neue Erfindung sich durchzusetzen begann: der Knopf!

Das Schönheitsideal war unumstritten: blondes Haar, schlanke Figur, blasser Teint, allenfalls mit roten Backen. Auch damals taten die Frauen schon alles, um der Natur nachzuhelfen: Die Haare wurden mit Spülwasser behandelt, die Haut mit den Exkrementen gezüchteter Igel. Die Augenbrauen wurden grundsätzlich gänzlich beseitigt.

Düfte waren auch schon immer wichtig. Man benutzte eine Mischung aus Öl, Rosmarin, Lavendel und Alkohol. Der große Durchbruch der Düfte und ihre Entwicklung zum Parfüm war den Männern zu verdanken, den Kreuzrittern. Sie  hatten aus dem Orient Duftstoffe mitgebracht. Die sollten dazu dienen, die Rosenkränze zu parfümieren. Es blieb den Frauen überlassen, diese heilige Sitte zu profanieren. Um diese Erkenntnis bereichert, verlasse ich das Museum.

Es geht weiter zwei Etagen höher. Der Tuchhallen zweiter Teil. Hier befindet sich die vornehme Dachterrasse des vornehmen Cafés der Tuchhallen, mit astronomischen Preisen, für polnische Verhältnisse. Ich gönne mir einen Eiskaffee. Das Wetter lädt dazu ein. Heute ist wieder Sommer.

Jetzt geht es noch eine Etage weiter rauf. Der Tuchhallen dritter Teil. Hier befindet sich das Kunstmuseum, in vier Sälen, zwei kleinen und zwei großen: Aufklärung, Romantik, Akademiestil und ein Saal, der einfach „19. Jahrhundert“ heißt und von allem etwas hat.

Beim Akademiestil treibt es einen gleich wieder hinaus, angesichts der riesigen Gemälde von Schlachten und anderen historischen Ereignissen. Ein einziges Bild nimmt die gesamte Stirnwand des Saals ein. Leider werden keine Maße genannt. Die Pferde, die aus dem Bild hervor zu preschen scheinen, sind dennoch beeindruckend.

Bei der Aufklärung herrschen klare Linien und elegante Formen vor. Der Stil wurde ausdrücklich vom König gefördert. Die Bilder sollten „guten Geschmack“ beweisen und sich von den Vorgängern, den Malern der Zünfte, abheben. Es war vermutlich so etwas wie eine Professionalisierung der polnischen Malerei. Die meisten Maler stammten aus dem Westen, aus Italien und Frankreich, und malten vornehmlich Portraits und mythologische Szenen. Alles wirkt sehr einheitlich.

Ganz anders im 19. Jahrhundert. Hier sind die Maler fast ausschließlich Polen und die meisten Bilder aus einer Zeit, als Polen als Staat nicht existierte. Es ist eine Selbstvergewisserung der polnischen Malerei, und es kommen auch viele einheimische Sujets zur Geltung. Es gibt wirklich von allem etwas: ein Schlachtengemälde, ein Waldweg mit zwei Ochsenkarren, ein Dorfmädchen in Trachtenkleidern, ein Totenbett, eine nackte Frau, die stürmisch ein riesiges Pferd umhalst (und die Ekstase darstellt), eine Talmudschule, ein weiblicher Akt, ein musizierender Hirte, Pferde im Schneematsch vor einer Bauernkate.

Sehr schön ein großes, leuchtendes Bild von einem Malerjungen, der alleine auf einer einfachen Bank am Wegesrand sitzt und Pause macht. Er blickt nachdenklich den Weg hinunter, aus dem Bild hinaus. Alles kommt sehr schön zur Wirkung: die vereinzelten braunen und gelben Blätter zu seinen Füßen, die Farbklekse auf seiner Kleidung, die Schatten, die seine Schuhe auf den Weg werfen, der dunkle, kahle Baum mitten in dem dichten Grün des Hintergrunds, die Kappe, die ein Auge verdeckt, die „Nasen“ an den Farbtöpfen und Kannen, die in einem hölzernen Kübel an der Seite stehen, die einzelnen, etwas abgeblätterten Birkenstämme, aus denen die Bank gemacht ist, der Rost am Ring des Fasses. Der Junge ist ganz allein mit sich und der Natur. Der merkwürdige Titel des Bildes, Introduction, gibt einem Rätsel auf. Leider gibt es zu den Bildern überhaupt keine Informationen. Das Bild, gemalt von einem gewissen Jacek Malczewski (1890), ist in einem Stil gemalt, den man als vorsichtigen Impressionismus bezeichnen könnte.

Ebenso eindrücklich das Bild einer Sterbeszene von Stanisław Grocholski, Tod einer Waisen (1884). Hier hat alles klare Konturen und alle Farben sind Abstufungen von Schwarz, Weiß und Braun. Es gibt lediglich einen roten Streifen auf der einfachen Wolldecke und ein paar Farbklekse in einem Malbuch, das auf dem Tisch neben dem Bett steht.

Eine junge Frau, ganz in Schwarz, sitzt auf dem Bett eines toten Mädchens, bekleidet mit einem blassweißen Nachthemd. Die junge Frau hält die Hände zusammen und blickt ernst und nachdenklich nach unten. Sie ist sehr ordentlich gekleidet, mit säuberlich gescheiteltem und säuberlich hochgestecktem Haar. Das Haar der Toten fällt dagegen in unregelmäßigen Strähnen über Hals und Gesicht. Aus der Matratze stechen an verschiedenen Stellen Strohhalme hervor.

Die junge Frau hält ihre Hände zusammen, die Arme der Toten liegen weit auseinander. Auf dem Nachttisch steht eine Kerze, die gerade ausgegangen ist. Der letzte Qualm der verloschenen Kerze steigt senkrecht nach oben. Daneben liegen ein paar gebrauchte Streichhölzer. All das ist mit großer Präzision wiedergegeben. Die Atmosphäre des Bildes ist traurig, ernst und friedlich.

Im Saal der Romantik sehe ich mir nur noch ein Bild an, Abendgebet eines Bauern. Das ist Romantik pur. Ein Bauernjunge steht, mit dem Rücken zum Betrachter, auf einem Felsvorsprung und blickt in die Ferne, in Richtung des roten und gelben Streifens, der den dunklen Himmel noch erhellt. Die Figur des Bauernjungen ist nur als Silhouette zu erkennen, die sich von dem hellen Hintergrund abhebt. Auch nur schemenhaft erkennt man den umgekippten Karren zu seiner Seite, dessen Füße in die Luft ragen. In der Ferne kann man im Dunkeln die Konturen einer Stadt erahnen. Auf dem ganzen Bild ist kaum ein Objekt klar zu erkennen, kein Strauch, keine Wolke, auch die Sonne nicht.

Der Tuchhallen vierter Teil findet ebenerdig statt, bei den Verkaufsständen, die sich auf beiden Seiten des Gebäudes den Mittelgang entlang ziehen. Über den Verkaufsständen die Wappen polnischer Städte, die von Krakau und Warschau hervorgehoben, indem sie genau in der Mitte einander gegenüber erscheinen, da, wo die Seiteneingänge sind. Es gibt insgesamt 52 Stände, alle gleich groß, und sie sind nummeriert wie im Mittelalter.

Hier gibt es unnütze, wertlose, schöne Dinge zu kaufen. Ich kaufe tatsächlich, zu einem erschwinglichen Preis, eine kleine bemalte Holzschachtel. An vielen Ständen gibt es Bernsteinschmuck. Das muss wohl eine Besonderheit der Gegend sein.

Danach gehe ich noch kurz zur Peter-und Paulkirche. Es geht mir eigentlich nur um das Pendel von Foucault, das hier hängen soll, aber bevor ich es entdecke, wird mir, in freundlichster Manier, ein Audioguide aufgezwungen, der einem anhand eines unsäglichen Dialogs auf Englisch mit schwerem Akzent und merkwürdigen Formen (Feeling comfortably?) durch die Kirche führt.

In dieser Kirche feiert der Barock fröhliche Urständ. Es ist ein Gegenprogramm zum Ernst und der Nüchternheit der protestantischen Kirchen, mit Gold, Marmor, Hell-Dunkel-Kontrasten und bewegten Figuren. Die Kirche scheint aus lauter Ausrufezeichen zu bestehen, darunter die Kanzel, deren hölzerner Schalldeckel zweistöckig ist und einen weiteren, dreistöckigen Aufbau aus Gold hat, der in einer Krone endet.

Die Kirche, 1635 geweiht, folgt ganz dem Vorbild von Il Gesù in Rom, der Stammkirche der Jesuiten. Was ausgerechnet die Wasa-Könige, überzeugte Protestanten, dazu bewogen haben mag, die Jesuiten nach Polen zu holen und den Katholizismus zu retten, bleibt mir ein Rätsel.

Die Enttäuschung kommt ganz zum Schluss. Die letzte Bemerkung des Audioführers bezieht sich auf das Foucaultsche Pendel. Da werde nur am Donnerstag gezeigt. Mir wird es also vorläufig ein Rätsel bleiben.

Bei der anschließenden Suche nach Ansichtskarten komme ich in eine Seitenstraße. An einem Geländer steht ein schwarzes Fahrrad mit gelben Punkten. Was will der Besitzer uns damit wohl sagen? So könnten einige auch ihr Auto markieren.

Dann geht es zurück. Diesmal mache ich eine Pause auf dem Kleinen Markt. Auf der Teetasse steht ein Zitat von Konfuzius: Tea tempers the spirit and harmonises the mind, dispels lassitude and relieves fatigue, awakens thought and prevents drowsiness, lightens or refreshes the body and clears the perceptive faculties. Der Tee hier tut alles, um diesem hohen Anspruch gerecht zu werden. Er ist wirklich erster Klasse, und ich fühle mich danach wirklich wacher. Kann aber auch an Konfuzius liegen.

Wenn man in die Marienkirche kommt, ist man erst mal ganz geblendet von all dem Glanz. Alles ist farbig, die Wände, die Pfeiler, die Fenster, die Decke. Die ist himmelblau und über und über mit goldenen, glänzenden Sternen bestückt. Vergoldet sind auch die Figuren des Hauptaltars, des Stars der Kirche, einem spätmittelalterlichen Altar von Veit Stoß. Um den zu sehen, muss man Eintritt bezahlen.

Die Marienkirche ist gotisch, aber auch hier hat der Barock in Form von Altären, Büsten, Orgeln, Epitaphen seine Spur hinterlassen. Leider verdecken die Altäre auch einen Teil der mächtigen Pfeiler, die sehr schön bemalt sind. Ob die Bemalung original ist, ist nicht festzustellen – die Information ist sehr knapp gehalten – aber so muss man sich wohl eine mittelalterliche Kirche vorstellen. Inspiriert von dem horror vacui hat man keinen Quadratmeter frei gelassen, ohne Dekoration.

Die Kirche hat einen langen, einschiffigen Chor, der von einer hohen Chorschranke vom dreischiffigen Rest der Kirche abgetrennt ist. Über der Chorschranke hängt ganz oben ein riesiges Kruzifix.

Die Glasfenster hinter dem Hauptaltar sind in kleine, deutlich abgesetzte Rechtecke aufgeteilt, von denen jedes seine eigene Darstellung enthält. Jedes Fenster besteht aus drei Bahnen mit jeweils zwölf Einzelfenstern. Das bedeutet, dass man aus der Entfernung, aus der man sie sieht, praktisch nichts erkennen kann.

Ganz anders kommt der Altar von Veit Stoß daher. Riesige, vollrunde Figuren beherrschen die Szene, vor allem in dem zentralen Bild, der Entschlafung Mariens in der Präsenz der Apostel. Die Figuren sind mehr als zwei Meter groß, aus Lindenholz, während der Altar selbst aus Eichenholz geschnitzt ist. Veit Stoß hat für den Altar zwölf Jahre gebraucht, vermutlich unter tatkräftiger Mithilfe seiner Werkstatt.

Zuerst sucht man Maria vergebens. Wo ist das Bett? Es gibt keins. Das ist wohl einmal eine künstlerische Entscheidung, weil es Schwierigkeiten mit der Perspektive und wohl auch Platzprobleme verursacht hätte. Vielleicht war es aber auch eine Anspielung darauf, dass Maria keinen Tod gestorben, sondern entschlafen ist. Sie bricht einfach, „mitten auf der Straße“ sozusagen, gestützt von einem der Apostel, zusammen. Die riesigen Apostel passen nur deshalb in den Rahmen, weil sie gestaffelt stehen und sich teils gegenseitig verdecken.

Die Apostelfiguren sind sehr stark individualisiert, in Gesichtern, Gesten und Gestalt. Einige blicken in die Ferne, andere auf Maria, andere nach oben. Einige sind entsetzt, andere nachdenklich.

Diese zentrale Szene ist umrahmt von zehn weiteren Altarteilen, einer Predella mit dem Stammbaum Jesse, Aufbauten mit den Lokalheiligen Adalbert und Stanislaus und Abbildungen in den Flügeltüren. Wenn der Altar offen ist, sieht man die sechs Freuden Mariens, wenn er geschlossen ist, die zwölf Leiden Mariens. Veit Stoß verstand das Leben. Es gibt mehr Leid als Freud.

Am Abend geht es ins Chłopskie Jadło, in der Grodzka, unweit des Marktplatzes, etwas versteckt in einem Innenhof liegend. Diesmal beuge ich mich dem Diktat des Wetters und setze mich draußen hin.

Hier geht es deftig zu, rustikal. An den Pfählen hängt Pferdezaumzeug, die Kellner tragen bestickte Blusen, aus dem Hintergrund gibt es Volksmusik.

Wieder gibt es ein neues Bier zu probieren: Okocim. Schmeckt gut. Am Nebentisch bestellen die Amerikaner 1,5 Liter. Ich fange erst mal mit einem kleinen an. Das Bier gibt es auch warm mit Marmelade!

Zum Auftakt gibt es auf Kosten des Hauses Brote mit Schmalz und Hüttenkäse. Danach kann ich, da es sich um ein traditionelles Lokal handelt, noch zwei weitere traditionelle Gerichte probieren, die auf meinem Merkzettel stehen: gołabki, Kohlrouladen, als Hauptspeise, und naleśhniki, Pfannkuchen, als Nachtisch. Die gołabki sind so sehr Teil der polnischen Küche, dass mit ihnen eine Legende verbunden ist: Kasimir IV. soll sie seinen Soldaten vor der Schlacht von Malbork gegen den Deutschen Orden gegeben haben. Den Sieg schrieb man dem Nährwert der gołabki zu.

Die gołabki, mit Reis gefüllt und mit Tomatensoße serviert, schmecken gut, aber die Pfannkuchen schmecken besser, glorreich geradezu. Am Ende sind es eigentlich doch nicht naleśhniki, sondern eine ähnliche Sache, die die Kellnerin empfiehlt, racychy, Apfelpfannkuchen mit Puderzucker und Honig. Sie sind außen ganz kross gebraten und schmecken nach Apfel, aber nicht zu sehr. Davon gibt es gleich drei, und das ist als dritter Gang eindeutig zu viel. Aber da kommt mir gerade ein passendes Zitat von Karl Kraus unter: „Gesund ist man erst, wenn man wieder alles tun kann, was einem schadet.“

Die wahren naleśhniki sollte ich am nächsten Tag dann noch bekommen, kurz vor der Abreise, in einer Milchbar. Das sind die ehemals staatlich subventionierten Betriebe, die jetzt eine Renaissance erleben. Dort ist alles einfach, einschließlich der Speisekarte, die, aus verschiebbaren Tafeln bestehend, an der Wand hängt. Es gibt zwei Reihen von Gerichten. Links ist Frühstück. Dazu gehören Suppen, Knödel, Piroggen und eben die Pfannkuchen, die naleśhniki.

Es wird langsam dunkel, als ich aufbreche. Ich gehe noch ein bisschen durch die Altstadt. Da bin ich nicht der einzige, der auf die Idee gekommen ist.

Obwohl die Altstadt autofrei ist, muss man aufpassen, auf Pferdekutschen, Straßenbahnen, Fahrräder und die Elektroautos, mit denen Stadtführungen gemacht werden. Die kommen manchmal auf leisen Sohlen daher.

Erst jetzt fällt mir auf, dass ich in Krakau kaum Schwarze, Araber und Asiaten gesehen habe. Polen ist noch nicht als gelobtes Land entdeckt worden.

In der Grodzka sehe ich eine Eisdiele, die wirklich einem Mario Balotelli gehört. Da kaufe ich nichts.

Als ich zum Wawel komme, habe ich eine Vision. Vielleicht bin ich von den ganzen polnischen Entrückten angesteckt, aber ich nehme ganz deutlich am Himmel, unter einem blassen Halbmond, eine straffierte, riesige Kugel wahr. Es reicht nicht für ein beweistaugliches Photo. Die Kugel ist verschwunden, bevor ich die Kamera herausgeholt habe.

Mit dieser denkwürdigen Begebenheit endet die Reise in diese schöne Stadt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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