Wissenschaft. Natürlich

In der Physikalischen Gesellschaft, die 1789 in Berlin gegründet wurde, waren Geographen, Mediziner und vor allem Biologen vertreten. Mit Physik im engeren Sinne hatte das nichts zu tun.  Die Bedeutung von physikalisch war einfach  ‘naturwissenschaftlich’.  (Meyer-Abich, Adolf: Alexander von Humboldt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 131998: 29)

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Naive Dichtung?

Über naive und sentimentale Dichtung ist der Titel eines großen Essays von Schiller. Darunter können wir uns heute wenig vorstellen. In moderner Terminologie würde es vermutlich heißen Über das Verhältnis von Realismus und Idealismus. (Burschell, Friedrich: Schiller. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt: 134)

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Kleiner Eingriff

Geschlecht ist nur erlernt. Um diese These zu beweisen, befreite John Money, amerikanischer Sexualforscher, den zweijährigen Bruce Reimer von seinem (bei der Beschneidung beschädigten) Genital und ließ ihn als Mädchen aufwachsen.  Kastration und Herstellung von Schamlippen konnten als “Therapie” durchgehen. Alice Schwarzer rühmte das Experiment als eine der wenigen Forschungen zum Geschlechterverhältnis, die nicht manipulieren, sondern aufklären. Der erwachsene Reimer ließ die Umwandlung rückgängig machen und nahm sich das Leben. (Martenstein, Harald: „Schlecht, Schlechter, Geschlecht“, in: Zeitmagazin 24/2013: 12-19)

 

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Altherrenclub?

Marguerite Yourcenar wurde als erste Frau in die Académie Française aufgenommen, damals eine konservative, wenn auch prestigeträchtige Altherrenversammlung. Als der Vorschlag gemacht wurde, gab es einen Aufruhr. Fast alle vierzig Mitglieder waren dagegen. Es wurde ironisch argumentiert, man wolle es ihr ersparen, unter lauter alten Männern alt zu werden. Jean d’Ormesson, der sie vorschlug, hatte zur Verteidigung seines Vorschlags, wie er selbst später sagte, auch keine sehr “eleganten” Begründungen vorgebracht: Marguerite Yourcenar sei zwar eine Frau, aber keine sehr weibliche, und außerdem werde sie vermutlich ohnehin nicht sehr häufig kommen. Marguerite Yourcenars Biographie machte die Entscheidung nicht leichter: Sie war in Brüssel geboren, war amerikanische Staatsbürgerin geworden (erst wegen der Aufnahme in die Académie Française nahm sie wieder die französische Staatsbürgerschaft an), und sie lebte mit einer Frau zusammen. Sie wurde trotzdem gewählt. Ihr Künstlername ist ein Anagram ihres bürgerlichen Namens, Crayencour.

 

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Was Frauen wünschen

Aphrodite ist mit Hephaistos vermählt. Er steht für handwerkliche Kunstfertigkeit, für technisches Know-how, für schöpferische Phantasie. Das Zepter des Zeus ist sein Werk, ebenso die Ägis oder der Wagen des Helios, vor allem aber der Schild, den er in einer Nacht für Achilles herstellt. Mit Hephaistos und Aphrodite vereinen sich höchste Vollendung in der Kunstfertigkeit und höchste Vollendung in der Liebe. Und was macht Aphrodite? Sie geht fremd. Mit Ares, dem Kriegsgott! Dämonische, urtümliche, vom Menschen kaum zu kontrollierende Mächte sind hier am Werk. (Bannert, Herbert: Homer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1992: 100-103)

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Nützliche Götter

Expedit esse deos et, ut expedit, esse putamus – Es ist nützlich, dass es Götter gibt, und da es nützlich ist, wollen wir daran glauben. So fand es Ovid. Klingt zynisch. Aber die Religion bedeutete ein stabilisierendes Element im Leben der staatlichen Gemeinschaft, und das wurde als notwendig empfunden nach den traumatischen Erfahrungen des Bürgerkriegs. Religion war einfach nützlich. Gesinnungsschnüffelei wurde nicht betrieben. Jeder konnte seine Teilnahme an Festen und Riten als Traditionspflege verstehen und als Wahrung eines kulturellen Erbes. (Giebel, Marion: Ovid. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 52003: 96-97)

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Sprachgeschichte

Jefferson plädierte dafür, dass an der von ihm gegründeten Universität Virginia in Charlottsville nur “nützliche Wissenschaften” studiert werden sollten. Eine Professur für Theologie gab es nicht. Zu den “nützlichen Wissenschaften” zählte dagegen auch Altenglisch. (Nicolaisen, Peter: Thomas Jefferson. Reinbek: Rowohlt, 1995: 132)

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Totenreich

420.000 amerikanische Soldaten fielen im 2. Weltkrieg, 620.000 im Amerikanischen Bürgerkrieg. In Vietnam fielen 58.000, in Afganistan und im Irak 6.600.  (Piper, Nikolaus: „Revolution ohne Anführer“, in: Süddeutsche Zeitung 297/2015: 25)

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Echt falsch

Im 2. Teil des Don Quijote begegnet Don Quijote – Don Quijote! Der zweite Don Quijote schaut in Gesellschaft von Sancho und der einiger Freunde auf den ersten Don Quijote. Er erlebt ihn als Kunstwerk und kommentiert und kritisiert ihn. Fiktion steht im Gegensatz zur Wirklichkeit, die aber selbst auch Fiktion ist.  Das wiederholt sich, als Don Quijote Lesern des Don Quijote des Avellaneda begegnet und ihnen versichert, ihr Don Quijote sei nicht real. Er sei der wahre Don Quijote. (Dietrich, Anton: Cervantes. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1984: 118-119)

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Getisch lernen!

In der Verbannung in Tomi, am Schwarzen Meer, erlebte Ovid sein blaues Wunder: Die Menschen dort sehen abenteuerlich aus: Sie tragen Felljacken und lederne Hosen gegen die Kälte, spitze Mützen und Kapuzen. Die Einheimischen, die zum Markt in die Stadt kommen, sind Nomaden. Der Dolch an der Seite wird oft gezückt. Latein spricht kaum jemand, das Griechische ist mit getisch-sarmatischen Wörtern vermischt und klingt ihm fremd, ist oft unverständlich. Die lingua franca ist Getisch. Die versteht er nicht. Angesichts der Lage fühlt er sich beargwöhnt und verfolgt, von Feinden umgeben. Im Laufe der Zeit wird das Verhältnis besser. Ovid lernt Getisch und dichtet sogar in der Sprache. (Giebel, Marion: Ovid. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 52003: 119)

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Frauenversteher?

Eine Frau begehrt ihren Vater, eine Frau begehrt ihren Bruder, ein Mädchen, als Junge aufgezogen, verliebt sich in ein Mädchen, eine Frau begehrt den Anführer der gegnerischen Armee und verrät ihr Heimatland und opfert dabei ihren Vater. Menschen, die im Zwiespalt leben, ein Zwiespalt zwischen Leidenschaft und Vernunft, zwischen Trieb und Norm. Verborgene Seelenbereiche werden durchleuchtet, und die Frage wird gestellt: Was ist natürlich, was ist Konvention bei jenem komplexen Gefühl, das man “Liebe” nennt? Das sind moderne Motive, sollte man meinen. Aber neu sind sie nicht. Alles steht bei Ovid: Myrrha und Biblis, Iphis und Skylla heißen die Figuren. Ovid – ein Frauenversteher? (Giebel, Marion: Ovid. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 52003: 60-61)

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Da ist der Wurm drin

Glühwürmchen sind keine Würmchen, keine Würmer. Trotzdem gibt es für das Wort eine Erklärung, eine Erklärung, die so einfach und naheliegend ist, dass man sich wundert (und ein bisschen ärgert), dass man nicht selbst darauf gekommen ist: Das Wort Wurm hat einfach seine Bedeutung verändert. Es bedeutete früher ‘Käfer’ oder ganz allgemein ‘Insekt’.  Etymologisch ist es auch verwandt mit engl. vermin, ‘Gewürm’, und mit schwed. orm, ‘Schlange’. Diese Bedeutung ist wiederum im Gebrauch von Wurm in älteren Bibelübersetzungen zu finden, wo es sich z.B. auf die Schlange im Garten Eden bezieht. Und dazu passt dann wiederum der Lindwurm.

 

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Dickmacher?

Dicke Kellner stimulieren den Konsum: Bei dicken Kellnern bestellen Gäste viermal häufiger einen Nachtisch und 17% mehr alkoholische Getränke. Dicke Kellner sind eine gute Investition für Wirte. (DLF 5. Januar 2016)

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Fest-Tag

Die Amerikanerin Anna Marie Jarvis wollte 1908 ihre eigene Mutter ehren, weil sie ihr Leben der Wohltätigkeit gewidmet hatte. Das war der Beginn der Muttertags. Später, als der Tag längst kommerzialisiert war, setzte sie sich für seine Abschaffung ein. Erfolglos. (Pfeifer, David: “Mamma mia”, in: Süddeutsche Zeitung 105/2016: 2)

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Arme Männer

Eine Frau, die 2014 geboren wurde, hat eine Lebenserwartung von 73,6 Jahren, ein Mann nur von 69,4 Jahren. Fast vier Jahre weniger. Im Durchschnitt. Weltweit. Dafür gibt es biologische Gründe. Das Immunsystem von Männern lässt im Laufe des Lebens stärker nach, und das weibliche Sexualhormon Östrogen schützt vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen.  Wichtiger sind aber gesellschaftliche Faktoren: Männer achten weniger auf ihre Gesundheit, üben gefährlichere Berufe aus (Soldat, Bergarbeiter), haben gefährliche Hobbies (Motorradfahren, Eisklettern), trinken und rauchen mehr. Ziemlich unklar wird das Bild, wenn man sich die ganze Welt ansieht: In Schweden leben Frauen knapp vier Jahre länger, in Russland mehr als zehn Jahre länger, in Nigeria nicht einmal ein Jahr länger, in Brasilien sieben Jahre länger, in Peru fünf Jahre länger. In Mali leben Männer sogar länger als Frauen. In Afrika sterben viele Menschen an Infektionskrankheiten, und die trifft Frauen und Männer gleich. Und das Risiko, bei der Geburt zu sterben, ist höher. Beim Schritt vom Entwicklungs- zum Schwellenland wird die Lücke zwischen Frauen und Männern größer, beim Schritt von Schwellen- zum Industrieland schließt sie sich wieder. Das größte Paradox ist aber, dass Frauen länger leben, obwohl sie sich nicht so gesund fühlen und obwohl sie objektiv weniger gesund sind. Aber ihre Krankheiten sind nicht lebensbedrohend. (Endt, Christian: “Die Lücke”, in: Süddeutsche Zeitung 97/2016: 16)

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