Uppsala (2014)

27. Juli (Sonntag)

Im Schwedischen bedeutet frisk nicht frisch, sondern gesund, snäll bedeutet nett, ledig bedeutet frei, vacker bedeutet schön, skön bedeutet gemütlich, stund bedeutet Moment, under bedeutet ‚während‘, semester bedeutet ‚Urlaub‘, termin bedeutet ‚Semester‘. Wer es sich antut, so eine Sprache zu lernen, ist selber schuld.

Noch nicht genug? Also dann: våning bedeutet ‚Etage‘, kind bedeutet ‚Kinn‘, middag bedeutet ‚Abendessen‘, springa bedeutet ‚laufen‘, villkor bedeutet ‚Bedingung‘, kostym bedeutet ‚Anzug‘, fartyg bedeutet ‚Schiff‘, motvillig bedeutet ‚widerwillig‘, lapp bedeutet ‚Zettel‘, ansikt bedeutet ‚Gesicht‘, bio bedeutet ‚Kino‘ und öl bedeutet ‚Bier‘.

Ich tue es mir trotzdem an und reise zum zweiten Mal nach Uppsala. Erstens, um all das zu sehen, was ich damals im Winter nicht sehen konnte – die Sehenswürdigkeiten befanden sich im Winterschlaf – zweitens, um einen Sprachkurs zu machen. Nur

Bei den letzten Reisevorbereitungen ein Interview mit einem Risikoforscher gehört. Alles sehr überzeugend. Er sagt, dass wir zu Hysterie neigen, weil wir so oft Nachrichten über Unfälle hören und deren Bedeutung dann überschätzen, während wir die Alltagsgefahren unterschätzen. So müsste man, um einen tödlichen Flugzeugabsturz zu erleben, statistisch gesehen, täglich fliegen und das 6000 Jahre lang. Trotzdem steigen die Menschen bei der Nachricht von einem Unglück auf das Auto um, obwohl das viel gefährlicher ist. Nach 9/11 sind 1500 Amerikaner mehr als sonst auf den Straßen umgekommen, weil sie mit dem Auto statt mit dem Flugzeug reisten.

Diesen Gedanken nachhängend, setze ich mich erst einmal ins Auto. Es geht nach Luxemburg. Ich komme aber heil an. Der Flug von Luxemburg war notwendig, weil das strenge Regime in Uppsala die Ankunft an einem ganz bestimmten Tag zu einer bestimmten Tageszeit vorsieht. Nicht früher, nicht später. Und das, obwohl in Luxemburg der Flug und die Parkgebühren teuer sind. Die Alternative wäre ein Hotel in Uppsala gewesen, und das ist dann insgesamt ein Nullsummenspiel.

Auf dem Weg fallen mir zwei Dinge ein: Regenjacke vergessen und keine Kreditkarte mitgenommen. Die Kreditkarte werde ich in Uppsala nicht brauchen, aber vielleicht später hier, um die Parkgebühren zu bezahlen. Aber darum kann ich mich kümmern, wenn es soweit ist.

Der am weitesten vom Flughafen entfernte Parkplatz erweist sich als gute Lösung. Man findet sofort einen Platz und wird vom Shuttlebus gleich zum Flughafen gebracht.

Das Flugzeug ist winzig klein, und die Essenportionen sind dem angepasst. Ich sehe mir die Leute an und frage mich, ob es typische Nordreisende sind. Die sind etwas älter, etwas reicher und viel gebildeter als Südreisende und kommen in erster Linie aus den nördlichen Bundesländern. Die wenigsten kommen aus Rheinland-Pfalz. Es gibt natürlich viel mehr Südreisende als Nordreisende, beinahe ein exklusiver Club. Zum dem ich nur vorübergehend gehöre. Der Süden ist einfach interessanter. Aber der Norden hat im Sommer mehr Sonnenstunden. Davon hatte ich jedenfalls vor zwei Jahren in Stockholm auch reichlich.

Da das Essen nicht viel Zeit in Anspruch nimmt, bleibt Zeit zum Lesen. Mit zunehmendem Alter, erfährt man, geht die Fruchtbarkeit zurück und der Anteil der Zwillingsgeburten nimmt zu. Und zwar ganz unabhängig von künstlicher Befruchtung. Es gibt allerdings einen Unterschied: Bei den eineiigen Zwillingen ist die Zahl über alle Altersgruppen konstant, etwa 4 bei 1000 Geburten. Bei den zweieinigen Zwillingen steigt der Anteil der Zwillingsgeburten dagegen mit dem Alter stark an. Frauen über 35 bekommen doppelt so oft Zwillinge wie Frauen um die 20.

So wie sich Hitler (was schon Goebbels wusste) an Friedrich dem Großen orientierte, so orientierte sich Alexander der Große an Xerxes, Friedrich II. an Alexander, Napoleon an Cäsar. Es ging ihnen nicht darum, zu überleben, sondern sich zu überleben.

Die Beatles waren die netten Jungs von nebenan, die Stones die schlimmen Jungs, deren Umgang man seinen Kindern nicht zumuten wollte. Das ist die gängige Vorstellung heute. Ich habe mich schon immer gefragt, wo diese Vorstellung herkommt. Wer die Zeit miterlebt hat, sieht das anders. Damals verbreiteten beide Furcht und Schrecken, jedenfalls beim Establishment, die Beatles genauso wie die Stones. Das finde ich jetzt in einem Zeitungsartikel bestätigt. Es geht um den Beginn der Beatlemania vor fünfzig Jahren. Die britische Presse sprach damals von einer mittelalterlichen Seuche, die deutsche von der Käferplage, in den USA sprach man von einer atavistischen Krankheit. In Israel wurde den Beatles die Auftrittserlaubnis entzogen, weil man negative Einflüsse auf die Jugend fürchtete. Christliche Aktivisten in den USA verbrannten vor laufenden Kameras Platten, Pilzkopfperücken und Bilder der Beatles auf einem Scheiterhaufen. In Japan wurde die Reise der Beatles von einem tropischen Sturm begleitet, der als Beatles-Taifun bezeichnet wurde, und Traditionalisten erklärten sich bereit, unter Einsatz von Kampfkünsten den Auftritt der Beatles im Budokan zu verhindern, der Halle, die der Vorführung traditioneller Kampfkünste vorbehalten war. Weltweit gaben Ordensträger ihre Medaille zurück, als die Beatles denOrder of the British Empire bekamen.

Ich finde den Weg vom Bahnhof zur Schule ohne Schwierigkeiten und erinnere mich daran, wie ich in einer Winternacht hier mit dem Koffer durch die Gegend geirrt bin. Wenn mich nicht alles täuscht, war das Hotel damals in derselben Straße, Kungsängsgatan, in der auch die Schule liegt.

Eins ist klar: Uppsala ist im Sommer anders als im Winter. Manchmal nicht wiederzuerkennen.

Vor der Schule renne ich fast eine der Assistentinnen um, die hier mit T-Shirt mit dem Aufdruck UISS durch die Gegend laufen und allen helfen. Sie zeigt mir gleich den Weg rauf und bittet mich zu warten. In der Zwischenzeit kann man sich bei Kaffee und Keksen bedienen.

Zusammen mit mir warten noch eine Deutsche aus Stuttgart, die in Southampton ihren Uniabschluss gemacht hat und ein Grieche, Eleftherios, der später in demselben Kurs landet wie ich.

Dann wird man reingerufen, zuerst zu Emma, die einem sagt, wo man untergebracht ist. Ich hatte Unterbringung gleich neben der Schule in der Universität erwartet, aber dies scheint eher ein bisschen weiter zu sein. Die Straße ist nur noch mit halben Namen ganz am Rande des Stadtplans zu sehen, und sie kritzelt den schwierigen Namen daneben.

Dann geht es zu Nelleke, der Chefin, einer Holländerin. Die muss in ihrem früheren Leben Feldwebel gewesen sein. Schon der Ton bei den E-Mail-Nachrichten ließ das vermuten. Jetzt ist es nicht anders. Es bleibt nicht viel Zeit, ich solle Ruud, der mich zu der Wohnung bringt, sagen, er solle mich gleich wieder mit zurückbringen.

Das Zimmer ist ein typisches Jungenzimmer. Kahle Wände außer drei aufwendigen Spiegeln mit Reklame für Coca-Cola, Codorniu und Jägermeister, einem Eishockeytrikot und einem Dalarna-Pferd. Auf dem Schreibtisch ein Computer, eine moderne Lampe, moderne Lautsprecher und eine künstliche Blume. Aber dafür habe ich jetzt kaum Zeit. Es geht alles sehr schnell. Der Junge lässt mich alleine mit dem Auftrag, bald aufzubrechen und sich auf den Weg zur Schule zu machen. Ich packe auch erst gar nicht aus, sondern lasse nur ein paar Dinge hier und wasche mich. Im Herausgehen sehe ich, dass der Junge einen zerknüllten Zettel auf dem Schreibtisch hat liegen lassen.

Ich mache mich auf den Weg, grob in die Richtung gehend, aber ich sehe weder eine Gruppe von Studenten noch das ICA. Ich muss zwei- dreimal fragen, und dann sehe ich sie schon aus der Ferne, eine ganze Heerschar, alle gemeinsam von Studentvägen kommend, wo die meisten untergebracht sind.

Wir werden in der Aula zusammengetrommelt. Nelleke, die Chefin, zieht eine One-Man-Show ab. Eine Mischung aus Domina, Stand-up-Comedian und Volkschulrektorin. Die Assistenten und Praktikanten, aus Griechenland, Holland, Schweden und den USA, sind nur Statisten. Viele von ihnen, auch Nelleke selbst, sind frühere Studenten der UISS.

Ursprünglich war dies eine rein amerikanische Einrichtung, und das merkt man weiterhin, wie ich in den nächsten Wochen noch leidvoll erfahren soll. Das amerikanische Element hat jetzt einen starken holländischen Einschlag. Was die Einrichtung mit der Universität zu tun hat, kann man nicht erkennen. Sie scheint nur im Namen aufzutauchen. Jedenfalls erscheint in den drei Wochen kein Vertreter der Universität, und wir gehen auch nie zur Universität.

Ganz besonders streng wird auf Pünktlichkeit gepocht. Damit sei in Schweden nicht zu scherzen. Der Unterricht beginne um halb neun, und nicht etwa um eine Minute nach halb neun. Schweden betrachteten das als einen persönlichen Affront, wenn man nicht pünktlich sei. In der Vergangenheit sei es zu ein paar echten Konfrontationen zwischen einigen Lehrern und Schülern gekommen. Komisch, das habe ich mir gar nicht so vorgestellt. Ich hätte eher gedacht, dass man es hier eher etwas gelassener sieht.

Im Zusammenhang mit der Vorstellung des Programms spricht sie von der Bedeutung der Musik in Schweden. Schweden sei das Chor-Land überhaupt (das habe ich auch schon mal von einem deutschen Dirigenten gehört), und die Musik die drittgrößte Industriesparte Schwedens. Vieles werde in Schweden produziert, aber nicht als schwedisch erkannt, weil Englisch gesungen wird.

Dann geht es zum Abendessen in ein Lokal direkt am Fluss, wo man auf einer geschlossenen Terrasse sitzen kann. Wunderbar. Wie fast immer in Schweden, steht man wie in einer Kantine mit einem Tablett an der Essensausgabe an und bedient sich dann bei einem bescheidenen Salatbuffet. Es gibt Hühnchen und Lachs zur Auswahl. Damit ist das Leitmotiv für die nächsten Wochen angeschlagen: Hähnchen oder Lachs, Lachs oder Hähnchen. Einmal gibt es ein Gericht, das so ähnlich klingt wie eins, das am gleichen Morgen im Lehrbuch vorkam, und ich bestelle es voller Vorfreude. Aber es ist ausgegangen. Was gibt es denn? Hähnchen oder Lachs.

Ich spreche mit Chris, einem Engländer aus Durham, der später in meinem Kurs landet, mit einer Japanerin, einer Chinesin, einer Ungarin und einer Serbin. Bis auf die Japanerin verliere ich sie in den nächsten Tagen aus den Augen. Wir sind zu viele, ca. 110.

Dann mache ich mich auf den Heimweg. Irgendwie finde ich den Weg in das Viertel zurück, aber auf einmal wird mir klar, dass ich gar keine Adresse habe. Nur einen Schlüssel. Und den auf den Rand des Stadtplans gekritzelten, nicht genau identifizierbaren Namen der Straße. Es scheint Rackarbergsgatan zu sein. Als ich in die Gegend komme, versuche ich es auf gut Glück an mehreren Haustüren in dem Wohnblock gleich hinter dem ICA. Der kommt mir vertraut vor. Aber nichts will passen. Dann gehe ich weiter und komme zu einen anderen, etwas moderner aussehenden Wohnkomplex mit lauter gleichen, weißen Wohntürmen, dahinter ein riesiges, breites Gebäude. Das kommt mir bekannt vor, aber die Wohntürme scheinen mir zu neu, mit sehr offenen, von weitem einsehbaren Eingangsbereichen. Nee, so sah das nicht aus. Mein Hauseingang war eher versteckt. Glücklicherweise ist es noch hell, aber ich trage eine Flasche Wasser und eine Tüte Milch mit mir herum, die das Hantieren mit dem Stadtplan erschweren. Das Handy liegt in der Wohnung.

Es sind noch viele Leute unterwegs, meist Studenten, oft Paare. Ich spreche welche an, aber was soll man fragen: Können Sie mir sagen, wo ich wohne? Ich versuche zumindest, mit Hilfe der Passanten den Namen der Straße ausfindig zu machen. Ja, es muss wohl Rackarbergsgatan sein. Auf dem Stadtplan kann man so gerade ein paar Buchstaben erkennen. Das spricht für meine Intuition, dass es in dem ersten Wohnblock sein muss. Wieder versuche ich es an verschiedenen Haustüren. Wieder ohne Erfolg.

Dann gehe ich wieder in die andere Richtung. Ich sehe mich schon im Stadtpark übernachten. Wir haben aber auch den Code für den Eingang zur Schule bekommen. Das wäre eine Ausweichlösung.

Ein Student kommt auf mich zu, und im letzten Augenblick entscheide ich mich, ihn anzusprechen. Er reagiert nicht auf meine Frage, auf Schwedisch gestellt, und dann erkennen wir uns: Es ist Martin, der Österreicher. Er ist hilfsbereit, hat aber wenig Verständnis dafür, dass ich mich so dumm angestellt habe. Am wenigsten kann er verstehen, dass ich mein Handy nicht dabei habe. Ich kann seins benutzen. Die Nummer haben wir ja. Aber was ist die Vorwahl von Schweden? Nicht nötig, sagt er, ich habe ein österreichisches und ein schwedisches Handy. Während er noch von dem Schnäppchen erzählt, das er mit dem Kauf gemacht hat, habe ich am anderen Ende Emma am Telefon, die für die Unterbringung Verantwortliche. Sie ist zuhause und hat die Unterlagen nicht dabei, kann aber anrufen und die Adresse erfahren. Nicht nur das, sie kommt dann auch gleich raus nd hilft uns bei der Suche. Sie wohnt selbst im Rackarbergsgatan. Keine zwei Minuten später kommt sie angeradelt. Es stellt sich heraus, dass die Adresse gar nicht Rackarbergsgatan ist, sondern Lufthageesplanaden. Das sind doch die neuen Häuser, und das ist auch die Gegend, wo Martin wohnt. Sie bringen mich noch zum Eingang und gehen dann ihrer Wege.

Ich fahre in den dritten Stock, nicht ahnend, dass das Drama noch nicht zu Ende ist. Im dritten Stock gibt es nur ganz wenige Wohnungen. Das kann eigentlich nicht sein. Und der Name, Liss, steht auf keiner dieser Wohnungen. Einige haben gar keinen Namen, einige Türen sind einfach verschlossen, und hinter einer verbergen sich Leitungen. Und keine einzige Wohnung hat eine Nummer. Ich such am Schloss und neben dem Schloss, neben, über und unter dem Namen, nichts. Ich versuche es im vierten Stock, dann im zweiten, dann wieder im dritten. Keine Chance. An den Türen ohne Namen versuche ich, mit ungutem Gefühl,  einfach meinen Schlüssel, aber er passt nirgends. Als ich gerade wieder runter gehen will, höre ich, wie sich hinter mir eine Tür öffnet. Ich widerstehe dem ersten Impuls, die Flucht zu ergreifen und drehe mich um und gehe die paar Stufen hoch. In der Tür steht ein Mann, der wie ein Grieche aussieht und ein Grieche ist. Ich berichte ihm von meinem Dilemma. Er zeigt mir, wo die Nummern stehen: ganz oben, auf einem winzigen Schild, über der Türleiste. Aber, schickt er sofort hinterher, es gebe jetzt eine neue Nummerierung. Auf seiner Tür steht eine viel längere Nummer, und die Zahl drei erscheint da gar nicht. Er begleitet mich zu einer Tür, die wie eine Wohnungstür aussieht, und öffnet sie. Dahinter kommt ein ganzer Flur mit weiteren Zimmern zum Vorschein. Er begleitet mich zu der letzten Tür auf der rechten Seite, und tatsächlich: Dort steht der Name Liss, der Name des Studenten, bei dem ich zur Untermiete bin.

Ich packe meine Sachen aus, und als ich gerade fertig bin, geht die Wohnungstür auf. Ich vermute, dass das mein schwedischer Mitbewohner ist, ein junger Student. Stattdessen steht ein untersetzter älterer Herr vor mir, ein Belgier namens Eric, der ebenfalls in dem Sprachkurs ist. Nach einer kurzen Begrüßung aus Schwedisch geht er sofort auf Deutsch über und erzählt, dass er in Gent als Stadtführer arbeitet und dort auch Führungen auf Deutsch macht. Sein Deutsch ist sicher mehr als gut genug.

28. Juli (Montag)

Erik zeigt mir den Weg zu Studentvägen. Da werden wir heute noch einmal abgeholt und gehen gemeinsam zur Schule. Es ist ein ganz ordentlicher Weg, eine knappe halbe Stunde. Der Schulweg alleine wird in den nächsten drei Wochen für regelmäßige Bewegung sorgen. Trotz der frühen Morgenstunde ist es schon richtig heiß.

Ich treffe auch auf meinen Retter, Martin, und sage noch einmal ein paar lahme Worte des Dankes. Er will davon nichts wissen.

In der Schule werden die Lehrer kurz vorgestellt, und dann geht es gleich los. Wir sind zu zwölft: England, Holland, Belgien, Deutschland, Ukraine, Singapur, USA. Gute Mischung. Wir sind eine klare männliche Mehrheit, ganz ungewöhnlich für Sprachkurse und auch hier bei der UISS.

Die Lehrerin ist Jenny, eine freundliche, junge Schwedin, mit kurzem Haar, mittelblond. Sie sieht aus wie eine Vegetarierin und ist auch eine.

 

Ich muss noch schnell die Lehrbücher kaufen. Gestern hatte ich nicht genug Bargeld. Sie kosten 520 Kronen, ein Haufen Geld.

Gleich zu Anfang interviewen wir uns zu zweit und berichten dann, was wir über den anderen erfahren haben. Ich habe es mit Brad zu tun, einem von vier Amerikanern. Er hat eine schwedische Mutter und will irgendwann in Schweden studieren. Natürlich kommt er aus Minnesota, dem Hort der amerikanischen Schweden.

Einige Studenten bekommen für den Kurs auch universitäre Credits. Bei uns ist das eine Holländerin, die Skandinavistik studiert. Für die Credit-Studenten gelten eigene Regeln, aber welche das sind, erfährt man nicht. Hat wohl eher was mit der Abschlussprüfung zu tun.

Die Amerikaner bestehen auf den Kurzformen ihrer Namen: Brdley ist Brad, David ist Dave. Nur bei Patrick bin ich mir das nicht sicher. Als Eleftherios sich vorstellt, kommt auch gleich die Frage, ob es da keine Kurzform gebe. Doch Leftheris. Das finden sie sehr lustig.

Der Unterricht ist gut. Lesen, Schreiben, Hören und Sprechen, alles kommt gleich am ersten Tag vor. Alles geht ganz gut, außer dem Hörverstehen. Drei Schweden sprechen von ihrer smultronställe, ihrem Lieblingsplatz. Einer zieht sich in den Wald zurück, einer geht an den Strand und was der dritte macht, bleibt ein Geheimnis.

Von dem Thema bin ich aber uneingeschränkt begeistert. Dem wunderbaren Wort smultronställe war ich schon mal begegnet, habe es aber immer wieder vergessen und wusste nicht, woher es kommt. Im Buch wird alles erklärt. Das Wort smultron bedeutet ‚Walderdbeere‘. Die sind in Schweden so populär, dass sie gar nicht erst in den Verkauf kommen. Wenn man sie irgendwo erwischt, schlägt man zu. Sie stehen für ‚Sommer‘ und werden in Liedern besungen und wurden von Linné als Medizin empfohlen. Die anderen Erdbeeren kamen erst im 18. Jahrhundert als Import nach Schweden.

Das Suffix –on gibt es auch bei anderen Wörtern für Beeren, die, ich grundsätzlich vergesse, auch wenn sie schon Dutzende Male vorgekommen sind, eigentlich immer, wenn es um die Natur in Schweden geht: lingon, ‚Preiselbeere‘, hallon, ‚Himbeere‘ und hjortron, ‚Multebeere‘. Die ist ganz besonders wichtig in Schweden.

Im Vorbeigehen lernen wir auch einen neuen Ausdruck für Wie geht’s? Hur star det till? Genauso wie Hur mar du? Ist es eine Einladung, eine ausführliche und ehrliche Antwort zu geben, im Gegensatz zu Hur är läget? Das ist eher ein Gruß.

Dann kommt ein kurzer Text über Ingmar Bergman. Sehr gut geschrieben. Seine Filme werden so beschrieben: „Ein Mann, eine Frau, ein Raum und ein messerscharfer Dialog.“ Genauso ist es. Die immer wiederkehrenden Themen seien Familie, Kunst und Religion, heißt es. Der Mensch frage nach Gott, bekomme aber keine Antwort. Aus seinem Leben erfährt man von der Insel, auf die er sich in den letzten Jahren zurückgezogen hat, mit komplettem Filmstudio. Ich habe darüber mal eine Dokumentation im Fernsehen gesehen. Am liebsten sah er sich seine Filme noch mal ganz alleine an, ohne andere, um ganz unbeeindruckt beurteilen zu können, was gut und was schlecht war. Über Mangel an Frauen beklagte er sich ein Leben lang. Dabei war er viermal verheiratet und hatte verschiedene Geliebte. Aber das zählte alles nicht. Die anderen bekamen immer das Beste ab. Von seinen neun Kindern wurden alle, mit einer Ausnahme, Schauspieler, Regisseure oder Schriftsteller.

Der Stadtrundgang am Nachmittag ist eine Enttäuschung. Die Führerin, eine ältere Dame mit einem dünnen Stimmchen, kann sich kaum Gehör verschaffen. Im Laufe der Tour wird das besser, weil wir immer weniger werden. Kein Wunder.

Am häufigsten ist von den nationes die Rede. Das sind studentische Clubs, eigentlich Landsmannschaften, die bei den jungen Austauschstudenten vor allem wegen ihrer Partys beliebt sind. Sie sind in hochherrschaftlich aussehenden großen Gebäuden im Zentrum untergebracht. Jede größere Region hat ihre eigene nation, als Anlaufstelle für die Studenten, die in den frühen Zeiten der Universität von dort nach Uppsala kamen.

Von der Stadtgeschichte erfährt man herzlich wenig. Der verheerende Brand wird erwähnt, der zum Neuaufbau der halben Stadt führte, und auch ein früheres Unglück, auch ein Brand, glaube ich, der zur Verlegung der Stadt hierher führte. Das alte Uppsala heißt jetzt Gamla Uppsala und steht bei mir auf der Aktivitätenliste ganz oben.

Immer wieder spricht die Führerin von biografer. Das ergibt überhaupt keinen Sinn, bis ich merke, dass das die Kurzform von bio ist, Kino. Wir sehen vor allem ein ganz kurioses, winziges Kino in der Nähe des Doms. Es ist in dem niedrigen Untergeschoss eines normalen Wohnhauses untergebracht und zeigt vor allem unzeitgemäße Filme.

Beim Erzbischöflichen Palast erfahren wir, dass der jetzige Erzbischof eine Frau ist.

Vom Dom erfährt man nicht viel mehr als die Maße: 118 Meter hoch, 118 Meter lang.

Es gibt aber eine schöne Verbindung mit dem Text aus dem Lehrbuch: Ingmar Bergman. Er ist in Uppsala aufgewachsen. Aus einer kleinen Distanz sehen wir ein schönes, rot-graues Haus. Dort ist er aufgewachsen, bei seiner Großmutter. Verschiedene Szenen aus Fanny und Alexander spielen auch in Uppsala.

Hier in der Nähe ist auch von Pelle Svanslös die Rede, einer Figur aus einem Kinderbuch oder aus einer Sage. Was es mit ihm auf sich hat, verstehe ich nicht.

29. Juli (Dienstag)

Immer noch todmüde. Deshalb gleich nach dem Mittagessen nach Hause gegangen und eine kurze Siesta eingelegt.

Unterwegs an einem Stand an einer Straßenecke Erdbeeren gekauft. Das Mädchen, das die Erdbeeren verkauft, muss den ganzen Tag stehen und die Hitze aushalten, jetzt in der Mittagszeit besonders lästig. Man kann ihr kaum verübeln, dass sie nicht sehr freundlich ist. Will ich schwedische oder belgische Erdbeeren? Ohne weiter nachzudenken, sage ich, schwedische. Die, stellt sich heraus, kosten 35, die belgischen nur 20. Klingt absurd, bestätigt aber, was das Lehrbuch über die Erdbeeren sagt. Die sind erst im 18. Jahrhundert nach Schweden gekommen, also keine einheimischen Gewächse, im Gegensatz zu den Walderdbeeren, den berühmten smultron. Vielleicht wirkt sich das bis heute auf den Preis aus.

Beim Mittagessen kommt die Rede auf typische Gerichte aus den verschiedenen Ländern, und das Mädchen aus Jena sagt für Deutschland: Spargel. Volltreffer! Denkt man nicht so einfach dran.

Der Anlass für das Gespräch war, dass es auch ein Thema im Unterricht war: schwedische Hausmannskost. Man musste Wörter aus deren Einzelteilen bilden wie Frühlings-Suppe oder Kohl-Rouladen. Ich hatte nicht die geringste Ahnung. Konnte kein einziges Wort bilden. Dass isterband oder kalvdans Gerichte sind.

Selbst der Text dazu ist schwer zu verstehen. Aber wenigstens ein kurioses Detail: Ein Gericht aus Norrland, palt oder pitepalt, hat dem Schwedischen ein Wort gegeben: paltkoma. Das ist das Gefühl der Erschöpfung, die davon kommt, dass man zu viel gegessen hat. In Norrland ist palt so beliebt, dass es sogar Paltzerias gibt.

Im Buch werden sieben schwedische Regionen vorgestellt: Skåne (ganz im Süden, an Dänemark grenzend, mit Malmö und Lund), Småland (daran im Norden angrenzend und die klassische Gegend für rote Ferienhäuser am See), Gotland (die geschichtsträchtige Insel mit ihrem mittelalterlichen Erbe), Dalarna (in der Mitte, mit traditioneller Handwerkskunst und Lebensweise verbunden und mit einer Vielzahl von Dialekten), Jämtland im Norden (mit wilder, oft rauer Natur) und Lappland ganz im Norden (mit dem Kebnekaise als höchstem Berg Schwedens, mit Jagd und Fischfang und der Kultur der Samis). Die Region von Henning Mankells Büchern ist Skåne, die von Astrid Lindgren ist Småland.

Als bekanntestes Gericht von Gotland wird saffranspannkaka vorgestellt, und die vielen exotischen Ingredienzien – Mandeln, Rosinen, Safran usw. – führt man darauf zurück, dass Gotland im Mittelalter das wichtigste Handelszentrum in der Ostsee war und man mit Gewürzen und Luxuswaren aus aller Welt handelte.

Es ist die Region, landskap, mit der sich Schweden identifizieren, aber sie ist keine Verwaltungseinheit, wenn ich das richtig verstehe. Es scheint so um die zwanzig zu geben.

Ansonsten gab es Grammatik, erst Relativsätze (einfach), dann Partizip und Supinum (schwer). Für die Amerikaner sind auch die Relativsätze schwer. Das Englische differenziert nicht so sehr wie das Deutsche.

Trotzdem gibt es auch in der Grammatik was Neues: Das Relativpronomen vilket, das sich auf den ganzen Satz bezieht: Filmen visade människor utan kläder vilket var en skandal på den tiden. Außerdem gibt es eine kuriose Regel zur Wortstellung: Die Verneinung, inte, steht im Nebensatz nicht an derselben Stelle wie im Hauptsatz: Han tycker inte om kattor, aber: Jag har en bror som inte tycker om kattor.

Nebenbei begegnen wir noch einem modernen Word: Was früher styvfar hieß, ‚Stiefvater‘, heißt heute bonusfar.

Der Text, den ich gestern über meine smultronställe geschrieben habe, hat Jenny schon korrigiert. Viel weniger Fehler, als ich gedacht habe.

Am Ende schreiben wir einen Text über einen Film, den wir besonders gut oder besonders schlecht finden. Ich nehme Amanece que no es poco, den abstrusen Film über ein ganz normales Dorf in der spanischen Provinz, wo die Leute, meist ganz einfache Bauern, statt über das Wetter oder die Preise über die neusten Entwicklungen der Existentialphilosophie oder den Plagiatsvorwurf gegen einen südamerikanischen Erfolgsschriftsteller reden, so als wäre das ganz normal.

Im Unterricht fällt mir auf, dass die jungen Männer alle keine Uhren mehr tragen. Ihr Smartphone ist ihre Uhr. Die Frauen tragen meist noch Uhren, auffällige, große, runde Uhren, aber sie sind eher Schmuck als Werkzeug. Auch Vokabeln schlägt man nicht im Wörterbuch nach, sondern im Phone.

Langsam dämmert mir, warum Erik und Luc, die beide nicht gerade fließend sprechen, auf der gleichen Stufe sind: Sie sind Grammatikjunkies. Beide legen höchsten Wert darauf und haben in Gent einen Lehrer, der das auch tut. Sie haben viel im Kopf, und was sie nicht im Kopf haben, finden sie sofort in ihren umfangreichen Unterlagen. Ich weiß bei meinem Lehrbuch noch nicht einmal, wo der Grammatikteil ist. Am Abend hilft mir Erik dann auch wirklich bei den Aufgaben mit dem Partizip auf die Sprünge.

Auch Kirschen sind dem Wortlaut nach Beeren: körsbär. Ich kann mich nicht erinnern, das Wort schon mal gehört zu haben. Komisch. Anders ist es bei persika, das seine ursprüngliche Bedeutung deutlicher zur Schau stellt als Pfirsich.

 

30. Juli (Mittwoch)

Im Unterricht machen wir einen Kinderreim. Damit wird dann systematisch Aussprache geübt:

Det var en gång ein ko och en kalv.

Och nu ar sagan halv.

Och sen gick kon och kalven ut

Och nu är sagan slut.

Es gibt Erklärungen, über im Chor und individuell. Wunderbar! Das ist guter Sprachunterricht. Es gibt riesige Unterschiede zwischen uns, aber keiner bekommt alles richtig hin. Die meisten sprechen det zu kurz, ebenso slut und ut und kon. Außerdem gibt es bei uns viel zu wenig Elision, und den ganz spezifisch schwedischen Singsang bei sagan bekommt keiner hin. Weil man es nicht richtig ausspricht, versteht man es auch nicht richtig. Wie ich am Nachmittag an der Kasse im Supermarkt feststellen muss, wo ich 74 bezahlen soll, aber 44 verstehe. Erst als die Kassiererin mich fragend ansieht, als ich ihr einen 50-Kronen-Schein hinhalte, merke ich, dass was nicht stimmt.

Nicht alles ist so gut, wie der Kinderreim. Wir hören ein Lied von einer Sängerin aus Uppsala über Uppsala, einmal ohne, einmal mit Text, aber ohne jede Aufgabe. Es gibt ein paar Erklärungen, aber das ist alles. Auf dem Blatt mit dem Text stehen noch nicht einmal der Titel und der Name der Sängerin. Eine verpasste Gelegenheit. Dabei hat der Text einiges zu bieten: Der Fyriså kommt vor, sogar Rackarberget, das Studentenviertel, wo wir wohnen, und außerdem ein vattenfestival und ein Ereignis, das Valborgskaos heißt. Was das ist, wird nicht klar.

Dann geht es um schwedische Geschichte. Es gibt einen kurzen Text für jedes Jahrzehnt der 20. Jahrhunderts und ein paar Karikaturen, die ältere Epochen vertreten: Schweden unter einer geschlossenen, dicken Eisschicht, Schweden vom Eis befreit, mit Delfinen im Hafen und Weinreben auf den Bergen, die Wikinger auf Erkundungsfahrt mit ihren Langbooten, Gustav Wasa, der strenge Papa der Nation, wie ein Charakter aus einem Shakespeare-Drama aussehend, mit Skiern (Wasa-Lauf), Schwert und einem Grenzstein, auf dem Svea Rike steht; Gustav Adolf II. mit Schwert im Dreißigjährigen Krieg in Deutschland; Christina, die sich selbst die Krone abnimmt und nach Rom, zum Petersdom schaut. Gustav III, mit der Maske, und den Revolverhelden, die beim Maskenball ein Attentat auf ihn ausübten (das aber eigentlich nicht tödlich war, er starb durch die falsche Behandlung der Wunde). Karl Johann Bernadotte, mit einer schwedisch-französischen Fahne.

Um die männliche Dominanz ein bisschen zu relativieren, gibt es dann vier Erfahrungsberichte von Frauen aus königlichem Hause: Margareta, Kristina, Ulrika Elonora, Victoria. Starke Persönlichkeiten, interessante Gestalten (außer der Kronprinzessin, die wohl nur als Konzession an die Moderne oder aus dekorativen Gründen dabei ist), nur: Die Texte sind in einer unerträglich naiven Sprache geschrieben, so wie von Schulmädchen. Damit tut man den Frauen keinen Gefallen. Da will man ihre Ehre retten, indem man ihnen Präsenz verleiht, und macht alles nur noch schlimmer.

Im Unterricht gibt es noch mehr zur Aussprache. Die Eingangslaute von ljus, hjärta und djur sind alle stumm. Ebenso das /r/ von barn, außer in Finnland und in Malmö. Da wird es gesprochen.

Es wird regelmäßig für neue Paare und neue Kleingruppen im Unterricht gesorgt. Heute sind Erin, das Mädchen aus New York, und ich an der Reihe, als es an die Verbesserung des Textes über den Film geht. Wir sollen die Fehler, die jeweils nur unterstrichen sind, bei dem jeweils anderen korrigieren. Wir haben beide einen ausführlichen Text geschrieben und wenige Fehler. Wir haben aber beide den gleichen Fehler bei der Stellung von inte, der Verneinungspartikel, gemacht, bei ihr verzeihlicher als bei mir. Später sehe ich aber in einem Text, dass es da doch manchmal Unterschiede zwischen Schwedisch und Deutsch gibt: … men riksdagen inte accepterade det – … aber der Reichstag nicht akzeptierte das.

Als wir vom Mittagessen nach draußen kommen, ist der Himmel bedeckt und es fallen die ersten Tropfen. Dann geht es richtig los. Ich schaffe es so gerade noch, mich in die Schule zu flüchten. Ich bleibe einfach so lange, bis der Regen vorbei ist.

Auf dem Rückweg staut sich an vielen Straßenecken das Wasser auf der Straße. Verwunderlich. Man glaubt, in Schweden gäbe es so was nicht.

Zuhause mache ich mich auf die Suche nach den Abfalleimern. Sie stehen in einem eigenen, abgeschlossenen, einstöckigen Gebäude zwischen den Apartmentblocks. Keine gute Idee. Drinnen stinkt es bestialisch. An die eigentlich vorgesehene Trennung halten sich natürlich nicht alle. Manchmal ist es auch gar nicht so leicht zu unterscheiden.

Dann mache ich mich auf die Suche nach dem Waschraum. Er ist im Keller, aber abgeschlossen. Ich versuche eine andere Türe, und die ist auf. Und führt in einen Gang, der wiederum in einen anderen Gang führt, von dem man wirklich Zugang zu dem Waschraum hat. Alle Maschinen sind von Miele, die meisten sind im Gange, aber hier unten ist kein Mensch. Etwas mulmig ist mir bei der Aktion schon, so als ob ich mich hier nicht erwischen lassen dürfte.

Als ich wieder nach oben komme, steht Eric kopfschüttelnd vor dem Herd. Er will sich zwei von den Eiern, die uns die Vorbewohner großzügig überlassen haben, in die Pfanne hauen. In der Pfanne ein Stück Butter, und die Herdplatte auf 6, dem höchsten Grad. Aber es tut sich nichts. Ob ich da helfen könnte. Eine andere Herdplatte probieren? Hat es schon. Sind alle kaputt. Kann doch nicht sein. Dann stehen wir beide kopfschüttelnd vor dem Herd. Und brechen den Versuch ab.

Dann schwant mir was. Der Herd ist kaputt, und deshalb ist auch noch ein komplettes Dutzend Eier im Kühlschrank. Die Vorbewohner haben die Eier gekauft, dann festgestellt, dass der Herd nicht funktioniert.

Am nächsten Tag frage ich Emma. Nein, das könne nicht sein, meint sie, bisher habe sich noch niemand beschwert. Ich solle mal nach einem Timer gucken. An der Wand.

Wieder zuhause, suche ich sämtliche Küchenwände ab. Kein Erfolg. Dann fällt mein Blick auf einen zusätzlichen Schalter am Herd, ganz links. Der zeigt Minuten an. Ich schalte ihn an, und die Platte wird warm. Triumphierend berichte ich Eric von meiner Entdeckung, als er nach Hause kommt. Heute gibt es Omelette.

Eric und ich suchen nach dem Wort für ‚kreuzen‘, als wir über den Weg zur Schule sprechen. Mein Minilexikon hat  Kreuzschmerzen, Kreuzschlüssel, Kreuzband, Kreuzfahrt und Kreuzotter. Aber nicht kreuzen. Es kommt noch schlimmer: Später stelle ich fest dass auch unter fehlt. Zu seiner Ehrenrettung muss man sagen, dass es überqueren hat: korsa. Und das ist ja auch das gängigere Wort. Trotzdem: Das Prinzip gilt, dass immer die falschen Wörter auftauchen. Und dass man immer die gleichen vermisst. Dazu gehören die Kirschen noch nicht einmal. Wie oft spricht man über Kirschen? Vielleicht monatelang kein einziges Mal. Dagegen habe ich gleich am zweiten Tag Ausnahme und Gegenteil nachgeschlagen, undantag und motsats. Die braucht man viel öfter. Und die fehlen immer.

31. Juli (Donnerstag)

Eric schreibt heute einen Test. Einige Lehrer machen jede Woche einen, andere nur einen Abschlusstest. Er nimmt die Sache sehr ernst und berichtet am Nachmittag nicht ohne Stolz, dass er die Sache gut hinbekommen hat. Er hat sogar im gesamten Grammatikteil keinen Fehler, nur im Vokabelteil. Da musste genau das spezifische Wort angegeben werden, das im Unterricht gelernt wurde. Er hatte immer ein etwas weniger spezifisches Synonym, kommunikativ genau das Richtige. Der Test testet nur, ob man gelernt hat, was im Unterricht vorkam. Das ist als Testform nicht ganz unproblematisch.

Im Unterricht frage ich einfach nach Pelle Svanslös. Keiner weiß Bescheid, auch die nicht, die schon länger hier sind. Pelle Svanslös ist tatsächlich eine Figur aus einem Kinderbuch, ein Kater ohne Schwanz. Weil er keinen Schwanz hat, wird er von den anderen Katzen gehänselt. Eine Ratte hat ihm als Kind den Schwanz abgebissen. Er kommt ursprünglich aus einer anderen Gegend, ist dann aber nach Uppsala gekommen. Die Geschichten enthalten auch Anspielungen auf Orte und Gebäude in Uppsala, erklärt Jenny. Sie habe als Kind diese Geschichten gelesen, ihre Kinder aber nicht mehr. Die Stadt Uppsala nutzt die Figur jetzt aus als Symbolfigur für Aktionen für Kinder. Es soll zum Beispiel ein großer, neuer Spielplatz nach ihm benannt werden. In dem Zusammenhang bin ich dem Namen zum ersten Mal begegnet, in einer Broschüre der Touristeninformation. Und dann tauchte er bei der Stadtführung auf.

Im Buch lesen wir einen richtig guten Text zu den nordischen Sprachen. Es gibt einen kurzen historischen Abriss mit Karten, die die wechselnde geopolitische Situation widerspiegeln. Dann geht es auch um gegenseitige Verständlichkeit. Der Text bezieht sich auf eine Studie, der zufolge die Norweger die anderen am besten verstehen, die Dänen die anderen am schlechtesten. Am schlechtesten von allen verstehen die Kopenhagener die Schweden, trotz der geographischen Nähe. Jenny erzählt, auch das deutet der Text an, dass sie mit Dänen Englisch spricht. Die gegenseitige Verständigungsfähigkeit geht damit vermutlich weiter verloren. Sprachgeschichtlich ganz, ganz bedeutsam. Wieder wird der Text sehr oberflächlich besprochen. Schade.

Es gibt auch falsche Freunde zwischen den Sprachen: rolig ist ‚ruhig‘ auf Dänisch und Norwegisch, ‚witzig‘ auf Schwedisch, by ist ‚Stadt‘ auf Dänisch und Norwegisch und ‚Dorf‘ auf Schwedisch.

Dann kommt eine Hörverstehensübung mit Zeitausdrücken. Man hört eine ganze Anzahl von kurzen Dialogen und soll so viele Zeitausdrücke identifizieren wie möglich. Die werden dann gesammelt. Und dann kommt das Beste: Das Buch hat eine Übersicht über alle Zeitausdrücke, in vier Kolumnen: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft und eine weitere Kategorie für Regelmäßig. Volle Punktzahl! Ich habe mehrmals mühsam versucht, mir so etwas zusammenzustellen, und jetzt wird es auf dem Silbertablett serviert. Da haben wir i somras, ‚letzten Sommer‘, i sommar, diesen Sommer, i sommar, nächsten Sommer und på sommaren oder på somrarna für jden Sommer, im Sommer. Oder in mandags, lezten Montag, på mondag, nächsten Montag, på mandagar oder på mandagarna für montags. Toll! Volle Punktzahl für die Verfasser. Nur: Wie bekomme ich das in den Kopf?

Es liegen Welten zwischen all den amerikanisierten, jungen Leuten und mir. Das ist mir in den ganzen Tagen vor Augen geführt worden. Besonders deutlich wird es heute. Wir sollen ein Paket für unsere Zeit schnüren, dass den Menschen in 100oder 200 Jahren Auskunft über uns gibt: ein Lied, ein Film, ein Buch, ein Gerät, ein Geruch, eine Speise usw. Mit mir zusammen sind Patrick und Eleftherios.  Die Filme und Lieder, die sie nennen, kenne ich noch nicht einmal. Und was ich vorschlage, muss für sie hoffnungslos veraltet klingen. Nachher im Plenum einigt man sich dann auf das, was ziemlich naheliegend ist: T-Shirt, Pizza, I-Pod, Harry Potter usw. Chris macht einen interessanten Vorschlag zum Geruch: frische Luft. Die werde es demnächst nicht mehr geben. Ich hatte eine ähnliche Idee, aber komischerweise ganz umgekehrt: den Gestank von Abfall. Er denkt an eine Welt, in der Autos, Industrie, Haushalt usw. die Luft endgültig unerträglich gemacht hat. Ich denke an eine klinisch saubere Welt, die so weit fortgeschritten ist, dass es gar keinen Abfall mehr gibt – und überhaupt keine fiesen Gerüche.

Nach dem Mittagessen gehe ich in die Buchhandlung und finde auch tatsächlich etwas zu Pelle Svanslös. Allerdings ist es eine Ausgabe für Kinder bis zu drei Jahren, und jede konkrete Anspielung auf Uppsala fehlt. Das scheint nicht die Originalausgabe zu sein.

Dann gehe ich zur Touristeninformation. Es ist wenig Betrieb, und ich warte, bis ein französisches Paar und ein Schwede fertig sind und leite dann das Gespräch so ein: Können wir Schwedisch sprechen? – Ja- Kannst Du auch auf Schwedisch antworten: Ja. Kannst du auch auf Schwedisch weitermachen, wenn ich nicht verstehe? – Ja. Das funktioniert tatsächlich. Ich bekomme alle Informationen über Linnè und über Gamla Uppsala. Kein Wort Englisch in einer ca. fünfzehnminütigen Konversation. Es ist das erste Mal, dass ich außerhalb der Schule mit einem Schweden Schwedisch spreche.

Nachdem ich mich in den letzten Tagen immer verirrt und die Füße wund gelaufen habe, finde ich heute eine gute Alternative: direkt durch den Friedhof. Es scheint sogar etwas kürzer zu sein. Ich sehe Kreuze, die die keltische Form haben und Grabsteine mit keltisch aussehenden Motiven, wie Runensteine aussehend. Die Menschen, die hier begraben sind, heißen Lindström, Ekberg und Lund, vor allem aber Petersson, Karlsson, Gustavsson, Larsson, Jansson, Nilsson und Eriksson. An der Grabkapelle sehe ich sogar eine Information, die auf begleitete Gänge über den Friedhof hinweisen: jeden Mittwoch um zwei in den Sommermonaten. Passt. Am nächsten Tag sehe ich allerdings einen kleinen Zusatz: außer in den Wochen 29-32. Wie ich mich kenne, wird das genau jetzt sein.

„Nein, Mr. Epstein, ich glaube nicht, dass ich mit diesen Jungs eine Platte machen kann. Sie klingen zu sehr wie die Shadows.“ So begründete Dick Rowe von Decca 1962, warum er den Beatles keinen Schallplattenvertrag geben wollte. Einer von 101 historischen Fehlern, von denen das Buch handelt, das ich heute in der Buchhandlung gekauft habe: 101 historisk misstag.  Das kann man gut lesen, denn die Kapitel sind ganz kurz und offensichtlich ganz willkürlich angeordnet, so dass man immer das lesen kann, wonach es einem gerade ist: der nicht vergebenen Friedensnobelpreis an Gandhi, die Erfindung der Worcestersauce, die Erfindung der Mikrowelle durch einen Schokoriegel in der Tasche des Forschers, die Prophezeiung Klaus Manns, dass aus dem Mann am Nebentisch, der ein Stück Kuchen mit Sahne nach dem anderen verschlang, nie etwas werden könne, und ein führender Politiker schon gar nicht. Es war Hitler. Am besten der Import von Wildkaninchen nach Australien, der noch ein paar Jahre später, als man bei einer Jagd 40.000 erledigte, gefeiert wurde. Dann erst kam die Einsicht, dass es vielleicht doch zu viele gab. Aus den 24 von 1860 waren fünfzig Jahre später ca. zehn Milliarden geworden! Da baute man dann den Zaun durchs ganze Land. Den die Kaninchen einfach unterwanderten. Und dann kam die Wunderwaffe: ein Virus. Ein durchschlagender Erfolg. Die Kaninchen starben wie die Fliegen. Nur: Bei allen Virusinfektionen, ob Menschen oder Tiere betroffen sind, gibt es eine Minderheit, die immun gegen den Virus ist. Als Faustregel nimmt man 10% an. Und die vermehrten sich nicht nur wie die Kaninchen, sondern waren sogar besonders widerstandsfähig. Man hatte ungewollt eine Selektion vorgenommen. Die australischen Experten antworten auf die Frage, wie lange es dauere, bis die Kaninchen wieder ihre alte Zahl erreichen, antworten deprimiert: ein Jahr.

1. August (Freitag)

Fast eine Woche hat es gedauert, bis ich mich endlich zum Laufen durchringe. Heute gibt es keine Entschuldigung mehr. Gleich am Morgen geht es auf die Piste, noch vor sechs Uhr.

Es geht stracks runter in die Innenstadt. Schon in acht Minuten, schneller als gedacht, bin ich am Dom. Dann geht es, auf der anderen Seite, den Fyrisån entlang, teils über die Hauptstraße, teils über einen hölzernen Steg mit wunderbarem Blick auf dem Dom. Es geht an verschiedenen Brücken vorbei und an winzigen Motorbooten und hölzernen Hausbooten. Es geht immer weiter stadtauswärts.

Dann kommt ein Feldweg, der wischen den Fluss und dem Kungsäng, der ‚Königswiese‘. Die wurde, nachdem das Schloss gebaut wurde, den normalen Leuten überlassen, u.a. als Heuwiese, gegen eine Abgabe, versteht sich.

Ich muss den richtigen Moment verpasst haben, den Fluss zu überqueren, aber endlich kommt doch eine Brücke in Sicht, etwas versteckt hinter den Sträuchern. Nur: Die Brücke kann man nicht überqueren. Der Mittelteil fehlt. Keine Ahnung, warum. Auf einem Schild ist die Rede von einem Unfall, der sich hier ereignetet, im Zusammenhang mit der gepachteten Königswiese, aber ich verstehe nicht, was es damit auf sich hat.

Die Atmosphäre ist ein bisschen unheimlich, so wie in dem Film, wo einer merkt, dass er der einzige Überlebende auf der Erde ist. Es ist taghell, ich stehe vor der kaputten Brücke, man sieht keinen Menschen und hört kein menschliches Geräusch, nicht einmal ein Vogel piept. Dann hört man in der Ferne einen Hahn krähen. Und auf der anderen Seite steigt aus einem Fabrikschornstein Qualm auf, als Zeichen menschlicher Präsenz.

Ich mache mich auf den Rückweg, und als ich der Stadt näher komme, kommt tatsächlich Leben in die Bude. Hundebesitzer, die Müllabfuhr, Jogger und vor allem, Radfahrer. An der Brücke, die in den Stadtpark führt, werden, wie in Portland, in einer elektronischen Anzeige die Zahl der Radfahrer angezeigt, die heute die Brücke schon überquert haben: 112.

Dann geht es, wieder über die S:t Johannesgatan, zurück zur Wohnung, bergauf. Deshalb war ich so schnell in der Stadt auf dem Hinweg: Es ging bergab.

Als ich ankomme, kommt Eric auf der Dusche. Er macht heute die Exkursion in ein Silberbergwerk mit. Ich habe erst gezögert, mich dann aber dagegen entschieden. In Uppsala gibt es genug zu sehen.

Auch die Bettlerin am ICA hat geregelte Arbeitszeiten. Zu dieser frühen Morgenstunde ist sie noch nicht im Einsatz. Ich finde endlich Taschentücher – näsdukar.

Dann nutze ich Erics Abwesenheit für eine Waschaktion. Alles per Hand, nachdem ich irgendwo gelesen habe, dass man sich für den Waschraum irgendwo elektronisch anmelden muss. Was nicht per Hand geht, kommt später in die Reinigung.

Die Reinigung wird von einer Immigrantin betrieben, mit Kopftuch und fließendem Schwedisch. Hier wird ordentlich abkassiert: 160 Krn. Davon 110 für die Hose, für Shorts! Das ist völlig übertrieben und steht in keinem Verhältnis zu dem Preis für ein Hemd: 25 Krn.

Im Café Linné gegenüber trinke ich noch einen Kaffee. Auch der kostet 32 Kronen, eine Menge Geld für einen Kaffee mit Selbstbedienung. Es gibt allerdings, wie immer, Wasser umsonst, und man kann nachnehmen. Das erinnert mich an einen klassischen schwedischen Alltagssatz, der dieser Tage im Unterricht vorkam: Ingår påtår? Das fragt man, wenn man wissen will, ob man nachnehmen kann. Ich hatte den Satz immer missverstanden und geglaubt, ingår wäre ein Pronomen. Es ist ein Verb und heißt so was wie einbegriffen sein, wörtlich eingehen.

Das Café ist in einem Eckhaus untergebracht, im Erdgeschoss. Es hat niedrige Decken und alte Möbel, so eine Art Biedermeier-Verschnitt. Mit niedrigen Sofas an verschiedenen Stellen, und mit alten schwarz-weiß-Photos von der Gegend an den Wänden. Man sieht, dass in diesem Gebäude ursprünglich eine Bäckerei untergebracht war, Lindgrens Bageri.

Durch das Fenster des Café kann ich die vorbeifahrenden Radler beobachten. Nur ganz wenige tragen einen Helm. Das ist mir sehr sympathisch, aber verwundert in diesem Land, in dem es für alles eine Regel gibt.

Dann geht es in das Linnémuseum. Ich sage, ich wolle die Führung um halb zwölf mitmachen, und keiner sagt was, obwohl die Führung auf Schwedisch ist. Wir sind nur eine kleine Gruppe, aber zum Glück wird nicht gefragt, woher wir kommen, und ich kann einfach die Klappe halten und versuchen, was mitzubekommen. Es geht nicht gut, aber auch nicht schlecht. Viele Details verpasse ich, und manchmal schalte ich einfach ab und hänge meinen Gedanken nach. Aber das Große und Ganze wird klar. Auch deshalb, weil ich draußen am Zaun schon vorher was gelesen habe.

Obwohl der Garten Linnégarten heißt, geht er auf Olof Rudbeck zurück, den etwas abgedrehten, unglaublichen vielseitigen Renaissancemenschen, dessen Nachruhm völlig zu Unrecht auf der verrückten Theorie beruht, dass es sich bei dem verschwundenen Atlantis der Antike um Schweden handelte und dass im Paradies Schwedisch gesprochen wurde. Das sagt allerdings die Führerin nicht.

Rudbeck legte hier den ersten schwedischen Botanischen Garten überhaupt an. Der ging zum großen Teil bei dem verheerenden Stadtbrand von 1702 verloren. Der wurde dann von Linné wiederbelebt, der hier auch wohnte. Als dann der neue Botanische Garten angelegt wurde, wurde dieser geschlossen. Die Pflanzen wanderten hinüber. Erst später entschied man sich, die Sache nach den Originalplänen wieder aufzubauen. Heute ist der Garten Museum, wird aber auch von den Medizinstudenten der Universität benutzt.

Linné war nicht etwa Biologe, sondern Mediziner. Biologie als solche gab er vermutlich noch gar nicht. Die medizinische Ausrichtung schlägt sich aber auch im Garten nieder, bei dem es oft um die Heilwirkung der Pflanzen geht.

Irgendwann fällt der Name Celsius. Es hört sich so an, als wäre Linné, der Mediziner, von dem Theologen Celsius auf die Spur mit der Botanik gebracht worden, aber vielleicht habe ich das nicht richtig verstanden.

Der Garten ist im Geschmack des Barock gehalten, symmetrisch angelegt, mit zwei Rechtecken, die durch einen Weg getrennt sind, an dessen Ende eine Art Tümpel liegt, der wiederum zu beiden Seiten kleinere Tümpel hat.

Quer vor dem eigentlichen Garten liegt eine Art Vorgarten, mit dem Wohnhaus von Linné auf der rechten Seite. In der Mitte wurden ursprünglich die Pferde gehalten.

Wenn man den eigentlichen Garten betritt, ist man erst etwas erstaunt. Er sieht eher wie ein Kräutergarten aus. Die beiden Rechtecke sind mit einer beschnittenen Buchsbaumhecke umfasst. Das hat seinen Grund. Wir befinden uns an der nördlichen Buchsbaumgrenze Europas, und Linné wollte zeigen, dass man ihn hier anpflanzen kann.

Dann gibt es in schmalen Beeten, die an den Kräutergarten eines mittelalterlichen Klosters erinnern, Pflanzen aus aller Welt. Es ist wie ein lebendes Kompendium. Darum ging es auch wohl. Man sieht Tabak aus Virginia, Kartoffeln aus Peru, sogar Auberginen und Mais und auch Tomaten, alles neues Zeugs zu der Zeit. Man mag kaum glauben, dass das alles hier den Winter überdauert. Aber vielleicht werden da Schutzmaßnahmen getroffen. Aus Erfahrung weiß ich ja, dass der Garten im Winter geschlossen ist.

Linné selbst war kein Freund der Kartoffel. Jedenfalls weigerte er sich, sie zu essen. Sie wurde aber als Pferdefutter verwandt und, wenn ich das richtig verstanden habe, auch den Dienern zum Essen gegeben. Die erste Kartoffel wurde, entgegen der schwedischen volkstümlichen Vorstellung, schon von Rudbeck in Schweden angebaut, und zwar schon 1658, mehr als ein halbes Jahrhundert, bevor Alströmer die Bühne betrat, dem der Import der Kartoffel zugeschrieben wird und dem dafür in Göteborg  ein Denkmal errichtet wurde.

Am äußersten vorderen Ende des Gartens zeigt uns die Führerin eine besondere, aber unscheinbar aussehende Pflanze, die jetzt leider nicht blüht. Es ist Linnés Lieblingsblume, und da er die Oberhoheit über die Benennungen hatte, bekam sie seinen eigenen Namen: Linnea Borealis.

Gleich daneben eine Staude mit kleinen Beeren: smultron. Da haben wir sie wieder. Auch das Café des Linnégartens heißt Smultron.

Ganz am Ende der Führung ist noch von höstbröd die Rede, Pferdebrot. Das wurde wohl eigens für die Pferde gebacken. Die Führerin erzählt davon, als wir vor einer Bohnenstaude stehen. Die Bohne scheint die Grundlage für das Pferdebrot gewesen zu sein.

Am Ende des Gartens, quer über die ganze Breite des Gartens, befindet sich die Orangerie. Besser gesagt: befand sich. Sie war, nach dem Vorbild der römischen Bäder, eingeteilt in Frigidarium Tepidarium und Caldarium, so dass man Pflanzen aus allen Zonen anbauen konnte. Dabei kamen Linnè seine Kontakte in alle Welt zugute, vor allem nach Holland, wo er sein Opus Magnus veröffentlicht hatte, und Amerika. Es gab einen internationalen Austausch von Pflanzen. Auch dafür war sein eigenes Benennungssytem hilfreich. Man wusste, wovon man sprach, nur auf der Grundlage der beiden lateinischen Namen, für Gattung und Art. Das System war aber noch nicht so ausgereift, dass es keine Missverständnisse gab. Das habe ich vorher in dem Café gelesen. Manchmal kamen Pflanzen unter falschem Namen, und erst im Laufe der Zeit stellte sich der Irrtum heraus. Ich frage mich die ganze Zeit, wie man die Pflanzen austauschte. Das muss mir bei den Erklärungen entgangen sein. Man kann eigentlich nur Samen ausgetauscht haben. Muss richtig spannend gewesen sein, darauf zu warten, was dann bei denen herauskam, und ob überhaupt etwas herauskam.

In der Orangerie gibt es eine kleine Ausstellung. In die werden wir jetzt entlassen.

Vor dem Eingang in großen Holzkübeln ein paar weitere Pflanzen, darunter ein Mandelbaum, im Kleinformat. Der gibt sich am Ende des Winters durch seine rosa Blüten zu erkennen. Aber ob die überhaupt Früchte tragen? Um die geht es hier. Es gibt zwei Sorten, süße und saure Mandeln, und aus den sauren gewinnt man Blausäure. In der Küche, heißt es hier ganz trocken, werde sie nur sehr spärlich eingesetzt. Je nach Gast, könnte man hinzufügen.

In der Orangerie erfährt man etwas über die wissenschaftlichen Arbeiten Linnés. Der medizinische Fokus ist gut zu erkennen. Er hat Abhandlungen über Kaffee, Tee, Schokolade und Branntwein geschrieben, und bei allen ging es um deren heilende Wirkung.

Dasselbe gilt für die smultron. Linné war an Gicht erkrankt, und er konnte nicht essen, nicht schlafen und sich nicht bewegen. Am 14. Tag bekam er einen skal mit smultron, und siehe da: Sein Zustand verbesserte sich! Von da an aß er jedes Jahr prophylaktisch smultron und bekam nie wieder die Gicht.

Ein Gewächs namens Kinabark, Cichona Officialis, empfahl er gegen Fieberkrankheiten, sogar gegen Malaria.

Es gibt Abbildungen von Rudbeck und Linné und deren Söhne, die beide die Medizinprofessur von ihrem Vater übernahmen! Rudbeck der Jüngere wandte sich nach dem Brand von der Botanik ab und anderen Wissenschaften zu. Man kann sich vorstellen, was für eine Enttäuschung das gewesen sein muss. 7000 Pflanzen verbrannten. Von den übrig gebliebenen 130 wurden 90 an die Linné-Gesellschaft in London abgegeben. Der junge Rudbeck tat sich dann in der Sprachwissenschaft durch eine abenteuerliche, aber interessante These hervor. Derzufolge sollten Läppisch, Gotisch und Hebräisch miteinander verwandt sein. Man kann sich vorstellen, das William Jones‘ These, wonach Gotisch, Griechisch und Sanskrit miteinander verwandt sein sollten, genauso abenteuerlich klang.

Der Brand bedeutete auch das Ende eines monumentalen Projekts seines Vaters. Er wollte ein Werk verfassen, in dem alle Pflanzen der Welt im Querschnitt abgebildet sind, jede auf einer eigenen Seite. Eine Seite aus einem der ersten beiden Bände, die er noch beenden konnte, ist hier ausgestellt.

Zu Linné selbst heißt es, dass er sich nach dem großen Coup mit der Benennung der Pflanzen vor allem für deren Entwicklung zu interessieren begann, und zwar einerseits für den Wuchs der Pflanze von klein nach groß, andererseits für die geographische Entwicklung, für die jeweilige Adaptation an die herrschenden Verhältnisse. Das leuchtet mir völlig ein. Von Statisch zu dynamisch sozusagen. Dann wird es erst richtig interessant – und richtig kompliziert. Vermutlich geht es bei allen Themen so. Man braucht nur an so etwas wie die gotischen Kathedralen denken.

Zum Schluss geht es dann in das Wohnhaus, einem zweistöckigen Bau mit einer gelb gefassten Fassade. Man hat der Symmetrie halber zusätzliche Fenster, neben den wirklichen Fenstern, eingemalt.

Man kommt gleich, fast übergangslos, nach einem schmalen Flur, in das Speisezimmer. An den Wänden bemalte Tapeten. Man merkt, dass man es mit einer farbverliebten Epoche zu tun hat: apfelgrün, rosa, blau, grau, rot. Dargestellt sind, wen würde das überraschen, Pflanzen. Allerdings habe ich irgendwo gelesen, dass Linnés System sich keinesfalls nur auf Pflanzen, sondenr auch auf Tiere und auf Mineralien erstreckte.

Dann geht ins Porzellanzimmer. Ob das auch eine praktische Funktion hatte, ist nicht zu erkennen. Vielleicht ging es nur um das Zurschaustellen des eigenen Besitzes. Dass man nicht bei armen Leute zuhause ist, merkt man sofort. Alles ist vom Feinsten. Linné ließ das Porzellan tatsächlich über die East India Company aus China einführen, in Form und Motiv an europäische Bedürfnisse angepasst. Es gibt sogar Teller mit der Linnea Borealis. Linné muss die Entwürfe wohl mit nach China geschickt haben!

Dann gibt es Silberbesteck und Tischgeräte wie Soßekannen aus Silber. Alles ist sehr geschmackvoll, mit einfachen, rundlichen Formen. Die Gabeln, mit einem Längsstrich als einzigem Schmuck, sehen supermodern aus. Würde ich mir sofort kaufen, wenn ich das nötige Kleingeld hätte.

In einem Nebenraum sieht man andere Gerätschaften wie einen Spazierstock mit Elfenbeinknauf und Stöckelschuhe mit bemaltem Tuch.

Ganz anders sieht der Geräteraum aus. Hier sind hölzerne Spinnräder und Webstühle ausgestellt. Frau Linné, eine kunstfertige Weberin, unterwies ihre Töchter hier im Weben. Der Arbeitstag begann um vier Uhr morgens. Sie soll eine sehr strenge Frau gewesen sein. Eine der Töchter interessierte sich auch für Botanik, aber das musste Hobby bleiben. Für die Frauen kam eine akademische Laufbahn nicht in Frage, nicht einmal die Position der Assistentin des Vaters.

Die Linnés hatten sieben Kinder, von denen fünf das Erwachsenenalter erreichten. Eins der Kinder überlebte, weil Linné rechtzeitig zum Mittel der Mund-zu-Mund-Beatmung griff. Ein richtiger Doktor eben.

Im Obergeschoss waren Linnés Forschungs- und Demonstrationsräume. Man sieht schöne, kleine Möbelstücke, teils aus unterschiedlichen Holzarten: ein Sekretär, einen Arbeitstisch und einen eigenen Wandkasten für die Schlüssel.

Linné war ein sehr fleißiger, systematisch vorgehender Mann, und hatte einen harten Arbeitstag, mit Unterricht an der Universität, Lektionen und Demonstrationen hier im Garten, der Überwachung der Pflanzen und natürlich dem riesigen Publikationswerk. Er hatte eine bemerkenswerte Angewohnheit: Wenn er müde wurde, legte er sich sofort hin. Und stand nach einer Viertelstunde wieder auf.

Sein wissenschaftliches Motto war: Om Du inte känner namnet, förlorar Du kunskapen om tingen. – Wenn Du den Namen nicht kennst, verlierst Du das Wissen von den Dingen. Kein Wunder, bei seiner Arbeit. Kann man aber auch in vielen anderen Bereichen anwenden.

Am Schluss sieht man dann noch das Bett Linnés, auch das Bett, in dem er gestorben ist. Es ist ganz kurz. Linné war nur 1,54 groß.

Als ich aus dem Linnégarten komme, hat sich die Sonne verzogen, und es ist windig. Am Abend ist es dann aber wieder schön.

Ich mache es jetzt wie Linné und gehe nach Hause und lege mich hin. Nach einer Viertelstunde stehe ich wieder auf. Guter Tipp. Danke, Herr Linné.

Dann geht es zum dritten Mal in die Innenstadt, zur Schule. Man kommt jederzeit hinein, auch am Wochenende und nachts. Dazu braucht man unten und oben der Zahlencode, aber der ist uns ganz offen mitgeteilt worden und sogar auf den Informationsblättern zu finden. Komisch, man scheint keine Angst vor Dieben zu haben. Dabei stehen hier auch allerhand Gerätschaften rum, und die Büros der Angestellten haben nur Glastüren. Auch unser Raum steht offen, und da steht auch der Kassettenrekorder, das Objekt meiner Begierde. Ich höre mir ein paar Texte an, vor allem die drei Berichte über die smultronställe. Allmählich wird es klarer.

Im Internet finde ich dann noch was zu Pelle Svanslös. Der Verfasser heißt Gösta Knutsson. Die Geschichten erschienen über einen langen Zeitraum, 1939-1972. Sie wurden auch als Kritik an der zunehmenden Kooperation der Schweden mit den Nazis gelesen. Wie kann man die wohl in einer Kindergeschichte über einen Kater unterbringen?

Dann finde ich noch etwas über Pitepalt, ein Gericht, das im Lehrbuch beschrieben wird. Es ist benannt nach der Stadt Pitea, aus der es stammen soll. Pitepalt ist entweder der Prototyp oder eine besondere Spielart von Palt, einem traditionellen schwedischen Gericht, gefüllten dumplings, im Falle der Pitepalt  aus rohen Kartoffeln und Gerstenmehl gemacht.

Am Abend berichtet Eric von der Fahrt in die Silbermine. Der bleibende Eindruck: kalt. Niemand hatte vorgewarnt, dass man 120 Meter unter der Erde sein würde, bei 2°. Es gab eine Führung auf Schwedisch, die er mitmachte, und eine auf Englisch. Die hat ihm gefallen, aber inhaltlich berichtet er nicht viel, außer, dass die Arbeit unter Tage anstrengend gewesen sein muss. Anschließend sind sie dann noch zu einem Elchpark gefahren, wo man von Traktoren auf langen Wegen an den Gattern entlang fuhr und die Elche streicheln konnte. Ich glaube, ich habe nicht viel verpasst. Eric erzählt, dass zur Brunftzeit die männlichen Elche ausgelagert und irgendwo in Värmland zwischengeparkt werden. Sonst würde es hier Mord und Totschlag geben.

Dann wechselt er plötzlich von Schwedisch auf Deutsch und berichtet, wie er dazu kam, Deutsch zu lernen. Seine Eltern hatten über den Krieg hinaus Kontakt mit den Soldaten, die sich während der Besatzungszeit bei ihnen zu Hause eingenistet hatten, ohne jede feindliche Gesinnung. Als „junger Bursche“ fuhr er mit seiner Familie nach Ungarn, trotz der Reisebeschränkungen, und unterwegs machten sie Halt in Bas Mergentheim und in Ambach, um die beiden Soldaten zu besuchen. Da hörte er zum ersten Mal Deutsch. Er konnte zwar noch nicht viel verstehen, aber doch das eine oder andere Wort aufschnappen. Am meisten beeindruckte ihn das Wort eine. Genauso hieß sein Heimatort Das, fand er, stellte eine Verbindung zwischen der Sprache und seinem Leben her. So sei das eben mit Kindern. Solche Details seien die entscheidenden.

Sein Vater konnte es sich zu der Zeit schon leisten, mit dem Auto zu verreisen. Er war ein Selfmademan, ehemals Gehilfe in einer Weberei, wo er die ersten drei Monate ohne Lohn arbeiten musste. Er brachte es dann durch Fleiß und Entschlusskraft zu seiner eigenen Weberei. Man merkt ihm an, dass er die Werte seines Vaters übernommen hat. Hartnäckigkeit, Gewissenhaftigkeit, Fleiß. Die gelten für ihn sogar beim Schwedischlernen.

Dann erzählt er noch von den Stadtführungen, die er sowohl in Gent als auch in Brügge als auch in einer Brauerei namens Limmans macht. Er macht sie vor allem auf Deutsch, aber auch auf Englisch. Sein Wunsch ist es, sie demnächst auch auf Schwedisch machen zu können.

Man ist dabei sehr flexibel. Wenn man mal drei Wochen nicht da ist, kein Problem. Man nimmt einfach während der Zeit kein Angebot an. Es gibt immer Ersatz. Gent hat eine riesige Zahl von Stadtführern, über einhundert, und davon ein gutes Dutzend, die auch Deutsch im Angebot haben. Von den Westdeutschen bekäme er immer Trinkgeld, von den Ostdeutschen selten.

Bei all den Erzählungen haut er sich eine Stulle nach der anderen rein. Er isst sie als Dubbel und stippt sie dann in den Kaffee, auch die mit Käse. Sein Bauch ist kein Bierbauch, sondern ein Stullenbauch.

2. August (Samstag)

Am Morgen fragen wir uns, was nass auf Schwedisch heißt. Wieder weiß es keiner von uns beiden. Es heißt våt. Ich hatte auf mjuk getippt, lag aber daneben, und Eric wusste es: mjuk heißt weich. Vokale können mjuk oder hård sein. Gut gebrüllt, Löwe.

Die viele Bewegung von gestern hat müde Beine bewirkt. Laufen fällt aus. Das heutige Ziel heißt Gamla Uppsala. Dahin kommt man mit dem Bus.

Im Zentrum komme ich an einem Frisörsalon vorbei der bestätigt, dass Frisöre mehr als andere Geschäfte immer auf der Suche nach originellen Namen sind. Der hier heißt Hairmony.

Im Pressbyrå bitte ich um eine Fahrkarte nach Gamla Uppsala und zurück. Der freundliche Mann antwortet: Da gibt es ein Problem. Die Karte ist nur 90 Minuten gültig. Man muss für die Rückfahrt die Karte vor der Rückfahrt kaufen. Direkt beim Fahrer. Aber nicht mit Bargeld. Nur per Karte. Dann bekomme ich meine Karte für den Hinweg. Alles auf Schwedisch erledigt, kein Versuch des Verkäufers, auf Englisch umzusteigen.

An der Haltestelle der Linie, die mir im Turistbyrå genannt wurde, ist von Gamla Uppsala nicht die Rede. Ich frage einen Wartenden, ob man mit dieser Linie nach Gamla Uppsala komme. Nein, dieser Bus fahre nach Danmark. Was, nach Dänemark? Kann das sein? Oder ist das ein anderes Danmark? Ich traue aber dem Danmark-Menschen nicht so recht und frage eine Busfahrerin: Linie 2. Die ist tatsächlich an demselben Bahnsteig wie die 102. Aber der Fahrplan ist fast leer. Nur morgens um 6 und halb sieben fährt ein Bus. Ich frage ein Pärchen, dass an der Bushaltestelle steht: falsche Richtung. Ich muss zu einer ganz anderen Anfahtstelle, außerhalb des Busbahnhofs. Und es stimmt. Dort fährt die 2 ab, und die kommt dann auch sofort.

Wir kommen an einer Moschee vorbei, ganz schön, ein quadratischer Bau mit einer Kuppel und daneben ein zierliches Minarett, das die Kuppel nur knapp überragt. Auf beiden der Halbmond.

Die Fahrt geht Richtung Nyby. Schon wieder eine neue Version von Neustadt.

Gamla Uppsala besteht aus einer Reihe von gleich hohen, künstlich aufgeschütteten, mit dürrem Gras bewachsenen Hügeln. Man hat mehrere ausgegraben und weiß, dass es sich um Grabstätten handelt. Alles andere ist weitgehend ungeklärt.

Man kann zwischen den Hügeln umhergehen und auf die Hügel raufklettern und auf eine flache, unspektakuläre, grüne Landschaft blicken.

Zwischen den Hügeln steht eine Kirche, romanisch, festungsartig. Sie ist ganz beeindruckend, aber völlig unproportional, mit einem klotzigen, breiten für die Höhe viel zu mächtigen Turm. Später, an einem Holzmodell im Museum, das ich im letzten Moment sehe, klärt sich die Sache auf: Was man heute sieht, sind die Reste der mächtigen Vorgängerkirche, der Bischofskirche. Das, was heute die eigentliche Kirche ist, war nur deren Chor, und der Turm war die Vierung. Alles andere ist bei dem Brand zerstört (1245) worden, der der Anlass zur Verlegung der Stadt nach Östra Aros, also ins heutige Uppsala, war.

Vor der Kirche stehen Gläubige, die gerade aus dem Gottesdienst kommen. Eine ungewöhnliche Zeit, samstags um elf Uhr. Drinnen räumt eine Küsterin auf.

Die einschiffige Kirche hat ein gotisches Gewölbe, ganz mit floralen Motiven ausgemalt. Die sind besser erhalten und vermutlich neuer als die figürlichen Ausmalungen im Gewölbebogen, der die Kirche vom Turm trennt.

In der Apsis ein vergoldeter Schnitzaltar, den man allerdings nicht aus der Nähe sehen kann. Am Eingang zur Apsis hängt, hoch oben auf einem Balken, ein Kreuz. Mir kommt das so vor, als hätte ich so was öfter in England gesehen, nicht aber bei uns.

Die Sitzreihen der Bänke sind abgeschlossen durch eine kleine Tür, so dass sich eine einheitliche, bemalte Fläche ergibt. Auch das sieht englisch aus, auf jeden Fall protestantisch.

Im Mittelgang befindet sich das Familiengrab der Familie Celsius.

Um die Kirche herum zu allen Seiten der Friedhof. Unter den Toten befindet sich ein Werner Petersson, mit deutscher Schreibweise.

Auf einem Schild vor der Kirche wird die Legende von S:t Erik erzählt. Er befand sich in der Kirche, als ein dänisches Heer anrückte. Als er aus der Kirche kam, kam es zu einem Gemetzel, bei dem er enthauptet wurde. Sein Kopf rollte den Hügel hinunter, und da, wo er liegen blieb, entsprang eine Quelle.

Er wurde bald zu einem Heiligen und wurde hoch verehrt. Seine Reliquien wurden hier, in der Vorgängerkirche, aufbewahrt. Sie wurden nach dem Brand dann in den Dom von Uppsala überführt. Jedes Jahr am Festtag des Heiligen wurden seine Überreste in einer Prozession nach Gamla Uppsala gebracht und dann wieder zurück nach Uppsala. Diese Tradition dauerte bis ins 16. Jahrhundert an.

Auf dem Weg vor der Kirche gibt es ein Hinweisschild zum Sockenmuseum. Was das wohl ist? Bestimmt nicht das, was es zu bedeuten scheint. Ist es auch nicht: socken bedeutet Pfarrgemeinde.

Im Museum gibt es erst auf Schautafeln etwas zur  Geschichte des Ortes in den letzten Jahrzehnten. Natürlich war der Papst hier (1989) und hielt eine Messe auf dem Hügel. Dann gab es (1954) eine große Versammlung nordischer Sozialdemokraten, mit drei Premierministern und 15000 Delegierten. Und es gab eine große Protestaktion, als ein Restaurant, Matsgården, abgerissen wurde, weil es den Blick auf die Hügel beeinträchtigte.

Oben gibt es eine Reihe von Nachbildungen, aber auch Grabfunde, in kleinen Vitrinen. Es ist alles sehr fragmentarisch, außer in einer Vitrine, wo Grabfunde aus Valsgärde, nördlich von Gamla Uppsala, ausgestellt sind, ein prächtiger Helm, der fast einer Krone gleicht, ein Schwert (mit einer Schneide), ein Kessel und einem Habicht. Dort wurden die Toten in einem Schiff begraben und wurden nicht verbrannt. In Uppsala wurden die Toten verbrannt, und offensichtlich die Grabbeigaben mit ihnen. Das würde den fragmentarischen Zustand erklären.

Bei denen muss man schon genau hinsehen. Es gibt eine Vogelfigur aus Knochen, einen Spielstein, im ganz wörtlichen Sinne, denn er ist wirklich aus Stein, Bärenklauen von einem Fell.

Man hat, zumindest in einem Hügel, menschliche und tierische Knochen gefunden, Fragmente von Kämmen, Fibeln, Spangen, aber keine Waffen. Das hat zu der Vermutung geführt, dass hier eine Frau bestattet wurde. Die Sache ist aber umstritten.

Die Gräber stammen aus der Zeit um 500, aber man vermutet, dass dies schon viel eher, ein wichtiger Kultort der Svear war, 2000 vor Christus. Die königliche Dynastie, die man hier ansiedelte, ist in Schweden unter dem Namen Ynglingar bekannt. Drei von diesen Königen, Aul, Egin und Adils, assoziierte man mit drei der Hügel.

Der Ort findet Erwähnung in Beowolf und in einem norwegischen Gedicht und in einem Bericht von Adam von Bremen. Der erzählt, dies sei eine heidnische Kultstätte gewesen, mit einem Tempel, ganz in Gold. Dort habe man alle neun Jahre ein pan-schwedisches Fest abgehalten, bei dem neun männliche Exemplare aller Lebewesen, einschl. des Menschen, getötet wurden. Ihre Köpfe seien in dem Tempel zur Schau gestellt worden. Adam von Bremen war allerdings nie hier. Es könnte sich um eine pure Legende handeln, vielleicht um christliche Propaganda.

Adam von Bremen war nie hier, aber Olof Rudbeck war natürlich hier. Er vermaß die Stelle und kam zu dem Ergebnis, der alte Tempel habe genau die Ausmaße gehabt wie der Apollo-Tempel aus Atlantis. Er argumentierte auch mit der Verwandtschaft gewisser Götternamen in verschiedenen Sprachen: Thor – Tys – Dys – Zeus – Deus – Dis. Oder Oden – Auden – Aides – Hades. Das hört sich gar nicht so an den Haaren herbeigezogen an.

Zum Schluss gibt es noch eine Schautafel zur Eisenherstellung in Schweden. Die hatte ihren Ursprung hier, in Uppland. In Russland und in Südosteuropa gibt es noch ältere Zeugnisse, aber in den anderen Teilen Europas war Eisen noch unbekannt. Hier wurde Eisen schon mitten in der Bronzezeit hergestellt, um 1000 v.Chr. Man hat sowohl Stellen als auch Geräte aus der Zeit gefunden, und weiß, dass man blåstugnar und myrmalm und bergmalm verwendete. Leider wird nicht klar, wie die Sache sich zu den Exponaten hier im Museum verhält. Die scheinen aus Bronze, nicht aus Eisen zu sein.

Bei der Rückfahrt steigen vor mir im Bus drei Amerikanerinnen ein. Die erste will mit ihrer Karte bezahlen, aber es funktioniert nicht. Dann versucht sie es mit einer zweiten und dann mit einer dritten Karte. Wieder nichts. Dann versucht es die zweite Amerikanerin. Es klappt. Sie zahlt gleich für alle drei. Dann komme ich an die Reihe. Ich muss sogar meine PIN eingeben und weiß am Ende nicht, ob die Sache funktioniert hat oder nicht. Ich bekomme jedenfalls eine Fahrkarte und eine Abrechnung, aber dem Anschein nach ist nicht abgebucht worden. Warum man in diesen Notfällen nicht einfach auf Bargeld zurückgreift und sich nicht ganz von den elektronischen Geräten abhängig macht, verstehe ich nicht.

Als ich wieder in Uppsala bin, im neuen Uppsala, starte ich noch eine von den Aktionen, die schweißtreibend und zeitaufwändig sind und völlig überflüssig. Nur aus Dickköpfigkeit. Ich will unbedingt ein Photo von einer Marx-Skulptur machen, die ich auf dem Umschlag eines Buchs über Kunstwerke in Uppsala gesehen habe.

Dafür muss ich eigens früher aussteigen und nochmal zur Touristeninformation gehen. Das Mädchen hinter der Theke weiß sofort Bescheid und zeichnet mir die Stelle im Stadtplan ein. Gar nicht so schlecht. Nicht so weit von der Wohnung entfernt, im Studentenviertel.

Der Weg wird mir aber doch lang. Es ist heiß, und der Magen macht sich bemerkbar. Er hat bisher außer zwei Becher Tee und zwei Keksen nichts bekommen.

Als ich an die bezeichnete Stelle komme, ist nichts zu sehen. Ich gehe einmal um das Gebäude rum und wundere mich, dass ausgerechnet hier eine Marxstatue aufgestellt worden sein soll. Es handelt sich um die Domschule.

Ich mache einen weiteren Versuch und habe zweimal das Gefühl, als ich an eine Ecke komme, dass jetzt, gleich nach der Ecke, die Skulptur auftauchen muss. Nichts. Ich überlege mir, ob die Skulptur vielleicht im Innenhof aufgestellt ist. Aber das will nicht so recht passen. Dazu ist sie zu groß.

Als ich schon aufgeben will, sehe ich hinter ein paar Ästen plötzlich eine in die Hand gestreckte Faust. Und dann die Skulptur, von hinten. Längst nicht so groß, wie gedacht, längst nicht so groß, wie auf dem Photo, aber macht nichts. Ich stelle mich vor die Skulptur und lese die Inschrift. Da steht ein Name, Angelbrekt (?), vermutlich der des Bildhauers. Darunter noch ein Name: Bror Hjorth. Und dann geht mir ein Licht auf: ES ist gar nicht Marx. Sieht nur so aus. Bror Hjorth ist eine Künstler. Ich bin dem Namen in einer Broschüre begegnet. Er hat irgendwo in Uppsala ein kleines Museum.

Unverrichteter Dinge, aber fest entschlossen, mir das Museum dieser Tag mal anzusehen, mache ich mich auf den Rückweg. Unterwegs kaufe ich wieder an demselben Stand Erdbeeren. Diesmal die belgischen. Die sind unschlagbar billig. Eigentlich wollte ich Kirschen kaufen, aber die sind unverschämt teuer: 50 Kronen für ein Körbchen. Zuhause muss ich feststellen, dass die schwedischen Erdbeeren ihr Geld wert waren. Sie schmeckten viel besser als die belgischen.

Im ICA kann man sich auch Salat selbst zusammenstellen. Eine junge Frau ist gerade dabei, als ich vorbeigehe. Dabei fällt ihr die Schale auf den Boden, und mit ihr der gesamte Inhalt. Ich will ihr die Peinlichkeit vermeiden und tue so, als hätte ich nichts gesehen. Später sehe ich, dass sie alles so auf dem Boden hat liegen lassen. Die Anonymität als Deckmantel.

Ich kaufe ein Bier, das Norrland heißt und mit den Attributen wirbt, die man mit dem Norden verbindet: Echtheit, Frische usw. Auf der Dose zwei Elche, zwei Fische und eine gefrorene Landschaft mit einem baumlosen Berg im Hintergrund. Nur: Was ist eigentlich Norrland? Auf der Karte mit den Landschaften im Buch kommt es nicht vor. Es muss eine andere Einheit sein.

3. August (Sonntag)

Der Grund ist nass, es muss in der Nacht geregnet haben. Der Himmel ist bewölkt, aber es gibt auch ein paar Lücken, die hoffen lassen.

Als ich zum Laufen nach draußen gehe, fieselt es aber. Allmählich wird der Regen immer stärker, und als ich an der kaputten Brücke ankomme, ist er richtig heftig. In der Ferne grollt der Donner, und auf den Schindeln der Hausboote prasselt der Regen so laut, dass man unwillkürlich hinsieht. Ich komme völlig durchnässt zurück.

Am Anfang geht es aber noch. Auf der Wiese vor dem Haus zwei Hasen, die sich durch meine Präsenz nicht weiter stören lassen und nur ein paar Schritte weiter hoppeln. Wann habe ich zum letzten Mal Hasen gesehen?

Am Fluss, schon außerhalb der Innenstadt, hat jemand an einem Drahtzaun ein Fahrrad aufgehängt, in leicht geneigter Position. Sieht wie ein Kunstwerk aus.

Der Zaun gehört zu einem der Bootsvereine, die hier ihr Revier haben. Auf dem Gelände sieht es unschwedisch unaufgeräut aus: Gestelle, Leitern, Räder, ein paar abgedeckte Boote, alles in tiefem Gras.

Auf dem Schotterweg überall fette Schnecken mit braunen und grauen gedrechselten Häusern, auf dem Weg zu noch mehr Futter auf der anderen Seite des Weges. Wenn sie sich bewegen, sieht es so aus, als würde sich nur das Schneckenhaus bewegen.

Auf einem Zaunpfahl sitzt ein Raubvogel, vielleicht ein Bussard. Auch er lässt sich durch mich nicht erschrecken und bleibt seelenruhig sitzen.

Die kaputte Brücke heißt Vindbro und liegt tatsächlich an einer Wanderstrecke, die Danmarkvandringen heißt. Auf einem Schild lese ich, dass man das Heu der vom König überlassenen Wiesen bis zum Winter hier in Schuppen aufbewahrte und erst dann transportierte. Das ging auf gefrorenem Boden besser!

Irgendwann kam es hier zu einem Unglück, dessen Verlauf und Ursache ich aber nicht ganz verstehe. Es ging offensichtlich um Einkaufen. Dabei drängte man sich früher genauso wie heute. Der König forderte als Abgabe für die Überlassung der Wiese bestimmte Produkte, und die wurden immer beliebter und hier verkauft. Bei dem Gedränge kam es zu dem Unglück, bei dem mehrere Menschen ertranken.  Es werden eine Zugbrücke und eine Fähre genannt, aber was es mit denen auf sich hat und was sie mit der kaputten Brücke zu tun haben, verstehe ich nicht.

Auf dem Rückweg durch den Stadtpark laufe ich zwischen Rasenflächen her, die gerade aus vollem Rohr gesprengt werden – bei dem Regen!

Zuhause ist der Blick aus dem Fenster auf den anhaltenden Regen zwar triste, aber der warme Kaffee ist ein Segen.

Zu den Wörtern, die man leicht verwechselt, gehören gata und gåta, ‚Straße‘ und ‚Rätsel‘, utan und utom, ‚ohne‘ und ‚außer‘, lång und länge, ‚weit‘ und ‚lange‘, röka und raka, ‚rauchen‘ und ‚rasieren‘. Aber den Vogel schießen die hier ab: förr, förut, före, förrän. Natürlich gibt es auch noch för, aber das ist eine andere Geschichte. Die ersten beiden kommen in der Tabelle mit den Zeitausdrücken vor und sind Synonyme: ‚früher‘. Es sind Adverbien. Dagegen ist före, auf das die Lehrerin hinweist, eine Präposition: ‚vor‘. Ist förrän, auf das ich bei der morgendlichen Lektüre stoße, dann eine Konjunktion? Und bedeutet ‚bevor‘? Ich muss auf Beispiele achten.

In 101 historiska misstag lese ich, dass der Verkauf von Alaska durch Alexander II. zu seiner Zeit nicht so verrückt war, wie er in der Nachschau aussieht. Auch in den USA war der Kauf sehr umstritten. 7,2 Millionen Dollar für nichts und wieder nichts, für eine Einöde, in der es nichts als ein paar Pelztiere gebe, von denen die meisten längst ausgerottet seien. William Seward, der Mann, der den Kauf für die USA aushandelte, blieb bis zum Ende seines Lebens überzeugt, dass er einen Coup gelandet hatte. Es werde einfach eine Generation dauern, bis die Leute das begreifen würden.

Im Laufe des Vormittags klart es auf, und als ich die Wohnung verlasse, ist es wieder richtig warm. Aber ziemlich windig und nicht mehr so klar wie in den letzten Tagen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass das Schönste vorbei ist. Die erste Jahreshälfte ist vorbei, und der August trägt schon die Vorboten des Herbsts in sich.

Eigentlich will ich ins Vasaborgen, die unterirdischen Ruinen des alten Schlosses, aber das scheint mehr Spektakel für Kinder zu sein und ich lasse es. Ich gehe einmal ganz ums Schloss herum und lese die Erklärungen an verschiedenen Stellen. Lohnt sich.

Oben auf einer der Bastionen steht die Gunillaklockan, eine Glocke, die eigentlich zu der Kapelle gehörte, aber nach dem Brand des Schlosses zur vårdklocka wurde. Wenn sie abends geläutet wurde, musste man ins Haus gehen und Fenster und Türen schließen. Jetzt spielt sie eine Rolle im Studentenleben von Uppsala, am Abend der Walpurgisnacht.

Die Gunillaklockan steht auf einer der beiden mächtigen Bastionen. Warum hier, so weit von der Landesgrenze entfernt, so eine Festung? Die Antwort ist einfach. Der Feind war im Land. Gustav Wasa hatte den Protestantismus eingeführt und kirchliche Güter beschlagnahmt und kirchliches Vermögen eingezogen. Das gefiel nicht allen. Die Kanonen auf dieser Bastion sind auf den Dom gerichtet! Die Bastion heißt Styrbiskop.

Auf der anderen Bastion, Gräsgården, auch Mitte des 16. Jh. errichtet, erfährt man, was es mit den Bastionen auf sich hat. Im Mittelalter hatte man hohe und dünne Mauern. Die konnten den modernen Waffen nicht mehr widerstehen. Jetzt brauchte man niedrigere und dickere Mauern. Die außerdem so angelegt sind, dass man den Feind auch dann beschießen kann, wenn der schon bis zur Mauer vorgedrungen ist. Man kann sozusagen die Mauer entlang schließen. Bei den mittelalterlichen Mauern musste man sich oben auf den Zinnen zeigen und wurde so zum Ziel der Angreifer.

Etwas weiter blickt man plötzlich auf einen symmetrisch angelegten Garten mit Terrassen und einem barocken Bau als Abschluss in der Distanz. Das will nicht so richtig zu den kriegerischen Bastionen passen. Dieser Garten wurde zum 100. Geburtstag von Linné angelegt. Der Bau hinten ist das Linneanum, eine Orangerie.

Auf einer Rasenfläche gleich vor der Schlossmauer steht ein Gemälde. Es zeigt Königin Christina und enthält eine Reihe von heimlichen Botschaften. Christina ist hoch zu Ross und reitet gegen Süden. Sie war eine Bewunderin Alexanders des Großen, der seinen Bukefalos gezähmt hatte, indem er ihn der Sonne entgegen reiten ließ, so dass er seinen eigenen Schatten nicht sah. Bei Christina heißt Süden aber auch Rom, eine Anspielung darauf, dass sie vorhatte, die Krone abzugeben und nach Rom zu gehen. Sie trägt keine Adelskleider, im Gegensatz zu dem sie begleitenden Falkner, auch das eine Anspielung auf die bevorstehende Abdankung. Der Falke galt in der Zeit als ein Symbol der Hoffnung, vielleicht Hoffnung darauf, in Rom eine weitere Karriere als Monarchin machen zu können. Sie schielte auf die Krone von Neapel. Dem Falken hat man gerade seine Haube abgenommen – er ist also bereit zur Jagd! Das Gemälde, von Sébastein Boudon, war ein Geschenk für Philipp IV. Das Original hängt heute im Prado. Christina ist hier, im Schloss von Uppsala, abgedankt.

Am anderen Ende des Schlosses sieht man den wiederhergestellten ursprünglichen Haupteingang, den Haupteingang des Schlosses, das von Johann III. gebaut wurde, eine prunkvolle Sache, mit der er sich auf eine Stufe mit anderen europäischen Herrschern stellen wollte. Das Schloss war ganz in Weiß gehalten, wie auch dieser Eingang. Er besteht aus kvader rustik rusticated ashlar, großen, weißen Steinblöcken, die den Eindruck erwecken sollten, das ganze Schloss bestehe aus solchen Steinen. In Wirklichkeit waren das meiste Backsteine!

Von hier aus führt ein schnurgerader Weg weg vom Schloss. Das ist der alte Weg von Uppsala nach Stockholm, der also hier seinen Ausgang nahm. Noch heute verlaufen die ersten sieben Kilometer schnurgerade.

Oben vom Schloss hat man einen guten Blick auf die Stadt, aus der das erstaunlich hohe Kongresszentrum mit seiner phantastischen modernen Fassade herausragt. Ich habe gestern aus dem Bus heraus ein Photo davon machen können. Aber man sollte sich das noch mal aus der Nähe ansehen.

Von dort aus mache ich mich auf den Weg zu Bror Hjorths Haus. Es ist doch ein ganzes Stück weit draußen. Unterwegs komme ich, gerade als ich daran dachte, an einem Café vorbei, in dem ich damals im Winter eine wunderbare warme Suppe bekommen habe. Nach Suppe ist mir zwar nicht zumute, aber ein Kaffee wäre nicht schlecht. Aber das Café hat sonntags Ruhetag.

Ich komme an ein paar doppelstöckigen Holzhäusern vorbei, die sehr an die von Nischni Nowgorod erinnern, aber in viel besserem Zustand sind.

Bror Hjorths Hus ist ein schönes, altes, etwas unregelmäßiges rotes Holzhaus mit großen Fensterflächen. Die sorgen für das nötige Licht.

In einem kleinen Raum gibt es eine Ausstellung zu den Werken eines zeitgenössischen Künstlers, Tommy Östmar. Der hat zwei Themen: Frau und Roboter. An der Stirnseite hängen vier farbige moderne Ölgemälde von Frauen in Frontstellung.  Alles andere ist nicht farbig. Es gibt Frauen auch als Kohle- und Tuschezeichnungen und als Skulpturen. Den Roboter, immer stilisiert, immer in ganz einfachen Formen, gibt es als Gemälde in immer neuen Variationen und auch als Skulptur, aus wenigen Klötzen bestehend. Der Unterschied zwischen den stilisierten Frauen und den stilisierten Robotern ist der, dass bei den Robotern nur gerade Linien verwendet werden, bei den Frauen auch Bögen, für das Gesicht und den Ausschnitt.

Am besten gefällt mir eine Tuschezeichnung, auf der man erst gar nichts erkennen kann außer einem ziemlich wirren Nebeneinander von dicken und dünnen schwarzen Strichen. Erst als ich irgendwo ein Blatt entdecke, auf dem die Titel (und die Preise) der Werke verzeichnet sind, verstehe ich durch den Titel, Ko, den Gegenstand des Bildes und jetzt kann ich ihn auch erkennen: Man sieht die Kuh in Bewegung, die Körperpartien angespannt, den Kopf leicht geneigt.

Dann geht es in Bror Hjorths Haus. Durch das Atelier, das schon mit Kunstwerken vollgestopft ist, kommt man in die Wohnung des Künstlers. Man kann nur das Erdgeschoss besuchen. Auch hier wimmelt es von Kunstwerken. Sie hängen an der Wand und stehen auf Blöcken, Tischchen, Fenstersimsen, Regalen, Truhen, Sockeln und Stafetten. Man scheint es mit einem Alleskönner zu tun zu haben. Er arbeitet in allen Materialien und allen Stilen: Holz, ein grauer, rauer und ein weißer, glatter Stein (Marmor?), Gips, Bronze. Und realistisch, kubistisch, naiv, impressionistisch. Man weiß kaum, wo man hinsehen soll.

Auch er hat zwei Themen: Frau und Christus. Daneben sind auch Musiker stark vertreten, vor allem Geigenspieler.

Mir fällt eine sehr realistische Skulptur eines jungen Mannes auf, mit ganz genau in Strähnen gekämmtem Haar. Was daran so besonders ist, weiß ich selbst nicht, vielleicht der Blick des Mannes, bei dem es sich um einen Sprössling aus gutem Hause handeln muss, vielleicht einer, der gerade von der Uni kommt oder der das Geschäft des Vaters übernimmt.

Ganz in der Nähe steht eine Standuhr, mit ganz volkstümlichen Blumenverzierungen unten und am Rand, alles auf grauem Grund. In der Mitte eine Kreuzigungsszene, bei der ein Mann mit Frack und Zylinder die Lanze in Jesu Seite bohrt.

Über einem Durchgang der Einzug Jesu in Jerusalem, inmitten von tanzenden, jubelnden, singenden, teils halbnackten Menschen, die aussehen wie die Angehörigen eines Eingeborenenstammes aus Afrika oder der Südsee. Jesus selbst ist ganz kirre vor Begeisterung.

Irgendwo hängt eine bunte Landschaft mit unnatürlichen Farben, bei der die Objekte schon auf kubische Formen reduziert sind. Könnte von Cézanne sein.

Eine Skulptur stellt eine Frau und einen Mann dar, die so eng aneinander verschlungen sind, dass sie schon zusammengewachsen sind, wie siamesische Zwillinge.

Zwischen verschiedenen Büsten steht ein menschlicher Torso aus Holz. Scheint aus einem einzigen Baumstamm geschlagen, ohne jede Verzierung. Erinnert an einen berühmten Torso aus der Antike.

Zwischen den Gemälden an der Wand hängt dann plötzlich eine Marionette, die Chaplin darstellt.

Leider erfährt man in dem Haus nichts über Bror Hjorth und sein Leben. Schade.

Auf dem Rückweg kaufe ich im ICA ein paar Sachen fürs Abendessen. Die Bettlerin am ICA sagt jedes Mal, wenn ich ihr meine 5 Kronen gebe: Thank you. Woher weiß sie, dass ich kein Schwede bin?

Am Nachmittag höre ich plötzlich eine weibliche Stimme in der Wohnung. Ich mache die Zimmertür auf und in dem Moment sehe ich, wie sich die Wohnungstür schließt. Ich mache auf und stehe einem Ausländerpaar, vermutlich Arabern, gegenüber. Sie sprechen mich gleich auf Englisch an. Genauer gesagt: Sie spricht mich auf Englisch an. Er hält sich die ganze Zeit zurück. Ob ich ihnen mit ihrer Waschmaschine helfen könne? Oh je, da haben sie den richtigen erwischt. Sie haben die Waschmaschine gleich in der Wohnung. Das Problem: Die tür geht ncht auf. Ich versuche mich daran, erfolglos. Die Wäsche sei drei Stunden lang in der Waschmaschine gewesen, und da habe sie die Geduld verloren und das Programm beendet. Wir versuchen, ein neues Programm zu starten, dann zu stoppen und dann die Tür zu öffnen. Hat alles keinen Zweck. Etwas kleinlaut sage ich, sie müsse wohl einfach warten, bis das Programm zu Ende sei. An der Anzeige steht tatsächlich 3 Stunden, 6 Stunden, 9 Stunden. Gibt es Waschmaschinen, die neun Stunden waschen. Das kann doch wohl nicht sein.

Ich bin jetzt eine Woche hier. Die sprachliche Bilanz fällt gemischt aus. Den meisten Fortschritt gibt es beim Sprachfluss. Ich bin manchmal selbst überrascht, wie gut das geht. Auch sind viele Wörter, die sonst bestenfalls passiv vorhanden waren, jetzt locker verfügbar, ohne größere Anstrengung. Außerdem schalten nicht mehr alle Schweden sofort auf Englisch um, sobald ich Hej sage. Andererseits ist das Gefühl der Ohnmacht allgegenwärtig. Immer wieder fehlen ganz alltägliche Wörter: Kirsche, Regenschirm, Keller, spülen, unten, rasieren, nass, Löffel, das ganz alltägliche Zeug. Sogar rechts fällt mir nicht ein. Und das Verstehen ist weiterhin unterirdisch schlecht. Ich habe immer noch kein einziges Mal den Preis an der Kasse im Supermarkt richtig verstanden. Gestern habe ich 77 verstanden, und es waren 91. Deprimierend.

Am Abend lese ich noch eine Kuriosität über Linné. Es gab heftige Widerstände gegen sein „Sexualsystem“, das vielen als „unmoralisch“ galt. Einer der ärgsten Kritiker, Johann Siegesbeck, sprach von „abscheulicher Hurerei“. Linné reagierte auf seine Art: Er benannte eine Pflanze nach ihm. Nicht gerade eine der schönsten Pflanzen der Schöpfung.

4. August (Montag)

Von wegen, der Sommer ist vorbei. Meine Vorahnung ist völlig daneben. Heute ist wieder ein richtig heißer, fast wolkenloser Sommertag. Man kommt so schnell ins Schwitzen, dass man mit dem Waschen gar nicht nachkommt.

Das Lehrbuch liest mir meine Wünsche von den Augen ab: tro, tänka und tycka sind heute an der Reihe. Wie immer, gibt es einen Haufen Erklärungen und ein paar Übungen, aber nichts zieht so wie ein Beispiel, eins, das Jenny eher im Vorübergenen nennt: Jag tycker att alla skulle göra läxa. Ich finde, alle sollten Hausaufgaben machen. Dagegen: Jag tror att nächstan alla har ghjort läxa. Ich glaube, die meisten haben sie gemacht. Also ist tro nichts als eine Vermutung, man weiß es nicht. Dagegen drückt tycka eine Ansicht aus. Jag tror att svenka grammatiken är svårt kann man nur sagen, wenn man kein Schwedisch kann. Es ist eine Vermutung. Wenn man Schwedisch lernt, kann man sagen Jag tycker att svenska grammatiken är svårt. Die anderen Fälle, einschließlich tänka, das eher den Denkvorgang selbst bezeichnet, sind sowieso nicht so schwer.

Wieder ist die Aussprache eine echte Verständigungsbarriere. Ich habe in einem Dialog den Ausdruck helt fel identifiziert, aber Jenny hat nicht die geringste Ahnung, was ich damit meine. Als ich buchstabiere, sagt sie: Ach so, heelt feel.

Am meisten lernt man, wenn man der Lehrerin zuhört. Am liebsten würde ich alle Naselang unterbrechen und sie bitten, den Ausdruck oder den Satz an die Tafel zu schreiben: Bra försök. Vad vet jag? Något helt annat. Orkar ni en fråga till? Så fort ni kan.

Zu den vielen Merkwürdigkeiten von Luc zählt sein unorthodoxer Humor. Wir sitzen zu dritt zusammen, Titus, er und ich, und berichten einander über das Leben einer berühmten Person. Er hat Martin Luther King ausgewählt und berichtet von dessen Protestaktionen. Titus fragt ihn, ob er damals schon gelebt habe, ob er eigene Erinnerungen daran habe. Daraufhin bricht er in minutenlanges, lautes, wieherndes, einsames Lachen aus und lässt sich auch durch meinen verstörten Blick nicht davon abhalten.. Das muss für ihn der Witz des Jahres gewesen sein. Nein, nein, nein, das habe er nicht selbst erlebt. Er habe die Steinzeit nicht mehr persönlich miterlebt. Dabei war die Frage, glaube ich, ganz ernst gemeint. Ich kann mich selbst noch dran erinnern, und so viel jünger wird er wohl auch nicht sein. Oder zumindest aussehen. Gut, dass ich ihn nicht als Mitbewohner erwischt habe, sondern den biederen, sehr umgänglichen Eric.

Bei Mittagessen lande ich an der Seite von Dave und Titus. Der studiert in Berkeley Psychologie und möchte später in Schweden weiterstudieren. Beide wundern sich, als ich sage, dass ich für Schwedisch keine Verwendung habe und es nur zum Spaß lerne – på skoj.

Gestern habe ich mich noch gewundert, dass ich noch gar kein H&M hier gesehen habe, heute sehe ich eins, und zwar in zentraler Lage, in paar Meter abseits des Stora Torget. Schweden hat für ein kleines Land viele bekannte Unternehmen: Elektrolux, Ericsson, Ahrens, Kapp Ahl, H&M, SKF, ABB, Volvo und natürlich IKEA.

Auf dem Rückweg mache ich ein Photo von Lady Wu, einem Bekleidungsgeschäft, das im doppelten Sinne die schwedische Gegenwart widerspiegelt, den Einfluss des Englischen und den der Immigranten.

Ich mache auch ein Photo von Se & Synas, noch Ein Bekleidungsgeschäft, und von einem Lokal, das auf einer Tafel Lunch und Middag anbietet.

Am Nachmittag verstehe ich zum ersten Mal den Preis an der Kasse von ICA, und das, obwohl es sich um 70 Krn. handelt.

In meinem schwedischen Portemonnaie finde ich 5 britische Pence, 1 Euro-Cent und ½ Shequel.

Am Abend, als ich durch die Innenstadt gehe, kommen mir die beiden Araber mit der Waschmaschine radelnd entgegen, aber sie erkennen mich nicht.

Da vor dem Beginn des Vortrags noch etwas Zeit bleibt, gehe ich die Kungsängsgatan rauf und runter und versuche die Gegend zu identifizieren, wo ich damals im Winter war. Aber nichts kommt mir bekannt vor.

In der Ankündigung für den Vortrag ist von einer föreläsning die Rede. Das hört sich für uns eher nach universitärem Vortrag an. Eric, der selbst am Morgen einen Vortrag über gehalten hat – über die schottische Unabhängigkeit – weist mich auf ein anderes Wort hin: föredrag. Nicht zu verwechseln mit företag, ‚Unternehmen‘.

Der Vortrag heißt: Hur 17 blev de såna? Varför svenskar är som de är – ett historiskt perspektiv. Bei so einem Titel mischen sich Vorfreude und Skepsis. Und die Frage, was es mit der 17 auf sich hat.

Man hat es mit jemandem zu tun, der gerne redet und gut redet und sich gerne reden hört – der barocke Titel hätte Hinweis genug sein müssen. Es ist aber mehr Fassade als Substanz, und am Ende kommen lauter Dinge, die entweder Gemeinplätze oder Stereotypen sind. Und die mit dem Thema, der Besonderheit der Schweden, wenig zu tun haben. Hier geht es eher um Schwedisch als Fremdsprache. Das hat was mit der Biographie des Vortragenden zu tun, der irgendwas mit Einwanderern zu tun hat, und zwar schon lange.

Es fängt interessant an: In den späten Sechzigerjahren habe man hier in Schweden (im ganzen Land?) nur ca. 500 Immigranten gehabt, und die seien alle aus demselben Land gekommen. Im Publikum wird kräftig geraten: Tschechoslowakei? Ungarn? Chile? Alles falsch. USA! Es waren amerikanische Deserteure, die aus Vietnam kamen!

Dann gibt es das ganz schöne Bild vom Eisberg. Dessen Spitze habe sich verändert. Das sehe man vor allem bei den Speisen. Früher habe es immer nur kötbullar med potatis gegeben, heute könne man in Uppsala Speisen aus aller Welt bekommen.

Aber es sei eben nur die Spitze des Eisbergs, die sich verändert habe.  Darunter sei alles beim Alten geblieben. Das wird anhand der Distanz zwischen den Gesprächspartnern illustriert: Zwischen Schweden hält man Abstand, man dringt nicht in das Territorium des anderen ein. Dieser Abstand ist in der arabischen Welt viel kleiner. Dort würde der Abstand auch bildlich als das verstanden, was er ist: Distanz.

Das ist ein klassisches Beispiel aus der Pragmatik. Nur ist da meistens von Amerikanern und Arabern die Rede. So kommen immer wieder Behauptungen vor, etwas sei typisch schwedisch, ohne dass es das wirklich sein muss. Da müssen übergreifende Kategorien her.

Dann kommt eine kuriose Karte, auch die allerdings alles andere als originell. Eine Karte, die die Welt auf dem Kopf darstellt. Wer hat eigentlich entschieden, dass Schweden „oben“ ist. Man kann die Sache genauso gut umkehren.

Hier verstehe ich allerdings die Verbindung mit dem Thema nicht. Ob das an mir oder an dem Redner liegt, ist schwer zu sagen. Im Laufe des Abends verstehe ich immer mehr. Das kann auch an den Themen liegen. Der Mann spricht in normalem Tempo, aber sehr deutlich. Nur die Witze verstehe ich nicht.

Jetzt geht es um das kollektive Gedächtnis und wie weit das zurückreicht. Es geht immer weiter zurück: vom Folkhemmet (1940-79) über die Wirtschaftskrise (Dreißigerjahre) über den Generalstreik (1909), die Industrialisierung (XIX), die Großmacht Schweden (XVII), die Reformation und Gustav Wasa (XVI), die Einführung des Christentums (X), die Wikingerzeit (VIII-IX) und die Eiszeit (vor 10000 Jahren). Das ist an sich interessant, das kollektive Gedächtnis ist schon an sich ein Teil der Identität, aber hat es darüber hinaus noch eine Bedeutung? Schweden lag, als es in Afrika schon die ersten menschlichen Zivilisationen gab, noch unter einer drei Kilometer dicken Eisschicht (als deren Folge Schweden heute 100,000 Seen hat). Erklärt das die Liebe der Schweden zur Natur? Oder ist die selbst nur ein Mythos? Hat ein Schwede, der in Malmö oder in Uppsala lebt, wirklich ein anderes Verhältnis zur Natur, als ein Italiener aus Genua oder Neapel?

Dann geht es ziemlich übergangslos zur schwedischen Gesellschaft über. Schweden sei ein sehr homogenes Land, kulturell, religiös, sprachlich, ethnisch. Das habe die Kultur der Übereinstimmung gefördert. Kein anderes Land der Welt habe so lange ohne Unterbrechung die gleiche politische Führung gehabt. Damit ist die Herrschaft der Sozialdemokraten von 1936- 1976 gemeint.  In der Zeit wurde das Folkhem geschaffen: Man zahlt viele Steuern, gibt sie dem Staat, und der sorgt für alles: Schulen, Krankenhäuser, Polizei, Rente usw. Das wird mit dem amerikanischen Modell kontrastiert. Da ist es leicht, Unterschiede zu sehen. Aber was ist mit anderen europäischen Ländern? Gilt in Deutschland oder in Frankreich nicht die gleiche Übereinkunft?

Dazu kamen 200 Jahre Frieden, und die hätten für den Aufbau von Vermögen und die Schaffung von Wohlstand gesorgt. Das ist wirklich ein Unterschied zu uns und zu anderen europäischen Ländern, wo immer wieder von vorne angefangen werden musste.

Im Umgang miteinander seien die vänliga men otydliga, freundlich aber undeutlich. Das führe immer wieder zu Missverständnissen mit Immigranten. Hier taucht dann immer wieder die Karikatur des armen Muhammad auf. Der versteht es einfach nicht, wenn der Chef ihn höflich fragt, ob er mal den Hammer holen könne. Der Chef ist der Chef, und wenn der etwas von mir will, dann wird der das schon geradeheraus sagen. Also holt er den Hammer nicht. Aber: Ist die Welt wirklich so einfach? Sind die Araber wirklich so kindlich naiv, dass sie solche kommunikative Strategien nicht durchschauen? Sind das nicht grässliche Stereotypen?

Dann geht es eigentlich nur noch um die Schwierigkeiten der Einwanderer mit der schwedischen Sprache. Das sind aber keine spezifische Schwierigkeiten mit dem Schwedischen, sondern ganz allgemeine Schwierigkeiten mit Fremdsprachen. Der Chef bittet den unvermeidlichen Mohammad, den Hammer zu holen, und als der das nicht tut, wiederholt er die Frage und als er es immer noch nicht tut, tut er es selbst und fragt sich, wie man schon so lange im Land sein und immer noch nicht das Wort Hammer kennen kann. Aber Mohammad versteht natürlich Hammer, vielleicht ist Hammer sogar das einzige Wort, was er versteht. Er weiß nur nicht, was er mit dem Hammer tun soll und ob er überhaupt etwas tun soll oder ob es nur allgemeine Instruktionen zu den Werkzeugen sind.

Dann geht es noch um die Aussprache. Man hat mit bestimmten Akzenten eher Vorteile, mit anderen eher Nachteile. Englisch ist besser als deutsch, russisch ist besser als polnisch, und persisch ist besser als arabisch. Das lässt tief blicken, und gibt uns eine Ahnung davon, wie Sprache unbewusst wirkt.

5. August (Dienstag)

Doch das Ende des Sommers? Heute ist es nicht mehr so heiß, aber schwül und stark bewölkt, und am Mittag setzt der Regen ein. Zeit, das Geld zu investieren und einen Schirm zu kaufen. Als ich aus dem Geschäft komme, hat es aufgehört zu regnen.

Im Unterricht sollen wir vier Sätze über uns schreiben, von denen einige wahr, andere unwahr sind. Wir sind zu dritt, haben also zwölf Sätze, und wir identifizieren alle richtig als wahr oder unwahr. Allerdings wissen wir vorher, wie viele Sätze wahr sind. Danach überlegen wir uns, woran man das erkennt. Erstens haben die wahren Sätze eher Details, zweitens sind sie eher originell. Isabell, die Medizinerin aus dem Osten sagt zum Beispiel, dass ihre Heimatstadt früher zu Schweden gehörte. Oder ist sie Mitglied bei den Grünen. Das scheidet dann wegen mangelnder Originalität aus. Volle Punktzahl.

Isabell fragt mich, ob ich ein deutsches Wort für skröma wisse. Nee, keine Ahnung. Wir haben das Wort am Vortag gelernt. Es ist eine von den Geschichten, die weitererzählt und im Laufe der Zeit immer mehr ausgeschmückt werden. Oder bei denen immer mehr übertrieben wird. Uns fällt keine deutsche Entsprechung ein.

Wir erfahren, was die 17 in dem Titel des gestrigen Vortrags bedeutet: Sie ersetzt ein Schimpfwort, kein bestimmtes, jedes beliebige. Es muss immer die 17 sein. Warum, weiß auch Jenny nicht.

Schöner Fehler in meinem Text über das Wochenende. Ich wollte schreiben, dass die Gräber in Gamla Uppsala vielleicht Frauengräber sind, weil man dort keine Wappen gefunden hat. Am Rande ein riesiges Fragezeichen. Ich versuche zu erklären. Völliges Unverständnis. Dann weichen wir aufs Englische aus, und das Missverständnis klärt sich auf: Ich wollte sagen inga vapnar (?), habe aber geschrieben inga armar – keine Arme!

In jeder Gruppe, und sowieso in jeder Lerngruppe, gibt es jemanden, der die Rolle des Sonderlings einnimmt. Die nimmt bei uns Luc ein. Wenn jemand eine Frage stellt und die Frage beantwortet wird, beantwortet er sie nochmal. Er fragt immer nach, hat immer einen Kommentar. Zu allem und jedem. Instruktionen versteht er grundsätzlich nicht, fragt dann bei den anderen oder bei Jenny nach und fängt dann an, auch wenn sie glasklar sind, sie zu diskutieren. Wenn man antwortet, fällt er einem ins Wort und setzt sich mit erhöhter Lautstärke durch. Er verbessert mich auch ungefragt: Das sei nicht Schwedisch, das sei Deutsch. Womit er blöderweise auch noch recht hat. Trotzdem sucht er dann meine Nähe, wenn es um das Vergleichen von Arbeitsergebnissen geht: „Was kommt bei 5 hin?“. Keine Ahnung ich habe skulle få.“ – „Skulle hämta?“ – „Ich weiß es nicht, ich glaube, es ist skulle få.“- „Skulle hämta?“- „Kann sein.“ – Also hämta.“ – Ich bin mir nicht sicher, ich finde fåa paast besser.“ – „Kann es hämta sein?“. Er nimmt hämta. Es ist få.

Oft wiederholt er im Gespräch ein und dasselbe Wort mehrmals. Einmal sagt er ibland auf eine Bemerkung von Eric, fünfmal in Folge. Da ich ihm selten zuhöre, fallen mir sein schlecht rasiertes Kinn und seine aus den Ohren herauswachsenden Haare auf.

Irgendwie schafft er es sogar, mitten im Unterricht die Rede auf Tomorrowland zu bringen. Ein paar der anderen kennen es auch, vor allem die Holländerin, die erklärt das sei das größte Festival dieser Art, das zweitgrößte sei in Deutschland und das drittgrößte in Holland. Sie kennt natürlich auch die Namen. Jenny hat noch nie davon gehört. Als die Rede auf die Eintrittspreise kommt, kann ich meine Insiderkenntnisse an den Mann bringen: 400 Euro.

Den Nachmittag verbringe ich mit Hausmannsarbeiten: saugen, waschen, spülen, Müll entsorgen. Dabei wird das Waschen eine richtige Schau. Da so viel Kleidung verschwitzt ist, entscheide ich mich doch, es mit der Waschmaschine zu probieren. Ich lege die Wäsche in die Maschine, fülle Waschmittel ein, schließe die Tür und drücke Start. Und – nichts. Keine Bewegung, keine Anzeige. Ich versuche alle Knöpfe und Kombinationen. Nichts. Dann mache ich mich an die Sicherungen, dann an einen Schalter hinter der Maschine. Nichts. Also doch Handwäsche. Aber jetzt geht die Tür nicht auf. Ich versuche es sanft, dann mit Gewalt. Nichts. Vielleicht ist die Maschine kaputt. Ich schließe die Tür an der Maschine daneben, um den Mechanismus zu erproben. Resultat: Jetzt ist auch diese Tür zu und geht nicht mehr auf. Ich hoffe, dass niemand kommt und mich erwischt und ich hoffe, dass jemand kommt und mir hilft. Beides passiert nicht. Irgendwo finde ich eine Adresse, an die man sich bei Schwierigkeiten wenden kann, aber dafür muss man ins Netz.

Beim Rausgehen sehe ich eine elektronische Tafel. Ohne Anzeige. Ich versuche es mit meinem Schlüssel in verschiedenen Positionen, und auf einmal leuchtet das Feld auf. Es gibt verschiedene Optionen, darunter so was wie buchen. Das mache ich. Geht ganz einfach. Ich habe eine Maschine für heute gebucht, zwischen 2-4. Also jetzt. Ich gehe in den Waschraum zurück und starte die Maschine. Nichts.

Dann wieder zu dem elektronischen Schalter. Irgendwann kommt etwas mit visa, dann etwas mit öppna. Und es funktioniert. Die Maschine ist an! Nur: Es ist die falsche. Und ich kann mit meine Wäsche immer noch nicht aus meiner Maschine herausholen. Ich wiederhole den Vorgang, und jetzt startet die nächste Maschine. Und dann mache ich es im Zweierpack, und schließlich startet auch meine Maschine. Jetzt hoffe ich auf jeden Fall, dass niemand kommt.

Kommt auch keiner. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Maschine verschlossen bleibt, wenn man zu spät kommt. Das könnte das Problem bei den Arabern gewesen sein. Ich gehe nach oben, aber dann rechtzeitig wieder runter. Als ich in den Waschraum komme, steht die Tür der Maschine offen. Bitte schließen. Ich schließe die Tür, und der Waschgang fängt beinahe wieder von vorne an.

Ich gehe schnell zum Staubsaugen rauf, und als ich runter komme, ist die Fläche vor der Maschine voller Wasser. Die Tür ist zwar nicht wieder aufgegangen, schließt aber nicht richtig. Den Rest der Zeit verbringe ich damit, vor der Maschine zu stehen und die Tür anzudrücken. Als die letzten beiden Minuten geschleudert wird, gehe ich aber doch lieber einen Schritt zurück. Sonst, habe ich das Gefühl, werde ich selbst durch die Gegend geschleudert. Und dann ist alles überstanden. Die Wäsche ist sauber.

6. August (Mittwoch)

Auf dem Weg zur Schule frage ich Eric, ob er auch ein schwedisch-schwedisches Wörterbuch habe. Ja, gestern gekauft. Ich könne mir das am Abend ansehen.

Er hat ein sehr gutes niederländisch-schwedisches Wörterbuch, ein von der Klasse, wie ich noch kein deutsch-schwedisches gesehen habe, mit Formen und Beispielen zu allen Einträgen.

Auf dem Weg kommen wir an einem Café vorbei, dass Konditori & Schweizeri heißt. Wir wissen beide nicht, was das bedeutet. Es steht noch nicht einmal in Erics Lexikon. Später lese ich wenigstens eine Erklärung zu dem historischen Hintergrund. Nach dem Ende der großen Kriege des 17. Jahrhunderts brachten die Schweden aus Deutschland und der Schweiz Zuckerbäcker mit nach Hause. Dort war der Zucker damals gerade heimisch geworden. Der Zucker kam ursprünglich aus Indien und China und war über den Nahen Osten in die Mittelmeerländer gekommen, vor allem nach Spanien, und von dort in die übrigen europäischen Länder. Mit den Zuckerbäckern stieg in Schweden die Nachfrage nach Süßigkeiten und die Notwenigkeit, Zucker zu importieren. Das ging so weit, dass man von staatlicher Seite einschritt und den Zuckerimport begrenzte. Es gingen einfach zu viele Devisen ins Ausland. Ursprünglich wurde Konfekt in Schweden von den Apothekern verkauft. Konfekt war praktisch gleichbedeutend mit Medizin. Zucker und Süßigkeiten, war man überzeugt, waren gut für den Körper.

In der Pause laufe ich schnell zur Reinigung, um die Sachen abzuholen. Nein, die seien noch nicht fertig, sagt die Kopftuchfrau. Montag, habe sie mir gesagt, sage ich, heute sei Mittwoch. Ja, ja, sagt sie, nächsten Montag. Zehn Tage und mehr für zwei kurzärmlige Hemden und Shorts.

Bei den Zeitausdrücken fällt mir noch eine Besonderheit auf: Man sagt förra månaden (mit Artikel), aber nästa månad (ohne Artikel). Keine Ahnung, warum. Außerdem fällt mir auf, dass in der ganzen Tabelle vecka überhaupt nicht vorkommt. Das haben sie vermutlich schlichtweg vergessen.

Im Unterricht kommt mal wieder ein Wortpaar vor, dass man besser nicht verwechseln sollte: kyssa und kissa, ‚küssen‘ und ‚pinkeln‘. Eleftherios will wissen, ob denn die schwedischen Kinder das nicht verwechseln. Nein, das komme nicht vor. Für den Muttersprachler ist ein Laut genug, um ein Wort von dem anderen zu unterscheiden. Für den Ausländer sieht das ganz anders aus. Ich weiß jetzt schon nicht mehr, was was ist. Später erfahre ich von einer aufmerksamen Leserin, dass писать im Russischen, je nach Betonung, ‘schreiben’ oder ‘pinkeln’ heißen kann.

Patrick, der Amerikaner aus Austin, ist jetzt schon in der achten Woche hier, immer mit Vormittags- und Nachmittagskurs. Es hat keine Wahl, denn er ist mittels eines Stipendiums hier. Er ist es inzwischen richtig leid. Das kann man verstehen.

Beim Mittagessen lerne ich José, einen netten Spanier aus Sevilla kennen. Er lebt jetzt in Schweden und hat vorher in Deutschland gelebt, in Bad Honnef. Er sieht das mit den nördlichen Ländern ganz entspannt, keine weinerliche Sehnsucht nach dem Essen, dem Wetter und den Leben draußen in der Heimat. Erlebe ich auch bei unseren spanischen Studenten in letzter Zeit. Die sind viel eher bereit, Unterschiede einfach zu akzeptieren. Eleftherios will wissen, wie es denn im Winter sei. Nicht so toll, sagt er, solange die kurzen, trüben Tage anhielten. Aber dann komme der Schnee, und die sich im Schnee spiegelnde Sonne sorge für eine Helligkeit, die für die kurzen Tage entschädige.

Ich bewundere die jungen Leute für ihre Energie. Nach dem Vormittagskurs besuchen sie auch noch den Nachmittagskurs, danach spielen sie Fußball und dann gehen sie aus, oft bis in die frühen Morgenstunden. Und sind am nächsten Tag pünktlich zum Unterricht da, mit erledigten Hausaufgaben. Chris sagt, er wisse selbst nicht, wie er das anstelle.

Nach dem Essen gehe ich schnurstracks ins Evolutionsmuseum, wegen der merkwürdigen Öffnungszeiten. Es ist ein altmodisches Museum, das mich an meine Kindheitstage erinnert, aber auch im 19. Jahrhundert nicht viel anders ausgesehen haben kann. Was bei den modernen interaktiven Museen mit Bildschirmen und Projektionen oft zu viel ist, ist hier zu wenig. Es gibt kaum Beschriftungen, geschweige denn Beschreibungen, und was es gibt ist ausschließlich auf Schwedisch. Dazu kommt, dass ich nur den Zoologie-Teil finde. Es gibt auch noch Botanik und Paläontologie, aber die sind vielleicht in einem anderen Gebäude.

Im Untergeschoss gibt es lauter ausgestopfte Tiere, links Schweden, rechts Rest der Welt, nach Kontinenten geordnet. Man sieht riesige Vögel aus Eurasien, Hyänen aus der afrikanischen Savanne, Krokodile aus Amerika, und aus Schweden Seelöwen, Bären und Elche. Die Frage, die sich bei einer Übung im Unterricht dieser Tag kurz stellte, welches Tier bis zu 800 Kilo wiegt, Elch oder Bär, beantwortet sich bei der Betrachtung der Tiere hier: Der Elche. Der Bär wiegt bis zu 350 Kilo. Die Zahl 800 klingt allerdings wirklich fast unglaublich. Ein Stier wiegt gerade mal 500 Kilo.

Man sieht eine ganze Reihe von Darwinfinken (die keine Finken sind), und man kann tatsächlich, obwohl sie sich sonst sehr ähnlich sind, große Unterschiede beim Schnabel entdecken, von kurz und dick bis lang und dünn, ein klassisches Beispiel für Anpassung.

Ein besonders extremes Beispiel für Anpassung ist das Fingertier (Aye-Aye) aus Madagaskar. Es hat Finger, die aussehen wie die vom Struwwelpeter. Damit kratzt es die Rinde von Bäumen ab und holt Insekten aus dem Baumstamm.

Ein Tier, das Darwin nicht besonders gefiel, ist das Havsödla, eine Leguanart, die es nur auf den Galapagos-Inseln gibt. Ganz ungewohnt subjektiv sprach er von dessen ekligen, klumpigen ödlar. Es ist der einzige Leguan, der auch im Wasser lebt. Dort ernährt es sich von den Algen. Da es sich um einen Kaltblüter handelt, muss er zwischendurch immer wieder ans Land, in die Sonne, um aufzutanken, bevor er die nächste Runde im Meer dreht.

Um einen einheimischen Vogel herum, vielleicht einen Star – aber dafür hat er einen langen Schnabel und ist sehr groß – stehen verschiedene Wörter, die in verschiedenen Gegenden Schwedens für ein und denselben Vogel gebraucht werden: hasselorre, rossgucku, spånkärling, morkulla, kurremurrepist.

Oben geht es um Krustentiere und Insekten und anderes Getier. Sie werden in speziell präparierten Glasbehältern präsentiert. Man kann nur über die Vielfalt staunen.

In einer Ecke gibt es dann eine Sammlung von so ausgestellten Sexualorganen. Es gibt Eierstöcke und livmoder und äggledare und Penisse und Hoden. Man weiß oft nicht, was was ist, und würde auch wohl kaum darauf kommen, worum es sich handelt. Einige sehen aus die Kunstwerke. Der Walrosspenis sieht wie ein Knochen aus. Und das meiste sieht nicht gerade einladend aus. Was sich dabei die Evolution wohl gedacht hat? Man erinnert sich an Schopenhauer, der gesagt hat, die Natur sei listig, indem sie uns vorgaukelt, dass der Sexualakt Freude macht, das aber nur zu ihrem Nutzen sei.

Bei den Tieren hat sie jedenfalls zwei Wege gewählt, um für Nachwuchs zu sorgen: entweder die Eltern, die wenige Nachfahren haben und sich intensiv um sie kümmern oder die Eltern, die es einfach auf Menge setzen. Der Elch hat ein oder bestenfalls zwei Junge, ein Tier mit dem Namen torskhona legt 15 Millionen Eier und ist dann nicht allzu traurig, wenn 99,9% davon absterben.

Eine Etage höher gibt es dann Skelette von großen Tieren, von der Giraffe über den Elefanten bis zum Wal.

Warum ist die Erde nicht von einer unübersehbaren Fülle von Individuen bevölkert? Die Frage hat sich Darwin gestellt und die mit dem Kampf um die Existenz beantwortet. Dazu gibt es hier ein Rechenbeispiel, das zeigt, dass die Elefanten die Erde übernehmen könnten. Elefanten werden ab 12-14 Jahren trächtig und bekommen jedes 2. Bis 4. Jahr Nachwuchs. Danach würden aus einem Elefantenpaar innerhalb von 500 Jahren 15 Millionen Elefanten! Aber da schiebt die Evolution einen Riegel vor: Raubtiere, Krankheiten und Nahrungsmangel sorgen dafür, dass es nicht so viele gibt.

Der Wal stellte die Zoologen lange vor Schwierigkeiten, bis die ersten Skelette vorhanden waren. Heute kennt man die Verwandtschaft der Wale mit Landtieren: Sie atmen, sie geben den Jungen di, sie bewegen den Rücken im Wasser auf und ab (anders als die Fische, die seitwärts schwimmen), und die Knochen in ihren fenor sind den Knochen der Füße der Landtiere ähnlich. Ihre nächsten Verwandten die Kuh, das Schwein und das Kamel. Wer hätte das gedacht?

7. August (Donnerstag)

Am frühen Morgen vom Regen aufgewacht. Dann lässt der Regen nach, aber als wir uns auf den Weg machen legt er wieder richtig zu. Ich habe mich selbst besser geschützt als den Rucksack. Resultat: aufgeweichte Bücher und Hefte.

Der Name des amtierenden schwedischen Königs ist Carl XVI Gustav. Dabei hat es noch gar keine fünfzehn Könige gegeben, die Carl hießen, höchstens neun. Zumindest sechs sind erfunden. Das geht zurück auf ein Werk von Johannes Magnus, dem letzten katholischen Bischof Schwedens, der eine Geschichte seines Landes schrieb, als er im Exil in Italien war. Die Geschichte beginnt mit Magog, dem Enkel Noahs, der 88 Jahre nach der Landung der Arche das nun trockene Skandinavien erreichte. Sein ältester Sohn Sven gründete Schweden, dessen Bruder Ubbe gründete Uppsala und dessen ättling Sigge gründete Sigtuna. Und so weiter. In dieser Chronik tauchen vor dem ersten historisch belegten schwedischen König sechs Könige namens Carl auf.

Und nochmal schwedische Geschichte. Diesmal geht es um Krebse. Seit dem 19. Jahrhundert gab es einen Parasitenpilz, der die schwedischen Flusskrebse, eine große Delikatesse in Schweden, angriff. Man importierte deshalb Krebse aus den USA. Die hatten an jeder Kralle einen weißen Fleck und bekamen deshalb bald den Namen Signalkrebse. Sie wurden zwar auch angesteckt, waren aber immun gegen den Pilz. Und schienen in Schweden gut zurechtzukommen. Nach dem Import der ersten 26 Signalkrebse in den Sechzigerjahren, importierte man deshalbe mehr und mehr. In den Siebzigerjahren war es eine Million, die man in zweihundert schwedischen Seen aussetzte, meist in Mittel- und Südschweden.

Was man nicht beachtete: Mit den Signalkrebsen garantierte man auch ddann as Überleben des Pilzes. Der braucht Krebse. Wenn alle Flusskrebse in einem See ausgestorben wären, wäre auch der Pilz verschwunden und man hätte neue aussetzen können. Jetzt sind alle Seen in Süd- und Mittelschweden verseucht. Keine Chance, sie leer zu fischen.

Da wir jetzt zeitversetzt anfangen, vermutlich um allzu großen Andrang beim Kaffeetrinken und beim Mittagessen zu vermeiden, habe ich eine Viertelstunde vor Unterrichtsbeginn, um im Internet zu recherchieren. Es geht um die Verwaltungseinheiten. Man muss zwischen Provinz (län) und Region (landskap) unterscheiden, den modernen und den alten Verwaltungseinheiten, die bis 1634 galten. Die jetzigen Provinzen, insgesamt 21, lehnen sich an die alten Regionen an, sind aber nicht identisch mit ihnen, mit wenigen Ausnahmen wie Skåne, Dalarna, Jämtland, Värmland usw., die fast identisch sind. In anderen Fällen ist eine historische Landschaft (Småland) in mehrere Provinzen aufgeteilt, in anderen sind mehrere historische Landschaften in einer Provinz (Västra Gotland) zusammengefasst.

Als ich in den Klassenraum komme, bringt Jenny den anderen gerade ein paar Wörter auf Finnisch bei. Ihre Mutter ist Finnin, hat aber mit ihr immer Schwedisch gesprochen, aber die Oma und die Tanten in Finnland konnten weder Englisch noch Schwedisch, so dass die Mutter anfangs immer übersetzte, bis das Kind allmählich die neue Sprache annahm. Ihr Name, Jenny, endet auf einem Laut, der wie das deutsche y klingt. Aber den gibt es im Finnischen nicht. Ihre Mutter spricht ihren Namen deshalb Jenni aus statt Jennü.

Im Unterricht kommen Wortpaare vor, die sich in der Aussprache so gering unterscheiden, dass ich den Unterschied kaum hören, geschweige denn wiedergeben kann. Dazu gehören auch die gleich geschriebenen kort und kort, ‚kurz‘ und ‚Karte‘. Auf Schwedisch kurze Karte zu sagen, ist was für Könner.

Außerdem gibt es immer wieder Fälle, die zeigen, dass der schwedische und der deutsche Satzbau doch nicht so deckungsgleich sind wie ich immer geglaubt habe. Auch bei ganz einfachen Sätzen: Vi hade inte det – Wir hatten nicht das.

In einer der Gruppen werden die Heimatstädte vorgestellt. Die Rede kommt auf Minnesota und warum dort so viele Schweden leben. Die Antwort des Amerikaners aus Minneapolis ist: Die Landschaft ist so ähnlich. Zumindest die Landschaft im Norden Minnesotas. Ob das wirklich ein Grund für die frühen Auswanderer gewesen ist? Kann sein, vielleicht fühlten sie sich da heimisch.

Nach dem Mittagessen gehe ich zum Akademibokhandeln und stöbere herum, eine ganze Zeit. Und kaufe am Ende eine schwedische Sprachgeschichte, eine Geschichte Schwedens, ein Buch über Fußball, ein Buch über einen gesellschaftlichen Skandal in Schweden und ein Kinderbuch.

Als ich zur Kasse komme und gerade – noch schockiert von dem vielen Geld, das ich ausgegeben habe – überlege, wie man wohl einpacken auf Schwedisch sagt, fragt mich die Verkäuferin, ob etwas eingepackt werden soll. Da brauche ich nur noch ja zu sagen und auf das Kinderbuch zeigen. Quer über das Buch klebt die Verkäuferin ein Band mit dem Motto der Buchhandlung: Att läsa är att resa – Lesen ist Reisen.

Als eine Verkäuferin auf Englisch antwortet, bitte ich darum, dass wir weiter auf Schwedisch reden. Dafür bekomme ich einen nicht sehr freundlichen Blick. Es ist besser, mit einem verbalen Augenzwinkern, so zu tun, als würde man kein Englisch verstehen. Aber daran muss man erst mal im richtigen Moment denken.

Die Sprachgeschichte sieht nicht sehr einladend aus, schon vom Layout nicht. Sie wirkt wie eine der alten Ausgaben, die man in Seminarbibliotheken sieht, aber ich habe sie bei Tore Janson empfohlen gesehen, und dem traue ich.

Die Geschichte Schwedens sieht dagegen sehr einladend aus, ein kurzes, leichtes und nicht allzu teures Buch. Die Geschichte fängt allerdings erst mit Gustav Wasa an.

Über das Buch, das von dem Gesellschaftsskandal handelt, habe ich in Deutschland eine Rezension gelesen. Ein Mann, Sture Bergwall, geht zur Polizei und gesteht, mehrere Morde begangen zu haben, lauter unaufgeklärte Fälle der letzten Jahre. Der Prozess wird eröffnet, und Bergwall wird für schuldig befunden. Der Fall erregt großes öffentliches Interesse. Später bringt ein Journalist, Dan Josefsson, der Autor der Buches, den Fall wieder ins Rollen. Er bekommt dabei vor allem Unterstützung von dem einzigen Juristen, der von vornherein Zweifel an der Schuld Bergwalls geäußert hatte, aber in der allgemeinen Hysterie kein Gehör fand. Am Ende muss die Justiz den Prozess wieder aufnehmen, und es stellt sich heraus, dass Bergwall alles frei erfunden hatte. Er wollte nur berühmt werden. Josefsson zeigt in seiner Dokumentation, was alles falsch gelaufen ist, vor allem schlampige Recherchen, die einfach von der Hoffnung getragen wurden, einen Schuldigen zu haben. Ein Fall, der viel über eine Gesellschaft aussagt.

Als ich schon im Herausgehen bin, fällt mein Blick auf ein dickes Buch über Fußball. Es geht um alle möglichen Randerscheinungen des Fußballs, und die vielen kleinen Kapitel haben Namen wie „Ich bin ein Österreicher“, „Fotbol efter döden“, „No one likes ‚Em, That Ain’t Fair“, „Pilgrimsvandringen“, „Una partita infinita“, „El Efecto Chicharrito“ und „Wir sind alle Dortmunder Jungs“. Das muss ich haben.

Auf dem Rückweg – das Wetter hat sich inzwischen beruhigt, wenigstens regnet es nicht mehr – lese ich an einer Tafel etwas über den Stora Torget. Er ist das Resultat einer größeren stadtplanerischen Aktion, die aus dem mittelalterlichen Uppsala mit seine verwinkelten Gassen eine großstädtisch anmutendes Gebilde machen sollte, mit breiten, geraden, rechtwinklig angeordneten Straßen und dem quadratischen Stora Torget als Mittelpunkt. An ihm laufen zwei wichtige Straßen zusammen, die Drottningsgatan und die Kungsängsgatan. Der Platz ist aber, der Beschreibung zufolge, insofern etwas Besonderes, als er von Gebäuden, nicht von Straßen umgeben ist. Was damit genau gemeint ist, wird mir nicht klar, aber es gibt neben diesen Typ Platz sonst nur noch in Pitea. Jedenfalls hat man, da alle Gebäude zwei Flügel haben, insgesamt acht Fassaden auf dem Platz, eine Mischung von Alt und Neu.

In das Rådhuset sind Reste eines alten Privathauses eingegangen, das zur Zeit der Anlage des Platzes umgebaut wurde. Es ist klassizistisch, mit einer weißen Fassade, und fungierte von 1710 bis 1974 als Rathaus.

Dieser Tage fuhr der Bus nach Gamla Uppsala von Stadhuset ab. Ob das das neue Rathaus ist? Oder etwas ganz anderes?

Wenn man Eric fragt, wie es ihm geht sagt er ja, wenn man ihn fragt, wie der Unterricht war, sagt er auch ja. Jetzt frage ich, ob es ihm gut geht und ob der Unterricht gut war, dann stimmt die Antwort.

8. August (Freitag)

Etwas späterer Aufbruch zum Laufen. Diesmal wieder gutes Wetter, fast schon zu warm zum Laufen. An der kaputten Brücke fliegt ein großer Vogel vor mir auf, so groß, dass es ein Raubvogel sein muss. Ich schleiche hinter ihm her, aber in dem dichten Gebüsch ist der nicht zu sehen. Als ich noch einen Schritt weiter gehe, fliegt er wieder auf und ist in Windeseile auf der anderen Flussseite, so dass ich ihn kaum zu sehen bekommen.

In der Stadt sehe ich auf einem Plakat einen Mann, den ich aus dem Lehrbuch kenne, Roine Wigman. Er ist der Vorsitzende einer neuen Partei: Fiskpartiet. Was er im Interview in dem Lehrbuch sagt, ist so unausgegoren, dass ich glaube, dass wäre eine Erfindung. Jetzt sieht er mir auf dem Plakat entgegen, hinter dem Slogan: Feminismus utan Sozialismus.

Das schwedische Parteiensystem ist unglaublich stabil, mit fünf Parteien, die den Kern bilden: Vänsterpartiet, Socialdemokraterna, Centern, Folkpartiet liberalerna und Moderaterna. Die sind alle seit 1920 im Reichstag vertreten und waren bis 1988 auch die einzigen. Dann kam eine neue dazu:  Miljöpartiert. Und jetzt zwei weitere: Kristdemokraterna und Ny Demokrati. Außerhalb des Reichstag findet man dann noch diese: Kungpartiet, Familja Partiet, Klimapartiet, Frihetspartiet und meine Lieblingspartei: Rökpartiet.

Auf dem Weg ins Zentrum komme ich an einem Haus vorbei, einem kleinen Wohnhaus, dessen hölzerne Eingangstür eine interkulturelle Herausforderung darstellt: In ihren oberen Teil ist ein Herzchen eingelassen. Die Assoziationen, die das in Deutschland hervorruft, sind hier vermutlich nicht erwünscht.

Vor dem Bahnhof steht auf einer länglichen, schwarzen Säule der Slogan Uppsalas, von dem Jenny dieser Tage erzählte: Välkommen hit. Välkommen hem.

Im Bahnhof kündigt eine elektronische Anzeige das Wetter für den heutigen Tag so an: 20° – 24° – 25° – 24°, Sonne und Wolken. Allerdings fühlt es sich wärmer an, und die paar Wolken können der Sonne nichts anhaben.

Es geht nach Linnés Hammarby, außerhalb Uppsalas. Im Pressbyrå halte ich meine 25 Kr. schon bereit, und das ist auch der Preis, den der Mann mir nennt. Dann merkt er, dass er sich vertan hat. Es sind 50 Kronen – zwei Zonen. Er entschuldigt sich vielmals und fragt mich freundlich, ob ich schon bei der Touristeninformation gewesen sei. Dort könne man mir auch viele Tipps geben. Ich bedanke mich artig, obwohl mir dort gesagt wurde, dass für die Busse Einheitspreise gelten.

Der Bus, die 102, fährt tatsächlich über Danmark. Das ist eine Gemeinde, in der, wie ich später erfahre, Linné zum Gottesdienst ging, wenn er in Hammarby war.

Ich bin fast während der ganzen Fahrt der einzige Fahrgast. Zwischendurch kommt eine junge Mutter, heftig tätowiert, mit ihrem Kind hinzu. Sie hat ein sehr modernes Problem: Wie kann man gleichzeitig telefonieren und ein ungezogenes Kind bändigen?

Die Fahrt zieht sich hin. Die Landschaft ist abgrundtief langweilig.

An einer Haltestelle dreht der Fahrer sich nach mir um und fragt mich, wohin ich denn wolle. Er fragt mich, wo ich denn hinwollte. Für Linnés Hammarby sei ich viel zu weit gefahren. Ich erkläre ihm, bei der Touristeninformation habe man mir gesagt: bis zur letzten Haltestelle, Knivsta Kyrka. Ja, das sei hier, aber da sei ich ganz falsch. Dann schaltet er den Wagen aus. Er hat jetzt eien Viertelstunde Pause. Er erklärt mir, was ich machen soll: Ich kann hier mit ihm warten und dann bis nach zum Bahnhof nach Knivsta zurückfahren. Da soll ich dann auf die 102 Richtung Uppsala warten, eine gute halbe Stunde. Und mit dem bis Linnés Hammarby. Er fährt über eine andere Strecke zurück nach Uppsala. Wir quatschen noch ein Weilchen und er fragt mich, woher ich komme. Deutschland? Er ist sichtlich überrascht. Er hat vielleicht mit so was wie Dänemark gerechnet. Ob ich denn in Schweden wohnen würde? Nee, nur zum Urlaub hier. Dafür gehe das aber gut mit dem Schwedischen. Da hat sich der Umweg ja gelohnt.

In Knivsta gibt es, da wo die Haltstelle „Bahnhof“ heißt, gar keinen Bahnhof. Kein Mensch ist auf der Straße. Zwischen zwei Baustellen, wo Hochhäuser entstehen, finde ich die Kommunalverwaltung. Da gibt es ein Café. Gott sei Dank.

Als der 102 kommt, versuche ich es, schon aus Übungsgründen, mit dem Irrtum und der Fahrkarte, die ich schon habe. Keine Chance. Die Fahrkarte gilt nicht mehr. Ich muss eine neue kaufen: 30 Kronen.

Linnés Hammarby erscheint dann tatsächlich auf der elektronischen Anzeige im Bus. Von der Haltestelle sind es noch einmal zwei Kilometer zu Fuß, über eine offene, baumlose Landstraße. Es ist aber wirklich nicht mehr so heiß. Der Himmel ist blau, mit vielen weißen Wolken, die aber gleichmäßig in  größeren Abständen über den Himmel verteilt sind und der Sonne nichts anhaben können.

Die Straße führt durch einen Ort, Edeby, in dem alles rot ist: rote Häuser, rote Zäune, rote Schuppen. Dann kommt Linnés Hammarby. Der Name hat offensichtlich nichts mit Hammer zu tun, sondern mit einer Gesteinsart, die man in dieser Gegend trifft  und die eben hammar heißt.

Das besteht nur aus Linnés ehemaligem Besitz, ist aber ein ganzes Anwesen, mit Wohnhaus, Nebengebäuden, Wiesen, Gärten, Wegen.

Vorne hat man einen Barockgarten mit Zierpflanzen angelegt. Den hat man später angelegt, um zu zeigen, wie so ein Garten ausgesehen hätte, wenn es ihn gegeben hätte.

Eins der Nebengebäude hat Strohdach, genauer gesagt ein Grasdach. Es sieht aus wie Haus mit Wiese. Es heißt, Linné habe aus seiner Kindheit in Skåne ähnliche Dächer gekannt, bei denen die Bepflanzung Feuerschutz war. Was hier der Zweck ist, wird mir nicht klar, aber als Feuerschutz scheint das reichlich ungeeignet. Ganz im Gegenteil.

Auf der anderen Seite des Wohnhauses hat man eine Obstwiese angelegt, mit kleinen, stämmigen Apfel- und Birnbäumen, die irgendwie altmodisch aussehen. Das scheint auch wohl der Zweck zu sein. Es geht darum, alte Apfel- und Birnenarten anzubauen, die zu ihrem Erhalt über viele Jahre kontinuierlich wachsen müssen.

An einer etwas erhöhten Stelle liegt der Beginn des Linné-Pfades. Der führt bis nach Uppsala. Die Distanz beträgt 15 km. Das ist der Pfad, der in Uppsala an der kaputten Brücke vorbeiführt, die ich beim Laufen gesehen habe. Linné benutzte ihn in den wärmeren Jahreszeiten für botanische Wanderungen mit seinen Studenten.

Der Pfad führt über Danmark. So heißt der nächste Ort mit Kirche. Dort machte Linné seinen sonntäglichen Kirchbesuch, zusammen mit seinem Hund, der mit in die Kirche ging und sich unter Linnés Kirchstuhl legte. Einer oft erzählten Legende zufolge, ging der Hund auch dann zur Kirche, wenn der Herr mal nicht konnte.

In eine andere Richtung führt der Sibirische Pfad. Hier legte Linné Pflanzen aus der Tundra und der Taiga an. Das war klimatisch sicher einfacher als viele der anderen Experimente, auf die er sich einließ.

In den Nebengebäuden gibt es Information zu Linnés Leben und Werk, mit Abbildungen und Erklärungen. Da erfährt man, dass Linné ein obsessiver Briefschreiber war. Allein 2000 seiner Briefe sind erhalten, und 3000, die er bekommen hat. Und er war ein fleißiger Akademiker. Er veröffentlichte 72 Bücher und 186 Abhandlungen.

Seine Vorlesungen hielt er um zehn Uhr morgens im Gustvianum. Danach gab er Einzelunterricht, gegen Bezahlung. Und am Nachmittag führte er seine Wanderungen durch, auch gegen Bezahlung. Entweder war er geldgierig oder die Bezahlung der Professoren war unterirdisch schlecht. Es gibt eine Auflistung von Beträgen, die von den Privatstudenten bezahlt wurden. Es heißt, dass er von armen Studenten wenig nahm, aber bei reichen ordentlich abkassierte. Die ausländischen Studenten wohnten entweder hier bei ihm oder in Gasthäusern in der Umgebung.

Ein ordentliches Medizinstudium dauerte acht bis zehn Jahre! Dabei besuchten die Studenten die Hälfte der Vorlesungen bei ihm, die andere Hälfte bei seinem Kollegen Nils Rosén, der den zweiten Lehrstuhl für Medizin innehatte.

An einer Zeichnung von Linné sieht man, dass er den Wal bereits richtig als Säugetier identifiziert hatte. Und nicht nur das: Er stellte Menschenaffen und Menschen in die gleiche Gattung, die Gattung homo. Was ich nicht verstehe: Warum bekam er keinen Ärger mit der Kirche? Von Evolution war noch nicht die Rede, ganz im Gegenteil: Die Welt war, wie sie war, Ergebnis von Gottes Schöpfung. Innerhalb dieses festen Systems scheint die Kirche keine Schwierigkeiten gehabt zu haben mit der Nähe von Mensch und Menschenaffe.

Den Blick auf sich zieht eine Wand, an der eine rot blühende Kletterpflanze nachgebildet ist, der Beschreibung zufolge eine Kresse. Ich habe mir Kressen immer anders, unscheinbarer vorgestellt, aber vielleicht ist es ein Übersetzungsfehler. Es geht hier um die älteste Tochter Linnés, die in der Dämmerung am Abend ein merkwürdiges Phänomen beobachtete, das etwas mit dem farblichen Erscheinungsbild der Pflanze zu tun hatte. Man konnte es nur bei Dämmerung beobachten. Sie schrieb darüber eine Abhandlung, die auch veröffentlicht wurde, eine der ersten botanischen Veröffentlichungen einer Frau überhaupt. Die Wissenschaft zerbrach sich über dieses Phänomen, das Elisabeth-Linné-Phänomen, 150 Jahre lang den Kopf, bis sie eine Erklärung fand.

Als Gutsbesitzer kamen auch Pflichten auf Linné zu. Unter anderem musste er Hopfen anbauen! Das sah ein Gesetz von 1442 vor. Man sieht die gar nicht zu überschätzende Bedeutung von Bier als Nahrungsmittel.

Außerdem musste er zwei Soldaten halten. Für eine Art schnelle Eingreiftruppe. Er musste die Soldaten ausrüsten und verpflegen. Sie waren Ritter und gehörten zu Upplands Kavallerie.

Ins Wohnhaus, das einzige doppelstöckige Haus des Anwesens, kommt man nur mit Führung. Die ist auf Englisch, obwohl man mir in der Touristeninformation gesagt hatte, zu dieser Zeit sei Schwedisch dran. Macht nichts.

Man erfährt, dass Linné das Anwesen auch aus finanziellen Gründen kaufte. Es war so groß, dass insgesamt 40 Bauern hier arbeiteten. Linné konnte sich 10 Diener leisten.

Von dem von ihm angelegten Arten sind noch 40 erhalten, und es sind sogar noch einige von ihm angelegte Pflanzen erhalten, u.a. ein Apfelbaum.

Es ist längst nicht alles original erhalten, aber man kann sich gut ein Bild machen. Die Kachelöfen sind original erhalten. Sie sind schön, waren aber nicht sehr effektiv. Was nicht so sehr störte, denn hier wohnte man nur in den Sommermonaten.

In fast allen Räumen hängen Seidentapeten, fast immer mit botanischen Motiven. Die Tapeten wurden an der Wand festgenagelt, so dass man sie bei Bedarf an einen anderen Ort mitnehmen konnte. Man kann die Leiste mit den Nägeln deutlich erkennen.

Unten hängen Portraits der Familie. Der Vater in Ornat und mit Gebetbuch. Er war Geistlicher, und das sollte auch Linné werden. Als es sich dann, zur großen Enttäuschung der Mutter, anders ergab, wurde der Bruder Geistlicher. Auch der ist auf einem Gemälde mit Ornat und Gebetsbuch dargestellt.

Der Vater hatte einen Garten und interessierte sich sehr für Pflanzen. Er unterrichtete Linné von klein auf. Seine Methode bestand darin, den Namen einer Pflanze, meist eine umständliche lateinische Bezeichnung, nur einmal zu nennen. Danach musste die „sitzen“.

In einer Vitrine sind Kleidungsstücke der Familie ausgestellt, Linnés Gehrock, aus Seide, ein Kleid seiner Frau, auch aus Seide, und die Schuhe der Töchter. Bei denen kann man gut die Mode der Zeit erkennen. Sie werden im Laufe der Zeit einfacher und eleganter und weniger bunt. Bei allen gibt es keine Unterscheidung zwischen rechtem und linkem Schuh.

Als Linné aus Holland zurückkam, hatte er sich im Ausland bereits einen Namen gemacht, war aber hier noch völlig unbekannt und musste sich erst einmal eine Arbeit suchen. Er wurde dann als Arzt beim Königshof angestellt, und zwar als Arzt für Strafgefangene. Dabei ging es meistens um die Behandlung von Keuchhusten und Syphilis, bei denen die Behandlung nicht viel besser war als die Krankheit selbst.

In einer anderen Vitrine sind Haushaltsgegenstände ausgestellt, vor allem Porzellan. Auch eine schöne, verzierte chinesische Teedose ist dabei. Linné bemühte sich lange, eine Teestaude aus dem Ausland zu bekommen, aber es dauerte zehn Jahre, bis die erste heil bei ihm eintraf. Die ging dann aber nach zwei Jahren auch ein. Er konnte nie seinen eigenen Tee anbauen.

Oben sieht man in einem Raum Portraits von Linné. Eins zeigt ihn in Rot, und daneben hängt das Portrait seiner Frau, auch in Rot. Es ist das Hochzeitsphoto. Die Verbindung zwischen den beiden ist angezeigt durch die Twin Flower. Er hält sie in der Hand, sie trägt sie im Haar.

Daneben zwei weitere Portraits von ihn. Er selbst mochte das Altersportrait am liebsten, zwei Jahre vor dem Tod entstanden. Das kann man verstehen. Es sieht am natürlichsten aus. Er sieht etwas wie Bach aus, aber das mag auch an der Perücken liegen. Sein Gesicht ist voller als auf den anderen Portraits, und auf den Schultern des schwarzen Rocks sieht man eine feine Schicht aus Staub. Anspielung auf die Arbeit mit den Pflanzen.

In einem anderen Raum sieht man die Portraits der vier Töchter. Sie sehen alle gleich aus.

Linnés Schlafzimmer ist in zwei Teile geteilt durch eine in der Mitte offene Wand. An den Wänden statt Tapeten lauter gleich große, rechteckige Tafeln mit Zeichnungen von Pflanzen, mit Stamm, Frucht, Blüte, usw. Das sieht sehr dekorativ aus. Ganz in der Nähe des Bettes die Banane. Die mochte er besonders, weil es ihm gelungen war, in Holland in einem Gewächshause eine Bananenstaude zum Wachsen zu bringen, die schließlich Früchte trug. Das lockte Besucher aus ganz Europa an. Kann man sich vorstellen. Sonst hatte man allenfalls Beschreibungen oder wenig zuverlässige Zeichnungen.

In dem abgetrennten Teil des Schlafzimmers ein offener Schrank mit 24 unterschiedliche großen, mit Zahlen versehenen Fächern. Darin stapeln sich Blätter. Das war Linnés wichtigstes Unterrichtmaterial jedenfalls für die Botanik. Die Pflanzen wurden nach der Zahl der ??? eingeteilt und eingeführt.

Über dem Eingang zum Schlafzimmer hängt eine Art Familienwappen. Linné war zwar nicht adelig, bekam aber den Titel einen Ehrentitel als Arkiaster, als königlicher Leibarzt. Das erlaubte ihm vermutlich das Führen des Wappens. Es ist in drei Teile mit unterschiedlichen Farben eingeteilt, die die Flora und die Fauna und die Mineralien vertreten. Zur Seite hängen zwei Insekten herunter, vermutlich Motten, die aber aus der Ferne wie Troddeln aussehen. Und oben natürlich die Twin Flower.

Statt draußen unter den Obstbäumen noch einen Kaffee zu trinken und es langsam gehen zu lassen, zieht es mich wieder zurück.

Wieder geht es auf der baumlosen Landstraße zurück. Als ich mich der Hauptstraße nähere und mir Gedanken darüber mache, wie lange ich denn wohl warten muss auf den Bus, sehe ich ihn, gerade mal hundert Meter von der Straße entfernt, vorbeifahren. Pech gehabt. Eine Stunde an einer hässlichen, vielbefahrenen Landstraße warten, an einer Haltstelle, die nur eine kleine Einbuchtung ist, wirkt nicht so prickelnd. Also gehe ich einfach Richtung Uppsala.

Nach einiger Zeit komme ich an eine Haltestelle, die ein Wartehäuschen hat und Platz und Schatten bietet. Besser. Allerdings wird aus dem Sitzen nicht so viel, da ich Angst habe, der Bus könne vorbeifahren. Der Fahrplan führt diese Haltstelle nicht auf, und ich weiß nicht, wann der Bus kommt.

Kurz vor der Haltestelle ist ein Wegweiser. Links geht es nach Nyby. Jetzt kann ich in Ruhe ein Photo machen. Das hatte dieser Tage aus dem Bus nicht geklappt. Das trifft es sich gut, dass es hier geradeaus nach Söderby geht.

Hinter dem Warthäuschen liegt ein unabgeschlossenes Fahrrad, eine große Verführung, aber der nachzugeben wäre wohl nicht im Sinne des Pendlers, der es hier deponiert hat.

Viele Autos fahren in hohem Tempo vorbei, und dann ein Skifahrer auf Sommerskiern, mit Rädern. Seine Bewegungen sind aber genau die eines Langläufers. Ob er sich auf den Winter freut?

In den 101 historiska misstag lese ich, ganz und gar zufällig, ausgerechnet etwas über einen Schüler von Linné, Carl Peter Thunberg. Dessen Traumziel war immer Japan. Linné organisierte eine Forschungsreise für ihn.  Daraus wurde eine größere Sache. Die Reise führte ihn nach Java und nach Südafrika, und in Japan blieb er geschlagene drei Jahre. Er beschrieb und klassifizierte Hunderte von japanischen Pflanzen, die bis dahin in Europa unbekannt waren. Und er brachte auch ein paar mit, darunter die Rosa Rugosa, die vresros, mit dem Argument, man dürfe annehmen, die werde auch in Europa wachsen. Das war eine Untertreibung. Sie wuchs wie keine andere Pflanze, und machte allen anderen Pflanzen das Leben schwer. Sie ist anspruchslos, verbreitet sich schnell, ist bis zu drei Metern hoch, und eine Pflanze kann einhundert Quadratmeter einnehmen. Thunberg sah die Gefahr nicht. Das dauerte Jahre, Jahrzehnte. Heute wird sie in Schweden, Finnland, Deutschland und England bekämpft. Aber es ist ein ungleicher Kampf. Viele Pflanzenschulen verkaufen sie weiterhin als wohlduftend, dekorativ, pflegeleicht.

Das Warten wird mir lang, und als ich die Hoffnung schon fast aufgegeben habe, kommt der Bus doch noch. Wieder muss ich bezahlen. Diesmal sogar 60 Kronen. Für die Fahrt nach Hammarby habe ich insgesamt 140 Kronen bezahlt, 14 Euro. Das wenige Geld, das noch verbleibt, lasse ich dann beim Einkauf im ICA.

Beim Durchblättern der Sprachgeschichte sehe ich am Abend, dass auch das Schwedische früher drei grammatische Geschlechter hatte, mit den Endungen –in (Maskulinum), -in (Femininum) und –it (Neutrum), jedenfalls in der Standardklasse. Durch die Übereinstimmung der Form müssen Maskulinum und Femininum irgendwann zusammengefallen sein und das Utrum gebildet haben. Das erklärt auch, warum es so viel mehr Wörter im Utrum als im Neutrum gibt.

9. August (Samstag)

Am Morgen lese ich etwas über eine Affäre, die auch in jedem anderen westeuropäischen Land hätte abspielen können. Hier ist sie unter dem Namen Tobleroneaffäre bekannt. Gestern im Akademibokhandel habe ich ein Buch darüber gesehen, mit einer Tafel Toblerone auf dem Umschlag.

Es ging um eine Politikerin, Mona Sahin, damals stellvertretende Parteivorsitzende der Sozialdemokraten und heißeste Anwärterin auf die Nachfolge von Ingvar Carlsson im folgenden Jahr (1996). Irgendwie hatte der Expressen spitz gekriegt, dass sie für ihre privaten Einkäufe ihre dienstliche Kreditkarte statt ihrer privaten Kreditkarte benutz hatte. Der Expressen wusste nichts Genaues, brachte den Fall aber in die Öffentlichkeit und forderte Aufklärung. Mona Sahin machte dann alles falsch. So sieht es jedenfalls ein Journalist, der über den Fall gearbeitet hat. Statt sofort alles zuzugeben und um Entschuldigung zu bitten, suchte sie Ausflüchte. Es sei eine Verwechslung gewesen. Ja, aber siebenmal? Sie habe immer alles zurückgezahlt – was stimmte – und habe sich einfach einen Vorschuss genommen, wie das jeder andere Arbeitnehmer auch könne. Nein, sagten die Journalisten, das könne nicht jeder. Dann versuchte sie, den Fall zu bagatellisieren, und dann suchte sie die Schuld bei den Regelungen. Die seien einfach unklar und außerdem widersprüchlich. Jetzt hatte sie sich hereingeritten und musste zurücktreten. Dabei handelte es sich wirklich um eine Bagatelle. Aber das kann man einfach nicht so für sich in Anspruch nehmen, als Entschuldigung.

Beim Lesen kommt es oft vor, dass man ein zusammengesetztes Wort auf den ersten Blick nicht versteht, auf den zweiten dann aber doch, wenn man merkt, dass man die Wortgrenzen falsch verstanden hat. Da egen ein eigenes Wort ist, trennt man es unwillkürlich von bilkortegen ab und fragt sich, was bilkort ist: ‚Auto-Bild‘? Erst auf den zweiten Blick wird bil-kortegen daraus,  ‚Auto-Korso‘. Aus rest-iden wird beim zweiten Hinsehen res-tiden, aus urin-vånare, wird ur-invånare.

Das Wort bakis, ‚verkatert‘, kam im Laufe der Woche im Unterricht vor, als Chris berichtete, dass er trotz eines Katers Laufen war. Es ist eine Kurzform von bakfull.

In einer Übung kommt das Wort realisationer vor, und keiner weiß, was es heißt. Und doch kennen wir es alle, in seiner Kurzform: rea. Das heißt ‚Schlussverkauf‘ und ist in keiner schwedischen Einkaufsstraße zu übersehen. Ich habe hier sogar ein Schild gesehen, dass halv rea ankündigt, was immer damit gemeint sein mag.

Am Morgen gehe ich durch die ruhige, sonnige Innenstadt, als erstes schnurstracks zur Reinigung, um zu sehen, ob die Wäsche inzwischen angekommen ist. Samstags geschlossen.

In der Nähe fällt mir ein Haus mit einer gelben Fassade auf, das schräg zur Häuserflucht steht. Es ist ein altes Haus aus der Zeit vor dem Stadtbrand. Es wurde 1643 gebaut. Hier errichtete Celsius hundert Jahre später sein Observatorium. Das Haus hatte einen achteckigen Aufsatz mit hohen, schmalen Fenstern, in die man die Fernrohre stellen konnte. Celsius konnte von hier aus die Monde des Jupiters beobachten und machte Aussagen zur Abflachung der Erde an den Polen, zur Schwerkraft und zur Leuchtstärke der Sterne. Von wegen Fieberthermometer. Ein Allroundwissenschaftler.

Ich gehe zu Åhlens, einem schwedischen Kaufhaus, einer Kette, mit einer Fassade, die etwas an die von Horten erinnert. Es ist ein schreckliches Geschäft, durcheinander wie bei Woolworth und Preise wie bei Macy’s. Ich beiße in den sauren Apfel und kaufe hier einen Milchtopf, nachdem ich den in der Wohnung so habe anbrennen lassen, dass er nicht mehr zu retten war. Eigentlich ist der viel zu gut, aber ich sage mir: Wer weiß, wofür es gut ist. Vielleicht tut der Topf dem Mann gute Dienste und er erinnert sich noch in Jahren daran, dass er den einmal von einem Untermieter bekommen hat, den er nie gesehen hat.

Bei einer sehr freundlichen Frau im Pressbyrå bekomme ich Briefmarken. Sie kosten für alle Länder gleich viel, 14 Kr. Eine teure Angelegenheit.

Von da aus gehe ich zum Kongress- und Konzerthaus. Es ist ein moderner Bau aus zwei Quadern, mit einer silberglänzenden Fassade. Der obere Quader scheint frei in der Luft zu schweben. Er ruft auf dem unteren, aber zwischen den beiden ist eine horizontale Glasfläche, die aus der Distanz gegen die Sonne nicht zu sehen ist. Die horizontalen silbernen Streifen, die die ganze Fassade bedecken, mal nach unten, mal nach oben schräg aus der Fassade ausbrechend, wechseln sich mit ebenso länglichen, schmalen Fenstern ab. Ein echter Hingucker.

Vor dem Haus sind in das weiße Kopfsteinpflaster die Figuren von verschiedenen Musikern eingelassen, ebenfalls aus Kopfsteinen, in Schwarz, Braun und Weiß. Sie sind um einen Kreis in der Mitte herum angeordnet.

Hinter dem Konzerthaus ist Flohmarkt. Hier geht es international zu. Man hört Arabisch und afrikanische Sprachen und auch Englisch, aber kaum Schwedisch. Die Verkäufer schützen sich mit Strohhüten und Sonnenschirmen vor der Sonne. An einem Stand heißt es, der Erlös sei für Gaza bestimmt.

‚Flohmarkt‘ heißt loppmarknad auf Schwedisch, eine wörtliche Entsprechung.

Hier könnte ich alte Bierflaschen mit Bügelverschluss kaufen, einen goldenen Frosch, ein Telefon mit Wahlscheibe, ein menschliches Skelett mit hervortretenden roten Augen, eine Teekanne mit Griff statt Henkel, ein Dalarna-Pferd, einen Flachmann, ein Schiffssteuerrad, eine Kaffeemühle oder eine Kasse, wie sie früher die Schaffner in der Straßenbahn hatten. Alles sehr reizvoll, aber es scheitert am Übergewicht beim Rückflug.

Am Rande des Platzes ist ein runder Brunnen mit einer Wasserfontäne in der Mitte. In der Rundung sind Figuren, etwas an den Handwerkerbrunnen in Trier erinnernd, aber horizontal angeordnet. Auch die Themenpalette ist breiter. Man sieht einen Töpfer und einen Böttcher und auch einen Lehrer und einen Musiker (mit Ziehharmonika), aber auch Haustiere, einen Mann, der Kopfstand macht, zwei Jungen, die Bocksprung machen, einen Clown und ein tanzendes Paar. Einem Tänzer hat man ein afrikanisches Röckchen umgehängt. Schwer zu sagen, aus welchem Material die Figuren sind. Sieht wie Stein aus, ist aber wohl Metall, in Blaugrau.

Dann setze ich mich ins Café Linné, wohl wissend, dass man da einen freien Internetzugang bekommt. Als ich mich hinsetze, habe ich das Passwort schon wieder vergessen und muss noch mal vorne an die Theke gehen. Es ist Linnébulle. Es funktioniert aber nicht, weder mit noch ohne Akzent. Ich gehe noch mal nach vorne, und diesmal guckt die Verkäuferin mich fragend an. Ich sage ihr, dass es um das Passwort geht. Ja, das stehe doch da. Ja, aber es klappt nicht. Dann fällt bei mir der Groschen: Alles in Großbuchstaben? Ja!

Ich gehe noch ein bisschen durch die Stadt und den Schosspark und mache Photos. Ich komme dabei an einem Restaurant vorbei, das Sjuhelvets Gluggar heißt. Was das wohl bedeutet?

Dabei komme ich an einer Pizzeria mit dem Namen Di Papa Sisto vorbei. Noch nie eine Pizzeria gesehen, die nach einem Papst benannt ist, weder in Deutschland noch in Italien.

In derselben Straße fällt mir die Fassade eines Hauses auf, die schön wirkt, obwohl sie ganz nüchtern ist, im Stil der Nachkriegszeit, mit Reihen gleichartiger, kleiner Fenster. Die haben aber alle Markisen, und die sind alle ausgefahren und werden unterschiedlich lange Schatten. Schön.

Dann mache ich mich nochmal in die entgegengesetzte Richtung auf. Ich will partout das Haus sehen, in dem ich damals untergebracht war. Und diesmal finde ich es. Ich war dieser Tage in der richtigen Richtung, bin aber nicht weit genug gegangen. Es liegt am Kugsängstorg und ist von der Kungsängsgatan aus schwer zu finden, da es von drei Seiten umgeben ist von viel größeren, modernen Häusern. Dieses kleine, zweistöckige Haus hat eine lange Baugeschichte, die hier im Detail erklärt wird. Zu einer Zeit gehörte sie der Frau, die auch die Samariterstiftung begründete, die hier ganz in der Nähe ist. Die betrieb eins der Krankenhäuser ihrer Zeit. Die Frau war die Schwester des damaligen schwedischen Premierministers. Sie stiftete auch das Haus der Stiftung. Nach ihrem Tod lebten hier vorwiegend Geistliche. Daher kannte man das Haus auch als Prästgård.

Am Abend schreibe ich einen Text als Hausaufgabe. Man kann zwischen zwei Themen wählen: „Meine schönsten Reiseerinnerungen“ und „Meine schlimmsten Reiseerinnerungen“. Ich nehme die schlimmsten.

10. August (Sonntag)

Der Start zum Laufen verschiebt sich immer weiter nach hinten. Der Boden ist nass, aber die Sonne scheint, und es ist ein wunderbarer Sommermorgen.

Auf der Suche nach etwas, was ich nicht finde, finde ich in der Sprachgeschichte einer Erklärung für die merkwürdige schwedische Passiv-Bildung. Ursprünglich wurde dem Verb ein Reflexivpronomen, ser, nachgestellt, das dann mit dem Verb selbst verschmolz. So wurde aus kalla ser, ‚nennen sich‘, kallas, und schwupps war das Passiv da: sich nennen > genannt werden. Im Isländischen und im Norwegischen gab es eine alternative Form: sk statt –s, also kallask. Das kann man noch am englischen Verb bask erkennen, das eigentlich ‚sich baden‘ bedeutet!

Bei schönstem Sommerwetter geht es ins Biotopia, gleich um die Ecke. Das Museum beginnt schon außerhalb des Museums, in einem kleinen Park, der das Museum umgibt. Hier stehen einheimische Bäume, jeweils nur ein Exemplar, in gehörigem Abstand voneinander, mit Erklärungen. Der Baum, der gleich vor dem Eingang zum Museum steht, ein schöner Baum mit geradewachsendem Stamm und Blättern fast den ganzen Stamm entlang, ist der Baum, der im Frühjahr als letzter ausschlägt und im Herbst als erster seine Blätter verliert: die Esche (ask). Außerdem gibt es eine Lärche, eine Linde, einen Kirschbaum, eine Apfelbaum, eine Fichte, einen rönn und einen lönn. Besonders auffallend ist die Linde, deren schwere Äste von Gerüsten abgestützt werden und meterweise zur Seite wachsen, bis sie wie ein eigener Baum aussehen. Ich traue meinen Augen nicht, als ich lese, dass der Apfelbaum ursprünglich aus China kommt, aus den Tian-Shan-Bergen. Es gibt für mich kaum etwas „deutscheres“ als den Apfelbaum. Die Beschriftung verrät noch etwas zu den Bären, die dort die Äpfel essen, aber das verstehe ich nicht (s. Photo).

Im Museum gibt es Dioramen, in denen die Natur Upplands dargestellt wird. Das ist für Kinder gemacht, aber ich bin beeindruckt wie ein Kind. Man sitzt vor einer täuschend echt nachgebildeten Winterlandschaft, es wird dunkel und man hört die Eule rufen. Eulen, heißt es, können leise fliegen und laut rufen. Man hört verschiedene Rufe, hohe und tiefe, gleichmäßige und solche mit fallenden und steigenden Tönen. Es sind Eulen und Käuze und Uhus vertreten. Man kann sich gut vorstellen, warum der Rufe des Kauzes als Todesnachricht gedeutet wurde. Es klingt alles unheimlich.

Dann hört man Wölfe heulen, erst den gleichmäßigen, langgezogenen Ruf des Leitwolfs, dann die ganze Meute. Die jungen Tiere hören sich ganz anders an und gleichen viel mehr den Hunden.

In einer Strandlandschaft mit Felsen sieht man Vögel fliegen, nisten und schwimmen. Ganz links ein Vogel, ejder (?), der man wirklich suchen muss, so gut hat er sein Nest auf dem Boden mit Ästen versteckt und so gut ist er an die Landschaft angepasst. Das Nest hat er mit seinen eigenen Federn ausgebaut. Die sehen sehr weich und gemütlich aus.

Eine Möwe, die sich von musslor ernährt, hat eine clevere Methode gefunden, die hartschaligen musslor zu knacken. Sie lässt sie aus großer Höhe auf die Klippen fallen!

Die Frösche sind nach Schweden gekommen, als es hier noch viel wärmer war, vor ca. 5000 Jahren. Das wirkt sich bis heute auf ihre Lebensweise aus. Im Winter verkriechen sie sich in ein unterirdisches Versteck, aus dem sie erst im April wieder hervorkriechen.

Im Untergeschoss geht es statt um Uppland gleich um die ganze Erde. Hier wird in großen Dimensionen gedacht, auch zeitlich. Auf einer großen Erdkugel kann man die tektonischen Platten sehen und die Stellen, an denen zwei aufeinandertreffen. Uppsala ist ein ganzes Stück von der nächsten Stelle entfernt. Die ist in Island und verläuft mitten durch die Insel. Auch zwischen Indien und Asien verläuft so eine Linie, an der zwei Platten aufeinandertreffen. Indien bewegt sich gleichmäßig auf Asien zu, mit einer Geschwindigkeit von ein paar Zentimetern pro Jahr. Das macht an sich nichts, aber Indien tut das schon seit 50 Millionen Jahren, und das ist nicht folgenlos geblieben: So entstand der Himalaya!

Vom Biotopia gehe ich, wo wir schon einmal bei Natur sind, zum Botanischen Garten. Das ist der neue, der Nachfolger von Rudbecks und Linnés Garten. Zu beiden Seiten der geraden Mittelachse stehen Pflanzen, die zu kleinen, stämmigen Pyramiden zurechtgeschnitten sind, eine wie die andere. Was für Pflanzen es sind, weiß ich nicht, aber es sieht wie ein Nadelbaum aus, wie eine Kiefer. Ob man die so beschneiden kann?

Zu den Seiten der Pyramiden sind dreieckige und runde Rasenflächen angelegt, und zu deren Seiten wiederum Wege, die von ebenfalls ganz gleichmäßig beschnittenen Bäumen gesäumt werden. Ganz am Anfang der Mittelachse steht eine Statue, ohne Sockel, gleich auf dem Boden, die grob die Form und die Höhe der Pyramiden hat und wie eine aztekische Gottheit aussieht. Es ist aber ein modernes, gerade ein paar Jahre altes Kunstwerk. Vielleicht eine Anspielung auf die aztekischen Pyramiden? Ganz am Ende der Mittelachse eine Wasserfontäne.

In einem Innenhof sind in verschiedenen Kübeln Pflanzen ausgestellt. Die erste ist eine noch von Linné selbst gepflanzte Lagerträd, 250 Jahre alt. Warum sie dann so klein ist, vielleicht gerade mal zwei drei Meter, leuchtet nicht ein.

Daneben der Ableger einer Kamelie, die Thunberg aus Japan mitgebracht hat. Sie ist auf Umwegen hierhergekommen. Er hatte alle vier Kamelien, die er mitgebracht hat, nach Kew Gardens gegeben. Davon kamen drei im Laufe der Zeit nach Hannover, Wien und Pillnitz. Man sieht, dass die deutsch-englischen Beziehungen damals noch freundschaftlich waren. Die in Pillnitz ist die Vorzeige-Kamelia. Sie trägt jedes Jahr 35000 Blüten, und wird im Winter von einem 13 Meter hohen und 54 Tonnen schweren Gewächshaus geschützt.

Auch aus Japan gibt es eine Mispel. Sie hat pflaumengroße, gelbe Früchte, die laut Thunberg im Mund schmilzt und hervorragend schmeckt. Sie wird aber kaum importiert, da sie sehr anfällig für Reisen ist und nicht lange haltbar.

Das Gelände des Botanischen Gartens wurde von Gustav III. der Universität vermacht. Er selbst überwachte die Errichtung des Botanischen Gartens und legte Wert auf Details. Die Pläne des ersten Architekten, Tempelmann, verwarf er teils und beauftragte einen anderen, Jean Desprez, die zu überarbeiten. Der nahm viele Details heraus und vereinfachte die Anlage.

Ins Gewächshaus, vor dem ich damals im Winter vor verschlossenen Türen gestanden habe, komme ich diesmal rein. Es lohnt sich. Es gibt verschiedene Abteilungen, von trocken und warm über feucht und warm bis schwül und warm und trocken und lauwarm. Man sieht Aloen, Agaven und Kakteen aus Mexiko und Madagaskar, alles in großer Vielfalt, Veilchen und Orchideen aus Tanzania, vor deren Blüten die Leute stehen bleiben und Photos machen, eine Zuckerpalme, die so hoch ist, dass sie das Dach des Gewächshauses erreicht hat und demnächst beschnitten werden muss, die Solandra, ein Baum, der von Solander, der mit Cook in Australien war, von der Reise mitgebracht wurde, ein hochgewachsener Baum, der merkwürdigerweise mit der Kartoffel verwandt ist und hoch in den Ästen auch solche Früchte tragen soll (die, wie viele Kartoffelpflanzen, hochgiftig sind) und den Baum mit den größten Blättern und den schwersten Früchten der Welt: 10 Meter und 30 Kilo. Er kommt von den Seychellen. Es dauert 7 Jahre, bis so eine Frucht reif ist. Hier liegt eine am Boden, am Baum kann ich keine entdecken. Sie gilt als Symbol der Fruchtbarkeit, sieht aber eher wie eine Niere aus.

Den Abschluss des Gewächshauses bildet der runde Viktoriasaal. Hier ist ein Teich, der von riesigen Seerosen (nymphaea) bedeckt sind. Sie sehen wie riesige Paella-Pfannen aus. Am Rand des Teichs wachsen Papaya, Papyrus und Ananas. Die sieht erstaunlich unspektakulär ist. Früchte sind keine zu sehen.

Draußen, vor dem Gewächshaus, hat man in Beeten Nutzpflanzen gewachsen. Man sieht in einem einzigen Beet, Seite an Seite, verschiedene Kohlarten, und ist überrascht, wie viele es davon gibt: Grünkohl, Weißkohl, Rotkohl, Spitzkohl, Rosenkohl, Kohlrabi, Broccoli und eine Art, die Savojkohl heißt.

Auch hier einige Überraschungen, was die Herkunft angeht: Die Zwiebel kommt aus dem östlichen Mittelmeerraum, Bohnen (bei uns erst seit XV heimisch) aus Südwesteuropa, und den Rhabarber gibt es bei uns erst seit dem 17. Jahrhundert. Vorher wurde er aus China eingeführt, ausschließlich zu medizinischen Zwecken. Dabei hätte es meines Erachtens auch bleiben können.

Neben dem einheimischen Pflanzen oder denen, die es geworden sind, gibt es auch ein paar exotische. Dazu gehören essbare Blätter aus Japan, die Mitsuba heißen, ‚Dreiblatt‘, und mit der Sellerie und der Petersilie verwandt sind!

Auf dem Rückweg gehe ich beim ICA vorbei. Diesmal frage ich die Bettlerin geradeheraus, woher sie wisse, dass ich kein Schwede bin. Sie zuckt nur mit den Achseln.

Im Aufzug wundere ich mich, was ich im 5. Stock mache. Da bin ich aber gar nicht. Ich bin im 2. Stock und habe die Anzeige im Spiegel gesehen. Als ich dann im 3. Stock ankomme, glaube ich, in Stock E zu sein.

Unser Lehrbuch gibt auch ganz praktische Lebenshilfe. Es erklärt, wie man sich verhalten soll, wenn man Bären oder  Wölfen begegnet. Man kann ja nie wissen. Also: Weglaufen ist ein beiden Fällen schlecht. In die Hände klatschen oder Singen dagegen gut. Wohl dem, der in der Situation die Nerven hat, das zu tun. Es geht darum, dass man sich bemerkbar machen, Präsenz zeigen muss, beim Bären sogar ganz wörtlich, denn der hört schlecht. Dann soll man sich ganz langsam entfernen. Wenn der Bär hinterherkommt, soll man einzelne Kleidungsstücke wegwerfen. Mit denen beschäftigt er sich dann eine Zeitlang. Man Wolf soll man mit der Kleidung oder mit einer Tasche wehen oder einen Schritt auf ihn zugehen. Wenn der Bär attackiert, soll man sich auf den Boden legen und den Kopf mit den Händen schützen. Wenn der Bär sieht, wer das Sagen hat, zieht er Leine. So steht es jedenfalls im Lehrbuch. Jetzt muss man sich nur noch an all diese Anweisungen im rechten Moment erinnern. Es gibt aber Entwarnung: Der Mensch steht weder auf dem Speiseplan des Bären noch auf dem des Wolfs. Wölfe haben in den letzten 60 Jahren in ganz Europa nur 5 Menschen getötet. Das würde den Risikoforscher aus dem Radio freuen. Hunderte sind in der Zeit von Hunden getötet worden. Allerdings hat man in der Regel auch mehr Umgang mit Hunden als mit Wölfen. Und außerdem fallen in der Statistik die Wölfe mit Tollwut raus. Bären haben in ganz Skandinavien 27 Menschen getötet, in der Zeit von 1750 bis 1962. Dagegen sterben jedes Jahr 10 Menschen durch Unfälle mit Elchen.

Auch sprachlich sind die Tiere von Interesse. Das Buch erzählt etwas von dem Wolf, was es in ganz ähnlicher Weise auch für den Bären gilt: Der Wolf hieß auf Schwedisch früher ulv, aber es galt als schlechtes Omen, das Wort zu benutzen. Damit beschwor man die Präsenz des Wolfs herauf. Das erklärt das moderne Wort varg, was so viel bedeutet wie ‚der, der Gewalt anwendet‘. Wie das immer bei Euphemismen ist, war dann auch irgendwann varg infiziert und man musste stattdessen gräben oder tasse sagen. Das hat sich in der Allgemeinsprache aber nicht durchgesetzt. Obwohl tasse für Wolf irgendwie auch cool wäre.

Eric bleibt noch zwei Tage nach dem Kurs. Sein Flug geht erst am Sonntag. Er sucht ein Hotel, und ich empfehle ihm das kleine Hotel, eigentlich ein vandrarhem, wo ich beim letzten Mal war. Er geht hin und bucht es tatsächlich. Es ist auf jeden Fall billiger als das große Hotel, in dem er vor Beginn des Kurses war.

11. August (Montag)

In der Nacht ein kleiner, heller Vollmond ganz oben am Himmel. Warum steht der so hoch, und warum ist er so klein?

Auf dem Weg zur Schule kommen wir an Svenska Kyrkan vorbei. Eric will wissen, ob das Lutheraner sind. Ja, das weiß ich. Alles weitere weiß das Internet. Bis vor nicht allzu langer Zeit waren noch drei Viertel aller Schweden Mitglieder der Svenska Kyrkan, aber die Zahlen sind deutlich rückläufig. Freikirchliche Christen gibt es sehr konzentriert in einigen Gegenden, aber insgesamt ist es eine kleine Zahl. Die zweitgrößte Religionsgruppe sind inzwischen die Muslime.

Die protestantische Ausrichtung hatte einen merkwürdigen Effekt, als der Gregorianische Kalender eingeführt wurde. Das protestantische Schweden wollte aber keine katholische Reform, auch wenn sie noch so sinnvoll war. Das stiftete eine Menge Verwirrung, weil in Europa zwei Kalender gültig waren. Als dann endlich, 1753, auch in Schweden der Gregorianische Kalender eingeführt wurde und auf den 17. Februar der 1. März folgte, gab es überall Proteste. Die Leute fühlten sich um elf Tage ihres Lebens betrogen!

Beim Mittagessen, als die Rede auf die kleine Abschiedsfeier für Jenny am nächsten Tag kommt, läuft Luc wieder zu Höchstform auf. Und reicht seine Bewerbung für den Titel Brain of Belgium ein: Kaffeetrinken? Das machen wir doch am Donnerstag. – Ja, aber auch morgen mit Jenny. – Aber am Donnerstag ist der letzte Tag. – Ja, aber morgen ist Jennys letzter Tag. – Ja, aber am Donnerstag trinken wir Kaffee. – Ja, aber nicht mit Jenny. – Nicht mit Jenny. Warum? – Jenny ist am Donnerstag nicht da. – Wie, Jenny ist nicht da? – Nein. – Warum nicht? – Sie fliegt nach Gran Canaria. – Was macht sie da? – Urlaub. – Wenn der Kurs vorbei ist. – Nein, Mittwoch. – Mittwoch. – Ja. Mittwoch. Morgen ist ihr letzter Tag. Deshalb trinken wir morgen Kaffee mit ihr, in der letzten Stunde. – Und der Kurs? – Wir bekommen eine andere Lehrerin. – Eine andere Lehrerin? Wie heißt die? – Sabina. – Kennst du sie? – Nein.- Woher weißt du, wie sie heißt? – Hat Jenny gesagt. – Wann? – Heute. – Was ist mit dem Test? – Macht Sabina. – Aber Sabina weiß doch gar nicht, was wir gemacht haben. – Jenny sagt es ihr. – Wann hat Jenny gesagt, dass morgen ihr letzter Tag ist? – Heute. Gestern. Vorgestern. Vorige Woche. Vorvorige Woche. Wir trinken morgen Kaffee mit ihr. Die anderen backen einen Kuchen. Ich kaufe eine Karte. Man kann auch was zu trinken mitbringen. Hat Isabell heute erklärt. Sie hat dich gefragt, ob du auch Kuchen backen willst. – Kuchen backen? Kann ich nicht. Ich muss Hausaufgaben machen.

Dave sitzt die ganze Zeit schweigend dabei und denkt sich seinen Teil. Aber so kommt er nicht davon. Luc löchert ihn, bis er herausbekommt, dass Dave irgendwann eine schwedische Freundin hatte. Jetzt nicht mehr? Nein, jetzt nicht mehr. – Kein Sex? – Nein, kein Sex. – Was ist besser? Sex oder Schwedisch lernen?

Gut, dass jedes Mittagessen mal ein Ende hat. Ich gehe schnurstracks rauf und kaufe eine Karte, dann eine Flasche Wein. Am Bahnhof versuche ich, eine Zugfahrkarte für Freitag zu kaufen. Geht nicht, kann man immer nur am gleichen Tag. Blödes System.

Als das Christentum nach Schweden kam, gab es bei denen Vornamen einen Paradigmenwechsel. Bis dahin hießen die Kinder Sven, Thorsten, Ulv, Asa, Inga und Gylla usw., jetzt hießen sie Johannes, Martinus, Laurentius, Kristina, Margareta, Cecilia usw. Nur ein Name kam so gut wie gar nicht vor: Maria. Der bekam erst mit der Reformation Konjunktur. Anscheinend hatte man Bedenken, das Kind nach der heiligsten aller Frauen zu benennen, genauso wie Jesus überhaupt nicht in Frage kam.

12. August (Dienstag)

Gestern sind am Nachmittag ein paar Tropfen gefallen und für heute ist Regen angesagt, aber am Morgen beim Laufen ist es noch richtig schön. Ein Sommermorgen, wie er im Buche steht, nur schon ein bisschen kühler als vorher.

Unterwegs höre ich etwas Metallisches hinter mir auf den Boden fallen: mein Schlüssel. Glück gehabt. Ich hätte nicht gewusst, wie ich in die Wohnung hätte reinkommen sollen, ganz abgesehen von dem Ärger mit der Schule. Die droht für den Fall eine ordentliche Geldstrafe an.

Eric ist ein Mann alter Schule. Haushalt ist nichts für ihn. Spülen kann er, aber bei der Handwäsche muss er mich schon um Rat fragen, und am Staubsauger schraubt er ergebnislos rum bei dem Versuch, das Verlängerungsstück anzusetzen. Wo der Abfall entsorgt wird, hat er bis heute nicht rausgekriegt. Und dass ich das Bad geputzt habe, sieht er nicht.

Am Vormittag stellt sich Sabina vor, unsere Notlehrerin für die letzten beiden Tage. Sie hat mit Jenny viel gemeinsam und ist fast gleich alt. Sie kennen sich sehr gut. Warum, fragt jemand, entweder sehr naiv oder sehr durchtrieben, hören sie sich so unterschiedlich an? Die Antwort ist ganz simple: Jenny hat eine Ausbildung als Fremdsprachenlehrerin und ist darauf eingestellt, ihre Sprache so zu mäßigen, dass wir sie verstehen können. Sabina spricht, als ob sie mit Schweden spräche. Ergebnis: Kein Mensch versteht was.

Beim dem kleinen Abschied von Jenny schütte ich Rotwein über die frisch aus der teuren Reinigung geholte Hose. Rotweinflecken. Toll. Ich könnte die Hose gleich wieder in die Reinigung. Da könnte ich sie dann nächstes Jahr abholen.

Nach dem Mittagessen laufe ich zum Dom. Gestern habe ich gesehen, dass da um zwei eine Führung ist. Eine junge Theologiestudentin, Priesteramtskandidatin, führt durch die Kirche. Sie hat außer guten Willen nichts zu bieten. Sogar das dünne Faltblatt, was man am Eingang kaufen kann, hat mehr zu bieten als sie.

Als ich zurückgehe, hängen dicke, weiße Wolken am Himmel, aber die Sonne dringt noch durch. Von Regen keine Spur.

Am Nachmittag mache ich anstandshalber ein paar Übungen für den morgigen Abschlusstest. Es geht nur um Grammatik, obwohl wir im Kurs auch viel Vokabular gemacht (wenn auch nicht sehr systematisch) und Aussprache geübt und die ganze Zeit über geschrieben, gehört, gesprochen und gelesen haben. Woher kommt das Vertrauen darauf, dass Grammatik eine verlässliche Richtschnur ist? Oder ist es einfach deshalb, weil man es so leicht korrigieren kann?

Heute war der billigste Tag in Uppsala: ein Kaffee in der Schule, ein Kaffee in Café, ein Faltblatt in der Kirche und ein Brötchen. So kann man sogar in Schweden überleben, ohne Bankrott anzumelden.

Jenny hat im Unterricht eine Rechtschreibreform erwähnt, die es in Schweden gegeben hat, Anfang des 20. Jahrhunderts, fast zeitgleich mit der in Deutschland. Es war im Grunde eine Vereinfachung. Formen wie <fv> oder <hv> wurden zu <v> reduziert. Damit verschwanden Formen wie hufvud, die ich manchmal noch in alten Texten sehe. Auch <f> wurde jetzt konsequent zu <v>, wenn es den Laut /v/ vertrat. Außerdem wurde dt zu t oder tt, auch näher am Laut. Das ist alles ganz plausibel. Dennoch gab es Diskussionen. Es gab innersprachliche und außersprachliche Gründe gegen die Reform. Es wurde argumentiert, die sichtbare Verbindung von god und godt gehe verloren, wenn man sich nach der Aussprache richte. Und es wurde argumentiert, der skandinavische Gemeinsamkeit gehe weiter verloren: Dänisch und Norwegisch blieben bei hv und dt. Es war gerade nach der Spaltung Norwegens von Schweden.

Das finde ich in der Sprachgeschichte. Die spricht auch von einer weiteren Reform, vom Volksschullehrerverband 1943 initiiert und dem König vorgelegt. Auch hier sind die Vorschläge einleuchtend. Stumme Buchstaben fallen weg: aus hjärta wird järta und aus ljus wird jus. Außerdem wird immer j verwandt, wenn es sich um denselben Laut handelt: aus älg wird älj, aus ge wird je. Außerdem werden Fremdwörter der schwedischen Orthographie noch stärker angepasst: aus nation wird nasjon, aus centimeter wird sentimeter. Und unnötige Buchstaben (c, x, z) fallen, wenn ich das richtig verstehe, ganz weg: aus yxa wird yksa, aus backe wird bakke, aus zink wird sink. Muss man noch erwähnen, dass die Reform scheiterte? Vernünftige Vorschläge haben es schwer.

13. August (Mittwoch)

Laut der Umfrage einer schwedischen Zeitung sind die sieben Weltwunder in Schweden (in aufsteigender Reihenfolge): die Globe-Arena, die Öresundbrücke, der Turning Torso in Malmö (ein Wolkenkratzer), das Eishotel in Jukkasjärvi, die Vasa, die Ringmauer von Wisby und der Götakanal.

Der häufigste Nachname in Schweden ist Andersson. Etwa 400,000 Schweden heißen so. Allein in dem Telefonverzeichnis von Stockholm tauchen 12,000 Teilnehmer mit dem Namen Andersson auf, darunter 405 Taxifahrer oder Chauffeure und 44 Besitzer von Taxiunternehmen.

Nach Andersson kommen Johansson, Karlsson, Nilsson, Eriksson, Larsson, Olsson, Pettersson, Svensson und Persson. Und dann folgen weitere Namen auf –son. Erst auf Platz 20 folgt Lindberg, der erste, der nicht auf –son endet!

Das mit dem Test wird hier sehr ernst genommen. Die Tische sind umgebaut, und jeder hat einen einzelnen Tisch. Alles muss weggeräumt werden. Obwohl es um nichts geht, ist es für mich ein komisches Gefühl, einen Test mal wieder aus dieser Perspektive zu erleben. Der Test ist alles andere als leicht, aber absolut fair. Wenn ich systematischer gearbeitet hätte, würde ich ihn besser hinbekommen. So bin ich in vielen Fällen aufs Raten angewiesen.

Wie bei den Klausuren in der Uni geben sind einige schon nach ganz kurzer Zeit fertig. Da habe ich kaum angefangen zu schreiben. Andere nutzen die Zeit bis zur letzten Minute.

Nach der Pause werden wir in kleinen Gruppen nach draußen geschickt, um nach bestimmten Stellen zu fragen und dann vor Ort irgendeine Information zu finden. Das ist offensichtlich darauf angelegt, Sabina das Leben leicht zu machen. Es erfüllt aber in einer Hinsicht seinen Zweck: Alle drei bekommen wir bei allen Fragen immer Antworten auf Schwedisch. Das muss an unserem Auftreten liegen. Man kann zwar nicht viel mehr als vor drei Wochen, ist aber nicht mehr so unsicher. Das müssen die Leute irgendwie registrieren.

Unterwegs kommen wir an diesem Geschäft vorbei: Silber & Sant. Wir überlegen, was das bedeuten kann, und kommen dann zu der Vermutung: sant ist kurz für sådant, ‚derartiges‘. Das Geschäft heißt also so was wie Silber und so ein Zeug.

Beim Mittagessen sitzt eine freundliche Deutsche bei uns am Tisch, die in Kiruna lebt. Sie hat den Kurs genutzt, um sich eine Basis im Schwedischen zu schaffen. Sie erzählt von einer Gelegenheit, als ein schwedischer Gast in der (vermutlich deutschen) Firma war. Es stellte sich heraus, dass der Schwede ganz lässig gekleidet war, zu lässig für den deutschen Geschmack in der Geschäftswelt. Abends gab es dann eine Einladung, und da war es genau umgekehrt: Die Deutschen waren sehr lässig gekleidet, zu lässig für den schwedischen Geschmack bei einer Einladung.

Nach dem Essen gehe ich zu dem Friedhof, in der Hoffnung, die Führung mitmachen zu können. An der Kapelle ist ein großer Auflauf. Lauter fein gekleidete Leute und Studenten, Männer und Frauen, in traditioneller Studentenornat und mit Fahnen und Wimpeln. Auch ein paar Photographen sind dabei. Es stehen aber, eine sichere Distanz wahrend, ein paar Leute herum, die nicht dazugehören. Die Prozession setzt sich dann in Gang, und wir werden von einem Mann der Svenska Kyrkan begrüßt, der uns erklärt, heute sei ein Jahrestag eines berühmten Verstorbenen einer der studentischen Vereinigungen, und das sei der Grund für die Prozession. Wir machen aber jetzt den Rundgang über den Friedhof.

Es gibt relativ wenig zu der Geschichte des Friedhofs und zu der Gestaltung der Gräber. Dafür geht es zwischendurch, wie immer bei solchen Gelegenheit, um Fragen, die gar nichts mit dem vorliegenden Friedhof zu tun haben. Diese Fragen kommen alle aus dem Publikum: Wie viele Kremationen gibt es? Wie lange ist eine Grabstelle gültig? Wie viel kostet das?

Der Führer spricht mit einem ganz merkwürdigen Tonfall, wie ich ihn noch nicht gehört habe. So kommt mir das jedenfalls vor. Ich verstehe nur die Hälfte, und auch die manchmal nicht, aber das liegt nicht an den sprachlichen Besonderheiten des Führers. Dafür verstehe ich wiederum zu viel.

Der Friedhof lag ursprünglich außerhalb der Stadt. Das erklärt wohl auch den schnurgeraden Verlauf der Kyrkogårdsgatan, die den Friedhof nach Westen von der Stadt abtrennt. Hier war früher vermutlich die Stadtmauer.

Das ganze Areal wurde dann von einem Mann namens Werelius aufgekauft, der bestimmte, auch er selbst solle hier begraben werden. Das war vor vierhundert Jahren. Seine Grabstelle ist markiert durch einen Hügel und eine Felsbrocken, in denen man Spuren von alten Inschriften in der Art der Runensteine sieht. Hier war mal wieder Olof Rudbeck am Werk. Der sorgte ein halbes Jahrhundert später so für die Erinnerung an Werelius.

Der Friedhof hat insgesamt 14000 Grabstätten. Es fällt auf, dass die allermeisten keine Blumen haben, allenfalls ein paar immergrüne Pflanzen um den Grabstein herum. Der Rest ist Erde, und die ist auf allen Gräbern ganz ordentlich in Streifen gehakt, ein einfaches Muster bildend.

Bei der Führung geht es fast ausschließlich um lokale (und einige nationale) Größen, deren Namen mir nicht bekannt sind, wohl aber dem Publikum. Ich kenne nur Dag Hammarskjöld und Geijer. Der Führer sagt, viele schwedische Studenten wüssten nicht, wer Dag Hammarskjöld war, aber ausländische Studenten kämen und fragten nach seinem Grab. Ich finde weder das eine noch das andere überraschend.

Geijer war eins von den schwedischen Allroundtalenten, Bekannt ist er aber in erster Linie als Historiker. Marx hielt viel von ihm, aber auch König Karl XIV Johann.

Wir sehen das Grab der ersten schwedischen Doktorin in Rechtswissenschaften – sie bekam keinen Lehrstuhl, sondern musste mehr oder weniger heimlich für einen Professor arbeiten; das Grabmal der Begründerin des Allsongs in Skansen, des alljährlichen Mitsingtreffens; das Grab eines Konteradmirals, der für die britische Marine arbeitete, aber an der Hinterseite seines Grabs ein Emblem mit den drei schwedischen Kronen angebracht hat; das Grab eines schwedischen Industriemagnaten, dessen Grabstein aus Eisen ist, mit einer Kette im Relief und einem eisernen Medaillon mit seinem Portrait; das Grab des Gründers der Fahrradfabrik von Uppsala, die zu seiner Zeit mehr als tausend Beschäftigte hatte und 150,000 Fahrräder pro Jahr herstellte; das Grab einer Schriftstellerin und frühen Feministin; das Grab eines Arztes mit einem morbiden Grabstein, auf dem man ihn mit einer Patientin auf einer und dem Todesengel auf der anderen Seite sieht; das Grab einer Künstlerin mit einer kleinen Bronzefigur auf einem kleinen Fels, die eine Nagelfeile in der Hand zu halten scheint; das Grab eines Mannes namens Eriksson, den alle nur unter dem Namen Mottas kennen und der sich, ohne Scheu vor dem Wortspiel auf dem Grabstein, als Läkaren & Lekaren der Nachwelt erhält.

14. August (Donnerstag)

Am Morgen noch einmal gelaufen. Die Strecke ist mir inzwischen richtig vertraut.

Auch im Schwedischen gab es früher den dentalen Frikativ, wie das englische <th>. Auch hier wurde es zuerst mit Buchstaben aus dem Runenalphabet wiedergegeben. Die wurden dann später durch <th> und <dh> ersetzt, aber im Schwedischen ging der Laut dann verloren, der stimmhafte später als der stimmlose.

Viele schwedische und deutsche Wörter sind sich nicht deshalb ähnlich, weil sie dieselbe Wurzel haben, sondern weil sie als deutsche Lehnwörter ins Schwedische kamen: bevisa, bevara, bekväm, smaka, skön, berätta, sakta, arbeta, skomakere, skräddare usw. Alle kamen ursprünglich in anderer Schreibweise. Der Einfluss des Deutschen war eine Zeitlang, vor allem im Hoch- und Spätmittelalter, regelrecht übermächtig,  wie heute der des Englischen. Vor dem Deutschen kamen die Lehnwörter aus dem Griechischen und dem Lateinischen, danach aus dem Französischen.

In dem Buch über Sture Bergwall, den schwedischen Massenmörder, der keiner war, erzählt, wie er sich einer der in den Fall involvierten Psychologinnen, Margit Norell, annäherte, ohne zu sagen, dass er sich für den Fall interessierte. Sein Vorgehen sein ein klein bisschen diabolisch gewesen, sagt er: „Men jag tänkte prova att wallraffa.“. Hier ist der Erfinder der Methode sogar in einem Verb verewigt.

In der Schule sieht man nur ausländische Putzfrauen, vermutlich Asiatinnen. Bei den Bauarbeitern auf der Straße habe ich dagegen bisher nur Schweden gesehen.

Zuerst besprechen wir den Test. Alle sind wohl gut damit zurechtgekommen. Ausgerechnet in dem Teil, der am schwersten gewesen ist, Sabina zufolge, habe ich volle Punktzahl. Da ging es um Betonung. Die meisten Fehler habe ich bei der Wortreihenfolge, zwei davon deshalb, weil ich vom Deutschen abgewichen bin, statt dabei zu bleiben. Dann kommen ein oder zwei Flüchtigkeitsfehler. Eine Stelle ist umstritten. Wir glauben, dass unsere Lösung akzeptabel ist. Typisches Testproblem: Der Lehrer will eine ganz bestimmte Lösung hören, die Schüler liefern die nicht, und da gilt dann auf einmal nicht mehr, was kommunikativ richtig wäre.

Anschließend versucht die arme Sabina, uns nach Kräften zu animieren, aber es nutzt nichts. Die Luft ist raus.

Wir sollen sagen, was wir als tun werden, sobald wir wieder zuhause sind. Einige sagen „Schlafen“. Ein Amerikaner sagt, „Zu Wendys gehen“. Um dort einen Hamburger zu essen. McDonald’s ist out, Wendy’s ist in.

Am Nachmittag gebe ich dem Evolutionsmuseum noch mal eine Chance, diesmal der Abteilung Paleontologie.

Zuerst geht es um die Erdgeschichte. In einzelnen Vitrinen werden Schaustücke aus den einzelnen Perioden ausgestellt, Kadmium, Jura, Karbon, Kreide usw. Am auffälligsten ist, dass die Stücke aus dem Karbon tatsächlich schwarz und die aus der Kreide tatsächlich weiß sind. Zweitens ist ständig vom Fallen und Steigen des Meeresspiegels die Rede und von Eiszeiten, alleine 20 in einer der Perioden (2,6 Mill. Jahre), die letzte vor ca. 20,000 Jahren.

Man sieht Mineralien mit erstaunlich kompletten und klaren Abdrücken von Insekten, Blättern, Ammoniten und anderen Tieren, darunter einen wunderbaren Triglobiter aus Marokko aus dem Kambrium. Auch sehr schön, geradezu dekorativ, ein Mineral mit den Abdrücken von Ammoniten, aufgehäuft und wie ineinander verwachsen. Sie erlebten eine große Renaissance im Jura, obwohl sie im Trias fast ausgestorben waren. Ihr Name ist von Ammon abgeleitet, genauso wie das Ammoniak.

Die Erde ist 635 Millionen Jahre alt, die ersten Fossilien sind 350 Millionen Jahre alt, unvorstellbar große Zahlen. Da hatte man es bis zu den großen Durchbrüchen der Geologie im 19. Jahrhundert leichter. Da kalkulierte man ein paar 4000 Jahre zurück bis zum Garten Eden.

Im Zusammenhang mit den dramatischen Veränderungen der Zeit spricht man von der „kambrischen Revolution“. Die Erde, vorher ein einziger Brocken, Rodinia, spaltete sich in verschiedene Kontinente auf. Schweden gehörte zu dem, der interessanterweise Baltikum hieß.

In der Kreidezeit trennte sich dann Südamerika von Afrika. Damals sind die Dinosaurier ausgestorben und die ersten blühenden Pflanzen entstanden.

Im Kvartär ??? hat die Erde die Form die heute. Aus dieser Zeit gibt es einen riesigen Mammutzahn zu sehen. Die meisten der großen Tiere aus dieser Zeit sind durch die Verbreitung des Menschen ausgestorben.

Dann gibt es eine Abteilung zum Menschen. Die beginnt mit der immer wieder nötigen Erinnerung: Der Mensch stammt nicht vom Affen ab!

Dann wird die Frage gestellt, was uns zu Menschen macht: Hirn? Kultur? Sprache? Körper? Kunst? Die Antwort wird hier offen gelassen, aber es gibt natürlich nur eine schlüssige Antwort: Sprache. Alles andere sind entweder Konsequenzen oder Vorbedingungen von Sprache. Nur: Wie kommt die Sprache zum Menschen?

Zur Illustrierung des typisch Menschlichen sind hier eine Sandale, eine Rakete, eine Kaffeetasse, ein Handy, eine Trompete und ein Würfel ausgestellt.

Zu der Entwicklungsgeschichte des Menschen werden der Kiefer eines Menschen und der eines Affen gegenübergestellt. Der des Affen ist rechteckig, der des Menschen rundlich. Der eckige lässt mehr Platz für die großen Eckzähne. Die brauchen wir nicht.

Und dann kommt die Haut. Und damit die Frage, warum wir nackt sind. Darauf gibt es überraschenderweise keine Antwort. Ohne Fell kann man die Körpertemperatur besser senken, und ohne Fell hat man weniger Das Fell macht es schwerer, die Temperatur zu senken und ist ein willkommener Aufenthaltsort für Läuse und Flöhe. Also, dachte sich der Mensch, besser ohne. So jedenfalls spekulieren einige moderne Wissenschaftler.

Bei der verschiedenen Funden der frühen Menschen und deren Vorgängern begegne ich hier mal wieder dem Peking Man und natürlich Lucy. Der Peking Man wurde von einem schwedischen Wissenschaftler aus Uppsala entdeckt. Was man Peking Man nennt, bestand aber lediglich aus einem einzigen Zahn. Der steckte er sich in die Tasche und verriet niemandem etwas davon. Er schickte ihn dann zusammen mit Teilen eines Schweineskeletts nach Schweden. Dort entdeckt er dann mittendrin einen weiteren Zahn. Schließlich machte er seinen Fund öffentlich. Im Laufe der Zeit kamen dann mehr und mehr Zähne zum Vorschein, und dann auch Teile von Skeletts, auch mehrere Schädel, von insgesamt 55 Individuen. Als der ganze Kram dann zu wissenschaftlichen Zwecken von China nach Amerika geschickt wurde, ging alles unterwegs verloren. Keiner weiß, wo und wie. Ich habe in Peking mal einen ganzen Tagesausflug an den Fundort gemacht, nur um zu entdecken, dass vom Peking Man nichts mehr da ist.

Drei der Zähne sind hier präsentiert. Alle ganz unterschiedlich in Aussehen und vor allem in Größe. Und ganz anders als unsere.

Die anderen vorzeitlichen „Skelette“ sind auch meistens nur Ansammlungen von einzelnen Knochen. Das gilt auch für Lucy. Sie ist nur eine von vielen Individuen des Typs Australopithecus Africanus. Die sind 1-4 Millionen Jahre alt.

Das bisher kompletteste Skelett ist das von Ardi, in Äthiopien gefunden. Man weiß, dass er (oder sie?) 1,20 groß und 50 kg schwer war. Er ging aufrecht, jedenfalls teilweise. Er hatte kleine Eckzähne, woraus man schließt, dass er nicht aggressiv war. Aus dem Gebiss kann man ebenfalls schließen, dass er Pflanzen und Fleisch aß, nicht aber härtere Dinge wie Wurzeln und Nüsse. Unglaublich!

Oben gibt es Skelette von großen Tieren. Gleich am Eingang steht man einem Nashorn mit fünf Hörnern gegenüber, einem fast komplett erhaltenen Skelett, mit zwei seitlichen Hörnern neben dem nach oben zeigenden in der Mitte und zwei kleineren, nach hinten gebogenen am unteren Ende des Schädels. Das Nashorn hat große Löcher im Schädel, deren Funktion ich nicht verstehe. Sie offensichtlich nicht das Resultat von Unfällen, sondern von der Natur so vorgesehen.

Es gibt auch eine riesige, 300 Millionen Jahre alte Kröte. Die Füße sind, wie bei den modernen Echsen, nicht unter dem Körper, sondern seitlich davon. Das macht einen Eindruck von Tollpatschigkeit, ganz anders als bei Tieren, deren Füße unter dem Körper sind (wie das schon bei den Dinosauriern war). Das war mir noch nie aufgefallen.

In einem anderen Raum steht ein Muranosaurus ??. Der ist acht Meter lang. Die Hälfte der Länge nimmt alleine der Hals ein. Er hat 44 Wirbel. Man vermutet, dass Nessie ein Muranosaurus war. Wenn er denn existiert hätte.

Zum Abschluss mache ich noch einen abendlichen Spaziergang durch die Innenstadt. Ich schaffe es aber nicht, so lange auszuhalten, bis es dunkel ist. Ich habe die Stadt im den drei Wochen immer nur bei Tageslicht gesehen.

 

 

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