Gerecht??

3428. So viele Milliardäre gibt es auf der Welt. Und es werden jedes Jahr mehr. Der reichste ist Elon Musk. Er hat 839 Milliarden. Der reichste Deutsche ist Dieter Schwarz, von Lidl und Kaufland. Er hat gerade mal mickrige 67 Milliarden. Wie ungleich das Vermögen in Deutschland verteilt ist, zeigen die nackten Zahlen: 50% der Bevölkerung haben einen Anteil von 3,5% am Vermögen, den reichsten 10% gehören 67%, und dem Reichsten 1% gehören 28% des Vermögens.

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Olympische Frühlingsspiele?

„Ich erkläre die 4. Olympischen Winterspiele 1936 in Garmisch-Partenkirchen für eröffnet.“ Der Reichskanzler hätte gerne noch länger gesprochen, hielt sich aber an die von den vom Olympischen Komitee vorgegebenen Regeln. Es waren tatsächlich erst die 4. Olympischen Winterspiele. Zuerst gab es keine, weil Coubertin dagegen war. Das war ihm, der in der Antike sein Vorbild sah, nicht griechisch genug. Die Spiele fanden im Deutschland der Nazi-Zeit statt. Das war nicht so geplant. Deutschland, hatte bereits 1931 den Zuschlag bekommen, also das Deutschland der Weimarer Republik, für Berlin und für Garmisch-Partenkirchen. Es gab Bewegungen, die Austragung der Spiele in Deutschland zu verhindern, aber Avery Brundage, der zukünftige Präsident des IOC, war, zusammen mit vielen anderen, gegen den Boykott. Er argumentierte unter anderem, dass sein Club in New York auch keine Juden zulasse. Und die Nazis zeigten sich vor und während der Spiele von ihrer zahmsten Seite. Der Austragungsort der Spiele war Garmisch-Partenkirchen. Den Ort gab es damals noch gar nicht. Es waren zwei Orte, Garmisch und Partenkirchen, getrennt durch die Partnach und die Bahngleise. Die beiden Orte standen sich in tiefer gegenseitiger Abneigung gegenüber. Aber die Nazis setzten sich darüber hinweg und kreierten einen neuen Ort aus den beiden Dörfern. Die Vorbereitung der Spiele war ausgezeichnet, eine perfekte Organisation, neue Stadien, neue Disziplinen, eine festliche Eröffnungsfeier. Es wurden Spiele der Superlative. Die aber dennoch fast nicht stattfinden konnten. Bis unmittelbar vor Beginn der Spiele war es ungewöhnlich warm. Schnee gab es in den unteren Lagen überhaupt nicht, und das Eis taute auf. Man befand sich in einem echten Dilemma. Und die Nazis hatten niemanden, den sie für die schlechte Situation verantwortlich machen, den sie bestrafen konnten. Aber sie hatten Glück. Am Tag vor der Eröffnungsfeier sanken die Tempertaturen plötzlich, der Winter war wieder da. Und die Eröffnungsfeier fand in dichtem Schneetreiben statt.  Schaaf, Christian/Zametzer, Michael: „Wie war das damals? Als Olympia seine Unschuld verlor“, in: Bayern 2 (13/02/2026)

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Sintflut

Eine Sintflut, von Gott über die Menschen gebracht als Strafe für ihr elendes Verhalten, für ihr unbotmäßiges Leben, für ihre Ausschweifungen – das kommt einem bekannt vor. Es stammt aus dem Alten Testament, letztlich aus der jüdischen Tradition. Nur ist das alles nicht jüdisch, sondern mesopotamisch. Aus dem Gilgamesch-Epos. Ein guter, ein ehrbarer Mensch, Ut-Napischti, baut sich ein Schiff, bringt sich und die Seinigen, samt den Tieren des Feldes und dem Vieh von der Wiese, in Sicherheit. Sechs Tage und sechs Nächte hält die Flut an, am siebten Tag lässt der Sturm nach, die Flut steigt nicht mehr. Ut-Napischti sendet einen Vogel aus, eine Taube, und dann noch einen, einen Raben, und der fliegt davon, frißt und krächzt und kehrt nicht wieder zurück. Die Flut ist vorbei. Ut-Napischti ist Noah. Die Sintflut der Bibel ist eine “geklaute” Version, ein “Plagiat”, ein Abbild der ursprünglichen, älteren Erzählung aus Mesopotamien.

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Babylonische Gefangenschaft??

Das Babylonisch Exil – für die Judäer damals und für die Juden bis heute eine Zeit der Entbehrung, der Armut, der Ausbeutung. Doch so schlimm kann es nicht gewesen sein. Als die Perser unter Kyros Babylon eroberten, blieben die meisten Judäer dort und gingen nicht nach Jerusalem zurück. Es handelt sich im Wesentlichen um einen jüdischen Mythos. Nebukadnezar, der König von Babylon, damals eine riesige, reiche, an Pracht kaum zu überbietende Stadt hatte vorher das kleine Königreich Juda, wie unzählige andere Staaten des „Nahen Ostens“, erobert. Aber die Judäer weigerten sich, die von Babylon verlangten Abgaben zu zahlen. Doch Nebukadnezar lässt sich das nicht bieten König. Er verschleppt die Oberschicht in sein Reich, ein Ereignis, von dem auch das Alte Testament der Bibel berichtet: Jojachin, der König von Juda, sowie seine Familie und sein Hofstaat werden nach Babel verschleppt. In dieser Situation wird die Religion zum Kitt, der die Judäer zusammenhält. Nebukadnezar setzt einen neuen König in Jerusalem ein, doch auch dieser lehnt sich auf. Deshalb steht der babylonische König nach einem Jahrzehnt erneut vor den Toren Jerusalems. Diesmal werden die Stadt und der Tempel zerstört, und diesmal kommt auch das einfache Volk mit nach Babylon. Es gibt dann eine klare Hierarchie unter den Judäern, es gibt auch welche, die im Palast gelebt haben. ie Das schlägt sich nieder in der Geschichte Daniels, einem jungen Gelehrten, der ursprünglich aus Juda kam, aber in Babylon am Palast aufwuchs. Das einfache Volk lebte zwar nicht in Luxus, aber auch nicht in Elend. Die große Masse lebte ein einfaches, bäuerliches Leben, ohne versklavt zu sein, nicht anders als vorher in Juda, nicht anders als die große Masse der Babylonier. Der Mythos des basiert auf dem Verlust der Heimat und der eigenständigen Identität in der Fremde. In dieser Situation wird die Religion zu dem Kitt, der die Judäer zusammenhält. Man hält an der Thora fest, die zu einer Art Surrogat des zerstörten Tempels wird. Das Exil wird jetzt theologisch gedeutet. Das Festhalten an bestimmten Riten, das Festhalten an dem eigenen Gott werden besonders wichtig. Erst im Exil bildet sich so etwas wie eine judäische Identität aus. Und Babylon war zum Symbol der Tyrannei geworden.

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200 Jahre alt werden?

Dazu schreibt ein Hörer an eine Radioanstalt: „Diese ganze sogenannte Longevity-Industrie will zuerst und zuletzt den großen Reichbach machen, mit der Eitelkeit und der Unsicherheit der Menschen. Mit der wahren Lebenskunst zwischen Epiktet und Seneca hat dieser Megatrend made in USA herzlich wenig zu tun. Hinzu kommt, angesichts der globalen Schere zwischen Arm und Reich, Nord und Süd, wo alleine über 2,5 Milliarden Menschen nicht über sanitäre Anlagen verfügen, da wirkt dieses ständige Longevity-Geschwätz wie Ignoranz, Hohn und Provokation zugleich.“

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Lebenserwartung

Die Lebenserwartung ist, je nach Land, unterschiedlich, nur eins ist immer gleich: Die Lebenserwartung von Frauen ist höher als die von Männern. Es ist nicht so leicht, die Entwicklung der Lebenserwartung in den verschiedenen Ländern nachzuverfolgen, deshalb können sich die Ergebnisse, je nach Studie, unterscheiden. Was aber in den letzten Jahren klar geworden ist: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt unter dem Schnitt der Länder der EU. Dabei rennen wir ständig zum Arzt und haben ein teures, beinahe nicht mehr zu bezahlendes Gesundheitssystem. Wie sieht es in den anderen Ländern der EU aus? Die niedrigste Lebenserwartung hat, einer kürzlichen Studie zufolge, Bulgarien, die höchte Lebenserwartung bei Frauen hat Spanien, die bei Männern hat Schweden und die allgemein höchste Lebenserwartung hat – Italien!

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Taifun, Orkan, Hurrikan, Tornado, Zyklon

Viele verschiedene Wörter für das, was Laien für ein und dieselbe
Sache halten könnten. Stimmt auch. Stimmt aber auch nicht. Ein Orkan ist, vereinfacht gesagt, ein starker Sturm, wie es ihn auch in Europa häufig gibt. Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grund dasselbe, Wirbelstürme, nur treten sie an verschiedenen Orten auf: der Taifun im Pazifik, der Zyklon im Indischen Ozean, der Hurrikan im Atlantik, vor allem an der amerikansichen Küste. Der Tornado ist auch ein Wirbelsturm, nur tritt er, im Gegensatz zum Hurrikan, nicht auf dem Wasser, sondern auf dem Land auf.

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Frau auf dem Thron

Maria Theresia, die einzige Regentin der Habsburger auf dem Thron, kam 1740 mit gerade mal 23 Jahren nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters, Karls VI., auf den Thron. Das war keine Selbstverständlichkeit. Denn sie war eine Frau, und es galt das Salische Gesetz, das die ausschließlich männliche Thronfolge vorsah. Ihr Vater hatte aber durch die Pragmatische Sanktion dafür gesorgt, dass auch Frauen auf den Thron folgen konnten, und da alle drei Nachkommen weiblich waren, wurde Maria Theresia, die Älteste, zu seinem Nachfolger. Sie regierte ein riesiges Reich, wurde Erzherzogin von Österreich, Königin von Böhmen und Ungarn, Herrscherin in Dalmatien, Kroatien, Steyr, Schlesien, Brabant, Luxemburg, Mantua, Parma, Piancenza usw. Sie hatte einen schweren Stand, sie war für diese Aufgabe überhaupt nicht vorbereitet worden, erwarb sich aber bald allgemeinen Respekt und sogar Bewunderung. Kaiserin wurde sie allerdings nur dem Namen nach, als Gattin des Kaisers, denn im Heiligen Römischen Reich galt weiterhin das Salische Gesetz. Ihren Mann, Franz Stephan von Lothringen, den sie schon seit ihrer Kindheit kannte hatte sie schon vier Jahre vorher geheiratet. Es war – ungewöhnlich in den Adelskreisen dieser Zeit – eine Liebesheirat. Sie blieben 29 Jahre ein liebendes Paar. Ehe und Kinder waren für Maria Theresia noch wichtiger als Macht und Ruf. Sie stand in 19 Jahren 16 Schwangerschaften und Geburten durch. 6 Ihrer Kinder starben schon vor ihr, 10 überlebten sie. Ihr ältester Sohn, Joseph II., vor ihrem Tod schon Mitregent, wurde ihr Nachfolger. Eine beeindruckende Biographie.

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Und die Welt sieht zu

Alle Welt weiß von dem Angriff auf die Twin Towers und den vielen Opfern, die er verursacht hat (etwa 3.000). Hier sind die USA das Opfer, und die Klagen über den Angriff sind berechtigt und verständlich. Wie viel weniger wird aber von den Opfern gesprochen, die den gewaltsamen und oft rechtswidrigen Angriffen der USA geschuldet sind. Allein im Iran-Kreig sind es bisher schon 1.250 Zivilisten, die Soldaten nicht mit eingerechnet. Die nimmt die Weltöffentlichkeit hin, so als wäre es nicht weiter erwähnenswert. Die bei dem (laufenden) Drohenkrieg erfolgten, rechtwidrigen Tötungen in Pakistan, in Jemen, in Somalia werden, beschönigend, als “außergerichtliche Tötungen” etikettiert. Zu den verheerenden Operationen der USA, die als Bruch des Völkerrechs angesehen werden können, gehören seit dem Ende des Krieges: der Koreakrieg, der Vietnamkrieg, die Invasion in Grenada, die Invasion in Panama, der Irak-Krieg von 1991, der NATO-Krieg gegen Jugoslawien, der Irakkrieg von 2003, der Irankrieg von 2026. Dabei sind illegale Eingriffe wie bei dem Sturz von Allende in Chile, die Tötung von Osama Bin Laden in Pakistan und die Entführung von Maduro aus Venezuela noch nicht mal eingerechnet. Wie würden die USA, wie würde die Welt reagieren, wenn Venezuela den US-Präsidenten fassen und nach Venezuela entführen würde?

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Hinrichtung

Nach dem Angriff auf die Twin Towers in New York machten sich die USA auf die Suche nach Osama Bin Laden. Der wurde verantwortlich für die Attacke gemacht. Eine eigene Unterabteilung der CIA verschrieb sich ganz und gar dieser Aufgabe. Um seinen Aufenthaltsort herauszufinden, wurde Verdächtige illegal verschleppt, in Verliese eingesperrt, verhört, gequält. Dabei wurden Methoden wie Waterboarding und tagelanger Schlafentzug angewandt. Schließlich, nach Jahren, wurde bekannt, dass Bin Laden sich in Pakistan aufhielt, einem großen Land mit 200 Millionen Einwohnern, das Bin Laden gut kannte. Er befand sich in einer großen, von Außen kaum einsehbaren Wohnanlage. Er benutzte kein Internet und kein Handy. Alle Kommunikation erfolgte durch Kuriere. Die USA entschied, trotz der unklaren Situation zuzuschlagen. Moralische und rechtliche und Bedenken wurden in den Wind geschlagen. Dabei hätte Obama, Friedensnobelpreisträger, es als Verfassungsrechtler besser wissen müssen. Die Aktion war am Ende “erfolgreich”. Dabei wurde nicht nur Bin Laden, sondern auch seine Frau, sein Sohn und weitere Menschen aus seiner Umgebung getötet. In New York wurde die Hinrichtung, denn darum handelte es sich (in der Terminologie der Täter eine “extrarechtliche” Aktion), gefeiert. Politiker aus aller Welt applaudierten. Die deutsche Bundekanzlerin und der deutsche Außenminister, Vertreter eines “Rechtsstaats”, zeigten sich erfreut. Dabei handelte es sich um einen klaren Bruch des Kriegsvölkerrechts und der Menschenrechte. Das Recht auf ein faires Verfahren verliert man auch dann nicht, wenn man schlimme Taten begangen hat. Hier hätte man zeigen können: “Wir”, die Vertreter von Rechtsstaaten, machen es anders als “sie”, die Vertreter autoritärer Regime.

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Römische Impressionen

Moderne Städteplaner fordern, in den Innenstädten müsse es Sitzplätze geben, die so nahe aneinander liegen, dass eine alte Person ohne Mühe von einem zum anderen gelangen kann. In Rom gibt es keine Sitzplätze. Die Touristen begnügen sich mit den Mauervorsprüngen an den Kirchen oder mit Treppenstufen vor den Monumenten. Es gibt auch kaum Fußgängerzonen. Eine Ausnahme ist die Via della Conciliazione, auf der man wunderbar vom Petersplatz direkt zur Engelgsburg flanieren kann. Auch am Tiber entlang gibt es ein paar schöne Gehwege.

Erschwert wird die Orientierung dadurch, dass viele Straßen keine Strapßenschilder haben. Trotzdem ist Rom gut zu Fuß zu erkunden. Hinter jeder Ecke gibt es was Neues zu entdecken.

Außerdem kann man sich gut mit den städtischen Bussen bewegen. Sie kommen in kurzen Intervallen, sind billig und haben bequeme Sitze. Die städtische Busgesellschaft, von der sie betrieben werden, heißt Atac! Das steht auf allen Bussen!

Ein älterer Mann im Bus liest ein Buch, einen Roman, ein Kind liest ein Buch über erste Erlebnisse beim Angeln. Alle anderen sehen auf ihr Handy, auch wenn die Fahrt am Kolosseum vorbeiführt. Die Afrikanerinnen sprechen so laut in ihr Handy, dass es auch die Passagiere auf den letzten Sitzen hören. Sie werden nur übertroffen von den Krankenwagen, die den ganzen Vormittag durch die Gegend fahren.

Eine junge Asiatin telefoniert während der Fahrt. Ihr Handy ist mit einer kleinen Kette an ihrer Handtasche befestigt und mit einem Aufladekabel mit der Powerbank in ihrer Handtasche verbunden. Eine Frau mittleren Alters wedelt sich mit einem Fächer zu, einem Fächer der traditionellen Art. Alle anderen, meist jüngeren Alters, sieht man mit den kleinen elektrischen Fächern über die Straßen gehen. Vor allem die Asiatinnen sind gut damit ausgerüstet. Man sieht auch viele Sonnenschirme, ganz dünne, von der Art, wie sie in unserer Kindheit auf die Torten gesetzt wurden.

Immer mehr Italiener können immer besser Englisch, und man wird immer wieder auf Englisch angesprochen. Aber die Unsitte, die man aus Griechenland oder Schweden kennt, wo auf Englisch geantwortet wird, wenn man in der Landesprache fragt, hat sich noch nicht bis Italien verbreitet. Man verweist emphatisch darauf, dass man sich in Italien befinde, und bekommt die Antwort auf Italienisch.

Die meisten Menschen, vor allem abseits der ganz großen Touristenattraktionen, sind erstaunlich freundlich, wenn man nach dem Weg fragt, zeigen sich nicht genervt von den ewigen Touristen mit den immergleichen Fragen. Die Italiener sind allerdings viel freundlicher als die Kioskbesitzer aus Indien oder Pakistan.

Immer wieder bemerkenswert, wenn man Rom besichtigt, ist die Form, wie sich die Kirche der antiken Tradition bemächtigt hat. Es fängt damit an, dass der Papst bis heute den Titel Pontifex Maximus der römischen Kaiser trägt, den Titel des höchsten Priesters des antiken Staatskults. Oben auf der Trajanssäule, die mit mehr als 2000 Figuren die erfolgreichen Schlachten des Kaisers darstellt, thront nicht Trajan, sondern Petrus. Und das Pantheon ist stehen geblieben, weil es in eine Kirche verwandelt wurde, genauso wie die Porta Nigra und das Parthenon. Es ist Maria und allen Märtyrern geweiht und ist die Quelle unseres Allerheiligen-Tags. Das schließt an das Pantheon der Antike an, jedenfalls an die christliche Interpretation des Namens: Pantheon – alle Götter.

Die Religion spielt auch eine Rolle beim Erhalt der Reiterstatue von Mark Aurel. Man glaubte, es wäre Konstantin und schonte ihn, weil er den Christen die Ausübung ihrer Religion gestattet hatte. Ist die Statue nun die eines Feldherrn oder die eines Philosophen? Man hört beide Deutungen. Mark Aurel ist nicht als Soldat dargestellt, und seine erhobene Hand sieht wie eine friedliche und freundliche Geste aus. Aber zu seiner Zeit wurde er hauptsächlich aufgrund seiner militärischen Verdienste geschätzt. Und unter den den Vorderhufen des Pferds befand sich einst die Figur eines Königs mit gebundenen Händen, ein Besiegter aus den Kriegen Mark Aurels.

Kein Weg vorbei geht in Rom an dem Denkmal für Vittorio Emanuele. Das sieht man von überall aus. Das ist nicht unbedingt schön und passt auch gar nicht so richtig, aber gibt wohl am besten eine Vorstellung davon, wie die Rom in der Antike ausgesehen haben muss. Der war der erste König von Italien, trotzdem nennt er sich Vittorio Emanuele II, wohl als Reverenz für seinen Vater.

Die schlimmste aller Sehenswürdigkeiten Roms ist der Trevi-Brunnen, ein Opfer seines eigenen Erfolgs. Hier geht es nur darum, ein Selfie zu machen, kein Mensch interessiert sich für den Brunnen. Geschweige denn für den Palazzo dahinter. Es geht nur um das Photo. Man müsste die Touristen mal fragen, welche Figuren man in dem Brunnen sieht, die meisten würden es vermutlich nicht wissen. Erst recht nicht, dass es unterirdisch einen Gang gibt, den man besichtigen kann, mit den Resten einer römischen Wasserleitung. Von hier unten wird der Trevi-Brunnen mit Wasser versorgt. Der Name des Brunnens erklärt sich aus den drei Straßen, Tre Vie, die hier aufeinandertreffen.

Inzwischen darf man in den Trevi-Brunnen keine Münzen mehr werfen – Gott sei Dank! Man kann nicht einmal an den unmittelbaren Brunnenrand heran, es sei denn, man ist mit einer Führung unterwegs. Das Gedränge ist unerträglich.

Viel schöner zu besichtigen ist der Vier-Flüsse-Brunnen an der Piazza Navona. Hier verteilen sich die Besucher viel besser, es gibt kein Gedränge, der Platz ist riesengroß. Die vier Flüsse, die der Brunnen allegorisch darstellt, stehen für die vier damals bekannten Kontinente: Der Nil, die Donau, der Ganges, der Rio de la Plata. Vermutlich wusste man von dem Amazonas noch nicht viel. Der Nil hat, wie in anderen Brunnen, sein Gesicht verhüllt, der Tradition zufolge, weil seine Quellen unbekannt waren. Hier in Rom heißt es, er verhülle sein Gesicht, um sich nicht die Bausünde von Berninis Konkurrent Borromini ansehen zu müssen, die Kirche Sant’Agnese in Agone. Der Name des Platzes leitet sich von den hier stattfinden antiken Wettkäpfen ab, dem der Platz auch seine ovale Form zu verdanken hat. Das griechische agon, ‘Wettkampf’, liegt dem Namen zugrunde. Ob es Zufall ist, dass das Patrozinium der Kirche ausgerechnet Sant’Agnese in Agone ist?

Der Vier-Flüsse-Brunnen und der Trevi-Brunnen sind hervorragend restauriert worden, genauso wie das Kolosseum. An vielen anderen Monumenten wird gearbeitet, und außerdem entsteht mitten im historischen Zentrum eine neue U-Bahn-Linie. Das bedeutet: Baustellen überall, vor allem um das Forum Romanum herum.

Wie der Trevi-Brunnen alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, so tut das auch das Kolosseum. Das geht auf Kosten des wunderbaren Konstantin-Bogens, gleich daneben, mit toll erhaltenen Reliefs und Skulpturen.

Auch beim Kolosseum eine sprachliche Kuriosität. Es heißt nicht Kolosseum, weil es so kolossal ist, sondern weil hier, in Neros städtischem Landschaftspark, eine kolossale Statue stand. Die niemanden anderen als Nero darstellte.

Auf dem Weg zu Santa Maria Maggiore drängt uns ein afrikanischer Verkäufer billigen Schmuck auf, alles umsonst, ein Geschenk, bloß kein Geld. Dann versucht er, eine persönliche Bindung aufzustellen. Ob wir schon mal in Afrika gewesen seien, er habe einen Freund in Berlin, er spreche auch Spanisch. Am Ende bekommt er sein Geld für den Flitterkram. Immerhin zeigt er uns den Weg.

Das linke Eingangsportal von Santa Maria Maggiore ist die Porta Santa. Dieses Jahr geöffnet, da wir uns in einem Jubeljahr befinden. Da werden die Sünden vergeben. Das erste Jubeljahr gab es 1300, dann alle 50, dann alle 33, jetzt alle 25 Jahre. Das Jubeljahr hat nichts mit dem Jubel zu tun, sondern mit dem Jovel, dem jüdischen Widderhorn. Mit dem wurde das Jubeljahr eingeleitet. In der jüdischen Tradition wurden keine Sünden vergeben, sondern Schulden getilgt. So weit wollte die Kirche wohl nicht gehen.

In der Kirche links eine Schlange, die zum Grabmal des argentinischen Papstes führt. Man erwartet, dass man in eine Seitenkapelle geleitet wird, aber dann ist man da, ehe man sich’s versieht, schon da. An der Wand ein Kreuz, auf dem Boden ein Licht und der Name Franciscus. Das ist alles. So schlicht, wie er immer war.

Wir machen eine Pause und essen einen leckeren Kuchen und ein unübertrefflich leckeres Eis. Schon zum zweiten Mal gibt es in einem großen Café nur eine einzige Toilette, für Männer und Frauen. Da muss man natürlich Schlange stehen. Die Toilette ist schäbig, und überall liegt Papier herum.

Die Preise sind gesalzen, aber so einen Nepp wie in Venedig oder Florenz gibt es in Rom nicht.

Unterwegs stoßen wir bei der Frage nach dem Weg auf eine Dominikanerin. Sie nimmt sich Zeit und gibt uns perfekte Auskunft. Sie kennt München und Mannheim und Tokio Hotel, und erkennt sofort den argentinischen Akzent. Wir verabschieden uns wie gute Freunde.

Das Gegenteil des Trevi-Brunnens ist die Ara Pacis, der Friedensaltar des Augustus, in der Nähe des (ebenfalls in Restaurierung befindlichen) Mausoleum des Augustus. Hier ist kein Mensch, und man kann sich den Altar in aller Ruhe aus unmittelbarer Nähe ansehen und dieses Meisterwerk der Bildhauerkunst betrachten. Den Altar erreicht man über zehn Stufen. Man sieht Reliefs von Prozessionen, von Äneas beim Opfer, von der Göttin Tellus, der Mutter Erde, und ihren Kindern. Man sieht Rankenwerk aus Efeu, Lorbeer, Wein, und dazwischen allerhand geflügelte Tiere.

Man weiß nie so recht, was man von den römischen Kaisern halten soll, zu unzuverlässig sind die antiken Bewertungen, zu unterschiedlich die modernen Bewertungen, aber an Augustus und der langen Friedenszeit, die er eingeleitet hat, da scheint echt was dran zu sein. Paradoxerweise steht der Friedensaltar auf dem Marsfeld und wurde, nachdem die einzelnen Teile in alle Winde zerstreut waren, mit Bruchstücken in Museen in Rom, Wien und Paris und bei Privatleuten, ausgerechnet in dem gewalttätigsten Jahrhundert, dem 20., wieder zusammengebaut, und zwar auf Geheiß von Mussolini. Den sieht man in einem Film, wie er voller Stolz den Friedensaltar einem prominenten Gast präsentiert – Adolf Hitler.

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Reisefreuden

Wir waren am Abend zuvor in der Dunkelheit in unserem Viertel angekommen und kannten uns hier nicht aus. Aber wir hatten Glück: Die Buslinie 87 fährt von hier aus direkt ins Zentrum. Ich frage eine auf einer Stufe sitzende junge Frau, ob man die Fahrkarten im Bus kaufen kann. Sie schüttelt den Kopf und zeigt auf die Bar ein paar Meter weiter. Aber dort sind keine Busfahrkarten erhältlich. Man verweist uns auf einen Tabakladen hinter der nächsten Ecke. Klingt verheißungsvoll. Aber auch der hat keine Fahrkarten. Also entschließen wir uns, einfach loszugehen und unterwegs ein Taxi anzuhalten. Aber es kommt keins. Wir fragen einen Mann, und der zeigt auf einen Platz am Ende der Straße. Dort sehen wir uns um, aber wir sehen keinen Taxistand. Wir fragen zwei Männer vor einer Bar. Nein, hier gebe es keinen Taxistand. Der nächste sei ziemlich weit weg. Wir wollen trotzdem wissen, wo er ist. Die beiden Männer überlegen. Und geben uns zwei verschiedene Auskünfte. Wir folgen dem, der zuletzt gesprochen hat. Wir kämen auf eine große Straße, auf einen Platz, dessen Namen wir nicht verstehen. Da sei die Eisdiele Soundso, fügt eine Frau beflissen zu, die die Unterhaltung mitgehört hat. Wir kommen zu dem Platz, aber da ist nichts. Wir gehen die große Straße entlang, in der Hoffnung, ein Taxi zu erwischen. Zwei kommen vorbei, aber die sind nicht frei. Dann entdecken wir auf der anderen Straßenseite mehrere Taxis. Wir gehen weiter, um die Straße sicher an der Ampel überqueren zu können. Und kommen zu den Taxis, alle nebeneinander aufgereiht, eins nach dem anderen, sieben an der Zahl. Aber: Kein Fahrer zu sehen. Wir suchen die Gegend ab, gehen in einen Innenhof, sehen in eine Apotheke und stehen vor einem geschlossenen chinesischen Lokal. Kein Fahrer weit und breit. Wir fragen einen Passanten. Der sagt, die Taxifahrer würden wohl gerade Pause machen. Aber: alle gleichzeitig? Wir warten ein paar Minuten. Vergebens. Dann gehen wir weiter. Wir kommen an einem Tabakladen vorbei. Dort fragen wir, ob es Busfahrkarten gibt. Ja! Wir kaufen welche und gehen weiter. Auf dem Weg kommen wir an einer U-Bahn-Station vorbei. Oben am Eingang lehnt sich ein Mann ermüdet an das Geländer. Er antwortet freundlich. Ja, mit der U-Bahn könne man ins Zentrum fahren, bis Station Soundso. Erleichtert gehen wir runter und machen uns an dem Fahrkartenautomaten zu schaffen. Als wir mit der Prozedur durch sind und bezahlen wollen, suchen wir den Schlitz für die Münzen. Den gibt es nicht. Man kann nur mit Karte bezahlen. Wir gehen wieder nach oben und setzen unseren Weg fort. Dann sehen wir einen Taxifahrer, der eine ältere Dame an einem Geldautomaten absetzt. Ob er danach frei sei, wollen wir wissen. Nein, er bringt die alte Dame wieder nach Hause. Wir gehen weiter, da ruft uns der Taxifahrer. Wir könnten einsteigen, die Dame sei einverstanden. Wir fahren eine Viertelstunde, dann setzt uns der Taxifahrer vor einem großen Stadttor ab. Wir wissen nicht, wo wir sind. Wir sehen den Hinweis auf einen Informationsstand. In fünf Minuten wird geöffnet. Wir fragen, mit welchem Bus wir ins Zentrum kommen. Mit der 87. Die junge Frau zeigt in die Richtung, wo der Bus abfährt, aber wir suchen den ganzen Platz ab und finden die Haltestelle nicht. Wir fragen zwei Busfahrer, die vor ihrem Bus stehen. Sie zeigen gelangweilt in eine Richtung. Wir gehen dahin, aber da ist die 87 nicht. Dann finden wir die Haltstelle, mitten auf dem Platz. Wir warten auf den Bus. Dann steigen wir ein. Der Bus quält sich langsam durch verschiedene Stadtviertel. Irgendwann wir es immer leerer. Dann sind wir die einzigen Passagiere. Der Bus hält, und der Fahrer stellt den Motor aus. Wir fragen, ob er nicht ins Zentrum fahre. Doch, wir sollten ruhig sitzen bleiben. Allmählich füllt sich der Bus wieder, nach einer Viertelstunde geht es weiter. Wieder quält sich der Bus durch einige Stadtviertel. Dann sehen wir von weitem ein großes Stadttor vor uns. Das sieht nach Innenstadt aus. Dann kommen wir näher. Und merken, dass wir wieder genau an dem Platz sind, an dem der Taxifahrer uns rausgelassen hat.

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Der Bürgermeister von Wesel

“Wie heißt der Bürgermeister von Weeeesel?” So riefen wir es als Kinder in den Tälern gegen die Bergwände, in der Hoffnung, vom Echo die richtige Antwort zu bekommen: “Eeeesel!” Die Marketing-Abteilung der Stadt hat sich das zu eigen gemacht und den Esel zu einer Art Symbol-Tier für Wesel erhoben. Überall im Stadtzentrum stehen bunt bemalte Esel. Die können von Firmen oder von Bürgern erworben und nach eigenem Geschmack gestaltet werden. In der Fußgängerzone sind u.a. ein Schuhgeschäft, eine Eisdiele und der Weltladen mit einem Esel vertreten. Das eigentliche Wappentier Wesels ist aber nicht der Esel, sondern ein schwer identifizierbares Tier, das immer gleich in dreifacher Ausführung erscheint. Ein Jaguar? Kaum vorzustellen, die waren zu der Zeit, als Wappen aufkamen, in Europa vermutlich noch gar nicht bekannt. Es stellt sich heraus, dass es das Wiesel ist, Wir haben es mit einem “sprechenden Wappen” zu tun, wie bei dem Eimer in Emmerich, dem Pfau in Pfauen oder dem Bären in Berlin. Hier spielt nur die lautliche Ähnlichkeit eine Rolle. Wesel war in der Vergangenheit eine bedeutende Handelsstadt. Erkennen kann man das an dem prächtigen Dom, mit dessen Bau die Stadt auf ihren Reichtum hinwies. Schon die Tatsache, dass er Dom heißt, ist bezeichnend. Die Kirche, spätgotisch, stammt aus dem 16. Jahrhundert. Das ursprüngliche Patrozinium, Willibrord, wurde beibehalten, auch als die Kirche evangelisch wurde. Willibrord, der angelsächsische Missionar und Gründer des Bistums Utrecht, wird meist mit dem Kloster Echternach in Verbindung gebracht, das er ebenfalls gründete. In Echternach wurde er nach eigenem Wunsch begraben, und dort wurde er auch als erstes als Heiliger verehrt. Innen im Weseler Dom fällt die Orientierung, im wahrsten Sinne des Wortes, schwer, denn man betritt die Kirche von der Seite, und im Osten hat man, vor die Apsis, eine mächtige Orgel aufgestellt. Der moderne Altar steht davor. Der Dom ist fünfschiffig und hat ein aufwendig gestaltetes Ziergewölbe. An einer durch ein Gitter abgetrennten Kapelle gibt es ein schönes Relief mit posaunenden Engeln. In der Kirche eine Stadtdarstellung von 1572, mit dem latinisierten Namen von Wesel, Vesalia. Eine komplette Stadtmauer umschließt die Stadt, und eine Doppelbrücke führt über den Festungsgraben und die Lippe in die Stadt. Die Lippe fließt direkt vor der Stadtmauer her. Ob das historisch richtig ist, weiß man nicht, aber es sieht hübsch aus. Auf jeden Fall hat Wesel seiner Lage an Lippe und Rhein seine Entwicklung zur Handelsstadt zu verdanken. Auf schwarz-weiß Photos sieht man die Zerstörung der Stadt nach dem 2. Weltkrieg. Die Stadt war von den Preußen zu einer Festung ausgebaut worden, und die alliierten Bombardements haben sie in Schutt und Asche gelegt. Als Teil des Herzogtums Kleve war Wesel schon im 17. Jahrhundert zu Preußen gekommen. Als Erinnerung an die Kriegszerstörung ist in die Seitenwand ein Stein aus der Dresdner Frauenkirche eingelassen, die wiederum einen Stein des Weseler Doms hat. Auch eine zerstörte Glocke aus der Matena-Kirche, die auf der Stadtansicht von 1572 zusammen mit dem Dom hoch über die Stadtmauer hinausragt, erinnert an den 2. Weltkrieg. Auf einem weiteren Photo sieht man die Brücke über den Rhein, von den deutschen Soldaten angesichts des Heranrückens des Feindes zerstört, in der trügerischen Hoffnung, den Feind aufhalten zu können. Etwas weiter flussaufwärts sieht man dann die Ponton-Brücke, über die die Alliierten auf die rechte Rheinseite gelangten. Nach dem Krieg wurde die Kirche mit Hilfe eines Dombauvereins und einer Lotterie wiederaufgebaut, und zwar, wie es heißt, in einer Rückkehr zu dem ursprünglichen spätgotischen Vorbild. Schon im 19. Jahrhundert war die baufällige Kirche aufwendig restauriert worden, und zwar, dem Zeitgeschmack entsprechend, im neugotischen Stil. Ich frage mich aber, woher man nach dem Krieg wusste, wie die Kirche ursprünglich aussah. Außen sieht man an einem Seitenportal ganz weit oben Willibrord, weiter unten, über dem Eingangsportal, auf der einen Seite den Großen Kurfürsten, auf der anderen den Kaiser, vermutlich Wilhelm I. Schön gestaltet ist das Brautportal. Das erinnert daran, dass man ursprünglich außerhalb der Kirche heiratete und dann in die Kirche einzog, so wie man auch ursprünglich außerhalb der Kirche getauft wurde. In einer Außenmauer des Doms ist ein Stein eingelassen, der an Peter Minuit erinnert, dem Seefahrer, der Legende nach der Gründer von New York. Man weiß inzwischen, dass das nicht stimmt, aber er war in den Anfangsjahren der Stadt, als sie noch Nieuw Amsterdam hieß, wesentlich an der Entwicklung der Stadt beteiligt. Der französische Nachname ist das Indiz dafür, dass seine Vorfahren Glaubensflüchtlinge waren. Wesel nahm aus verschiedenen Ländern, vor allem aus Frankreich und den Niederlanden, Glaubensflüchtlinge auf. Neben Minuit stammen auch Konrad Duden, Jan Hofer und Dieter Nuhr aus Wesel, und Hanns-Dieter Hüsch und Udo Lindenberg haben gewisse Verbindungen zu Wesel. Nach Duden wurde das hiesige Gymnasium benannt. Ob es auch eine Verbindung zu Lombard gibt, auf den angeblich ein Relief in der Lambert-Straße hindeuten soll, steht in den Sternen. Genauso rekonstruiert wie der Dom ist die wunderbare gotische Fassade des alten Rathauses. Sie ist auch spätgotisch, in einem flämisch wirkenden Stil, aber älter als der Dom. Die Fassade ist schön gestaltet, mit schmalen Fenstern, allerlei Türmchen und Fialen und Figuren aus der Ortsgeschichte in der Beletage. Unten ein Portal mit einer hölzernen Tür, und einer Freitreppe daneben. An einem Platz sehen wir zwei moderne Bronzefiguren, an einem Brunnen sitzend, der eine lange und dürr, der andere rundlich. Sie verkörpern volkstümliche Typen aus der Vergangenheit der Stadt. An der Fassade des neuen Rathauses sieht man das stilisierte Wappen der Stadt mit den drei Wieseln. Dieses Rathaus ist bereits das dritte, denn es gab ein weiteres, das in der Fußgängerzone stand. Das wurde aber tatsächlich abgebrochen, nachdem der Kaufhof Interesse angemeldet hatte und genau diese Parzelle wollte. Man gab dem Drängen des Konzerns nach, mit dem Ergebnis, dass der Bau heute leer steht. Die ganze Fußgängerzone, vom Markt bis zum Berliner Tor, durchzieht ein graues Band mit den Namen von Städten, über mehr als einen Kilometer. Es sind an die 200 Städte. Man fragt sich, was diese Städte wohl miteinander oder mit Wesel zu tun haben: Unna, Hamm, Münster, Roermond, Brügge, Lüneburg, Danzig, Riga, Visby. Es sind alles Hansestädte! Etwas abseits der Fußgängerzone ein Wandbild an einer Häuserwand, mit dem Titel Hansestadt Wesel. Es stellt eine Szene aus der frühen Neuzeit dar, mit zwei in Pelz gehüllten Kaufleuten, die Felle inspizieren. Hinter ihnen ein gotisch wirkendes Sprossenfenster, um sie herum Säcke, Krüge, Fässer, Körbe. Die Felle sind ein Hinweis darauf, dass der Tuchhandel die Basis des Reichtums von Wesel war. In einer Unterführung sehen wir den Fries eines abgerissenen Stadttors, des Klever Tors. Er stammt aus dem 18. Jahrhundert und stellt eine Huldigung an den Kurfürsten dar. Der sitzt, gewandet wie ein Römer, in der Mitte des Frieses auf einem Thron unter einem Baldachin und nimmt die Huldigungen des Volkes entgegen. Er trägt den Kurhut, die Bekrönung der Kurfürsten. Der sieht aus wie eine Krone, hat aber eine hermelinbesetzte Krempe anstelle eines Metallreifens. Wer die Figuren rechts und links des Kurfürsten sind, ist schwer zu sagen, aber sie sehen aus wie Zitate aus der Antike, mit Soldaten und Bauern links und Göttern und Helden rechts. So setzten sich die Preußen in Szene. Die letzte Sehenswürdigkeit der Innenstadt ist ein erhaltenes Stadttor, das Berliner Tor. Aber wir bekommen es nicht zu sehen, denn es wird gerade restauriert. Man kann oben gerade noch zwei posaunenblasende, geflügelte Figuren erkennen, rechts und links des preußischen Wappenschilds. Wir erfahren aber, dass auch hier die Antike zitiert wird, mit zwei überlebensgroßen Statuen von Minerva und Herkules. Auf Photos sieht das erleuchtete Berliner Tor dem Brandenburger Tor sehr ähnlich. Das dürfte auch ein Indiz für die ehemalige Bedeutung der Stadt sein.
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Treemendous

Was ist eigentlich ein Baum? Wie definiert man ihn? “Eine große Pflanze aus Holz mit einem einzigen Stamm”. So könnte man es angehen. Aber: Nicht alle Bäume bestehen aus Holz, Palmen bestehen aus fasrigem Material. Und nicht alle Bäume sind groß. Bonsais sind es nicht, obwohl es Bäume sind, sehen sie eher wie Sträucher aus. Bananen und Espen haben mehr als einen Stamm. Auch die Genetik hilft nicht so recht weiter: Eichen sind genetisch näher an der Orchidee als an der Kiefer, der Ahorn ist näher am Kohl als an der Zeder.  Trotz all dieser Schwierigkeiten haben wir intuitiv eine klare Vorstellung davon, was ein Baum ist. Unser sprachliches Wissen kann sich von unserem Sachwissen unabhängig machen. Wir wissen ja auch was ein Tisch ist. Aber wenn wir ihn definieren sollten, würden wir wahrscheinlich ins Schlingern geraten.

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Fasten – viel Lärm um Nichts

Warum halten sich eigentlich alle für aufgeklärte, mündige, kritische Menschen und laufen dann jedem Trend unkritisch hinterher? Beispiel Intervallfasten. Es lässt angeblich die Pfunde purzeln, verbessert die Gesundheit und gewährt ein langes Leben. Hohe Erwartungen, aber die Begründungen sind schwach und die Beweislage dürftig. Zugunsten des “modernen” Intervallfastens und des „altmodischen“ FdH, der simpelsten aller Fastenmethoden, wird angeführt, FdH halte keiner aus. Aber hält man Intervallfasten besser aus? In Studien haben viele Teilnehmer vorzeitig das Handtuch geschmissen. Nicht verwunderlich. 16 Stunden ohne Essen sind eine lange Zeit. Und das Intervallfasten kollidiert mit den Lebensgewohnheiten. Soll man bei einer Einladung zum Abendessen, zu einer Feier, zu einer Vernissage, dabeisitzen, ohne zu essen? Wie muss das auf die anderen wirken? Und: Hält man das aus, auf die Dauer? Dazu kommt: Wenn man beim Intervallfasten genauso viel isst wie sonst, hat die Diät keine Wirkung, auch wenn man sich an den zeitlichen Rahmen hält. Einige Experten sagen jetzt, es müsse auch nicht 16/8, es könne auch 14/10 oder 12/12 sein. Aber warum quälen sich dann so viele mit 16/8 ab? Und wenn es nicht so drauf ankommt, wo ist dann die Grenze nach unten? Viele Menschen, die sich (zeitweise) dem Intervallfasten verschrieben haben, führen die Diät strenger durch als von den Experten vorgegeben. Morgens einen Würfel Zucker im Kaffee oder ein bisschen Milch, sagen die, schade überhaupt nicht. Wenn man tatsächlich die Diät eine Zeitlang durchhält und tatsächlich Gewicht verliert, muss das gar nicht positiv sein. Vielleicht hat man nur Muskelmasse, kein Fett verloren, und das ist für den Körper eher schädlich. Wie ist es mit den Studien? Eine Studie hat ergeben, dass vollwertige Ernährung besser ist als vollwertige Ernährung plus Intervallfasten. Und es gibt keine zuverlässigen Daten, mit denen man die Vorzüge des Intervallfastens belegen kann. Sollte man dann nicht einfach auf das achten, was man isst und wie viel man isst? Die Experten sagen, ganz egal, wie die Datenlage ist, mit einer Diät erreicht man, auf seinen Körper zu achten und nur noch dann zu essen, wenn man tatsächlich Hunger hat. Aber: Ist das erstrebenswert? Essen ist doch mehr als die Bekämpfung von Hunger, ist Lebensfreude, Genuss, Kultur. Und dann stellt sich noch eine grundsätzliche Frage: In welchem Verhältnis stehen überhaupt Ernährung und Gesundheit? Eine groß angelegte Langzeitstudie mit Tausenden von Teilnehmern, heißt es, habe eindeutig nachgewiesen: Bei 20% der Probanden hat die veränderte Ernährung einen heilsamen Einfluss auf den Gesundheitszustand gehabt. 20%! Und was ist mit den restlichen 80%? Da gehe ich gerne das “Risiko” ein, zur Mehrheit zu gehören und befolge bei meinem Speiseplan die Regel, die ich mein ganzes Leben befolgt habe: Ich esse nur, was mir schmeckt und wann mir danach ist.

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