Der Untergang des Römischen Reichs (2)

Vor dem Eingang zur Ausstellung hängt ein längliches Plakat mit einer langen Liste deutscher Wörter lateinischen Ursprungs. Darunter sind Klassiker wie Mauer (von muris), Palast (von palatium) und Kreuz (von crux), aber auch weniger offensichtliche Kandidaten wie Büchse (von puxis), Kachel (von cacculus) oder Socke (von soccus).

Davor auf dem Boden eine Landkarte, in der Europa die Form einer bekrönten Königin mit langem Gewand. Holland und Italien sind die Arme, Spanien der Kopf, Osteuropa ist ganz unten auf dem Gewand. Schwer zu sagen, aus welcher Zeit das stammt, aber wohl kaum aus der klassischen Antike. Dazu erscheinen zu moderne Namen wie Cracouia oder Lithvania oder Moscovia. Unter Italia steht Welschland. Was mag nur Megalopolis sein? Oder Sarmantia? Warum die Karte hier abgebildet ist, darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht um die Kontinuität zu betonen, die in der Verwendung lateinischer Namen auch noch nach dem Ende des Römischen Reichs besteht.

Das Stadtmuseum nimmt sich der Rezeption des Untergangs des Römischen Reichs an. Wie haben spätere Epochen den Untergang des Reichs verarbeitet? Dabei ist es interessant, wie viele Reiche den Anspruch gestellt haben, Nachfolger des Römischen Reichs zu sein: Das Byzantinische Reich, das Römische Reich Deutscher Nation, das Russische Reich und sogar, nach der Eroberung Konstantinopels, das Osmanische Reich.

Am Eingang drei Kästen, in die man seinen Wahlzettel werfen darf: Was hat zum Untergang des Römischen Reichs geführt? Die Barbaren? Die Dekadenz? Das Christentum? Alle drei Kästchen sind etwa gleich voll, mit einem kleinen Vorsprung für die Dekadenz. Bei der, finde ich, kommt es darauf an, was man darunter versteht. Wenn es das dekadente Leben der Bürger ist, kommt das kaum in Frage, denn das würde nur die wohlhabende Oberschicht betreffen. Wenn Dekadenz der Zerfall der staatlichen Organisation ist, dann schon eher. Das deutete sich ja vorher schon an, mit der Reichsteilung unter Diokletian und den Soldatenkaisern und den Kinderkaisern. Nicht zur Abstimmung steht hier, dass es gar keinen Untergang gab, jedenfalls nicht, wenn man den auf 476 datiert, die Absetzung von Romulus Augustulus durch Odoaker. Das Reich existierte ja weiter, in Form des Byzantinischen Reichs, als Ostrom. Aus dessen Sicht hatte sich mit der Absetzung von Romulus Augustulus nichts grundlegend verändert. Hier wird auch betont, dass diese Absetzung in der Zeit kaum Beachtung fand, wohl aber in späteren Zeiten, wie hier an einigen Gemälden illustriert.

Der Vorläufer der Eroberung Roms durch die Barbaren war die Plünderung Roms durch Alarich 410. Ein Augenzeuge der Plünderung war Augustinus, und der ging auf die Vorwürfe der Nichtchristen ein, das Christentum sei an allem schuld, indem er De Civitate Dei schrieb, die Darstellung des perfekt organisierten christlichen Staats.

Auch Sagen, die keinen direkten Bezug zu Rom haben, nehmen das Thema seines Untergangs auf: die Nibelungensaga (mit dem Untergang des Burgunderreichs), die Artussage und eine nordische Sage.

Der Dietrich von Bern der Sage erinnert an Theoderich, der Odoaker besiegte. Dabei steht Dietrich für Theoderich und Bern für Verona. Verona ist vertreten mit einem Relief aus S. Zeno (das ich seinerzeit besichtigt habe), auf dem das Römische Theater als Residenz Theoderichs erscheint. Es wurde bis ins 19. Jahrhundert als solche bewundert und besichtigt. Die Sache hat nur einen Haken: Theoderich residierte gar nicht in Verona, sondern in Ravenna!

Das Osmanische Reich ist in der Ausstellung vertreten durch ein Porträt Mehmets II., mit Pelzkragen, mächtigem Turban und kostbarem Teppich (XVI). Auf einer Medaille ist er in römischer Tradition dargestellt auf einem Triumphwagen mit der Nike in einer Hand und einem Seil, an dem er die besiegten Völker hinter sich herzieht, in der anderen!

Das Russische Reich ist vertreten mit einem historisierenden Gemälde (XIX), das die Taufe Wladimirs in Kiew darstellt. Das Russische Reich übernahm das byzantinische Hof- und Krönungszeremoniell und führte den Titel Zar (von Cäsar) für den Imperator ein. Moskau nannte sich „Das Dritte Rom“.

Ein besonderes Schmuckstück der Ausstellung ist das Runenkästchen von Auzon (VIII), ein figurenreiches Elfenbeinkästchen mit Szenen auf allen Seiten, die schwer unter einen Hut zu bekommen sind: die Gründung Roms, die Plünderung Jerusalems, die Anbetung der Könige und die Verheiratung einer nordischen Königstochter!

Dann kommt eine große Sitzstatue von Friedrich II. In der verschmelzen römische und germanische Elemente: römisches Gewand, aber Krone statt Lorbeerzweig.

Bei Humanismus und Reformation gabelt sich die Ausstellung: Links sieht man die Abkehr von Rom, rechts die Sehnsucht nach Rom. Die spiegelt sich wider in römischen Veduten wie der vom Forum Romanum von Piranesi (XVII). Sie zeichnet ein nostalgisches Bild des Forums. Es wird zwar Campo Vaccino genannt, trägt aber die Zeichen der alten Größe: ein Brunnen, Arkaden, ein Tempel, eine Kirche, das Kolosseum, die Fassade eines Palasts, in einer Zusammenstellung, die es historisch so vermutlich nie gegeben hat. Da muss man schon genau hinsehen, um die Ochsenkarren und die weidenden Kühe zu bemerken.

Das wiedererwachte Interesse an Rom bezeugt eine Serie von Bronzemünzen mit den Porträts römischer Kaiser. Sie wurden Karl IV. von Petrarca übergeben, als eine Art Mahnung, an die römische Tradition anzuknüpfen.

Genauso wie Petrarca gehörte Dante zu den Befürwortern des Wiederauflebens des Römischen Reichs, aber Dante hatte dabei das Römisch-Deutsche Reich im Sinn, während Petrarca ein neues Reich unter italienischer Führung im Sinn hatte.

Auf der anderen Seite, der Seite der Befürworter der Abkehr von Rom, steht die Germania des Tacitus im Vordergrund. Tacitus wurde als Kronzeuge für das genommen, was man als gesellschaftliches Ideal sah: Das echte, unverfälschte Leben des mit der Natur verbundenen Volks, abseits der städtischen Dekadenz. Dabei wurde Tacitus im Sinne von frühnationalen Vorstellungen interpretiert, teils mit aggressiv nationalen Tönen.

Dazu passt die (teils von Luther betriebene) „Verwandlung“ von Arminius in Hermann. Der wird mehrmals von Luther lobend erwähnt. Luther ist hier mit einer Statue vertreten, in der er das aufgeschlagene Neue Testament präsentiert, in seiner Übersetzung.

Als Gegenstück zu den Porträts römischer Kaiser, die Petrarca dem Kaiser übergab, hat man auf dieser Seite die illustrierten Viten von zwölf (teils historischen, teils sagenhaften) deutschen Königen, den „Urkönigen“. Die Kunst bezieht Stellung gegen Rom.

Ein besonderes Ausstellungsstück ist ein Originalbrief Raffaels an Leo X. In dem Brief beklagt er die Kalkgewinnung aus den Ruinen der römischen Ruinen und spricht sich für deren Erhaltung aus. Da erweist er sich als vollendeter Humanist und als Vorläufer der Romantiker und heutiger Denkmalschützer.  

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C’est bon

Ein gängiges Schimpfwort für Deutsche im Französischen ist boche. Das Wort ist abgeleitet von caboche, ‘Dickschädel’, ‘Holzkopf’. Das wurde zu boche verkürzt und mit der Vorsilbe al für ‘deutsch’  versehen, alboche, und dann wiederum zu boche verkürzt. Eine deutsche Firma machte sich das selbstironisch in einer Werbekampagne in Frankreich zu eigen mit dem Slogan C’est bien, c’est bon, c’est Bosch.

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Mann, oh man!

Wörter bedeuten nicht das, was sie zu bedeuten scheinen, wenn man sie „beim Wort nimmt. Die Bedeutung von Wörtern ist reine Konvention. Das ist ein Gemeinplatz, eine ganz banale Erkenntnis. Diese Erkenntnis wird von denen in den Wind geschlagen, die im Sinne von ideologischen Vorgaben die Sprache verändern wollen, wie es diejenigen tun, die das Pronomen man durch frau ersetzen oder ergänzen wollen. Eine Kolumne in einer Sprachzeitschrift (Der Sprachdienst 65/2021: 232-233) beschäftigt sich jetzt mit genau diesem spezifischen Wort, dem indefiniten Personalpronomen man. Etymologisch ist man tatsächlich mit Mann verwandt, aber es hat, im Gegensatz zu dem Substantiv, seine ursprüngliche geschlechtsneutrale Bedeutung bewahrt, einfach deshalb, weil es in erster Linie eine syntaktische Funktion hat, kein Bedeutungsträger ist. Das Benutzen von frau hat genau den gegenteiligen des gewünschten Effekts. Es betont den Kontrast und gibt damit man eine männliche Bedeutung, die es gar nicht hat. Es ist bezeichnend, dass diese Puristen nicht bemerken, dass man auch in jemand, niemand und jedermann steckt. Das fällt ihnen aus guten Gründen nicht auf: Diese Wörter haben ebenfalls eine syntaktische Funktion, ihre Bedeutung ist verblasst. Sie sind neutral.

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Frau Finke und Herr Strauß

Adler, Schwan und Specht, Geier, Habicht und Hahn sind nur einige wenige, prominente Beispiele von Vogelnamen, die Familiennamen sind. Aber das sind längst nicht alle: Storch, Strauß und Star gehören dazu genauso wie Kleiber, Kiebitz und Gimpel. Und natürlich der Vogel selbst. Aber auch weniger prominente Namen wie Spielvogel und Grasmück. Auch der unverdächtige Gauck gehört dazu, ein anderes Wort für den Kuckuck. Wie einflussreich die Vogelnamen für unsere Familiennamen sind, macht man sich erst klar, wenn man die Liste ansieht. Viele Vogelnamen treten in Varianten auf: Fink, Finke und Finck, Falk und Falke, Raab und Raabe. Die Gründe für die Benennung können ganz unterschiedlich sein: Ähnlichkeiten im Aussehen oder Verhalten, Aufzucht oder Handel mit den Vögeln, Hausnamen, die zu Familiennamen wurden. Aber es gibt auch Vogelnamen, die gar keine sind, jedenfalls nicht in ihrem Ursprung. Einige sind verballhornte Rufnamen, wie Burgard, der zum Bussard wurde, Ulrich, der zum Uhl wurde, Johann, der zum Hahn wurde. Ein und derselbe Name kann unterschiedlich motiviert sein: der Strauß kann nach Blumen, nach dem Laufvogel, nach einem Strauch oder nach Streit (vgl. einen Strauß ausfechten) benannt sein. (Beier, Ulf: Familiennamen nach Vogelnamen, in: Der Sprachdienst 65/2021:220-226)

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Die lieben Nachbarn

Zur Zufriedenheit benötigt man weniger als man glaubt. Was nicht zur Zufriedenheit beiträgt, ist der Vergleich mit anderen. Nicht umsonst galt ein solcher Vergleich bei den antiken Philosophen als Todsünde. Dass wir uns nicht daran orientieren, zeigt ein modernes Experiment. In einem Gedankenspiel wurden Probanden gefragt, was ihnen lieber sei: Sie bekamen 80.000 €, alle ihre Nachbarn aber 100.000 €. Oder sie bekamen 60.000 €, ihre Nachbarn aber nur 40.000 €. Überraschenderweise entschieden sich die meisten für die zweite Variante. Der relative Wert ist maßgeblicher als der absolute. Der Vergleich mit anderen ist auch der Maßstab für diejenigen, meist Mädchen oder jungen Frauen, die sich auf Facebook oder Instagram im Schaufenster präsentieren, in der Hoffnung, möglichst viele Bewunderer zu bekommen. Die Gefahr, die da lauert, besteht darin, dass man weiß, dass bei der eigenen Inszenierung ein bisschen gemogelt, beschönigt, aufpoliert wurde, während man die Existenzen der anderen für authentisch hält. Bei denen scheint scheinbar immer die Sonne. Und sie sind immer guter Laune. Und ihre Partys sind rauschender als die eigenen. Das führt nicht zu Zufriedenheit. Es führt zu Niedergeschlagenheit. (Wehr, Marko: „Philosophie – so findet man den Weg zum Glück“, in: Aula, SWR 2: 15/08/2021)

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Erlernte Hilflosigkeit

Was passiert, wenn man die eigene Unzufriedenheit immer dem Pech in die Schuhe schiebt? Wenn man beklagt, Pech mit den Eltern, mit dem Partner, mit den Kollegen, mit den Lehrern zu haben? Man gibt das Heft aus der Hand, man macht sich zum Spielball eines unberechenbaren Zufalls. Der Preis dafür ist hoch. Statt selbst zu handeln, fühlt man sich behandelt. Das ist ein guter Nährboden für depressive Verstimmungen. Man fühlt sich hilflos. Die Wirkung wurde eindrucksvoll in einem Experiment mit Hunden belegt: Zwei Gruppen von Hunden wurden in zwei verschiedenen Käfigen untergebracht. Über deren Boden wurde ihnen ein leichter Stromschlag zugeführt. In einem der Käfige gab es eine Apparatur, mit der man die Stromschläge ausstellen konnten. Die Hunde fanden bald heraus, wie das ging. In der zweiten Phase des Experiment kamen die Hunde wieder in zwei verschiedene Käfige. Diesmal gab es keinen Mechanismus zum Abstellen der Stromschläge. Aber die Käfige waren nach oben offen und die Wände niedriger. Die Hunde konnten einfach hinausspringen. Aber das taten nur die Hunde, die vorher die Apparatur bedient hatten. Die anderen blieben liegen und ergaben sich ihrem Schicksal. Dieses Phänomen nennt man erlernte Hilflosigkeit. (Wehr, Marko: „Philosophie – so findet man den Weg zum Glück“, in: Aula, SWR 2: 15/08/2021)

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Genial?

In einem von Carolin Dweck durchgeführten Experiment absolvierten zwei Studentengruppen nicht allzu schwere Mathematikaufgaben. Die erste Gruppe wurde anschließend für ihr Talent gelobt, die zweite für ihren Fleiß und ihre Ausdauer. Im zweiten Teil des Experiments gab es schwerere Aufgaben. Die, die für ihren Fleiß gelobt worden waren, zeigten Biss und schrieben passable Ergebnisse. Die anderen, die sich etwas auf ihr Talent einbildeten, schmissen die Flinte schnell ins Korn und scheiterten häufiger. Das vielgelobte Talent, der genetische Zufallsfaktor, spielt eine geringere Rolle als man allgemein denkt. So war Einstein, der Inbegriff des Genies, kein besonders guter Mathematiker. Er besaß aber einen Riecher für die richtigen Fragestellungen. Und Durchhaltevermögen.  (Wehr, Marko: „Philosophie – so findet man den Weg zum Glück“, in: Aula, SWR 2: 15/08/2021)

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Bare Münze

Was haben barfuß und Bargeld miteinander gemeinsam? Etymologisch ist bar ein aus dem Althochdeutschen stammendes Adjektiv mit der Bedeutung ‘bloß’, ‘nackt’, frei’. Wer also barfuß geht, hat die Füße entblößt, geht auf nackten Füßen. Aber wie geschah die Übertragung auf das Geld? Das ist nicht so ohne Weiteres ersichtlich. Erste Belege für diesen Gebrauch finden sich im Spätmittelhochdeutschen. Er ist im Zusammenhang mit der Durchsetzung der Geldwirtschaft und der Herausbildung frühkapitalistischer Produktionsweisen zu sehen. Diese Voraussetzungen sind in Deutschland etwa gegen Ende des 13. Jahrhunderts gegeben. Mir bar sind Zahlungsmittel und Zahlungen in Münzen, also mit Geld, gemeint, kontrastierend zur unbaren Bezahlung mit Wechseln. Man zahlt also mit ‘bloßem’ Geld, mit ‘nacktem’ Geld. Frühe Belege umfassen “Daz ich von ime funfzic marc bares silbers emphangen han” und “Kumm ich auf den Fischmarkt, sehen die fischer bald, ob ich umb bargelt oder auf borg kaufen wöll”. (Haidacher, Bernhard: Bargeldmetaphern im Französischen. Pragmatik, Sprachkultur und Metaphorik. Berlin: Frank & Timme, 2015: 93-94)

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Demokratisierte Zockerei

Es gibt immer mehr Apps, die vor allem junge Menschen dazu veranlassen, an der Börse zu investieren. Das Problem ist, dass die Anleger eben nicht immer gewinnen. Die jungen, unerfahrenen Kunden der Neobroker können durch unbedachte Investitionen die Existenzgrundlage verlieren. Auch durch tragische Verwicklungen. Davon gibt Zeugnis der Fall eines jungen Amerikaners, Alex Kearns. Der hatte 5.000 $ über eine App investiert. Eines Tages zeigte ihm die App, er stehe mit 730.000 $ in der Kreide. Verzweifelt nahm er sich das Leben. In seinem Abschiedsbrief sagte er, er habe nicht gewusst, dass er so viel riskiere. Er habe geglaubt, dass er nur das Geld riskiere, das er tatsächlich besaß. Nach seinem Tod stellte sich heraus, dass es ein Anzeigefehler der App war, der ihn hatte glauben lassen, er stecke mit Hunderttausenden in den Miesen. (Luck, Jana, Nienhaus, Lisa, Rohwetter, Marcus, Tönnesmann, Jens: „Wir zocken an der Börse“, in: Die Zeit 12/2021: 19-20)

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Altbekannt

Wo liegt Ratisbona? Und wo Keulen und Plavno? Und Lyypekki, Chociebuz, Stoccarda und Trèves. wo liegen die? Alle in Deutschland natürlich. Genauso wie Herbipolis. So, wie wir ausländische Städtenamen eindeutschen und von Mailand und Venedig, von Moskau und Warschau und von Kopenhagen sprechen, so passen andere Sprachen unsere Ortsnamen an ihre Sprache an: So ist Ratisbona spanisch für Regensburg, Keulen Niederländisch für Köln, Plavno tschechisch für Plauen, Lyypekki finnisch für Lübeck, Chociebuz polnisch für Cottbus, Stoccarda italienisch für Stuttgart und Trèves französisch für Trier. Und was ist Herbipolis? Das ist Latein für Würzburg. (Weber, Gustav: Curiosa Germanica. München: Herbig, 2006: 257-260)

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Friedliche Kommunikation

Einer der Gäste einer Talkshow im deutschen Fernsehen sollte damals, 1983, Michael Kühnen sein, Mitbegründer der Aktionsfront Nationaler Sozialisten und prominenter Star der Neonazi-Szene. Kühnen war gerade erst aus dem Gefängnis entlassen worden, nach drei Jahren Haft wegen Verbreitung von Neonazi-Propaganda. Der Rundfunkrat von Radio Bremen debattierte die Einladung, mit dem Ergebnis, dass Kühnen kurz vor der Sendung ausgeladen wurde. Er sah sich die Talkshow zu Hause an. Ein anderer Gast der Sendung war Erich Fried, Dichter der Linken, Freund von Rudi Dutschke, Jude, in Wien geboren, nach London emigriert. Seine Großmutter starb in Auschwitz, sein Vater wurde von Nazis zu Tode getreten. In der Sendung sprach sich Fried vehement gegen die Ausladung aus und warb für das Gespräch. Die Neonazis hätten teils ganz ehrliche, wenn auch verderbliche Ansichten. Nach der Sendung nahm Kühnen mit Fried Kontakt auf. Es entwickelte sich zwischen ihnen eine Korrespondenz, die bis 1984 dauerte. Da litt Fried schon an Krebs. Ein Jahr später starb er. Fried ertrug während dieser Zeit das Leugnen des Holocausts durch Kühnen und Verse zum Muttertag, die er von Kühnen bekam, gedichtet von Adolf Hitler. Er besuchte Kühnen auch im Gefängnis. Sein persönliches Projekt, Kühnen vom Holocaust zu überzeugen, scheiterte, aber er ließ sich nicht beirren. Frieds Freunde und sein Verleger sahen das als Irrsinn an. Aber warum eigentlich? Warum soll es ein Verdienst sein, Andersdenkende vom Gespräch auszuschließen? (Camman, Alexander: „Einstweilen alles Liebe! Dein Erich“, in: Die Zeit 6/2021: 49)

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Da steckt Musik drin

Musik macht klug. Musik macht klüger. Diese Annahme hat dazu geführt, dass in zwei Bundesstaaten der USA jedes neugeborene Baby mit einer Mozart-CD beglückt wird. Doch die Sache hat einen Haken: Die Annahme stimmt nicht. Es gibt keinerlei wissenschaftliche Grundlage dafür. Seit Jahrzehnten versuchen Forscher (meist selbst Musiker), den allgemeinen Bildungseffekt des Musikunterrichts zu belegen. Seit Jahrzehnten polemisiert Glenn Schellenberg, ein kanadischer Psychologe (selbst Musiker) dagegen. Sein wichtigster Einwand: Es wird, wie so oft, Korrelation und Kausalität verwechselt. Erstaunlich, wie viele Wissenschaftler nicht immun sind gegen diesen methodischen Bazillus. Wenn ein Kind, das Musik spielt, ein größeres Abstraktionsvermögen, bessere Sprachfähigkeiten oder bessere Noten in Mathematik hat, dann liegt das nicht zwingend daran, dass es Musik macht. Die Transferleistungen sind nicht durch die Musik zustande gekommen. Wer Klavier spielt und bessere Noten hat, ist vielleicht einfach allgemein leistungsbereiter. Oder stammt aus einem Elternhaus, in dem Wert auf Bücher und anregende Gespräche gelegt wird. Ein weiteres methodisches Problem ist der Faktor Langzeitwirkung. Forscher vergleichen Kinder, die Musik machen mit Kindern, die keine Musik machen, aber sie können kaum beobachten, wie sich die Musik im Laufe der Jahre auswirkt. Dennoch wird in unzähligen Studien immer wieder der Zusammenhang behauptet. Besonders unkritisch zeigen sich, Schellenberg zufolge, Hirnforscher, wenn es um ihre Methode geht. Sie neigen dazu, ihre Studien mit EEGs und Kernspintomographen zu untermauern. Aber mit beeindruckenden Apparaturen lassen sich nicht so ohne Weiteres objektive Sachverhalte messen. Und man kommt leicht zu falschen Ergebnissen, wenn man Talent und Durchhaltevermögen “herausrechnet”, weil man nicht weiß, wo sie im Gehirn sitzen. (Drösser, Christoph: “Macht Musik wirklich klüger?”, in: Die Zeit 53/2019: 39.)

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Tageslichttauglich

“Eine kleine Nachtmusik” ist nicht der eigentliche Titel von Mozarts Stück. Der lautet Serenade Nr. 13 für Streicher in G-Dur. Die Nachtmusik hat sich zwar eingebürgert, beruht aber auf einem Missverständnis: Serenate ist von sereno, ‘fröhlich’, abgeleitet, nicht von sera, ‘Abend’. Die Musik ist also tageslichttrauglich.

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Poliert der Polier?

Der Polier poliert nicht, und der Bauer baut nicht. Er baut auch nicht an, jedenfalls nicht im ursrüprünglichen Sinne des Wortes. Der Bauer war einfach ein Bur, ein Bewohner, ein Anwohner, eine Bedeutung, die sich noch in engl. neighbour erhalten hat. Die engere Bedeutung, die Berufsbezeichnung, hat sich erst später herausgebildet, wahrscheinlich, weil die meisten eben Bauern waren. So wurde der Anwohner zum Bauern.

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Mit dem Auto ins Schleudern gekommen

In einer Fernsehsendung sagt ein Verkehrspsychologe, der Deutsche sei nicht Autofahrer, sondern das Auto selbst. Das könne man auch Aussagen wie „Ich stehe da hinten“ ableiten, in denen der Autofahrer sich nicht auf sich, sondern auf sein Auto beziehe. Das ist natürlich hanebüchener Unsinn Es handelt sich um einen ganz normalen metonymischen Gebrauch von Sprache. Schlussfolgerung auf die Verfassung des Sprechers oder gar „des Deutschen“ lässt die nicht zu. Das sieht man schon daran, dass die gleiche Aussage sich auch auf ein Fahrrad beziehen könnte. Niemand würde deshalb auf den Gedanken kommen, dem Sprecher zu unterstellen, er sei ein Fahrrad. „Du bist Zweiter“ auf der Tribüne der Galopprennbahn oder „Du musst ins Gefängnis“ bei Monopoly lassen nicht den Schluss zu, der Sprecher identifiziere den Angesprochenen mit einem Pferd oder einem Spielstein. Und außerdem: Wenn die Schlussfolgerung des Verkehrspsychologen richtig wäre, müsste dieser Sprachgebrauch exklusiv im Deutschen und nicht in anderen Sprachen zu finden sein. Das dürfte kaum der Fall sein.

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