7. Dezember (Sonntag)
Als wir in Lima landen, atme ich einmal tief durch. Gut gegangen. Aber wieder eine Reise mit Haken und Ösen. Der Uber, der mich zum Flughafen bringen sollte, kommt nicht, aber Illac springt kurzfristig ein. Am Flughafen erkennt der Automat meinen Reisepass nicht und die Flugnummer auch nicht. Ich werde zum Schalter durchgelassen, und der Mann muss mich in der Liste der Fluggäste suchen, um die Bordkarte auszudrucken. Dabei muss ich wieder nachweisen, wann ich aus Peru ausreise, und der Screenshot, den ich gemacht habe, reicht nicht. Irgendwie klappt es dann doch. Bei der Sicherheitskontrolle fällt meine Brille aus der Tasche, aber eine Aufsichtsperson merkt es und macht mich drauf aufmerksam. Bei LATAM gibt es im Gegensatz zu Avianca ein paar Chips und ein Getränkt, aber ich lehne dankend ab. Das flaue Gefühl im Magen ist noch nicht weg.
Als wir in Lima durch die Passkontrolle sind, suche ich am Ausgang nach einem Schild mit meinem Namen – nichts. Dann muss ich erst einmal versuchen, mich in das Internet des Flughafens einzuwählen. Das klappt am Ende, und ich sehe, dass ich gleich von zwei Männern Anrufe habe, die mich abholen wollen. Dann spricht mich einer an. Es ist der Vermieter des Apartments selbst. Es sei ihm danach gewesen, mich persönlich abzuholen, den Abholservice habe er abgesagt. Das scheint aber nicht geklappt zu haben.
Der Mann, Javier, ist sehr gesprächig, aber die Fahrt zieht sich hin. Als ich irgendwann frage, ob der Flughafen so weit vom Zentrum entfernt sei, erfahre ich, dass es einen Umweg gefahren ist – extra für mich! Ohne zu ahnen, dass ich nur so schnell wie möglich in die Unterkunft kommen will.
Als wir auf Lima zuflogen, hatte man das Gefühl, in der Wüste zu landen. Alles Sandboden, kein Baum, kein Strauch, kein Grashalm, und die kahlen Berge im Hintergrund. Ja, so sei es, sagt Javier, hier regne es kaum einmal, trotz der Nähe zum Meer, und die grüne Promenade am Meer entlang ist menschengemacht. Man hat auch die Berge zur anderen Seite mit Netzen abgesichert und den Sandboden bepflanzt, so dass man irgendwann mal durch ein grünes Spalier fahren kann.
Als erstes sieht man den Containerhafen, dann fahren wir ein Stück direkt am Meer entlang und passieren anschließend den Ortsteil Callao. Danach sehen wir Miraflores, das Vorzeigeviertel, oben auf einem Berg liegen.
Es stellt sich heraus, dass seine Kinder aus erster Ehe, Sohn und Tochter, in Deutschland leben, Sohn ist gerade fertig geworden mit Wirtschaftswissenschaftsstudium in Heidelberg, Tochter studiert Jura in Bonn. Seine Frau, zu der er noch einen guten Kontakt hat, lebt in Genf. Seine jetzige Frau ist halb Kroatin, und er spricht schwärmend von Dubrovnik und Split.
Er selbst arbeitet bei einer staatlichen Erdölfirma, und da hat er auch seine jetzige Frau kennengelernt. Auch im Justizministerium hat er mal gearbeitet, wie ich erfahre, als wir an dem monumentalen Justizpalast vorbeikommen.
Man muss sich wieder auf neue Nationalhelden einstellen. Einer davon ist Miguel Grau, an dessen Statue wir vorbeikommen. Er bezieht seinen Ruhm aus dem Krieg gegen Chile (XIX), in dem es um die Grenzziehung ging. Peru verlor damals eine Provinz an Chile, etwas, womit man sich bis heute noch nicht abgefunden hat.
Wir kommen auf Vargas Llosa zu sprechen, und Javier sagt, der sei hier gar nicht so beliebt. Woran liegt das? Daran, dass er nach Spanien ausgewandert sei? Nein, mehr daran, dass er aus Arequipa stammt. Die Leute von dort gelten als arrogant. Ganz anders als die im Norden.
Es geht endlich aufs Stadtzentrum zu. Ich wohne quasi Wand an Wand mit dem Präsidenten Perus, an der Plaza Mayor. Es handelt sich um einen jungen Mann, gerade mal 38, der, wie schon seine Vorgänger, Peru vorangebracht habe. Peru ziehe jetzt Einwanderer aus anderen Ländern Südamerikas an, und Lima vor allem auch interne Einwanderung, vom Lande. Die Stadt hat über 10 Millionen Einwohner und ist damit eine der größten Südamerikas, nach einer Statistik sogar die zweitgrößte nach Sao Paulo.
Wir fahren in ein Parkhaus, wo er wohl freie Einfahrt hat, müssen aber bis in den 7. Stock fahren, um einen Platz zu finden, und dann mit Gepäck zu Fuß die Treppe runter.
Gleich unten an der Straßenecke steht ein uniformierter Mann, bei dem ich Geld wechseln kann. Die peruanische Währungseinheit ist der Sol. Ich bekomme 330 Sol für 100 Dollar. Auch an neue Steckdosen gilt es sich zu gewöhnen. Gott sei Dank spielt mein Adapter mit.
Die Wohnung ist groß und geschmackvoll eingerichtet, aber Javier will die Miete bar bezahlt haben. Das habe ich nicht auf der Rechnung gehabt.
Zum Schluss muss ich noch eine App runterladen. Mit der öffnet man die Tür zum Haus. Oben für die Wohnung gibt es Schlüssel.
Als ich alleine bin, reicht die Energie so gerade noch zum Auspacken.
8. Dezember (Montag)
Als ich am Morgen auf die Straße trete, ist es merkwürdig ruhig. Dann merke ich: 8. Dezember, Mariä Empfängnis. Feiertag.
Die Sonne, die mich gestern in Empfang genommen hat, versteckt sich hinter einer dichten Wolkendecke. So wird es auch für den Rest der Woche bleiben.
Auf der Suche nach einer Apotheke komme ich bestimmt an einem Dutzend von Cafés vorbei, aus denen es verlockend riecht.
Dann finde ich eine Apotheke. Glykämie-Tests führen sie nicht durch, das machen nur die Kliniken. Und die haben heute wegen des Feiertags geschlossen. Ich bekomme aber die beiden empfohlenen Medikamente.
Auf dem Rückweg bekomme ich dann auch ein Frühstück. Toast mit Schinken und Spiegeleiern. Dazu Kaffee und Ananassaft. Tut gut. Teure Angelegenheit, genauso wie die Medikamente.
Unterwegs fällt mein Blick auf ein ganz ungewöhnliches Gebäude, Jugendstil pur. Auf dem Pflaster davor eine Markierung, die eine Vielzahl anderer Städte nennt, die für den Jugendstil bekannt sind, darunter Darmstadt, Weimar und Bad Nauheim, aber auch Glasgow, Riga, Nancy, Turin, Buenos Aires und Havanna.
An der Plaza Mayor nimmt der Präsidentenpalast eine ganze Breitseite ein, die Kathedrale eine andere. Die steht jedoch nicht mittig, sondern nach rechts versetzt, links sind irgendwelche Anbauten. Die anderen Gebäude sind gelb gefasst mit großen hölzernen Erkern. Scheinen städtische Institutionen zu beherbergen.
Der Platz wird bewacht von Soldaten in blau-roten Paradeuniformen mit der Standarte von Peru in der Hand, an jeder Ecke einer und jeweils in der Mitte des Platzes.
Ich gehe in die Kathedrale rein, aber da beginnt wohl gerade ein Gottesdienst. Sitzplätze bis auf den letzten Platz besetzt. Architektonisch eine barocke Angelegenheit wie aus einem Guss. Die Seitenschiffe sind sehr hoch, wirkt fast wie eine Hallenkirche. Alle Schiffe haben ein einheitliches, gitterartiges Gewölbe, schön anzusehen.
Ich will nach Hause zurück, komme aber mit der Applikation unten nicht rein. Zum Glück kommt gerade ein freundlicher Herr aus dem 2. Stock, der mich reinlässt.
Als ich wieder in der Wohnung bin, rufe ich den Vermieter an. Der gibt mir das Gefühl, das liege alles nur an meiner Unbeholfenheit, die Applikation werde von mehr als 400 Personen benutzt. Das hilft mir aber wenig, mich hat sie einfach nicht reingelassen. Ich sollte mich wieder neu registrieren, aber die Applikation ließ das nicht zu. Außerdem hätten mir die Daten gefehlt. Ich trauere den Tagen nach, in denen man per Schlüssel in ein Haus kam.
Später kommt er aber und zeigt sich von seiner angenehmsten Seite. Er ist wirklich welterfahren. Erzählt, wie ihm einmal in China eine ganze Aktentasche abhanden gekommen ist, mit zwei verschiedenen Visa und Pass und Reisechecks und Bargeld. Dann fiel ihm die Bank ein, in der er glaubte, seine Aktentasche liegengelassen zu haben, und da stand sie noch, so, wie er sie auf dem Boden abgestellt hatte. Ich bekäme meine Sachen auch wieder. Innerhalb von zwei, drei Tagen kämen die hier an. Ich könne sie an seine Adresse senden lassen. Er gibt mir noch den Hinweis auf die Filiale eines Kurierservices, hier ganz in der Nähe, da solle ich mal nachfragen.
Dann gehen wir runter, deinstallieren die App und installieren sie neu. Im Moment scheint es zu klappen, aber ich traue dem Braten noch nicht ganz, werde jedes Mal nervös werden, wenn ich vor dem Tor stehe.
Auch für die Bezahlung lässt er sich auf meinen Vorschlag ein. Überweisung statt der eigentlich vorgesehenen Barzahlung. Und nicht nur das, er ebnet mir sogar den Weg und bietet mir an, das Geld auf das Konto seiner Tochter in Deutschland zu überweisen. Die unterstützt er jeden Monat mit 1.000 €. Er scheint nicht zu den Ärmsten im Lande zu gehören.
Von China hat er mir gestern schon erzählt. Er ist zweimal dort gewesen, mit einem Abstand von einigen wenigen Jahren, und hat das Land praktisch nicht mehr wiedererkannt. Er hat auch Chinesisch gelernt und bestätigt, wie alle, die sich daran versuchen, dass die Sprache eigentlich leicht zu erlernen ist, solange man die Schrift außen vor lässt. In der mündlichen Sprache sind die Töne die größte Herausforderung.
Er fragt noch nach meinen Plänen für die nächsten Tage und sagt, als er mich noch etwas unschlüssig und schlecht informiert sieht, er werde einer guten Freundin meine Telefonnummer geben. Die habe sich mit den alten Kulturen Perus beschäftigt und könne mir sicher ein paar Tipps geben. Nicht schlecht.
Als er gegangen ist, mache ich mich auf die Suche nach dem Kurierservice, in einer kleinen Ladenpassage untergebracht, in der es nur so von Massagesalons wimmelt. Irgendwo im dritten Stock finde ich das Büro. Geschlossen.
Ich gehe einmal über die Plaza Mayor. Da herrscht jetzt Feiertagsstimmung. Richtig viel los, dabei geht es aber sehr ruhig zu.
In einem kleinen Lokal bekomme ich eine Art Hamburger zu essen, dazu einen peruanischen Kaffee. Der ist pechschwarz, aber nicht bitter und, dem Vernehmen nach, auch nicht sehr stark.
Die ältere Dame, die mich bedient, ist sehr freundlich, mehr als die anderen, auf die ich bisher gestoßen bin. Sie sagt mir, wo die Tourismusinfo ist, wann der Wachwechsel stattfindet und dass wir Nachbarn sind. Wenn ich irgendwelche Fragen hätte, jederzeit gern. Zum Schluss rundet sie den Betrag, den ich ihr schulde, nach unten ab, 50 statt 52.
Ich gehe noch zur Touristeninformation, aber auch die hat heute geschlossen.
Auf dem Rückweg komme ich unter dem Portal de los Escribanos her. Zuerst habe ich vermutet, dass das so was wie in Mexiko ist, wo es Schreibkundige gab, die für andere Briefe verfassen, private wie offizielle, aber hier geht es wohl eher um Personen, die von Amts wegen hier saßen.
Wieder zu Hause, merke ich, dass der Turm der gestern Abend schön angestrahlten Kirche, die ich von meinem Wohnzimmer aus sehe, nicht zur Plaza Mayor gehört, sondern hinter ihr liegt. Wenn mich nicht alles täuscht, hat Javier sie gestern erwähnt.
9. Dezember (Dienstag)
Marschmusik am Morgen kündigt an, dass der heutige Feiertag, im Gegensatz zum gestrigen, kein religiöser, sondern ein staatlicher ist.
Wieder ein grauer, wolkenverhangener Tag. Kein Sonnenstrahl weit und breit, keine Wolkenlücke. Wie bleiern hängen die Wolken ganz tief am Himmel, aschgrau. Dass ich bisher vom Wetter verwöhnt worden wäre, kann man nicht sagen.
Wie blind man sein kann! Jetzt erst merke ich, dass man hier für die Steckdosen gar keinen Adapter braucht.
Beim Runtergehen achte ich zum ersten Mal auf das Treppenhaus. Das ist, dafür, dass das Haus an so zentraler Stelle steht – neben dem Präsidentenpalast – ziemlich vernachlässigt. Das Geländer, die Decken, die Wände, alles ziemlich schmuddelig, teils mit abblätternder Farbe. Einer der Fahrstühle ist ganz gesperrt. Im Flur stehen ziemlich hilflos ein paar antik aussehende, graue Vasen herum, ansonsten herrscht gähnende Leere. Keine Pflanze, kein Bild, nichts. Und die Portiersloge unten ist nicht besetzt.
Bevor ich rausgehe, probiere ich den Türöffner im Handy aus. Funktioniert wieder nicht. Ich muss zu Hause bleiben.
Als der Vermieter sich meldet, will er einen Screenshot dessen, wie auf meiner App aussieht. Er setzt sich dann mit dem Anbieter in Verbindung. Die können auch nicht weiterhelfen. Er empfiehlt mir, mich neu zu registrieren. Sieht gut aus. Ich gehe in Vertrauen auf Gott und den Vermieter aus dem Haus.
Heute steuere ich direkt die Kirche an, deren Turm ich von der Wohnung aus sehen kann. Es ist die Dominikanerkirche, und gleich daneben ist das Convento de Santo Domingo. Ein Teil davon ist Museum, und das heute geöffnet. Ich bekomme sogar einen Seniorenrabatt.
Eine Führung hat gerade angefangen. Der kann ich mich anschließen. Es ist außer mir nur ein Ehepaar dabei.
Wir beginnen in dem ersten von zwei Patios, palmenbestanden, mit sevillanischen Kacheln an den Pfeilern und hölzernen Balkonen im Obergeschoss. Sehr schön.
Der zweite Patio, ebenfalls palmenbestanden, ist ganz anders, aber auch schön, steinsichtig, gelb gefasst.
Hier leben weiterhin zehn Dominikanermönche, fünf alte und fünf junge. Aber sehen tun wir keinen von ihnen.
Wir gehen in die Krypta runter. Die ist sehr flach gedeckt, mit einem schönen gekachelten Fußboden. Hier wurden die Mönche ursprünglich bestattet. Nach Ablauf einer Zeit wurden ihre Knochen dann in das Ossuarium hinten in der Krypta verfrachtet. Mittels eines Spiegels kann man hier noch die übereinandergestapelten Knochen sehen.
Der Konvent war früher auch Universität, die Dominikaner waren ja immer für ihre Gelehrsamkeit bekannt. Wir kommen in den Prüfungsraum, mit Gestühl für die Prüfer an den Seiten. Das Verdikt wurde von oben gesprochen. Am Ende des Raums befindet sich ein geschlossener hölzerner Balkon, und wenn sich dessen beiden Fenster am Ende der Prüfung öffneten, war die Prüfung bestanden. Sonst nicht. Da wurde mit einiger Dramaturgie gearbeitet.
Im Folgenden ist ständig von drei Heiligen die Rede, „nuestros tres santos peruanos“, von denen man annimmt, dass jeder sie kennt: San Martín de Porres, San Juan Macías, Santa Lima de Rosa. Die wird tatsächlich in ganz Lateinamerika (und darüber hinaus) verehrt. Im Zweiten Innenhof sind sie als Holzfiguren zusammen mit Santo Domingo dargestellt, mit ihren jeweiligen Attributen: Buch, Kreuz, Hund und Globus für Santo Domingo (die Dominikaner waren die domini canes, die Hunde des Herrn), Katze und Rosen für Santa Rosa de Lima, Besen für San Martín de Porres und Brotkorb für San Juan Macías. Der war eigentlich Spanier, aus der Extremadura, Macías bezieht sich auf seinen Beruf als Schäfer. San Martín de Porres war Mestize, auf einem der (vermutlich sehr spekulativen) Gemälde sieht er aus wie Haile Selassie. In der Kapelle, die ihm gewidmet ist, sind auch zwei Filmplakate ausgestellt. Einer der Filme heißt El Santo de la Escoba. Der Besen ist wohl untrüglich sein Attribut. Santa Rosa de Lima hieß eigentlich Isabel. Das wissen die beiden anderen, die an der Führung teilnehmen. Ihre Mutter nannte sie Rosa, weil sie so schön war. Das wollte sie aber nicht, gab sich am Ende aber damit zufrieden, Rosa de Santa María genannt zu werden. Sie trat in den Dritten Orden der Dominikanerinnen ein, den Laienorden. Alle drei lebten in der frühen Neuzeit, alle drei widmeten sich den Armen und Kranken, alle drei gehörten zum Dominikanerorden, aber die beiden Männer wurden erst im 20. Jahrhundert heiliggesprochen.
Wir gehen anschließend in die Bibliothek, einen langgestreckten Raum voller alter Bücher, Tausende, die meisten auf Latein, einige wenige in einem frühneuzeitlichen Spanisch. Die Bibliothek umfasst die Wissensgebiete Mathematik, Astrologie, Philosophie, Geschichte und natürlich Theologie. Ursprünglich war dieser Raum das Refektorium, die Bibliothek befand sich im Obergeschoss, um das natürliche Licht auszunützen.
Wir steigen auf den westlichen Chor der Kirche. Von hier aus sieht man ins Gotteshaus hinunter. Dort geht gerade ein Gottesdienst zu Ende, mit mexikanischen Rhythmen, die ganz weltlich klingen. Die Gläubigen drängen sich in einem Haufen vor der Altarschranke.
Wir müssen noch weitere 135 Stufen rauf. Glücklicherweise sind die breit und ziemlich bequem. Auf zwei Geschossen des Glockenturms sehen wir Glocken, die schwerste davon wiegt über eine Tonne.
In einem Turmgeschoss sind Zeichnungen eines Amateurmalers aus Lima ausgestellt, Dutzende davon, immer im gleichen Format. Sie stellen alle möglichen Charaktere dar, leicht karikiert, Nonnen, Ritter, Bader, Damen, die ein Schätzchen halten, Reisende und Geschäftsleute auf Eseln. Sehr schön.
Von oben hat man einen guten Blick in die Ferne, aber schön ist das nicht, was man hier sieht, auch wenn die Führerin sich bemüht, einzelne schöne ältere Gebäude vorzuzeigen. Das meiste ist gesichtslos, moderne Hochhäuser, durcheinandergewürfelt, ohne Sinn und Zweck, jedenfalls ohne ästhetischen Sinn und Zweck.
Interessant ein langgestrecktes Gebäude, gleich unter uns, mit einer flachen Kuppel in der Mitte. Was ist das denn? Das ehemalige Post- und Telegraphenamt. Es war einst glasgedeckt, aber man hat die Glasdecke wegen der Erdbebengefahr vorsichtshalber entfernt. Das Gebäude soll saniert und zu einem Museum umgestaltet werden.
Am Nachmittag meldet sich Javiers Bekannte. Wir verabreden und am Eingang zur Kathedrale und beschreiben unsere Kleidung, damit wir uns erkennen. Sie hat es leichter mit meinem Ausländergesicht.
Wir sind sofort per Du, aber es dauert etwas, bis ich verstehe, wie sie heißt. Sie hat nämlich zwei Namen, Mónica und Silvana. Die einen nennen sie so, die anderen so. Kommt öfter vor, als man glaubt.
Sie ist ziemlich erschöpft, und das kann man wirklich verstehen. Sie wohnt ganz im Süden, fast außerhalb von Lima, und muss mit dem Bus Gott weiß wie lange unterwegs sein, um hier ins Zentrum zu kommen. Und gestern hat sie auf Wunsch ihres Sohnes aus Anlass von dessen Geburtstag eine wahnsinnige Exkursion unternommen: Nach Nazca und zurück an einem einzigen Tag. Hat die berühmten Nazca-Linien überflogen, zum ersten Mal, und ist schwer beeindruckt. Das solle ich unbedingt auch machen.
Ich werde es aber langsamer gehen lassen und unterwegs Halt in Paracas machen. In Ica, verbessert sie mich. Ica ist der Standort, von dem aus man Paracas und die Inseln besichtigt.
Wir gehen in ein Straßencafé und bestellen einen Saft, chicha morada. Woraus ist der gemacht? Aus Mais, aus rotem Mais! Schmeckt man nicht.
Sie arbeitet, wenn ich das richtig verstanden habe, im Gesundheitsdienst. Hat noch zwei Jahre. Und dann, die Pension genießen? Ja, denkste! So etwas wie eine Rente werde sie überhaupt nicht bekommen, hat wohl irgendwann eine Abfindung bekommen. Damit muss sie zurechtkommen. Besitzt zusammen mit zwei Brüdern ein Haus, das sie dann verkaufen wollen.
In Europa ist sie noch nie gewesen, ihr Sohn wohl, schon zweimal. Der kennt Holland und Belgien und sogar Norwegen, und hat mal ein halbes Jahr in Italien gelebt.
Mit erstaunlicher Offenheit spricht sie von dem problematischen Verhältnis zu ihrer akademisch gebildeten, aber psychisch gestörten Tochter. Die wollte eigentlich die Geburtstagstour auch mitmachen, hat aber im letzten Moment beleidigt abgesagt.
Sie hat am Samstag Zeit. Wir können uns dann in Miraflores treffen und einen Spaziergang machen. Gute Idee. Vorausgesetzt, bis dahin habe ich meine Probleme behoben.
Sie würde mich auch gerne am Sonntag nach Ica begleiten, hat aber ihren Jahresurlaub schon aufgebraucht und will, verständlicherweise, nicht an den Urlaub des nächsten Jahres gehen. Sie will aber mal sehen, was sich machen lässt.
Ich begleite sie noch ein Stück die Einkaufsstraße runter und kaufe auf ihre Empfehlung etwas Süßes, als Mitbringsel für die Leute in Quito.
10. Dezember (Dienstag)
Als ich am Morgen aus dem Haus komme, laufe ich direkt auf eine Schlange zu, die sich bis um die Ecke windet. Was ist das denn? Ich frage einen Mann, der Plastikhocker verteilt oder vermietet, damit die Wartezeit bequemer abgesessen werden kann. Er sagt, das seien alles Rentner. Die stünden Schlange vor der Bank. Um ihre Rente zu kassieren. Ja, aber es ist doch weder Monatsanfang noch Monatsende. Ja, sie kommen viermal pro Monat!
Die Plaza Mayor ist nicht wiederzuerkennen. Es ist ganz ruhig hier heute. Die Sonne bemüht sich und sendet momentan einen blassen Schimmer durch die Wolken, zieht sich aber im Laufe des Morgens wieder zurück.
Das Geld zerrinnt mir durch die Finger. Peru ist teuer. An der Stelle, wo am Sonntag der Geldwechsler stand, ist keiner zu sehen. Ein Polizist sagt mir, ich solle zur Plaza San Martín gehen. Und dann sagt er mir hinter verhohlener Hand, da werde ich auch einen besseren Kurs bekommen.
Es geht die ganze Einkaufsstraße runter, ein ordentliches Stück bis zur Plaza San Martín. Beim Überqueren einer Straße merke ich, dass das merkwürde Jr. am Beginn der Straßennamen hier für Jirón steht. Hat mit Junior einleuchtenderweise nichts zu tun. Ganz erklären kann ich mir das mit dem Jirón dennoch nicht.
Die Plaza San Martín ist eine kleine Ausgabe der Plaza Mayor, aber grüner, schöner angelegt, wobei zu Grün auch die violett blühenden Bäume zählen, die hier stehen. Fleißige Gärtner sind trotz der frühen Stunde schon am Werk, gießend und kappend.
San Martín ist trotz seines Namens kein Heiliger, wenn überhaupt, ein weltlicher, ein Freiheitskämpfer, einer der ganz großen Namen im südamerikanischen Unabhängigkeitskampf. Mehr als einmal bin ich schon auf ihn gestoßen, vor allem in Argentinien. Dort, im damaligen Vizekönigreich La Plata, ist er geboren. Hier thront er in der Platzmitte auf seinem Pferd.
Schon an der Ecke hat mich ein Straßenkäufer abgefangen und mir den Weg zu den Wechselstuben gezeigt. In der ersten bekomme ich meine Dollars nicht umgetauscht, weil jemand auf einen Schein einen Kringel mit einem Kuli gemacht hat. In der zweiten Wechselstube verringern sie deshalb den Wechselkurs.
Der Straßenverkäufer lauert mir schon auf, als ich wieder auf die Straße komme. Eine touristische Karte von Südamerika hat er im Angebot und eine von Peru. Er hat alle Tricks drauf, lobt mein Spanisch, erzählt von seiner Kinderschar, drückt mir die Karten in die Hand. Am Ende habe ich beide in der Hand, zu einem „Sonderpreis“.
In der Fußgängerstraße gehe ich in einen Schnellimbiss zum Frühstücken. Die Kellnerin empfiehlt mir das Desayuno huachano. Das sei das typischste: Speck, Blutwurst, Rührei mit Tomaten, Zwiebeln und camote. Da muss ich nachfragen. Sind wohl Süßkartoffeln, das, was es in Kolumbien als plaintains gab. Zu dem Kaffee bestelle ich noch einen Erdbeermilchshake. Die Erdbeeren heißen hier wieder fresas, wie in Spanien, nicht frutilla.
Huacho ist eine Stadt an der Pazifikküste, gut zwei Stunden von Lima entfernt. Auch Mónica hat von ihr gesprochen.
Beim Bezahlen erwartet mich der nächste Nackenschlag. Jetzt haben sie auch meine zweite Kreditkarte gesperrt. Die Pechsträhne dauert an.
Ich frage bei der Touristeninformation nach. Ich schildere mein Problem, sie sprechen sogar von der Möglichkeit, dass ich von dort aus den Anruf bei der Bank in Deutschland machen kann, aber es stellt sich heraus, dass das nicht geht. Solche Geschäfte, an denen man Telefongespräche gegen Bezahlung machen kann, gibt es wohl nicht mehr.
Wo ich schon gerade da bin, frage ich gleich nach dem Weg zur neuen Unterkunft und nach Stadtführungen. Die finden freitags, samstags und sonntags statt. Passt nicht.
Wieder zu Hause versuche ich, die Bank in Deutschland zu erreichen, aber das klappt trotz familiärer Hilfe nicht. Irgendwie hat das Schicksal sich gegen mich verschworen.
Javier versucht, aus der Ferne zu helfen. Es ist ihm unverständlich, dass es keine Notrufnummer gibt, unter der ma n die Bank erreichen kann. Er findet am Ende aber doch noch irgendwo in Lima einen Laden, von wo aus man Anrufe gegen Bezahlung machen kann, ein locutorio.
Jetzt steht aber erst einmal der Umzug an. Ich packe meine Siebensachen und mache mich auf den Weg. Die gesamte Plaza Mayor ist abgesperrt, es scheint später eine Veranstaltung stattzufinden. Man lässt mich aber noch durch.
Der Weg ist derselbe wie heute Morgen zur Wechselstube, immer geradeaus Richtung Plaza San Martín. Die Einkaufsstraße ist voll, immer wieder wird man von Leuten angesprochen, die einem etwas verkaufen wollen.
An der Plaza San Martín geht es rechts ab. Je weiter man sich von dem Platz entfernt, umso einsamer und hässlicher wird es. Außerdem wird mir das Gepäck schwer. Ich erreiche das Ende der Jr. de Ocaña bei Hausnummer 395. Ich muss aber zu 452. An der Straßenecke frage ich jemanden. Der weiß nicht Bescheid, sagt mir aber, ich solle auf jeden Fall die Straße da vorne vermeiden. Da sei es gefährlich. Genau da bin ich gerade hergekommen.
Es stellt sich heraus, dass die Jr. de Ocaña im Zickzack weiter verläuft. Bald erreiche ich 452, aber es ist noch zu früh. Ein Café finde ich nicht, nur einen chinesischen Schnellimbiss. Egal. Ich gehe rein und versuche, die Weihnachtsdekoration und die Goldfische auszublenden. Nicht so leicht auszublenden sind die Geräusche, der Verkehrslärm, der durch die offene Tür kommt, Madonna, die auf einem Bildschirm trällert, aber übertroffen wird von dem Soundtrack eines Action-Films, der gleich über meinem Kopf auf einem zweiten Bildschirm läuft.
Ich bestelle das erste Beste auf der Karte, ohne zu wissen, was es ist, chaufa de chancho. Es ist ein riesiger Berg von Gemüsereis mit kleinen, schmackhaften Hähnchenstückchen. Gar nicht schlecht, aber ich schaffe nicht einmal die Hälfte.
Dann stehe ich vor der Unterkunft. Die ganze Gegend sieht nicht sehr vertrauenerweckend aus, aber der Eindruck ändert sich schlagartig, als sich die Tür öffnet. Man blickt in einen langen, weiß getünchten Gang, sauber, adrett, mit ein paar schönen Möbeln und einer ganzen Reihe von kleinen, dunkelblauen Blumenvasen an der Wand. Alles sehr gepflegt, genauso wie die Vermieterin, Carla.
Sie weist mich ein, zeigt mir die Küche, mein Zimmer (mit eigenem Badezimmer und einem kleinen Schreibtisch) und wie ich ins Haus komme. Mit einem Schlüssel!
Hier sind noch zwei weitere Zimmer vermietet. In einem wohnt ein peruanischer Student, langfristig, in dem anderen ein Touristenpaar.
Ich verstaue meine Sachen und belagere anschließend Carla mit meinen Problemen. Sie ist sehr hilfsbereit, will mit ihr Handy zum Telefonieren zur Verfügung stellen. Sie macht im Laufe der Zeit bald ein Dutzend Anrufe, bekommt immer neue Auskünfte und wird immer wieder gebeten, später noch mal zurückzurufen. Erst heißt es, ein Anruf koste 0,69 PEN pro Minute. Das würde ich ohne Zögern bezahlen. Aber wir kommen nicht durch. Dann heißt es, es müsse erst etwas freigeschaltet werden, dann, ihr Guthaben müsse aufgestockt werden, obwohl sie einen Vertrag hat. Dann wird ein Paket angeboten, zu günstigeren Bedingungen, aber nach einigem Hin und Her stellt sich heraus, dass Deutschland in dem Paket nicht inbegriffen ist.
Es vergehen anderthalb Stunden, und am Ende müssen wir aufgeben, da es zu Hause bereits 22 Uhr und die Bank nicht mehr zu erreichen ist.
In den zwischenzeitlichen Wartezeiten kann sie einiges von sich erzählen. Sie ist alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern, 11 und 14 Jahre alt. Beide sind athletisch veranlagt, eine hat sich gerade das Bein gebrochen und ist als Invalidin zu Hause.
Eine der Töchter möchte in Spanien studieren. Dort koste das Studium an einer staatlichen Universität 800 $ pro Jahr, hier 1.000 $ pro Monat.
Von ihrem Mann hat sie sich während der Pandemie getrennt. Der lebt in einer anderen Gegend Perus. Sie hat mit ihm lange in Piura gelebt, einer Provinz, die an Ecuador grenzt. Dort sei es unerträglich heiß, meint sie.
Ihr Bruder lebt inzwischen in Spanien, hat aber auch in Italien und in Deutschland gelebt und ist sogar mit einer Deutschen verheiratet gewesen, einer Frau, die wesentlich älter als er selbst war.
Sie, Carla, kann außer Englisch auch Italienisch, tut sich aber schwer mit den Sprachen, wie sie sagt. Das britische Englisch gefalle ihr besser als das amerikanische, und das könne sie auch besser verstehen.
Wir verbleiben für morgen so, dass sie um 9 hierher kommt und wir dann gemeinsam zu dem von Javier empfohlenen locutorio fahren, offensichtlich dem einzigen, das in Lima noch verbleibt. Das befinde sich in einer etwas schmuddeligen Ecke, da sollten wir lieber zusammen hinfahren.
11. Dezember (Donnerstag)
Carla kommt und wir nehmen ein Taxi zu den wohl einzig verbliebenen locutorio Limas, einer Art privat betriebenen Telefonzelle, in einer, wie Carla schon angekündigt hat, schäbigen Gegend. Das locutorio passt sich perfekt der Umgebung an. In der Telefonzelle, deren windschiefe Glastür mit einem Vorhängeschloss verriegelt ist, steht ein Telefonapparat von Anno Dazumal. Die Betreiberin des Kiosks, zu dem die Telefonzelle gehört, sagt, bis 11 Uhr komme niemand, der dafür zuständig ist, und, soweit sie wisse, könne man ohnehin nur Auslandsgespräche nach Argentinien und Spanien führen. Wir geben der Sache keine Chance.
Danach fragen wir uns von Handyladen zu Handyladen durch, immer mit demselben Ergebnis: Entweder sagen sie uns, was wir schon wissen, oder etwas, was nicht stimmt.
Ich würde am liebsten aufgeben, aber Carla schlägt vor, wir sollten es in einem Hotel versuchen. Tatsächlich erlaubt uns die junge Frau an der Rezeption, ihr Handy zu benutzen. Aber auch sie muss feststellen, dass sie keine Anrufe nach Deutschland tätigen kann.
Sie empfiehlt uns die Touristenpolizei, aber da ist niemand. Der Portier des Hotels, an dem wir wieder vorbeikommen, sagt, wir hätten uns getäuscht. Da sei jemand. Das wisse er ganz genau. Er geht sogar mit uns, nur um festzustellen, dass die Tür verschlossen und niemand da ist.
Die ständigen Rückschläge schlagen mir aufs Gemüt. Ich schlage vor, dass wir es lassen und nach Hause zurückkehren.
Unterwegs erzählt mir Carla, dass sie die Vermietung erst seit einem Jahr betreibt. Scheint gut zu laufen. Das Haus gehört ihrem Schwiegervater, und sie hatte schon länger vor, irgendwas damit zu machen, aber ihr Mann war dagegen. Sie wohnten damals in Piura, aber sie wollte ohnehin lieber nach Lima zurück. Nach der Trennung von ihrem Mann machte sie dann ein Geschäft mit dem Schwiegervater. Er stellt das Haus zur Verfügung, sie kümmert sich um alles, und sie teilen sich den Gewinn.
Einmal pro Monat kommt ein junger Mann, der die Grundreinigung macht, um alles andere kümmert sie sich. Die Wäsche kann sie glücklicherweise hier waschen, selbst wohnt sie nämlich eine ganze Autostunde entfernt. Interessant, welche Leute mit welchen Biographien man auf so einer Reise kennenlernt.
12. Dezember (Freitag)
Um 5.30 steht das Taxi vor der Tür. Als ich am Abend die Wohnung wieder betrete, ist es 21.30. Und das, obwohl wir schon um 19 Uhr gelandet sind. Die restliche Zeit vergeht mit dem Schlangestehen bei der Passkontrolle, der vierten des Tages, und der quälerischen Fahrt durch die verstopften Straßen. Der Taxifahrer ist entsetzt, als er erfährt, dass es ins Zentrum von Lima geht. Warum ist jetzt so viel Verkehr? Arbeiten die Leute außerhalb und leben im Zentrum? Nein, sie kommen heute, Freitag, kurz vor Weihnachten, alle zum Feiern und zum Einkaufen hierher.
Limas öffentlicher Verkehr scheint auch nicht viel dazu beizutragen, den Verkehr zu entlasten. Man sieht nur ein paar, schlecht besetzte Busse, und die müssen sich mit allen anderen durch das Gewühl drängen.
Am Flughafen war ich froh, dass die Sache mit den Taxis so gut organisiert ist. Man kauft ein Ticket an einem Stand mit gelb uniformierten Mädchen, und die übergeben einen in die Obhut eines ebenfalls gelb uniformierten Mannes, der einem dann das Taxi zuweist, sobald es kommt.
Nicht so erbaut bin ich von dem Preis. Heute Morgen habe ich für die von Carla gebuchte Fahrt zum Flughafen 27 PEN bezahlt, jetzt zahle ich 78 PEN. Die Taxiunternehmen schubsen einen in die Hände von Uber & Co.
Der Tag hat nur einen Höhepunkt, und das ist die Entgegennahme meiner Habseligkeiten in Quito. Ansonsten ist Warten angesagt.
Ich kann die Zeit wenigstens nutzen, um mir ein paar Karten und Broschüren anzusehen. Peru, stellt sich heraus, ist noch ein bisschen größer als Kolumbien, das, wie ich nicht müde werde zu wiederholen, so groß wie Frankreich, Spanien und Portugal zusammen ist. Peru ist beinahe 4x-mal so groß wie Deutschland, und doch ein Zwerg im Vergleich zu Argentinien und Brasilien. In Argentinien passt Deutschland 18x-mal rein, in Brasilien 23x-mal.
Die Währung heißt Sol. Die hat als Nuevo Sol den inflationären Inti abgelöst. Es gibt Münzen zu 1, 2 und 5 Sol, wobei die höheren Werte mickriger aussehen. Es gibt auch Céntimos zu verschiedenen Werten, aber meistens ist die Summe, die man zahlt, rund. Die Banknoten scheinen alle die gleiche Größe zu haben, aber ich habe noch nicht alle in der Hand gehabt.
Ich habe auch Zeit, die eine oder andere der lateinamerikanischen Kurzgeschichten noch mal zu lesen und die Kurzbiographien der Autoren. Dabei fällt auf, wie viele von denen lange Zeit im Ausland gelebt haben. Borges, Argentinier, hat lange in Genf gelebt und bei der Gelegenheit auch Deutsch gelernt (Französisch konnte er sowieso), Vargas Llosa, Peruaner, hat schon als junger Mann in Madrid ein Stipendium gehabt, hat lange in Havanna gelebt und ist dann am Ende ganz nach Spanien übergesiedelt, Isabel Allende, Chilenin, hat lange in Venezuela gelebt und sich jetzt nach Kalifornien zurückgezogen, García Márquez, Kolumbianer, hat lange in Barcelona und Paris gelebt und ist in Mexiko gestorben, Benedetti, Uruguayer, hat viele Jahre des Exils in Argentinien, Kuba, Peru und Spanien verbracht, Cortázar, Argentinier, ist in Brüssel geboren und hat Paris zu seiner Wahlheimat gemacht, Carpentier, Kubaner, hat seine Jugendjahre in Frankreich verbracht und später in Venezuela gelebt, Sepúlveda, Chilene, hat lange mit seiner deutschen Frau in Deutschland gelebt und ist in Spanien gestorben, und Quiroga, Uruguayer, hat jahrelang im argentinischen Dschungel gelebt. Zu den Ausnahmen zählen Juan Rulfo, der tatsächlich die meiste Zeit seines Lebens in Mexiko geblieben ist und Bioy Casares, der seinem Argentinien treu geblieben ist.
13. Dezember (Samstag)
Als ich am Morgen aus dem Haus gehe, nimmt mich der schreckliche Himmel von Lima in Empfang, schlimmer als in Deutschland an den schrecklichsten Wintertagen. Eine geschlossene Decke, hellgrau, keinerlei Abwechslung, nicht einmal ein dunkle Wolke, geschweige denn eine Wolkenlücke. Ich habe selten so etwas Deprimierendes gesehen. Es ist vermutlich Smog.
Dazu passen die hässliche Bebauung, teils an sozialistische Architektur erinnernd, und das ständige Hupkonzert, unterbrochen von den Martinshörnern von Krankenwagen und Polizeiwagen, die ständig unterwegs zu sein scheinen.
Ich suche den Supermarkt von vorgestern, aber der ist wie vom Erdboden verschwunden. Zwei junge Polizisten sagen mir, so was gebe es hier nicht, da müsse ich ein Taxi nehmen, un carrito. Ich zweifele allmählich an meinem Verstand. Ich gehe zurück und dann noch mal in die andere Richtung und überquere dann die Straße, nur, um dort auf einen Baumarkt zu treffen.
Es geht die Calle del Huevo entlang. Der Beschreibung zufolge hat der Name seinen Ursprung in einem Erdbeben aus dem 18. Jahrhundert. Da erschien auf dieser Straße auf einem eine Eierschale, und aus der entschlüpfte ein Basilisk.
An einigen Straßenständen wird Obst verkauft, als Obstsalat in Schalen, aber ich verpasse die Gelegenheit und finde die Stände später nicht mehr. An vielen kleinen Ständen drängen sich die Menschen herum, hier gibt es wohl so etwas wie peruanische Hamburger.
Ich muss mein Urteil über den öffentlichen Nahverkehr in Lima etwas revidieren. Auf der breiten Straße, die ich überquere, hat der Bus seine eigene Spur und eigene abgeschlossene, erhöht liegende Haltstellen, und auf einer anderen breiten Straße gibt es eine Spur (die, wie in Südamerika üblich, auch von Motorrädern benutzt wird) für Fahrräder und E-Roller.
Nach weiterer vergeblicher Suche gehe ich nach Hause zurück. Der Supermarkt heißt Totus und ist nur eine Minute entfernt. Ich komme zwar erst nur zum Liefereingang, aber dann klappt es. Entweder bin ich vorher am Eingang vorbeigelaufen (kann durchaus sein, der Eingang zu dem Markt verbirgt sich hinter den Eingangstüren eines ehemaligen Stadtpalais) oder die Tore waren einfach noch nicht geöffnet.
Ich kaufe Wasser und Joghurt und einen Panettone für Carla, als Dank für ihre Hilfe.
Denn kleinen Stand mit den Empanadas finde ich nicht, aber ich sehe welche in einem winzigen Laden, dessen Eingang man leicht übersehen kann. Es sieht so aus, als wären alle vor mir dran, auch die später Gekommenen. Dann sagt mir ein Mann – alle Kunden sind hier Männer – dass man erst an der Kasse bezahlen und dann hier die Ware abholen kann. Auch die im Russland sozialistischer Zeiten.
Der Vormittag verläuft, obwohl ich zu Hause bin, lebhaft. Der Höhepunkt am Ende des Vormittags, als ich aufgrund einer clever ausgedachten Strategie der jungen Leute in einer Telefonkonferenz über meine eigene Festnetzleitung zu Hause mit der Bank telefoniere. Nach mehreren vergeblichen Versuchen kommen wir durch und erreichen am Ende auch einen zuständigen Mitarbeiter. Das Gespräch mit dem verläuft erstaunlich glatt, und jetzt sieht es tatsächlich so aus, als sei das leidige Problem aus der Welt geschafft!
Inzwischen hat sich Mónica, Javiers Freundin, gemeldet, und für den frühen Nachmittag ein Treffen in Miraflores vorgeschlagen. Wieder geht es im Taxi durch das Verkehrsgewühl.
Wenn man in Miraflores aussteigt, glaubt man, in einer anderen Welt angekommen zu sein. Das fängt schon damit an, dass hier die Sonne scheint! Es ist warm, und dazu weht eine kühle Brise. Endlich mal Wetter für die kurze Hose.
Man geht über die Esplanade und beugt sich über die Brüstung, und unter sich hat man das offene Meer. Rechts ein Landstreifen mit dem Hafen, kaum zu erkennen, und gegenüber eine Felseninsel, die aber eher wie eine Sandinsel aussieht und vor der man, wie es heißt, mit den Seelöwen schwimmen kann.
Auch auf der anderen Seite so eine Insel, auch ohne jede Vegetation. Dagegen hat man versucht, die Berge entlang der Uferstraße unter uns zu befestigen und zu bepflanzen. Mit bisher noch mittlerem Erfolg. Hier muss ich am vergangenen Sonntag auf dem Weg vom Flughafen zur Unterkunft mit Javier entlanggefahren sein.
Hinter mir hochmoderne, originelle Hotelbauten, jeder ein Original für sich. Hier oben ist viel Betrieb, es herrscht Freizeitatmosphäre. Die meisten Passanten sind Peruaner.
Dann entdeckt Mónica mich. Ich bin ein paar Minuten zu spät eingetroffen.
Wir machen einen Spaziergang von Miraflores nach Barranco, immer hier ganz oben entlang, meist mit Blick aufs Meer. Immer wieder kommt zwischendurch ein gepflegter Park mit Blumen und Skulpturen.
Dann kommen wir an einem niedrigen Gebäude vorbei, an dessen Zaun Dutzende, wenn nicht Hunderte von Photographien hängen. Das Haus ist ein medizinisches Institut, und hier sind alle Ärzte abgebildet, die bei der Pandemie das Leben gelassen haben.
An einem Verkaufsstand kaufen wir Kokosnüsse und setzen uns in den Park und trinken Kokosmilch. Mónica erzählt von ihren beiden Hunden, riesigen Hunden mit zotteligem Haar. Die beiden werden von allen für Zwillinge gehalten, haben aber unterschiedliche Väter und verhalten sich auch ganz unterschiedlich. Die Geschichte der Hunde in der Familie ist ganz typisch: Die Tochter drängt auf die Anschaffung, an der Mutter bleibt die Arbeit hängen.
Sie schenkt mir einen Anstecker von Pozuzo. Das ist eine peruanische Stadt mit deutscher Tradition. Da sei alles gepflegt, sagt sie, und die Häuser hätten Satteldächer. Im Laufe des Tages fallen ihr auch noch die vielen Wurstsorten ein, die es dort gibt, und auch mit dem Kohl kann sie was anfangen, als sie mich nach typisch deutschen Gerichten fragt.
Mónica hat Soziologie studiert, dann aber als Archäologin gearbeitet und sich dann auf die Buchhaltung spezialisiert. Jetzt macht sie Buchhaltung innerhalb einer archäologischen Forschungsanstalt.
Sie arbeitet in Huacho, woher sie auch ursprünglich stammt. Dort hat sie ein kleines Apartment, in dem sie während der Woche wohnt. Für die Fahrt von Huacho nach Lima und Lima nach Huacho hat sie früher 2 Stunden gebraucht, heute sind es 4-5 Stunden.
Als wir in Barranco ankommen, werden meine Beine schon müde, während sie gut durchhält, obwohl sie an einer Hernie leidet und etwas schräg geht.
In Barranco gehen wir auf meinen Wunsch erst in eine Wechselstube, dann etwas essen. Sie wählt Tío Mario aus. Da wäre ich nicht reingegangen, ich hätte was Einfacheres gewählt. Sie hat wahrscheinlich das Gefühl, mit „was Besseres“ bieten zu müssen. Es gibt Tris de Cauca. Das sind keine gefüllten Kartoffeln, wie ich erst dachte, sondern Törtchen aus Kartoffelpüree, die mit Rindfleisch, Hühnerfrikassee bzw. Gemüse gefüllt sind. Schmeckt gut, und die Präsentation ist ganz besonders fein.
Mónica zeigt mir Filme, die ihre Tochter gedreht hat, Videoclips als Werbefilme, unter anderem für Hamburger und für Koffer. Clever gemacht, lebendig, professionell, aber irgendwie ohne „Seele“, so wie moderne Videoclips eben sind.
Sie erzählt mir auch von der unglückseligen Geschichte ihrer Familie. Ihre Mutter verwitwete, als sie gerade mit dem vierten Kind schwanger war. Das war dann endlich der männliche Nachfolger. Die Mutter heiratete nicht wieder und schlug sich so mit den vier Kindern durch und verschaffte allen eine gute Ausbildung. Dann starb der Sohn, bevor er 30 Jahre alt wurde. Die drei Töchter heirateten alle, aber alle drei wurden zur Witwe. Alle haben Kinder, aber in der nächsten Generation gibt es noch keinen Nachfolger – bisher jedenfalls nicht. Jetzt ist aber einer in Sicht.
Sie fragt auch noch nach meinen weiteren Stationen, meint, jeweils zwei Tage Ica und Nazca seien genug. Ich müsse aber unbedingt noch mal nach Peru kommen und nach Cuzco fahren. Sie ist schon dreimal da gewesen, zuletzt vor vier Jahren. Hat dabei auch einmal eine zweitägige Wanderung gemacht zu einem Ort, der verborgener als Machu Picchu ist und eine gute Alternative dazu.
Dann gehen wir zum Strand runter. Baden kann man hier nicht, es ist ein Strand mit groben, schwarzen Kieselsteinen. Nur ein einziger junger Mann hat sich mit den Beinen bis ins Wasser gewagt. Aber man kann hier schön auf einem Felsen sitzen, sich die Sonne auf den Pelz scheinen lassen und dem Rauschen der Wellen zuhören.
Dann geht es noch mal rauf. Meine Kräfte werden immer schwächer. Oben bestellt sie mir ein Uber und macht sich selbst auf die Suche nach einem Bus.
Jetzt heißt es noch einmal ins ungeliebte Taxi. Die ursprüngliche Idee, durch eine zentrale Unterkunft in Lima so gut wie alles zu Fuß erledigen zu können, ist nach hinten losgegangen.
14. Dezember (Sonntag)
Um 7 Uhr sitze ich auf gepackten Koffern. Kurz darauf kommt das von Carla wieder zuverlässig gerufene Taxi. Es geht nach Ica.
Auf Carlas Anraten hin habe ich das Busticket vorher gebucht, dabei aber nicht auf den Busbahnhof geachtet, von dem die Fahrt losgeht, und der liegt ein ganzes Stück außerhalb. Macht aber nichts, die Fahrt ist direkt, und die Abfahrtzeit ist passend.
Selbst jetzt am Sonntagmorgen ist schon dichter Verkehr auf der vierspurigen Straße, aber wir kommen in keinen Stau.
Rechts auf dem Seitenstreifen einige gestrandete Autos, links eine heftige Karambolage, von der Polizei bewacht, und in der Mitte der Fahrbahn ein totgefahrener Hund. Das alles unter dem bleiernen Himmel von Lima.
Wir sind zu früh da, schon eine Stunde vor Abfahrt. Auch, wenn man schon ein Ticket hat, muss man sich an dem Schalter der Buslinie melden. Dort nimmt man die Reisetasche entgegen.
An dem einzigen Imbissstand in der Abfahrtshalle gibt es keinen Kaffee, und bei dem Restaurant stehen die Stühle noch auf den Tischen. Dann finde ich doch noch einen Kaffee, an einem Stand draußen auf der Straße. Überflüssigerweise frage ich nach Zucker. Nicht nötig, der Kaffee ist gesüßt. Und wie!
Als es so weit ist, werde ich namentlich aufgerufen. Ich bin der einzige, der hier zusteigt. Ich muss eine Bahnsteigkarte kaufen, und vor dem Einstiegen wird mein Reisepass kontrolliert. Die Daten werden in ein Aufnahmegerät gesprochen, und dann wird noch ein Photo von mir gemacht.
Der Bus ist modern, aber die Sitzplätze sind unbequem, und Internet gibt es nicht.
Die Straße ist erstaunlich gut, die Fahrbahn ganz eben, und es geht die ganze Zeit schnurstracks geradeaus. Wir befinden uns auf der Panamericana.
Wir fahren durch eine wüstenähnliche Landschaft, Sandhügel mit etwas Geröll an den Füßen, keinerlei Vegetation.
Dann kommt plötzlich das Meer in Sicht, aber die Landschaft bleibt wüstenartig. Wie aus dem Nichts eine Ferienanlage, blockartige, weiße Häuser, alle gleich. Wer hier wohl Urlaub macht?
Ebenso plötzlich eine schön angelegte Raststätte mit moderner Tankstelle. Ist sicher nötig hier, aber es ist kein Mensch zu sehen.
Auch taucht zwischendurch immer mal ein Restaurant auf, auch hier sieht man niemanden. Es ist allerdings auch noch früh.
Allmählich ändert sich die Landschaft, es kommt etwas Vegetation auf, Palmen und Ginster in erster Linie und alles mögliche Gestrüpp. Dann sogar Felder, Maisfelder, Weinfelder, Gemüsefelder. Sieht alles sehr trocken aus. Eine Weide mit Holsteiner Kühen. Ab und zu ein einsamer Bauer, der per Handarbeit seinen Acker bestellt.
Am Wegesrand eine niedrige Schutzmauer, aus Lehmziegeln, oft mit politischen Parolen oder Lob auf die Gegend. Am Straßenrand hin und wieder ein geplatzter Reifen, ein Kanister, ein riesiger Kürbis, Zementtüten, ein Fass, ein verlassener Buggy.
Wir überqueren einen fast ausgetrockneten Fluss. Das Meer sieht man nicht mehr. Der Himmel hat sich aufgeklärt, aber wo die Sonne ist, sieht man nicht.
Ortschaften gibt es lange keine, aber einzelne Siedlungen, mit einfachen, oft nicht zu Ende gebauten Wohnhäusern. In der Ferne raucht ein Schlot.
Dann kommen wir durch Paracas. Das ist, wie der Taxifahrer schon richtig sagte, vor Ica. Da wollte ich eigentlich hin. Die Paracas-Kultur hat mich überhaupt in diese Gegend gebracht. Aber Mónica hat mir gesagt, Paracas sei gar kein richtiger Ort, da gäbe es keine Infrastruktur, ich solle lieber nach Ica fahren. Da habe ich jetzt meine Zweifel. Paracas scheint durchaus ein richtiger Ort zu sein, und jetzt bin ich weiter vom Geschehen weg.
Dann kommt ein ganz hübsch anzusehender Ort, und dann fahren wir nach Ica rein. Das ist größer als gedacht und sehr geschäftig.
Wir werden in die Abfahrtshalle gedrängt. Dort würden die Koffer ausgegeben. Ich habe meinen Abholzettel, aber der Mann sagt, er habe kein dazugehöriges Gepäckstück. Ich warte, bis alles ausgegeben ist, und dann taucht meine Reisetasche doch auf. Die Frau in Lima hat sie nicht gekennzeichnet.
Gleich an der Ausgangstür bietet jemand seinen Taxiservice an. Er fährt aber ein ganz normales Auto. Vor solchen Situationen wird ja immer gewarnt, aber wie soll ich sonst zur Unterkunft kommen?
Der Mann stellt sich als ehrlich und hilfsbereit heraus. Wir fahren ein ganzes Stück stadtauswärts und kommen dann in die Anlage. Omar, der Vermieter, hat auf Anfrage noch mal ausdrücklich bestätigt, alles sei „ganz leicht“, der Aufpasser am Eingang zur Anlage, der vigilante, wisse Bescheid. Er werde mir mein Apartment zeigen und mich reinlassen.
Der vigilante weiß überhaupt nichts, er kennt Omar nicht und weiß auch nicht, wo B2 ist. Der Taxifahrer fährt das Gelände mit mir ab, aber wir finden B2 nicht. Als wir wieder zum Eingang kommen, weist ein Mann auf das erste Haus rechts und sagt, da sei B2.
Nur: Wo ist mein Apartment? Und wie komme ich rein? Ich habe noch mal Glück. Ein junger Mann, der auch in dem Haus wohnt, kennt Omar und ruft ihn an. Erst kann er ihn nicht erreichen, dann heißt es, Omar werde in zehn Minuten eintreffen.
Ich solle schon mal raufgehen. Oben ist eine Putzfrau am Werk, eine junge Frau, die sich sofort meiner annimmt. Sie will wissen, welches mein Apartment ist. Das weiß ich nicht. Davon war in der Nachricht von Omar nicht die Rede. Ich solle die Applikation öffnen. Das kann ich nicht, ich habe kein Internet. Aber sie lässt sich nicht entmutigen und wählt mich in das System ein. Dann stellt sich heraus, dass 203 mein Raum ist. Sie zeigt mir, wie ich das elektronische Schloss an der Tür überlisten kann. Auch davon war in den Nachrichten von Omar nicht die Rede.
Ich bin erleichtert, durch die Hilfsbereitschaft der Leute doch noch reingekommen zu sein und richte mich schnell ein. Das Apartment ist modern, hat eine gut funktionierende Dusche, einen geräumigen Schrank und einen richtigen Schreibtisch.
Ich setze mich an den Schreibtisch und schreibe eine Bewertung zu dem Aufenthalt bei Carla. Da spare ich mit Lob nicht. Die von Omar wird anders ausfallen.
Ich gehe vor die Tür, um etwas zu essen zu suchen. Dabei fällt mir wieder der alte Käfer vor dem Nachbarhaus auf, den ich vorher aus dem Augenwinkel gesehen habe.
Ich brauche nicht lange zu suchen. Gleich unten ist ein Lokal mit einer langen Speisekarte. Nur ein Tisch ist besetzt, aber die Kellnerin sagt, ich könne was bestellen. Es gibt längst nicht alles, was auf der Karte steht, aber das macht nichts. Sie empfiehlt chancho, kann aber nicht richtig erklären, was das ist. Das weiß man einfach, so was hat sie sicher noch nie erklären müssen.
Das Essen ist richtig gut, vor allem das Fleisch, lechón, Spanferkel, richtig zart und knusprig zugleich. Dazu gibt es Kartoffeln, Mais und Zwiebeln. Und ich bestelle seit langem mal wieder ein Bierchen dazu, Cusqueño. Schmeckt auch gut. Am Ende stellt sich heraus, dass chancho einfach das peruanische Wort für Schweinefleisch ist.
15. Dezember (Montag)
Ich gehe zum Frühstücken in das Lokal von gestern. Es gibt nur sandwiches, und das ist nicht das, was wir uns darunter vorstellen, sondern ein getoastetes Brötchen mit Omelette. Dazu gibt es eine riesige Portion Kaffee aus einem Blechnapf.
Ich mache mich auf den Weg zum Museo Javier Cabrera. Dazu gehe ich einfach die staubige Straße entlang und hoffe, ein Taxi zu erwischen. Dabei passiere ich das Schild No arroje basuras und gleich darunter einen ungeordneten Müllhaufen.
Ein Auto, das im weiteren Sinne wie ein Taxi aussieht, hält an und nimmt mich mit. Das Museum liegt gleich im Zentrum, an der Plaza de Armas. Der Taxifahrer hält gleich vor dem Museum. Es ist verrammelt und verriegelt. Dabei steht im Internet ausdrücklich, dass es montags geöffnet ist. Der Taxifahrer schaut im Internet nach: Wir sind noch zehn Minuten zu früh. Das Museum öffnet um 9.
Ich sehe mich an der Plaza de Armas um. Die unterscheidet sich vorteilhaft von dem, was ich bisher von Ica gesehen habe. Die gelb gefassten Gebäude rundherum haben einen kolonialen Stil, mit Arkaden unten. Die Mitte des Platzes ist gesperrt, da wird irgendwas aufgebaut für Weihnachten. Ein großer, bunt erleuchteter Weihnachtsbaum steht da schon. Überall Bäume und Sträucher, darunter rosa blühende Akazien.
Es ist sonnig und warm heute. Im Laufe des Tages steigt die Temperatur auf 29°.
Die Schuhputzer gehen fleißig zu Werke, ebenso wie die Straßenverkäufer. Man bekommt Weingummi genauso zu kaufen wie Sonnenbrillen.
Inzwischen ist es 9 Uhr geworden, aber am Museum tut sich noch nichts. Ich gehe an der Seite zu einem Laden, der gerade öffnet. Die Frau sagt mir, nein, das Museum sei geschlossen. Dann schiebt sie noch hinterher: Ab 5 Uhr nachmittags sei es geöffnet.
Irgendwo an dem Platz finde ich einen Tourenveranstalter, in einem kleinen, schummrigen Raum untergebracht. Die junge Frau hier ist sehr hilfsbereit. Sie leiht mir ihr Handy, so dass ich das Museum kontaktieren kann.
Der Mann am anderen Ende der Leitung sagt mir, das Museum öffne nur auf Anfrage und für Gruppen ab 12 Personen. Als ich auf das Internet verweise, erklärt er in aller Ruhe, die Seite, auf die ich da gestoßen sei, sei nicht die des Museums gewesen. Das kann natürlich sein. Auf anderen Seiten kann aller mögliche Unsinn stehen, dagegen kann man sich nicht wehren. Die Touristenzahlen seien in den letzten Jahren sehr zurückgegangen, und sie bekämen als privates Museum keine Zuschüsse. Also könnten sie keine regelmäßigen Öffnungszeiten anbieten. Bei dem anderen Museum sei das anders, das sei staatlich, aber das habe eben montags geschlossen.
Danach trete ich in Verhandlungen für morgen mit der Frau hier bei dem Tourenveranstalter ein und kann tatsächlich eine Tour buchen, die es gar nicht gibt. Ich fahre am frühen Morgen zu den Islas Ballestas, werde dann aber am Eingang zum Nationalpark am Museum in Paracas abgesetzt und anschließend wieder eingesammelt. Es gibt keine Tour, die das Museum beinhaltet. Dabei ist es nach Julio Tello benannt, dem peruanischen Archäologen, der sich wie fast kein anderer um die Erforschung der prä-inkaischen Kulturen verdient gemacht hat. Wieder bedauere ich, nicht in Paracas geblieben zu sein.
Die Frau will mir für heute eine Tour verkaufen. Es wäre gerade noch rechtzeitig, sie geht in zehn Minuten los. Ich zögere einen Moment, sage dann aber nein. Das ist mir zu viel Programm und zu viel Gesellschaft.
Stattdessen frage ich nach einer Weinkellerei, wo man sich über die Produktion von Pisco erkundigen kann, dem peruanischen Nationalgetränk. Sie empfiehlt mir die Hacienda La Caravedo. Da könne ich mit dem Taxi hinkommen. Fahrtdauer vielleicht eine Viertelstunde. Das soll sich als groteske Fehleinschätzung erweisen.
Da ich hier bar bezahlen muss, geht es jetzt erst einmal ans Geldwechseln. Dazu kann man sich vertrauensvoll an die uniformierten älteren Herren an der Plaza de Armas wenden.
Das geht im Nu. Der Geldwechsler sagt mir, um zur Hacienda de Caravedo zu kommen, solle ich einfach hier ein Taxi anhalten. Leichter gesagt als getan. Obwohl jedes zweite Auto ein Taxi ist, habe ich keinen Erfolg. Alle sind entweder besetzt oder fahren achtlos an mir vorbei. Und der einzige, der anhält, kennt die Hacienda de Caravedo nicht.
Rettung kommt in Person des Geldwechslers. Der hat mich beobachtet, kommt auf mich zu und fordert mich auf, mitzukommen. Ein paar Straßen weiter biegen wir in einen obskuren Hinterhof ab, der voller Autos steht. Wir gehen auf eins zu. Der Geldwechsler sagt, ich sei ein Bekannter und der Taxifahrer solle mich an der Hacienda absetzen. Der Taxifahrer hört schlecht, und der Geldwechsler muss seine Bitte mit erhöhter Lautstärke wiederholen. Dann ist alles klar.
Das Taxi ist schon so gut wie voll. Es handelt sich um ein colectivo. Mehrere Fahrgäste werden mitgenommen, die in dieselbe Richtung müssen. Das macht die Sache sehr preiswert.
Wir fahren über eine unbefestigte Straße, immer an Häusern aus Lehmziegeln entlang, von denen die meisten unvollendet und die meisten unverputzt sind. Die Autos, die davorstehen, haben auch schon bessere Zeiten gesehen. Die Stellen, an denen keine Häuser stehen, dienen zur Müllentsorgung.
Es geht immer weiter, die von dem Mädchen angekündigte Viertelstunde ist längst vorbei. Dann steigen die Frau neben mir und ihr dicker Sohn aus, vermutlich an einer Schule. Die Frau benutzt den internen Bezahlservice, der hier so oft gebraucht wird. Der Fahrer nennt eine Nummer, die Frau tippt die Nummer in ihr Handy ein, dann erscheint der Name des Fahrers. Sie klickt auf ihr Handy, und damit ist die Rechnung bezahlt.
Jetzt sind noch der Mann vorne und ich übrig. Wir biegen auf einen Schotterweg ab und kommen an einen Dorfplatz. Dort steigt der Mann aus.
Die Fahrt geht weiter und weiter. Langsam wird mir etwas mulmig, und ich frage mich, wie ich nachher wohl zurückkomme. Dann kommt in der Ferne ein Anwesen in Sicht. Das muss die Hacienda sein.
Der Fahrer lässt mich vor dem verriegelten Tor raus. Ich bräuchte nichts zu befürchten, ich solle einfach ans Tor klopfen, dann werde schon jemand öffnen. Damit behält er recht.
Der Portier lässt mich rein und schickt mich zur Rezeption. Dort löse ich die Karte für die nächste Tour und bekomme ein Pisco-Mixgetränk, mit Zitrone, 9° Alkohol. Das lasse ich aber in der Jackentasche verschwinden.
Dann geht die Führung los. Wir sind nur eine kleine Gruppe. Dabei ist unter anderem eine kleine, kugelrunde Frau, die alles kommentiert und jedes Mal über ihren eigenen Kommentar lacht. Ich bedauere ihren Mann.
Wir stehen unter einer Pergola, draußen. Zunächst wird etwas richtiggestellt. Wir befinden uns in keiner Weinkellerei, in keiner Bodega, wir befinden uns in einer Schnapsbrennerei, einer Destillerie. Hier wird nur Pisco hergestellt.
Die Pergola ist mit Weinreben bedeckt, mit unterschiedlichen Trauben, und zwar mit den acht Trauben, vier aromatische, vier nichtaromatische, die, einer gesetzlichen Regelung zufolge, nur für den Pisco gebraucht werden dürfen. Ich kenne außer dem Muskateller keine davon. Die bekannteste ist die Quebranta. Sie gilt, obwohl von den Spaniern eingeführt, als „peruanischste“ Traube. Unterschiede kann man nur in der Größe erkennen. Die Trauben sind (noch?) grün, die Traubenlese findet erst im März statt.
Es gibt drei Möglichkeiten für die Herstellung des Pisco. Man kann eine einzige Traube verwenden und den Gärprozess ganz zu Ende bringen, man kann eine Traube verwenden und den Gärprozess unterbrechen (und damit einen alkoholärmeren Pisco herstellen) oder man kann verschiedene Trauben mischen. Welche Trauben dabei verwendet werden, wird durchaus publik gemacht, aber das genaue Mischungsverhältnis bleibt das Geheimnis jedes Pisco-Herstellers.
Als Abfallprodukt des Herstellungsprozesses gibt es auch reinen Alkohol. Der ist nicht genießbar, wird aber zur Desinfizierung und zur Herstellung von Parfüms verwendet.
Die Hacienda de Caravedo ist die älteste Destillerie nicht nur Perus, sondern ganz Südamerikas. Die Caravedo sind längst nicht mehr die Besitzer, aber der Name hat sich erhalten. Die heutigen Eigentümer haben die Villa der vormaligen Eigentümer in ein Hotel umgewandelt, ein Hotel mit wenigen, aber sehr großen Zimmern. Auf die ganze Anlage blicken wir von hier aus.
Von der ursprünglichen Anlage aus dem 17. Jahrhundert hat sich eine hölzerne Pforte erhalten, und nach der hat man den Pisco getauft, der hier hergestellt wird: Pisco Portón. Auch die Formen der Flaschen bilden das Tor nach.
Wir kommen zu der alten Anlage, die tatsächlich weiter in Benutzung ist, obwohl es inzwischen, aber erst seit 2010, auch eine neue Destillerie gibt. Die sieht mit ihren großen Stahlkesseln nicht anders aus als eine moderne Weinkellerei.
Die alte Kelteranlage liegt etwas erhöht auf einem Hügel und ist nicht quadratisch, sondern rund. Warum? Früher wurde die Maische von Pferden bewerkstelligt, und die liefen rund um die herum. Die erhöhte Anlage ermöglichte den „Transport“ der Maische von oben nach unten und dann das Weiterleiten der gewonnen Flüssigkeit durch kleine Kanäle in die Fässer.
Von diesen alten Fässern sind hier noch welche ausgestellt. Sie wurden von den Indios mit einem Wort bezeichnet, das Schnabel bedeutet, und dieses Wort wurde von den Spaniern als Pisco umgedeutet. Das ist jedenfalls eine der Erklärungen für die Herkunft des Wortes.
Zum Schluss geht es zur Probe. Ich habe bisher nur zweimal den Pisco probiert, beide Male in Brasilien. Der eine war in Ordnung, der andere, in einem peruanischen Lokal, war ein Gedicht. Das war aber in beiden Fällen nicht der eigentliche Pisco, sondern der Cocktail, Pisco Sour. Jetzt gibt es den Pisco selbst.
Wir probieren drei Piscos. Der erste basiert auf einer einzigen nichtaromatisierten Traube und schmeckt eigentlich nur nach Alkohol. Der zweite ist aromatischer, hat aber, was wir nicht merken, sogar etwas mehr Alkohol als der erste, 43°. Der dritte, ein richtiger Pisco Portón aus der namensgebenden Flasche, schmeckt am besten.
Zu jedem Pisco sagen wir einen Trinkspruch auf. Einer lautet: Ave María, yo no quería, padre nuestro, que bueno está esto, bendito licor, dulce tormento, qué haces afuera, vamos pa’ dentro. Ein anderer: Ahora soy de Ica y mi cuerpo es de arena, desde hoy, el pisco corre por mi vena. Den anderen habe ich vergessen.
Damit endet die Führung. Als ich zum Eingang komme, ist mein natürlich verschwunden. Er hat zwar gesagt, er würde warten, aber die Wartezeit ist ihm wohl doch zu lang geworden.
Der freundliche Portier ruft mir ein Taxi, und wir kommen ins Gespräch. Er arbeitet erst seit fünf Monaten hier, ist froh, die Stelle bekommen zu haben. Er hat eine Ausbildung an der Waffe. Jetzt merke ich erst, dass er eine Pistole am Halfter trägt.
Er fragt mich, wie jeder, ob ich auch nach Cusco reisen werde. Wenn die Antwort negativ ausfällt, trifft das immer auf Unverständnis. Ich frage ihn, ob er schon mal da gewesen sein. Nein, gibt er kleinlaut zu.
Ob das Wetter in Deutschland auch so sei wie hier, will er wissen. Ja und nein. Ich versuche, die Unterschiede zwischen den Jahreszeiten zu erklären, vor allem die unterschiedlich langen Tage. Das stößt immer wieder auf Verwunderung.
Schließlich kommt das Taxi. Wir fahren wieder über einen Schotterweg. Dabei sehe ich, dass die Weinfelder alle Netze haben, um die Trauben vor Vögeln zu schützen.
Bald kommen wir auf eine asphaltierte Straße, wir nehmen eine ganz andere Route. Dabei fahren wir ein ganzes Stück auf der Avenida 29 de abril entlang. Klingt irgendwie bekannt, das Datum.
Der Taxifahrer kann mich dann auch aufklären, was es mit den unzähligen Wahlplakaten für Fujimori auf sich hat, die ich gestern schon überall gesehen habe. Es ist die Tochter des ehemaligen Präsidenten, des berüchtigten Fujimori, der als völliger Außenseiter in den Präsidentschaftswahlkampf einzog und dann erstaunlicherweise in die Stichwahl kam. Er war bis dahin nur als Fernsehjournalist bekannt geworden. In der Stichwahl traf er dann auf Vargas Llosa, und da die Linke sich von dem losgesagt hatte, gewann Fujimori. Der belohnte seine Wähler dann, indem er seine Wahlversprechen völlig auf den Kopf stellte, eine Art Verfassungsdiktatur einführte, die Korruption begünstigte, Sozialleistungen dramatisch kürzte, die Wirtschaft auf Kosten der Armen begünstigte. Als er nach seiner zehnjährigen Amtszeit seinen Abschied nahm, wurde er wegen Korruption und Verstoßes gegen die Menschenrechte durch den Kongress in Abwesenheit seines Amtes enthoben und nach mehrjährigem Exil in Japan zu einer jahrzehntelangen Haftstrafe verurteilt.
Jetzt versucht seine Tochter, in seine Fußstapfen zu treten. Bei der Präsidentschaftswahl, sagt der Taxifahrer, sei sie schon dreimal angetreten, aber immer knapp gescheitert. Sie scheint aber schon viel Erfolg auf regionaler Ebene gehabt und ihre eigene Partei gegründet zu haben.
Wir kommen an und ich gehe gleich wieder in mein Stammlokal. Ich frage nach den vielen Gerichten, die an einer Schautafel an der Wand mit Bild dargestellt werden. Mindestens die Hälfte der Namen sagt mir nichts, in einigen wenigen Fällen helfen die Bilder. Unter den Namen erregen Lomo a lo pobre und Bisteck a lo pobre wegen der Armut in ihren Namen meine Aufmerksamkeit. Sie heißen nicht so, weil etwa das Fleisch ein Surrogat wäre, sondern wegen der „armen“ Beilagen. Ich bestelle das Lomo a lo pobre und bekomme zu dem Fleisch Reis, Kartoffeln, Bananen und Spiegeleier. Gut gesättigt geht es nach Hause.
16. Dezember (Dienstag)
Um 6.30 steht der Kleinbus vor der Tür. Er ist schon gut gefüllt. Wir holen noch weitere Fahrgäste ab, und am Ende ist er bis auf den letzten Platz besetzt.
Es geht die Schotterpiste vor meiner Unterkunft entlang, und schon nach wenigen Minuten kommen die Sandhügel der Wüste in Sicht. Bei den ersten wachsen unten noch ein paar Akazien und ein bisschen Gestrüpp, dann ist nur noch Sand zu sehen. Ich verpasse ein glorreiches Photomotiv, als ein einsamer Mann einen dieser steilen Hügel hinaufsteigt, genau auf der Falte des Hügels, so als ob er auf dem Weg zur Arbeit wäre.
Auf der anderen Seite der Straße reiht sich ein Nachtclub an den anderen. Mit den einschlägigen Namen.
Endlich kommen wir auf die mehrspurige Hauptstraße, aber dann biegen wir wieder ab und kommen in ein überraschend schönes Wohnviertel, mit Bäumen auf beiden Seiten der Straße und über die Mauern hängenden, in allen möglichen Farben blühenden Sträuchern. Hier holen wir noch eine Familie ab. Der Vater trägt das Kleinkind mit Schnuller auf dem Arm. Warum tun die sich so was an. Und warum tun sie uns das an? Das Kind schreit wie am Spieß auf dem ganzen Weg bis Paracas und macht der aus dem Radio dröhnenden Musik Konkurrenz.
Dann geht es wieder auf die Hauptstraße. Viel Verkehr, wie gehabt, und die Fahrt zieht sich hin. Gegen meine Absicht – und gegen meine Vorlieben – verbringe ich auf dieser Reise ständig Zeit in Bussen und Taxis. Ich freue mich auf Arequipa, wo ich vielleicht mal ein paar Tage mit einer zentralen Unterkunft vieles zu Fuß machen kann.
Als wir dann endlich nach Paracas kommen, geht es keineswegs sofort zum Hafen. Jetzt wird erst einmal Kaffee getrunken. Nach der Bootstour gibt es dann eine Verkostung in einem Souvenirladen, und am Ende noch ein Essen in einem überteuerten Lokal. Das noch nicht einmal über eine vernünftige Toilette verfügt.
Dazu kommt die Trägheit der Masse. Bis mal alle ausgestiegen und wieder eingestiegen sind, bis sich mal alle versammelt haben, bis sich mal alle in Bewegung setzen, bis auch mal der letzte seine Souvenirs eingekauft hat – ständig wartet man und steht wie Falschgeld in der Gegend herum.
Bevor wir uns endlich auf den Weg zum Hafen machen, muss noch jeder seinen Betrag für den Eintritt in die Reserva Natural bezahlen, in die wir später kommen. Immer gibt es etwas, das nicht im Preis erhalten ist.
Dann geht es endlich zum Hafen und zum Landesteg. Weil ich beim Einsteigen in das Boot blöd genug bin, den anderen den Vortritt zu lassen, bekomme ich den schlechtesten Platz, auf der Bank ganz hinten zwischen zwei Paaren eingeklemmt.
Es geht los. Aber jetzt geht erst einmal ein Photograph durch die Reihen und macht Photos. Ich lehne dankend ab, aber die meisten lassen sich photographieren, mit Kapitänsmütze. Als wir später zurückkommen, hat er die Photos schon fertig gedruckt, in einen Papierrahmen mit Photos von der Gegend gesteckt. Kostenpunkt: 10 PEN. Einige kaufen ihm das Photo ab, andere haben die Chuzpe, ihm einfach das Photo kommentarlos zurückzugeben. Er wird sicher innerlich fluchen.
Kein guter Beginn, aber von jetzt an wird alles gut. Die Bootsfahrt wird zu einem echten, beeindruckenden Erlebnis, zu dem schönsten gehörend, was ich auf dieser Reise erlebt habe.
Das geht schon mit den bunt bemalten Fischerbooten im Hafen los. Eine Postkartenansicht.
Das Boot nimmt Fahrt auf und man genießt Sonne, Wind und Meer. Der blaue Himmel über uns, die Vögel am Himmel, die Wasserspritzer, die man ins Gesicht bekommt, die Bewegung der Wellen, die Felsen, die links in der Ferne aus dem Meer ragen, die weißen Inseln, die rechts in der Ferne aus dem Meer ragen – all das ist ein sinnliches Erlebnis erster Güte.
Dann verlangsamt das Boot seine Fahrt, vor einer Insel, die keine ist, wie wir erfahren, sondern eine Halbinsel. Und hier kommt einer der ganz großen Höhepunkte: Der „Kandelaber“, eine Figur, von den Paracas vor mehr als 2.000 Jahren in den Sand geschrieben. Ein ganz großes Rätsel der peruanischen Archäologie: Was bedeutet die Figur? Man nimmt an, dass es eher einen Kaktus darstellt als einen Kandelaber. Leuchtet ein. Der hat sicher einen besseren Bezug zu ihrer Kultur. Aber: Wie hat sich das erhalten? Es regnet hier zwar so gut wie nie, aber der Wind müsste die Figur doch längst verschüttet haben. Sieht aus wie gestern in den Sand gegraben. Kein Wunder, dass hier Esoteriker Außerirdische am Werk sehen. Auf jeden Fall ein bewegendes Erlebnis, die Figur von so nah zu sehen.
Dann geht es weiter mit voller Fahrt ins offene Meer hinaus. Wunderbare Felsformationen, die den Durchblick auf das Meer dahinter gewähren.
Dann bleiben wir vor einer Felseninsel stehen, und da sind sie: die Humboldt-Pinguine. Sie stehen unbeweglich nebeneinander und sonnen sich. Sehen wie Skulpturen aus. Später sehen wir auch noch einige im Wasser.
Bei der nächsten Insel muss man genau hinsehen, bis man sie sieht, die Seelöwen. Ihr Fell ist perfekt dem Felsen angepasst. Zwei liegen nebeneinander und liebkosen sich. Später sehen wir noch welche im Wasser und einen, der sich in der Sonne räkelt.
Dann kommen Vögel, aber in ganzen Schwärmen: Pelikane, Möwen, Kormorane. Die bieten uns ein besonderes Schauspiel, als sie alle auf einmal wie auf Befehl auffliegen. Ihre Felsen sind weiß durch den von ihnen produzierten Guano, und ihr schwarzes Gefieder setzt sich von dem Hintergrund ab.
Von den Erklärungen zu den Tieren versteht man bei uns hinten nichts, aber egal, ich lasse mich einfach von den wunderbaren optischen Eindrücken bezaubern.
Auf dem Rückweg sind alle auf einmal ganz stille. Wir machen noch kurz Halt an einer Art eisernen Boje, auf der mehrere Seelöwen ganz eng aneinander geschmiegt liegen. Wir kommen ganz nah ran.
Glücklicherweise klappt es mit unserer Verabredung für den zweiten Teil des Tages. Während die anderen an den Strand fahren, werde ich am Museum abgesetzt und später hier wieder eingefangen.
Das Museum ist brandneu, in einem blockartigen, einstöckigen Gebäude untergebracht, dessen Form sicher einen Bezug zu den Paracas hat. Es liegt in der Reserva Natural, umgeben nur von Sand, ganz für sich, und zwar in der Gegend, wo Julio Tello und sein aus der Schweiz stammender Nachfolger Frédéric Engel ihre Funde gemacht haben und damit die Paracas-Kultur erst eigentlich entdeckt haben.
Das Museum ist ein Erlebnis, obwohl es gar nicht soooo viele Exponate hat. Aber die sind gut präsentiert und wirklich beeindruckend. Ich bekomme Rabatt beim Eintritt und zahle nur 4 PEN. Und ich bin der einzige Besucher, bis am Ende eine Familie auftaucht.
Die eigentliche Paracas-Kultur wird auf 500-200 v. Chr. datiert, aber es sind auch ältere Objekte ausgestellt, von einer unbekannten Vorgängerkultur stammend.
Zu den ältesten Exponaten zählen eine Angel und eine raffiniert konstruierte Falle für Krebse.
Erstaunlicherweise sind auch ein Maiskolben und eine Yucca erhalten. Sie stehen für den Beginn der Landwirtschaft. Das Besondere daran ist, dass sie ganz klein sind, nicht viel mehr als daumengroß. So war es damals. Was wir heute gewohnt sind, ist das Ergebnis der Arbeit und Züchtung von Generationen.
Ganz besonders gefällt mir ein Sieb. Vielleicht aus Weide gemacht. Auf was die Menschen früher schon immer gekommen sind! Und was ganz Besonders ist: Der Stiel des Siebs hat ganze feine Verzierungen, in das Material eingekerbt. Schönheit war den Menschen auch damals ein Bedürfnis.
Dann kommen die Paracas. Für ihre Bauten machten sie sich das Vorhandensein von caliche zunutze, einem Mineral, das durch die fehlenden Niederschläge reichlich vorhanden ist. Es wurde mit Algen und Meerwasser vermischt, und diese Mischung diente, wie bei uns der Zement, zum Bau stabiler Wände.
Außerdem sind es drei Dinge, die sie besonders auszeichnen: die Tuchproduktion, die Bestattungskultur und die Schädeldeformierungen.
Man sieht mehrere deformierte Schädel ausgestellt, mit unterschiedlichen Formen. Das war dem Bedürfnis geschuldet, soziale Unterschiede im Aussehen zu markieren. Man sieht ein „Bett“, in das das Kind eingefügt wurde, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen. Dabei wurde mit Bändern und Schnüren und wohl auch mit Holz gearbeitet.
Eingriffe in Schädel wurden auch aus medizinischen Gründen vorgenommen. Man sieht Schädel mit ganz schön großen Löchern an den Seiten. Die Archäologen haben herausgefunden, dass dabei nur das beschädigte Gewebe entfernt wurde und dass sie Kranken den Eingriff überlebten. Anhand einer Figurengruppe wird hier dargestellt, wie man dabei vorging. Als Messer diente dem Arzt ein Instrument aus Obsidian.
Die Toten wurden bei den Paracas in embryonaler Form bestattet und in festgezurrte Tücher gehüllt, die im Leben nicht getragen wurden. Es gab mehrere Schichten, und zwischen den Schichten wurden Keramikgefäße, Kürbisflaschen, Muscheln, Netze und eiserne Haken verborgen, für den Weg ins Jenseits. Die Pakete sehen aus wie bemalte Ostereier.
Bestattet wurden sie tief in der Erde, in flaschenähnlichen Löchern. Durch den Flaschenhals wurden sie an einem Seil nach unten befördert. Diese Grabstätten bargen bis zu 37 Tote.
Die Textilien wurden erst nach dem Weben gefärbt. Zur Gewinnung der Farben nutze man das Blut von Schildläusen sowie verschiedene Pflanzen, darunter chilca, eine in Peru beheimatete Pflanze mit hellgrünen Blättern.
Als Material zum Weben benutzte man Lama-Wolle und Baumwolle. Man sieht verschiedene fein verzierte Bänder und zum Abschluss, als Höhepunkt des Museums, ein von Frédéric Engel hier in der Nähe gefundenes großes Textil, etwas 2×3 Meter groß. Es stellt ein geheimnisvolles Wesen dar, das Ser Ocolado, mit großen Augen und einem herzförmigen Kopf. Von dem Ser Ocolado gehen schlangenartige Linien aus, die wiederum in andere Wesen enden, von denen einige dieselbe Kopfform wie das Ser Ocolado hat.
Das Textil ist gut erhalten, erstaunlich gut, obwohl die Farben vermutlich etwas verblasst sind. Jedenfalls sind nur dunklere Farben vorhanden, Schwarz, Rot, Braun. Gerne hätte man mehr über die Bedeutung des Ser Ocolado erfahren, aber vielleicht weiß man einfach nichts Gesichertes.
Ich habe noch etwas Zeit bis zur Abholung und trinke in dem Café des Museums einen sündhaft teuren Eiscafé. Einen Moment sitzen tut gut. Auf dem Tisch vor mir stehen eine bebrillter Hase und eine bebrillte Eule, beide mit einem Buch in der Hand.
Hinter der Theke ein Schild mit einem blauen S. Das steht für Sismo und besagt, dass das Gebäude gegen Erderschütterungen gesichert ist. Nicht unbedingt gegen Erdbeben. Man unterscheidet zwischen sismo und terremoto.
Durch eine Ausstellung zu den Meerestieren geht es nach draußen. Dort hat man einen Weg durch den Wüstensand zum Meer markiert. Man geht dabei über Meeresfossile, bis fast an den Strand hin. Die angekündigten Pelikane lassen sich leider nicht blicken. Aber die Atmosphäre, hier in der Einsamkeit, an einem Meer ohne Wellen, hat etwas Besonderes.
Irgendwo am Wegesrand hat man ein Schild mit der vielsagenden Aufschrift No todo es desierto aufgestellt. Da lasse ich mir ein Photo nicht entgehen.
In der Ausstellung, die ich nur ganz flüchtig ansehe, wird ein Bild von Humboldt gezeigt mit seinem bekannten Zitat zum Humboldt-Strom. Er verdiene es nicht, dass der Strom nach ihm benannt werde. Die Fischer der Gegend kennten den Strom schon seit 300 Jahren. Er habe nur als erster die Temperatur gemessen.
Hier wird auch die Bedeutung von Paracas erklärt. Es kommt von den Wörtern para und acca, und das bedeutet ‚Sandregen‘.
Dann stelle ich mich in die glühende Hitze vor das Museum und warte auf den Bus. Als der kommt, fahren wir in das Lokal. Hier gibt es fast nur Fisch, darunter Ceviche, das peruanische Nationalgericht. Dafür dürfen nur fünf Zutaten benutzt werden: Fisch, Zwiebeln, Zitrone, Knoblauch und Salz.
Ich habe mir schon kritische Blicke und beinahe vorwurfsvolle Kommentare eingefangen, wenn ich gesagt habe, das könne ich nicht essen. Die Peruaner betrachten das als eine persönliche Beleidigung und Missachtung ihrer Kultur.
Jetzt gilt es noch, die Rückfahrt zu ertragen. Ich bin froh, als wir an der sonnenbeschienenen Plaza de Armas ankommen. Die Mitte des Platzes ist jetzt wieder freigegeben. Man hat hier wohl nur die Brunnen gereinigt.
Auch hier wieder eine Schlange vor der Bank. Aber hier sind es keine Rentner, sondern Menschen aller Altersklassen. Die Bank, vor der sie stehen, ist eine spanische Bank, die BBVA. Ich habe damals die Fusion der Banco de Bilbao mit der Banco de Vizcaya zur BBV miterlebt. Später ist dann noch die Argentaria, eine öffentliche Bank, dazugekommen.
Zu meiner Überraschung sehe ich einen Flügel des Portals des Museo Javier Carera offen stehen. Aber ich bin viel zu müde, um nachzufragen.
Auch hier sehe ich einen gut erhaltenen VW-Käfer, am Rande des Platzes geparkt. Auch bei der Fahrt nach Hause tauchen neben uns 2-3-mal Käfer auf. Der läuft hier immer noch.
Mit dem Taxifahrer, der mich nach Hause bringt, komme ich gut ins Gespräch. Er stammt aus dem Norden, aus Piura, und ist Agronom. Deshalb ist er hierhergekommen, hat aber jetzt das Taxifahren als Erwerbsquelle entdeckt. Er tut das offensichtlich auf eigene Faust, ohne Lizenz. Möchte aber langfristig wieder in seinen angestammten Beruf zurück. Er ist gut informiert, was Fußball betrifft, erwähnt Pizarro und Guerrero und kennt Schalke, Bayern, Werder.
Ich lasse mich in dem kleinen Laden absetzen und besorge Wasser-Nachschub. Die beiden Flaschen kosten zusammen 2,40 PEN. Ich habe 3 PEN, aber der Verkäufer hat, wie üblich hier, kein Wechselgeld. Er fragt mich, ob er mir stattdessen ein Bonbon geben dürfe. Ich sage nein, danke, und lasse es bei den 3 PEN.
17. Dezember (Mittwoch)
Um 10 Uhr muss ich die Unterkunft verlassen. Um 12 Uhr soll der Bus nach Nasca abfahren. Aber kurz vor meinem Aufbruch bekomme ich von dem Busunternehmen die Nachricht, dass der Bus ausfällt. Man möge sich zum Busbahnhof begeben.
Ich schleppe meine Tasche die staubige Straße entlang und blicke mich nach einem Taxi um. Das erste beste Auto – kein Taxi – hält an und bietet an, mich hinzufahren. Es scheint in Ica mehr inoffizielle als offizielle Taxifahrer zu geben.
Unterwegs erzähle ich, dass ich auf dem Weg nach Nasca bin und dass Cruz del Sur die Busfahrt storniert hat. Der junge Mann sagt: Ich fahre Sie hin! – Wohin? – Nach Nasca! Er meint es ernst. Ich zögere einen Moment, sage mir dann: Warum nicht? Wir handeln den Preis aus, und die Sache ist gebongt.
Bevor wir Ica verlassen, legen wir noch einen kurzen Stopp am Krankenhaus ein. Der Opa des Fahrers liegt dort, ist gestern an der Prostata operiert worden. Will ihm Zeitungen vorbeibringen. Er telefoniert mit irgendjemandem, und als wir am Krankenhaus ankommen, öffnet sich die Gittertür und eine Frau kommt heraus. Sie nimmt die beiden dünnen Zeitungen entgegen, nebst einem Stift. Für die Kreuzworträtsel.
Wir fahren durch den dichten Verkehr aus der Stadt raus und kommen auf die Panamericana. Die ist hier nicht so gut ausgebaut wie auf der Strecke zwischen Lima und Ica.
Wir fahren eine Tankstelle an, aber die Tanksäulen sind hier leer. Ich frage, welchen Treibstoff er denn braucht, und dann kommt es zu einem Missverständnis, als er gas sagt. Ich interpretiere das zuerst als Gas, merke aber an der nächsten Tankstelle, wo es Treibstoff gibt, dass er damit vermutlich gasolina, also Benzin, meint.
Als ich ihm erzähle, dass in Deutschland der Kunde selbst tankt, muss er lachen. Das würde hier nicht klappen, alle würden wegfahren, ohne zu bezahlen.
Der Mann erzählt, er mache öfter solche Touren. Er kennt auch jemanden am Flugplatz von Nasca und könne mir gleich für heute einen Flug über die Nasca-Linien organisieren. Gleich, wenn wir nach Nasca reinkommen. Noch vor der Fahrt zur Unterkunft. Ich schwanke zwischen Zustimmung und Skepsis, lasse mich aber am Ende darauf ein. Er telefoniert mehrmals mit der Dame am Flugplatz. Die genaue Zeit steht noch nicht fest, aber er soll schon mal ein Passbild schicken und mein Gewicht angeben. Das macht er alles mit dem Handy in einer Hand, während er fährt.
Als es weitergeht, bitte ich noch um eine Änderung: erst zum Hotel, dann zum Flugplatz. Bei der Vorstellung, ins Flugzeug zu steigen und alle meine Sachen bei einem unbekannten Mann in seinem Auto zu lassen, macht mich doch etwas mulmig.
Wir fahren durch echte Wüstenlandschaft, es ist staubig auf der Straße, und die Fahrbahn ist voll von Lastwagen. Der Fahrer macht aber immer wieder Überholmanöver.
Dann müssen wir die Fahrt verlangsamen, alles gerät ins Stocken. Eine Ampel? Eine Kreuzung? Wir kommen komplett zum Stehen.
Aber mein Fahrer lässt sich davon nicht beeindrucken. Er fährt auf dem unbefestigten Seitenstreifen rechts an den Lastwagen vorbei, für die der Seitenstreifen zu schmal ist. Manchmal blicke ich etwas ängstlich in den Graben ein paar Zentimeter neben mir.
Als es dann endgültig zu eng wird, wechselt mein Mann die Seite und fährt auf dem linken Seitenstreifen weiter. Die LKW-Fahrer sind inzwischen ausgestiegen und stehen ratlos in der Gegend herum. Man sucht den Schatten, so weit es geht.
Irgendwann ist auch hier Schluss. Der Fahrer steigt aus und berät sich mit anderen Fahrern. Es stellt sich heraus, dass vor uns ein LKW umgestürzt ist.
Wir wenden, wie andere vor uns, und biegen über eine kleine Brücke in eine schmale Straße ein und von dort in einen Feldweg. Aber auch hier ist bald Schluss. Es werden Kommandos gegeben: Alle zurück!
Dann stehen wir wieder auf dem Wartestreifen, in der brütenden Hitze, und warten. Die Zeit vergeht langsam, man weiß nicht so recht, was man tun soll, und die peruanische Popmusik, die aus dem Lautsprecher kommt, reißt mich auch nicht von den Stühlen.
Irgendwann scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Aus der anderen Richtung kommen uns Autos entgegen, auch LKWs. Die können nicht gewendet haben, sie müssen aus der anderen Richtung kommen. Es muss also ein Fahrstreifen frei sein.
Die ganze unendliche Kolonne fährt an uns vorbei, und dann sind wir dran. Wir müssen von drei Spuren auf eine, und dabei wird um jeden Zentimeter gekämpft. Mir wäre es lieber, wenn mein Fahrer den LKWs den Vortritt lassen würde als sich mit ihnen anzulegen.
Dann kommen wir an dem umgestürzten Anhänger vorbei. Der liegt schräg im Graben. Man versucht, ihn mit einem hydraulischen Kran in die Senkrechte und auf die Fahrbahn zu bekommen. Von dem Zugwagen ist nichts zu sehen. Der kommt erst, ziemlich ramponiert, viel später zum Vorschein, traurig am Wegesrand stehend.
Es dauert noch ein paar Minuten, und dann haben wir erstaunlicherweise freie Fahrt. Kaum ein Auto zu sehen weit und breit!
Unterwegs frage ich nach den Wahlplakaten. Ja, im nächsten Jahr finden Präsidentschaftswahlen statt. Der aktuelle Präsident, Jerí, tritt nicht mehr an. Der sei gut, er habe was gegen die Kriminalität getan. Das Problem in Peru seien die ganzen Kolumbianer und Venezolaner.
Die Landschaft, durch die wir fahren, hat nichts Schönes, es ist Wüste pur, kaum mal ein Strauch, der sich gegen die lebensfeindlichen, weil regenarmen Bedingungen durchgesetzt hat.
Es gibt aber doch was Schönes: Die Berge, die marmorierten Berge in der Ferne. Erst sind es ganz wenige, dann werden es immer mehr.
Wir fahren von der Panamericana ab und nehmen eine Abkürzung. Hier, über die befestigte, aber nicht asphaltierte Straße, dürfen die LKWs nicht fahren.
Wir kommen auf einen Tunnel zu, fahren durch und befinden uns plötzlich in einer ganz anderen Welt: Berge statt Wüste. Eine Bergwelt ohne Vegetation. Es geht in Kurven auf und ab.
Plötzlich sehe ich ins Tal hinunter – und da ist alles grün! Ich erinnere mich, dass ich von den Andenflüssen gelesen habe, die in den Jahren, in denen sie Wasser führen, hier in der Wüste regelrecht Oasen ausbilden können. Hier wird reichlich Ackerbau betrieben. Sogar eine Pferdekoppel kommt irgendwann in Sicht.
Dann kommen wir auf die Panamericana zurück und passieren das Museo Maria Reiche. So weit von Nasca entfernt? Es dürften um die 30 Kilometer sein, und die Fahrt durch die flache Wüstenlandschaft, durch die wir jetzt wieder kommen, wird mir ziemlich lang.
Hinter dem Museum sieht man auch die beiden Türme und einen natürlichen Aussichtspunkt, von denen aus man die Linien einsehen kann. Auch von der Straße aus kann man die Linien zumindest erahnen. Die Panamericana führt mitten durch! Als man sie gebaut hat, hat niemand die Linien und die Figuren bemerkt. Sie waren einfach zu groß. Man sieht sie nur von oben. Die erste Figur, die Maria Reiche identifiziert hat, eine Spinne, hat einen Durchmesser von 40 Metern.
Als ich, vor mehr als 25 Jahren, zum ersten Mal von den Nasca-Linien gelesen habe, habe ich gedacht: Da musst du mal hin! Jetzt wird es wahr.
Inzwischen ist der Flug von heute auf morgen früh verlegt worden. Ich werde von meiner Unterkunft abgeholt und auch wieder dahin zurückgebracht. Der Preis ist etwas höher, als das, was ich im Internet gelesen habe, aber gut. Außerdem hat mich mein Fahrer inzwischen über eine kleine Spende gebeten. Er veranstaltet vor Weihnachten ein kleines Fest für Kinder.
Dann kommen wir endlich nach Nasca rein. Mein Fahrer kann meine Unterkunft auf seinem Handy nicht finden, die Straße gibt es nicht. Mir wird etwas unwohl dabei. Habe ich irgendwo einen ganz blöden Fehler gemacht. Der Fahrer lässt mich in sein Netz rein, und die Straße auf: Ignacio Morsesky. Wir kommen bald dahin und finden dann auch die Casa de Ana. Die Frau, die mich am Eingang entgegennimmt, scheint nicht ganz helle zu sein. Aber sie führt mich auf mein Zimmer, und ich kann meine Sache abstellen. Dann gehe ich wieder runter und kläre alles Weitere mit dem Fahrer. Der arme Kerl muss jetzt noch zurück. Hoffentlich ist die Unfallstelle bis dahin geräumt.
Nach einer schnellen Dusche mache ich mich auf den Weg zu einem Supermarkt. Immer werde ich in eine andere Richtung geschickt, aber am Ende klappt es.
In Nasca ist es genauso heiß wie in Ica, aber nicht so staubig. Die Stadt ist nicht schön, aber ganz beschaulich, und es gibt zahlreiche Unterkünfte und Lokale. Es wirkt aber nicht touristisch, ich begegne fast nur Einheimischen.
Bei einem Tourenveranstalter mache ich Halt und erkundige mich nach den Ausflügen. Die junge Frau erklärt gut, aber es stellt sich heraus, dass es schwer sein wird, die verschiedenen Sachen unter einen Hut zu bringen. Egal, dann wird eben eine Auswahl getroffen.
18. Dezember (Donnerstag)
Woher das Wort Peru kommt, weiß keiner. Es gibt zwar alle möglichen Hypothesen, was den Ursprung betrifft, aber die stehen alle auf ziemlich wackligen Füßen. Anders als bei den anderen Länder Südamerikas: Kolumbien und Bolivien sind nach Männern benannt, Brasilien und Argentinien nach Materialien, Ecuador nach seiner Lage, Venezuela nach einer Stadt, Uruguay und Paraguay nach einem Fluss. Aber Peru? Klingt nach einem eingeborenen Wort, ist aber nirgendwo belegt, im Gegensatz zu Guatemala und Mexiko, zum Beispiel.
Die Flagge Perus ist wie die Österreichs, aber vertikal statt horizontal. In dem Wappen sieht man ein Vikunja (das für die Fauna steht), einen Baum (der für die Flora steht) und ein Füllhorn (das für die natürlichen Ressourcen steht). Bei dem Baum handelt es sich um den Chinarindenbaum, der nichts mit China zu tun hat, sondern mit dem Ketschua-Wort kina (spanisch quina), das ‚Rinde‘ bedeutet. Aus seiner Rinde wird Chinin gewonnen, offensichtlich ein Mittel zur Bekämpfung von Malaria.
Der offizielle Code für die Währung Perus, PEN, erklärt sich daraus, dass PE für Peru steht und N für Nuevo Sol. Muss man erst mal drauf kommen. Die Leute sprechen von Sol. Die Abkürzung ist S/.
Nazca oder Nasca? Ich habe früher immer nur von Nazca gelesen, jetzt sieht man überall Nasca. Was der Grund für den Wechsel der Schreibweise ist, kann ich nicht herausfinden. Kuriosum am Rande: Im südamerikanischen Spanisch ist die Aussprache identisch, in Spanien nicht.
Der Fahrer ist schon ein paar Minuten vor der Zeit da. Die Deutschen seien immer pünktlich, meint er. Ganz anders als die Italiener. Dem kann ich aber entgegenhalten, dass meine Italienischlehrerin immer pünktlich ist.
Wir müssen noch weitere Fahrgäste abholen. Zuerst sind es zwei Spanierinnen, aus Valencia. Dann ein junges schwedisches Paar, aus Uppsala. Die Spanierinnen sind auch in Paracas gewesen und haben bei den Islas Ballestas sogar einen Wal gesehen. Sie fahren heute noch nach Arequipa weiter und dann nach Puno und von dort nach Cusco. Da beschließen sie ihren Urlaub. Ja, sagt der Fahrer, um diese Zeit könne man ohne weiteres nach Cusco fahren. Da hab ich mich wohl ins Bockshorn jagen lassen.
Die Schweden sind ein ganzes Jahr unterwegs. Sie haben ihre Stellen gekündigt, wobei es ihm besonders leicht fiel, da die Firma pleite gemacht hat. Sie waren erst auch in Kolumbien und in Ecuador, wollen dann weiter nach Chile und Argentinien. Da müssten sie mit dem Geld vorsichtiger umgehen. Chile sei teuer und Argentinien sei sehr teuer.
Wir fahren durch ein Viertel, das früher, wie wir erfahren, sehr gefährlich war. Jetzt nicht mehr? Nein, die Drogenhändler seien alle hinter Schloss und Riegel. Für 30 Jahre.
Unser Führer sagt, am Flughafen werde alles ganz schnell gehen. Wir seien in der Nebensaison. Wann ist denn die Hochsaison? Juni, Juli, August. Wenn in Europa Sommerferien sind.
Seine Prophezeiung, alles werde schnell gehen, erweist sich als groteske Fehleinschätzung. Erst werden wir zu dem Schalter unserer Fluggesellschaft eskortiert. Dort muss man den Flug bezahlen. Und es wird ein Photo des Reisepasses gemacht. Und man wird gewogen.
Dann wird man zu einem Schalter geschickt. Dort muss man die Steuern entrichten. Nur Barbezahlung. Dann geht es zum Schalter des Tourismusministeriums. Auch da muss man eine Gebühr entrichten.
Dann geht es durch die Passkontrolle und durch die Sicherheitskontrolle. Als wir auf dem Flugfeld stehen, sind zwei Stunden vergangen, seit wir gestartet sind. Von den Spanierinnen und den Schweden bin ich längst getrennt.
Neben den jungen Piloten setzt sich die noch jüngere Copilotin. Die erklärt, was wir sehen, aber das Motorgeräusch übertönt das meiste, obwohl wir Kopfhörer aufhaben.
Der Flug ist eine tolle Erfahrung, und alle, mit denen ich nachher spreche, sind auch sehr angetan. Man kann alles sehr gut sehen, wir fliegen in ganz geringer Höhe, vielleicht 200 Meter.
Einige der Figuren wie der Wal und der Hund entgehen mir, andere kann man ganz klar erkennen, den Kolibri, die Spinne, den Astronauten, die Hand. Der Astronaut sieht aus wie eine Kinderkritzelei. Was er wohl darstellen soll?
Zwei Dinge werden hier aus der Luft ganz klar, einmal die unglaublichen Dimensionen, sowohl der einzelnen Figuren als auch des gesamten Areals, und dann die Tatsache, dass die Geoglyphen, die Scharrbilder, echt sind. Da sind Menschen am Werk gewesen, die, aus welchen Gründen auch immer, vor langer Zeit dieser Bilder unter großen Anstrengungen in die Wüste gezeichnet haben.
Das Hauptaugenmerk liegt bei dem Flug auf den Scharrbildern, die etwas darstellen, aber ebenso bemerkenswert sind die anderen Figuren, die geometrischen Figuren, Kreise, Spiralen und Dreiecke. Die Dreiecke sind ganz langgezogen, sehen wie überdimensionale Pfeile aus.
Der Pilot tut sein Bestes, die Geoglyphen mal von der einen, mal von der anderen Seite anzufliegen, so dass wir alle auf unserer Kosten kommen. Dennoch nicht so leicht. Die Fenster sind schmal, manchmal ist der Flügel im Weg, und man braucht immer seine Zeit, um die Figuren, obwohl sie sich weiß von dem gräulichen Hintergrund abheben, zu identifizieren.
Auf den Photos kann man nur ganz wenig erkennen, aber macht nichts, das Erlebnis bleibt. Ich erinnere mich dabei an die abenteuerliche Art, wie Maria Reiche ihre Photos gemacht hat, als sie endlich mal ihre Scharrbilder von oben sehen konnte. Sie hatte, an einem Seil am Hubschrauber hängend, eine Kamera, die schwer wie ein Eimer Wasser war und machte in dieser Position aus der Senkrechten ihre Photos. Für die sie später Lob von den peruanischen Berufsphotographen bekam. So eine Möglichkeit wird hier nicht angeboten.
Auf dem Rückweg überfliegen wir noch zwei weitere Stätten, die für die Nasca-Kultur von Bedeutung waren. Zuerst die Aquädukte von Cantalloc. Dort sieht man spiralförmige Becken, Einstiege in die Erde. Durch diese Becken versorgten sich die Nasca mit Wasser aus unterirdischen Quellen für ihre Landwirtschaft.
Dann kommt Cahuachi, das in der Wüste gelegene Kultzentrum der Nasca, ein riesiges, aus Lehmziegeln, nicht aus Steinen erbauter Gebäudekomplex, in Form von Stufenpyramiden.
In den letzten Minuten vor der Landung wird es ganz still im Flugzeug. Jeder hängt seinen Gedanken nach, lässt die Eindrücke auf sich wirken.
Dann geht es mit dem Auto zurück in die Innenstadt. Als unser Fahrer mich an den Casa de Ana abgesetzt hat, gehe ich Richtung Zentrum und suche erst einmal einen Geldwechsler. Ich bin praktisch blank. Die Geldwechsler stehen, wie sich herausstellt, alle in derselben Straße. Die Sache ist schnell erledigt.
Auf der vergeblichen Suche nach de Museo Antonini komme ich wieder an dem Tourenveranstalter von gestern vorbei. Diesmal sitzt ein anderes Mädchen hinter dem Schreibtisch. Die Sache gestaltet sich etwas schwierig, eine definitive Auskunft bekomme ich nicht, es hinge alles davon ab, ob eine Gruppe zustande käme. Bisher hat sie für morgen und übermorgen keine Anmeldungen. Daraufhin beschließe ich, die Fahrt zum Museo Maria Reiche für mich zu buchen. Wenn noch jemand dazukommt, gibt es eine Ermäßigung. Allerdings scheint mir die Zeit für das alles ein bisschen knapp zu sein, wenn ich daran denke, wie lange wir gestern noch von dort nach Nasca gefahren sind. Auch ärgerlich: Eintritt muss zusätzlich bezahlt werden, und für die Zahlung per Kreditkarte gibt es einen Aufschlag.
Das Mädchen empfiehlt mir, zum Museum ein Taxi zu nehmen. Aber jetzt meldet sich erst mal mein Magen. Der ist heute bisher stiefmütterlich behandelt worden. Als Vorsichtsmaßnahme. Das hat sich bewährt. Einem meiner Mitfahrer ist unterwegs übel geworden, und einer der Spanierinnen auch.
Ich lande in der Kasa Rústica, mit cooler moderner Schreibweise. Hier gibt es ein passables, etwas zu teures Frühstück. Als es ans Bezahlen geht, stellt sich heraus, dass die Kellnerin nicht wechseln kann. Ein ewiges Problem in diesem Land. Und nicht nur hier. Als ich mich etwas knurrig darüber äußere, sagt die Frau, sie könne nichts dazu, dies sei nicht ihr Land. Es stellt sich heraus, dass sie, genauso wie die Köchin, Venezolanerin ist. Beide meinen, nach Venezuela könne man durchaus reisen. So arg gefährlich sei es nicht. Aufpassen müsse man überall. Und dann tun sie das, was alle tun und was mich überhaupt nicht beeindruckt: Sie loben die Schönheit ihres eigenen Landes. Es ist italienisch. Es ist gegründet worden von einem italienischen, in Brescia beheimateten Kulturinstitut, das sich der Pflege der lateinamerikanischen Kultur widmet.
Beim Bezahlen wieder dasselbe Theater: Sie können nicht wechseln. Aber jetzt habe ich wirklich kein Kleingeld mehr. Einer der Männer an der Rezeption sieht in sein privates Portemonnaie. Er kann tatsächlich wechseln.
Das Museum, wird mehrmals betont, sei ein „didaktisches“ Museum. Schwer zu verstehen, was damit gemeint ist. Alles ganz normal. Aber auf jeden Fall lohnenswert.
Die Textilproduktion war bei den Nasca genauso wichtig wie bei den Paracas, aber die Nasca haben auch herausragende Keramik. Komischerweise wurde die offenbar ausschließlich für rituelle Zwecke gebraucht, nicht für den Haushalt. Vielleicht waren sie zu schön dafür. Die Keramikgefäße wurden geopfert. Dafür wurden sie häufig vorher zertrümmert. Man sieht ganze Vitrinen voller schön gestalteter, farbiger Gefäße mit Löchern und daneben die Scherben, die dabei „heraussprangen“.
Die Gefäße sind oft aufwendig bemalt. Auf einem becherartigen Gefäß sieht man eine Person mit Stab und Wassernuss, begleitet von einem katzenartigen Wesen in der Form eines Hundertfüßers. Was man sich wohl dabei gedacht hat?
Sehr gelungen auch die Eisenverarbeitung. Es ist eine Schmuckkette ausgestellt, die, was man nur bei genauerem Hinsehen entdeckt, aus lauter winzigen Vögelchen besteht.
Für ganz praktische Zwecke ein Weidenkorb als Aufbewahrungsbehälter für den Haushalt. Sieht ganz so aus wie die in meiner Küche. Ebenso praktisch zwei kleine Säckchen, aus Stroh hergestellt.
Immer wieder verblüffend die clevere Verbindung von zwei Materialien für einen Gegenstand, wie bei einem Kinderbett, das wie ein moderner Liegestuhl aussieht. Es ist aus Holz und Weide gemacht.
Auch in der Kosmovision spielt die Doppelung offenbar eine wichtige Rolle. Der Fisch, einer der heiligen Tiere des Nasca, erscheint auf Gefäßen meist doppelt.
Man sieht auch zwei identische gestrickte Hüte, mit katzenartigen Wesen, die mittels einer Kordel aus anderem Material miteinander verbunden sind. Das ist nicht sehr praktisch, muss wohl rituellen Zwecken gedient haben. Es scheint eine Verbindung zu Bestattungsritualen zu geben.
Bei den Werkzeugen gefällt mir besonders ein scheinbar einfacher Stichel, mit dem man Löcher in oder Muster in Materialien wie Leder, Metall oder Holz prägt. Mit einem geschnitzten Vogel als Kopf.
Auch eine Muschel gehört zu den Werkzeugen. Sieht man ihr nicht an. Aber sie diente als dem Maler als Behälter für Farben!
In einer Vitrine sind die Grundstoffe ausgestellt, über die man verfügte. Erstaunlich, was sich alles erhalten hat: Kokablätter, Baumwolle, Bohnen, Nüsse verschiedener Art und alles Mögliche, was ich nicht identifizieren kann.
Ganz bizarr – und etwas gruselig – ein Opferungsritual des Nasca, unter Verwendung der Köpfe von Verstorbenen. Handelte es sich um normal Sterbliche oder um getötete Feinde? In den Schädel wurde ein Loch gebohrt, die Gehirnmasse wurde entfernt und in das Loch wurde ein Seil eingefügt, mit dem die Köpfe irgendwo aufgehängt werden konnten. Die Köpfe sehen aus, als hätten sie jahrhundertelang im Wüstensand gelegen.
Zum Schluss gibt es noch eine Besonderheit: Modelle, Modelle der Zeremonialzentren. Als ich erst davon las, dachte ich natürlich an moderne Modelle, aber es sind Modelle aus der Nasca-Zeit. Sie haben selbst ihre Zeremonialzentren noch in Ton gegossen. Eins der Modelle zeigt eine Stufenpyramide, mit sechs Stufen, die auf beiden Seiten auf das Dach des Tempels führen, und zwei Figuren vorne neben dem Eingang, vielleicht Wächter. Hinten in der Wand sieht man das Relief eines Wesens, vielleicht eines gottähnlichen Wesens.
Bei dem anderen Modell guckt man von oben in das Gebäude rein und sieht verschiedene Personen irgendwelche Riten vollziehen. Sieht aus wie eine Puppenstube.
Das war eine interessante Besichtigung, die, wie immer bei den Nasca, auch eine Menge Rätsel übrig lässt.
Wieder nehme ich ein Taxi, um mich zur Plaza de las Armas fahren zu lassen. Der gesprächige Fahrer meint: Alemania? Ist das nicht in Europa? Ja, weit weg. Er ist genauso überrascht wie der Fahrer auf der Hinfahrt, als ich von 4 PEN auf 5 aufrunde. Trinkgeld gibt man hier in der Regel wohl nicht.
Ich sehe mich an der schön gestalteten Plaza de Armas um. Natürlich darf der große künstliche Tannenbaum mit übermäßigem Schmuck nicht fehlen. An jeder zweiten Ecke sitzen Eisverkäufer, und auf den Bänken ruhen sich Rentner und Schüler in Schuluniformen aus.
In die beiden Geraden des Platzes hat man im Boden Mosaiken eingefügt, die einige der Nasca-Geoglypen darstellen, ausschließlich Tierdarstellungen.
Ich mache mich auf die Suche nach dem Supermarkt von gestern. Ich hatte den Namen vergessen. Er heißt Raulito. Dort decke ich mich mit Flüssigkeit ein. Der leckere Eistee von gestern ist leider ausverkauft.
Auf dem Rückweg sehe ich, dass an jedem zweiten Geschäft und jedem zweiten Verkaufsstand Personal gesucht wird: Se necesita cocinero/a, ayudante de cocina, mozo/a heißt es an einem.
Wenn es hier viele Lokale und Tourenveranstalter gibt, an Apotheken mangelt es auch nicht. Ganz egal, ob sie Botica oder Farmacia heißen. Viele sind Filialen von Ketten: Incafarma, Mifarma, Califarma.
In meiner Straße haben sie eine besondere Berechtigung, denn hier hat die Medizin das Wort. Hier gibt es ein Krankenhaus, eine Polyklinik, eine Notaufnahme, ein medizinisches Labor. Und, wenn das alles nicht reicht, gibt es gleich auch noch ein Beerdigungsinstitut.
19. Dezember (Freitag)
Hier in der Unterkunft soll es auch Frühstück geben, aber als ich kurz vor 9 an der Rezeption nachfrage, sagt man mir, es sei schon zu spät. Ich bekomme aber in einem kleinen, von Peruanern besuchten Café an der Ecke ein einfaches Frühstück.
Das Busunternehmen, Cruz del Sur, das vorgestern die Fahrt nach Nasca abgesagt hat, hat tatsächlich die Chuzpe, mir einen Fragenbogen zuzuschicken, auf dem ich angeben soll, wie zufrieden ich mit der Busfahrt war.
Der Fahrer des Tourenveranstalters, Antonio, ist auf die Minute pünktlich und steht um 9.30 vor der Tür.
Die Fahrt kommt mir viel kürzer vor als auf dem Weg nach Nasca vorgestern. Das liegt an Antonio. Der ist nicht nur sehr freundlich, sondern hat auch viel Interessantes zu erzählen.
Er selbst arbeitet seit einem Jahr für die Firma, ist Fahrer und Führer gleichzeitig. Dazu hat er eine dreijährige Ausbildung in Tourismus gemacht, an keiner Universität, aber an einer Art Fachschule in Nasca.
Das Wort Nasca, erklärt er, komme von nanai. Das bedeutet ‚Opfer‘ und spielt auf den Wassermangel der Gegend an. Aus nanai machten die Spanier nanasca, und daraus wurde Nasca.
Die Geoglyphen befinden sich in der Pampa de Jumaná, und das bedeutet ‚Schöpfung‘. Das wiederum spielt auf das unterirdische Wasser an, das hier trotz allem Wachstum zulässt.
Die Pampa von Nasca ist praktisch eine Fortsetzung der chilenischen Atacama, die als zweittrockenste Wüste der Welt gilt.
Drei Faktoren bestimmen die Gegend:
- Die Anden, die dafür verantwortlich sind, dass es hier so gut wie nie regnet
- Der Pazifik, der nur eine Stunde Fahrt entfernt ist. Dort sorgt der Humboldt-Strom dafür, dass kein Wasser verdunsten kann
- Das Phänomen El Niño, das die Gegend alle 15-30 Jahre treffen und für schwere Verwüstungen sorgen kann. Er selbst hat das auch schon mitbekommen. Nasca ist einfach nicht darauf vorbereitet, aber noch stärker betroffen sind die Siedlungen außerhalb der Stadt
Wir kommen zu einer Mautstelle. Dort steht ein Mann mit einer ziemlich düster aussehenden Geisterpuppe, ein Pilger einer Naturreligion. Die Pilger glauben, dass sie möglichst lange Strecken zu Fuß absolvieren müssen, um die Götter gnädig zu stimmen. Sie bitten hier um eine kleine Spende.
Wir fahren auf die Berge zu. Die leicht rötliche Färbung einiger Abhänge resultiert aus dem Vorhandensein von Eisenoxyd. Das Vorhandensein unterschiedlicher Mineralien erklärt die Marmorierung der Berge.
Wie schon die alten Nasca, nutzt man auch heute die unterirdischen Wasservorräte aus, um Felderwirtschaft betreiben zu können. Es werden zwei Sorten Mais, Wassermelonen, Spargel, Blaubeeren und Kartoffeln angebaut.
Eins der Scharrbilder stellt einen Baum dar, vermutlich den Baum, den man hier huarango nennt (ich bin ihm, glaube ich, schon mal als Karob begegnet). Der war den Nasca heilig, weil seine Wurzeln bis zu 70 Meter in die Erde reichen. Diese Wurzeln sorgen für den unterirdischen Transport von Wasser.
Was den Astronauten angeht, meint Antonio, er stelle vermutlich eine Gottheit dar. Sein übergroßer Kopf stehe für seine Klugheit.
Eine besondere Kuriosität gibt es von dem Affen zu berichten. Maria Reiche hatte sich in Cuzco an einem Kaktus gestochen und einen Finger verloren. Als sie dann die Scharrbilder untersuchte, stellte sie fest, dass der Affe auch nur 9 Finger hat. Noch ein Detail, das wie stellvertretend für ihre Bindung an die Nasca-Kultur steht.
Während wir auf den Aussichtsturm zufahren, kreisen in der Luft über uns die Flugzeuge, die die Nasca-Linien überfliegen.
Wir kommen zu dem Aussichtsturm, und alle meine Befürchtungen lösen sich in Luft auf. Ich hatte gehört, es handele sich um eine wacklige Angelegenheit. Das ist überhaupt nicht der Fall. Der Turm ist stabil und hat breite, bequeme Stufen. Die Mär von dem wackligen Turm hält sich. Dabei ist der gemeinte wacklige Turm der, der gegenüber, auf der anderen Straßenseite steht, und der ist schon lange gesperrt.
Von diesem Turm aus kann man drei Geoglyphen sehen: den Frosch (steht für das Wasser), den Baum (steht für das Leben), die Eidechse (steht für die Wüste). Außerdem sieht man die lange Trasse, die von einigen für eine Landebahn für Außerirdische gehalten wird, über die sie mit den Nasca Kontakt aufnahmen.
Was die Nasca-Linien bedeuten, ist weiterhin ungeklärt. Maria Reiches Hypothese, dass es sich um einen astronomischen Kalender handelt, gilt heute als überholt. Aber: Was bedeuten sie dann?
Antonio erzählt, die Nasca hätten sich mit einem halluzinogene Kaktus in übersinnliche Zustände versetzt und dabei diese Gestalten erblickt, die ihnen als gottähnliche Wesen galten. Vielleicht haben sie über diese übermenschliche Wesen mit ihrem höchsten Gott Kon Verbindung aufgenommen, einem Mischwesen, das außerhalb fliegen konnte und dessen Zorn für die Dürre verantwortlich war. Es ging darum, ihn milde zu stimmen.
Was immer die Bedeutung der Scharrbilder ist: Was man von hier oben perfekt sehen kann, ist dies: Die Panamericana verläuft nicht nur zwischen den Scharrbildern hindurch, sondern mitten durch die Figur der Eidechse. Trennt sie in zwei Teile. Als die Panamericana gebaut wurde, kam niemand auf die Idee, dass sich hier irgendwelche Figuren befinden könnten.
Die Nasca-Linien sind etwa 2000 Jahre alt. Sie wurden geschaffen, indem die obere Erdschicht abgetragen wurde und die untere, hellere, fast weiße Schicht zum Vorschein kam.
Antonio tut sein Bestes, mir zu erklären, warum der Wind die Linien nicht wieder verschüttet hat, aber ganz kapiere ich es nicht. Auf jeden Fall ist Maria Reiche nicht umsonst zu ihrem Beinamen La Bruja del Desierto gekommen, weil sie die Linien mit einem Besen wieder vollständig freilegte.
Hier ist man noch näher an den Figuren dran als aus dem Flugzeug, und die Photos sind auch marginal besser, aber auch nicht richtig gut.
Wir fahren ein kurzes Stück weiter zum Museo Maria Reiche. Der Mann an der Rezeption fragt mich, ob ich Deutscher sei: „Tiene porte alemán“. Die Holländer sähen anders aus.
Ein Mann, der einen der Räume säubert, fragt mich, ob ich den Film über Maria Reiche schon gesehen hätte und wie er mir gefallen habe. Als ich geantwortet habe, sagt er mit Bedauern in der Stimme, hier sei der Film noch nicht angelaufen. Das ist echt verrückt, wenn er irgendwo hingehört, dann hierher.
Antonio erklärt mir die Abfolge der verschiedenen Etappen der Vorgeschichte. Er macht praktisch keinen Unterschied zwischen den Paracas und den Nasca, so als wären die Paracas einfach eine frühe Nasca-Stufe gewesen. Anders verhält es sich mit den Wari, einem kriegerischen Volk, das ab dem 8. Jahrhundert die Gegend eroberte.
Für ihn sind die Paracas überlegen in der Textilproduktion, die Nasca in der Keramik. Warum? Die Farben haben sich bei ihnen besser erhalten. Der Brennprozess wurde unterbrochen, dann wurden die Farben aufgetragen, dann wurde die Brennung fortgesetzt.
In einem kleinen Museum kann man Einzelteile sehen, die das bestens illustrieren. Sie wurden alle hier in der Nähe gefunden. Der Star des Museums ist aber eine Mumie, ebenfalls hier gefunden, etwa 1200 Jahre alt. Eine weibliche Figur, in fetaler Position, die Mumie einer Frau von hoher sozialer Stellung, nicht älter als 30.
Der ganze Mumifizierungsprozess zog sich in die Länge, man tat das absichtlich, und um den Leichnam weiter behandeln zu können, nach dem Eintritt der Totenstarre, durchschnitt man vorher die Sehnen. Das Eingeweide wurde entnommen, stattdessen wurden Grabbeigaben in den Unterleib gelegt, und alles wurde wieder zugenäht. Die Bestattung erfolgte immer Richtung der aufgehenden Sonne.
Das Haar ist erhalten, ist aber nicht schwarz, sondern braun. Das, so wird hier erklärt, sei eine Folge der Mangelernährung, die wiederum eine Folge des Regenmangels war.
Der wichtigste Hingucker aber sind die Tätowierungen, mit der Tinte von Tintenfischen aufgetragen. An den Armen lange Reihen stilisierter Blumen, an den Händen ein kleiner Fuchs.
Draußen im Garten befindet sich das Grab von Maria Reiche. Sie sollte nach Deutschland überführt werden, aber das wurde glücklicherweise verhindert.
Neben ihr begraben ihre jüngere Schwester, Ärztin, die nach ihrer Pensionierung nach Lima kam, um ihre Schwester zu unterstützen, aber auch medizinisch zu versorgen. Sie starb dann aber drei Jahre vor Maria Reiche.
Auch Maria Reiches Mutter, die den Lebensweg ihrer Tochter strikt verurteilte, kam einmal nach Peru. Sie sagte, du bist nichts als ein alt gewordenes junges Mädchen. Woraufhin Maria Reiche ihr sagte, nein, ich bin ein jung gebliebenes altes Mädchen.
Unter einem Schutzdach steht der VW-Bully, den Maria Reiche später hatte, von Gönnern zur Verfügung gestellt, als sich ihr Ruf allmählich verbreitete. Da lasse ich mir ein Photo nicht entgehen.
Der eigentliche Nukleus des Museums ist Maria Reiches Hütte, alles andere ist im Laufe der Zeit drum herum entstanden. Man sieht sie selbst an der Schreibmaschine am Schreibtisch sitzen. An der Wand ihre Kamera und ihre Zeichnungen.
Bücher gibt es keine. Komisch. Maria Reiche war ausgebildete Mathematikerin. Und hatte außerdem Physik und Geographie studiert (aber keine Archäologie). Hat sie in ihrem Leben in der Wüste die Lektüre nicht vermisst?
Auf dem Tisch ein Teller mit Obst. Sie ernährte sich fast nur von Wasser und Obst. Fleisch konnte sie sich nicht leisten. Sie rauchte nie, sie trank kein Bier, keinen Wein, nicht einmal Tee oder Kaffee. Krankheiten überstand sie, weil sie sich Ärztebesuche nicht leisten konnte, ausschließlich durch Fastenkuren. Was muss die Frau für einen Willen gehabt haben! Insgesamt verbrachte sie fast 40 Jahre in der Wüste.
In einem Nebenraum sind noch Messgeräte ausgestellt, darunter ein Zentimetermaß. Das muss man sich vorstellen, die riesigen Figuren mit einem Zentimetermaß auszumessen.
Antonio sagt, sie sei bei der Arbeit sehr akribisch gewesen. Wenn sie mit einer Zeichnung nicht zufrieden war, vernichtete sie sie und fing wieder von vorne an.
Eine kleine Photo-Galerie zeigt sie in verschiedenen Phasen ihres Lebens. Als junge Frau war sie ausgesprochen hübsch. Das kann man über die alte Maria Reiche nicht sagen. Ob die Liebesgeschichte mit einer Frau, die an ihrer Obsession scheiterte, auf Wahrheit beruht oder eine Erfindung des Films ist, kann ich nicht rausfinden.
Auf dem Rückweg machen wir Halt an dem natürlichen Aussichtspunkt. Auch hier muss wieder Eintritt bezahlt werden, genauso wie an den beiden anderen Stationen.
Es ist gar nicht nötig, auf den Hügel zu steigen, denn hier ist das Scharrbild nicht in der Ebene, sondern an einem Hügel angebracht. Es handelt sich um eine Katze. Die sieht mit ihrem großen Kopf aus, als wäre sie einem Comic entsprungen. Dieses Scharrbild stammt nicht von den Nasca, sondern von den Paracas. Die Anbringung am Hügel erinnert an den Kandelaber, den wir bei der Fahrt zu den Islas Bellestas gesehen haben.
Als ich auf dem Rückweg Antonio nach Bufo frage, dem Internet zufolge ein typisches Gericht aus Nasca, ein Eintopfgericht, muss er lachen. Nein, das war früher, das gibt es nicht mehr.
Bei den anderen Gerichten, auf die ich gestoßen bin, macht er mir mehr Hoffnung und empfiehlt mir ein paar Lokale.
Am Ende lerne ich noch ein neues spanisches Wort von ihm: yapear. Dürfte aber nur in Peru bekannt sein. Yape ist das Bezahlsystem per Handy, auf das ich schon häufiger gestoßen bin. Und aus dem Namen der Firma ist das Verb yapear kreiert worden: Te yapeo más tarde.
Er setzt mich zu Hause ab. Ich bin wirklich sehr, sehr zufrieden, ihn als Führer gehabt zu haben.
Später gehe ich dann ins Mamashana, eins der von ihm empfohlenen Lokale. Es liegt in der Calle Bolognesi, und die geht gleich ab von der Plaza Bolognesi. Dort steht eine Büste von Francisco Bolognesi, der sich als General hier vor allem Ruhm erwarb in dem Krieg gegen Chile.
In der Mamashama bestelle ich Aji de Gallina, Hühnchenfleisch, in kleinen Streifen, in einer auffallend gelben Knoblauchsoße serviert. Dazu gibt es Reis.
Ich bestelle ein Chusqueño und bekomme ungefragt statt eines Hellen oder Dunklen ein Trigo. Schmeckt gut, aber nicht nach Weizen.
Aus einer Laune heraus bestelle ich dann auch noch einen Nachtisch: Alfajores mit Eis. Das Ganze hat seinen Preis: 64 PEN.
20. Dezember (Samstag)
Hier braucht niemand Winterkleidung. Es ist das ganze Jahr über warm. Schon, als ich zum Frühstück in das Café an der Ecke gehe, ist es schön warm, 24°. Trotzdem tragen die Leute keine richtige Sommerkleidung. Viele tragen eine leichte Jacke oder einen leichten Pullover, höchstens jeder zweite geht kurzärmelig, und kurze Hosen sieht man so gut wie gar nicht. Auch drinnen tragen viele eine Schirmmütze.
Nasca ist ein Touristenziel. Das merkt man an den vielen Unterkünften, Lokalen und Tourenanbietern. Trotzdem sieht man kaum Ausländer. Die Stadt wirkt wie eine normale peruanische Stadt.
Hier sieht man schon die Frauen, die man sonst mit Bolivien verbindet: Rock über Lastexhose, europäischer Männerhut auf dem Kopf. Eine kommt in das Café und verkauft Süßigkeiten, eine andere sitzt am Straßenrand und sortiert Pfandflaschen. Ich gehe schnell rauf und bringe ihr mein Sammelsurium. Verstehen tue ich so gut wie gar nichts. Aber es sieht so aus, als könne sie nur die Plastikflaschen gebrauchen. Sie nimmt die Glasflaschen trotzdem und tut sie in eine andere Plastiktüte.
Heute mache ich „Bürotag“ im Hotelzimmer. Es gibt einiges zu tun: Reisenotizen, Babbel, Bewertung der Unterkunft in Ica, Leserbrief an Deutschlandfunk, Reservierung der Fahrt von Puno nach La Paz, Reservierung der Ausreise aus Bolivien (die schon bei der Einreise vorgelegt werden muss), Unterkunft in La Paz, Koffer packen, Taxi bestellen.
Um die Mittagszeit gehe ich noch mal raus. Es ist jetzt voll in der Stadt und richtig heiß. Die Leute, die an der Bank Schlange stehen, schützen sich mit einem Sonnenschirm.
Auf den schmalen, aber immerhin ebenen Bürgersteigen schiebt man sich nur langsam fort.
Die Straßen sind schmal, deshalb kann man sie relativ gut überqueren, aber Vorsicht ist dennoch geboten. Aber auch nicht zu viel. Als ich zögernd an einer Kreuzung stehe und mich nicht traue, ruft mir ein auf einem Schemel sitzender Verkäufer zu: ¡Adelante!“. Die Autos halten nicht von selbst an. Recht hat er.
Immer wieder verblüffend die Abwesenheit von Tempo-Tüchern in diesen Ländern. Ich suche den Raulito von hinten bis vorne ab – nichts.
An einem Stand kaufe ich eine Tüte mit Nüssen und Rosinen für die Fahrt. Dazu ein Stück Käse. Der Verkäufer ist sehr hilfsbereit.
An dem Stand daneben strecken die Puten ihre Beine nach oben. Sieht originell aus, aber wie gut sie die Hitze vertragen, steht auf einem anderen Blatt.
Gegenüber bekomme ich einen sehr gut schmeckenden, reichhaltigen Obstsalat, mit Honig und Joghurt.
Antonio hat gestern das Fehlen eines großen Einkaufszentrums in Nasca bedauert. Die stehen bei den Latinos ganz hoch im Kurs. Weiß der Teufel warum.
Die Innenstadt ist vermutlich so lebendig, weil es kein Einkaufszentrum gibt. Dafür gibt es unzählige kleine Geschäfte, in schlauchartigen Lokalen untergebracht, alles ebenerdig, jedes auf eine Ware begrenzt: Möbel, Brillen, Handwerkzeug, sogar Motorräder und natürlich Kleidung.
Ich schaffe es nicht, ein Taxi zu bestellen. Komisch: Nach Deutschland kann ich nicht anrufen, weil ich im Ausland bin, und ins Ausland kann ich nicht anrufen, weil ich eine deutsche Nummer habe.
Deshalb breche ich früher auf als nötig. Aber der Mann an der Rezeption ist sehr hilfsbereit. Er stellt sich mit mir an den Straßenrand und winkt den vorbeifahrenden Autos zu. Nach weniger als zehn Minuten hält einer und nimmt mich mit. Wieder ein Privatfahrer. In Nasca hat jedes Busunternehmen seinen eigenen Bahnhof, aber der Mann weiß Bescheid und setzt mich nach kurzer Zeit bei Cruz del Sur ab.
Hier ist es noch ganz ruhig. Außer mir sind nur ein paar junge Holländer in der Abfahrtshalle. Meine Reisetasche werde ich schnell los. Und vor der Tür steht schon der Bus nach Arequipa abfahrbereit.
Die Zeit vergeht langsam, ich langweilige mich. Lange tut sich nichts, dann wird es plötzlich voll, und über den scheppernden Lautsprecher wird Arequipa ausgerufen. Ich stelle mich brav in die Schlange. Als ich drankomme, guckt sich der Mann meine Buchung auf dem Handy ganz genau an. Was ist los? Stimmt was nicht? Doch, nur dies ist der 22.00 nach Arequipa. Meiner ist der 22.20. Die Holländer sind weg.
Jetzt kommt Bewegung in die Sache. Alle Nase lang kommt ein Bus in den Hof gefahren, und immer gucke ich gespannt, ob es der nach Arequipa ist. Nein, Lima, Cusco, noch mal Lima, Ica, noch mal Cusco, noch mal Lima, dann ein Sonderbus fürs Personal. Die da einsteigen, brauchen komischerweise nicht durch die Sicherheitskontrolle, alle anderen wohl. Wir am Ende auch nicht.
Ich frage einen Mann neben mir, ob er auch nach Arequipa fährt. Ja. Auch 22.20. Das ist schon mal beruhigend, denn langsam wird es einsam hier.
Der Mann fragt nach, wie lange es denn noch dauern wird. Halbe Stunde, wird ihm gesagt. Viel Verkehr.
Ich bin das Warten leid. Den Werbefilm von Cruz del Sur kann ich inzwischen auswendig. Auf Spanisch und auf Englisch.
Einziges interessantes Detail: Peru mit oder ohne Artikel? Dieselbe Frage wie bei Ecuador, nicht unbedingt mit derselben Antwort. Hier heißt es jedenfalls: Envíos al norte, sur y oriente del Perú. Mit Artikel.
Dann kommt der Bus nach Arequipa. Endlich! Wir stellen uns in die Schlange. Der Kontrolleur hat mich schon fast durchgelassen, dann sagt er: Da stimmt was nicht mit den Sitzplätzen. Die Erklärung: Dies ist der 22.30 nach Arequipa. Unserer ist der 22.20. Und der kommt natürlich später.
Als es dann endlich so weit ist und der richtige Bus kommt und wir uns auf die Reise machen, ist es Mitternacht.
21. Dezember (Sonntag)
Als ich die Augen öffne, ist es noch dunkel. Aber dann schiebe ich den Vorhang ein kleines Stück zur Seite, und da sieht man ganz hinten am Horizont einen gräulich-rötlichen Schimmer. Davor sieht man schemenhaft die Berge.
Für die nächste Stunde halte ich die kleine Lücke am Fenster offen und lasse den Tagesanbruch wie in einem Film an mir vorüberlaufen. Alle anderen schlafen noch, nur einer ist mit seinem Handy beschäftigt.
Ich werde belohnt durch ein echtes Naturspektakel. Wir fahren durch eine wilde Berglandschaft, ohne jede Spur einer Zivilisation. Es geht auf und ab und über Kurven. Immer wieder ergeben sich neue Blicke. Und beinahe minütlich sieht man, wie sich das Licht verändert. Erst ganz in der Ferne, hinter den Bergen, ein rötlich-gelber Schimmer, dann ein heller Himmel über den dunklen Bergen, dann die Sonne direkt gegenüber in all ihrer Pracht. Wenn noch etwas gefehlt hat, kommt es jetzt auch noch: Wir fahren direkt an der Küste entlang, das Meer liegt tief unter uns.
Mir kommt die Frage in den Sinn, ob man mit bloßen Augen unterscheiden kann zwischen Abenddämmerung und Morgendämmerung. Intuitiv würde ich jetzt sagen, ja. Irgendwie hat dies was von Morgendämmerung.
Dann wird es Tag, das Wunder ist vorbei. Wir fahren durch eine Wüstenlandschaft, das Meer ist verschwunden. Dann kommen plötzlich in einem Tal grüne, sattgrüne Felder, danach wieder reine Wüstenlandschaft.
Irgendwo kommen wir plötzlich unangekündigt zum Halten. Das ist Camaná. Hier steigen einige aus. Junge Mädchen aus dem Ort drängen sich um den Bus und überbieten sich gegenseitig an Lautstärke, um ihre Speisen anzupreisen.
Es geht uninteressant weiter. Dann kommt La Joya, ein ganz merkwürdiger Ort, unendlich lang, mit lauter Industrieanlagen, unterbrochen von dem einen oder anderen Restaurant. Der Ort nimmt gar kein Ende. An den Mauern und den Häuserwänden stehen politische Parolen und dann steht da immer wieder Compro cochinillas. Wozu will man Schildläuse haben? Früher waren sie als Farbstoff wertvoll. Heute auch noch?
Kurz danach kommen Kakteenfelder, regelrechte Plantagen, alle gleich groß und in geraden Reihen gepflanzt, mit einem Netz als Schutz darüber. Ob das auch was mit den Schildläusen zu tun hat?
Jetzt geht es manchmal nur noch langsam weiter. Wenn wir hinter einem LKW hängen, fährt der Bus gerade mal 20 km/h. Es geht stetig bergauf. Insgesamt klettern wir von 500 Metern auf 2.300 Meter.
Dann kommt wieder Wüste und plötzlich ein Reisfeld, auf dem Menschen mit runden, spitzen Hüten in gebückter Haltung arbeiten. Da kommt man sich wie in Vietnam vor.
In einer breiten Kurve sehen wir unten im Tal in einen Steinbruch. Das muss der Sillar sein, auf den man immer wieder stößt in Verbindung mit Arequipa. Die Altstadt ist aus diesen weißen Kalksteinblöcken gebaut.
Dann kommen die Außenbezirke von Arequipa. Schön ist es hier nicht unbedingt. Und Arequipa ist groß, größer als ich dachte. Hat fast zwei Millionen Einwohner und ist damit die zweitgrößte Stadt Perus.
Endlich fahren wir in dem Busbahnhof ein. Der hat sogar eine Zuschauertribüne. Dort stehen die Schaulustigen und winken den Ankömmlingen zu.
Als meine Reisetasche zuverlässig unter dem Gepäck erscheint, habe ich Grund, mal wieder dankbar zu sein für all die dienstbaren Geister, die einem so eine Reise ermöglichen.
Dann kommt das unvermeidliche Drama mit der Unterkunft. Kein Taxifahrer kennt die Adresse, im Gegensatz zu den Beteuerungen der Vermieterin. Zum Glück habe ich auf eine Wegbeschreibung gedrängt. Die kann ich den Taxifahrern jetzt vorlegen. Daraufhin sagt der erste, der zweite, der dritte, da fahre er nicht hin, das sei zu weit außerhalb. Dabei habe ich ein Unterkunft gebucht, die ausdrücklich als zentral beschrieben wird.
Der vierte Taxifahrer kennt sich aus und ist sofort einverstanden. Die Fahrt dauert lange und rechtfertigt den für peruanische Verhältnisse eher hohen Preis: 17 PEN. Das sind allerdings nicht einmal 5 €.
Unterwegs sehen wir mehrere hohe Berge, darunter den Misti, einen Vulkan, der als so was wie das Wahrzeichen Arequipas gilt. Ist das da oben wirklich Schnee? Ja.
Der Fahrer setzt mich vor dem Haus ab. Von außen vermutet man kein bisschen, die große Wohnanlage, die sich dahinter verbirgt, mit mehr als 200 Wohnungen.
Dann kommt des Dramas zweiter Teil: Die Rezeption ist zwar besetzt, aber die Frau weiß von nichts. Die Vermieterin hatte mir auf mehrfache Nachfrage ausdrücklich bestätigt, dort wisse man schon meinen Namen und werde mich zu der Wohnung begleiten. Die Frau weiß von nichts. Sie ruft ihren Kollegen an. Auch der weiß von nichts. Wie denn die Vermieterin heiße. Nery? Nie gehört.
Die Frau macht ein Photo von meinem Reisepass und sagt, sie werde mich zu der Wohnung begleiten. Sie findet sie aber nicht. Wir machen mehrere Anläufe, rauf und runter, mal mit Aufzug, mal zu Fuß, aber C 311 taucht nirgendwo auf.
Dann geschieht ein Wunder. Oder ist es gar keins? Ein sehr freundlicher Mann mit einem Kleinkind auf dem Arm fragt uns, welche Wohnung wir denn suchen. C 311. Klar, kennt er. Er schickt die Frau an die Rezeption und sagt, er werde mich schon dahinbringen. Es stellt sich heraus, dass er der Sohn von Nery ist.
Er ist die Aufmerksamkeit in Person. Er führt mich nicht nur hin, sondern zeigt mir auch den Weg, erklärt, wie ich mich orientieren kann und in welche Richtung ich von hier aus in die Altstadt und in welche ich zu Katya, dem Supermarkt, komme.
Geduldig erklärt er mir die Funktionsweise des elektronischen Schlosses an der Wohnungstür. Die verriegelt sich von außen und von innen selbst, wenn man ihr ein paar Sekunden Zeit lässt. Und er wartet sogar noch, bis ich mich in das Internet eingewählt habe.
Meine Verärgerung schwindet in dem Moment, wo ich die Wohnung betrete. Die lässt keine Wünsche offen. Alles modern, alles bestens eingerichtet, vor allem die Küche, und es gibt sogar eine Waschmaschine.
Ich mache mich sofort auf den Weg zum Supermarkt. Dabei komme ich an einer Wäscherei vorbei. Die machen die Wäsche mit Preis nach Gewicht. Bügeln aber nicht. Da kann ich auch gleich selbst waschen. Und kaufe in dem Supermarkt Waschmittel. Nur um nachher in der Wohnung doch noch Waschmittel zu finden. Dafür finde ich aber nichts, woran ich die Wäsche aufhängen kann. Also wird es wohl doch auf die Wäscherei hinauslaufen. Aber erst morgen.
22. Dezember (Montag)
6 Menschen werden jedes Jahr von Haien gefressen. 28 kommen bei Selfies ums Leben, 600 bei Sex-Unfällen, 791 sterben durch defekte Toaster. Trotzdem haben die meisten von uns mehr Angst vor Haien als vor Toastern. Dafür ist nicht zuletzt Der Weiße Hai verantwortlich. Dass der so viel Angst einjagte, ist vor allem einem Zufall zu verdanken. Die Hai-Attrappe ging immer wieder kaputt, denn es wurde im offenen Meer gedreht, nicht im Studio. Die Attrappe kam mit dem salzigen Wasser nicht zurecht. Deshalb erscheint der Hai nur in fünf Minuten des Films. Die Angst wird anders erzeugt. Was man nicht sieht, ist weniger greifbar als das, was man sieht und besser geeignet, Angst zu erzeugen. Das hätte auch Hitchcock so gesehen.
In Peru gilt der 24. Juni als der traditionelle Feiertag des Inka-Reichs, der Inti Raymi. Das ist der kürzeste Tag des Jahres. Wir sind auf der südlichen Erdhalbkugel, und schon ein ganzes Stück vom Äquator entfernt. Insofern ist meine Verwunderung ganz unbegründet, als es heute schon um kurz nach 5 Tag wird. Der Sonnenuntergang ist allerdings schon kurz nach 18 Uhr. So lang wie bei uns im Sommer sind die Tage hier nicht. Dafür sind wir doch noch zu nah am Äquator, etwa 3.000 Kilometer.
Aus gut informierten Quellen erfahre ich, dass auch Maria Reiche die Strecke Nasca – Arequipa gefahren ist und von der Landschaft begeistert war, vor allem vom Sonnenuntergang.
Am Morgen führt mich mein erster Weg zur Wäscherei. Die heißt passenderweise Bianca. Der Mann, der mir gestern etwas schroff vorkam, ist heute ausgesprochen freundlich. Als ich ihn bitte, erst mal zu wiegen, um den Preis zu erfahren, weil ich nicht mehr genug Soles habe, sagt er, kein Problem, man könne auch mit Dollars zahlen. Er wiegt: 3 Kilo. Morgen um dieselbe Zeit abholen. Dann erst bezahlen.
Wechseln könne ich in der Straße mit dem Supermarkt. Da sei die Banco de Crédito, und da säßen immer Geldwechsler. Trotz Nachfrage und obwohl ich sicher bin, ihn richtig verstanden zu haben, finde ich die Bank nicht. Egal, im Zentrum wird es auch Geldwechsler geben.
Ich folge den Instruktionen des Sohns von Nery von gestern und komme tatsächlich bald über die Puente Bolognesi. Die führt über eine hässliche Schnellstraße, aber vorher über den Chili, einen Fluss, den man nicht reguliert hat und dessen Wasser über die Steine schnellt, mit dem schneebedeckten Vulkan im Hintergrund. Echt schön.
Auf der anderen Seite geht es über eine schmale Kopfsteinpflasterstraße weiter Richtung Zentrum. Es wird innerstädtisch. Ein alter Mann kommt auf einem Fahrrad, das fortschrittlich gesinnte junge Akademiker in Deutschland Lastenfahrrad nennen würden, die Straße runtergeflitzt.
Mein Blick fällt in ein kleines Café. Da gibt es Frühstück. Dafür reicht das Geld noch. Eine erstaunlich behände, untersetzte Frau, immer mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen, eilt im Laufschritt von einem Kunden zum anderen. Hier sind nur Peruaner, alte und junge, eine Familie mit Säugling, Polizisten.
Wieder gibt es ein Missverständnis, für das ich keine Erklärung habe. Der Kaffee ist im Frühstück nicht inbegriffen. Es gibt aber Kaffee, oder? Ja, aber in einer Teetasse. Ist aber Kaffee? Ja. Ist es aber nicht, ist eindeutig Tee, Früchtetee, vermutlich Kamillentee, stark gesüßt. Davon trinke ich ein paar Schluck, lasse ihn dann aber stehen, als das Frühstück kommt: Speckschwarte, Reis, Pommes und Tomaten.
Danach komme ich schon sehr bald zur Plaza de Armas. Die Kalkulation des Sohns der Vermieterin war sehr realistisch: 20 Minuten.
Die Plaza de Armas ist ein riesengroßer quadratischer Platz, mit doppelstöckigen Arkaden auf drei Seiten und der Kathedrale auf der anderen Seite. Sie nimmt tatsächlich die gesamte Breite des Platzes ein. Unverhältnismäßig. Die Erklärung gibt es später, ganz zum Ende der Tour: Arequipa hat, wie Quito, aber anders als die übrigen südamerikanischen Kolonialstädte, breite Kirchen, die aber nicht sehr lang sind. Stimmt. Die haben mich in Quito damals auch schon überrascht.
Ich suche die Straße Santa Catalina. Dort soll die Stadtführung beginnen. Die Nummerierung ist etwas unregelmäßig, aber am Ende stehe ich vor dem richtigen Haus. Eine Frau, die gerade Tische auf die Straße trägt, bestätigt mir, dass dies der Treffpunkt für die Führung ist. Aber einen Kaffee kann ich hier noch nicht bekommen. Sie öffnen erst um 10. Ich solle nach gegenüber gehen, in das Café da drüben. Dort bekomme ich einen lauwarmen, schwachen Milchkaffee, der mehr kostet als das ganze Frühstück.
Als ich rausgehe, sitzt auf den Stühlen vor dem anderen Haus schon jemand. Es ist ein junger Brasilianer. Der will auch zu der Führung. Wir kommen ins Gespräch, auch später tauschen wir uns zwischen den Stationen bei der Führung immer wieder aus. Er ist schon in Bolivien gewesen und will noch weiter nach Chile und Argentinien. Dann nach Hause zurück, nach São Paulo. In Europa ist er noch nicht gewesen, das hat er für das nächste Jahr geplant.
Bei der Reise nach Bolivien habe er sich plötzlich auf mehr als 4.000 Metern Höhe wiedergefunden. Seine Augen hätten getränt, sein Kopf sei schwer gewesen, obwohl er keine eigentlichen Kopfschmerzen hatte. Er hat einfach alles langsam angehen lassen, kleine Schritte, viele Pausen. Hört sich vernünftig an.
Er ist, obwohl er beruflich was mit Fußball zu tun hat, noch nie in dem Fußballmuseum in São Paulo gewesen, wohl in dem zur Sprache und in dem riesigen, neu eröffneten Kunstmuseum.
Er spricht sehr gut Spanisch, fließend, versteht alles, kann sich präzise ausdrücken und auch nachfragen. Ja, Spanisch habe ihm immer Spaß gemacht, aber beruflich wäre Englisch wichtiger. Sie hätten oft nordamerikanische Kunden. Mit denen müsste er dann gezwungenermaßen Englisch sprechen. Manchmal kommen auch Kunden aus Rio Grande do Sul, und die sprächen untereinander Deutsch und ließen auch hin und wieder deutsche Wörter in die Unterhaltung einfließen. Dann würde sich ihm alles im Kopf drehen.
Schließlich kommt jemand auf uns zu und fragt, ob wir zu der Stadtführung wollen. Er stellt uns Fragen wie in einem Polizeiverhör. Will auch meine Reservierung sehen. Die von dem Brasilianer nicht. Der hat gar nichts bezahlt bisher, ich wohl. Der Mann hält uns einen Vortrag, sie würden von dem Geld, was wir – in diesem Falle ich – bezahlt hätte, nichts mitbekommen, deshalb sei Trinkgeld am Ende der Tour erforderlich. Blöderweise lasse ich mich auf eine Diskussion ein. Trinkgeld gibt man freiwillig, nicht auf Anfrage, und nur für besondere Leistungen. Davon will er nichts wissen. Ich frage, warum sie dem Internetanbieter nicht die Werbung für sie verbieten, wenn sie von den Einnahmen nichts abbekommen. Das gehe nicht, die machten das einfach.
Er bespricht sich noch mit einem anderen Mann, einem mit Schirmmütze. Sie schicken eine Japanerin weg, die an einem anderen Tisch wartet. Glücklicherweise stellt sich heraus, dass der mit der Schirmmütze unser Führer ist. Der macht seine Sache ausgezeichnet und bekommt dann auch sein wohlverdientes Trinkgeld. Am Ende der Tour erklärt er, was es mit der Sache auf sich hat. Man kann sich auf deren eigener Website anmelden, ohne zu zahlen, hat aber dann keine Garantie, dass die Führung auch stattfindet. Dadurch, dass ich mich auf einer anderen Plattform angemeldet und bezahlt habe, müssen sie die Führung anbieten. Sonst hätten sie uns wieder wegschicken können, wie sie es mit der Japanerin gemacht haben.
Wir gehen die Straße runter in einen Innenhof. Das wiederholt sich im Laufe der Tour immer wieder: Wir gehen in einen Innenhof oder einen Gang oder, wie am Schluss, auf die Terrasse eines Hotels, und da kann er uns alles in Ruhe erklären. Clever gemacht.
Von der Terrasse des Hotels aus zeigt er uns ganz zum Schluss die drei Vulkane, die man hier alle gleichzeitig sehen kann. Dabei erweist sich, dass der Vulkan, den ich für den Misti gehalten habe, der schneebedeckte, der Chachani ist. Der ist der photogenste. Der Misti ist der gefährlichste, der Pichu Pichu ist der älteste.
Oben auf einem der Vulkane wurde eine Mumie gefunden, die Mumie eines Kindes, heute in einem der Museen aufbewahrt. Dieser Fund war der letzte Beweis, dass die Indios den Göttern tatsächlich Menschenopfer brachten. Der Gott des Vulkans wollte beschwichtigt werden, und nicht immer taten es alltägliche Opfergaben. Wenn die Lage sich zuspitzte, wurde ein Kind geopfert, ein Kind, weil es durch seine Unschuld den höchsten Wert darstellte.
Gleich zu Anfang der Führung ist auch von den Vulkanen die Rede. Arequipa sei, nach San Francisco und Santiago, die Stadt mit den meisten Erderschütterungen (sismos), aber die spüre man kaum. Erdbeben (terremotos) gebe es heute nur noch etwa alle 100 Jahre, das letzte gab es vor 24 Jahren. Früher seien die viel häufiger aufgetreten.
Die Gegend um das heutige Arequipa wurde vor 10.000 Jahren zum ersten Mal besiedelt, von Siedlern, die aus verschiedenen Gegenden kamen, unter anderem aus Cuzco und vom Titicaca-See. Sie sprachen drei verschiedene Sprachen, Ketschua, Aymara und Puquina. Sie wurden später, 1440, von den Inka unterworfen. Dann wurde das Inka-Reich, 100 Jahre später, von den Spaniern erobert.
Der Legende zufolge resultiert das Wort Arequipa aus einer dieser Sprachen. Are – kipa sollen die Indios den Spaniern zugerufen haben, ‚Lass dich hier nieder‘.
Die Spanier planten ihre Städte nach griechisch-römischem Vorbild: im Schachbrettmuster um einen zentralen Platz herum, mit lediglich vier Straßenzügen. Je näher man dem Platz war, umso hochrangiger war man.
Wir befinden uns im Innenhof eines Hauses innerhalb dieser ursprünglichen Kolonialstadt, der Casona Santa Catalina. Es gibt eine Toreinfahrt und dann charakteristischerweise zwei Innenhöfe. Der erste ist der repräsentativere, der zweite, einfacher gestaltete, verbirgt sich hinter dem eigentlichen Hauseingang. Auch hier gibt es eine Unterscheidung. Am Rande ist der einfachere, private Eingang, in der Mitte der aufwändiger gestaltete für Gäste.
Wir gehen wieder auf die Straße und stehen bald vor der langgestreckten Mauer des Klosters Santa Catalina, einer der Sehenswürdigkeiten, die immer genannt werden, wenn von Arequipa die Rede ist, als „Stadt innerhalb der Stadt“.
Es handelt sich um ein Dominikanerinnenkloster, in das früher die Töchter wohlhabender Familien eintraten. Das veränderte sich im Laufe der Zeit, das Kloster wurde zum Zufluchtsort für Arme, kam in finanzielle Bedrängnis, wurde schwer von einem Erdbeben getroffen. Es wurde dann mit Mitteln von außen wieder hergestellt, und ein Teil der Anlage wurde Touristen zugänglich gemacht. Der restliche Teil ist weiterhin Kloster. Man kann das Kloster auf eigene Faust besichtigen, aber besser mit einem Führer, meint unser Führer, am besten mit einer der Damen, die drinnen Führungen anbieten. Kommt für morgen aufs Tagesprogramm.
Wir gehen weiter und kommen an dem kleinen, in einem niedrigen historischen Haus untergebrachten Museo de Arte Contemporáneo. Hier werden wir auf den Verlauf der Straßen aufmerksam gemacht. Der ist ganz unregelmäßig. Was ist passiert? Hier haben sich spanische Soldaten außerhalb des Amtsbereichs des Königs niedergelassen, und sie haben ihr Viertel so aufgebaut, wie sie es aus ihrer andalusischen Heimat kannten.
Gegenüber ist der Eingang zum Mundo Alpaca. Wollte ich sowieso hin, jetzt bekommen wir es gleich bei der Führung mit.
Wurde von einem inzwischen verstorbenen Mäzen gegründet. Hier bekommt man Gräser in die Hand gedrückt und kann die Tiere füttern: Alpaka, Vikunja, Lama, Guanako. Unterschiedlich groß, unterschiedliches Fell. Alle Farben vertreten. Einige haben ganz kurzes, dickes Fell, andere, besonders ein weißes, hat ganz langes, zotteliges Fell.
Das Fell des Vikunjas ist das begehrteste, das wertvollste, mit Edelmetall kaum aufzuwiegen. Das Vikunja erscheint auch im Wappen Perus.
Wir sehen ein Mädchen und seine Mutter, beide auf dem Boden sitzend, auf traditionelle Weise Stoffe webend, mit hölzernen Stäben, die in unterschiedlicher Reihenfolge durch die Fäden gezogen werden. Man sieht, wie ganz allmählich das Muster entsteht. Wirkt wie ein Wunder.
In einer anderen Halle sieht man eine Frau, die die einzige Handarbeit verrichtet, die nicht von Maschinen erledigt werden kann: die Trennung der Alpaka-Felle. Sie hat ein riesiges Lager von Fellen aller Art vor sich und trennt mit schnellen Bewegungen die verschiedenen Sorten voneinander.
Vor einer Schautafel sehen wir, wie die kamelartigen Tiere, ursprünglich in Nordamerika beheimatet, durch die Eiszeit bedingt „auswandern“ mussten, über die Bering-Straße nach Afrika und über Land hierher nach Südamerika.
Hier gibt es auch noch eine Erklärung zur Entwicklung des spanischen Klonialreichs. Zuerst landeten die Spanier in der Karibik, dann waren sie in erster Linie am Süden Nordamerikas interessiert: Texas, Kalifornien, Mexiko.
Erst durch die Entdeckung des Silbers kam Südamerika in den Blick der Spanier. Das riesige Vizekönigreich Peru wurde gegründet, viel größer als das heutige Peru. Lima, als Hafenstadt, wurde der wichtigste Stützpunkt, und dann gründete man Camaná als zweiten, weiter südlich gelegenen Stützpunkt, ebenfalls am Meer. Der Verkehr sollte über Wasser erfolgen.
Aber Camaná erwies sich als schwierig: schwül, voller Moskitos, Malaria. So kam Arequipa als völliger Gegenpol ins Spiel: hoch gelegen, keine Schwüle, keine Moskitos, blauer Himmel von Mai bis Dezember.
Unsere nächste Station ist die Plaza San Francisco, die zweitwichtigste Arequipas. Hier ist es aber ganz ruhig, die Atmosphäre ist ganz anders als an der Plaza de Armas.
Von hier aus hat man einen schönen Blick auf den Chachani, ganz hinten. Er ist der höchste Berg der Erde, den man ohne Bergsteigererfahrung und ohne Bergsteigerausrüstung ersteigen kann. Man kommt auf über 6.000 Meter. Unser Führer hat das einmal getan. Wunderschön. Tolle Erfahrung. Aber nie wieder.
Eine Seite der Plaza San Francisco wird von der Franziskaner-Kirche eingenommen. An ihrer Fassade sieht man ein blau-weißes, rautenartiges Schild. Was das zu bedeuten habe, werden wir gefragt. Keine Ahnung. Es ist das Zeichen dafür, dass die UNESCO mit ihren Mitteln für den Erhalt oder den Wiederaufbau des Gebäudes gesorgt hat. In diesem Fall war die Kirche durch ein Erdbeben schwer beschädigt worden. Die UNESCO machte folgende Auflage: In bestimmten Intervallen müssen Konzerte angeboten werden, mit kostenlosem Eintritt.
Wir nähern uns der Plaza de Armas und betreten hier die Biblioteca Vargas Llosa. Hier sind die über 30.000 Bände frei zugänglich, die Vargas Llosa, der einzige peruanische Literaturnobelpreisträger, seiner Heimatstadt Arequipa vermacht hat. Wir stehen in einem Vorraum mit Dokumenten in Vitrinen und Photos an den Wänden.
Das Verhältnis von Vargas Llosa zu seinem Heimatland war nicht ganz störungsfrei. Die Niederlage gegen Fujimori in der Stichwahl war die größte Enttäuschung seines Lebens. Er wanderte nach Spanien aus und wurde spanischer Staatsbürger. Das wurde nicht von allen Peruanern geschätzt. Als er den Nobelpreis bekam, änderte sich das Verhältnis dann wieder und er kam häufig zu Kongressen, Vorträgen, Ehrungen hierher.
Fujimori wurde Präsident und erwarb sich Verdienste bei der Bekämpfung des Terrorismus. Peru war damals neben Kolumbien das gefährlichste Land Südamerikas. Obwohl dann bald Korruptionsvorwürfe aufkamen, half ihm das, eine weitere Wahl zu gewinnen und dann sogar eine dritte. Bis dahin lag aber sogar ein Haftbefehl gegen ihn vor. Er flüchtete nach Japan. Und dankte ab. Per Fax.
Seine Tochter, wie ich auf einer früheren Station bereits erfahren habe, ist dreimal in die Stichwahl gekommen und hat immer knapp verloren. Der Plan für den nächsten Anlauf war dieser: Sie würde kandidieren, ihr Vater ebenfalls, sie würden beide in die Stichwahl kommen, sie würde ihn gewinnen lassen, aber selbst als Vizepräsidentin die Zügel in der Hand halten. Daraus wurde nichts. Der Tod des Vaters brachte die Pläne zum Scheitern.
Wir kommen in einen weiteren Hinterhof, und hier sehen wir einen schweren steinernen Thron stehen. Der Thronsitz selbst ist das europäische Element, der Federschmuck das indianische und der Vulkan, an den sich der Throninhaber anlehnt, eine Erinnerung an die Gefahren der Herrschaft. Hinten sieht man ein Tier, das wie ein Adler aussieht, aber wohl ein Greif ist. Der ist eine Anspielung auf den Glauben der Indios, ihre Führer würden auf Vogelschwingen ins Jenseits getragen. Während die normalen Menschen den beschwerlichen Weg zu Fuß zurücklegen müssen. Der Greif erscheint auch im Wappen Perus.
In einem weiteren Innenhof können wir uns unter der Einfahrt auf eine schmale Bank setzen. Was für einen Sinn hatte die? Man setzte den Fuß darauf, um das Pferd zu besteigen! Heute hat sie eine ganz andere Funktion. Genauso wie die aus der maurischen Tradition stammenden Eisenbeschläge an dem hölzernen Tor, die ursprünglich Abwehrfunktion hatten, jetzt nur noch dekorativ sind.
Hier kommt die Rede auf Ciudad Blanca als Beinamen von Arequipa. Es bezieht sich auf den Sillar, den weißen Vulkanstein. Unserem Führer zufolge waren die Gebäude aber früher, wohl bis zum 19. Jahrhundert, bunt gefasst. Erst dann „entdeckte“ man den darunterliegenden weißen Stein als besonders dekorativ. Der Name Ciudad Blanca soll sich ursprünglich auf die meist weiße Bevölkerung der Stadt bezogen haben!
Schon fast an der Plaza de Armas kommen wir noch durch einen schmalen, langen Korridor, in den indirekt das Sonnenlicht eintritt. Sehr schönes Photomotiv. Was es mit diesem Korridor auf sich hat, der Faldriquera del Diablo, verstehe ich nicht genau, aber er hat wohl was mit den Jesuiten zu tun, die durch diesen Gang Waren transportieren durften.
Der Korridor grenzt an unsere letzte Station, dem Innenhof der Jesuitenkirche, einem großen, sonnigen Hof mit reich verzierten Bögen. Hier sind Lokale untergebracht, in denen es unter anderem Chicha zu trinken gibt. Die Version von Chicha, die ich in Lima probiert habe, ist die „harmlose“, kaum alkoholhaltige. Die eigentliche Chicha, die der Indios, ist stark alkoholhaltig, und man kaute erst auf dem Mais herum, um die Gärung so richtig in Gang zu bringen. Den zerkauten Mais spukte man dann aus. Das gefiel den Spaniern nicht. Sie führten als Alternative den Weinbau ein, aber später wurden die Weinfelder durch Erdbeben zerstört. Jetzt machte man die Chicha, aber ohne Ausspucken, populär, indem man zu jedem Getränk eine kleine Speise gratis servierte, ganz ähnlich wie die Tapas in Spanien.
Hier erfahren wir, welche die vier Highlights der Küche von Arequipa sind: Rocoto Relleno, gefüllte Paprika, habe ich anderswo versucht, zu bekommen, aber nicht gefunden; Chupo de camarones, kommt für mich nicht in Frage; Adobo arequipeño, ein deftiger Eintopf, der früher sonntags zum Frühstück serviert wurde, für Leute, die hart arbeiten mussten; Cuy frito, das Meerschweinchen, das ich mal in Ecuador gegessen habe. Ist dazu geeignet, Familien zu spalten. Die zart Besaiteten erkennen darin ihr Schmusetier und verweigern die Aufnahme, andere wollen es probieren. Jetzt wird es häufig so serviert, dass man nicht mehr so klar erkennen kann, um welches Tier es sich handelt.
Am Ende der Führung, auf der Terrasse des Hotels, erfahren wir noch, dass das Weihnachtsessen mit der Familie in Peru erst am 25. Dezember stattfindet. Man geht erst in die Mitternachtsmesse. Alle gehen mit, auch die, die nicht glauben. Die Krippe selbst bleibt bis zum Weihnachtstag verdeckt, erst dann „erscheint“ das Christkind.
Genauso ist es dann später an einer großen Krippe, die ich vor der Kathedrale sehe. Schon alle sind da, auch Hirten und Könige, nur das Christkind fehlt noch. Als Gaben stehen vor der Krippe Teller mit Zwiebeln, Knoblauch, Paprika und Yucca.
Auf die Frage, in welchem Land außerhalb Italiens die meiste Panettone gegessen wird, antworte ich vorschnell: Peru. Die Supermärkte sind voll davon. Stimmt nicht. Es ist Brasilien. Aber es ist doch Peru, wenn man es an der Größe der Bevölkerung misst. Damit schließt die Führung endgültig.
Ich gehe noch die Merced hinunter, einer hübschen Straße, die dann in eine unansehnliche Industriestraße übergeht. Ich will noch zum Museo Vargas Llosa und mich vor Ort nach den Öffnungszeiten erkundigen. Man muss zu einer bestimmten Zeit da sein, nur dann wird man eingelassen. Ich entscheide mich für die erste Tour morgen früh, 10 Uhr.
Bei einer Straßenverkäuferin kaufe ich Queso Helado, ein kleines Schälchen zum Probieren. Kann trotz Nachfrage nicht rausfinden, was das mit Käse zu tun hat. Sieht aus wie Eis und schmeckt wie Eis, am ehesten nach Vanilleeis, obwohl der Geschmack noch übertönt wird von dem Zimt, der darüber gestreut wird.
Entlang der Straße mache ich eine sprachliche Entdeckung, eine neue Bedeutung von Playa. Das Wort taucht hier überall auf. Es sind Hinterhöfe mit Parkplätzen für Autos!
Hier gibt es viele einfache Lokale, in denen Einheimische verkehren, aber für die von unserem Führer genannten vier wichtigsten Gerichte muss man wohl ausgerechnet in eins der Touristenlokale an der Plaza de Armas.
Ich versuche mich zu orientieren und den Rückweg zu finden und komme tatsächlich bald zur Puente Bolognesi. Der Rückweg wird mir lang, die Straße zieht sich hin. Kein Wunder, ich bin an einer Abbiegung von der Beatesi abgekommen und auf der Recoleta gelandet. Ganz schön erschöpft, aber doch froh komme ich zu Hause an: Heute keinen Kilometer mit dem Auto gefahren!
23. Dezember (Dienstag)
Wieder führt mich mein erster Weg zur Wäscherei. Alles fertig, schön gefaltet, getrennt. 21 PEN. Das sind gerade mal knapp 6 Euro.
Natürlich kann der Mann meinen Geldschein nicht wechseln und muss lachen, als ich meine Litanei zu den ewigen Problemen mit dem Wechselgeld in Peru aufsage.
Es geht sofort in die Stadt, Richtung Museo Vargas Llosa. Auf dem Kirchhof der Jesuitenkirche sitzt eine Souvenirverkäuferin mit einem spitzen, runden Hut, der in der Sonne glänzt. Erinnert mich an gestern, als unser Führer erklärte, Peru habe mit die höchste Einwandererquote aus China und Japan in Südamerika. Dazu passt auch das mysteriöse Wort chaufa, das hier immer wieder in Speisekarten auftaucht. Es bezeichnet ein chinesisches Reisnudelgericht. Das es natürlich in allen möglichen Varianten gibt.
In der Merced werden die Gitter vor den Fenstern der Kolonialbauten geputzt. Ein paar Meter weiter ein schlafender Obdachloser auf dem Boden. Zumindest braucht er nicht zu frieren. Jedenfalls um diese Jahreszeit nicht.
Am Ende der Merced bekomme ich an einem kleinen Imbissstand an der Ecke einen Saft und ein belegtes Brötchen. Hier gibt es jede Menge Empanadas, in den üblichen Varianten, mit Käse, mit Fleisch, ein Triple, arabisch. Darunter etwas, das ich nicht identifizieren kann. Es sind papas rellenas. Sie sind mit Fleisch gefüllt. Sehen nicht wie Kartoffeln aus.
Auf dem Weg zum Museum passiere ich einen Vertragshändler für Stihl. Denen begegnet man überall. Dagegen habe ich hier noch keinen Aldi und keinen Lidl gesehen. Letztes Jahr in Mittelamerika gab es die immer wieder.
Frohgemut bin ich rechtzeitig für die Führung um 10 beim Museum. Ich gehe rein. Eine Frau steht vom Essen auf und kommt mir entgegen. Nein, heute Morgen gibt es keine Führung. Sie bedauert zwar, dass ich gestern eigens hierhergekommen bin und um Information gebeten habe, aber sie kann da auch nichts machen.
Resigniert mache ich mich auf den Weg zu Santa Catalina. Hier an der Rezeption sind beide Männer ungewöhnlich unfreundlich. Und es wird ordentlich kassiert: 45 PEN.
Kaum hat man die Schranke hinter sich gelassen, ist man in einer anderen Welt, zwar hinter Klostermauern, aber nicht in einem dunklen, engen Kloster, sondern in einem hellen, weitläufigen Kloster mit „Straßen“ und „Plätzen“.
Ich engagiere eine der hinter dem Eingang wartenden uniformierten Führerinnen, Alexandra. Sie spricht lange wie mit einem Schuljungen mit mir, überdeutlich, die Silben trennend, die entscheidenden Wörter stark betonend. Ich wünschte, so würden sie in Schweden oder in Portugal mit mir reden.
Das erste Photomotiv ergibt sich mit dem steinernen Bogen, auf dem Silencio steht. Davor steht dekorativ ein rosa blühender Lorbeerbaum.
Bei Santa Catalina, 1579 gegründet, handelt sich, erfahre ich, um einen kontemplativen Orden. Die Nonnen, Dominikanerinnen, heute noch 15 an der Zahl, widmen sich dem Gebet. Sie verbringen den Tag in der Klausur. Nur am frühen Morgen, wenn das Kloster noch nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist, gehen sie über den Kreuzgang zur Kirche.
Für die heutigen Nonnen gibt es zwei Ausnahmen. Für Arztbesuche und zum Wählen dürfen sie das Kloster verlassen. In Peru herrscht Wahlpflicht.
Ansonsten erfolgt die Kommunikation mit der Außenwelt nur über doppelt durch hölzerne Gitter „gesicherte“ Fenster. Die sehen wir bei unserer ersten Station, dem Locutorio.
Die einzige Ausnahme ist und war der Bischof. Wenn der zu Besuch kommt, setzt man in einer Runde auf bequemen Polstersesseln. Am anderen Ende des Raums ist eine hölzerne Skulpturengruppe, die das letzte Abendmahl darstellt.
Danach gehen wir zum Noviciado. Die Wände soll man nicht berühren, nicht aus Ehrfurcht, sondern weil die Farbe abfärbt. Der weiße Sillar ist hier Ocker gestrichen, in anderen Teilen des Klosters Blau. Das diente verschiedenen Zwecken. Es verhinderte die Blendung durch den weißen Sillar und schonte gleichzeitig den Stein.
Hier, im Noviciado, verbrachten die Töchter, allesamt Töchter aus gutem Hause, viele aus adeligen Familien, ihre ersten 3-4 Jahre. Sie wurden mit 13-14 Jahren aufgenommen. In diesen Jahren ging es darum, lesen und schreiben zu lernen und durch ständige Wiederholung lateinische Gebete auswendig zu lernen, vor allem den Rosenkranz. Als Gedächtnishilfe sind hier die Wände des Innenhofs mit Medaillons bemalt, in dem man einen Vers des Rosenkranzes zusammen mit einer passenden Abbildung sieht.
Die Novizinnen wurden durch ihre reichen Elternhäuser mit einer Mitgift ausgestattet, die ihnen ein ziemlich angenehmes Leben ermöglichte. Jede hatte ihr eigenes kleines Häuschen, mit eigenem Schlafzimmer, mit Küche, einem Gärtchen und mit Dienerinnen. In dem Kloster lebten die meiste Zeit mehr Dienerinnen als Nonnen. Zu der Ausstattung gehörte auch eine hölzerne Waschmaschine, von der man hier verschiedene Exemplare sehen kann.
Den Reichtum veranschaulicht sehr gut das aus Europa, aus Holland, England und Frankreich eingeführte Geschirr, das hier in verschiedenen Vitrinen ausgestellt ist.
Dann stehen wir vor dem Velatorio und sehen an beiden Wänden die Porträts der verstorbenen Nonnen, alle mit geschlossenen Augen. Mit offenen Augen, also während des Lebens, durften sie nicht porträtiert werden. Eine Nonne ist aber mit offenen Augen dargestellt. Sie soll in betender Haltung, scheinbar lebendig, aber in Wirklichkeit schon tot, vorgefunden worden sein. Bei ihr muss die Totenstarre eingetroffen sein, bevor man ihr die Augen schließen konnte.
Dann geht es in die Enfermería. Hier war, unter zehn Bögen, Platz für 10 Kranke. Arzt und Priester durften hier die Kranken besuchen und von Angesicht zu Angesicht mit ihnen sprechen.
An der Stirnwand ein San Miguel mit drohender Geste und Schwert in der Hand. Seine Augen blicken einem immer hinterher, in welche Richtung man sich auch bewegt. Man kann seiner Wachsamkeit, seiner Kontrolle nicht entkommen.
Wir machen eine Pause bei einem Kaffee in einem schönen, kleinen Garten. Es stellt sich heraus, dass Alexandra als junge Frau ein Jahr als Au-pair bei einer Familie in Bremen verbracht hat. Der Kontakt war verloren gegangen, ist aber vor kurzem wieder aktiviert worden, und sie hat auf Einladung ihrer Gastfamilie Anfang dieses Jahres zusammen mit ihrem Sohn ein paar Wochen in Deutschland verbracht. Dabei haben sie auch München, Stuttgart und Bamberg besucht. Aus dem kleinen Kind, das sie damals betreut hat, ist inzwischen ein junger Mann von 27 Jahren geworden.
Es geht weiter durch die weiten Klosteranlagen. An einer Wand eine schöne, rot-gelb blühende Blume. Ich erfahre, dass die lantana heißt. Die deutsche Entsprechung, verrät das Internet, ist Wandelröschen.
Dann kommt der Gemüsegarten. Die Nonnen sorgen, heute wie in der Vergangenheit, teils selbst für ihre Versorgung. Ich muss dreimal hingucken, bis ich an einem hohen Baum die Papayas entdecke. Der ganze Baum hängt voll davon.
Bei der weiteren Besichtigung kommen wir noch durch das Refektorium und den riesigen kreuzförmigen ehemaligen Schlafsaal, heute Museum.
Draußen sehen wir noch zwei interessante Vorrichtungen. Man steht staunend davor und bewundert die Erfindungskraft der Menschen. Das erste ist eine Vorrichtung zum Filtern von Wasser. Das ist hier nicht trinkbar. Das Wasser wird in ein poröses steinernes Becken eingelassen und tropft dann langsam in einen Behälter darunter. Das Wasser darin ist trinkbar. 5 Stunden sind nötig, um 1 Liter Wasser zu filtern.
Dann kommen wir zu der alten Waschanlage. Das Wasser wurde durch Brunnen nach oben befördert und lief dann durch einen Kanal, eine schmale Rinne. In die Rinne legte man, wenn man waschen wollte, einen Stein und brachte dadurch das Wasser zum Überlaufen. Es lief in einen Trog, und in dem wurde die Wäsche gewaschen. Der Trog hatte unten einen Abfluss. Der wurde mittels einer Möhre je nach Bedarf geschlossen oder geöffnet. Alexandra illustriert mit ein paar schnellen Bewegungen, wie das alles funktioniert. Genial!
Nach der Besichtigung mache ich eine kleine Pause zu Hause und nehme dann einen neuen Anlauf zum Museo Vargas Llosa.
In der Straße, die zur Plaza de Armas führt, reiht sich ein Gitarrengeschäft ans andere: Musical Factory, Casa Musical Abarca, Distribuidora The King.
Als ich zum Museum komme, sind die Gitter zugesperrt, die sonst immer offen waren. Nach einigen vergeblichen Versuchen kann ich mit meinen Rufen den Wachmann in der Rezeption erreichen. Er kommt heraus und macht ein Zeichen, als wolle er nein sagen, öffnet dann aber die Pforte und lässt mich rein. Er fragt mich, aus welchem Land ich komme und sagt dann spontan: Bestimmt Borussia-Dortmund- Fan.
In der Rezeption zahlt man seinen Eintritt, Ausländer 10 PEN mehr als Einheimische. In den Regalen sind Ausgaben der Bücher von Vargas Llosa in den verschiedensten Sprachen ausgestellt: La tía Julia y el escribidor, La tante Julia et le scribouilard, Aunt Julia and the scriptwriter, Tante Julia en meneer de schrijver, La zia Julia e lo scribacchino, Tante Julia und der Lohnschreiber. Deutsche Ausgaben gibt es von Suhrkamp, Rowohlt und einem Verlag namens Steinhausen.
Hier, in diesem Haus, keinem Haus armer Leute, wurde Vargas Llosa geboren. Durch das Haus führt eine Frau, eine lebende Person, aber die stört eher und will nachher noch einen positiven Eintrag im Gästebuch. Im Prinzip sind es die Videoclips, die in den einzelnen Räumen vorgeführt werden, die die Führung übernehmen.
Zwischendurch sind immer mal wieder persönliche Gegenstände ausgestellt, ein Schreibtisch, ein Sekretär, eine Standuhr, ein Volksempfänger aus dem Wohnzimmer, Himmelbett, Kommode und Paravent aus dem Geburtszimmer, einmal auch Requisiten aus einem Film, aber die alle haben nur eine Statistenrolle.
Auch Photos gibt es reichlich, mit allen erdenklichen Berühmtheiten, Schauspielern, Politikern, Königen, Schriftstellern, und Urkunden und Medaillen jede Menge, sowie Briefe von und an Vargas Llosa und Manuskriptseiten.
Was im Laufe der Tour, beim Durchlaufen der vielen Säle klar wird: ein langes, ein buntes, ein abwechslungsreiches Leben, für den Mann genauso wie für den Schriftsteller. Das lässt sich schon an den vielen verschiedenen Lebensstationen ablesen: Arequipa, Cochabamba, Lima, Madrid (mit einem Stipendium), Paris, London, Barcelona. Was mir erst im Laufe der Zeit klar wird: Er hat hier in diesem Haus, hat hier in Arequipa nur ein einziges Jahr gelebt. Seine Kindheitsjahre danach verbrachte er in Bolivien.
Aus Bolivien kam auch seine erste Frau, eine angeheiratete Tante. Seine zweite Frau, mit der er 50 Jahre verheiratet war, war seine Cousine. Von seiner dritten Frau, der Ex-Frau von Julio Iglesias und Mutter von Enrique Iglesias, ist hier nicht die Rede. Über diese skandalumwitterte Beziehung wird hier der Mantel des Schweigens gelegt.
Auch die Reisen, auf denen teils Recherchen für spätere Romane gemacht wurden, sind an bunter Vielfalt kaum zu übertreffen: Libanon, Irland, Amazonas, Peking, Dominikanische Republik, Osterinsel.
Die Kindheitsjahre in Cochabamba, geprägt von Büchern und Filmen, bezeichnet er selbst in einer Einspielung als glücklich. Die schönsten Weihnachtsgeschenke waren Bücher, die las er immer wieder, und wenn er keine neuen mehr hatte, schrieb er selbst Fortsetzungen davon. Schreiben war von Anfang an eine ganz große Leidenschaft, Briefe ans Christkind gehörten genauso dazu wie Briefe für Freunde, die ihn als Autor einspannten. Mit 15 arbeitete er dann schon für eine Lokalzeitung, mit Reportagen zur Lokalpolitik und zu Kriminalfällen.
Eine einschneidende persönliche Erfahrung kam mit 10 Jahren. Auf einmal trat ein fremder, feindseliger Mann in sein Leben. Mit dem er die Aufmerksamkeit seiner Mutter teilen musste. Es war sein eigener Vater, von dem die Mutter bis dahin getrennt gelebt hatte. Der Vater war gegen alles, was ihn interessierte, wollte aus ihm einen richtigen Mann machen, schickte ihn später auf eine Militärakademie. Die leidvollen zwei Jahre dort wurden später zum Romanstoff. Der Vater wollte ihn auch auf die Katholische Universität schicken, aber er setzte sich durch und ging auf die laizistische Universidad de San Marco. Die wurde dann zur Brutstätte der politischen Agitation.
Parallel dazu die ersten schriftstellerischen Erfolge, ein Erzählband, der gut ankam, und ein Theaterstück, das auch wegen der öffentlichkeitswirksamen Werbung eines Freundes zu einem Erfolg wurde.
Aber das war nur der Anfang des dornigen Wegs zur Schriftstellerei als eigentlichem Beruf, der Verzicht auf die Anwaltskarriere, die Notwendigkeit, sich mit Nebenjobs durchschlagen zu müssen (unter anderem als Lastenträger auf dem Markt in Barcelona oder an der Kasse einer Bank), auch dann noch, als die Kinder in schneller Folge auf die Welt kamen. Dann der große Rückschlag, als sein erster „richtiger“ Roman, La ciudad de los perros, nicht angenommen wurde. Wachsende Existenzängste, Zweifel am eingeschlagenen Lebensweg. Dann der Durchbruch, der Premio Seix Barral für den Roman, die Anerkennung als Schriftsteller, die Erfolge mit den weiteren Büchern.
Man bekommt auch einen Eindruck von der Bandbreite der Publikationen. Neben den experimentellen Romanen, vor allem Conversación en la Catedral (wobei Catedral der Name einer Kneipe ist), auch leichte Romane, Krimis, Autobiographien, Essays (darunter jahrelang eine vierzehntägliche Kolumne in El País).
Die erzählerische Ausrichtung ist, anders als bei García Márquez, eher realistisch, die Themen sind häufig politisch.
Viele der Romane wurden verfilmt. Hier werden Szenen aus diesen Filmen gezeigt, wobei vor allem La casa verde Eindruck macht. Hatte den Titel noch nie gehört, aber das Buch gehört wohl auch zu den „großen“ Romanen.
Und dann ist da noch der umstrittene politische Weg, von den Anfängen der Arbeit im Untergrund für eine kommunistische Bewegung im Peru der Diktatorenzeit bis zum „Rechtsruck“ und der Hinwendung zum Neoliberalismus (er selbst bezeichnete sich als liberal und betrachtete neoliberal als Schimpfwort). Sicher ein gradueller Prozess, aber mit einem entscheidenden Einschnitt: dem Bruch mit Fidel Castro nach der erzwungenen Selbstanklage eines kubanischen Schriftstellers durch das Regime. Das brachte auch den Bruch mit García Márquez mit sich, der Fidel treu blieb. Hier ist das Titelblatt einer Zeitung ausgestellt, auf dem die Rede davon ist, Vargas Llosa bezichtige das kubanische Regime des „Stalinismus“.
In den beiden letzten Räumen geht es dann wieder um die Literatur, um die doppelte Krönung seiner Karriere als Schriftsteller: der Nobelpreis und die Aufnahme in die Académie Française. Hier sieht man die Nobelpreisurkunde (Original) und die Nobelpreismedaille (Kopie) ausgestellt. Und man hört einen Ausschnitt aus seiner Nobelpreisrede. Ein Zitat daraus gefällt mir besonders gut: Die Literatur, sagt er, müsse Lügengeschichten erzählen, und diese Lügen verwandelten sich dann in Wahrheiten.
Die Aufnahme in die Académie Française hatte für Vargas Llosa denselben Stellenwert wie der Nobelpreis. Während er den Nobelpreis mit Octavio Paz, Pablo Neruda, Gabriel García Márquez, Miguel Angel Asturias und Gabriela Mistral teilen musste, ist er der einzige Lateinamerikaner, der je in die Académie Française aufgenommen wurde, und der erste überhaupt, der nie etwas auf Französisch publiziert hat. Molière, Balzac, Flaubert, Proust, Sartre und Camus, auch Baudelaire und Pascal haben das nie geschafft, und Zola ist 22x-mal abgelehnt worden.
Hier werden Szenen aus der altertümlichen, feierlichen Zeremonie gezeigt, und man hört Ausschnitte aus seiner in flüssigem Französisch gehaltenen Dankesrede. Er erwähnt die vielen französischen Schriftsteller, die ihn beeinflusst haben, allen voran Flaubert. Wenn er dessen Werke nicht immer wieder gelesen hätte, wäre er nicht zu dem Schriftsteller geworden, der er ist. Damit endet die Führung.
Anschließend gehe ich schnurstracks zur Plaza de Armas. Jetzt ist viel Betrieb auf der Merced, vor allem die knallig angestrichenen Busse, deren Fahrer lautstark das Fahrziel ausrufen, reihen sich einer an den anderen.
An der Plaza de Armas frage ich mich bei den vielen Tourenanbietern durch, bis ich den richtigen finde. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Ich habe nämlich im Internet eine etwas abenteuerliche Tour gebucht, die um 3 Uhr in der Frühe losgeht. Natürlich ist der Anbieter trotz aller Versuche nicht zu erreichen, und ich weiß nicht, ob ich abgeholt werde oder ob ich hierher kommen muss. Kontaktiert worden bin ich auch nicht. Deshalb bin ich auf gut Glück hierhergekommen, wo der Treffpunkt sein soll. Die Frau hinter dem Schalter sucht mich lange vergeblich, findet mich aber am Ende und schreibt mir eine Nachricht. Ich werde abgeholt. Sie schiebt noch hinterher, man müsse unbedingt Bargeld dabei haben. Wieder gilt es, irgendeinen Eintritt zu bezahlen.
Als ich nach Hause komme, trichtere ich der Frau an der Rezeption noch ein, dass hier in der Nacht auf Freitag auf jeden Fall jemand sein muss, der mich rauslässt.
24. Dezember (Mittwoch)
Eisbären haben eine schwarze Haut. Das sieht man an den Stellen, an denen sie kein Fell haben. Die schwarze Haut hilft ihnen dabei, die Kälte zu ertragen, das weiße Fell ebenfalls. Und das Fell dient außerdem zur Camouflage.
Ein neues Wort gelernt: Industriemelanismus. Bezeichnet ein verblüffendes Phänomen beim Wechselspiel zwischen Umwelt und Genetik. Birkenspanner sind in der Regel hell gesprenkelt gefärbt und daher von der Rinde der Birke, auf der sie sitzen, kaum zu unterscheiden. Das dient als Tarnung vor Fressfeinden. Als sich in England im 19. Jahrhundert durch die schnelle Industrialisierung und den Ausstoß von Ruß und Rauch die Rinde der Birke verfärbte und immer schwärzer wurde, kamen bald die ersten dunkel gefärbten Birkenkäfer auf. Nach ein paar Generationen waren fast alle schwarz. Als dann Rußfilter eingebaut wurden und die Birken allmählich wieder ihre natürliche Farbe annahmen, passten sich auch die Birkenspanner an und wurden wieder hell.
Am Morgen bekomme ich bei Katya tatsächlich Papiertaschentücher. Die liegen hier nicht etwa frei herum, sondern sind in einer Vitrine versteckt, die eine Verkäuferin mir aufschließen muss. Dabei sind die gar nicht teuer.
Außerdem kaufe ich ein Sammelsurium an Obst: Chirimoya, Mandarine, Mango, Papaya. Ein Mann an der Kasse nimmt sie mir aus der Hand, geht zu einer Waage, wiegt sie und ruft der Frau an der Kasse das Gewicht zu. Die gibt das ein.
Dann mache ich mich auf den Weg in die Innenstadt. Zuerst frage ich bei der Touristeninformation nach, ob morgen irgendein Museum geöffnet ist. Die freundliche Frau sagt mir, sie wolle mir lieber keine verbindliche Auskunft geben. Letztes Jahr habe man von den Museen die Auskunft bekommen, am 25. Dezember öffne man, und dann seien die Touristen am 26. Dezember gekommen und hätten sich beschwert. Aber ich könne ja selbst nachfragen, und heute seien die Museen auf jeden Fall geöffnet. Ich solle mir auch unbedingt das Kathedralmuseum ansehen.
Vorher schickt sie mich aber noch zur Banco de Crédito. Das sei die beste für die Auszahlung am Geldautomaten.
Dort gibt es allerdings nur einen Automaten und eine Schlange, aber ich habe ja Zeit. Dollars, erfährt man, gebe es heute nicht, wohl aber Soles. Und ich bekomme auch problemlos 200 PEN. Aber mit einer Kommission von 35 PEN. Dazu kommt die Kommission meiner eigenen Bank. Das muss man auch berücksichtigen, wenn man die “niedrigen” Preise hier sieht. Im Internet steht überall, man solle nicht viel Bargeld mitnehmen, das könne gestohlen werden. Aber Kreditkarten sind teuer. Und können gesperrt werden! Da finde ich das mit dem Bargeld gar nicht schlecht. Aber an Dollars kommt man schwer dran. Und die kann ich später noch gebrauchen. Werde demnächst einfach mehr Euros mitnehmen. Die bekomme ich zu Hause ohne Aufschlag und die kann man hier inzwischen auch fast überall tauschen.
An der Plaza de Armas steht an zwei Seiten eine ganze Phalanx von schwer bewaffneten Polizisten mit Schutzschilden. So als ob ein Einsatz bevorstünde. Es sieht aber alles ganz friedlich aus.
Die drei Seiten der Plaza de Armas, die nicht von der Kathedrale eingenommen werden, sind identisch, mit Arkaden in schlichtem klassizistischem Stil im Erdgeschoss und im Obergeschoss. Aber die Arkaden täuschen eine Einheitlichkeit vor, die es nicht gibt, dahinter verbergen sich verschiedene Häuser unterschiedlicher Größe. Auf der Südseite, gegenüber der Kathedrale, befinden sich städtische Institutionen, auf den anderen Seiten Banken, Restaurants und Reiseveranstalter.
Im Zentrum steht ein dreischaliger Brunnen, bekrönt von einer kleinen Bronzefigur mit einer Trompete.
Drum herum Myrten, Araukarien, Jacarandas, Lorbeerbäume und vor allem Palmen und, nicht so ganz in das Bild passend, beschnittene Buchsbäume.
Ich setze mich einen Moment auf eine Bank und sehe mir das alles an. Es ist heute nicht so warm wie in den letzten Tagen, und der Himmel ist halb von weißen Wolken bedeckt.
Dann gehe ich zur Kathedrale. Museum heute geschlossen, erklärt mir ein Wärter. Dann zum MUSA, dem Museo de Santuarios Andinos. Verrammelt und verriegelt. Kein Schild zu den Öffnungszeiten.
Ich erinnere mich an die Stadtführung und mache mich auf den Weg zum Museo de Arte Contemporáneo. Das hat tatsächlich geöffnet. Und der Eintritt ist gratis.
Der Name vertritt einen allzu hohen Anspruch, aber interessant ist die Ausstellung allemal. Es werden moderne Bilder von einem Ehepaar gezeigt, in zwei kleinen Räumen. Ich mache mir einen Spaß daraus, zu raten, welches Bild von wem stammt, und das klappt erstaunlich gut. Der Stil der beiden unterscheidet sich sehr.
Sein Lieblingsmotiv sind Hunde. Immer sitzend, mal mit herabhängenden, mal mit gespitzten, mal mit zur Seite abstehenden Ohren. Alle immer in grellen Farben, die sich auf den ganzen Körper verteilen: gelbe Beine, violetter Hals, ein rotes und ein blaues Auge, ein grünes und ein schwarzes Ohr, eine schwarze und eine rote Gesichtshälfte, eine blaue Schnauze.
Die anderen Bilder von ihm haben etwas Surrealistisches, zeigen Figuren, die halb menschlich, halb roboterhaft sind.
Sie hat vor allem Bilder mit Gesichtern, Bilder, in denen sich ein Gesicht an das andere drängt, mit dicken Pinselstrichen gemalt, in Farben, die normale Gesichter nicht haben. Es sind fast alles Frauengesichter. Eins der Bilder heißt Familia, ein anderes Religiosidad. Die Frauen in der Familia, unterschiedliche Generationen, schmiegen ihre Gesichter eng aneinander, drücken Innigkeit aus. Die Frauen in der Religiosidad sind isoliert, obwohl so nah zusammen, drücken Besorgnis, Trauer, Furcht aus, auch Nachdenklichkeit.
Daneben hat sie ein paar sehr schöne Genreszenen, ganz anders, eher impressionistisch, darunter eine auf einem Brunnenrand unter Bäumen vor einem Haus mit Arkaden sitzende Frau. Das Bild heißt María Meditabunda. Sehr schön.
Auf dem Rückweg fällt mir das Café 13 Monjas in der Nähe von Santa Catalina auf. Warum wohl 13?
Auf der ganzen Straße hier sieht man schöne Fenstergitter und Türbeschläge, vor allem aber kunstvoll skulptierte Türstürze. Die ganze Gegend hier ist eher elegant, auch die Lokale sind „europäischer“, eher auf Touristen abgestimmt als die auf Weg nach Hause.
Als ich in einem Geschäft ein kleines Souvenir kaufe, antwortet mir die Verkäuferin, obwohl ich auf Spanisch gefragt habe, auf Englisch.
Als ich schon fast wieder zu Hause bin, fällt mein Blick auf das Menu eines einfachen Lokals. Ich gehe rein. Ja, es gibt schon Mittagessen, sagt der freundliche Kellner. Es kommen dann bald auch weitere Gäste, lauter einzelne Männer, bis ganz zum Schluss eine junge Frau auftaucht.
Man sitzt auf niedrigen, einfachen Bänken. Sofort steht ein Erfrischungsgetränk auf dem Tisch. Auf Nachfrage erfährt man, dass es sich um Kakao handeln soll. Kakao? Sieht nicht danach aus, schmeckt nicht danach und hat auch nicht die Konsistenz von Kakao. Alle anderen bekommen das auch.
Hier gibt es Arme-Leute-Essen, einfach, aber schmackhaft, eine Gemüsesuppe mit Kartoffeln und Nudeln und einer kleinen Rindfleischeinlage, und dann ein Nudelgericht mit gebratenem Hähnchen. Dazu gibt es wieder die unvermeidliche grüne Soße. Die grüne Farbe, erfahre ich, komme von einer Pflanze, die huacatay heißt, die Schärfe aber von rocoto. So heißt hier die Paprika, und so heißt hier auch die Chilischote. Das ganze Menu gibt es für 9 PEN.
Der Tag endet mit einem mitternächtlichen Feuerwerk.
25. Dezember (Donnerstag)
Der Tag beginnt mit dem morgendlichen Hahnenschrei.
Es scheint in der Nacht geregnet zu haben. Das Pflaster im Innenhof ist nass. Zwischen den Häuserwänden hindurch erblickt man im morgendlichen Dunst den Gipfel einer der Vulkane.
Heute ist Ruhetag, eine gute Gelegenheit, ein paar Dinge Revue passieren zu lassen, auf die ich in den letzten Tagen und Wochen gestoßen bin.
Am 25. Dezember 1950 wurde der Stone of Destiny in einer nächtlichen Aktion aus der Westminster Abbey gestohlen, wo er seit 600 Jahren lag. Die Diebe waren schottische Studenten, Nationalisten, die meinten, der legendenumwobene Stein gehöre nach Schottland.
Norbert Elias, der inzwischen verstorbene, einflussreiche Ethnologe, ging einmal, ohne zu merken, mit offenen Schuhbändern durch Torremolinos. Er wurde darauf aufmerksam gemacht und band sich die Schuhe wieder zu. Das gab ihm die Idee zu einer besonderen Form ethnologischer Feldforschung. Er ging in den verschiedensten Teilen der Welt mit offenen Schuhbändern durch die Städte und beobachtete die Reaktionen der Leute.
Sein Kollege Christoph Antweiler, weiterhin aktiver Kölner (und früherer Trierer) Anthropologe, untersucht seit vielen Jahren, was allen Menschen gemeinsam ist. Es gibt regelrechte Listen von diesen sogenannten Universalien. Dazu gehören zum Beispiel das Lächeln (gibt es überall auf der Welt und wird überall gleich verstanden) und die Vetternwirtschaft. Auch der Ethnozentrismus gehört dazu. Das erlebe ich auf meinen Reisen auf Schritt und Tritt, aber auch in ganz normalen Gesprächen zuhause. Es ist ärgerlich und erschwert die Kommunikation, aber man muss es wohl hinnehmen.
In einem Interview spricht Philip Roth darüber, wie seine Romane entstehen. Es sei jedes Mal anders, sagt er. Manchmal habe er eine klare Vorstellung von der Handlung und den Protagonisten, manchmal überhaupt keine. Bei einem Roman, über einen Schauspieler, dessen Schauspielkunst auf dem absteigenden Ast ist, The Humbling, habe er nur den ersten Absatz im Sinn gehabt. Der erste Satz lautete „He’d lost his magic.“ Ein starker Beginn.
Moderne Archäologen sind nicht mehr nur darauf angewiesen, neue Funde zu machen. Neue Erkenntnisse kann es an älteren Funden durch neue Analysemethoden geben, durch chemische Untersuchungen und Untersuchungen der DNA. Ein amerikanischer Archäologe, der an dem Institut arbeitet, wo die Knochen des ersten auf deutschem Gebiet gefundenen Homo Sapiens aufbewahrt werden, illustriert das an einem faszinierenden Beispiel. Unser Zahnschmelz ist, vereinfacht gesagt, stabil, sein Erbgut verändert sich nicht. Bei den Knochen ist das anders. Die verändern sich täglich. Alte Substanz wird abgebaut, neue aufgebaut. Nach zehn Jahren ist von dem nichts mehr da, was vorher da war. Bei ihm selbst, der schon lange in Deutschland lebt, gilt: Die Zähne sind amerikanisch, die Knochen sind europäisch. Bei ihm könnten spätere Archäologen aufgrund der verschiedenen Substanz von Zahn und Knochen feststellen, dass er gewandert ist, dass er nicht da herstammt, wo er gelebt hat.
Bei den Nürnberger Prozessen kamen zwei US-Amerikanische Psychologen zum Einsatz, Gilbert und Kelley, die während der gesamten zehn Monate freien Zugang zu den Angeklagten hatten, jederzeit mit ihnen sprechen, sie jederzeit aufsuchen und Tests mit ihnen durchführen konnten. Es ging unter anderem darum, deren geistige Verfassung zu beurteilen, aber auch ihre Motive zu verstehen, letztlich darum, die „Nazi-Persönlichkeit“ zu entschlüsseln. Sie merkten bald, dass es so etwas gar nicht gab, dass man sich von der weit verbreiteten Hypothese einer speziellen Nazi-Pathologie verabschieden müsse. Dazu kamen ihnen die Angeklagten viel zu normal vor. Und sie waren auch sehr unterschiedlich, so wie Menschen eben sind. Gilbert blieb dennoch dabei, dass sie, vielleicht durch ihre Biographie, alle besonders prädestiniert waren, um solche Gräueltaten zu begehen, Kelley erkannte dagegen immer mehr sich selbst in den Angeklagten, entdeckte eigene Wesenszüge. Besonders Göring fühlte er sich sehr verwandt. Als er in die USA zurückkehrte, brachte er sich um. Mit einer Zyankalikapsel. Genauso wie Göring.
Was der Weihnachtsmann ist und dass es zu Weihnachten einen Weihnachtsbaum und Geschenke gibt, das weiß bei uns jeder. Immer mehr wissen aber nicht mehr, warum Weihnachten überhaupt gefeiert wird. Dass es etwas mit der Geburt von Jesus zu tun hat. Und nur noch ein Viertel der Menschen in Deutschland glaubt, dass dieser Jesus Gottes Sohn ist.
Was macht diesen Jesus so besonders? Sind es die Wunder – von denen die Evangelisten erstaunlich zurückhaltend sprechen – ist es die Auferstehung, ist es die Lehre? Es gibt einige wenige Theologen, die glauben, dass hier das Leben von mehreren Messias ineinandergreift, die sich in einer Erzählung verdichten. Die meisten aber gehen davon aus, dass dieser Jesus tatsächlich gelebt hat. Es gibt schließlich auch nichtchristliche Quellen, die von ihm sprechen.
Und wir haben Paulus, der zwar Jesus nicht begegnet ist, aber Petrus gut kannte, also einen seiner Wegbegleiter, und zeitlich näher dran war als die Evangelisten.
Bei der Weihnachtsgeschichte, die die frühen Christen nicht interessierte, haben wir dagegen das Problem, dass Lukas in Griechenland und um das Jahr 100 räumlich und zeitlich weit weg war, in der dritten Generation, zu einer Zeit schrieb, als schon niemand mehr am Leben war, der Jesus begegnet war.
Dazu kommt, dass Markus und Johannes gar nicht von der Geburt sprechen. Sie interessiert der Lehrer, der Rabbi. Matthäus spricht zwar von der Geburt, lässt aber Maria und Joseph von vornherein in Bethlehem leben. Nur Lukas schickt die hochschwangere Maria zusammen mit Joseph auf eine mehrtätige Reise über 150 Kilometer, von Nazareth nach Bethlehem. Das musste er tun, weil das Alte Testament den Messias in Bethlehem erscheinen lässt, Lukas aber – historisch richtig – Nazareth für die Heimat von Maria und Joseph hält. Der historische Jesus – schließlich heißt er Jesus von Nazareth – wurde vermutlich in Nazareth geboren.
Da die frühen Christen die ganze Geburtsgeschichte mehr oder weniger ignorierten, kam man erst später auf die Idee, nachzukonstruieren, in welchem Jahr die Geburt stattfand. Dabei wurde Herodes der Große mit seinem Sohn verwechselt und das Jahr 0 ausgelassen. Ziemlich sicher kam Jesus nicht vor 2025 Jahren zur Welt, sondern früher.
Ganz sicher können wir uns bei dem Datum sein. Es war definitiv nicht der 25. Dezember. Es ist wahrscheinlicher, dass die Geburt, genauso wie die Volkszählung, im März stattgefunden hat. Hier haben sich die Christen das Datum des alten heidnischen Fests des unbesiegbaren Sonnengottes, des Sol invictus, zu eigen gemacht. Das wurde am 25. Dezember gefeiert. Es war das Fest der Sonnenwende. Mindestens genauso wichtig war der Mithraskult. Den betrachteten die Christen nämlich als ihren eigentlichen Konkurrenten. Auch der Mithraskult betonte die Bedeutung von Sonne und Licht und feierte den 25. Dezember. Deshalb ist heute Weihnachten.
26. Dezember (Freitag)
Pünktlich um 3.30 steht der Kleinbus vor der Tür. Ich bin der Letzte, der eingesammelt wird. Alle anderen Plätze sind besetzt. Man sitzt hier sehr beengt. Und es wird noch enger, als der Mann vor mir seinen Sitz ganz zurücklehnt, aber nachdem er vorher sehr höflich angefragt hat, ob das in Ordnung sei.
Wir fahren stadtauswärts an einer unendlichen Reihe von Tankstellen vorbei, alle neu, groß und überdacht. Es ist schon richtig viel los auf den Straßen. Die kontrastieren mit den alten, unschönen, halb zerfallenen Häusern dazwischen.
Dann kommen wir auf eine holprige Landstraße. Immer wieder haben wir Lastwagen vor uns. Es ist noch dunkel, aber man kann die Landschaft in groben Zügen erkennen.
Nach gut einer Stunde kommen wir an eine Mautstelle und sind dann von einem auf den anderen Moment in einer einsamen Bergwelt. Es wird Tag, aber die Sonne lässt sich nicht sehen.
Nach drei Stunden machen wir irgendwo Rast zum Frühstücken. Ich komme mit dem Mann neben mir ins Gespräch, Javier, Guatemalteke, in Florida lebend, perfekt zweisprachig. Er ist mit australischen Freunden in Peru unterwegs, sie haben sich Zeit gelassen und ganz unterschiedliche Gegenden kennengelernt. Er erzählt von seiner Reise im letzten Jahr, als er in Iguazú war und dann nicht mehr genug Geld fürs Flugzeug hatte. Ist dann mit dem Bus von Iguazú nach Rio gefahren, eine echte Marterstrecke. Er fragt mich, aus welchem Teil Deutschlands ich komme, und es stellt sich heraus, dass er viele deutsche Städte kennt wegen der Fußballvereine!
Die Fahrt geht weiter, auf den Cañón de Colca zu. Am Wegesrand sieht man vereinzelt Esel und immer wieder Kühe. Gras wächst hier genug, die Regenzeit bringt genug Feuchtigkeit.
Der Cañón de Colca ist, wie wir erfahren, 260×40 Kilometer lang und einer der tiefsten der Erde. Er ist sogar tiefer als der Grand Canyon im Westen der USA. „Entdeckt“ im wissenschaftlichen Sinne wurde er erst 1981.
Das Wort colca kommt aus dem Ketschua und bedeutet ‚Lager‘, ‚Depot‘. Das bezieht sich auf die unzähligen Vorratslager, die sich die Indios anlegten, für Zeiten der Not. Hier wurden Lebensmittel gehortet, vor allem Mais, Quinoa und Kartoffeln – Kartoffeln in allen Varianten, die die Anden hergeben.
Tourismus gibt es hier erst seit 2005, vielleicht ist auch deshalb der Cañón de Colca nicht so bekannt wie andere. Bis dahin erfolgte der Verkehr zwischen Arequipa und Colca in drei- bis viertägigen Fußmärschen, mit Lamas für den Transport der Lasten. Da die aber nur 30 Kilo tragen können, müssen es riesige Kolonnen gewesen sein, die da unterwegs waren.
Die Landschaft wird immer schöner, mit hohen Bergen und davor terrassenförmigen Anlagen, erst ganz wenige, dann immer mehr. Der Führer beantwortet die Frage, bevor ich sie stelle: Ja, es sind menschengemachte Terrassen, von den Indios, einer prä-inkaischen Gruppe, den Colla-Wa, vor mehr als 1.500 Jahren angelegt und weiter in Gebrauch. Für mich sind sie einfach schön. Wir machen Halt an einem Aussichtspunkt, von dem aus man in die unterschiedlichsten Richtungen sehen kann. Wir haben das Tal mit einem Fluss unter uns. Der fließt zum Pazifik.
Ganz oben, über die Höhen der Berge, verläuft der Inka-Trail, ein Pfad, der Colca mit Cuzco verband! Bei dem Versuch, den zu erkunden, sind in den letzten 10 Jahren 11 Menschen ums Leben gekommen, ausschließlich Touristen.
Wir fahren weiter und erfahren noch, was der Unterschied zwischen Tal und Canyon ist. Ein Canyon ist tiefer als breit, ein Tal ist breiter als tief.
Dann müssen wir noch die lästige Pflicht erledigen, den Eintritt in das Naturschutzgebiet zu bezahlen und eine Kontrolle über uns ergehen zu lassen.
Jetzt sind wir am Canyon angekommen. Hier steigen wir aus und sehen uns die Gegend an. Beeindruckend, aber nicht ganz so, wie ich mir das vorgestellt habe. Das liegt wahrscheinlich daran, dass wir erst am Eingang zum Canyon sind und die Schlucht nur zu einer Seite von hohen Bergen begrenzt ist.
Hier kann man Kondore sehen, aber nicht das ganze Jahr über und nicht zu jeder Jahreszeit. Wir sehen tatsächlich nur zwei (ich nur einen), und die entschwinden unseren Blicken auch bald wieder. Um die Thermik auszunutzen, brauchen die Kondore Sonne und Wind, und von beiden gibt es jetzt, zu Beginn der Regenzeit, wenig. Dann fliegen die meisten ans Meer. Außerdem sind sie morgens ganz früh eher zu sehen als tagsüber.
Der, den wir sehen, ist ein Jungvogel. Da erkennt man an dem dunklen Gefieder. Die Erwachsenen haben weiße Flügel und einen weißen Hals, der Rest des Gefieders ist pechschwarz.
Die Kondorweibchen legen nur alle 3-4 Jahre ein Ei. In seltenen Fällen sind es auch mal zwei, aber dann überlebt immer nur einer der Jungvögel. Die Jungen bleiben zwei Jahre bei der Mutter im Nest, während der Vater für Nahrung sorgt. Nach zwei Jahren macht der Vater sich davon, und die Mutter bringt dem Kleinen das Fliegen bei.
Die Kondore ernähren sich ausschließlich von Aas, meist Pferden oder Lamas. Da es davon so viele auch nicht gibt, müssen sie oft lange Strecken zurücklegen, um Futter zu finden.
Sie sind nach den Albatrossen die Vögel mit den längsten Schwingen überhaupt (3,50 Meter) und habe eine längere Lebenserwartung (60 Jahre) als die meisten anderen Vögel.
Wir fahren ein Stück weiter und steigen dann wieder aus, um eine kleine Wanderung zu machen, eine Stunde leicht auf und ab, immer am Rande der Schlucht entlang. Ich mache ein Photo mit einem Kaktus und der Schlucht im Hintergrund, und der Führer macht eins von mir vor einem riesigen, schlanken Kaktus.
Als wir weitergehen, komme ich kurz mit ihm ins Gespräch. Er ist einmal in Deutschland gewesen, zum Wandern, im Schwarzwald, und hat auch München, Köln und Frankfurt kennengelernt. Er weiß noch, dass das am Anfang der Amtszeit von Angela Merkel war. Das muss jetzt 20 Jahre her sein.
Auf dem Weg gibt es teils schwindelerregende Blicke in die Schlucht hinab. Wenn man sich ein bisschen über die Mauer beugt, lehnt man sich schnell wieder zurück.
Dann geht es weiter in einen Ort namens Maca. Hier gibt es Colca Sour, das Gegenstück zum Pisco Sour, aber aus Kaktus gemacht. Die anderen probieren es und sind begeistert, ich lasse die Finger davon wegen des Alkohols und der langen bevorstehenden Fahrt.
Auf dem Platz sehe ich eine Frau, die unter Anstrengung eine Schubkarre mit schweren Säcken den Weg hinaufschiebt. Danach spricht sie mit unserem Führer, aber ich verpasse später die Gelegenheit, nachzufragen, was wohl in den Säcken drin ist. Zement bestimmt nicht.
Unsere nächste Station sind die Aguas Termales in Chacapi. Mit Erstaunen blickt man auf die Uhr. Es ist immer noch nicht Mittag. Und dabei sind die Strecken zwischen den einzelnen Stationen nicht zu verachten.
Wer sich, wie ich, hier ein elegantes Kurbad vorgestellt hat, sieht sich mächtig getäuscht. Wir sind in einer verlassenen Gegend, ohne jede Attraktivität, und die Anlagen sind von größter Einfachheit. Auch hier muss Eintritt bezahlt werden, um über die wunderbar schwankende Hängebrücke zu den Thermalbecken zu kommen. Davon gibt es mehrere, alle ganz klein.
Einige sind bestens vorbereitet und haben schon das Schwimmzeug an. Andere sind etwas unentschlossen und setzen sich am Ende einfach mit einem Bierchen auf die Terrasse. Ich überlege, entscheide dann, mit an den Rand des Beckens zu setzen und die Beine ins Wasser zu hängen. Tut gut. Es sind nur 35-40°, fühlt sich aber wärmer an. Wie gerufen kommt die Sonne raus.
Dann kommt ein Peruaner ins Becken und beginnt sofort eine lebhafte Unterhaltung mit mir. Er kommt aus dem Norden Perus, wo es Sonne und Strand reichlich gibt. Das haben auch Mónica und Javier gesagt. Dort ist auch die Heimat der Mochica, einer anderen prä-inkiaschen Kultur, über die ich was gelesen habe und deren Verschwinden bis heute Rätsel aufgibt. Nach Cuzco könne man um diese Zeit ohne Weiteres fahren, meint er, der Sommer sei zwar die „beste“ Jahreszeit, aber auch die teuerste, und da sei alles überlaufen.
Es wird Zeit zum Aufbruch. Die Beine trocknen in der Sonne im Nu.
Jetzt geht es nach Chivay, zum Mittagessen. Ich bestelle das Menu, mit gefüllter Avocado als Vorspeise und Alpaca-Steak als Hauptspeise. Dazu dummerweise ein Bier. Was ich noch bereuen sollte.
Die Avocado ist nicht eigentlich gefüllt, sondern elegant um die Füllung, einem feinen Kartoffelsalat, herum drapiert. Schmeckt sehr gut. Das Alpaka-Fleisch schmeckt nicht besonders exotisch, am ehesten nach Rindfleisch, ist aber weniger intensiv im Geschmack und viel heller.
Bei der Weiterfahrt trübt sich der Himmel immer mehr ein, die Landschaft wirkt auf den ersten Blick karg, aber für die hier herumlaufenden Schafe ein kulinarisches Paradies.
Der Himmel wird immer dunkler, die Luft diesiger, und an der nächsten Station schneit es sogar. Keine dicken Schneeflocken, eher Schneetreiben, aber genug, dass die, die hier für ein Photo der Vulkane aussteigen, mit weißen Köpfen zum Bus zurückkommen.
An der nächsten Station steige ich dann doch auch aus. Hier stehen Alpakas auf der Wiese. Erst sieht man sie kaum, dann entdeckt man immer mehr, und schließlich sieht man weiter hinten noch wieder ganze Heerscharen. Sie haben unterschiedliches Fell, einige hell, einige dunkel, einige gescheckt.
Später, auf der Weiterfahrt, sehen wir aus dem Bus heraus noch viel mehr von ihnen, einige ganz nahe der Straße. Dann kommen auch Lamas dazu. Die kann man mit ihrem gedrungenen Körper doch ganz gut von den Alpakas unterscheiden. Die Alpakas sehen, vereinfacht gesagt, wie Rehe aus, die Lamas wie Schafe.
Dann, um 15 Uhr, kommt der Umstieg in den anderen Bus. Der fährt nach Puno, die anderen fahren nach Arequipa zurück.
Hier ist es noch enger, aber das ändert sich, als die Frau vor mir nach der nächsten Station versucht, ihren Sitz in die Senkrechte zu bringen. Wir kommen ins Gespräch, und es stellt sich heraus, dass sie Spanier sind, junge Leute, die eine Art Praktikum im peruanischen Amazonas-Gebiet machen. Auch sie fahren später nach Bolivien weiter. Ganz interessiert fragen sie nach meiner Reise und nach meinem Spanisch.
Wir kommen jetzt auf die Carretera Interoceánica. Die wird ihrem Namen gerecht und führt tatsächlich vom Atlantik zum Pazifik. Allein die Fahrt von hier zur brasilianischen Grenze dauert 22 Stunden.
Von hier nach Arequipa sind es nur 2 Stunden, für uns, in der entgegengesetzten Richtung, sind es 4 Stunden. Wir haben Glück, denn wegen der Feiertage sind die Bauarbeiten eingestellt, so dass wir gute Chancen haben, pünktlich anzukommen. Am Ende sind wir sogar etwas eher da.
Hier oben sehen wir einen einfachen Fußballplatz. Da wird täglich gespielt, nach der Arbeit, sagt unser Führer. Auf über 4.000 Meter Höhe.
Auf der Carretera Interoceánica sind viele Lastwagen unterwegs. Sie transportieren Metalle: Kupfer, Zink, Silber. Peru ist beim Kupfer Nummer Eins in Südamerika und Nummer Drei in der Welt.
Mehrmals passieren wir Eisenbahngleise, aber einen Zug sehen wir nicht. Ziemlich sicher sind es Gleise für den Transport von Gütern, nicht von Personen.
Plötzlich klingeln alle unsere Handys gleichzeitig. Eine Warnmeldung. Es wird vor etwaigen Gefahren wegen des Schneefalls gewarnt!
Dann erreichen wir eine Lagune, mit einem Aussichtspunkt. Es hat aufgehört zu regnen, aber es ist trüb. Die Lagune liegt auf 4.444 Metern Höhe.
Die Landschaft verändert sich radikal. Während Arequipa eine Landschaft von Vulkanen und Schluchten hat, liegt Puno auf dem Altiplano und zeichnet sich durch seine Seen und Lagunen aus.
Die schwarzen, nicht allzu hohen und nicht sehr scharfkantigen Berge sehen aus, als wären sie von einer Schicht aus grünem Filz überzogen.
Eine Lagune, die wir passieren, ist ein regelrechtes Vogelparadies. Hier gibt es Wildenten, Möwen, Ibisse und Flamingos. Das sehen wir aber nur im Vorbeifahren.
In einer weiteren Lagune werden Forellen gehalten. Die sind vor einiger Zeit aus Kanada importiert worden und haben die gesamte bunte Fischevielfalt vernichtet. Schlichtweg aufgefressen. Die Forellen sind Raubtiere. Als Folge ihres großen Vorkommes nehmen sie Platz 1 auf der Speisekarte ein.
Dann erreichen wir Puno. Das ist viel größer als ich dachte. Es geht durch mehrere Industriegebiete und Vororte, und dann kommt unten der Titicacasee in Sicht. Man sieht aber nur den Hafen, nicht die ganze Weite. Die Häuser um ihn herum sind hell erleuchtet.
Die Spanier werden an ihrem Hotel rausgelassen und wir anderen in der Nähe der Plaza. Damit hatte ich nicht gerechnet, meine Unterkunft ist gleich neben dem Busbahnhof.
Also muss ich ein Taxi nehmen. Ich brauche aber keine Minute zu warten. Ein alter Mann hält an und bringt mich dahin. Unterwegs spricht er alle möglichen Themen an, immer, so habe ich den Eindruck, auf der Suche nach weiteren „Geschäften“, die er mit mir machen kann. Als wir das Ziel erreichen – in der Dunkelheit sind die Hausnummern kaum zu erkennen – will er 5 PEN mehr als ausgemacht.
Ich stehe vor dem Eingang, ein mehrstöckiges modernes Haus zwischen einer Pension – dort hängt ein erleuchtetes Schild mit Hospedaje – und einem kleinen Kiosk an der Ecke. Ich stehe etwas verloren im Regen und suche nach einer Klingel. Gibt es nicht. Eine Passantin sagt mir, ich solle einfach klopfen und zeigt mir, wie man das mit einer Münze macht. Ich tue, wie mir geheißen, aber ohne Erfolg. Wie soll mich auch jemand im 2. Stock hören. Die Vermieterin hat mir gesagt, ihre Mutter werde auf mich warten, aber die wartet vermutlich oben. Was soll ich machen?
Wenn alle Stricke reißen, frage ich in der Hospedaje nach, ob die ein Zimmer frei haben. Ich mache mich da bemerkbar und schildere der Frau, die mir öffnet, erst einmal mein Dilemma. Vielleicht lässt sie mich auf ihrem Handy telefonieren? Sie weiß aber sofort Bescheid, sagt mir, ich solle hier warten, geht in den Kiosk und kommt mit der Verkäuferin wieder raus. Die ist sofort im Bilde, ruft die Vermieterin an und sagt, hier warte jemand. Ja, alles klar, ich solle warten. Nach einiger Zeit geht zu meiner Erleichterung das Licht im Flur an und jemand öffnet die Tür. Es ist der Vater, aber das soll mir egal sein.
Ich schildere ihm, meine Verärgerung unterdrückend, die unangenehme Situation, vor der ich gestanden habe, aber das stört ihn nicht weiter. Er sei ja jetzt da.
Wir gehen rauf, und er zeigt mir das Apartment und gibt mir gleich einen ganzen Schlüsselbund. Das sind jetzt viele Informationen auf einmal. Ich bin kaum aufnahmefähig.
Das Apartment ist schick und modern und hat alles, was man erwarten kann. Er führt mich durch die Zimmer und sagt das Offensichtliche: Hier ist der Fernseher, das ist das Badezimmer. Dabei benutzt er bei jedem Substantiv die Verkleinerungsform:“Aquí tiene las toallitas.”
Ich bin froh, als er geht und packe nur noch das Nötigste aus. Es war ein langer Tag.
27. Dezember (Samstag)
Als ich aus dem Fenster sehe, ist es trüb und die Straßen sind nass. Die Gegend ist so hässlich wie es nur geht, und die Geschäfte sind alle verbarrikadiert.
Ich gehe trotzdem raus und laufe die Straße runter. Es ist eiskalt. Am Straßenrand sitzt ein Mann mit seiner Nähmaschine und bietet trotz der frühen Stunde seine Dienste an.
Der Kiosk an der Ecke ist geschlossen genauso wie alles andere. Überall sind die Gitter runtergelassen. Ich finde auch keine Apotheke, jedenfalls keine geöffnete, obwohl beinahe an jedem zweiten Haus Botica steht.
Dann fällt mir ein, dass ich ja in der Nähe des Busbahnhofs bin. Da bekomme ich wenigstens Wasser. Der unfreundliche Mann gibt mir aber keine Auskunft zu den Apotheken. Das wisse er nicht, wann die öffnen.
Ich gehe zurück, warte ab und mache dann einen zweiten Versuch. Diesmal habe ich Glück. Der Apotheker ist sehr nett und fragt genau nach. Dann schneidet er auf bewährte Weise die Blister durch, so dass ich nur die nötige Menge bekomme.
Ich gehe in die Richtung, wo ich den See vermute und habe Glück. Es gibt eine lange, um diese Zeit einsame Promenade, die zum Ufer führt. Hier sind um diese Zeit nur die Tourenanbieter. Einer von ihnen hängt sich an mich und bietet seine Dienste an. Sein kleines Boot liegt neben vielen anderen am Ufer, jederzeit einsatzbereit. Wir gehen die verschiedenen Angebote durch, und ich versuche, versteckte Fallen zu entdecken. Die Bilder, die er mir zeigt, sind ziemlich folkloristisch. Das ist nicht so ganz das, was ich will.
Er heißt Omar und gehört selbst zu den Urus, die von den schwimmenden Inseln. Die sind die Attraktion von Puno, die sich keiner entgehen lässt. Allerdings leben die Uru heute ausschließlich vom Tourismus, und umso mehr Fußangeln gibt es.
Rechtzeitig kommt die Sonne raus und es erwärmt sich ein bisschen. Man sieht das Seeufer mit seiner dichten Bebauung und in der Ferne den offenen See. Man würde aber nicht vermuten, am Titicacasee zu sein.
Anschließend gehe ich noch in den Kiosk an der Ecke und bedanke mich bei der Frau für ihre Hilfe von gestern. Bei der Gelegenheit kaufe ich gleich auch ein paar Kleinigkeiten.
Mit tatkräftiger Hilfe der Familie habe ich jetzt endlich den Welcome-Pass der Telekom runterladen können. Zwei Tage Internet gratis in jedem Land der Welt. Aktiviert sich von selbst bei der ersten Nutzung des Internets im Ausland. Heißt es. Tut es aber nicht. Keine Internetverbindung heißt es. Tolles Geschenk.
Als ich gegen Mittag zum dritten Mal rausgehe, gibt es ein paar Wolkenlücken und es ist nicht mehr so kalt.
Puno ist wirklich kein Anwärter auf einen Schönheitspreis, aber ich streife einfach durch die Gegend und beobachte die Details des Alltagslebens: VW-Käfer in allen denkbaren Farben – Grün, Weiß, Gelb, Orange, Rot, Gold – zankende Kinder vor einer Sägemühle, eine kleine, bunt angezogene Indio-Frau, die ihren mit Obst beladenen Karren durch die Gegend schiebt und per Lautsprecher Werbung macht, Zebrastreifen, die von allen ignoriert werden, vor den Lokalen Menus, unweigerlich mit Forelle als Option, Lastenfahrräder zum Transport von Personen, Gehupe, winzige Indio-Frauen unter Sonnenschirmen an ihren kleinen Verkaufsständen (an denen es alles von Chips bis Klopapier gibt), ausrangierte breite Eisenbahngleise, auf denen man es sich auf Hockern gemütlich macht, Tierarztpraxen, in der Zahl nur noch von Apotheken übertroffen, eine Indio-Frau in traditioneller Kleidung, den Rücken bepackt mit traditionellen Textilien und einem Handy zum Telefonieren in der Hand, streunende Hunde, ein Mann, der auf dem Bürgersteig vor einer schäbigen Werkstatt die Polster alter Bussitze auf Vordermann bringt, Stromleitungen, die Affenschaukeln bilden, eine schwer vermummte Straßenreinigerin mit Besen, Kehrblech und Plastiktüte für den Drecks, elektrische Tuk-Tuks in schickem Blau, große Gitterbehälter zum Sammeln von Plastikflaschen, in denen kein anderer Unrat landet. Keine Touristen.
Ich komme über zwei Plätze, die sich krampfhaft bemühen, schön zu sein, und dann zur einigermaßen vorzeigbaren Plaza Mayor.
Abseits davon die Kathedrale. Hat von außen einen leicht orthodoxen Einschlag. Innen sehr hell, gelb gefasst, mit großflächigen Glasfenstern, die Heiligenfiguren in groben Umrissen darstellen.
Es ist gerade Messe. Die Kirche ist nicht voll, aber für einen Samstag gut gefüllt. Alle haben schwarzes Haar, nur ein Mann grau meliert.
Der Priester spricht über die 10 Gebote. Bei der Gelegenheit wird mir klar, dass ich die nicht aufsagen könnte. Die Leute stehen. Dann merke ich, dass es nicht die Predigt ist, sondern dass es die Schlussworte sind.
Nach dem Segen gehen alle nach vorne, um sich die Handfläche mit Weihwasser besprengen zu lassen. Auch Blumen und Photos werden gesegnet.
Als alle die Kirche verlassen habe, sehe ich mich etwas um. Eine Heiligenfigur mit Brille und erhobenem Zeigefinger und einem Finger zu viel, eine richtiges Fass mit Weihwasser mit Zapfhahn, an dem man sich bedienen kann, und eine Krippe mit Bergklippen und See und vermutlich Hunderten von Figuren.
Auf dem Rückweg gehe ich noch mal zur Plaza Mayor und zur Galería de Artes. Die ist natürlich nach bewährter Weise geschlossen. Pikanterweise sind die Buchstaben ES bereits abgefallen.
Auf der Rückseite des Gebäudes die Kunstakademie, mit zwei Skulpturengruppen am Eingang. Etwas zu massiv geratene Figuren, die Künstler darstellen: Musiker, Tänzerinnen, einen Bildhauer, einen Maler, einen Akademiker an seinem Pult, das gerade von dem Bildhauer bearbeitet wird.
Auf dem Rückweg komme ich an einem Markt vorbei. Viel Betrieb hier, vor allem an den Ständen außerhalb der Markthalle. Hier wird meist aus großen, offenen Säcken verkauft, vor allem Obst und Gemüse, aber auch Kokablätter, lose. Ich hab keine Ahnung, was Mengen und Preise angeht und lasse mir auf gut Glück Koka für 5 PEN geben. Da kommt schon einiges zusammen, die blecherne Schale, auf die die Frau die Blätter schüttet, wird voll. Bin gespannt, welche Wirkung sie in den nächsten Tagen haben werden.
28. Dezember (Sonntag)
Titicacasee – da kommen Erinnerungen an den Erdkundeunterricht der Untertertia auf: Der höchste schiffbare See der Welt. Der Titicacasee liegt auf 3.812 Metern Höhe. Solche „Rekorde“ haben es uns damals angetan. Hätte nicht gedacht, dass ich jemals dahinkommen würde.
Heute ist es soweit: Eine Bootsfahrt über den Titicacasee steht auf dem Programm. Habe mit Omar in längeren „Verhandlungen“ alles ausgehandelt: Dauer, Verlauf, Preis, Abfahrtzeit.
Ich habe Glück: viele Wolken, weiße und graue, aber die lassen das Licht durch und lassen genug Lücken für die Sonne. Es fühlt sich wärmer an als die angesagten 9°.
Omar wartet schon am Steg auf mich. Zu zwei Seiten des Hafens erheben sich Berge, Halbinseln, die den Hafen wie zwei Arme umgreifen. Das ist der erste Teil des Sees. Dann kommt der offene See, der Hauptteil des Sees, mit der virtuellen Grenze zu Bolivien. Peru hat 60%, Bolivien 40% des Sees. Ganz im Süden schließt sich dann noch ein dritter Teil an, etwa so groß wie der erste, mit dem See nur durch einen kleinen natürlichen Kanal verbunden.
Wir steigen ein und Omar wirft den Motor an. Wir fahren auf eine kleine Insel zu, auf die sie – Faust aufs Auge – ein Hotel in einem großen modernen Betonklotz gesetzt haben. Das war mir gestern schon ins Auge gefallen.
Wir fahren auf den „Steg“ zu, der sich von der Insel ausgeht, aber der vermeintliche Steg ist gar keiner. Das ist Natur. Das sind Pflanzen, das ist Schilf. Erst, als wir näher kommen, sieht man, dass das Schilf einen „Kanal“ freigelassen hat. Durch den fahren wir jetzt, lange, schnurstracks geradeaus.
Das korrektere Wort ist wohl Binse, Omar spricht von totora. Auf jeden Fall eine Sumpfpflanze, besonders verbreitet in dieser Gegend.
Die Binsen stehen zu beiden Seiten Spalier. Sie reichen vielleicht 1-2 Meter aus dem Wasser heraus und bilden ein dichtes, scheinbar undurchdringliches Dickicht. Sie sind dunkelgrün und haben auch das Wasser grünlich gefärbt.
Wir kommen an einen Kontrollpunkt und auch hier muss man – Wen wundert’s? – Eintritt bezahlen. Dahinter ein Schild, auf dem auf Aymara eine Begrüßung steht: Kamisaraki – Waliki. = Wie geht’s? – Gut.
Dann kommt auf der linken Seite das Schild Titikaka, in der einheimischen Schreibweise. Das k wird, anders als bei uns als Reibelaut ausgesprochen.
Das Wort Titikaka setzt sich aus einem Bestandteil auf Aymara und einem auf Ketschua zusammen und bedeutet so etwas wie ‚Felsen des Pumas‘. Wo kommt der Puma her? Omar dreht die Karte auf den Kopf, und dann kann man – mit viel Phantasie – einen Puma erkennen, der ein Kaninchen jagt.
Wir kommen an der Isla de los Uros an, einer der berühmten islas flotantes, der schwimmenden Inseln, der größten Attraktivität des Titicacasees.
Omar übergibt mich an den örtlichen Führer, William. Und gleich der erste Schritt, als ich an Land komme, ist ein Erlebnis: Der Boden gibt nach, man geht wie auf einem Wasserbett.
Es gibt insgesamt 48 dieser Inseln. William erklärt das Bauprinzip. Zuerst werden die Wurzeln und Halme der Binsen zu dicken Blöcken zusammengebunden. Die Blöcke werden mit Hölzern und Binsen zusammengebunden und wachsen zusammen. Sie werden dann mit Stöcken und Pfählen in den Seeboden gerammt. Darauf kommt eine senkrechte Schicht von Binsen und, nach einiger Wartezeit, quer dazu eine weitere Schicht von Binsen. Und fertig ist die Insel!
Die ist stabil genug, um Menschen und Häuser zu tragen. Hier, auf der Isla de los Uros, gibt es sogar einen Kindergarten und eine Grundschule. Für weitergehende Schulen muss man aufs Festland.
Auch die Häuser sind aus Binsen gebaut. Ich sehe aber irgendwo auch eine Spanplatte und eine Rigipsplatte, aber die dienen wohl nur der Verstärkung.
Die traditionellen Häuser der Uros sind rund, die neueren rechteckig. Die runden Häuser werden heute meist als Lagerräume genutzt.
Die Häuser stehen auf einer kleinen Erhöhung, um für Stabilität zu sorgen. Beim Kochen wird immer eine Steinplatte unter den Ofen gelegt. Brandgefahr! Auch als Brennstoff benutzt man die Binsen.
Ich frage nach der Kälte. Ist man gewohnt. Einfach warme Kleidung.
Heute leben die Uros fast ausschließlich vom Tourismus, vom Eintritt, von Darbietungen, von Touren zu anderen Inseln und von den gewebten Tüchern, die sie verkaufen.
Früher lebten sie fast ausschließlich vom Fischfang und von der Vogeljagd. Sie fuhren dann mit ihren Booten zum Tauschhandel aufs Festland.
William sagt, zu Hause spreche man nur Aymara, die Kinder lernten erst in der Schule Spanisch. Omar hat dagegen mit Bedauern gesagt, immer mehr Eltern sprächen nur noch Spanisch mit ihren Kindern.
Ich frage nach seinem Namen. Die Eltern hätten einfach etwas Neues, Moderneres gesucht. Wie hießen die denn? Maria und Lorenzo. Hört sich auch nicht nach Aymara an.
Als wir wieder zum Boot kommen, taucht plötzlich eine fest im Boden verankerte Eisenstange auf. Was ist das denn? Man muss nach oben schauen. Photovoltaik! Hier wird Licht erzeugt.
Es geht weiter, aber nur bis gerade zum Rande der Bucht von Puno. Die ganze Weite des Sees kann man nicht sehen. Ganz hinten ist Bolivien, aber bis dahin kann man nicht sehen.
Omar zeigt auf den äußersten Rand einer der Halbinseln. Dort hätten die Uros früher gelebt. Sie seien dann zum „Umzug“ gezwungen worden in Folge einer Überschwemmung. Das Wasser des Sees sei in einem Jahr um zwei Meter angestiegen.
Diese Vorfahren hätten gar kein Aymara gesprochen, sondern Pukina. Der letzte Sprecher des Pukina sei aber vor ein paar Generationen ausgestorben. Wie kam es denn dazu? Das hätten sich zwei Stämme vermischt, die einen sprachen Pukina, die anderen Aymara. Die Aymara-Sprecher hätten sich im Laufe der Zeit durchgesetzt. Eine Frage der Macht vermutlich.
Auf dem Rückweg kommt uns ein Motorboot entgegen, das bis oben mit Binsen beladen ist. Nachschub.
Ganze Schwärme von Wildenten flattern vor uns auf, und in Hafennähe Möwen. Auf dem Wasser sehen wir ein Exemplar des zambullidor, eines vom Aussterben bedrohten Wasservogels, den es nur hier gibt.
Auch hier gibt es die (genauso wie der pejerrey) von außen eingeführte Forelle, aber noch reichlich endemische Fischarten.
Wir fahren wieder durch das Schilf und dann zwischen den Halbinseln auf den Hafen zu. Unsere Tour endet. War ein Erlebnis.
Danach wende ich mich wieder banaleren Dingen zu und gehe zum Busbahnhof. Alles klar für die Abfahrt morgen früh? Das Mädchen am Schalter bestätigt meine Buchung und druckt das Ticket aus. Ein Weg gespart morgen früh. Ich werde aber noch daran erinnert, dass ich vorher eine Bahnsteigkarte kaufen muss.
Als ich später noch einmal Richtung Stadtmitte gehe, finde ich an einem Ladenschild auch den schriftlichen Beleg für das neue Wort: Pague con Yape – Ahora todos pueden yapear.
Diesmal fallen mir ein paar richtig schöne moderne Häusern mit originellen Fassaden auf, die unvermittelt zwischen all den anderen auftauchen, die nichts als bessere Bruchbuden sind.
„7 cuadras“. Immer wieder überrascht mich die Genauigkeit, mit der die Lateinamerikaner ihren Stadtplan im Kopf haben und die Leichtigkeit, mit der sie die Entfernung in Häuserblöcken angeben können, wie dieser junge Mann, den ich nach der Plaza Mayor frage.
Dann kommt mir ein Leichenzug entgegen. Alle schwarz gekleidet hinter dem strahlend weißen Leichenwagen her. Irgendjemand trägt ein besticktes Marienbanner, ein anderer ein Bild des Toten. Zum Schluss eine kleine Kapelle: Akkordeon, Gitarre, Trompeten. Sie haben allerdings Schwierigkeiten, sich Gehör zu verschaffen, denn dem Leichenzug voran fährt ein Auto mit einer schrillen Polizeisirene.
Ungewollt komme ich auf einen großen Platz. Mehrstöckige Kolonialbauten mit offiziellen Organisationen, an einer Seite eine Kirche. Ich stutze. Und stutze nochmal. Dann geht mir ein Licht auf: Die ist die Plaza Mayor. Ich war gestern an einem anderen Platz. Und dies ist die Kathedrale, nicht die Kirche, in der ich gestern war. Sie ist ganz anders, eine Mischung aus Romanik und Barock, steinsichtig, mit Reliefs an der Fassade. Das ganze Eingangsportal ist mit einem großen modernen Hinweisschild verbarrikadiert. Vermutlich Sanierungsarbeiten.
Ich sehe mich nach Lokalen hier am Platz um und entscheide mich für das mit der originellsten Speisekarte. Man geht in den ersten Stock rauf und guckt von hier aus auf den Platz runter.
Ich habe nicht mehr genug Soles und frage vorsichthalber nach, ob man mit Kreditkarte bezahlen kann. Ja, aber nur mit Visa und Mastercard. Glück gehabt.
Auf Empfehlung der Kellnerin bestelle ich Queso frito und Lomo saltado, einem Pfannengericht mit Rindfleisch. Dazu einen alkoholfreien Cocktail, der gut bei Höhenluft sein soll.
Der Käse ist so schön angerichtet, dass man sich kaum heranwagt. Er wird serviert mit zwei Soßen, huancaina und ocapa, einer gelben Chili-Pfeffer Soße und einer grünlichen Minze-soße. Köstlich.
Das Rindfleisch ist ein Gedicht, saftig und zart, und die leicht pikante Soße gibt dem Reis und den Pommes den richtigen Dreh.
So endet die mit Höhen und Tiefen durchzogene Peru-Reise mit einem kulinarischen Höhepunkt.