Castellón (2026)

6. Februar (Freitag)

Castellón también existe oder so ähnlich lautet ein Ausspruch, der auf die (vermeintliche) Normalität, die Durchschnittlichkeit, die Profillosigkeit von Castellón verweist, die es selbst in Spanien so unbekannt machen, dass man Zweifel an seiner Existenz haben könnte. Castellón ist also wohl so was wie das spanische Bielefeld.

Hier wird Valenciano gesprochen, ein Dialekt des Katalanischen, wobei gesprochen nicht zu wörtlich genommen werden sollte. Auf der Straße, in den Geschäften, in der Kirche hört man nur kastilisches Spanisch, aber viele Schilder sind zweisprachig und einige Inschriften nur auf Valenciano. Man versteht nicht immer alles, aber es macht Spaß, sich daran zu versuchen.

Meine Vermieterin, Inés, spricht auch kein Valenciano, genauso wenig wie ihre Tochter, die am Nachmittag kurz zu Besuch kommt.

Inés ist Argentinierin, lebt aber schon seit 43 Jahren in Spanien, zuerst in Córdoba, später dann in Castellón. Sie fühlt sich immer noch ganz als Argentiniern, ist in den vielen Jahren immer wieder nach Hause gereist, und im Flur hängt an der Wand eine argentinische Fahne.

Sie wollte eigentlich nicht nach Spanien, aber ihr chilenischer Verlobte und spätere Ehemann hat ihr die Pistole auf die Brust gesetzt: Entweder du kommst mit, oder wir sind geschiedene Leute. Sie ist ihm dann am Ende nachgefolgt.

Inzwischen ist sie 93 und Uroma! Stolz erzählt sie von ihren Enkeln und deren Partnern. Ich verliere irgendwann die Orientierung, aber einer ist Koch in einem Hotel in Madrid, einer ist Pilot (bei Ryan Air) und einer ist Ingenieur und hat hier den Flughafen gebaut. Der Madrilene lebt mit seiner Frau in der Sierra. Da ist es ihr zu kalt, sie  bevorzugt Castellón.

Am nächsten Tag erzählt sie mir dann auch von ihrem Sohn, der erst auf Nachfrage auftaucht. Der ist auch Koch und betreibt ein spanisches Lokal irgendwo in Mittelamerika. Wo genau hat sie vergessen.

Sie selbst hat ihr Leben lang gearbeitet und Geld an die Seite gelegt, so lange, bis sie sich diese Wohnung kaufen konnte, im 11. Stock gelegen, mit Blick auf das Häusermeer und auf die aufgehende Sonne im Osten.

Als ich sie nach dem Weg ins Zentrum frage, sagt sie ganz bestimmt: Wir sind im Zentrum. Ganz stimmt das nicht, aber der Weg ist viel kürzer, als es im Internet aussieht.

Gleich um die Ecke ist ein Platz, die Plaza Fadrell. Hier steht die Statue eines Landarbeiters mit Hacke, und an einem Brunnen sind sehr  valencianisch aussehende, bunte Kacheln angebracht, die vermutlich Szenen aus den Dörfern der Provinz darstellen.

In einer Bar bekomme ich einen Kaffee mit Toast für unschlagbare 2,45 €. So wird mein Vorrat an Euros doch noch bis Mittwoch reichen.

An dem gleich angrenzenden Platz mit dem merkwürdigen Namen Na Violant wiederum Kacheln, diesmal ganze Szenen aus der Geschichte Castellóns darstellend. Im Zentrum die Verleihung der Stadtrechte durch Jaime I. im 13. Jahrhundert.

Es ist sonnig und warm, wenn auch nicht so warm, wie es die erste elektronische Anzeige haben will: 26°. Da scheinen mir die 17° auf einer späteren Anzeige realistischer. Immerhin: Später strahlt die Sonne so sehr, dass eine Frau in einem Straßencafé bei den Markthallen ihren Regenschirm als Sonnenschirm aufspannt.

Auf dem Weg ins Zentrum fällt mein Blick auf die Anzeigen im Schaufenster eines Immobilienmaklers: große Wohnungen, zentral, oft mit zwei Bädern, für 150.000 bis 250.000 €. Gibt es da irgendwo einen Haken?

Ich komme am Theater vorbei, von 1892, zweistöckig, neoklassisch, mit Arkaden im unteren Stockwerk. Auf dem Platz davor, der Plaça de la Pau, ein schöner gläserner Pavillon im Jugendstil.

Nur ein paar Meter weiter, an der Puerta del Sol, ein Gebäude, gelb gefasst, mit Balkonen und Balustraden in den unterschiedlichen Stockwerken,  das wie ein Rathaus aussieht, aber keins ist. Es ist das ehemalige Casino, heute Sitz der Rotarier und an der Seite, eines Gartenrestaurants.  

Der erste Eindruck von Castellón ist ausgesprochen positiv, die Innenstadt ist mehr als ansehnlich.

Ich komme zu den Markthallen. Die werden gegenwärtig renoviert, drinnen sieht man ein paar Handwerker. Entlang der Markthallen an zwei Seiten Straßencafés, beinahe voll besetzt.

Gegenüber eine Blumenwand, in die das Wort Castellón eingelassen ist.

Daneben eine Plakatwand, die auf die bevorstehenden Karnevalszüge hinweist, mit genauem Verlauf und genauen Zeiten. Darüber steht Carnestoltes 2026. Dann eröffnet sich vor einem der zentralste und schönste Platz Castellóns, die Plaça Mayor. An einer Längsseite die andere Flanke der Markthallen, an einer

Querseite die Kathedrale und gegenüber das Rathaus, und in der Mitte ein schöner, zweischaliger Brunnen, dessen Wasser in der Sonne glänzt.

Die ganze Aufmerksamkeit lenkt aber der Fadrí auf sich, das Wahrzeichen Castellóns, an einer Ecke des Platzes angesiedelt. Schon bevor ich auf den Eingang zusteuere, sprechen mich zwei Männer an: vorübergehend geschlossen. Auch hier wird renoviert. Das erspart mir den Aufstieg über gut 200 Stufen bis ganz nach oben.

Der Fadrí, auf das 15. Jahrhundert zurückgehend,  ist ein Glockenturm. Er gehört zur Kirche, steht aber isoliert, und das erklärt auch seinen Namen: Fadrí bedeutet ‚Junggeselle‘.

Der Fadrí ist achteckig, hat fünf nach oben hin sich leicht verjüngende Stockwerke, mit Wasserspeiern und Schalllöchern im oberen Stockwerk.

Darauf hat man noch ein Türmchen gesetzt, ein Wachturm. Von hier aus wurde das Meer beobachtet und auf die Gefahr möglicherweise heranrückender Piraten abgesucht.

Die Kirche, Santa María, ist ein Neubau aus dem 19. Jahrhundert, erbaut auf den Grundmauern der alten Kirche. Der Vorgängerbau wurde im Spanischen Bürgerkrieg zerstört. Die Gestaltung der Fassade ist ungewöhnlich, eher eklektisch, als neugotisch hätte ich höchstens ein paar Details identifiziert.

Innen der Eindruck auf den ersten Blick alles andere als berauschend. Wenn man länger hinguckt, gibt es aber ein paar schöne Details zu entdecken: ein achteckiges marmornes Taufbecken, ein an der Wand angebrachtes Wagenrad mit Schellen, ein ganz ungewöhnliches Relief von Jesus in der Werkstatt mit seinem Vater, mit Werkzeugen und Produkten an der Wand, ein paar schöne Messingleuchter, ein Ölgemälde von Josephs Tod in der Gegenwart von Maria und Jesus, eine apokryphe Szene, die in der Bibel nicht vorkommt. Da verschwindet er irgendwann einfach von der Bildfläche.

Auf dem Chor der (bescheidene) hölzerne Bischofsthron. Die Kirche, eigentlich Pfarrkirche, wurde irgendwann in den Rang einer Ko-Kathedrale erhoben.

Dann öffnet sich, ganz unerwartet, neben dem Chor die Tür zu einem Raum, der überhaupt nicht einzuordnen ist. Wenn es ein Kloster wäre, würde man auf Kreuzgang tippen, aber dazu ist der Raum zu klein und hat überhaupt keine religiösen Bezüge. Er ist achteckig, mit schönen Arkaden, lichtdurchflutet und steht voller üppiger Pflanzen. Das wird zu einem der schönsten Photos der Tage in Castellón. Als ich am nächsten Tag noch mal in die Kirche komme, ist dieser rätselhafte Raum verschlossen.

Ich gehe raus und schnurstracks in die Touristeninformation. Vor mir ein deutscher Handwerker, der sich auf der Walz befindet. Er spricht Englisch mit der netten Frau hinter dem Tresen. Sie bedient mich anschließend mit viel Geduld und stattet mich mit vielen Materialien aus.

Wieder auf der Plaça Mayor, sehe ich mir das Rathaus an, das schönste Gebäude des Platzes, klassizistisch-elegant, mit sechs Arkaden unten, einem Obergeschoss mit sechs hohen Fenstern und schmalen Balkonen und einem weiteren Geschoss mit niedrigen Fenstern, ganz oben eine Brüstung.

Auf dem Dach wehen die Fahnen von Spanien, Valencia, Castellón und der Europäischen Union. Castellón ist neben Valencia und Alicante eine der drei Provinzen der Comunidad Valenciana.

Ich nehme mir angesichts des guten Wetters vor, noch bis zum Hafen zu laufen. Sieht auf der Karte machbar aus.

Es geht immer die schnurgerade verlaufende Avenida del Mar entlang. In ihrem ersten Teil könnte sie auch in jeder anderen spanischen Stadt stehen, ist aber sehr gepflegt und weist ein paar sehenswerte Gebäude neben den vielen alltäglichen auf.

Viele der Bauten haben schöne Kacheln mit den Hausnummern, darunter die A1. 

Hier gibt es den Sitz des Verteidigungsministeriums. Hat Valencia ein eigenes Verteidigungsministerium? In dem Fenster steht immer noch eine figurenreiche  Weihnachtskrippe, und oben gibt es eine Ausstellung mit dem Titel Star Wars.

Gegenüber spiegeln sich die Gebäude dieser Seite in der Glasfassade eines modernen Hauses.

Dann verbreitet sich die Avenida del Mar. Sie wird sechsspurig, aber es gibt gar nicht viel Autoverkehr. Die sechs Spuren sind außerdem getrennt durch breite Fußwege und Radwege sowie eine breite Busspur in der Mitte. Dort verkehr die Tram. Das Wort hat in der Touristeninformation für ein Missverständnis gesorgt, denn hier bezeichnet es keine Straßenbahn, sondern den Oberleitungsbus.

Der Weg zieht sich hin. Etwas von der Straße entfernt, reiht sich ein Markt an den anderen, Baumärkte, , Möbelmärkte, Lebensmittelmärkte, darunter ein Lidl, der hier aber neben den Riesen ein Winzling ist.

Meine Beine werden müde, aber fragen kann man hier niemanden. Bis am Ende eine Joggerin auftaucht. Die halte ich unbarmherzig an. Sie erklärt mir mit einem gewinnenden Lächeln, dass der Weg zu Fuß bis zum Hafen doch etwas weit ist.

Also gehe ich zurück zu einer futuristisch aussehenden Haltestelle der Tram. Der Bus lässt nicht lange auf sich warten. Er hat einen Hybridantrieb und kommt fast lautlos angefahren. Er hat durchgehend, auch im Zentrum, seine eigene, breite Spur, wird nirgendwo aufgehalten. Der Fahrpreis beträgt 1,05 €.

Ich steige im Zentrum irgendwo auf gut Glück aus. Dabei komme ich an den Rand des Parque Ribalta und das Monument, das La Farola heißt, eigentlich nichts anderes als eine alte (aufwendig gestaltete), gusseiserne Straßenlaterne. Irgendwie gewinnt sie bei näherem Hinsehen, auch deshalb, weil hinter ihr drei, vier schöne schmale, sehr unterschiedliche Häuser stehen, die man grob gesprochen dem Jugendstil zuordnen könnte.

Zufällig sehe ich die Speisekarte vor einem Lokal, dem Restaurante Zamorano. Kurz entschlossen gehe ich rein. Ich brauche es nicht zu bereuen. Die Bedienung ist sehr freundlich, man kann bei den verschiedenen Gängen auswählen, und das Essen ist hervorragend. Es gibt ein dreigängiges Menu mit zwei Vorspeisen), einem Appetit-Häppchen aus der Küche und Wein für unschlagbare 12,99 €! Als Vorspeisen gibt es Rührei mit Pilzen und Schinkenröllchen mit Kartoffelsalat, als Hauptgericht Secreto Ibérico und als Nachspeise Mandeltörtchen. Als sprachliche Kuriosität nehme ich noch ein Missverständnis mit. Als ich die Kellnerin nach dem almuerzo frage und dabei das in Südamerika gängige Wort benutze, ist die Kellnerin verwirrt. Ob ich comida meine. Ja. Später stellt sich heraus, dass man in dieser Gegend unter almuerzo was anderes versteht, nämlich ein spätes, kräftiges Frühstück, das am Wochenende serviert wird, meist mit Wein oder Bier.  

7. Februar (Samstag)

Unsere Straße ist nach Manuel de Falla, dem Komponisten, benannt, dem Autor so wunderbarer Werke wie El sombrero de tres picos. Der scheint aber mit Castellón nichts zu tun zu haben. Er wurde in Cádiz geboren, lebte lange in Madrid und starb im Exil in Argentinien.

Wieder ein schöner sonniger Tag, wenn auch nicht ganz so warm wie gestern.

An der Plaça Fadrell, wo ich diesmal in einer anderen Cafeteria einen Kaffee bekomme, fallen mir jetzt die Mandarinenbäumchen auf.

Durch Zufall komme ich auf die Erklärung für den Namen Na Violant für den benachbarten Platz. Violant ist die valencianische Form von Yolanda, und die wörtliche Bedeutung von Yolanda ist ‚violett‘. Hier bezieht es sich auf die ungarische Prinzessin, die mit Jaime I., dem „Gründer“ von Castellón, verheiratet war. Hier auf dem Platz steht eine Büste von ihr.

Vor dem Theater an der Plaça de la Pau fällt mir eine Skulptur ins Auge, ein überdimensionaler Bass, halb realistisch, halb surrealistisch. Seine Saiten sind mit einem LED-System ausgerüstet und leuchten in der Dunkelheit.

Im Zentrum, gleich hinter der Touristeninformation, sehe ich jetzt auch die Lonja del Cáñamo, ein kurioses rechteckiges, über Eck gehendes Gebäude mit zwei Stockwerken, die sich deutlich unterscheiden. Tatsächlich ist das obere später draufgesetzt worden. Unten eine offene Fassade mit zwei großen Bögen, oben eine geschlossene Fassade mit Malereien.

Heute ist es ein Kulturzentrum, früher war es die Börse, an der der Hanf gehandelt wurde, einem der wirtschaftlichen Motoren von Castellón. Aus dem Hanf, bei dem wir heute an Cannabis denken, wurden früher Seile hergestellt, aber aus der Pflanze wurde auch Öl, Papier und Textilien gewonnen.

In der kleinen Passage zwischen Kirche und Touristeninformation stehen zwei Skulpturen, ein Engel und eine stillende Frau. Der Engel, ein Schutzengel mit Flügeln, breitet seine Arme aus und wirkt beinahe körperlos. Die stillende Frau, das Baby auf dem Arm, das sie an die entblößte Brust führt, ist das Gegenteil, ganz sinnlich. Der angewinkelte Oberschenkel lässt die Details des Faltenwurfs ihres Kleides gut erkennen.

Ich suche das ehemalige Post- und Telegraphengebäude, das heute – Gott sei es geklagt – leer steht. Dabei ist es so ein schönes Gebäude, aus unverputztem Ziegelstein, versetzt mit Keramikstückchen, mit Türmchen und Zinnen und den Emblemen der spanischen Post. Von der Seite fast genauso schön anzusehen wie von vorne.

Auf dem schmalen Streifen zwischen den Fahrspuren neben dem Postgebäude entdecke ich eine weitere Skulptur. Sieht auf den ersten Blick aus wie ein Männlein aus der Schokoladenwerbung, hat es aber in sich. Auf dem Kopf trägt die Figur drei Bücher, und die zeichnen ihn als Denker aus. So heißt die Skulptur dann auch: El Pensador. Der Gesichtsausdruck ist nachdenklich, und vor die Stirn hat das Männlein den Zeigefinger, in Denkerpose gelegt. Aber wenn man sich die Figur von der anderen Seite ansieht, entdeckt man, im wahrsten Sinne des Wortes, eine andere Seite. Hier sieht man das Männlein mit einem offenen Lächeln und einem Herz auf einer Hand.

Als ich über die grüne Fußgängerampel gehe, werde ich fast von einem unvorsichtigen Auto angefahren. Es ist ein Polizeiauto.

Wieder genieße ich die freundliche, gelassene Atmosphäre der Stadt.

Ich sehe ein Optikergeschäft mit dem Namen Gafas (wäre in Amerika undenkbar) und eine Bar mit dem Namen Barriga. Auf einer Papiertonne steht  Tu papel es importante.

Im Laufe des Nachmittags zieht es sich etwas zu, aber es bleibt warm.

Ich gehe durch den großzügig angelegten Parque Ribalta, mit zugeschnittenen Hecken, riesigen Bäumen, Keramikbänken, einem Musikpavillon,  einem Obelisken und zahlreichen Statuen. Der Park ist nach dem barocken Maler benannt, von dem man annahm, dass er in Castellón geboren wurde. Leider erwies sich das im Laufe des 20. Jahrhunderts als unwahr.

Hier sind kaum Leute unterwegs, und noch weniger sind es an dem angrenzenden riesigen  Busbahnhof. Eine Informationsstelle ist nicht zu finden. An einem etwas düsteren Eingang steht ausdrücklich, dass es nur Informationen zu Rumänien gebe. Das ist nicht das erste Mal, dass hier Rumänien auftaucht.

Also versuche ich es am Bahnhof, der liegt gleich dahinter. Hier bin ich vorgestern Abend nach einer langen Reise angekommen und stecken geblieben, weil der Taxifahrer, der an der Reihe war, sich weigerte, mich zu der Unterkunft zu fahren. Er habe lange genug in der Schlange gestanden und habe keine Lust auf so eine kurze Strecke.

Das Bahnhofsgebäude ist ganz modern und riesengroß, aber die Auskunftsstelle sieht eher etwas ärmlich aus. Die Frau hinter dem Schalter ist allerdings sehr freundlich. Hat aber schlechte Nachrichten für mich: Am Mittwoch wird gestreikt. Ich solle mir besser eine andere Transportmöglichkeit suchen, wenn ich zum Flughafen wolle.

Unverrichteter Dinge trete ich den Heimweg an. Mit dem Bus in die Stadt und dann zu Fuß nach Hause.

Ich versuche mein Glück in der Bar Angela, dem rumänischen Lokal gegenüber der Unterkunft, und siehe da, an einem der Tische sitzt Inés mit einer Freundin.

Das Lokal ist klein und gut besetzt, aber ein Katzentisch ist noch frei. Ich bekomme Kohlrouladen und ein rumänisches Bier. In Ordnung, aber nichts im Vergleich zu gestern.

8. Februar (Sonntag)

Als ich aus dem Haus gehe, ist es kalt, aber  sonnig.

Auf der Plaça Fadrell findet ein Markt statt. Das muss der Mercado de la Toronja sein, von dem ich was gelesen habe. Viele kleine Stände, von Menschen betrieben, die das Obst selbst anbauen. Es gibt nur Zitrusfrüchte: Apfelsinen, Mandarinen, Pampelmusen, Limonen, Zitronen.

Die Verkäufer bieten mir an, was zu probieren, aber ich entscheide mich für das Ungesunde: Chocolate con churros. Ich kaufe eine Portion und setzte mich auf eine Bank und beobachte das Markttreiben.

Auf dem Weg in die Stadt komme ich an einer Brunnenskulptur vorbei. Man sieht eine Frau, die, sich auf einen Oberschenkel stützend, aus einem Brunnen Wasser schöpft, so wie man das früher mühselig machen musste.  Das Wasser läuft schön über den Rand des Kruges in den Brunnen, aber der Krug füllt sich auf geheimnisvolle Weise immer wieder. Der Blick der Frau geht gedankenverloren in die Ferne.

Dann komme ich an der Statue von Jaime I.  vorbei, hoch auf einem Sockel stehend, in mittelalterlicher Königstracht – oder dem, was das 19. Jahrhundert dafür hielt. So ähnlich wurde bei uns Kaiser Barbarossa dargestellt. Jaime überreicht mit strengem Blick und gebieterischer  Geste seinen (unsichtbaren) Untertanen eine Schriftrolle,  das Privileg zur Ansiedlung an diesem Ort.

Ich komme zu dem unterirdischen Luftschutzbunker, den ich besichtigen will. Die eiserne Klappe ist geöffnet, aber der Zugang nach unten ist gesperrt. Dabei habe ich doch gelesen, dass  heute ab 10 Uhr geöffnet ist. Am Ende kommt eine Frau und sagt, es finde gerade eine Führung statt. Sie bittet mich, um 11 Uhr wiederzukommen.

Ich gehe weiter Richtung Innenstadt und komme dabei an einer Seitengasse vorbei, die Papa Luna heißt. Damit ist Papst Benedikt gemeint, der, der vom Konstanzer Konzil abgesetzt wurde , aber bis zu seinem Lebensende den Anspruch aufrechterhielt, der rechtmäßige Papst zu sein, auch noch, als er sich längst nach Peñíscola, gar nicht weit von hier,  zurückgezogen hatte.

Mir kommen Leute mit sportlicher Kleidung und Startnummern entgegen. Ein Marathon? Nein, an den Trikots kann man es ablesen: Es findet die Marcha contra el Cancer satt.

Es wird von Minute zu Minute wärmer und sonniger. An den Markthallen angekommen sehe ich jetzt, dass an der Blumenwand, an der vorne Castellón steht, hinten Castelló steht.

Dahinter ein schöner Marmorbrunnen. Zwei Nymphen, nur ganz leicht mit einem Tuch bekleidet, halten, in tänzerischer Haltung, die obere Brunneschale.

Ganz anders, auf Straßenniveau, die Bronzefigur einer Frau, die gerade vom Einkauf kommt. Sie hat Brote in einem Korb und hält Früchte in der anderen Hand. Ihre Kleidung, eher schick als bäuerlich, ist genau gezeichnet. Man erkennt jeden Knopf des Mantels.

Dann geht es wieder zu dem Luftschutzbunker. Jetzt kann man ihn besichtigen. Ich bin ganz alleine dort.

Der Bunker stammt aus der Zeit des Spanischen Bürgerkriegs. Castellón gehörte zum Hinterland der Republikaner, und obwohl es nicht im Zentrum der Feindseligkeiten stand, wurde es immer wieder angegriffen, insgesamt 43-mal, bis es 1938 in die Hände der Faschisten fiel. Dies war eine neue Form der Kriegsführung, eine, die inzwischen Schule gemacht hat. Es ging darum, die Zivilbevölkerung durch ständige Angriffe mürbe zu machen. Es gab private und öffentliche Luftschutzbunker. Dies ist einer der wenigen öffentlichen, die nicht später zu Tiefgaragen oder Ähnlichem umgebaut wurden.

Dieser Bunker bot ca. 200 Personen Schutz. Er verläuft nicht geradeaus, hat zwei oder drei Abbiegungen und teils auch unterschiedliches Niveau. Das ist, wie man erfährt, vorteilhaft, sowohl als Schutz vor Bomben als auch vor eindringendem Gas.

Es gab immer zwei Eingänge, auch das war absichtlich so gemacht. Vermutlich, um eine Möglichkeit offen zu lassen, wenn ein Eingang zugeschüttet wurde.

Es gab immer wieder Gedränge und auch Reibereien beim Einstieg in den Bunker, so dass man später auch Wachposten anstellte, die im Zweifelsfalle für Ordnung sorgten.

Auch von Latrinen ist die Rede, aber sehen tut man hier keine.

In einem der Gänge sieht man Figuren von einer Gruppe von Menschen, die hierher geflüchtet waren, zwei Frauen, zwei Kinder, ein alter Mann mit Stock. Die mussten auch erst einmal die steilen Treppen hier runter kommen, ihren Platz finden und dann die Ungewissheit aushalten.

Am Ende eines anderen Ganges werden Photos und Filmszenen aus der Zeit gezeigt, vor allem von Menschen, die beim Sirenenklang über die Straße rennen, um zum Luftschutzbunker zu kommen.

Es gibt auch Einspielungen von Zeitzeugen, meist Frauen. Die berichten über ihre glückliche Kindheit, die mit dem Ausbruch des Kriegs ein jähes Ende fand.

Ein Zeitzeuge berichtet von einer schwangeren Frau mit einem kleinen Kind, die durch einen Eingang in den Luftschutzbunker gelangte. Sie glaubte, ihr Mann wäre durch den anderen Eingang reingekommen, fand ihn hier aber nicht vor. Als sie dann wieder nach oben kamen, fanden sie den Mann tot auf der Straße liegen.

In einer Aufnahme sieht man einen Bomber mit Hakenkreuz. Nazi-Deutschland war, genauso wie das Italien Mussolinis, auf Seiten der Rechten im Einsatz und verhalf ihr zum Sieg. Göring wird zitiert mit dem Satz, der Spanische Bürgerkrieg habe ihm eine gute Gelegenheit geboten, seine junge Luftwaffe auf die Probe zu stellen und für größere Aufgaben zu rüsten.

Neben den menschlichen Opfern gab es auch materielle Opfer: Fabriken, Eisenbahnlinien, Erdöldepots. Dazu über 200 zerstörte und 200 beschädigte Privathäuser.

In dem Film hört man Zeitzeugen, die sagen, der Krieg sei die dümmste, die verheerendste, die entsetzlichste, die abstoßendste Sache auf der Welt. Wie wahr. Aber die Menschheit scheint nicht davon loszukommen.

Ich gehe am anderen Ende des Bunkers hinaus und stoße direkt auf die Marcha contra el Cáncer. Es sind Hunderte, vielleicht Tausende unterwegs, einige laufen, aber die meisten gehen. Am Rande des Parque Ribalta werden sie von einer Trommlergruppe angetrieben, die mitreißende, schnelle Rhythmen spielt.

Schön zu hören, aber es bedeutet auch, dass die Innenstadt für den Autoverkehr gesperrt ist. Das bedeutet für mich, dass ich nicht die Tram zum Hafen nehmen kann, hier jedenfalls nicht. Ich solle es außerhalb der Innenstadt versuchen, rät mir ein Polizist.

Auf dem Weg stoße ich auf eine Nachtwächterstatue, auf den ersten Blick nichts Besonderes. Aber es lohnt sich, genauer hinzusehen, dann beginnt man, die ganzen Details zu schätzen: die Laterne, die neben ihm auf dem Boden steht, den Schlüsselbund, den der an einem Gürtel trägt, den anderen Schlüsselbund, den er an einer Schlaufe am Arm trägt, die zum Gruß an die Mütze geführten Finger, die Schnürsenkel der Schuhe, die Lachfalten um die Augen herum.

Dann fällt mein Blick auf ein Geschäft mit dem Namen P R N T S I S. Man ergänzt die fehlenden Buchstaben unwillkürlich. Ich gucke durch die Schaufensterscheibe, um herauszufinden, um was für ein Geschäft es sich handelt. Vermutlich eine Bäckerei.

Dann komme ich wieder zu der futuristischen Haltestelle auf der Avenida del Mar, und die Tram bringt mich nach Grau, dem Hafenviertel.

Ganz schöne, gelassene Atmosphäre, viel Betrieb in den Chiringuitos, die meist Fisch und Meeresfrüchte anbieten.

Jachten liegen dicht an dicht im Wasser, daneben Segelschiffe, alle ohne Segel, im Ruhezustand, dahinter sieht man die Hafenkräne.

An der Uferpromenade ein alter Leuchtturm, und auch hier verschiedene Bronzeskulpturen von Alltagsmenschen: eine Seemannsfrau, Kind auf dem Arm, winkt ihrem abfahrenden Mann hinterher, Kinder machen Bockspringen, ein Fischer wirft ein Netz aus, eine Fischersfrau flickt ein Netz. Auch hier die Details wirklich wunderbar ausgearbeitet.

An den Toiletten steht das Wort Aseos, so formal, dass es in der gesprochenen Sprache praktisch nicht vorkommt, genauso wie Servicios, das man auch oft liest. Der Himmel zieht sich langsam zu, präsentiert aber mit der Verbindung von hellen und dunklen Wolken und wolkenlosen Stellen einen schönen Anblick.

Auf dem Rückweg sitzen in der Tram zwei Frauen vor mir, die eine fremde Sprache sprechen. Ich bin mir nicht sicher, habe aber einen Verdacht, und die bestätigen ihn: Es ist Rumänisch. Man muss etwas länger hinhören, um zu merken, dass es sich um eine romanische Sprache handelt, und darf sich nicht durch die slawischen Elemente verwirren lassen.

Ich habe in den Tagen hier Rumänisch, Ukrainisch und Arabisch gehört, aber immer noch kein Valenciano.

9. Februar (Montag)

Am frühen Morgen regnet es so heftig, dass ich davon wach werde. Die Wettervorhersage lässt auch nichts Gutes vermuten. Aber als ich aus dem Haus gehe, hat es aufgehört, zu regnen, und bald kommt die Sonne raus. Dann wird es doch noch ein ganz schöner Tag.  

Ich mache einen Spaziergang zur Basílica de Santa María del Lledo, der Patronin von Castellón. Komme dabei durch eine weitere hübsche, bisher unbekannte kleine Straße im Zentrum, und dann auf einen Platz, wo ein Jahrhundertbaum steht, der Ficus Centenario. Dessen Baumkrone ist so groß, dass sie fast den halben Platz bedeckt. Das Laub ist ganz dicht, der Stamm  verzweigt sich schon einen Meter über dem Boden, die Wurzeln liegen dicht übereinander an der Oberfläche, und von den Ästen werden neue Verzweigungen nach unten getrieben, auf die sich der Baum auch aufstützt. Er braucht keine künstlichen Stützen.

Am Eingang des breiten Weges zur Basilika werden eindringlich die Vorschriften zur Benutzung von E-Rollern genannt und illustriert: nur eine Person, Mindestalter, Höchstgeschwindigkeit, keine Kopfhörer, kein Handy, nur Radwege befahren.

Der Fußweg, von gestutzten Platanen begrenzt, führt schnurstracks zur Basilika hin, deren Turm man in der Ferne erahnen kann. Neben dem breiten Fußweg ein ebenso breiter Fahrradweg, und nur eine Spur für Autos. Am Rand des Weges ein Park und ein Spielplatz und zahlreiche Straßencafés. Da lässt es sich gut spazieren.

Auf der Hälfte der Strecke steht Tombatossals, ein Riese aus der Entstehungslegende von Castellón. Die Figur ist über 20 Meter hoch und besteht ganz und gar aus Eisenplatten, die mit dem Hammer bearbeitet wurden. Man erkennt ein paar Schlaufen, aber ob Tombatossals eine Uniform trägt oder ob das seine raue Haut ist, kann man nicht ausmachen. Er steht breitbeinig da und hält einen Felsbrocken zwischen den erhobenen Armen. Der Legende nach ist er einer von drei Giganten, die die Gründung Castellóns ermöglichten. Seine Aufgabe war es, die Berge zu beseitigen und so ein Tal für die Ansiedlung zu schaffen. Dass die Legende ihren wahren Kern hat, sieht man, wenn man weiter Richtung Meer kommt und eine ganze Kette von nackten Bergen sieht.

Ein netter Marokkaner, der kaum Spanisch spricht, bietet an, ein Photo von mir vor dem Riesen zu machen. Nehme ich gerne an.  

Wieder im Zentrum angelangt entdecke ich beim Umkreisen der Kathedrale die Skulptur eines Malers, eines Hobbymalers, der oft an dieser Stelle stand und Gebäude aus der Umgebung malte.

Er steht vor seiner Staffelei, auf der sieht man in Umrissen den Fadrí, zu seinen Füßen liegen Malutensilien. Ganz wunderbar ist der Kopf des Malers dargestellt, mit dichtem Haupthaar, einem buschigen Schnäuzer, Denkerfalten auf der Stirn und einem gewinnenden, freundlichen Gesichtsausdruck.

Ebenfalls verstehe ich jetzt die andere Skulptur, ganz in der Nähe, vor der Lonja del Cánamo. Es ist eine Hand, die einen Ball umschließt. Die Skulptur bezieht sich auf die Pilota Valenciana, einen in dieser Region beliebten Ballsport. Die Skulptur hält den Moment höchster Konzentration fest, in dem der Ball, ein Lederball, etwas größer als ein Tennisball, unmittelbar vor dem Wurf, fest umschlossen wird. Man spürt die Konzentration des Spielers förmlich, obwohl man nur eine Hand, von einem Lederriemen umgürtet, sieht. In den letzten Tagen habe ich immer etwas ratlos vor dieser Skulptur gestanden, zumal die Hand aus irgendwelchen Gründen auf einer Wasseroberfläche liegt.  

Wieder genieße ich beim Umherstreifen die schöne Atmosphäre der Stadt. Hier geht es gelassen zu, und trotzdem lebendig. Auf dem Platz vor der alten Post sind fast alle Plätze in den Straßencafés besetzt. Einige der Tische haben als Stütze ein altes Fahrrad. Auch eine Form von Recycling.

Ein ebenfalls beliebter Platz und Treffpunkt, vor allem für Eltern mit Kindern, ist die Plaza Huerto Sogueros, obwohl die ihn begrenzenden Hochhäuser keine Schönheit sind. Hier gibt es Klettergeräte für Kinder, und im Boden sind die Quadrate für das Hüpfspiel Himmel und Hölle eingelassen.

Beherrscht wird der Platz aber von den hoch über uns schwebenden, riesengroßen bunten Händen, um ein Rad herum angebracht. Sie spielen an auf die Kinder, die hier, wo das Zentrum der Hanf-Herstellung war, die Räder in Bewegung hielten, während andere die Seile herstellten.

Inzwischen habe ich mir für die Abfahrt am Mittwoch ein Busticket besorgt, da die Bahn weiterhin ein unsicherer Kantonist ist. Im Internet kursieren die verschiedensten Versionen über den aktuellen Stand der Dinge, was den Streik betrifft.

Die Abfahrt des Busses ist von der Plaça País Valenciana. So steht es auf der Fahrkarte. Die Suche danach bringt mich in ganz andere Stadtviertel, mit breiten Straßen, hohen Häusern und jeder Menge großer Plätze. Den Namen des Platzes kennt kein Mensch, und im Internet taucht er auch nicht auf. Die vergebliche Suche, das ständige Hin und Her, die Unkenntnis der Einheimischen zermürben und ermüden mich. Und eine definitive Lösung gibt es bis zum Schluss nicht. Wahrscheinlich ist der Platz umbenannt worden und heißt jetzt Plaça Nou d’Octubre, aber sicher ist sich da keiner. Hier gibt es zwar eine Bushaltestelle, aber laut Fahrplan fahren hier nur städtische Busse ab.

Unverrichteter Dinge mache ich mich auf den Heimweg. Dabei komme ich zufällig an einem kolumbianischen Lokal vorbei, La Bodeguita. Die Speisekarte ist vielfältig, aber ganz oben steht Die Bandeja Paisa, ein Gericht, das einer kulinarischen Todsünde entspricht. Trotzdem oder gerade deshalb bestelle ich eine. Habe sie zum letzten Mal vor drei Jahren im Eje Cafetero in Kolumbien gegessen.  

Das Lokal ist rappelvoll. Eine der Kellnerinnen stammt aus Medellín, die andere aus Ecuador. Und eine Kundin, mit der ich ins Gespräch komme, aus Pereira. Sie freut sich, dass ich es kenne.