Die Radgeber

Bei einem Gang durch die Innenstadt bin ich in Mainz auf drei Geschäfte mit kuriosen Namen gestoßen: das Fahrradgeschäft Die Radgeber, den Verkaufsstand Brezialitäten, und den Friseursalon Coiffeur Meyer. Der Friseursalon bedient sich eines französischen Lehnworts, das heute vermutlich etwas nobler klingt als Friseur, das selbst ein französisches Lehnwort ist – genauso wie das ältere Barbier.  Den Friseur schreibt man heute oft Frisör, eine Adaptation des Wortes an die deutsche Rechtschreibung. Das weibliche Pendant des Frisörs heißt nicht mehr, wie zu meiner Schulzeit, Friseuse, sondern Frisörin, eine Adaptation an die deutsche Morphologie. Die Brezialitäten verbinden ein fremdes Suffix mit einem einheimischen Stamm, ein Indiz dafür, dass das Suffix selbst einheimisch geworden ist. Die Radgeber spielen mit der Auslautverhärtung im Deutschen, die zur Folge hat, dass Rad und Rat Homophone sind. Sie sind aber keine Homographen, und durch die ungewöhnliche Schreibweise suggeriert man, dass man hier sowohl Räder als auch Ratschläge bekommt.

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Bärtiger Bartloser

Im Gutenberg-Museum in Mainz hängen drei Portraits von Gutenberg nebeneinander. Auf allen sieht er anders aus, aber auf allen trägt er einen konischen Hut und einen Bart. Das waren die Embleme, die auf ihn verwiesen, auch wenn man nicht wusste, wie er tatsächlich aussah. Es gibt kein zeitgenössisches Portrait von ihm. Gutenberg sieht auf allen Portraits alt aus, obwohl er zur Zeit seiner Erfindung gerade mal vierzig war – eine interessante Parallele zu Darwin, der auch meistens als alter Mann dargestellt wird. Darwin hatte allerdings einen Bart. Bei Gutenberg ist das unwahrscheinlich. Die Mode des 15. Jahrhunderts spricht eher dagegen! Unter einem der Portraits steht Gutenberg, unter einem anderen Guttenberg. Das ist ein und derselbe Name, und er wird auch gleich ausgesprochen. Es handelt sich einfach um unterschiedliche orthographische Traditionen, die ein und denselben Laut unterschiedlich darstellen, aus der Zeit vor der Vereinheitlichung der Rechtschreibung.

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Indovinello

Es ist ein schönes Gefühl, von Studenten etwas zu lernen, aber so eine Hilfestellung wie Vincenzo De Bartholomaeis bekommt man nicht alle Tage. Er arbeitete an einem alten Kodex, der zwei viel später verfasste handschriftliche Anmerkungen enthielt. Das Dokument war 1924 entdeckt worden. Ihn interessierten die Anmerkungen, nicht der Kodex. Eine der Anmerkungen war klar und uninteressant, aber an der anderen biss er sich die Zähne aus: Se pareba boves alba pratalia araba & albo versorio teneba & negro semen seminaba. Auf die Lösung kam er dank der unerwarteten Hilfe einer Studentin im ersten Studienjahr. Ihr fiel auf, dass der Text große Ähnlichkeit mit einem volkstümlichen Rätsel hatte, das sie aus ihrer Heimat als Ritmo di Verona kannte. Es handelte sich also um ein Rätsel, nicht um eine Strophe aus einem Volkslied, wie De Bartholomaeis angenommen hatte. Seitdem kennt man den Text als Indovinello veronese. Der wörtliche Sinn ließ sich nun ungefähr erschließen: Er hatte die Ochsen vor sich und pflügte die weißen Felder, und einen weißen Pflug hielt er und säte schwarzen Samen. Auch die Lösung hatte die Studentin parat: Der Schriftsteller. (Seither sind andere Kandidaten für die Lösung genannt worden, aber dies ist die wahrscheinlichste). Der Schriftsteller bearbeitet mit der weißen Gänsefeder (dem Pflug) das weiße Blatt (das Feld) vor sich und beschreibt es mit schwarzer Tinte (dem Samen).  Damit waren längst nicht alle Fragen beantwortet, aber man war dem Verständnis des Textes sehr viel näher gekommen. Außer der Klärung einiger Textstellen geht es jetzt aber auch um die übergeordnete Frage, um welche Sprache es sich denn handelt: Latein oder Italienisch? Ist das eine späte Form von Latein oder eine frühe Form von Italienisch? Wer kann das entscheiden? Und wie kann man das entscheiden? In diesem Dokument ist nicht erwiesen, wie in einem späteren, dass es sich bei beiden Anmerkungen, von denen jeweils eine in klassischem Latein ist, um ein und denselben Autor handelt. In dem späteren Dokument wird das, also die Intention des Sprechers, als Hinweis darauf gewertet, dass es sich um unterschiedliche Sprachen handelt. Falls das hier auch so ist, hätte das Italienische eine älteres erhaltenes Dokument als es das Französische mit den Straßburger Eiden hat. (Marazzini, Claudio: Breve storia della lingua italiana. Bologna: Il Mulino, 2004: 51-53)

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Unverkäuflich

Oft hört man von Europäern, die in China ins Fettnäpfchen treten. Besonders Deutsche scheinen das ständig zu tun. Gut zu hören, dass es auch manchmal den Chinesen bei ihren Auslandsreisen passiert. Chen Weidong, der Energieexperte des chinesischen Staatsunternehmens CNOOC, wollte Kanada dazu drängen, endlich eine Pipeline zu bauen, um den heimischen Ölsand auf dem globalen Markt anzubieten. Auf einem Energieforum sagte er, der Ölsand werde eines Tages ebenso veraltet sein wie die chinesischen shengü. Das Wort bezeichnet im Chinesischen unverheiratete Frauen. Die Kanadier waren not amused.

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Strangers

Many of the men who later became household names in Linguistics did not originally come from Philology or related disciplines: Roget, author of the famous dictionary of synonyms, took his first degree in Medicine, Boas, author of the Handbook of American Indian Languages and one of the first to describe hitherto unknown languages, had a degree in Physics and Geography, Cobbet, author of the Grammar of the English Language (1819), the son of a farmer, wanted to go to sea but ended up in the army, Firth, who later became the first professor of Linguistics in England (1944),  had graduated from Leeds University with a first-class degree in History, Daniel Jones (whose father was one of the founders of the All England Tennis Club), the distinguished phonetician who later developed the concept of cardinal vowels, took his first degree in Mathematics and then became a lawyer, Saussure first studied Physics and Chemistry (but then switched to Linguistics), Prendergast, author of The Mastery of Languages, was an official in the Indian Civil Service, and so was William Jones, who, with his discovery of the similarities between Latin, Greek and Sanskrit and other languages laid the foundation of the study of Indo-European languages, and Whorf (of Sapir-Whorf fame), was basically an amateur and worked for a fire-insurance company all his life.

 

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Naturally artificial

The success of informal learning, and especially of the child acquiring its mother-tongue, has always impressed language teachers, and attempts to reproduce the same effect by creating the same conditions have been a regular feature of language teaching history. Locke’s advice to ‘talk the language into the children’ doubtless worked on many occasions, and his live-in, native speaker tutor was an obvious solution for families who could afford it. It is much more difficult to implement this in the classroom. As a consequence, nature was often tamed by reason derived from the study of language and language learning. One such intervention was to form automatic speech habits through constant practice. However, the idealized sentence patterns were far remote from natural speech-habits. One reaction to this was to revive situational techniques, models of social interaction in an idealized dialogue form. However, these dialogues, rehearsed, theatrical, were far remote from the real world of improvisation. Natural language teaching, it seems, cannot be retracted. Reason intervenes in the shape of syllabuses, curricula, methods, and both social and psychological factors make it difficult to imitate the process of first-language acquisition. It seems that even a natural method, though natural in its basis (in the sense of primarily being concerned with meaning), is artificial in its development.  (Howatt, A.P.R.: A History of English Language Teaching. Oxford: Oxford University Press, 1984: 294-7)

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Learning to use vs. using to learn

There is, in a sense, a ‘strong’ version of communicative language teaching, much closer to the original proposals than the ‘weak’ version now largely accepted by teachers and textbook writers. In the ‘weak’ version, communicative activities have been accepted as exercises, and most textbooks now contain information-gap activities, role-plays, simulations, games, etc. What is much more problematic is to build a syllabus round communicative interaction, and this is what the ‘strong’ version seems to require. One can describe the weaker version as ‘learning to use English’, the strong version as ‘using English to learn it’. (Howatt, A.P.R.: A History of English Language Teaching. Oxford: Oxford University Press, 1984: 279)

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Vitale Stadt

In einer Fernsehsendung wurde von einer weniger bekannten dritten Rede berichtet, die Kennedy 1963 in Berlin hielt, eine Rede an die in Berlin stationierten amerikanischen Soldaten.  Er sagte, die Zahl der amerikanischen Soldaten sei nicht sehr groß, aber es sei eine wichtige Aufgabe, diese vitale Stadt zu verteidigen. Man hörte dann noch den letzten Abschnitt im Originalton. Kennedy sagte this vital city. Berlin war nicht ‘vital’, sondern ‘wichtig’.

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Zeit zum Aufräumen

Eine durchschnittliche Ehe dauert vierzehn Jahre. Bei 21% aller Scheidungen ist ein Seitensprung der Auslöser, bei 29% die Unordnung. 12% würden ihren Partner verlassen, wenn er 50 Kilo zunähme. (Finis, “Das Letzte”, in: Die Zeit 49/2012: 63)

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Leise Weiße, laute Grüne

In einem Test wurden 162 Testpersonen von 8 bis 88 Jahren sieben technisch identische Autos vom Typ Ford Fiesta vorgeführt. Der einzige Unterschied: die Farbe. Getestet wurde das Hörerlebnis. Das Resultat: Die Vorbeifahrt der weißen Autos wurde als besonders leise und angenehm empfunden, das silberne als leise und langweilig, das rote und das schwarze als laut und sportlich. Am lautesten wurde das Geräusch des hellgrünen Autos wahrgenommen. Wahrnehmung lässt sich durch Farbe manipulieren. (Lamparter, Dietmar H.: “Weiße Autos”, in: Die Zeit 49/2012: 23)

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Babbling away in Latin

Montaigne was brought up as a native speaker of Latin! His father, determined that his son should have every advantage in life, and in particular a perfect education, put him in charge of a German who was totally ignorant of French and well versed in Latin. He accompanied him all day and only talked Latin to him. The rest of the household (as well as two other supervisors who were contracted to relieve the German supervisor) were not allowed to utter any words to him that were not Latin. Montaigne did not come into contact with French until the age of seven! He still became of the great masters of the French language. Montaigne later cynically claimed that everyone else had profited more from the experience than he himself. He claimed he quickly forgot all his Latin when he entered school through lack of practice. Probably Montaigne was a bit hard on his father’s experiment. Successful or not, this kind of natural language learning was quite common before 1800 with people who could afford having their children taught at home by private tutors. It was different with whole classes of learners but this did not need to be an obstacle, as was pointed out by J.S. Blackie, a mid-nineteenth century Scots professor of Latin and Greek. Blackie gives an account of a German Latin teacher of the 16th century, Nicholas Clenard,  who had tried just this method with his students. The class consisted of learners from all walks of life. Clenard was quite enthusiastic and said that within a few months, all the boys understood everyhing he said and ‘babbled Latin fluently after their fashion’. (Howatt, A.P.R.: A History of English Language Teaching. Oxford: Oxford University Press, 1984: 192-4)

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Magical beginnings

One of the most ardent advocates of a natural method of language learning was Lambert Sauveur (1826-1907), a French emigrant to the United States. In Sauveur’s school in Boston, students spent at least one month entirely on intensive oral work, without a course book. In the early days, the school had a visit from ‘an eminent minister of the city’, who was skeptical of Sauveur’s claims. Before entering the class, the visitor was asked what he wanted the class to discuss. ‘God’ he responded. The class were on lesson 10 (about 25 hours of the course). Sauveur entered the class and discussed God with them for an hour, with no question remaining unanswered. The visitor was impressed. He said it was admirable and saw that it worked, though he could not imagine how. What Sauveur was able to do easily and most people find difficult was to talk to his students in such a way that they could understand what he was getting at, even if they did not understand every word. He had an intuitive knowledge of his students’ internalized competence, and could organise his own discourse in such a way that it matched the capacities of his learners. This is very much at the heart of all natural language teaching. Sauveur describes with enthusiasm what it feels like to teach a class the very first lesson in a foreign language without grammar, with the students being in rapt attention and not being deviated for a moment. Sauveur, when describing this experience, perfectly transmits the magic of such moments. (Howatt, A.P.R.: A History of English Language Teaching. Oxford: Oxford University Press, 1984: 198-201)

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Sweet = Higgins?

Henry Sweet, the man who ‘taught phonetics to Europe’, graduated with a fourth class degree when he was thirty! Later, he was turned down several times for a professorship, something which crippled his relations with colleagues and fellow professionals for the rest of his life. Sweet was, in the eyes of many, a difficult man to like, and he was the starting-point (though not the model, as Shaw himself said) for Shaw’s Professor Higgins in Pygmalion, rather more so than for the Higgins of My Fair Lady. (Howatt, A.P.R.: A History of English Language Teaching. Oxford: Oxford University Press, 1984: 179-82)

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Naturally invented texts?

Henry Sweet, the man who ‘taught phonetics to Europe’, is less well known as the author of  The Practical Study of Languages, a book which made him the orgininator of applied linguistics to the teaching of languages. Sweet recognised one basic problem: if texts embody certain grammatical categories, they cannot be natural; if they are natural, they cannot be brought into any relationship to grammar. His solution was to rely on the skill of the textbook writer to produce natural texts which were simple enough to be comprehensible to elementary learners but would not distort the language. He did not favour ‘natural’ methods, based on conversation in the classroom. The process of learning one’s mother tongue was carried on under peculiarly favourable circumstances and could not be reproduced in the language classroom. Spoken interaction, he believed, was not the starting-point but the end-point of classroom instruction. So his claim ‘spoken language first’ does not mean what it would mean today. (Howatt, A.P.R.: A History of English Language Teaching. Oxford: Oxford University Press, 1984: 186-7)

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Paedagogical natives?

Henry Sweet, the man who ‘taught phonetics to Europe’, in his pedagogical work made a clear point in favour of the non-native teacher. For teaching Germans English, he believed, a phonetically trained German was far superior to an untrainded Englishman, the latter being unable to communicate his knowledge. This, of course, applied equally to the teaching of foreign languages in England. (Howatt, A.P.R.: A History of English Language Teaching. Oxford: Oxford University Press, 1984: 182-3)

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