Barbaren gegen Schnösel

Das Morgenländische Schisma, die Trennung der lateinischen Kirche des Westens von der griechischen Kirche des Ostens, hatte eher kirchenpolitische als ideologische Gründe. es ging darum, wo das Zentrum der Christenheit war – in Rom oder in Konstantinopel – und wer das Sagen hatte. Aber die Spaltung war auch ein Resultat der Entfremdung, und da spielt die Sprache eine Rolle: Im Westen war es immer unüblicher geworden, Griechisch  zu sprechen. Schon Augustinus und Gregor der Große sprachen, im Gegensatz zu Hieronymus und Ambrosius, kein Griechisch! Die Messe wurde ab dem 4. Jahrhundert auf Latein gelesen, bis dahin auf Griechisch. Umgekehrt konnten die meisten Patriarchen in Konstantinopel kein Latein. Das galt als barbarische Sprache. Zur gegenseitigen Verständigung war man immer mehr auf Übersetzer und Sekretäre angewiesen. Am Anfang der Entfremdung stand also die Sprache. Auch bestimmte Haltungen gingen damit einher: Die Griechen sahen die Römer als ungebildet und barbarisch an, die Römer die Griechen als hochnäsig und spitzfindig.

 

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Erneuerbare Energie

Glücksspieler lassen sich durch Misserfolg nicht entmutigen. Rückschläge können der Hoffnung nichts anhaben. Im Gegenteil: Sie dienen als Hoffnungsverstärker. Auf diesen paradoxen Befund werde ich durch einen Radiobeitrag gestoßen (Retzer, Arnold: “Mut zur Negativität”, in: SWR 2 Wisssen: 01/02/2015). Mit jedem Verlust glaubt der Spieler, die Wahrscheinlichkeit nehme zu, dass es jetzt endlich klappen müsse. Bis er pleite ist. Hoffnung erscheint demnach als eine merkwürdige, erneuerbare Energie, die sich durch ihren Verbrauch selbst erneuert. sein Einsatz jetzt endlich dran sei, zu gewinnen. Der Befund passt zu dem, was mir in letzter Zeit immer wieder auffällt. Wie wenig wir bereit sind, unser Verhalten zu verändern und unsere Einstellungen. Weder Argumente noch Erfahrungen kommen die lieb gewonnenen Ansichten an. Bei den Studenten ist das nicht zu übersehen, und auch nicht im Alltagsleben: Ernährung, Sport, Lernen, Sprache, wo man hinsieht Legenden, die sich hartnäckig halten. Nicht einmal die Untergangspropheten lassen sich beirren, wenn die Welt an dem von ihnen prognostizierten Tag doch nicht untergegangen ist.

 

 

 

 

 

 

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Sesam und Cannabis

Von den Phöniziern kam nicht nur das Alphabet – alle noch heute verwendeten europäischen Schriften gehen letztlich auf deren Alphabet zurück – sondern auch Wörter: Sesam, Cannabis, Alabaster, Smaragd, Talent, Charakter. Kreta ist eine der ersten Regionen, die für das Griechische modifizierte Alphabet übernommen haben (um 800 v. Chr.). Auch in der Kunst hinterließ diese “Orientalisierende Epoche” ihre Spuren und, auf subtilere Weise, in der Religion. Die Entstehungsgeschichte der griechischen Götter war stark von orientalischen Theogonien beeinflusst. (vgl. Chaniotis, Angelos: Das antike Kreta. München: Beck, ²2014: 49)

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Hyazinthe und Labyrinth

Drei Schlüsselwörter: Hyazinthe, Minze, Labyrinth. Es sind die ältesten erkennbaren europäischen Wörter. Alle drei stammen aus Kreta, aus dem minoischen Kreta.  Sie sind sprachliche Ablagerungen, in denen sich der Tatbestand bewahrheitet, dass Kreta die Wiege Europas ist. Sie sind die sprachliche Parallele zu dem Mythos, in dem Zeus Europa auf Kleinasien entführt und sie nach Kreta bringt. (vgl. Chaniotis, Angelos: Das antike Kreta. München: Beck, ²2014: 7)

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Qualifikationsnachweis

Leone Leonie wurde wegen Münzfälscherei angeklagt und verurteilt. Später wurde er Leiter der kaiserlichen Münze. (“Zwischen Genialität und Grausamkeit. Der Künstler als Verbrecher”, in: Forum, SWR2: 09/01/2015)

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Gewaltige Erfahrungen

Entweder vor oder nach der Tat. So wird die Tötung Holofernes durch Judith in der Malerei meistens dargestellt. Holofernes hatte versucht, sie zu vergewaltigen. Die unmittelbarste Darstellung der Tat, den Moment der Tat erfassend, in all seiner Grausamkeit, stammt ausgerechnet von einer Malerin, von Artemisia Gentileschi, einer der wenigen bekannten Malerinnen. Gentileschi wurde als junge Frau selbst vergewaltigt. Sie brachte die Vergewaltigung zur Anzeige, der Täter bekam seine Strafe. Und dann heiratete Gentileschi ihn! Man hat immer wieder versucht, eine Verbindung zwischen der persönlichen Erfahrung der Gewalt und deren Darstellung in ihren Bildern zu sehen. Aber es gibt natürlich keine 1:1-Entsprechung. Die psychologische Disposition ist im Werk nicht unmittelbar zu erkennen. Viele Künstler, die Exzesse darstellten, hatten eine ruhige, bürgerliche, friedvolle Existenz. Dennoch könnten die Erwartungen an den Künstler und die Selbsterwartungen des Künstlers, dem eine besondere Erfahrungstiefe zugetraut wird, eine Disposition zur Transgression von Normen fördern. (“Zwischen Genialität und Grausamkeit. Der Künstler als Verbrecher”, in: Forum, SWR 2: 09/01/2015)

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Künstlerglück

Bernini hatte eine Affäre mit Constanza Bonarelli, der Ehefrau eines seiner Mitarbeiter. Die wiederum hatte eine Affäre mit seinem Bruder. Bernini entdeckte das. Rasend vor Wut lief er hinter dem Bruder her und ergriff eine auf einer Baustelle herumliegende Eisenstange. Damit brach er ihm zwei Rippen. Er ging nach Hause und befahl einem Diener, dem er zwei Flaschen und ein Messer gab, Constanzes Gesicht zu entstellen. Das tat der. Bernini nahm einen Degen und verfolgte seinen Bruder. Der flüchtete sich in eine Kirche, nach Santa Maria Maggiore. Dort konnte er sich sicher fühlen. Doch Bernini ließ sich davon nicht zurückhalten und lief mit gezücktem Degen dem Bruder hinterher und schlug bei der Gelegenheit gleich noch ein paar Priester nieder, die sich ihm in den Weg stellten. Diese Vergehen hätten eine schwere Strafe, vielleicht sogar die Todesstrafe zur Folge haben müssen. Und Berninis Mutter bat den Neffen des Papst in einem bewegenden Brief, ihren Sohn, der völlig außer Rand und Band war und nicht mehr zwischen Gut und Böse unterscheiden könne, zu bestrafen. Bernini wurde zu einer empfindlichen Geldstrafe verurteilt, aber die wurde ihm vom Papst erlassen, mit einer feierlichen Urkunde, in der es hieß, Bernini sei „ein Mensch von sublimer Begabung, durch göttliches Wirken geboren, um zum Ruhme Roms Licht in dieses Jahrhundert zu tragen.“ (Karsten, Arne: Bernini: Der Schöpfer des Barocken Rom. München: Beck, 2007: 93-97).

 

 

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Schöne, weite Welt

Eine Zimmerwirtin auf Ischia ist ganz entzückt, als sie erfährt, dass ihr französischer Gast aus Paris stammt. Gast sagt, als sie erfährt, dass ihr Gast aus Paris komme: Ah, schöne Stadt, Paris. Ob sie jemals da gewesen sei? Nein, nie gesehen. Sie sei bisher nur bis nach Florenz gekommen, auf der Hochzeitsreise. (Mura, Gianni: Ischia. Milano: Feltrinelli, 2012: 33)

 

 

 

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Alter Knacker

Magrite, der französische Kommissar, rasiert sich nach der ersten gemeinsamen Nacht mit seiner neuen Freundin während eines Urlaubs auf Ischia den Schnäuzer ab. Als sie wissen will, warum, antwortet er: Ich wollte nicht wie ein alter Knacker aussehen. Die erwidert, jetzt sehe er wie ein alter Knacker aus, der jünger aussehen wolle. Der Schnäuzer habe etwas Erotisches gehabt. (Mura, Gianni: Ischia. Milano: Feltrinelli, 2012: 31)

 

 

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Carabiniere und Commissario

Ein französischer Kommissar, Margrite, verbringt seinen Urlaub auf Ischia. Während des Urlaub wird er als Zeuge eines Verbrechens auf dem Kommissariat vernommen. Der Carabiniere fragt ihn nach seinem Namen und bittet ihn dann, ihn zu buchstabieren: “Michel, André, Gustave …” Der italienischen Kommissar glaubt, man wolle ihn auf den Arm nehmen: “Mi sta prendendo per il culo?” Keineswegs. Es gibt hier ein kulturelles Missverständnis: Im Französischen benutzt man im Buchstabieralphabet Personennamen, aber das weiß der Carabiniere nicht, im Italienischen Städtenamen, aber das weiß der Kommissar nicht. (Mura, Gianni: Ischia. Milano: Feltrinelli, 2012: 118)

 

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Schlechte Bereicherung

In einer Umfrage für eine Seminararbeit wurden den Probanden folgende Aussagen zu Anglizismen im Deutschen vorgelegt.

Ich glaube, dass die Verwendung englischer Wörter

  • schlecht für die deutsche Sprache ist
  • eingeschränkt werden sollte
  • die deutsche Sprache bereichert
  • das Leben einfacher macht
  • ein normales Phänomen ist
  • die deutsche Kultur zerstört

Es konnten mehrere Antworten angekreuzt werden. Zur Verblüffung der Studentin – und zu meiner Verblüffung – wurden „sollte eingeschränkt werden“ und „zerstört die deutsche Kultur“ häufig in Verbindung mit „ist ein normales Phänomen“ genannt.  Auch „ist schlecht für die deutsche Sprache“ und „macht das Leben einfacher“ wurden zusammen genannt, ebenso „sollte eingeschränkt werden“ und „macht das Leben einfacher“. In mindestens einem Falle wurden auch  „ist schlecht für die deutsche Sprache“ und „bereichert die deutsche Sprache“ zusammen genannt. Man kann sich vorstellen, wie machtlos Argumente gegenüber solchen Instinkten sind.

 

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Doppelsieg

1956 erhielt Romain Gary den Prix Goncourt für seinen Roman Les racines du ciel. Roman Gary war ein Pseudonym. Sein eigentlicher Name war Roman Kacew. Unter diesem Namen war er in Vilnius, im heutigen Litauen, damals zu Russland gehörend, geboren. Als Jugendlicher war er mit seiner Mutter nach Frankreich gekommen. 1977 erhielt der Roman La vie devant soi den Prix Goncourt. Die Identität des Autors war unbekannt. Er schrieb unter einem Pseudonym. Roman Kacew beging 1980 in Paris Selbstmord. Erst dann enthüllte er, dass es sich bei Roman Gary und Emile Ajar um ein und denselben Autor handelte. Damit ist er der einzige Autor, der den Prix Goncourt, der immer nur einmal im Leben vergeben wird, zweimal erhielt! Auf eine sehr subtile, von ihm selbst nie offen gelegte Weise hat Gary den Lautwert seines französischen Pseudonyms zum Kunstnamen seines Doppelgängers in Beziehung gebracht: Ajar kann als Anagramm zum Russischen жара gelesen werden (žará, gesprochen wie frz. jará), und das bedeutet ‘Hitze’, ‘Glut’, und Gary entspricht dem Russischen гори (garí), dem Imperativ von горе́ть, und das heißt ‘brennen’! (Ingold, Felix Philipp: Im Namen des Autors. München: Wilhelm Fink, 2004: 309)

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Hamburger Sie, Münchner Du

Es gibt Konventionen, aber keine feste Regeln für den Gebrauch von du und Sie. Dazu kommt, dass sich der Gebrauch verändert. Das bringt Unsicherheiten mit sich. In vielen Situationen findet man Sie zu distanziert, du zu burschikos. In einem Artikel (Trotier, Kilian: “Spricht für Stil. Das Hamburger Sie: distanziert, versiert, verbindlich” in: Zeit Online: 15/07/2014) finde ich jetzt ein Plädoyer für das “Hamburger Sie”, so wie Helmut Schmidt es gleich zu Anfang des Gesprächs mit Peer Steinbrück gebrauchte: “Wann sind wir uns eigentlich das erste Mal begegnet, Peer? In welcher Abteilung des Kanzleramtes haben Sie gearbeitet?” Es drücke Sympathie aus, sei aber nicht aufdringlich. Ein Mittler zwischen den Polen. Und dem “Münchner Du” (das du mit Herr/Frau kombiniert) in Form und Moral weit überlegen. Mag sein, aber wenn das “Münchner Du” wirklich aus München stammt, hat es seinen Siegeszug durch die ganze Republik angezogen. Ich höre es ständig in Geschäften unter den Angestellten: “Frau  Oberhausen, kannst Du mir mal ne Rolle Fünfziger besorgen?”

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Sie und Du und Du und Sie

Der russische Adel, zweisprachig aufgewachsen mit Französisch als Zweitsprache, hatte im 19. Jahrhundert gleich die vierfache Wahl: Man konnte jemanden mit ты oder Вы anreden oder mit tu oder vous, hatte also gleich die doppelte Auswahl. Und die musste man ständig treffen. Es gab nämlich keine einmal festgelegte Form. Man duzte oder siezte ein und dieselbe Person je nach Situation und Stimmungslage. Und es gab keine Gleichung ты und tu oder Вы und vous. So entscheidet sich  Alexej Alexandrowitsch (in Anna Karenina) in seinem Schreiben an Anna, seine Ehefrau, für Sie und für Französisch, um das russische Sie zu vermeiden, das noch förmlicher klingen würde.

 

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Latein für alle Fälle

Jin Ping Mei ist einer der fünf berühmtesten klassischen chinesischen Romane, unter anderem bekannt für seine expliziten erotischen Passagen. Die erste komplette Übersetzung ins Englische von Clement Egerton (The Golden Lotus) stammt aus dem Jahre 1939, eine komplette Übersetzung der Ausgabe von 1695. Allerdings wurde nicht alles auf Englisch übersetzt. Die als anstößig geltenden Passagen wurden ins Lateinische übersetzt!

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