Valmalle (2016)

1. August (Montag)

Im Bus eine Studentin. Sie fährt von nach Frankfurt Hahn und von dort nach Frankfurt und von dort nach Marburg. Von Westen nach Osten zu kommen ist in Deutschland meistens umständlich.

Neben mir sitzt ein französisch sprechender Afrikaner, der sich über meinen Kopf weg mit den schräg dahinter sitzenden Kollegen unterhält. Ich verstehe ganz wenig. Mehrmals kommt eine Lautfolge vor, die wie alampo klingt. Was mag das sein. Am Ende wird ihm von einem seiner Kollegen ein Buch gereicht, ein Buch mit Erzählungen. Von Poe. Edgar Allan Poe.

Beim Flug erinnere ich mich an den letzten Flug nach Montpellier. Da war, in einem der merkwürdigen Zufälle,  in dem Roman von Feuchtwanger, den ich im Flugzeug las, von Montpellier die Rede, von der Pest, die sich, von Italien kommend, nach Norden ausbreitete und in Montpellier zwei Drittel der Bevölkerung das Leben kostete.

In Montpellier ist es ein richtig lauer Sommerabend. 27°, 11 Uhr abends. Xia erwartet mich am Flughafen. Wir machen uns sofort auf den Weg zum Hotel. Stolz berichtet sie, ihr Handy habe sie bestens navigiert, auch in die entlegensten Ecken Frankreichs. Dummerweise findet es jetzt den Weg zum Hotel nicht. Xia aber.

Wegen der Verspätung ist es nicht so leicht, etwas zu essen aufzutreiben, und wir haben beide Hunger. In der Nähe des Hotels gibt es eine Kette ähnlich aussehender Lokale, die sogar ähnlich sind, was Preise und Speisekarte angeht. Aber überall wird gerade geschlossen.

Es sieht nicht gut aus, aber dann stoßen wir in einer Nebenstraße auf einen Gemüseladen, der noch geöffnet ist, und daneben ein Art Schnellimbiss, mit leicht arabischem Einschlag, wie auch der Gemüseladen. Hier ist zwar kein Mensch mehr, aber der Besitzer lädt uns freundlich ein, draußen Platz zu nehmen. Zum Servieren kommt seine Tochter, zum Kochen seine Frau. Es gibt tacos.  Das scheint inzwischen ein internationales Schlagwort geworden zu sein für alle möglichen Snacks. Hier ist es eine Art Pastete, ganz geschlossen, rechteckig, mit verschiedenen Füllungen, Käse, Pilze, Hähnchenfleisch. Gar nicht schlecht, und hochwillkommen. Dazu gibt es kaltes ausländisches Bier.

Ich erfahre von den Stationen der Reise und den Höhepunkten: dem Besuch von Lascaux (wenn auch nicht in der ursprünglichen Höhle), dem Musée d‘Acquitaine in Bordeaux, der Weinprobe in Saint Emilion und vieles mehr.

Und von zweisprachigen Straßenschildern: Rue des Lois – Carrièra de las Leis. Manchmal gibt es keine inhaltlichen Entsprechungen: Rue des Anciens Combattants – Carrièra de la Vaca.

Die interessantesten Berichte gibt es aus Toulouse, der ville rose, wegen der roten Backsteine so genannt. Sie werden an vielen Bauwerken in Verbindung mit Kalkstein verwandt, nach oben hin nimmt der Anteil von Backstein oft zu. Den Leuten war das Geld ausgegangen. Der Backstein war billiger. Toulouse war eine ganze Zeit eigenständig und kam erst im Hochmittelalter zu Frankreich, war aber auch nachher noch weitgehend unabhängig. 2001 kam es in Toulouse zu einer Explosion in einer Fabrik, die Stickstoff herstellte, eine Explosion mit verheerenden Folgen. Die Welt hörte nicht auf Toulouse. Sie hatte nur Ohren für 9/11. In der frühen Neuzeit war Toulouse eine der reichsten Städte Frankreichs, und zwar wegen einer Farbe. Aus einer Pflanze, die in der Umgebung gut gedieh, Pastel, gewann man blauen Farbstoff,  heiß begehrt und teuer verkauft. Man hatte lange ein Monopol darauf, bis die Portugiesen aus ihren Kolonien Indigo mitbrachten. Die Pastelgroßhändler errichteten große Profanbauten, im Renaissancestil. Die sind bis heute erhalten. Da müsste man auch mal hinfahren, nach Toulouse.

2. August (Dienstag)

Strahlend blauer Himmel in Montpellier am Morgen. Was für ein Unterschied zu den letzten Wochen in Deutschland!

Wir gehen durch das moderne Viertel, die Antigone, in die Altstadt. Xia weiß den Weg. In der Bewertung der Antigone sind wir uns nicht einig. Ich habe einige Ecken, mit bunten, funktionalen Häusern mit viel Grün und modernen Einrichtungen und einer tollen Straßenbahn, gar nicht so schlecht in Erinnerung, aber das, was wir jetzt sehen, ist nicht gerade erbaulich. Alles ist irgendwie zu groß: die Bauten, die Plätze, die Skulpturen. Ganz besonders auffällig ist ein Gebäude mit zwei ausladenden Armen und einem Durchgang in der Mitte. Es sprengt die Dimensionen einer normalen Stadt.

Ganz anders die Altstadt mit vielen schönen Plätzen. Wir trinken einen Kaffee auf einem schönen, unregelmäßigen Platz, der sinnigerweise La Place heißt.

Dann brechen wir auf Richtung Valmalle. Der Navigator funktioniert jetzt wieder bestens. Erst ganz am Ende, in Saint Etienne, wird er ganz wild und ist mit unserem Kurs nicht einverstanden. Die Namen der Orte werden alle deutsch ausgesprochen, was manchmal verwirrend, manchmal witzig klingt: Anduze, Somières.

Valmalle befindet sich in der Region Languedoc-Roussillon, ganz im Süden Frankreichs. Im Norden schließt sich die Auvergne an, im Osten die Provence. Demnächst soll es einen Zusammenschluss mit einer westlich gelegenen Region geben. Man hat auch schon einen neuen Namen: Occitanie. Gute Wahl. Klar und einfach und historisch begründet.  Die okzitanische Sprache war die langue d’oc, die sich von der langue doïl unterschied, der nördlichen Variante, aus der sich das Standardfranzösisch entwickelte. Die Unterscheidung beruht auf dem Wort für ‚ja‘.

Valmalle liegt im nördlichen Teil der Region, im Département Lozère, dem mit der geringsten Bevölkerungsdichte in ganz Frankreich. Ein Gefühl dafür vermittelt vor allem der letzte Streckenabschnitt. Noch mehr aber die Aussicht von Valmalle aus oder die auf Valmalle von den umliegenden Bergen aus. Da hat man den Eindruck, dass jemand ein „Loch“ in den Wald geschlagen hat, um dort das Gut, den Bauernhof, unterzubringen.

Diese bildet den Hintergrund zu Stevensons Travels With a Donkey. Nach einer schweren persönlichen Krise entschied er sich, diesen hintersten Winkel Frankreichs zu erkunden, teils, auf unwegsamem Gelände, auf dem Rücken eines Esels. Als Folge davon gibt es hier bis heute den Beruf des Eselverleihers. Die Eselverleiher profitieren von den vielen Adepten, die es Stevenson nachtun wollen.

Wir kommen durch schöne, kleine Orte. Alles sieht sehr französisch aus. Am Straßenrand wachsen Lavendel und Oleander. Ich erkenne nichts wieder, bis wir nach Anduze kommen, dem „Tor zu den Cevennen“, mit seiner auffälligen, steil aufragenden Felsenwand.

Unterwegs sehen wir mehrmals Glockentürme mit einem merkwürdigen Metallaufsatz. Das hat bestimmt seinen Sinn.

Wir sehen auch ein Exemplar der Bories. Das sind Steinbauten, wie man sie in dieser Gegend oft antrifft, in ländlichen Gebieten, in Trockenmauerwerk gebaut. Die kleineren, zu denen das Exemplar gehört, das wir sehen, waren Schutzhütten für Feldwächter oder Bauern, die fernab der Heimatgemeinde arbeiteten. Das französische Wort ist eine Adaptierung eines provenzalischen Wortes, das ‚Bruchbude‘ bedeutet.

Das richtige Gefühl von Valmalle stellt sich erst in Saint Jean du Gard ein. Von dort aus geht es in 87 Kurven auf 15 Kilometer bis zum Ziel. Es geht die ganze Zeit bergauf. Auf den letzten Kilometern sind Abflussrinnen quer in das Pflaster eingelassen, coup d’eau, die bei den heftigen Regenfällen im Frühjahr und im Herbst dafür sorgen, dass die ganze Gegend nicht überschwemmt wird. Das letzte Teilstück nach einer scharfen Kurve ist ein steil abwärts führender Schotterweg. Dann kommen zuerst Traktor und Walze in Sicht. Hier gibt es immer was zu tun. Das aktuelle Projekt ist der Wiederaufbau einer Begrenzungsmauer, die beim Regen in sich zusammengesackt ist.

In Saint Jean du Gard sind wir in den Supermarkt, um Bier zu kaufen. Ich rechne nicht damit, dass dafür gesorgt ist. Aber bei der Ankunft werde ich eines Besseren belehrt: Im Kühlschrank wartet kaltes Bier auf mich. Ich habe Johann unterschätzt.

Aber nicht nur das Bier wartet, auch der Gastgeber, zusammen mit einem französischen Freund, der zu Besuch ist, Yvous. Der lebt seit zwanzig Jahren in Japan, und dort haben sie sich auch kennengelernt.

Wir sehen uns das Objekt an. Inzwischen sind auch im zweiten Stock zwei bewohnbare Zimmer entstanden, mit Dusche. Aber das Haus selbst und die Nebengebäude geben noch genug Gelegenheiten, weitere Wohnmöglichkeiten zu schaffen.

Die Außenmauern des Hauses haben im vorderen Gebäudeteil noch Spuren von Putz. Es gab wohl eine Zeit, wo die Natursteine nicht gut angesehen waren und verborgen wurden. Als sich die Wertschätzung wieder änderte, kratzte man den Putz wieder ab. Aber ganz so leicht geht das bei den Natursteinen nicht.

Die Mauern selbst bestehen aus flachen, bräunlichen Steinen und dazwischen liegenden, größeren Steinen, die schimmern. Ist das Dekoration? Nein, Statik. Die flachen Steine sind Schiefer, und der ist porös, die dicken Steine sind Quarz, und die geben der Sache Halt. Aber die Kombination sieht auch einfach schön aus.

In dieser abgelegenen Ecke Frankreichs gab es traditionell nur zwei Erwerbszweige, und beide sind durch ein Objekt auf dem Grundstück vertreten: Maronen und Seide. Für die Seidenraupenzucht steht ein Maulbeerbaum, der vor dem Grundstück steht. Die Seidenraupenzucht wurde von den Hugenotten hierher gebracht. Die Äste wurden mitsamt den Raupen abgetrennt und dann ins Haus gebracht. Der erklärt auch für die Zeit ungewöhnliche Größe der Räume des Hauses. Die Seide wurde nicht hier hergestellt, sondern in Lyon, das dadurch bekannt und reich wurde. Von hier wurde der Rohstoff geliefert.

Gleich neben dem Maulbeerbaum steht ein durch einen Weg vom Haupthaus abgetrennter, kleiner Bau. Innen ist er zur Hälfte zweistöckig. Hier wurden die Maronen, die hier überall wachsen, getrocknet (nicht geröstet). Die Maronen lagen auf der oberen Hälfte, im zweiten Stock gewissermaßen, und darunter brannte ein Feuer. Deshalb steht so ein Gebäude, eine clède, immer in etwas Entfernung von den anderen Gebäuden.

Xia ist von dem „Projekt Valmalle“ sehr angetan und packt auch in den nächsten Tagen gleich mit an. Das Sisyphoshafte, das mich eher abschreckt, ist für sie Herausforderung. Und so sieht es auch Johann. Er macht sich ohne große handwerkliche Kenntnisse an die Sache und bringt einiges zustande. Ich bin eher skeptisch, wegen der Arbeit, der Unsicherheit, der Abgelegenheit. Und auch wegen des Wetters. Jetzt ist es herrlich sonnig, aber vor drei Jahren, im Frühjahr, war höchstens mal ein Silberstreifen am Horizont zu sehen.

Von der Terrasse aus sieht man auf die bewaldeten Berge der Umgebung. Nur der hintere Berg ist kahl. Da hat es gebrannt, 2003. Da würde man erwarten, dass schon mehr nachgewachsen ist. Auf der Kuppe eines anderen Berges stehen vereinzelte Bäume, die aussehen, als würden Kamele über den Berg wandern.

Am Abend soll gegrillt werden. Vorher machen sich Xia und Yvous daran, einen alten Ausziehtisch auf Vordermann zu bringen. Da wird gehämmert und genagelt, aber immer vorsichtig, doucement. Das ist ein Wort, das jetzt immer wieder fällt. Die beiden bilden ein gutes Team. Und sie bekommen die Sache tatsächlich hin. Am Ende wird der Tisch noch mit Öl abgerieben. Olivenöl. Und ist kaum wiederzuerkennen. Als es am nächsten Tag darum geht, auch noch eine Anrichte abzureiben, schreitet Johann ein und besteht auf Leinöl. Das ist sein hanseatischer  Charakterzug. Pfeffersack.

Yvous spricht etwas Deutsch, nicht viel, aber seine Aussprache ist ausgezeichnet. Hin und wieder fragt er ironisch nach, was wir gesagt haben, wenn er angeblich etwas identifiziert hat: Mein Kampf? Er ist ausgesucht höflich und fragt immer, wenn er eine Frage stellt, ob er eine Frage stellen darf. Ist das der japanische Einfluss? Er spricht sehr bescheiden von seinen Japanischkenntnissen, vor allem der Schriftsprache, aber das ist sicher übertrieben. Kurioserweise weiß er nicht mehr, was Pinienkerne auf Französisch heißt (wohl aber auf Japanisch) und muss Johann, den Fremden, fragen. Der weiß es.

Yvous‘ Heimatstadt ist Annecy. Wir können den Namen nicht identifizieren. Klingt anders als man meinen sollten. Es sind nur zwei Silben, nicht drei. Das macht einen großen Unterschied.

Am Abend erzählt Johann von seinen gelegentlichen Begegnungen mit Berühmtheiten. Nach Tianamen hatte er den Auftrag, sich um die chinesischen Flüchtlinge zu kümmern, darunter ein berühmter Schriftsteller, der mit französischen Größen wir Yves Montand und Andrè Glucksmann bekannt gemacht wurde. Er, Johann, findet alle gleich unerträglich. Die einzige Ausnahme war Hollande, damals ein ganz gewöhnlicher Abgeordneter der Sozialisten, dessen Frau dabei war, sich den Weg zur Präsidentschaft freizuschaufeln. Sollte anders kommen.

Johann stellt Tianamen in Zusammenhang mit Mauerfall und Auflösung des Ostblocks, eine Verbindung, die ich noch nie gesehen habe. Aber wann war den Tianamen? 1989! Das war der Vorläufer, nur eben weniger erfolgreich als die Nachfolger.

Er erzählt auch von Colette Renard, die einstige Muse von Georges Brassens. Die lernte er als verlebte Frau mit über 80 Jahren kennenlernte. Mit tiefer, verrauchter Stimme gab sie ihre Lebensphilosophie zum Besten: Die jungen Leute von heute wüssten ja nicht, worum es ginge im Leben. Es ginge immer nur um ein: Bumsen. Und über Brassens fällt sie auch ein klares Urteil: un mauvaix coup.

3. August (Mittwoch)

Der heißeste Tag der Woche. Wir machen einen Ausflug. Es geht zur Schlucht des Tarn. Das ist eine Enttäuschung. Es ist überlaufen, und von einer Schlucht, so wie wir sie uns vorstellen, so wie die in Kreta, ist nichts zu sehen. Außerdem kommt man kaum ans Wasser ran. Aus der Ferne sehen wir eine Felswand und bekommen hin und wieder einen Blick auf den Tarn, aber das ist alles. Irgendwann drehen wir frustriert um und fahren zurück. Auf dem Rückweg halten wir dann in einem ganz kleinen, schmucken Ort ohne Touristen, Plages. Dort gibt es tatsächlich einen Weg zum Fluss hinunter. Das Wasser ist glasklart, und es sind Hunderte von kleinen Fischen zu sehen. Erst sehe ich gar keinen, dann gleich alle auf einmal. Im Wasser fahren ein paar Urlauber etwas lustlos im Kanu herum. Es ist nicht genug Wasser da, und es ist auch zu heiß.

Auf dem Hinweg machen wir dreimal Halt, und das lohnt sich. Zuerst an einer landschaftlich interessanten Stelle, der Aire de Plateaux. Auf einem Schild wird der dreifach motivierte Name erklärt, aber die Details verstehen wir nicht. Die Aussicht in die Ferne ist aber grandios. Mitten auf einem Felsen sieht man eine kahlgeschorene, leicht abschüssige Fläche. Die sieht wie eine Piste für Trockenski aus oder wie eine Landebahn für Außerirdische. Es ist tatsächlich eine Wiese mit gerollten Heuballen. Sonst ist weit und breit nichts von Zivilisation zu sehen. Nur Berge, Felsen, Wälder. Wunderbar!

Der zweite Halt ist an einer Kurve, wo es ein Denkmal für die Helden des Widerstands gibt, Franzosen auf der einen, Deutsche auf der anderen Seite. Die Deutschen hatten sich den französischen Widerständlern angeschlossen, um gegen die eigene, die deutsche Besatzungsmacht  zu kämpfen. Und kamen dabei um. Gegen die übermächtige feindlichen Truppe. Das Zahlenverhältnis war 1:15. Und die deutschen Besatzer fuhren schwere Geschütze auf. Es ist wie mit Kanonen auf Spatzen schießen. Was hatten sie in dieser gottverlassenen Gegend verloren, um eine Handvoll Widerständler in die Knie zu zwingen? Absurd. Dabei gingen sie so weit, dass die Geschütze, als das Gelände unwegsam wurde, auseinandermontiert und auf den Schultern die Berge hinauf getragen wurde.

Zwischenzeitlich sind wir bis auf 1200 Meter gestiegen, und die Landschaft hat sich verändert. Valmalle liegt auf 500 Metern Höhe. Irgendwo sehen wir einen Steinbruch. Dort wird Kalkstein gewonnen, in der Gegend um Valmalle nicht vertreten.

Der dritte Halt ist in Florac. Dort machen wir eine längere, gemütliche Pause auf der Terrasse eines Lokals, wo wir uns einen ausgezeichneten Salat teilen. Die Stühle sind so heiß, dass wir sie gegen die Stühle des Nachbartisches, die im Schatten standen, austauschen. Als wir warten, bekommen wir Besuch von einem kleinen Insekt, das geduldig meine Finger erkundet. Nach einigen Versuchen können wir die Szene auf einem Photo festhalten.

Irgendwie stoßen wir auf das Wort berger. Ist das das Wort für Schäfer? Oder doch pasteur? Vielleicht verhalten sie sich wie Hirte und Schäfer im Deutschen.

Als wir mit gebührender Verspätung wieder in Valmalle ankommen, stehen die Jungs schon in der Startlöchern. Es geht zum Baden nach in den Gardon, ein kurzes Stück hinter Saint-Etienne-Vallée-Française, dem nächsten Ort vor Valmalle.

Da es schon spät ist, haben wir den Fluss fast für uns. Es ist die reinste Freude. Klares, kühles Wasser, das sich in Kurven seinen Weg zwischen grau melierten Felsen hindurch bahnt. Die Sonne ist nicht mehr zu sehen, bescheint aber die Felder in der Ferne. Leider ist das Wasser etwas knapp, so dass man an einigen Stellen nicht schwimmen kann. Trotzdem ein Genuss. Dass es ein Genuss ist, ist auch dem Umstand zu verdanken, dass wir mit Badeschuhen ausgestattet werden. Mit denen kommt man gut über den Parcours aus Kieselsteinen. Xia und Johann schaffen es bis zu einem Wasserfall, von dem sie enthusiastisch berichten. Der ist uns beiden entgangen.

Auf dem Rückweg macht Johann einen kleinen Umweg kurz vor der Abbiegung nach Valmalle. So bekommen wir das Grundstück seines Nachbarn zu sehen. Der wohnt ca. einen Kilometer entfernt. Der Nachbar, hier geboren, hatte ein ähnliches Haus wie Johann, hat das aber aufgegeben und sich gleich daneben einen ganz modernen Bau gesetzt, ohne Holz, Schiefer und all das alte Zeugs.

Und dann gibt es da noch die Geschichte mit dem Nachbarn, der in einem Zelt auf der einen Hälfte des eigenen Grundstücks lebt, das er früher mit seiner Ehefrau gemeinsam besaß. Die Frau lebt auf der anderen Hälfte mit ihrem neuen Ehemann, dem besten Freund des alten Ehemanns. Der Verlassene, ein Büromensch, verlor seine Arbeitsstelle und verlegte sich von heute auf morgen auf die Produktion von Schafskäse. Als Autodidakt. Er hat eine große Schafsherde. Er, der bisher kaum aus der Gegend herausgekommen und noch nie in Paris war, setzte sich eines Tages, der Einsamkeit überdrüssig, in das Flugzeug, flog nach Kambodscha und kam vierzehn Tage später mit einer kambodschanischen Ehefrau wieder. Sie lebt jetzt hier in diesem verlassenen Fleckchen Erde und kümmert sich um die Produktion des Schafkäses, während er für Vertrieb und Werbung zuständig ist.

Etwas abseits der Grundstücke sieht man kleine Einfriedungen mit Platten. Das sind Familiengräber. In dieser Gegend dürfen die Leute machen, was sonst streng verboten ist: ihre Toten auf dem eigenen Grundstück begraben. Das ist eine Folge eines alten Erlasses, der immer noch Gültigkeit hat. Er stammt aus der Zeit, als dies der Rückzugsort der französischen Hugenotten war, den camisards. Sie hießen so, weil sie, im Gegensatz zu den uniformierten Soldaten, denen sie sich gegenübersahen, nur eine camisa trugen, ein Hemd. Sie, die Ketzer, sollten ihre Toten nicht auf katholischen Friedhöfen begraben und bekamen deshalb die Erlaubnis, sie auf dem eigenen Grundstück zu begraben. Bis zur Revolution, vom Edikt von Fontainebleau an, waren die Protestanten Staatbürger zweiter Klasse: keine Offizierslaufbahn, keine Heirat mit Katholiken, keine Advokatenlaufbahn, kein Begräbnis auf Friedhöfen.

Am Abend kommt die Rede auf die burutes. Die hat Xia unterwegs getroffen, ohne das Wort zu kennen. Das sind die alten Aussteiger, 68er, die in Frankreich hängen geblieben sind und sich ihr Geld mit selbst angebauten oder hergestellten Produkten auf den Wochenmärkten verdienen. Sie leben, laut Johann, oft unter primitiven Umständen in heruntergekommenen Häusern, ohne Krankenversicherung oder Absicherung fürs Alter. In seinem Kommentar klingt Bewunderung mit, aber auch Skepsis. Laut Xia sind sie eher Lebenskünstler, die in Frankreich und in ihrem einfachen Lebensstil ihre Heimat gefunden haben.

4. August (Donnerstag)

Am Morgen zeigt mir Yous ein winziges Loch zwischen den Steinen der Befestigungsmauer. Es ist der Zugang zu einem Nest von Hummeln oder Hornissen. Er hat ein besonderes Faible für Insekten. Das hat er schon als Kind entwickelt, als eine Art Abwehrreaktion gegen die als feindlich empfundene Welt der Erwachsenen.

Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift Tranquille. Das nimmt Bezug auf seine Mutter. Die ist aus Marseille. Und in Marseille ist es an der Tagesordnung, dass man Menschen, die zu hektisch oder aufgeregt sind, mit diesem Wort hinunterzieht: Tranquille.

Heute helfen wir ein bisschen im Haus und lassen es langsam gehen. Kein Ausflug. Mit dem Pinsel in der Hand bringt Johann die Rede auf Mitterand. Der hat sich, wie alle Franzosen, die was auf sich halten, sein ganzes Leben lang als Mitglied der Résistance geriert, bis er das in seiner Autobiographie, die gleich nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit erschien, zu einem Zeitpunkt, als er schon todkrank war, korrigierte. In der Autobiographie erzählt er von seiner Rolle als Kollaborateur.

Inzwischen hat sich Französisch als lingua franca ergeben, wenn wir alle vier zusammen sind. Wir „Ausländer“ haben die Erfahrung gemacht, dass wir ganz gut zurechtkommen. Es klappert zwar überall, aber für die Verständigung reicht es. Yvous spricht sehr deutlich, so einen wünscht man sich als Lehrer. Als ich ihm sage, dass ich ihn gut verstehe, hat er gleich die Erklärung parat. Was ist für Ausländer schwierig: la liaison. Das habe er festgestellt. Deshalb bemühe er sich, die Wörter deutlich voneinander zu trennen. In der Tat. Das ist die größte Hilfe, die man sich denken kann.

Schon früh haben wir gemerkt, wie oft doucement in der Sprache der beiden vorkommt. Genauso wie truc und marrant. Dazu lese ich noch traper auf, ‚anbaggern‘. Das kommt bei Yvous auch öfter vor. Auch reculé ist ein Wort, das man hier gut gebrauchen kann. Es heißt ‚abgelegen‘. Eine Wiederentdeckung ist arriver. Es heißt nicht nur ‚ankommen‘, sondern auch ‚kommen‘ und ‚passieren‘. So hört man J’arrive oder Ça arrive.

Am Nachmittag fahren wir zwei zum Einkauf nach Saint Jean du Gard. Für den Markt kommen wir zu spät. Es reicht nur zu einem Pastis und einem Kaffee auf einer Terrasse. Aus den Markisen kommt in regelmäßigen Intervallen kühler Dampf zur Erfrischung der Kunden. Das hab ich noch nie gesehen.

An einer Straßenecke steht ein Schild mit der Aufschrift: Trier. Das erkennt man von weitem. Als wir näherkommen, sehen wir das ganze Plakat: Évidemment vous pouvez le faire? Quoi donc? Trier le papier. Es ist eine Aufforderung zur Mülltrennung: trier bedeutet ‚aussondern‘, ‚trennen‘.

Wir haben ausgemacht, nochmal zum Gardon zum Baden zu fahren. Wir sind zuerst da und gehen schon ins Wasser. Ab was für eine unliebsame Entdeckung! Ohne die Badeschuhe sind die Kieselsteine kaum zu ertragen. Wir schaffen den halben Weg bis zum Wasserfall, kehren dann aber zurück. Und als wir kaum unterwegs sind, erscheint Johann als Fata Morgana am Horizont: mit den Badeschuhen für uns zwei in der Hand! Was für eine Erlösung! Man traut das den dünnen Dingern gar nicht zu, aber es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Damit schaffen wir dann auch alle, auch der übervorsichtige Yvous, den Weg bis zum Wasserfall. Auf dem Weg sehen wir junge Franzosen von den Klippen über tiefere, hervorstehende Klippen in den teils sehr seichten Fluss springen. Als einer von oben abspringt, stoße ich einen Schrei des Entsetzens aus. Der wiederum löst Heiterkeit bei allen aus.

Der Wasserfall ist ein echtes Erlebnis, ein ästhetisches und ein sinnliches. Er kommt in ganz verschiedenen Formen an verschiedenen Stellen herunter, mal als Rinnsal, mal als harter Wasserstrahl. Man muss sich anstrengen, um ihm gegen die Strömung näherzukommen, und dann kann man den Strahl nur einen Moment genießen, indem man sich an der glitschigen Felswand festhält, um gleich wieder nach vorne getrieben zu werden. Wo der neue Angriff beginnt. Wunderbar!

Das Abendessen wird heute drinnen serviert. Es ist merklich kälter geworden, es hat angefangen zu regnen. Von Xias Essen bleibt nichts übrig, kein Krümel. In vertraulicher Atmosphäre und beseelt vom Wein sprechen wir über Gott und die Welt: über Feng Shui, über moderne klassische Musik, über Projekte zum Verfassen von Büchern, über den G-Punkt, über Höflichkeit, über Fahrstühle, über das Leben im Ausland.

5. August (Freitag)

Ich wache auf mit der Erinnerung an meinen nächtlichen Ritt über den Bodensee. Im sicheren Gefühl, die Örtlichkeiten zu kennen, gehe ich im Dunkeln zum Bad, ertaste mir den Weg zur Tür und zu Klinke. Nur der Lichtschalter ist nicht zu finden. Auch innen ist kein Lichtschalter zu ertasten. Ich halte mich intuitiv am Türrahmen fest und mache einen Schritt in den Raum. Das will ich jedenfalls. Es ist aber ein Schritt in die Leere. Ein Raum ohne Boden. Ich habe die Rechnung ohne die Bastler gemacht. Die haben am Vortag das Bett umgestellt. Die Tür links vom Bett führt jetzt nicht mehr ins Bad, sondern in den Hohlraum vor einer Felswand.

Beim Frühstück im Freien, bei dem es dann doch Johanns tarte aux tomates gibt, weist Johann auf einem Baum auf dem Abhang hinter uns. Es ist ein Ginko. Er weiß zu berichten, dass es ein einzigartiger Baum ist, ein Baum von der Art, wie es ihn bereits in der Steinzeit gab. Alle anderen Bäume bei uns sind jünger. Dafür wissen wir, dass er Goethe inspiriert hat: „Ist es ein lebendig Wesen/Das sich in sich selbst getrennt?/Sind es zwei, die sich erlesen/Dass man sie als eines kennt?“

Beim Abschied tauschen wir Zusage und Bitte aus, nicht wieder drei Jahre verstreichen zu lassen bis zum nächsten Besuch.

Während der Fahrt kommt mir Johanns Diktum in den Sinn, er interessiere sich nicht weiter für chinesische Tempel. Was ihn interessiere sei dies: Wie viele Autos verkauft VW pro Jahr in Deutschland? 500.000. Wie viele Autos verkauft VW pro Jahr in China? 3,5 Millionen. Das sei die Wirklichkeit.

Die Fahrt geht Richtung Alès. Hinter Anduze ändert sich die Gegend. Es wird flach. Wir fahren an Weinfeldern vorbei und an vertrockneten Sonnenblumenfeldern, an bauchigen Zypressen und kommen immer wieder durch Alleen, meistens Pappelalleen. Eine Schande, dass davon in Deutschland nur noch so wenige übriggeblieben sind.

Auch ein paar Starenkästen warten am Wegesrand. Sie werden vorher angekündigt. Und obwohl Xia einen guten Blick für sie hat, glaubt sie, erwischt worden zu sein.

Wir fragen uns, was Richtungsschilder zu bedeuten haben, bei denen vor dem Zielort ein gelbes bis steht. Für Lastwagen geeignet? Umgehung von Ortsdurchfahrten? Irgend sowas muss es sein.

In einem kleinen, unscheinbaren Ort vor Uzès machen wir Halt. Eine weitere Station auf der Suche nach dem Gral, dem pain aux raisin. Das Ergebnis ist immer gleich: ausverkauft oder geschlossen. Immerhin lohnt es sich sprachlich. Die Verkäuferin spricht pain aux raisin ohne Nasalisierung, auf südfranzösische Art, bei allen drei Vokalen. Als wir bei einer späteren Station dann endlich ein pain aux raisin auftreiben, stellt sich heraus, dass es sich um eine ganz normale Rosinenschnecke handelt.

Der Ort erweist sich als ganz hübsch, und wenn man die Straßenflucht hinunterblickt, hat man die sofortige Gewissheit, dass man in Frankreich ist. Wie immer, auch im kleinsten Ort, ist die Mairie fein herausgeputzt und fahnengeschmückt. Das Wetter ist schön, man kann gut draußen sitzen, aber es ist auffällig windig. Der erste Vorbote.

Der Weg zurück zum Auto nach der Kaffeepause führt über die Rue du Temple. Eine sprachliche Unterscheidung, auf die uns schon Johann aufmerksam gemacht hatte: Eine katholische Kirche heißt église, eine protestantische temple.

In Uzès selbst sehen wir bei der Durchfahrt ein Hinweisschild auf das Musée du Bonbon. Von Haribo.

Mit schwerem Herzen, aber mit kühlem Kopf lassen wir die Pont du Gard links liegen. Der Mont Ventoux steht auf dem Programm. Da hat Xia Nachhofbedarf. Der Gegenwind hat sie einmal daran gehindert, bis zum Gipfel zu kommen.

Wieder kommt der Eigenname Gard vor, wie vorher bei Saint Jean du Gard oder beim Département Gard. Schwimmen waren wir aber im Gardon. Wir haben überlegt, ob es sich dabei um einen Augmentativ handelt, aber die Wörter werden anscheinend unterschiedslos gebraucht. Mehrere Zuflüsse des Gard bzw. Gardon heißen ebenfalls Gard oder Gardon. Bei dem Hauptfluss scheint der Oberlauf eher Gard und der Unterlauf eher Gardon zu heißen. Oder umgekehrt.

Dann kommen wir mitten durch Avignon. Wir überqueren die Rhone gleich dreimal. Das erlaubt gute Blicke auf die Brücke, die Stadtmauer und den Papstpalast. Der Fluss schimmert grünlich und hat eine dichte Bewachsung am Ufer.

Die Fahrt zieht sich hin, und die Strecke zieht sich bergauf. Aber dann kommen wir nach Malaucène, einer Kleinstadt, die was auf sich hält. Sie war die Sommerresidenz der Päpste von Avignon, und das merkt man heute noch an den vielen repräsentativen Bauten. In so einem ist auch die Marie untergebracht. Es gibt Plakate für Ausstellungen mit bekannten modernen Künstlern. Wichtiger für uns sind aber die Hinweisschilder für das WC. Vom Bürgermeister gratis zur Verfügung gestellt.

Draußen überall Radfahrer, die ihre Räder vom Fahrradverleih abholen oder dahin zurückbringen. Hier, in Malaucène, beginnt die gefürchtete Auffahrt auf den Mont Ventoux bei der Tour de France. Für viele Amateure eine Einladung, es auf eigene Faust zu versuchen.

Für mich eine Kindheitserinnerung. Hier gab es den aufsehenerregenden Todesfall: Tom Simpson, ein englischer Radfahrer, starb kurz vor dem Gipfel, an einem der heißesten Tage der Geschichte der Tour de France, an Herzversagen, wie es damals hieß. Erst viel später kamen Stimmen auf, die von Doping sprachen, einem der ersten in der Geschichte des Radrennsports.

Sobald man Malaucène verlässt,  ändert sich schlagartig die Landschaft. In ständigen Kehren geht es ständig bergauf, am Felsen entlang, mit Bäumen und Hügeln auf der anderen Seite.

Zu voll? Zu gefährlich? Zu kalt? Zu windig? Zu warm? Meine Befürchtungen erweisen sich als unbegründet. Die Straße ist sehr gut, und die Radfahrer fahren nicht im Pulk, sondern einzeln. Alle. Es sind ausschließlich Männer. Man sieht ihnen an, dass jeder Tritt mühevoll ist.

Auf halbem Weg gibt es eine Plattform mit Schildern, die zu Skipisten führen. Von hier hat man eine gute Sicht auf den Berg und in die Ebene. Kurz vor dem Gipfel verschwindet dann plötzlich die Vegetation. Der Gipfel liegt über der Baumgrenze.

Der erste Hinweis, dass es ungemütlich werden könnte: Die herunterkommenden Radfahrer sitzen nicht im Sattel. Sie schieben die Räder.

Dann, in einer Kurve, beginnt das Auto zu rappeln und zu klappern. Auch bei Stillstand. Beim Blick auf die schnell vorbeiziehenden Wolken wird es einem schwindlig: Man spürt förmlich, dass die Erde sich dreht.

Auf dem Gipfel angekommen, lassen sich die Autotüren nicht öffnen. Wir müssen uns dagegenstemmen, um hinauszukommen. Ein Ehepaar aus dem Saarland mit Kindern im Auto steigt erst gar nicht aus. Sie fahren sofort wieder zurück.

Dann schaffen wir es bis auf das Plateau. Da wird der Wind noch stärker, noch böiger. Mal macht man einen Schritt nach vorn und bleibt auf der Stelle stehen, mal wird man unvermittelt nach vorne geschubst. Die Leute klammern sich aneinander oder an irgendeinen Gegenstand. Alle lachen, so was hat man noch nicht gesehen. Die Kameras werden mit beiden Händen gehalten. Der Wind fühlt sich eiskalt an, obwohl es immer noch 10° warm ist. In Malaucène waren es noch 21°.

Warum ist es hier so windig? So hoch ist der Berg gar nicht, knapp 2000 Meter. Und es gibt auch Berge in der Umgebung, die höher zu sein scheinen. Aber der Mont Ventoux hat kein Vorgebirge, das ihn schützt. Und er hat das Tal der Rhone als Flugschneise, auf der er Fahrt aufnehmen kann, heißt es. Was auch immer die Erklärung sein mag, es ist eine einprägsame sinnliche Erfahrung. Und der Berg hat seinen Namen wirklich verdient.

Bei der Rückfahrt wird es, so wie es bergab geht, immer ruhiger. Man sieht riesige Schatten auf den Wiesen und Bäumen, die ganz unwirklich aussehen. Aber es sind ganz „normale“ Schatten, von den Wolken geworfen.

Als wir wieder in der Ebene sind, machen wir kurz Halt und werfen einen Blick zurück auf dem Berg. Da liegt ja Schnee! Wirklich? Nein, das ist kein Schnee, sagt Xia. Doch, ich bleibe dabei. Das ist Schnee. Was denn sonst? Es ist kein Schnee. Die kahlen Felswände am Gipfel leuchten in der Sonne. Man hat wirklich den Eindruck, dass da Schnee liegt. Aber wenn man länger hinsieht, „bewegt“ sich der Schnee. Es ist das Licht.

Und was war jetzt mit Petrarca? Ist er oben gewesen? Hat er den Berg bestiegen? Das behauptet er jedenfalls. Zusammen mit seinem Bruder. Er im Zickzack, sein Bruder geradeaus. Nicht schwer, das als eine Allegorie auf den Lebensweg zu sehen. Inspiriert worden sei er für den Aufstieg durch die Lektüre von Livius am Tag zuvor. Der habe von einer ähnlichen Aktion gesprochen. An dieser Darstellung sind viele Zweifel vorgebracht worden, die Daten wollen einfach nicht passen, und vielleicht hat es sich den Aufstieg einfach ausgedacht. Aber selbst dann ist es ein bemerkenswertes Unterfangen. Zu seiner Zeit war man vermutlich für einen Spinner gehalten worden oder einen Draufgänger oder einen Adrenalinjunkie, wenn man sich auf so etwas eingelassen hätte. Berge waren Orte der Gefahr, des Unheils, Orte von Geistern. Er aber ist allein vom Verlangen getrieben, diesen außergewöhnlichen Ort zu erleben. Und dafür ist er als erster Bergsteiger, als Vorläufer der Romantik, als Wegbereiter der Renaissance gefeiert worden, als frühesten völlig modernen Menschen, der die Bedeutung der Landschaft für die erregbare Seele begriffen habe. Xia hat noch eine andere Deutung: Petrarca steht oben, er erhöht den Menschen gleichsam. Der Mensch unterwirft sich die Natur, nicht der Natur.

Philosophisch erhöht, aber halb verhungert erreichen wir unser Quartier, ein chambre d’hôtes, ein Privatquartier, in Mazan, einem kleinen Ort unweit des Berges. Das Quartier, Le Mas des Aubépines, liegt außerhalb des Ortes, in einem Neubaugebiet. Das Wort mas ist das südfranzösische Äquivalent von maison. Eine freundliche Frau öffnet das Eisengitter und führt uns in den Garten, wo sie ein Erfrischungsgetränk serviert. Sie vermietet nur zwei Zimmer. Sie erkundigt sich nach unseren Reiseplänen. Puy? Da sei sie auch gewesen. Sie mache mit ihrem Mann zusammen, stückchenweise, den Camino de Santiago. Den französischen Teil finden sie viel besser als den spanischen.

Sie empfiehlt zum Essen, nach St. Didier zu fahren. Da gebe es mehr Auswahl. Das tun wir. Das Problem ist, dass auf der einzigen Straße des Dorfes laute und nicht sehr gute Livemusik läuft, und wir verziehen uns in das hinterste Lokal, ein französisch-japanisches, ein Familienunternehmen. Der französische Wirt hat offensichtlich eine Japanerin geheiratet und sie in die Küche gestellt. Das Hauptgericht ist Curry, ziemlich scharf, und das will weder so richtig in die japanische noch in die französische Küche passen. Es ist aber gut, im Gegensatz zu dem Hauswein. Der ist so schlecht, und außerdem kalt, dass wir ihn zurückgehen lassen und eine Flasche Wein bestellen.

6. August (Samstag)

Frühstück gibt es auf der Terrasse, mit selbstgemachter Marmelade, darunter auch Orange Marmalade nach englischer Art. Die beiden anderen Marmeladen enthalten „Zusatzstoffe“ wie Zimt. Stolz berichtet die Wirtin, sie habe insgesamt 25 Sorten selbstgemachter Marmelade.

Auf die Rechnung kommt eine „Kurtaxe“ von 2 €. Da sind die Kurorte mit schlechtem Beispiel vorangegangen. Die sollen froh sein, dass man kommt statt einen auch noch dafür zu bestrafen.

Beim Gespräch kommt wieder die Frage auf: Was heißt eigentlich Gleichfalls auf Französisch? Ich mache Anleihe beim Spanischen und versuche es mit Egalement! Stimmt! Zufallstreffer.

Wir brechen früh auf. Es steht einiges auf dem Programm. Unterwegs kann ich zwei Kuriositäten aus dem Reiseführer zum Besten geben. Die erste hat was mit Hamburgern zu tun. Frankreich ist nach den USA das Land, in dem die meisten Hamburger gegessen werden. Frankreich!

Das zweite hat was mit Küssen zu tun. Es gibt ein Gesetz in Frankreich, das das Küssen auf Bahnsteigen verbietet. Damit soll der Verzögerung bei der Abfahrt der Züge entgegengewirkt werden. Das Gesetzt gibt es seit 1904 und es ist immer noch in Kraft. Es werden aber vermutlich keine Strafen verhängt bei Zuwiderhandlung.

Das erste Stück des Weges geht es über die Autobahn, über eine eher nichtssagende, flache Landschaft. Dann kommt urplötzlich ein riesiger Felsen mit einer Festung obenauf, und dann kommt wieder die unspektakuläre Ebene. Auf einem Hügel vor uns stehen Bäume aufgereiht, die zusammen wie ein Bretterzaun aussehen.

Eine Abfahrt geht nach Montélimar. Xia sagt: „Das hat doch was mit Essen zu tun“. Stimmt. Nougat. Montélimar gilt als die Haupstadt des Nougats. Allerdings ist der französische Nougat, wie ich erfahre, anders als der deutsche. Zu den Ingredienzien gehören Pistazien, Vanille, Mandeln und Lavendelhonig.

Bei der Abfahrt von der Autobahn haben wir dreifaches Glück: Unmittelbar vor uns bildet sich ein Stau, auf der entgegenkommenden Seite gibt es schon seit Kilometern einen Stau, und als wir auf die Landstraße kommen, sehen wir auf der entgegenkommenden Spur den Rückstau, der sich bis zum nächsten Ort hinzieht. Wir wollen dahin, wo keiner hin will.

Wir kommen auf einer einsamen Landstraße in die nächste Region, Ardèche. In Flaviac machen wir Halt und entdecken eine wunderbare Bäckerei. Sie ist in einem Teil einer alten Fabrik untergebracht – Bettwäsche oder Verpackung, wir können uns nicht einigen – und ist thematisch wie eine kleiner Bahnhof aufgemacht, mit Loren, in denen die Backwaren liegen, mit Schienen, mit Fahrplänen und einer Front hinter der Theke, die wie ein Bahnwärterhäuschen aussieht. Alles wird vor Ort gebacken. Und es läuft. Während der ganzen Zeit ist hier Betrieb. Es gibt Landbrot, von dem man sich ein Stück abschneiden lassen kann. Wir trinken einen Kaffee und essen ein Stück von einer gallete. Das sind Heidelbeeren drin. Xia identifiziert sie nicht nur, sondern kennt auch das französische Wort: myrtille.

Bei einem kurzen Bummel durch den Ort entdecken wir zwei Straßennamen, die aus historischen Daten bestehen. Eins erinnert an einen Tag im Jahre 1944, das andere 1918.

Danach geht es weiter. Wir fahren mitten durch das Massif Central. Einsame Straße, vereinzelte Dörfer, viele Steigungen. In einigen Dörfern sehen wir Häuserfronten, in die unter dem Dach mehrere Löcher eingelassen sind. Das ist der Zugang zum Taubenschlag. Für die Tauben.

Dann geht es durch eine bewaldete Gegend, immer weiter bergauf. „Heidelbeeren!“ heißt es plötzlich. „Wo?“ – „Da!“ – „Wo?“ – „Da, überall, tausende“. Ich sehe keine einzige. Sie steigt aus und kommt freudestrahlend mit der Beute zurück: zwei Heidelbeeren. Die Sträucher seien alle leergekämmt. Ich bin skeptisch, aber es scheint zu stimmen. Ganz wörtlich. Es gibt wohl „Kämme“, mit denen die Beeren von den Sträuchern entfernt werden. Wie um das zu bestätigen taucht an der nächsten Kreuzung ein Stand auf, an dem Heidelbeeren verkauft werden. Begeistert ergreift Xia die Gelegenheit und kommt mit einem Korb zurück: 1 Kilo Heidelbeeren. Ist das nicht etwas viel? Auf jeden Fall genug, damit wir uns damit die Kleidung versauen. Der Gerechtigkeit halber muss aber gesagt werden, dass sie uns in den nächsten Tagen mehrmals über eine Hungerstrecke hinwegbringen.

Ganz ausgefochten ist das Duell trotzdem noch nicht. Heidelbeeren heißen auch Waldbeeren, behaupte ich. Kann nicht sein, sagt sie, sie wachsen ja gerade nicht im Wald. Das ist mir zu „logisch“ gedacht. Bei uns hießen sie Waldbeeren. Woanders Blaubeeren.

Es geht weiter, es wird eher noch einsamer, aber dann tauchen plötzlich parkende Autos am Straßenrand auf und Buden, in denen es Souvenirs zu kaufen gibt. Wo kommen die denn plötzlich her? Ein Schild gibt Auskunft: La source de la Loire.

Die Fahrt zieht sich hin, und immer noch ist kein Hinweis auf Puy zu sehen. Außerdem hat der Navigator hier oben ein paar Aussetzer. Aber dann endlich taucht das erste Schild auf.

Schon bei der Einfahrt sieht man, was an Puy so besonders ist. Von der Straße aus hat man einen kurzen Blick auf zwei steil aufragende, nackte, bräunliche Felsen. Die sehen an sich schon spektakulär aus. Aber noch spektakulärer dadurch, dass da oben was steht, eine Kirche auf dem einen, eine Madonnenstatue auf dem anderen. Diese Madonnenstatue verdient das Prädikat „Faust aufs Auge“, ein Koloss, grobschlächtig, in „seltener Instinktlosigkeit“, wie der Reiseführer es nennt, auf die Spitze des Felsen gesetzt. Ihr ist nicht zu entkommen. Überall, wo es in der Stadt einen kleinen Durchblick gibt, taucht sie auf.

Wir finden sofort einen Parkplatz und setzen uns auf die Terrasse eines Cafés in der Unterstadt. Man blickt auf einen schönen, fahnengeschmückten Straßenzug mit farbig bemalten Fassaden. Irgendwie wirkt das italienisch.

In dem Café gibt es Citron Pressè. Man lieber Mann, wenn sauer lustig macht! So viel Zucker kann man da gar nicht reintun, um ihn genießbar zu machen.

Wir machen uns auf den Weg in die Oberstadt. Touristen, Souvenirs, Kopfsteinpflaster. Und dann in die Kirche, unser eigentliches Ziel. Aber das Juwel der Romanik enttäuscht doch etwas. Zu gründlich renoviert, zu groß, zu mächtig. Eine riesige Freitreppe führt durch die fünfgeschossige Fassade nach innen. Der Raumeindruck ist weder überwältigend noch regt er zu Meditation an. Es ist auch zu voll dafür. Puy ist eine der wichtigen Stationen auf dem Pilgerweg nach Santiago.

Es gibt ein paar schöne Ausstattungsstücke, darunter den „Fieberstein“.  Wenn man sich auf diesen Stein legte, konnte man, so der Glaube, von der Pest geheilt werden oder bewahrt bleiben. Es ist eine riesige, flache Granitplatte. Man vermutet, dass sie früher die Deckplatte eines Dolmens war.

Daneben, im Seitenschiff, ein Fresko mit Katharina und dem Rad, ihrem Marterwerkzeug. Das scheint das einzig erhaltene Fresko zu sein.

Auf einem kleinen Altartisch am Rande des Mittelschiffs steht eine Santiago-Figur. Durch einen Schlitz in dem Tisch kann man einen Zettel mit einer persönlichen Bitte einwerfen. Diese Bitte wird dann von einem Pilger auf den Weg nach Santiago mitgenommen. Der Pilger betet dann für die Erfüllung dieser Bitte. Ein schöner Gedanke, ein ganz Unbekannter nimmt einem so einen Teil der Last ab. Das kann man auch so empfinden, wenn man daran nicht glaubt. Xia findet die Mischung von persönlicher Bitte und Anonymität besonders bemerkenswert.

Wir zahlen Eintritt und sehen und den Kreuzgang an. Der ist schön, erfüllt aber auch nicht ganz die Erwartungen, vor allem Xias Erwartungen an die Gestaltung von Kapitellen. Wir entdecken aber ein paar kuriose Motive, eine Nonne und ein Mönch, die sich um einen Bischofsstab streiten, ein Tier, das in ein Horn bläst usw. Schön ist auf jeden Fall die Verzierung durch die polychromen Backsteine an der Stirnseite. Mitten im Gang befindet sich außerdem ein verziertes Eisengitter, eins der ältesten in Frankreich überhaupt. Was das Gitter wovon abtrennen sollte, wird nicht klar.

Wir sehen uns noch das schlichte, ebenfalls romanische Baptisterium an, verzichten aber dann auf weitere Besichtigungen und sehen uns ein paar der Läden für Touristen an. Überall wird geklöppelt und gestickt, und es werden die entsprechenden Erzeugnisse verkauft. Das andere lokale Erzeugnis, für das Puy bekannt ist, sind lentilles vertes. Die gibt es in allen möglichen Präsentationsformen und Mengen, aber auch, man mag es kaum glauben, zu Bier verarbeitet: Linsenbier. Wir kaufen eine Flasche und probieren sie später zuhause. Nicht zur Nachahmung empfohlen.

Auf dem Weg zum Auto sehen wir eine Viennoiserie. Das ist eine Konditorei. In Schweden heißen sie Schweizerie.

Wir machen uns auf den Weg, denn es soll heute noch nach Lyon gehen. Das klappt dann aber bestens, über die Autobahn, bis kurz vor Lyon ein Stau gemeldet wird. Wir nehmen die Stauvermeidungsstrategie und fahren der Karte nach ins Zentrum, und es funktioniert! Und das, obwohl ich mich an einer Stelle falsch einordne und wir fast wieder auf der Autobahn landen.

Der Umweg führt uns durch ein hässliches Industrieviertel, aber dann kommt die Innenstadt in Sicht. Zwei Dinge fallen sofort ins Auge, eins in der Distanz, eins gleich vor uns. In der Distanz sieht man auf einem Hügel eine weiße Basilika, so etwas wie das Montmartre von Lyon, direkt vor uns ein silbern schimmerndes, futuristisches Gebäude, das wir für den Bahnhof halten, das aber ein Museum ist, das Musée des Confluence. Das Wort confluence taucht hier alle Nase lang auf. Es bezieht sich auf den Zusammenfluss von Rhone und Saône. Die beiden Flüsse geben der Stadt Struktur und teilen sie in drei Teile: das jenseitige Ufer der Saône, das jenseitige Ufer der Rhone und der Raum dazwischen, die Presqu‘île.

Da liegt auch unser Hotel. Das finden wir auf Anhieb. Und einen Parkplatz vor dem Hotel. Als wir einen Parkschein lösen wollen, erfahren wir: gratis in Juli und August. Umso besser. Das einzige Problem ist, dass das Auto in der Sonne brät, und mit ihm der Wein aus St. Emilion. Später setzen wir das Auto um, in den Schatten, wie noch viele Male, aber jedes Mal, wenn wir wieder zurückkommen, hat die Sonne uns wieder ein Schnippchen geschlagen.

Wir haben von den bouchons gelesen, einer Besonderheit von Lyon. Das sind Lokale, in den traditionellerweise ein Strohbündel an der Tür hing – bouchon – als Zeichen dafür, dass hier auch Stroh für die Pferde bereitlag, entweder als Futter oder zum Abreiben. Man soll Lyon nicht verlassen, ohne in einem bouchon gespeist zu haben.

Wir machen uns gleich auf die Suche nach einem bouchon, das im Internet empfohlen wird. Es liegt auf der anderen Seite der Saône, in der Altstadt. Der Spaziergang ist schön, kommt uns aber unendlich lang vor. Es sollen aber nur drei Kilometer sein. Wir überqueren die Saône über eine Fußgängerbrücke. Am Ufer der Saône Bäume und Skulpturen, im Wasser Hausboote. Alles sehr schön, und es wird immer schöner, je näher man der Altstadt kommt. Sehr schöne, gut restaurierte oder gut erhaltene Häuser, schöne Atmosphäre im Halbdunkel.

Dann erscheint durch eine Häuserlücke plötzlich die Kathedrale. Die Fassade gotisch wie es im Buche steht, aber mit Rundtürmen, die entweder ein Zitat aus der Romanik sind oder eine Hinzufügung der Renaissance.

Es wird auch immer voller, und wir kommen an einem bouchon nach dem anderen vorbei, ohne unseres zu finden. Die winzige Straße, auf der es sich befindet, hat keinen bouchon, und auf dem Platz, auf dem sie mündet, gibt es keinen bouchon diesen Namens. Macht nichts. Dann nehmen wir eben ein anderes. Das ist aber nicht so leicht. Alle sind entweder voll oder teuer oder beides. Am Ende landen wir in einem ganz „normalen“ Lokal, ebenfalls mit stolzen, aber noch bezahlbaren Preisen. Hier gibt es zwei Spezialitäten, die als lokale Spezialitäten angeboten werden, es aber nicht unbedingt sind: quenelle und andouille, eine ovale, aus Teig hergestellte und mit Fisch gefüllte Speise und eine Art „Wurst“, die mit Innereien gefüllt ist.

Uns steht aber noch der Rückweg bevor, und der hat ein Hindernis für uns parat. Wieder kommen wir zu der schönen Uferszenerie und sehen indirekt beleuchtete herrschaftliche Häuser auf der Gegenseite. Dann wird es immer „düsterer“, je näher wir in die Gegend des Hotels kommen. Und irgendwann kommen wir nicht mehr weiter. Es ist absurd, weil wir das Schild des Hotels schon in der Distanz sehen, aber es gibt keine Möglichkeit, den undurchsichtigen Knoten aus Schnellstraßen zu überwinden, auch nicht durch die unheimlichen Fußgängerpassagen. Man steht ratlos da. Am Ende müssen wir ein ganzes Stück zurück und es auf anderem Wege versuchen. Völlig ermüdet kommen wir am Hotel an.

7. August (Sonntag)

Gestärkt von einem erstaunlich guten Frühstück in dem einfachen Hotel entscheiden wir uns für eine Busrundfahrt durch Lyon. Der Bus ist alt und klappert, die Lautsprecher scheppern, und die Fahrkarten sind teuer, aber es lohnt sich: Zu Fuß hätten wir nicht einen Bruchteil der Stadt gesehen. Lyon ist Frankreichs drittgrößte Stadt und sehr ausgedehnt. Und die Erklärungen sind gut.

Es fängt gleich bei der Confluence an. Wir verstehen, was uns gestern Abend passiert ist. Die Confluence, vor allem der untere Teil, war lange ein vernachlässigter Stadtteil. Das heißt ursprünglich war er gar kein Stadtteil, sondern Sumpfgebiet. Nach der Trockenlegung wurde alles das dorthin gelegt, was man nicht im Stadtzentrum haben wollte: Fabriken, Gefängnisse, Schlachthöfe. Und sie wurde durch Zuggleise und Schnellstraßen so gut wie von der restlichen Stadt abgeschnitten. Erst in den letzten Jahren hat die Confluence eine Renaissance erlebt. Das Emblem dieser Stadterneuerung ist das Musée des Confluence, das uns gestern bei der Einfahrt nach Lyon sofort ins Auge gestochen ist.

Es geht die ganze Presqu’île entlang und dann auf die andere Seite der Saône, in höher gelegene Stadtviertel. An der Wand klebt das alte römische Theater, in schwarzem Stein, eins der größten des gesamten Reichs.

Ebenfalls an den Berghang gebaut ein Hotel in einer Neobauweise des 19. Jahrhunderts, das zu den ersten am Ort gehört, heute von einer Hotelkette betrieben. Dies war das Hauptquartier von Barbie. Der findet später noch einmal Erwähnung, als wir am Justizpalast vorbeikommen. Dort fand der Prozess gegen ihn statt.

Ganz oben befindet sich die Basilika, die wir auch gestern aus der Ferne gesehen haben. Sie ist bekannt für ein Lichterfest, das hier im Dezember stattfindet. Die Westfront sieht so anders aus, dass wir uns einen Moment lang fragen, ob es dasselbe Gebäude ist.

An demselben Hang steht, unweit der Basilika steht, als begehrtes Photomotiv, eine Imitation des Eiffelturms.

Als es den Hang wieder hinab geht, ist von einer Skipiste die Rede. Ski? Hier? Ja, Trockenski. Die Straße wurde lange Jahre als Piste für Skifahrer benutzt. Dann ergaben sich Sicherheitsprobleme. Man reagierte, um die zu beheben, aber dann wurde die Piste endgültig geschlossen, aber erst in den achtziger Jahren.

Die Kathedrale kommt nur ganz kurz in das Blickfeld. Wir haben wieder Glück gehabt. Genau das Viertel, das wir gestern zu Fuß erkundet haben, ist das Viertel, in das der Bus nicht rein kann.  Es ergibt sich aber später eine kuriose Sicht auf die Kathedrale von der anderen Seite der Saône. Als Resultat einer optischen Täuschung sieht man die Basilika, die viel höher und praktisch in einem anderen Viertel liegt, gleich hinter der Kathedrale auftauchen.

Dann geht es wieder zurück über die Saône auf die Presqu’île, auf die Place Bellecour, dem zentralen Platz der Presqu’île. Im Zentrum ein Reiterstandbild von Ludwig XIV. Es hält sich das Gerücht, dass der Bildhauer sich das Leben genommen habe, als die Statue fertig war, denn da habe er gemerkt, dass er die Steigbügel vergessen hatte. Das ist aber Unsinn. Ludwig XIV. ist in der Pose eines römischen Imperators dargestellt, und da ist das Fehlen von Steigbügeln gerade historisch korrekt, da es die (genauso wie Zaumzeug) zu der Zeit noch nicht gab.

Zu allen Seiten des Platzes, dem größten Lyons, hohe, prächtige Patrizierhäuser. Die haben wir schon gestern in der Altstadt gesehen – teils siebenstöckig, ohne erdrückend zu wirken – und jetzt kommen wir immer wieder durch Straßen, wo sich auf beiden Seiten eins an das andere reiht. Lyon muss eine reiche Stadt gewesen sein. Das ist teils der Seidenweberei zu verdanken, die hier ihren Hauptsitz und lange ein Monopol hatte. Nach dem Niedergang der Seidenweberei ging es mit Lyon lange abwärts, aber dann wurden neue Industrien entwickelt wie der Buchdruck – das erste gedruckte Buch in französischer Sprache wurde in Lyon veröffentlicht – die Pharmaindustrie und die Filmindustrie.

Als Relikt aus der Zeit der Seidenweberei hat Lyon seine traboules. Das sind überdachte, mit einem Tor verschlossenen Durchgänge zwischen den Häusern, die den Seidenwebern dazu dienten, ihre Ware von einem Produktionsort zum anderen zu transportieren, geschützt vor dem Wetter und vor neugierigen Blicken. Man kann die Türen zu den traboules aufstoßen und ein Blick in die Durchgänge werfen, aber vom Bus aus können wir sie noch nicht einmal identifizieren.

Schon vorher war uns auf dem Stadtplan der Name Place des Jacobins aufgefallen. Komisch. Das ist so, als wenn es in Leipzig – der Partnerstadt Lyons – einen Platz der Spartakisten gäbe. Ist aber nicht so gemeint mit den Jakobinern. Damit sind einfach nur die Dominikaner gemeint, denen hier ein Grundstück gehörte.

Wir kommen am Opernhaus vorbei und Xia kriegt sich nicht ein: „Da war ich doch drin. Und konnte mich nicht mehr dran erinnern.“ Erst die Erklärung bei der Stadtrundfahrt bringt die Erinnerung zurück. Die Oper ist ein strenges, klassizistisches Gebäude mit einem merkwürdigen halbrunden Aufbau an der Hauptfassade, der den Bau ein bisschen wie einen Bahnhof aussehen lässt. Als Abschluss des unteren Teils, auf der unteren Ebene des Aufbaus, stehen Statuen, acht Statuen. Es sind die Musen. Urania fehlt. Es gibt viele Spekulationen, aber keine schlüssige Antwort auf die Frage, warum sie fehlt. Passt sie nicht zur Oper? Oder ist es wegen der Symmetrie?

Dann kommen wir auf die Place des Terreaux, mit dem Rathaus auf der einen und dem Kunstmuseum auf der anderen Seite, auch beide klassizistisch, aber weniger streng als die Oper. Das Kunstmuseum gefällt mir besser als das Rathaus, es hat bessere Proportionen. Auf diesem Platz stand während der Französischen Revolution die Guillotine. In der Mitte steht ein großer Brunnen, eine Allegorie der Saône und ihrer Nebenflüsse, den wir aber nicht sehen können, da er restauriert wird.

Zur Saône zurück fahren wir jetzt auch und kommen an den Murs Peints vorbei, einer weiteren Besonderheit Lyons. Eine befindet sich an der Fassade der Stadtbibliothek und stellt Druckerzeugnisse dar, eine andere stellt berühmte Lyonaiser dar. Dazu gehören Ampère, Ste. Blandine, Bocuse, St. Exupéry und  Lumière. Sie scheinen auf den Balkonen der Wohnungen zu stehen, aber die Balkone sind auch nur gemalt – täuschend echt. Mit dem Namen Lumière sind gleich drei Männer dargestellt, Vater und zwei Söhne. Der Vater ist einer der Pioniere der Photographie, die Söhne sind Pioniere des Films. Ihre Arbeit baut auf der Arbeit des Vaters auf.

Es geht ein Stück an der Saône entlang. Von hier aus hat man einen Blick auf die Hügel zu beiden Seiten, die das Stadtzentrum begrenzen. Ursprünglich gab es hier überall Weinberge. Nach der Vernichtung aller Rebsorten durch eine Krankheit wurden auswärtige Rebsorten eingeführt, und die Weinberge wurden nach außerhalb der Stadt verlegt. Heute hat Lyon drei Weinbaugebiete: Beaujolais, Côtes du Rhone und Coteaux du Lyonnais. Der Beaujolais ist international der begehrteste, aber in Lyon selbst weniger beliebt.

Wir fahren zurück zu unserem Ausgangspunkt, und zum Schluss gibt es noch einen Knaller: die futuristischen Gebäude an der Südspitze der Confluence, würfelförmige Gebäude in frohen Farben, eins spektakulärer als das andere. Besonders auffällig ein in knallorange gehaltener Bau mit einem „Loch“ in der Fassade. Das erlaubt dem Sonnenlicht, in den Innenhof und die nach innen gerichteten Räume zu gelangen.

Ganz unten dann das Musée des Confluence, zur einen Seite eine alte, eiserne  Eisenbahnbrücke,  noch aus der Zeit, als die Waggons mit Pferden gezogen wurden, zur anderen Seite eine moderne, geschwungene, leichte Brücke in Weiß, eine Brücke für Straßenbahnen und Fußgänger. Xia kennt eine Reihe der Architekten und sieht auch, dass unser Bus sich ganz ober an der Fassade des Museums spiegelt.

Wir holen unser Auto aus der Sonne heraus und machen uns auf den Weg. Unser nächstes Ziel, Tournus, ist nur eine Stunde entfernt, aber schon in Burgund gelegen.

Bei der Einfahrt in den Ort werde ich aufgefordert, auf die Bremse zu treten. Der Ort sei so klein, dass man wieder draußen sei, bevor man es sich versehen hat. Hier gebe es nur die Kirche, die Benediktinerabtei St. Philibert.

„Mann, ist das groß“, ist der Ausruf, den ich dann immer wieder höre, als wir doch in den Ort hinein gehen. Der Ort zieht sich an einer Hauptstraße entlang, wie ein Straßendorf, und diese Straße verbeult sich an einer Stelle zu einem Platz mit dem Rathaus und ein paar alten Fachwerkhäusern. All das ist ausgesprochen hübsch.

Als wir zurückgehen, sehen wir durch eine Seitenstraße Wasser. Wasser? Wo kommt das denn her? Wir gehen die Straße runter und kommen zu einem ansehnlichen Fluss, wissen aber nicht, welcher das ist.

Hier findet ein Flohmarkt statt, und im Gegensatz zu der stillen Innenstadt ist hier richtig was los. Wir sehen uns die alten Sachen und versuchen, Dinge zu identifizieren, die wir nicht kennen. Xia verblüfft mich mit dem Wort ramasse-miette, ein Gerät, mit dem man Krümel vom Tisch entfernt. Ich kenne das Wort in keiner Sprache, in Französisch sowieso nicht.

In einem Straßencafé bestellen wir etwas zu trinken. Ich möchte ein Bier und frage nach den Marken. Ich zeige auf den Nebentisch, an dem zwei ältere Herren Bier aus bauchigen Gläsern trinken, das schon so aussieht, als müsse es schmecken. Es ist une grime. Das ist die Bezeichnung für eine Marke namens Grimbergen, ein belgisches Bier. Das Bier kommt, und schon nach dem ersten Schluck ist meine Überzeugung wiederhergestellt, dass dies doch die beste aller Welten ist.

Am Nebentisch sitzt ein Mann mit einem belegten Baguette. Ob es das hier gibt? Oder ob er es selbst mitgebracht hat? Es gibt in Frankreich, wie ich jetzt erfahre,  Lokale, die sich das Prinzip des casse croute zu eigen machen. Demzufolge darf man in diese Lokale, wenn man Getränke konsumiert, sein eigenes Essen mitbringen.

Wir versuchen unser Glück und bekommen eine abschlägige Antwort: Nein, wir verkaufen keine Baguettes. Die Kellnerin scheint überrascht von der Frage. Xia schaltet als erste: un sandwich. Ja, das haben wir. Ein baguette kauft man in einer Bäckerei, ein sandwich, ein belegtes Baguette, bekommt man in einem Lokal. Das sandwich bekommen wir mit jamon blanc, gekochtem Schinken.

Wir können zwei Fragen klären, eine mithilfe des Reiseführers, eine mithilfe der Kellnerin. Um welchen Fluss handelt es sich? Um die Saône. Und wie spricht man den Ort aus? Ohne /s/. So sagt es ganz entschieden die Kellnerin.

Schließlich gehen wir dann doch in die Abtei, ein Beispiel ganz früher Romanik. Die Fassade sieht wehrhaft aus, schmucklos, und hat sogar Schießscharten. Sie erinnert mich etwas an Corvey. Es ist die älteste überhaupt erhaltene Zweiturmfassade. Cluny hatte noch früher eine, aber die ist nicht erhalten.

Innen ist Xia entsetzt: Die Kirche sei zu gründlich restauriert worden. Das sei eine Schande. Ein ganz anderer Charakter. Und was denn die Orgel da zu suchen habe? Ich finde das alles nicht so schlimm, zumal ich keinen Vergleichsmaßstab habe. Und der Narthex, ungewöhnlich groß, dreischiffig, hat eine schöne, spirituelle Atmosphäre und einen Abschluss zum Kirchenschiff hin mit wechselnd schwarzen und weißen Steinen.

Innen weißt mich Xia auf zwei Besonderheiten hin: Hinten, ganz oben am westlichen Ende des Hauptschiffs, sind zwei Türen angebracht. Man hat von hier aus keinen Zugang zu ihnen, wohl aber von den Türmen her. Aber was sollen die Türen da?

Und dann ist da das Gewölbe. Die Kirche war ursprünglich flach gedeckt. Dann wollte man ein neues Gewölbe einziehen, aber das drohte zusammenzubrechen. Da fand man eine Notlösung, die sich als sehr originell erwies: ein Tonnengewölbe, aber ein ganz besonderes, eins, das quer zur Längsrichtung geht. Jedes Joch hat sein eigenes Gewölbe. Das scheint nirgendwo sonst nachgemacht worden zu sein.

Eine Besonderheit sind die Mosaike, die erst kürzlich unter dem Boden des Chorumgangs freigelegt wurden: Tierkreiszeichen. Einige sind freigelegt. Welche Bedeutung könnten Tierkreiszeichen in einer Kirche haben?

Auf dem Weg zurück zum Auto kommen wir an dem ersten Restaurant des Platzes vorbei. Dort hat Xia einmal, zur Verblüffung der Kellner, ein Entrecote bestellt. Das war dann so riesig, dass sie nur einen kleinen Teil davon verdrücken konnte.

Bei der Weiterfahrt sehen wir in der Ferne einen Kalksteinbruch. Das ist, wie ich erfahre, Comblanchien. Dort wird ein Stein gewonnen, der seinen Namen von dem Namen des Ortes hat und auch bei uns beim Hausbau zum Einsatz kommt.

Wir überlegen uns, ob wir es noch bis nach Langres schaffen, aber das erledigt sich, da sich dort keine Unterkunft findet. Wir landen schließlich, eher zufällig, in einem kleinen Ort namens La Bèze, nördlich von Dijon. Dort gibt es Unterkunft, und zwar in einem Landgasthof, der zu einer Vereinigung von privaten Betreibern von Hotels gehört, die Wert auf schöne Umgebung und gutes Essen legen.

Der Gasthof ist schön, aber etwas bemüht. Alt und Neu passen nicht immer so richtig zueinander. Hier hat jemand vom Dorf versucht, eine alte Dorfkneipe mitsamt Gasthof aufzupäppeln. Aber der Zulauf ist groß. Publikum aus mehreren Ländern. Und das Ensemble ist wirklich schön, und das Essen hervorragend. Es gibt Entrecote, das so blutig ist, dass es einem  die Sprache verschlägt, das aber mit Genuss verdrückt wird, und zwar ganz, und Hähnchen, das zart und saftig und wohlschmeckend ist, und eine Blätterteigspeise mit Hähnchenleber, eine Vorspeise, die der eigentliche Hit ist. Der Wein ist durchwachsen.

Als Käse serviert wird, spricht uns der Mann vom Nachbartisch an. Auf Deutsch. Er hat schon mehrmals zu uns hinüber gesehen. Er spricht eine Empfehlung zum Wein aus und zeigt uns die Flasche, die er zusammen mit seiner Frau getrunken hat. Die beiden wohnen in Avignon und fahren für die Ferien in die umgekehrte Richtung wie die anderen Franzosen, nach Norden, denn dort ist seine Heimatstadt. Wir erzählen von der Kellnerin, die uns so kategorisch die Aussprache von Tournus beigebracht hat, aber die beiden relativieren das. Die einen sprächen das /s/ aus, die anderen nicht. Ähnlich sei es bei Carpentras.

8. August (Montag)

Wie schon am Abend zuvor, ist der Service bei der Abreise eher dürftig. Von Höflichkeit kann keine Rede sein, von Freundlichkeit schon gar nicht: „Wollen Sie bezahlen?“

Eine Steigung davon gibt es in dem etwas schäbigen Café am Straßenrand, an dem wir für ein Frühstück Halt machen. Kein Gruß, Kaffee und Brot werden wortlos serviert, und auf Fragen, die nicht sofort verstanden werden, gibt es ein „Hein?“

Kurz vor dem Verlassen des Ortes machen wir noch einen Versuch, ein pain aux raisins aufzutreiben. Wieder nichts. Bei der Wiederholung durch die Verkäuferin merke ich aber, dass ich mit meinen Nasalen knapp daneben liege. So hat das pain aux raisins wenigstens sprachlich was gebracht.

Unser letztes Ziel ist Langres. Da gibt es wieder Romanik. Und nicht Gotik, wie ich dachte. Das ist Troyes. Wir fragen uns, ob Langres noch in Burgund oder schon in Lothringen liegt. Keins von beiden. Da schiebt sich noch die Champagne dazwischen.

Auch hier wieder eine schöne, langgestreckte Hauptstraße, wie in Tournus. Heute ist Montag, aber dennoch haben viele Geschäfte geschlossen. Es wird in Frankreich immer mehr zur Gewohnheit, die Geschäfte montags nicht zu öffnen. Und dann gibt es solche, die nur im Juli und August montags nicht öffnen.

Auf Schiefertafeln vor Lokalen wird eine lokale Spezialität angeboten: Steack à cheval, ‚Pferdesteak‘. Im Französischen wird steack immer mit <k> geschrieben. Die Preise sind hier verträglicher als in Lyon.

Die Hauptstraße ist die Rue Diderot, und sieht führt direkt auf die Statue von Diderot zu. Der wurde hier geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend. Man sagt, er würde sich im heutigen Langres sofort zurechtfinden, wenn er wiederkäme. So wenig habe sich die Stadt verändert.

Auf den Fensterscheiben der Geschäfte sind Zitate von Diderot angebracht. An der Fensterscheibe eines Cafés, das wir später besuchen, steht:   Hâtons-nous de rendre la philosophie populaire. Si nous voulons que les philosophes marchent en avant, approchons le peuple du point où en sont les philosophes. Ein kluger Satz. Eine richtige Forderung. Getragen vom Optimismus des 18. Jahrhunderts.

Die Kathedrale, obwohl romanisch, hat eine barocke Fassade, mit den drei Säulenordnungen in den drei Geschossen. Im Zentrum eine Kartusche, in der ursprünglich das Wappen des Königs angebracht war. Das wurde in der Revolution entfernt.

Das Dach, aber das ist nur von der Seite zu sehen, ist mit bunten glasierten Fliesen gedeckt, wie in den Städten Burgunds.

Das Innere ist eher enttäuschend, zu groß, zu monumental, obwohl der Blick in das Seitenschiff vom Westen aus ausgesprochen schön ist. Die Bauphasen kann man gut unterscheiden: Chor und Chorumgang sowie Mittelschiff sind romanisch, das Kreuzrippengewölbe des Mittelschiffs ist gotisch. der Kapellenkranz ist später.

Die Ausstattung ist spärlich, aber es gibt ein paar schöne Reliefs. Auf einem davon ist die Geschichte von Saint Mammès, dargestellt, u.a. (schwer zu erkennen) seine Geburt in einem Gefängnis. Unter einem Relief sieht man die Stadtansicht von Langres, die älteste überhaupt, mit einer kompletten Stadtmauer.

Die ist inzwischen von einem, ebenfalls komplett erhaltenen Befestigungswall ersetzt worden. Den kann man entlang gehen. Es gibt Bastionen und Rundtürme und weite Blicke in die Gegend. Aber irgendwie finden wir das nicht so inspirierend. Vielleicht haben wir einfach zu viel gesehen in den letzten Tagen.

Irgendwo haben wir ein Hinweisschilf auf eine cremaillère gesehen. Die befindet sich auch auf dem Wall. Was könnte das nur sein? Meine Vermutung, ‚Reißverschluss‘, führt nicht so richtig weiter. Und erweist sich als falsch. Es ist eine Zahnradbahn. Es ist die älteste in Frankreich. Aber nicht mehr in Betrieb. Ein Wagen steht hier noch, als Erinnerung an frühere Zeiten. Sie hatte die Funktion, die Passagiere von hier oben in die Unterstadt, zu dem neu entstandenen Bahnhof an der Strecke Lyon-Paris zu transportieren.

Wir sind vorher auf einen Deutschen getroffen, vor einem schlichten Café in einer Seitenstraße, der hier seine zweite Heimat gefunden hat, im Haus eines französischen Freundes. Er macht Werbung für das Café: „Das beste von Langres.“ Die Stadt selbst sieht er in ständigem Verfall. Die Stadt habe mal 30,000 Einwohner gehabt, jetzt noch 8,000. Wir haben tatsächlich unterwegs immer wieder leerstehende Gebäude gesehen. Es gebe nur einen nennenswerten Arbeitgeber in der Gegend. Dabei sei die Lage der Stadt gar nicht so schlecht.

Wir gehen jetzt in dieses Café und werden dort von einer unschlagbar freundlichen Kellnerin und einer unschlagbar freundlichen Besitzerin betreut. Ja, natürlich können Sie nur etwas trinken. In einem Lokal in der Hauptstraße sind wir vorher barsch abgewiesen worden. „S‘installez-vous“. Eine Kleinigkeit zu essen? Auch die gibt. Kommen Sie rein und sehen Sie sich an, was wir haben. Xia geht auf douce, ich auf salé. Dabei kommt für sie Aprikosentörtchen im Doppelpack heraus, für mich eine Tarte de Langres.

Als wir aufbrechen, fragt die Kellnerin, ob alles in Ordnung war. Sie gebraucht denselben Ausdruck, den dieser Tage die Wirtin des chambre d’hôtes gebraucht hat, aber diesmal identifiziere ich ihn: Ça a eté?

Dann geht es auf die letzte Etappe. Unweit des Weges liegen Domrémy, die Geburtsstadt von Jeanne d’Arc, und Colombey-les-Deux-Églises, wo de Gaulle begraben liegt.

Je näher es der Heimat geht, umso dichter wird der Verkehr und umso dichter werden die Wolken, und wir denken mit Nostalgie an Valmalle zurück.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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