Ja-Sager und Nein-Sager

Im Aufzug in der Universität hörte ich ein Gespräch zwischen zwei Studentinnen mit, die versuchten, in möglichst vielen Sprachen das Wort für Ja zu finden. Es ging auch ganz gut, bis sie zum Lateinischen kamen. Was heißt eigentlich Ja auf Latein? Die Studentinnen ahnten wahrscheinlich nicht, wie nahe an der Wahrheit sie mit ihrem Zögern waren: Es „gibt“ nämlich kein Ja auf Latein, wenigstens nicht im klassischen Latein und nicht in einem eigenen, einzelnen Wort. Das heißt natürlich nicht, dass es keine Entsprechung zu Ja gegeben hätte. In der Regel wiederholte man entweder einen Teil der Frage oder verwendete Ausdrücke wie ita est, um die Frage zu bejahen. Erst die romanischen Sprachen, die allerdings nicht aus dem klassischen Latein abgeleitet sind, haben dann ein eigenes Wort für Ja ausgebildet, wie das spanische (das von lateinisch sic abgeleitete) Sí.
Hier einige Beispiele für Ja aus gängigen modernen Sprachen (bei denen zur besseren Identifizierung das Wort für Nein hinzugefügt ist). Um welche Sprache handelt es sich? Ano + Ne, Da + Njet, Evet + Hayir, Hai + Iie, Igen + Nem, Ja + Neen, Ja + Nej, Kyllä + Ei, Nai + Oxi, Ne + Ani, Oui + Non, Si + No, Sí + No, Sim + Nao, Tak + Nie, Yes + No. Besonders verwirrend sind für uns Wörter, die sich wie Nein anhören und Ja bedeuten, wie im Griechischen oder Koreanischen, aber auch das umgangssprachliche polnische No (und das sächsische Nu). Zu den Zuckerstückchen zähle ich auch das umgangssprachliche tschechische Ahoi für Ja und das wunderbare deutsche Jein.

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The ten commandments

In a recent production of Miller’s The Crucible in the local theatre, one could see the play’s protagonist, Proctor, struggle to say the ten commandments during a trial. He is asked by the judge to do so in order to prove that he is, after all, a religious-minded person. Actually, he does quite a good job, but stops at nine. Then his wife steps in to remind him of the one he has forgotten – adultery! Most of us today would probably do worse than Proctor. Actually, this is trickier than one might think. As a matter of fact, there are two passages in the Bible which give the ten commandments, one list (Exodus 20, 1-17) being different from the other (Deuteronomy 5, 6-21). Moreover, the commandments are not numbered, and it is not always easy to tell where one ends and another one begins. Without the numbers, one might as well come up with nine or twelve commandments, and it is really only tradition that makes us think of ten. However, we all “know” that “there are” ten commandments, even those of us who would hardly be able to name a single one.

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Ich bin die Silke

Obwohl es schon viele Jahre her ist, kann ich mich noch gut an die Situation erinnern: Kurz vor Erreichen der nächsten Station standen im Zug, zum Aussteigen bereit, ein junger Mann mit einem kleinen Mädchen, vermutlich seiner Tochter, und eine junge Frau, vermutlich eine Studentin. Das Mädchen zeigte auf die Studentin und fragte ihren Vater: „Wer ist das?“. Der Vater antwortete, das wisse er nicht, aber die Studentin gab bereitwillig Auskunft: „Ich bin die Silke.“ So etwas hatte ich noch nie gehört, jedenfalls nicht im normalen Leben. Man sagte entweder „Mein Name ist Silke“ oder „Ich heiße Silke“. Als ganz verquere Alternative wäre eventuell noch „Ich bin Silke“ denkbar gewesen, aber „Ich bin die Silke“, das bedeutete für mich nur eins: Kasperletheater: „Ich bin das Kasperle, das ist die Großmutter und das ist der böse Wolf.“ Im letzten Moment, als ich merkte, dass die Studentin das ganz ernst meinte, konnte ich mich bremsen. Eigentlich war mir nach Lachen zumute, oder danach, mit verstellter Stimme hinzuzufügen: „Und ich bin die Großmutter.“ Inzwischen sagt jede Silke „Ich bin die Silke“. Man hat sich daran gewöhnt und nimmt die neue Form mit großer Gelassenheit als einen ganz normalen Fall von Sprachwandel hin, aber vor meinem geistigen Auge erscheint ab und zu immer noch das Bild von Kasperle und wie er dem bösen Wolf Saures gibt.

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Cooler Vortrag

Im SS 2005 wurde seitens der Ökotoxikologie im Rahmen des BioGeoTox- Kolloquiums an der Universität Trier ein Vortrag angekündigt. Der Titel des Vortrags: „Dem Rätsel des Riechens auf der Spur: Vom Molekühl zur Wahrnehmung.”

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Jogging along

Although this is many years ago, I distinctly remember the day when I first heard the word jogging. A friendly Englishman, who had given me a lift, pointed to a man on the pavement and told me that was this man was doing was called jogging. This was long before the word jogging entered the German language as a foreign loanword, or at least long before it was widely known. Curiously, what I saw then was quite different from what we now call jogging in German. The man wasn’t running at all, but moving in a slightly awkward, unsteady way in what could at best be called a quick way of walking, and he was wearing no sports gear at all but his normal civilian clothes. When the word came to us, is was and still virtually is a synonym of running (although it is gradually being replaced again by Laufen), with one or two particularly clumsy runners reminding us inadvertently of the word’s original meaning.

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The nitpicker’s guide to Trier

Recently numerous signs have been put up all over the city centre to point out smaller monuments to the visitor – and to the resident. Amongst them there is one at the Herrenbrünnchen, a monument which is otherwise easily overlooked. The English translation calls it “The Lord’s Little Fountain.” This, of course, is somehow “right”, but at the same time quite wrong. The reason why it is called what it is called is that the city councillors, the Stadtherren, so to speak, used to meet here socially in early modern times and enjoy a glass of wine or two. Although there are earlier mythological connections, it was not a fountain dedicated to the Lord, i.e. to God. The French translation actually does the same. At the AVG, an old grammar school in the city centre, the sign says that this building used to be a cloister. Again, this is not what is meant. It used to be a monastery, not a cloister, although the monastery may well have included a cloister. Finally, the Landesmuseum makes this claim: “We let history come back to life.” This is a laudable proposal, but is it English? Wouldn’t you say “We make history come back to life”, or rather “We bring history back to life”, or rather something completely different?

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Endlich abgeholt

Im Trierer Dialekt ist das Wort nehmen unbekannt. Es wird regelmäßig durch holen ersetzt. Touristin im Reisebüro: „Da hol ich mir doch lieber gleich ein Einzelzimmer.“ Das ist gewöhnungsbedürftig. Hausfrau beim Betrachten eines Waschmittels: „Das kann man für Buntwäsche holen.“ Auch zusammengesetzte Verben bleiben nicht verschont. Mechaniker beim Betrachten eines Ersatzteils: „Das kann man ja leicht auseinanderholen.“ Schülerin in einem Deutschaufsatz: „Danach ging er in ein Tonstudio und ließ sich seine Stimme auf Band aufholen.“ Auch im übertragenden Sinne wird die Sache konsequent durchgezogen. Badegast im Freibad: „Das darfst du nicht persönlich holen.“ Diese Besonderheit, die allem Anschein nach nicht auf Trier (und Umgebung) beschränkt ist, sondern sich auch in Koblenz (und Umgebung) und Saarbrücken (und Umgebung) findet, zeigt immerhin, dass Sprache so redundant ist, dass ein wichtiges Wort gelöscht werden kann, ohne die Kommunikation zu beeinträchtigen. Dennoch gerät der Außenstehende gelegentlich einen Moment ins Grübeln. Verkäuferin im Supermarkt: “Ich muss dringend abholen. Ich habe zwei Kilo zugeholt.“

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Bezeichnend

Walfische sind keine Fische, und Tintenfische auch nicht; Koalabären sind keine Bären, aber Pandabären sind’s; Präriehunde sind keine Hunde, aber Kojoten sind’s; Grasmücken sind keine Mücken, Spitzmäuse sind keine Mäuse, Seebären sind keine Bären, Ohrwürmer sind keine Würmer, Meerkatzen sind keine Katzen; Tausendfüßler haben keine tausend Füße (der „Weltrekord“ liegt bei 700, einige haben nur 18); der größte Seebär heißt Zwergbär (die Zoologen hatten bei der ersten Entdeckung ein Jungtier vor sich); Schmetterlingsblütler werden von Honigbienen, nicht von Schmetterlingen favorisiert (Schmetterlinge favorisieren Falterblumen); Walnüsse sind keine Nüsse, sondern Steinfrüchte, genauso wie Pflaumen (nur bekommen wir meist nur den Kern zu sehen und nicht das äußere Fruchtfleisch); Buchweizen ist kein Weizen und auch kein Getreide. Seeigel sind Tiere, genauso wie Seegurken und Seelilien. Und was sind eigentlich Pechvögel, Glückspilze, Nachteulen, Naschkatzen, Leithammel, Frechdachse und Skihasen?

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Völlegefühl

Ein Mädchen auf der Kölner Domplatte: „Bo, ist das voll hier. Als ich das letzte Mal hier war, war das ganz anders. Da war kein Mensch da, echt. Voll leer.“

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Bookcase

After a guided tour in Stratford-on-Avon I asked the guide what the title of the book was which he had written. – What book I was speaking about, he wanted to know. That book on Stratford he had mentioned he had written, I replied. He told me, rather severely, he had never mentioned anything of the sort. Rather embarrassed, I mumbled an apology and went my way. It took me years to realize what had happened. The guide must have said, “In my book, one of the finest parish churches in England” or something of the sort, using in my book to mean ‘in my opinion’, no more than a simple phrase used when giving your opinion. Small wonder he did not know what I was talking about.

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Who the hell is Elfe?

In the English translation of the Brother Grimms’ fairy tales there is one with the title “Clever Elfe”. I wondered what this was. Is this about an elf? But then, what about the spelling? Was this perhaps an older form of the spelling? And if an elf was meant, wouldn’t there be an article in the title? So I thought that it was more likely that Elfe was just a proper name. However, I had never heard of such a name in German, but then again, it might just be a name which has fallen from use. Reading the story, it became obvious that it was meant to be a proper name. Some time afterwards, having forgotten all about it, I came across the fairy tale in an article written in German, and here it was referred to as “Die kluge Else”. Then it dawned on me: The English translator must have read the German text in an older script which is not in use any longer and in which two different signs for <s> are used, depending on its position in the word. In this script, Else would look like Elfe, something like “Clever Else”, the <s> somehow resembling an <f>, and that was how the new name was created.

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Taken for a ride?

Als ich auf der Suche nach einem fremdsprachlichen Buch war, wurde mir in einer Trierer Buchhandlung empfohlen, ich solle es doch mal mit Easy Rider versuchen.

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Rauchwaren?

“Rauchwaren”, so donnerte unser Deutschlehrer, wenn wir’s mal wieder falsch gemacht hatten, „sind keine Tabakwaren, sondern Pelze.“ Ich höre ihn heute wieder donnern, wenn er dieselben Zeitungsartikel in die Hand bekommt wie ich. Der Rheinische Merkur fragt im Oktober 2005, wie Whisky zu Rauchwaren passe, die Zeit schreibt im November 2005 von Menschen, die sich von Auslandsreisen statt Souvenirs Rauchwaren mitbringen wie Gitanes aus Frankreich, Räucherstäbchen aus Ägypten oder Zigaretten der makabren Marke Death aus England. Sprachwissenschaftler – needless to say – sehen das gelassener als Deutschlehrer. Wenn das Wort Rauchwaren für Tabakwaren gebraucht – und verstanden – wird, dann heißt es eben genau das – auch wenn der Duden weiterhin nur eine Bedeutung kennt, ‘Pelzwaren’. Das wird unseren Deutschlehrer freuen.

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Rotlichtdistrikt?

Auf einem Wegweiser vor der Porta Nigra ist das <n> in St. Paulin ausradiert. Als ich das sah, wurde mir zum ersten Mal klar, dass Paulin, sprachlich gesehen, tatsächlich etwas mit Pauli zu tun hat. Ob es weitere Parallelen zwischen St. Pauli und St. Paulin gibt?

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Baits me

In Exeter in Devon the public buses have letters instead of numbers to identify them. I took the K to get into town. The bus driver told me that for the way back I could take either the K or the T, making T rhyme with K as he was saying so. The same morning I heard the manager of Charlton Athletics being interviewed on TV. He said of their opponents: “They’re hard to beat and that wasn’t always the case”, making beat rhyme with great and case rhyme with nice .

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