Fest-Tag

Die Amerikanerin Anna Marie Jarvis wollte 1908 ihre eigene Mutter ehren, weil sie ihr Leben der Wohltätigkeit gewidmet hatte. Das war der Beginn der Muttertags. Später, als der Tag längst kommerzialisiert war, setzte sie sich für seine Abschaffung ein. Erfolglos. (Pfeifer, David: “Mamma mia”, in: Süddeutsche Zeitung 105/2016: 2)

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Arme Männer

Eine Frau, die 2014 geboren wurde, hat eine Lebenserwartung von 73,6 Jahren, ein Mann nur von 69,4 Jahren. Fast vier Jahre weniger. Im Durchschnitt. Weltweit. Dafür gibt es biologische Gründe. Das Immunsystem von Männern lässt im Laufe des Lebens stärker nach, und das weibliche Sexualhormon Östrogen schützt vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen.  Wichtiger sind aber gesellschaftliche Faktoren: Männer achten weniger auf ihre Gesundheit, üben gefährlichere Berufe aus (Soldat, Bergarbeiter), haben gefährliche Hobbies (Motorradfahren, Eisklettern), trinken und rauchen mehr. Ziemlich unklar wird das Bild, wenn man sich die ganze Welt ansieht: In Schweden leben Frauen knapp vier Jahre länger, in Russland mehr als zehn Jahre länger, in Nigeria nicht einmal ein Jahr länger, in Brasilien sieben Jahre länger, in Peru fünf Jahre länger. In Mali leben Männer sogar länger als Frauen. In Afrika sterben viele Menschen an Infektionskrankheiten, und die trifft Frauen und Männer gleich. Und das Risiko, bei der Geburt zu sterben, ist höher. Beim Schritt vom Entwicklungs- zum Schwellenland wird die Lücke zwischen Frauen und Männern größer, beim Schritt von Schwellen- zum Industrieland schließt sie sich wieder. Das größte Paradox ist aber, dass Frauen länger leben, obwohl sie sich nicht so gesund fühlen und obwohl sie objektiv weniger gesund sind. Aber ihre Krankheiten sind nicht lebensbedrohend. (Endt, Christian: “Die Lücke”, in: Süddeutsche Zeitung 97/2016: 16)

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Romeo and Juliet

“Where is she, and how doth she, and what says/My concealed lady to our cancelled love?“. Something just sounds slightly wrong in Romeo’s speech here, in the second verse. But this is easily resolved. Shift the stress in concealed from the second syllable to the first, and everything falls into place. You shift the stress because this is how the word was pronounced at the time. Romeo and Juliet is a real treasure trove for language. And this one about the stress is just a minor case. Now for something major. Sex. Romeo and Juliet, despite its reputation as an elegiac tragedy, a romantic story, is really quite a saucy play. There is sexual innuendo all over the place. Perhaps words like prick, stand, O, circle, pencil, maidenheads, my naked weapon are rather obvious examples, and they practically never occur in the play without a secondary meaning. But there are also less obvious cases: dried herring, glove upon that hand, bow in the hams, poperin’ pair – none of these words is as innocent as it sounds. But most of us need an annotated edition to see this. One wonders what a modern English spectator makes of them and how they can be conveyed if the play is translated. But there is another kind of wordplay which is even more prominent in the play: repetition of words, juxtaposition of words, use of morphologically different forms of the same stem, that kind of thing. It pervades the whole play, and you get passages like as soon moved to be moody and as soon moody to be moved or single-soled jest, solely singular for the singleness or we waste our lights, in vain lights light by day. Makes you head grow dizzy. Mine at least. There is further wordplay on the bases of ay, ‘yes‘, being  homonymic with eye and I. Juliet has a good time exploiting it: Say thou but I/And that bare vowel I shall poison more/Than the death-darting eye of a cockatrice./I am not I if there be such ay/Or those eyes shut that makes thee answer ay. You tell me how a German school learner can understand this. But there’s more to confuse the reader. Shakespeare often gets his grammar wrong. Completely wrong. You get a troubled mind drive me to walk around and that crystal scales and the villain lives which slaughtered him and worser than Tybalt’s death and cruel death has catched it from my sight. One doesn’t trust one’s eyes. Or ears.  And then there is learn me how to lose a winning match. Curiously, in later editions of other plays, learn in this function is replaced by teach, suggesting that learn in the sense of ‘teach’ was already losing favour. And then of course there is the obnoxious thou and you (never mind ye, which also occurs). Now one might say, no big deal, one is du and the other is Sie. But isn’t it then at least odd that Juliet, despite the age difference (she is only 13!), consistently uses thou for the nurse whereas the nurse uses you for Juliet? But then, of course, it is social distinction that this is all about. But why does Juliet’s mother, in a longer dialogue, use thou and you alternately when speaking to Juliet? The social factor does not hold here, psychology is at work here. Romeo and Juliet use thou for each other, except the first time they meet when Juliet first addresses Romeo using you, but only once. And then there is Zounds! I always thought that it was a mild imprecation, it now sounding so dated. But it was quite strong at the time, so strong that it was removed from the Folio edition of several plays. The literal meaning, ‘by God’s wounds’, was perhaps still more present. I was further confused by Good-e’en. Romeo uses it shortly after midday! Today this would sound funny, at least in English. But not perhaps in modern Italian, where people use Buona sera earlier  than the word sera suggests. And finally, language as a conveyor of culture. A plate is mentioned by one of the servants as part of the Capulets’ household. Nothing to write home about? Well, there is. The plate here is a status symbol, a token of the Capulets’ affluence. Plates were only just beginning to replace the wooden trenchers (also mentioned in the play). And then there is the name of Susan. This is the nurse’s dead daughter. Sounds like a perfectly normal name to use. But at the time it carried certain undertones. It was a surprisingly Protestant name for Catholic Verona. And it was a modern name, a newcomer among English names of the period. And one the first Susans in Stratford-on-Avon was Shakespeare’s own daughter. Incidentally she was 13 when the first Quarto was printed.

 

 

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Herzensgut

Er war ein gebildeter Mann, mit einem Faible für alternative Medizin. Er war ein anerkannter Psychiater, der sich auf Gruppentherapien spezialisiert hatte. Er fühlte sich wohl unter Akademikern, sprach fließend Englisch, trug oft Maßanzüge. Der Verhandlungstisch war ihm angenehmer als der Kasernenhof. Er nahm nie eine Waffe in die Hand, hat in seinem Leben keinen Tag als Soldat gedient. Wie es in der Armee zuging, bliebt ihm fremd. Dem Ort, in dem er aufwuchs, widmete er eins seiner frühen Gedichte. Auch seine späteren Gegner zollen ihm Respekt: Er habe einen Zauber entfaltet. Er habe Parteifreunde umarmt und auf die Wange geküsst. Er habe Gefühle in die Politik gebracht. Sein Name: Radovan Karadžić. (Willeke, Stefan: „Ein guter Mensch“, in: Die Zeit 15/2016: 10)

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Alexander der Große

Die Strecke gilt als „leicht“. Aber was ist das schon, ein „leichter“ Marathon? Und dann gibt es eben doch diese zwei nickligen Steigungen, und die kommen natürlich, wie immer, zur Unzeit.

Wenn die Strecke leicht ist, dann ist sie aber auch noch was anderes: langweilig. Und hässlich noch dazu. Fast die ganze Strecke geht es die Nationalstraße entlang. Und dabei passiert man nur einen einzigen Ort. Alles andere ist unbewohntes Industriegelände, grau, schmutzig, leblos. Am Ende ist das vielleicht egal. Wenn die Füße nicht mehr tragen, nutzt auch der schönste Ausblick nichts, kein See, kein Berg, kein Meer.

Mit Bussen werden wir von Thessaloniki nach Pella gekarrt. Immerhin 1800. Da kommen einige Busse zusammen. Auf dem Weg dahin hat es ein Läufer so  eilig, dass er fast mit einem Radfahrer zusammenstößt. Der kommt ohne Licht und mit hoher Geschwindigkeit die Hauptstraße hinunter.

Im Bus sitzt ein gesprächiger Mann neben mir, Jannis. Er arbeitet in einem Krankenhaus, in der Nähe des Flughafens. Arzt? Nein, Koch! Er hat Spaß an seiner Arbeit, sagt er. Ob meine Studenten wüssten, dass ich Marathon laufe. Nein, die wissen das nicht.

Es ist sein erster Marathon. Aber er ist hervorragend vorbereitet. Bis zu sechs Mal pro Woche sei er gelaufen. Dabei hat er auch mehrere Strecken von 30 km geschafft. Und zweimal einen Halbmarathon gelaufen, in Kavala und in Philippi. Mit ordentlichen Steigungen. Da sei das hier heute ein Kinderspiel dagegen.

Ob ich auf dem Sportplatz trainiere, will er wissen. Nein, auf der Piste. Im Wald oder am Fluss. Er läuft meistens auf dem Sportplatz. Runden. Das sind keine βόλτες, wie ich meine, sondern γύροι – wie beim Gyros, beim Girokonto oder beim Giro d’Italia. Und noch was lerne ich dazu: προπόνηση. Das Wort habe ich schon gestern nicht verstanden. Dabei ist die Bedeutung naheliegend: Training.

Er ist ein ganzes Stück jünger als ich. Überhaupt ist das hier eher eine Veranstaltung für Jüngere. Und für Männer. Die Frauen sind deutlich in der Minderzahl. Mein Alter sehe man mir nicht an, meint er. Was kann einem da schon ein Marathon anhaben, wenn der Tag so beginnt, noch vor dem Morgengrauen.

Es ist nämlich immer noch dunkel, als wir in Pella ankommen. Als aber der Startschuss fällt, ist es hell. Aber bewölkt. Eine lückenlose Wolkendecke. Wenigstens braucht man heute keine Sonnencreme.

Diesmal achte ich von Beginn an auf die Schmerzen. Schon bei den ersten Schritten tut das Knie weh, aber nach einem Kilometer verabschiedet es sich und meldet sich erst am Ende des Laufs wieder. Dann, nach etwa 13 km, fangen die Füße an, weh zu tun, vor allem die Zehen. Bei der Hälfte kommen die Oberschenkel dazu, und dann der Rücken, vor allem der untere Teil der Wirbelsäule. Und dann meldet sich auch noch der Bauch zu Wort. Ich habe viel Wasser getrunken, vielleicht zu viel, auch weil immer so viele freundliche Helfer am Wegesrand stehen. Und am Tag zuvor fast ungewollt zwei Kaffee getrunken, am Vormittag, und die waren beide so stark, dass sie mir sogar ein paar Stunden Schlaf geraubt haben.

Ich schließe zu drei jungen Männern auf, und einer von ihnen fragt: „Belgien?“ Nein, nicht ganz, aber die Richtung stimmt. Wir kommen ins Gespräch. Der in der Mitte läuft seinen ersten Marathon, die beiden anderen, τα παιδιά, haben ihn in die Mitte genommen. Sie witzeln herum über die Troika und über den Marathon, und ich lache mit ihnen. Der erste fragt mich, ob ich Deutsch-Grieche sei. Das hat mir noch nie jemand gesagt. Ich fühle mich geschmeichelt. Und der andere Begleiter, der links, kommt auf mich zu und will mir sein griechisches Kopftuch geben. Ein Geschenk. Die Griechen können umwerfend sein! Aber auch Stinkstiefel. Ich weiß nicht recht, wie ich meine Freude aussprechen soll, aber einer von ihnen merkt, dass ich jetzt mit dem Kopftuch nicht so viel anfangen kann, und wir einigen uns auf „später“. Dann aber komme ich nicht mit. Ich habe sie noch lange im Blick, aber dann verschwinden sie.

Ich habe mir vorgenommen, wenigstens bis zur Hälfte durchzulaufen. Das klappt auch. Dann nehme ich mir die 25 vor. Auch das klappt. Inzwischen ist das Feld, hier bei uns langsamen Läufern, weit auseinandergezogen. Manchmal ist man ganz alleine, dann wieder trifft man auf andere, einzelne Läufer. Die meisten laufen schon gar nicht mehr. Es ist verlockend, es ihnen gleich zu tun, aber ich beiße mir auf die Zähne und laufe weiter, bis 28, dann bis 30. Aber 32 hört sich besser an, und ich versuche es weiter, aber es geht einfach nicht mehr. Und jetzt geht auf einmal gar nichts mehr. Ich spüre nur noch den schmerzenden Körper und kann auch schon gar keine zusammenhängenden Gedanken mehr denken. Nur noch Erschöpfung, Leere, Verzagtheit.

Hin und wieder stehen jetzt doch Menschen vor ihren Häusern oder auf Balkonen und feuern uns an. Dann laufe ich mal wieder ein paar Meter, aber die meiste Zeit gehe ich. Jetzt kommt noch der raue Asphalt dazu, den man durch die Schuhsohlen spürt, bei jedem Schritt.

Mir kommt das Unverständnis in den Sinn, mit dem die griechischen Freunde auf mein Vorhaben reagiert haben, einen Marathon zu laufen: „Was, von Pella aus? Bis nach Thessaloniki?“ Sie halten das für ziemlich verrückt. Und da haben sie nicht ganz unrecht. Ich könnte jetzt fünf Stunden im Bett liegen, fünf Stunden Griechisch lernen oder fünf Stunden in einer Taverne sitzen. Und ich wünsche mir sehnlichst, ich hätte mich für eine dieser Alternativen entschieden.

Sieben Kilometer vor dem Ziel stoße ich auf eine junge Frau, mit Kopfhörer und einem watschelnden Laufstil. Unsere Blicke treffen sich, wir lächeln uns an und ich frage sie, wie es denn gehe. Μια χαρά, sagt sie, ausgezeichnet. Und tatsächlich. Locker läuft sie weiter, immer watschelnd, nur ein ganz klein bisschen schneller als ich, aber sie kommt weiter und entschwindet dann ganz meinen Blicken.

Unter den Läufern ist auch ein junger Mann mit Gehbehinderung. Ich denke erst, er habe eine Verletzung. Und das denken wohl auch die Sanitäter, die fragen, ob sie ihn behandeln sollen, aber er winkt leicht verärgert ab. Es ist keine Verletzung. Er hinkt. Immer wieder rafft er sich auf, obwohl er mit den Kräften ziemlich am Ende zu sein scheint. Eine tolle Willensleistung. Ich stelle mir vor, wie er gegen alle Einwände, gegen alle Hindernisse, gegen die Blicke von uns allen, diesen Kraftakt hinter sich bringt. Ich bin gerührt. Fast zu Tränen gerührt.

Jetzt, am Ende, kommt die Solidarität unter uns Läufern, unter den schwachen Läufern, immer mehr ins Spiel. Immer wieder wird man mitgezogen: Πάμε! Und das hilft. Ein paar hundert Meter läuft man dann zusammen, vielleicht einen Kilometer, und muntert sich gegenseitig auf: Wir schaffen das!

Dann kommt das Meer in Sicht. Endlich! Jetzt beginnt der schönste Teil der Strecke, und man entwickelt noch einmal neue Kräfte. Unglaublich. Die letzten zwei, drei Kilometer gehen wieder gut.

Wir treffen auf die große Gruppe der 5000-Meter-Läufer. Mit ihnen zusammen geht es Richtung Ziel. Die Marathonläufer sind an der Startnummer zu erkennen und haben eine eigene Spur und werden ganz besonders angefeuert: „Gleich geschafft“, „Toll gemacht“, „Nur noch zweihundert Meter!“. Und die schafft man dann auch noch.

Alexander der Große ist übrigens der Name des Marathons.

 

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Zoon politikon?

Dass der Maulwurf uns etymologisch hinters Licht führt, ist bekannt: Er wirft die Erde nicht mit dem Maul, sondern mit den Vorderpfoten hoch. Das Wort wurde im Laufe seiner Entwicklung zweimal umgedeutet. Aus dem ‘Haufenwerfer’ wurde, bereits etymologisch falsch, der ‘Erdwerfer’ und dann der ‘Maulwerfer’. (Olschansky, Heike: Täuschende Wörter. Kleines Lexikon der Volksetymologien. Stuttgart: Reclam, 1999: 99-100). Der Maulwurf hat aber auch sonst was zu bieten: Er wiegt ca. 100 Gramm und frißt so viel, wie er wiegt – jeden Tag! Er hält keinen Winterschlaf, gräbt sich aber unter der Erde ein und muss Vorrat anlegen. Dabei hat er ein Problem: Sind die Würmer tot, werden sie zu Gammelfleisch, sind sie lebendig, laufen sie weg. Der Maulwurf verfolgt eine erfolgreiche Strategie: Er verletzt die Würmer, ohne sie zu töten. Sie sind dann aber so eingeschränkt in ihrer Bewegung, dass sie nicht fliehen können. Politisch soll der Maulwurf auch eine Rolle gespielt haben: William III., der umstrittene “ausländische” englische König, soll bei einem Ausritt in Hampton Court mit seinem Pferd über einen Maulwurfshügel gestolpert sein und sich nicht mehr von den Folgen seines Falls  erholt haben. So stellt es jedenfalls eine Statue im St. James’s Square dar, die William mit Pferd und Maulwurfhaufen zeigt. Die Wahrheit war vermutlich prosaischer, aber die Geschichte ist doch schön. Das fanden auch die Jacobites. Die waren dem Maulwurf dankbar.

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Der deutsch-deutsche Schäferhund

In einem Vortrag am Center for Metropolitan Studies in Berlin wurde eine oft vernachlässigte Seite der deutsch-deutschen Vergangenheit abgehandelt. Es ging um die Grenzhunde der DDR. Die stammten in großer Zahl von den KZ-Wachhunden der Nazis ab. Nach 1990 wurden einige von ihnen an der Außengrenze der EU eingesetzt und zeichneten sich dort durch besonders aggressives Verhalten aus. Auch bei westdeutschen Hundebesitzern war die Nachfrage nach den Osthunden, die sich von den eher zahmen Westhunden unterschieden, groß. Die Autorin des Vortrags, Christiane Schulze, Doktorandin, sieht die Osthunde als manipulierte Opfer der von Gewalt geprägten deutschen Geschichte. Der Vortrag wurde mit Beifall aufgenommen und erschien leicht verändert als Artikel n der renommierten Zeitschrift Totalitarismus und Demokratie. So weit, so gut. Das Problem: Es gibt keine Christiane Schulze. Es gibt auch keine Studie zu Ost- oder Westhunden. Alles ist frei erfunden. Die falsche Christiane Schulze sagte in einem Interview mit dem Neuen Deutschland, sie habe erzählt, was die Leute hören wollten. Es reiche völlig, den richtigen Stil zu treffen und das alles ohne Lachen vorzutragen. Lügengeschichten werden geglaubt, wenn sie in dem Kram passen. Und zwar auch in der Wissenschaft. (Martenstein, Harald: „Über Nazi-Schäferhunde und andere Lügengeschichten“, in: Zeitmagazin 11/2016: 8)

 

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What the fuck?

A student once asked me whether he could do a word report about the word nigger. Instead of answering straight away, I took up his question and, in the next session, asked the class what they thought. They seemed to be surprised when I whole-heartedly said “Yes, of course.” There is no reason to ignore words only because they have negative connotations. They form part of the language, and whether we like the word in question or not is irrelevant. To illustrate my point further, I gave them a short report about a word which I myself do not use: fuck. It is a word which is frequently used and thus relevant for the linguist. So what can we say about fuck? To begin with, it can be used as a verb, as a noun and as an interjection, without any change of form, a phenomenon which is called conversion in word-formation. Then, compounds can be formed using it: fuckhead, fuckall, fuckwit. Phrasal verbs can be formed as well: fuck up, fuck off. It can be used in the literal sense but much more frequently is it used in the metaphorical sense. As a matter of fact, fuck is used metaphorically much more frequently than literally: What the fuck is going on? Get the fuck out of here. Who gives a fuck? Get a bigger fucking hammer. Fuck, you scared the shit out of me. Mary’s fucking beautiful. Moreover, one may wonder about the word’s  phonological form. There is a velar consonant and a closed vowel in the word fuck, and it is a short word. Are such words perhaps particularly apt to be swearwords, i.e. is there any sound symbolism involved in such words? Consider dick, bunk, dork, wank, prick, shag, wog, pig, slag. Whatever one may say about fuck, it can hardly be said that it is not an interesting word.

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Zug nach Norden

1915 taten die Autohersteller in Detroit einen ungewöhnlichen Schritt: Sie schickten Werber in den Süden, bis nach South Carolina, um dort schwarze wie weiße Arbeiter anzuheuern. Wie kam das? Es herrschte Arbeitskräftemangel, und zwar als Folge des Ersten Weltkriegs. Der Strom der Einwanderer aus Polen, Italien, Deutschland und Irland war abgebrochen. Man brauchte neue Arbeitskräfte. Und die Schwarzen kamen. In  Scharen. Sechs Millionen Schwarze wanderten vom Süden nach Norden. Sie hatten gute Gründe, zu fliehen. Nach dem Bürgerkrieg wollten die Nordstaaten den Süden völlig neu aufbauen, nach ihrem Bild formen. Nur befreite Sklaven und Weiße, die sich gegen die Sklaverei gestellt hatten, sollten dort das Sagen haben. Dagegen wehrte sich die alten weiße Eilte, mit Erfolg. In den Südstaaten wurden Rassengesetze erlassen, die die Schwarzen zu Bürgern zweiter Klasse machten, ohne Wahlrecht, ohne Zugang zu guten Schulen, ohne das Recht, neben Weißen sitzen zu dürfen. So setzte eine Flüchtlingsbewegung großen Ausmaßes ein. Das kann man an nackten Zahlen ablesen: Bis 1915 lebten noch 90% aller Schwarzen im Süden, danach nur noch 50%! Die große Migration veränderte das Gesicht der USA. Wenn sie trotzdem oft unterschätzt oder gar nicht erst gekannt wird, dann liegt das daran, dass sie innerhalb eines Landes stattfand. Es gab keine Sprachprobleme und keine Grenzen, die man schließen konnte. (Piper, Nikolaus: „Revolution ohne Anführer“, in: Süddeutsche Zeitung 297/2015: 25)

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Sprachgewalt

Ausländer können in den Augen der Japaner verschiedene Dinge nicht: mit Stäbchen essen, im Seiza sitzen oder Japanisch sprechen. Einst durften sie das nicht einmal: Während der über 200 Jahre dauernden Selbstisolation Japans war es den Kaufleuten der holländischen Handelsstation, den einzigen Weißen im Land, streng verboten, Japanisch zu lernen. (Neidhart, Christoph: „Sie können mit Stäbchen essen?“, in: Süddeutsche Zeitung 7/2016: 7)

 

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Who’s Bob?

On n’est pas Bob à moitiè. That’s what it said on a beer-mat in a pub in Belgium. I wondered: Who’s Bob? Part of the answer was on the beer-mat itself: Un vrai Bob ne boit pas d’alcool. A Bob, I learnt, was somebody who had volunteered to drive his friends home from the pub and remain sober all night. Bob, who despite his name can be male or female, is offered a free soft drink in many pubs and is recognizable by a soft wristband which has Bob written on it. Though I did not know who Bob was, most people I asked did, especially younger people. Though Bob is now known in many other places, his origins are actually in Belgium, the country where I first met him.

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Die Schnitter kommen

Ameisen sind Insekten. Insekten sind, der Wortbedeutung nach, ‚eingeschnittene‘ Tiere: insectum ist das Partizip Perfekt Passiv des lateinischen Verbs insecare, ‚einschneiden‘ (Sektion, Sekte, Sektor sind etymologisch verwandt).  Und Ameisen? Das mittelhochdeutsche āmeize besteht aus der Vorsilbe –a und einem Element, das ‚schneiden‘ bedeutet (und mit Meißel verwandt ist). Auch das bezieht sich (vermutlich) auf den Körperbau der Tiere). Ameise sind also ganz wörtlich, Insekten, und Insekten sind Ameisen. (Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin, New York: De Gruyter, 1999: 33 + 402)

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Hinterrücks

Ein australischer Mann überzeugte seine Ehefrau, ihre neugeborene Tochter Lanesra zu nennen. Die Frau sagte nach einigem Zögern zu, ohne zu ahnen, was hinter dem Namen steckte: Ihr Mann ist Anhänger des FC Arsenal.

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Das Ziegenproblem

Die Regierung hat die Steuern auf den Besitz von Ziegen deftig erhöht. Das gilt für das ganze Land. Die Ziegen zerstören die Wälder. Sie fressen die Knospen und zarten Triebe der Pflanzen, dekretiert die Regierung. Nur: Hier, in Galiano, gibt es keine Wälder. Die Ziegen knabbern an Dornbüschen und können da überleben, wo Schafe und Kühe es nicht können. Sie sind der einzige Reichtum der Bauern. Die Ziegensteuer ist zu hoch. Die Bauern können sie nicht bezahlen. Also schlachten sie die Ziegen und haben jetzt keine Milch und keinen Käse mehr. (Levi, Carlo: Cristo si è fermato a Eboli. Turin: Einaudi,  1990: 42)

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Hammelherde

Bei Eintracht Trier steht ein Spieler namens Hammel auf dem Feld, beim Gegner ein Spieler namens Faisthammel. Hammel schießt ein Tor, Faisthammel fliegt vom Platz.

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