Argentinien (2026)

Argentinien (2026)

25. Januar (Sonntag)

Die erste Überraschung lässt nicht lange auf sich warten: Beim Aussteigen an der Grenze ist es schwülwarm. Und das um 2 Uhr in der Nacht.

Wir befinden uns in Yacuiba, am westlichen Rand der weitläufigen Tiefebene Gran Chaco gelegen, die vor allem einen großen Teil von Paraguay ausmacht.

Das gesamte Gepäck muss an der Grenzstation ausgepackt und durchleuchtet werden. Wir können von Glück reden, dass wir in Europa Schengen haben.

Auch die Kontrolle geht zermürbend langsam über die Bühne, aber wenn man einmal dran ist, wird man rasch von einem Posten zum anderen weitergereicht, beide in einem kleinen Kabuff untergebracht. Die Ausreise aus Bolivien ist so problemlos wie die Einreise problematisch war, und in Argentinien wird nur nach der Adresse der Unterkunft gefragt. Sonst nichts, kein Formular, kein Ausreisenachweis.

Als wir am frühen Morgen in Palpalá am Busbahnhof ankommen, ist weit und breit kein Mensch zu sehen, außer einem alten Mann, der uns ein Taxi herbeiruft, das  irgendwo wartet. Er spricht, genauso wie Evangelina, von remis. Auf dem Auto steht aber taxi. Beide Wörter werden heute wohl synonym gebraucht, bezeichneten früher aber etwas anderes. In Buenos Aires war das remis (auf ein französisches Wort zurückgehend) eine Art Taxi für betuchte Leute, Menschen, die aus der Oper oder von einer Soiree kamen und von diesen Taxis der besseren Art bereits erwartet und nach Hause chauffiert wurden. Heute steht das Wort remis, in Spanien so gut wie unbekannt, hier in Argentinien ganz einfach für taxi.   

Ähnlich geht es mir mit dem Wort colectivo, das hier ganz allgemein für autobús gebraucht wird. Die colectivos waren ursprünglich, in Buenos Aires, Sammeltaxis, die immer dieselbe Straße, vermutlich die Avenida 9 de Julio, rauf und runter fuhren und die Fahrgäste einsammelten, die dort an beliebigen Stellen warteten. Von da ist es nicht mehr weit bis zu einer Omnibuslinie, zumal hier in Südamerika noch heute oft der Ein- und Ausstieg an fast beliebigen Stellen und nicht nur an Haltestellen erfolgt.

Wir sind beide froh, die langen Fahrten hinter uns gelassen zu haben und gönnen uns eine ausgiebige Ruhepause. Ich liege nur auf der faulen Haut,  Evangelina macht die Wäsche und den Einkauf und kocht, eine riesige Zahl von milanesas, panierten Rinderschnitzeln, auf denen sie vorher stundenlang herumklopft.   

Irgendwann taucht Nicolás wie aus dem Nichts auf, und die beiden gehen ein Stündchen zur Oma rüber. In der Zeit kümmere ich mich um die Organisation der Weiterreise.

Später habe ich Gelegenheit, Nicolás meine Hochachtung für das nicht mehr wiederzuerkennende Badezimmer auszudrücken und ihm ein Inter-Trikot zu übergeben, das sich als viel zu klein erweist.

Homero begegnet mir mit einer Mischung aus Feindseligkeit und Neugier. Er bellt wie wild, wenn er mich auftauchen sieht, dann kommt er vorsichtig heran und leckt an meinen Beinen.  

26. Januar (Montag)

Wir haben Glück. Nicolás muss irgendwelche Formulare an seiner Schule abgeben und fährt uns nach San Salvador. Ich brauche einige Zeit, um das eine oder andere wiederzuerkennen.

Das Schulgebäude sieht klein aus, aber die Schule hat doch so zwischen 600-700 Schülern. Die kommen in zwei Schichten, am Vormittag und am Nachmittag. Nicolás arbeitet vormittags und nachmittags. Er unterrichtet Englisch. Für den Sportunterricht, für den er geradezu prädestiniert aussieht, fehlen ihm noch ein paar Prüfungen.

Über dem Eingang zur Schule steht Sanchez de Bustamente. Nach ihm ist die Schule benannt. Er war ein Staatsmann und Jurist aus Jujuy und gehörte dem Kongress von Tucumán an, der 1816 die Unabhängigkeit Argentiniens erklärte.

Darunter steht Donación José Roger Balet. Diese Inschrift gilt dem Mann, dem die Schule ihre Existenz verdankt, ihrem Mäzen sozusagen. Balet, Katalane, war ein Mann mit einer besonderen Biographie. Er kam mit 17, völlig mittellos, nach Amerika, und verdingte sich als Laufbursche auf den Märkten von Montevideo und Buenos Aires. Irgendwann entschied er sich, sein gesamtes Erspartes und selbst sein persönliches Hab und Gut einzusetzen, um sein eigenes Geschäft zu eröffnen, eine Art frühes Warenhaus. Dem gab er in Anspielung auf seine Biographie den Namen Bazar dos Mundos. Es wurde ein Riesenerfolg. Dann kamen immer neue Geschäfte unter demselben Namen hinzu. Aus dem Habenichts wurde ein Millionär. Und ein Philanthrop. Dutzende von Schulen in ganz Argentinien gehen auf ihn zurück.

Nicolás fährt zurück, und Evangelina führt mich zu einem Museum. Es ist ein kleines Museum, umfasst nur zwei Räume. Es dauert was, bis ich kapiere, worum es sich handelt. Hier gibt es kein einziges Original zu sehen. Lauter Kopien, meist im Kleinformat, von Originalen, die sich an verschiedenen Orten innerhalb der Provinz Jujuy befinden.

Eine junge Frau führt uns durch die Ausstellung. Sie ist selbst Künstlerin und an der Produktion der Kopien beteiligt.

Die Motive sind ausschließlich religiös, und die Tradition ist bolivianisch. Was hat bolivianische Malerei hier verloren? Sie ist mit den golondrinas, den Wanderarbeitern, den Wandervögeln, hierhergekommen. Es ist die alte indigene Tradition der Darstellung der christlichen Engel als Soldaten Gottes, der angeles arcabuceros, mit Arkebusen bewaffneten, geflügelten, vornehm gekleideten Engeln. Dabei ist die Auswahl der Engel sehr großzügig, bezieht auch Engel ein, die nur in den Apokryphen auftauchen und von der katholischen Kirche nicht anerkannt werden.

Alle Gemälde erinnern etwas an Ikonen, teils durch das kleine Format, teils durch die goldene Einfassung, die alle haben, teils auch wohl durch den aufwendig geschnitzten Rahmen, in denen sie stecken.  

Die Maler haben alle ihre Gemälde signiert, also die Maler der Originale. Sie haben dabei Künstlernamen gewählt, die alle den Bestandteil El haben. Das ist hebräisch für ‚Gott‘ und ist auch Bestandteil der Namen Gabriel, Uriel, Ezechiel usw.

Die junge Frau erklärt, es habe encarnaderos gegeben, Maler, die sich ausschließlich auf die Darstellung der Hautpartien spezialisiert haben. Das erinnert mich an die großen Malerwerkstätten der frühen Neuzeit in Europa, wo die Meister das meiste an den Gemälden ihren Schülern überließen und sich nur um einige ganz zentrale Details kümmerten.

Aus Gründen, die ich nicht ganz verstehe, hat man sich jetzt darauf verlegt, gestickte statt gemalte Versionen der Bilder zu erstellen. Man sieht verschiedene Rahmen, in denen die halb fertigen Bilder stecken.

Evangelina spricht eine ältere Frau an, die ins Museum gekommen ist. Sie fragt, ob sie die „Architektin“ sei. Das bejaht diese und beginnt, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Sie ist eine echte Zeitzeugin. Lebt seit mehr als 50 Jahren hier oben im Norden. Der Norden, nicht Buenos Aires, sei die Keimzelle der Unabhängigkeit gewesen, betont sie.

Sie selbst hat als Professorin an der Universität in Buenos Aires gearbeitet und ist während der Militärdiktatur mehrmals festgenommen worden. Hierher zu kommen sei wie eine Erlösung gewesen.

Irgendeine Anspielung verstehe ich nicht. Evangelina erklärt es mir nachher. Bei dem Hinweis auf einen Engel ist der Name Alfonsín gefallen. Den kann ich mit keinem Engel in Verbindung bringen. Die Anspielung gilt Raúl Alfonsín, dem Vorgänger von Menem im Amt des argentinischen Präsidenten. Und der ist bekannt geworden für eine Geste, mit der er im Wahlkampf die Menschen grüßte, beide Hände ineinander verschlungen, den Arm erhoben. Und genau so eine Geste macht der Erzengel auf diesem Gemälde.  

Im Anschluss ans Museum gehen wir zu einem Ärzte-Haus. Draußen steht consultorio über einem Eingang und sanatorio über dem anderen. Drinnen sitzen Patienten und warten in langen Stuhlreihen. Andere ziehen eine Nummer, wieder andere sitzen an Computern und füllen Formulare aus.

Als wir später wiederkommen, gehen wir auf einen Flur mit vielen Türen. Die öffnen sich, mal die eine, mal die andere, und lassen Patienten rein. Unsere Ärztin hat Verspätung, weil sie noch Krankenbesuche macht, und als sie kommt, stellt sich heraus, dass sie keine unangemeldeten Patienten annehmen kann. Dafür habe ich Verständnis.

Wieder im Zentrum machen wir eine Kaffeepause, und dann tausche ich Geld um. In Argentinien muss man sich an große Zahlen gewöhnen. Für 100 Dollar bekomme ich 148.000 Pesos. Um einen ungefähren Anhaltspunkt zu haben, kalkuliere ich, dass ein 10.000-Peso-Schein etwa 5-6 Euro wert ist.

An einer Wand hat jemand Milei Dictador geschmiert. An einem Kleidungsgeschäft gibt es Bleizer für 58.000 Pesos zu kaufen.

Ein Hotel heißt Pregón, ein Buchladen Rayuela, wie der berühmte Roman von Cortázar, der auch noch auf meiner Leseliste steht.

An einem anderen Bekleidungsgeschäft gibt es chombas. Die heißen in Spanien camisetas. Ähnlich ist es bei den Jacken, die hier camperas heißen, ein in Spanien unbekanntes Wort.

Auf dem Weg zur Bushaltestelle kommen wir an einem Baum mit vollen roten Blüten vorbei. Sehr schön anzusehen. Wir ziehen einen Zweig zu uns herunter. Man riecht nichts.

Schließlich überqueren wir den Fluss, den Xibi-Xibi. Früher hieß es, dass man nach Jujuy zurückkomme, wenn man von dem Wasser des Xibi-Xibi trinkt. Heute wohl nicht mehr empfehlenswert.

27. Januar (Dienstag)

Carlos Menem, der mit den auffälligen Koteletten, war einer der Hauptvertreter einer neoliberalen Politik, wie heute Milei. Unter seiner Regierung wurden staatliche Betriebe zu Dutzenden verstaatlicht. Dabei war er ganz anders angetreten, als Mann des einfachen Volkes. Die Koteletten gehörten dazu, waren mehr als nur ästhetisches Beiwerk. Sie sollten ihn als eine Art Mann vom Lande charakterisieren, genauso wie der Poncho, den er zu tragen pflegte.

Wegen des schlechten Wetters verschieben wir unseren Plan, nach San Pedro zu fahren, auf einen anderen Tag.  

Am frühen Abend drehen wir eine Runde, eine große Runde. Dass es sich um eine Runde handelt, merke ich erst, als wir von der anderen Seite aus wieder nach Hause zurückkommen.

Es ist viel Volks unterwegs, die meisten im Freizeitlook, einige auf Fahrrädern, viele auf Mopeds oder kleinen Motorrädern.

Am Straßenrand, in einem Parkstreifen, reichlich Fitnessgeräte, von denen auch viel Gebrauch gemacht wird, ebenso wie von den Spielplätzen, auf denen sich Väter mit ihren Kindern tollen.

Einige Männer und viele Jungs tragen ein Trikot von Boca Juniors. River Plate ist nicht vertreten.

Wir passieren die riesige Statue von San Cayetano, Jesuskind auf den Armen, der von oben wohlwollend auf uns hinabblickt. Sein Patronatsfest am 7. August ist der Anlass für das größte Volksfest von Jujuy.

Wir passieren zwei Schulen. Hier eine Stelle zu ergattern würde Evangelinas Arbeitsleben erheblich erleichtern, aber die Aussichten stehen schlecht. Alles immer eine Frage der ominösen puntuaje.

Der Bürgersteig ist in einem bedauernswerten Zustand. Man muss bei jedem Schritt aufpassen, wohin man tritt.

An einer belebten Kreuzung stehen allerlei Maskottchen herum, einige kitschig, andere furchterregend: ein Panda, ein Gorilla, ein Phönix, ein Kondor, ein Schlumpf, ein Gespenst, ein Tasmanischer Teufel. Es sind die Maskottchen der verschiedenen Schulen, die vor allem bei Wettbewerben unter den Schulen zum Einsatz kommen. Die Zahl der Schulen ist in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen, die Bevölkerung hat stark zugenommen, trotz des von Evangelina so beklagten Untergangs der Schwerindustrie, den sie den neoliberalen Politikern zuschreibt.

Auf der anderen Straßenseite befindet sich El Gordito, ein Supermarkt. Wir gehen rein, um Tee zu besorgen. Die Regale sind hoch, die Gänge zwischen ihnen schmal. Es gibt viele Hygieneartikel und allerhand Haushaltswaren. Evangelina bezahlt mit dem Handy, per transferencia, wie fast alle hier.  

Wir gehen in ein Lokal und bestellen einen leckeren Milchshake und ein Sandwich, ein getoastetes belegtes Brot.

Ich erfahre ein interessantes Detail über die Arbeitszeit der argentinischen Lehrer: Männer müssen länger, d.h. mehr Jahre unterrichten als Frauen. Die gehen in der Regel schon mit 57 in Rente. Die Wochenarbeitszeit ist allerdings für alle so hoch wie für keinen Lehrer in ganz Deutschland. Andererseits gibt es ständig irgendwelche nationalen Gedenktage oder andere Anlässe, so dass der Unterricht ausfällt oder aber durch Paraden oder Festakte ersetzt wird.

Wenn Evangelina sagen will, dass jemand alt ist, benutzt sie grande statt viejo, ein Euphemismus, an den ich mich erst gewöhnen muss. Erinnert mich ans Griechische, wo megalos (μεγáλοç), mit der Grundbedeutung ‚groß‘, ebenfalls ‚alt‘ bedeutet.

Auf dem Rückweg passieren wir eine Tankstelle, an der man nur Gas tanken kann. Man sieht die Tanks, die am Unterboden der Autos angebracht sind.

Zum Schluss kommen wir noch am Stadion vorbei. Das hat schon bessere Zeiten gesehen. Hier spielt oder spielte der Club mit dem der Industrie verpflichteten Namen Altos Hornos. Das ist so ähnlich wie Hochöfen Schalke.

28. Januar (Mittwoch)

Am frühen Vormittag klatscht draußen vor dem Eingang jemand in die Hände. So macht man sich hier bemerkbar. Eine Klingel gibt es nicht. Es ist Nicolás‘ Nachhilfeschüler.

Als erstes werden morgens Homero und ich wach. Er bellt wütend, sobald ich mich rege.

Nicolás hat angeboten, uns heute zum Wendekreis des Steinbocks zu fahren, in einen Ort namens Huacalera. Dort markieren ein Monolith und eine Sonnenuhr den Breitengrad, die geographische Linie.

Wie war das noch mal? Finden bei der WM nicht auch ein paar Spiele in Südamerika statt? Nein, Nicolás weiß Bescheid. Das ist 2030. Dann werden 100 Jahre seit der ersten WM in Uruguay vergangen sein. Dieses Jahr sind Kanada, Mexiko und die USA dran. Nicolás würde gerne hinfahren, aber dann ist das Schuljahr in vollem Gange.