Selma im Dreieck

Selma Lagerlöf hatte eine Gehbehinderung. Das gilt als einer der Gründe. warum sie von Kind auf so viel las und schrieb. Später machte sie gegen den Willen ihres Vaters eine Ausbildung zur Lehrerin. Heiraten wollte sie nicht. In ihrer Zeit als Lehrer entstanden die Texte, aus denen später Nils Holgersson wurde. Als sie mit 51 Jahren den Literaturnobelpreis bekam, war sie die erste Frau, der das vergönnt war. In Schweden wurden ihre Werke viel kritisiert, im Ausland weniger. Den größten Erfolg hatte sie in Deutschland. Mit den Tantiemen aus den Veröffentlichungen konnte sie das Gut wiedererwerben, das ihr alkoholsüchtiger Vater heruntergewirtschaftet und verloren hatte. Privat war ihr Leben von der Anziehung zu Frauen geprägt: Sie lebte in einer Dreiecksbeziehung mit zwei anderen Frauen.

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Eine verlorene Angelegenheit

Das erste Länderspiel der deutschen Fußballnationalmannschaft fand in der Schweiz statt. Es gab noch keinen Trainer, also schickten die Verbände ihre Spieler, einer den Torwart, einer die Verteidiger, einer die Läufer, einer den Sturm. Die Spieler erfuhren durch die Tageszeitung, dass sie ausgewählt waren. Nach der langen Anreise im Zug wurden sie von ihren Schweizer Gastgebern, am Tag des Spiels, zu einem Zoobesuch und anschließend in einen Biergarten eingeladen. Ein gemeinsames Training gab es nicht, obwohl die Spieler noch nie so zusammengespielt hatten. Der englische Schiedsrichter trug einen Straßenanzug mit Zylinder. Das Spiel ging verloren, 3:5. Aber auch damals hatte man schon eine Entschuldigung: Es lag am rutschigen Rasen.

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Mosel- Ruhrgebiet

29. August (Dienstag)

Früher Aufbruch, noch im Morgengrauen. Es ist kalt, kälter als in den letzten Jahren. Da hatte ich es mal mit Hitze, mal mit Wind, mal mit Regen zu tun, aber nie mit Kälte.

Nach zwei Kilometern steige ich zum ersten Mal ab: Licht an! Man sieht zwar gut, wird aber vielleicht nicht so gut gesehen.

Ich fahre nicht direkt zur Mosel runter, sondern auf  vertrauten Wegen nach Schweich. Das spart ein paar Kilometer, und Mosel gibt es während der Tour ja noch genug. Es geht durch Wohnviertel, durch ein Gewerbegebiet, durch Ruwer. Die letzten Kilometer vor Schweich geht es direkt an der Autobahn entlang. Aber ich werde durch den schönen Blick auf die Berge vor mir entschädigt, deren Kuppen im aufsteigenden Dunst liegen.

In Schweich geht es dann an die Mosel. Deren Oberfläche glänzt, sie scheint sich kaum zu bewegen.

Es ist einsam. Eine einzige Radfahrerin überholt mich, fährt an mir vorbei und verschwindet hinter der nächsten Kurve.

Ein Reiher hebt mit lautem Flügelschlag ab, ein paar Vögel zwitschern vereinzelt, irgendwo raschelt es im Gebüsch. Ansonsten ist es still.

Auf der anderen Moselseite Weinberge. Einer reiht sich an den anderen. In einen haben sie mit Kalk oder mit Steinen von oben nach unten den Namen Mehring eingeschrieben.

Es geht an Longuich vorbei, dessen schönen Ortskern ich vor ein paar Tagen erst entdeckt habe. Dann kommt der Campingplatz mit dem ungarischen Lokal, das ich schon immer mal ausprobieren wollte. Auf den Zeltplätzen bilden die Campingwagen mit den fest verbundenen, hohen Zelten eine Einheit. Es ist wie ein Haus. Worin der Reiz einer solchen Urlaubsgestaltung liegen soll, erschließt sich mir nicht.

Dann kommt der Alte Moselbahnhof, der inzwischen in einen Biergarten umgewandelt worden ist.

Dann kommen auch auf meiner Seite Weinberge. Die Trauben sind klein, aber hängen in dicken Trauben vom Rebstock hinab. Ein Winzer hat am Fuß seines Weinbergs Werbeprospekte ausgelegt.

Es geht durch Detzem. Der Ort verdankt seinen Namen den Römern. Er ist verwandt mit Dezimeter und benennt die Entfernung nach Trier: 10 römische Meilen.

Nach 25 Kilometern und gut anderthalb Stunden lege ich die erste Trinkpause ein.

Der Weg führt von der Mosel weg, es geht ein Stück steil bergauf. Hier stehen Weinfelder, ganz flach. Sie stehen zu beiden Seiten Spalier, auf der einen Seite gerade, auf der anderen schräg, als es wieder zurück zur Mosel nach Köwerich geht.

Dort geht es an der Bundesstraße entlang, aber auf einem abgetrennten Radweg. Hier gibt es ein paar Obstfelder, mit Apfelbäumen und einem Strauch mit dicken, knallgelben Zitronen.

Trittenheim mit seiner Kirche mit dem spitzen Turm liegt auf der anderen Seite. Zu beiden Seiten der Mosel steht ein Fährturm.  Zwischen diesen beiden Fährtürmen verkehrte früher eine Fähre, eine antriebslose Drahtseilfähre. Vor 100 Jahren gab es an der deutschen Mosel nur 14 Brücken, aber 45 solcher Fähren.

Um 9 Uhr habe ich die ersten 40 Kilometer hinter mir, kurz vor Neumagen. Hier steht mitten in einem Weinfeld eine kleine Kapelle, weiß, niedrig, fast quadratisch, mit einem spitzen Turm.

Der Name Neumagen erklärt sich, wie Dormagen und Remagen, aus dem alten keltischen Wort magos. Das bedeutete ‚Feld‘. Als die Kenntnis der keltischen Sprachen verloren gegangen war, konnten die Leute damit nichts mehr anfangen und formten den Namen im Laufe der Zeit um. Ein typisches Beispiel von Volksetymologie.

Der Radweg führt direkt durch Neumagen durch. An Straußenwirtschaften  und Cafés mangelt es hier nicht. Haben aber noch alle geschlossen. Das verlockend aussehende Dorfcafé hätte schon auf, wenn heute nicht Dienstag wäre: Ruhetag. 

Hinter Neumagen mache ich an einem rauschenden Bach noch mal eine Trinkpause. Es ist nicht mehr ganz so kalt, aber immer noch dunstig. Allmählich kommen die Leute aus ihren Löchern. Zahlreiche Radfahrer kommen vorbei, meist Paare, lauter Rentner.

Nach 50 km kommt Piesport. Die neue Brücke spiegelt sich mit ihrem Gewölbe im Wasser. Ich bin nicht der einzige, der für ein Photo anhält. Auf der anderen Seite steht in den Weinbergen der Name der bekannten Lage: Piesporter Goldtröpfchen.  

Danach geht es ein Stück steil rauf, und dann ein Stück an der Bundesstraße entlang, dann über Feldwege. Gedankenverloren fahre ich weiter. Irgendwo lese ich an einem großen Gebäude kletterhalle. Es ist aber kelterhalle.

In Wintringen finde ich endlich ein geöffnetes Café. Man kann auf der Terrasse vor dem Haus sitzen. Es ist noch kein anderer Gast da. Die Kellnerin versteht meine Frage erst nicht richtig. Polin? Ukrainerin. Ich bestelle Kaffee und Apfelkuchen und sie lässt sich auf ein kurzes Gespräch auf Russisch ein. Sie ist seit drei Jahren hier, lernte Deutsch in einem Sprachkurs. Das Aufnehmen der Bestellung geht gut auf Deutsch, und die Zahlen kann sie perfekt: 6,50 €. Aber ansonsten geht es auf Russisch besser. Sie hat keine Kinder, auch keinen Mann. Geschieden. Sie zeigt auf eine Narbe an ihrem Hals und sagt etwas von Operation. Aber ich verstehe nur die Hälfte. Ich verstehe aber, dass sie in die Ukraine zurück will. Warum? Zuhause sei eben Zuhause, sagt sie lapidar. Den Krieg erwähnt sie nicht. Ich auch nicht.

Um 10.30 geht es weiter. Der Routenplaner weist mir den Weg. Das System kann in der Sprachansage nicht zwischen Weg und weg unterscheiden: Folgen Sie dem weg 200 Meter.

Der Weg führt von der Mosel weg. Es geht über Feldwege weiter. An einem Weinstand, der auch jetzt schon von einigen frequentiert wird, steht: Zutritt nur mit tagesaktuellem Durst. Auf dem Feld nebenan steht ein Strohballen mit der Figur eines Radfahrers, der in den Strohballen gefahren ist. Sein Kopf guckt am anderen Ende heraus.

Eine schöne Durchfahrt gibt es durch Brauneberg, die Mosel links, Schieferhäuser rechts. Die Straßenschilder sind blau, mit Frakturschrift: Engels Gaass, Schnaaps Gaas. An einem Haus lese ich Schiefer Traum, es ist aber Schiefertraum.

In Brauneberg gibt es eine wiederhergestellte römische Kelteranlage. Die Römer bauten hier blaue und weiße Trauben an, heute werden nur noch weiße angebaut. Hier werde seit 1800 Jahren Wein angebaut, heißt es. Ob das stimmt? Hat man immer, auch nach dem Abzug der Römer, auch im Mittelalter, durchgehend Wein angebaut?

Nach 66 Kilometern kommt Bernkastel. Die Uferpromenade, wie immer, voller Autos, man kann von hier aus kaum erahnen, was für ein schöner Ort das ist. Die Ruine des Kastells, von dem der Ort seinen Namen hat, thront ganz oben auf dem Fels. Der Namensteil Bern ist irreführend, hat nichts mit Bern oder Bernstein zu tun, sondern mit Prim. Gemeint ist also das ‚Erste Kastell‘, das bedeutendste.

Weiter geht es, an der Sonnenuhr im Weinberg vorbei. Die Oberschenkel machen sich langsam bemerkbar, aber Kraft zum Weiterfahren habe ich noch. Nur das Sitzen wird immer ungemütlicher. Dann stellt sich heraus, dass die Strecke heute länger ist als erwartet, und zu allem Übel fängt es auch noch an zu regnen. Weiterfahren? Unterstellen? Einkehren? Ich bin unschlüssig, fahre erst mal weiter, kehre dann aber in die Kaffeemühle bei Zeltingen ein. Hier sitzt man geschützt unter großen Sonnenschirmen. Große Kuchenauswahl, darunter Rotkäppchen und Sekttorte, aber ich belasse es bei Kaffee und Wasser. Hier hat man eine gute Lösung gefunden für „Nichtgäste“ (komisches Wort), die die Toilette benutzen. Sie zahlen 50 Cent, und die gehen an die Villa Kunterbunt in Trier.

Die freundliche Wirtin macht mir Mut, das mit dem Regen werde schon nicht so schlimm werden, aber ihre Prophezeiung  bewahrheitet sich erst mal nicht. Im Gegenteil. Der Regen wird stärker. Während sich die anderen Radfahren dick eingemummt haben, ziehe ich meinen Pullover aus. So wird der wenigstens schon mal nicht nass.

Ein tapferer Jogger kommt mir entgegen. Auf seinem T-Shirt steht be what you are. Warum schreiben die Leute so was auf ihr T-Shirt? Was bedeutet das? Wer ist der Adressat dieser Botschaft? Wie soll ich mein Verhalten, mein Leben verändern, um dem gerecht zu werden. Und kann ich überhaupt was anderes sein als ich selbst?

Kurz darauf kommt ein Wohnwagen mit der Aufforderung Lebe deinen Traum. Leuchtet mir genauso wenig ein.

Über eine große Brücke geht es über die Mosel, Richtung Traben-Trarbach. Hier ist nur noch Trarbach ausgeschildert. Liegen die beiden Ortsteile auf verschiedenen Seiten der Mosel, wie Bernkastel und Kues?

Ich fahre an stattlichen Häusern aus der Gründerzeit vorbei, heute fast ausschließlich mit gastronomischen Geschäften bestückt, vermutlich gehobene Gastronomie.

Hier fängt mein Routenplaner an, verrückt zu spielen. Wo auch immer ich hinfahre, ist es falsch. Ich steige ab und verfolge die Instruktionen ganz genau. Dann bin ich nur noch sieben Meter von der Route entfernt. Die führt direkt auf einen Ausflugsdampfer.

Erinnert mich an eine Szene in Holland, wo ich im Rheindelta direkt ins Wasser geführt wurde. Da hat sich aber herausgestellt, dass ich eine Fähre nehmen musste. Aber der Ausflugsdampfer kann ja wohl nicht ernsthaft gemeint sein.  

Ich fahre auf gut Glück weiter, Richtung Ortsausgang. Eine ortskundige ältere Dame gibt mir freundlich Auskunft. Ihre Auskunft erweist sich als richtig, aber zuerst etwas irreführend. Sie hat mir als Anhaltspunkt ein Dachdeckerunternehmen genannt. Aber hier geht es nur zur Jugendherberge. Ich soll aber zur Fähre.

Dann kommt ein Radwegschild, aber das ist so verblichen, dass man den grünen Pfeil nicht mehr erkennen kann. Das wiederholt sich im Laufe der Tour noch zweimal. Ich biege auf gut Glück links ab. Es geht steil bergauf, von der Mosel weg, und dann eine Landstraße entlang, parallel zur weit unten liegenden Mosel. Die Kräfte schwinden. Dann sehe ich zu meiner Erleichterung Enkirch in den Weinbergen eingeschrieben. Enkirch ist mein Ziel. Aber es ist auf der anderen Seite. Und ich bin von der Mosel durch ein breites abgesperrtes Stück Land getrennt. Hier gibt es eine Schleuse, aber keine Brücke. Eine Fähre auch nicht, und wenn es die gibt, kann ich nicht hinkommen.

Es geht weiter, und dann erscheint plötzlich die von der Dame angekündigte Fähre von Kövenig. Der Fährmann wartet auf Passagiere. Ich gehe auf die winzige Fähre und zahle 1,50 für mich und 1,50 fürs Fahrrad. Der Fährmann legt ab, mit unbewegtem Gesicht und mechanischen Handbewegungen setzt er die Fähre in Gang. Aber es geht nicht zielstrebig ans andere Ufer. Wir scheinen uns eher im Kreis zu bewegen. Dann sehe ich, dass er noch einen weiteren Passagier auf dem Landesteg entdeckt hat und noch mal zurückkehrt. Wir laden den anderen ein, und rüber geht’s.

Auf der anderen Seite stehen auf einem Campingplatz lastwagenartige Wohnwagen, wie ich sie noch nie gesehen habe. Aber hier scheinen sie alle zusammenzukommen. Auf einem steht Wechfahrhaus.

Ich schiebe mein Rad den Hügel rauf auf den hübschen, menschenleeren Brunnenplatz, und dann die Dorfstraße rauf, mit Kopfsteinpflaster, einer alten Apotheke, einem Fachwerkhaus mit schiefer Fassade, Straßen mit originellen Namen  und dem Backhaus, einem Café.

Für meinen Routenplaner bin ich immer noch außerhalb meiner Route, aber dann hat er mich wieder und sagt: „Du bist wieder auf deiner Route. Die Navigation wird fortgesetzt. Du hast dein Ziel erreicht.“ Ich stehe vor dem Gasthof „Zur Sonne“. Habe aber die Rechnung ohne meine eigenen Reservierung gemacht, auf der ausdrücklich steht: Zimmerbelegung ab 14.30. Die fehlende halbe Stunde verbringe ich im Backhaus gleich gegenüber.

Dann geht alles schnell und unkompliziert in dem Gasthaus. Und ich kann die Füße ausstrecken. Und die Speisekarte studieren. Im gleichen Haus, nur die Treppe runter, befindet sich nämlich das Lokal. Die Unterkunft ist so gut wie perfekt.  

Als ich am frühen Abend runter gehe, ist die Wirtsstube schon voll besetzt, und man muss sich wohl oder übel nach draußen setzen, obwohl es etwas kalt ist. Aber auch hier sitzen welche, eine Gruppe von Männern und zwei Paare. Vermutlich lauter Radfahrer. Man sitzt geschützt unter großen Schirmen. Auf denen steht Benediktiner Weissbier. Ich bin überrascht über die Schreibweise, aber das Benediktiner schreibt sich wirklich mit ss, wie Rot Weiss Ahlen und Rot-Weiss Essen, aber anders als Rot-Weiß Oberhausen und Rot-Weiß Erfurt.

Von meinem Platz aus blickt man auf das schöne Eingangsschild des Gasthauses Zur Sonne, mit einer dicken, gelben Sonne, das ich vorher bei der Suche erst übersehen habe. Der Name des Gasthauses folgt dem der Besitzer, Sonnen.

Auch hier auf der Terrasse wachsen Zitronen, an einem Strauch gleich neben mir.

Die Männer sind fröhlich, sprechen laut, lachen. Und bestellen immer wieder: „Noch sieben Pils!“ Als das Essen kommt, werden sie ruhiger. Danach fängt einer an, von seiner Scheidung zu sprechen. Seine Frau habe vertraglich zugesagt, auf ihre Rentenpunkte zu verzichten, weil er ihr das gemeinsame Haus vermacht habe. Dann habe sie sich aber einfach geweigert, das einzulösen. Er habe zwölf Jahre lang jeden Monat 400 € Unterhalt gezahlt. Seine Frau habe kein bisschen nachgegeben.

Dann kommt mein Essen. Es gibt den Enkircher Zwiebelteller und einen Enkircher Weißwein. Aber nur ein Glas. Morgen steht eine weitere anstrengende Etappe an. 

30. August (Mittwoch)

Frühstück gibt es erst um 8.00, also verzögert sich die Abfahrt bis 8.30.

1) Trier – Enkirch (Dienstag): 99 km, 6.30-14.00

2) Enkirch – Kobern-Gondorf (Mittwoch): 92 km, 8.30-15.00

3) Kobern-Gondorf – Remagen (Donnerstag):

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Der Untergang des Römischen Reichs (1)

Die Römer hatten einen riesigen Bedarf an Holz. Holz für den Bau von Wagen, Holz für den Schiffbau, Holz für die Brücken, Holz fürs Heizen. Allmählich wurden die Wälder immer dünner. Die Römer reagierten. Sie starten eine Aufforstungsaktion im großen Stile. Dabei wurden Platanen verwendet. Die passten sich ans Klima an und wuchsen schnell. Heute gilt: Wo es Platanen gibt, waren die Römer.

Das ist eine der interessanten Erkenntnisse der Ausstellung zum Untergang des Römischen Reichs, nach bewährtem Rezept organisiert: drei Museen, ein Thema, drei Ansätze.

Im Landesmuseum hat man allerhand für die Ausstellung zusammengetragen: Grabsteine, Skulpturen, Gürtelschnallen, Fibeln, Mosaike, Münzen, Helme, Fesseln, Schmuck. Die kommen aus Köln und Mainz, aber auch aus Ravenna und dem Vatikan, aus Serbien und aus Slowenien.

Am weitesten angereist ist ein Gemälde aus Australien, ein riesiges Gemälde, das den Kaiser Honorius zeigt, wie er seine Tauben füttert – statt sich um die Regierungsgeschäfte zu kümmern. Eine Anspielung auf die Dekadenz der römischen Führungselite als Grund für den Untergang des Reichs.

Eine Skulptur aus Athen, die eine römische Göttin darstellt, ist anschließend “bearbeitet” und der christlichen Ideologie angepasst worden: Man hat ihr ein Kreuz in die Nase geritzt.

Unter den Münzen gibt es einen n ganz besonderer Fund: Ein reicher Römer hatte, für schlechtere Tage (in Erwartung einer Inflation), seinen großen Vorrat aus Münzen, aus einer Silberlegierung gefertigt, in einem Tonkrug in der Erde vergraben. Aus nicht bekannten Gründen grub er den Schatz später nie wieder aus. Vielleicht hatte er die Stelle vergessen – zur Freude der Archäologen.

Auf einem Steinblock ist eine längere Inschrift angebracht, eine Art Tabelle. Es ist ein kaiserliches Preisedikt. Für über 1000 Waren wurde ein Höchstpreis festgesetzt.

Eins der Gesetze des 12-Tafel-Gesetzes untersagte die Bestattung innerhalb der Stadtmauern. Auch die Einäscherung wurde verboten, und die Zugabe von Grabbeigaben. Diese letzte Regelung wurde aber manchmal umgangen. Dem ist das Diatretglas zu verdanken, das vielleicht wertvollste Exponat des Landesmuseums. Es ist ein Schmuckglas, in der Form eines größeren Bechers, und ist mit einem Blütennetz überzogen. Das ist nicht, wie man meinen könnte, später aufgesetzt worden, sondern aus demselben dicken Glas geschnitten wie das Glas selbst. Eine unvorstellbare Arbeit, bei der der kleinste Fehler fatal wäre.

Der Grund für die Wahl von Trier als Residenz war einmal die Entfernung von der Grenze am Rhein, dann das Tal, das Moseltal, das sich hier ausweitet wie sonst kaum irgendwo, aber auch die vier Flüsse, die hier in die Mosel münden: Saar und Ruwer, Kyll und Sauer.

Ganz phantanstisch ein Klappstuhl, ganz modernen Prinzipien folgend, aber aus Silber und fein ziseliert, mit Verzierungen an den Stuhlenden.

Erstaunlich, dass sich auch Alltagsgegenstände erhalten haben, wie ein Eimer aus Holz und Bronze (III).

Ein Glanzstück der Ausstellung ist ein Stein, in den konzentrische Ringe und alle möglichen Symbole und Zahlen eingelassen sind. Man steht ziemlich ratlos davor, aber der Stein hat es in sich. Es ist die älteste erhaltene Berechnung des Datums des Osterfests nach der Einführung der neuen Zeitrechnung, mit dem Geburtsjahr Christi als Wendepunkt.

Der allmähliche Weg in den Untergang wird in der Ausstellung sinnlich erfahrbar gemacht, indem die Räume, vom Eingang bis zum Ausgang, immer dunkler werden. Am Ende landet man in einem ganz dunklen, schwarzen Raum.

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Der Untergang des Römischen Reichs (3)

Das Dommuseum nimmt sich im Rahmen der Ausstellung zum Untergang des Römischen Reichs naheliegenderweise der Rolle des Christentums an. Die grobe interpretatorische Leitlinie: Bis ins 19. Jahrhundert wurde das Christentum eher für den Fall des Römischen Reichs verantwortlich gemacht, heute sieht man in ihm eher ein unterstützendes Element. Leuchtet mir ein. Schließlich war es „nur“ eine neue Ideologie, die Strukturen blieben weitgehend bewahrt und das Christentum machte reichlich Anleihen bei der heidnischen Tradition. Das wird in der Ausstellung immer wieder deutlich.

Eine Skulptur einer römischen Fruchtbarkeitsgöttin wird einer Madonna mit Kind gegenübergestellt. Man würde nicht darauf kommen, dass die beiden Skulpturen Jahrhunderte trennen und sie zwei verschiedenen Glaubenssystemen angehören. Das Christentum übernahm also das Bildrepertoire der Antike, wenn auch anfangs zögerlich. Anfangs vermieden die Christen vollplastische Skulpturen, um sich von der heidnischen Tradition abzusetzen. Erst um 1000 kamen Figuren wie diese Madonna auf.

Auch der gute Hirte hat heidnische Vorbilder. Er galt als Symbol der Philanthropie und des Glücks, und wurde genauso dargestellt wie Jesus hier auf dem Relief, mit einem Schaf um die Schulter und anderen Schafen zu seinen Füßen. Auf diesem Relief erkennt man nur durch die Darstellung der Verführungsszene im Paradies auf der linken Seite, dass Jesus gemeint ist.

Auch bei Titeln und Organisationsformen machten die Christen Anleihen bei der Antike. Der Papst trug den Titel Pontifex Maximus, und die Diözesen waren identisch mit den römischen Provinzen. Auch der Kalender hatte heidnische Grundlagen. Das Fest der Geburt Christi verlegte man, entgegen der historischen Wahrscheinlichkeit, auf den 25. Dezember, den Tag des Sol Invictus. Als unter Konstantin der in regelmäßigen Intervallen stattfindende Ruhetag eingeführt wurde, wählte man den Sonntag, den Tag des Sonnengottes.

Die Abwendung von der heidnischen Tradition wird hier illustriert durch eine absichtlich zerstörte Mars-Statue aus dem Altbachtal, mannshoch, ohne Kopf und ohne Emblem. Man sieht, dass die Statue aus den Teilstücken, in die man sie zerlegt hatte, später wieder zusammengesetzt wurde.

Neu im Christentum waren die Taufe, die Jenseitserwartung (die das Alte Testament nicht kennt) und die Wertschätzung jedes einzelnen Menschen.

Aus Xanten stammt der hier ausgestellte Grabstein, der älteste erhaltene christliche Grabstein nördlich der Alpen (V). Wie auf weiteren Grabsteinen dient hier als Emblem das in einem Kreis eingelassene Kreuz mit A&O und mit dem PX, das sich um das Kreuz windet.

Trier bekam den Untergang des Römischen Reichs durch vier Eroberungen und Zerstörungen in der kurzen Zeitspanne von 410-435 zu spüren. Die hinterließen im Dom eine dicke Schutt- und Staubschicht. Im 6. Jahrhundert wurde der Dom wiederaufgebaut.

Einen wichtigen Teil der Ausstellung nehmen Bestattungen ein. Es gab zwei Bestattungsarten: Bei der einen wurde der Leichnam auf Holzstämme gebettet, bei der anderen handelte es sich um eine Gipsbettung. Davon sieht man hier ein eindrucksvolles Beispiel. Der Tote wurde in Tücher gehüllt und dann mit Gips übergossen. Erinnert an die ägyptischen Mumien.

Die Toten wurden in reichen Gewändern bestattet, aber ohne Schuhe! Eine Ausnahme bilden die Kinder. Die hatten entweder Schuhe an oder ihnen wurden Schuhe mitgegeben, die oben auf dem Sarg platziert wurden. Davon sieht man hier ein bewegendes Beispiel: Auf einem (rekonstruierten) Bleisarg stehen zwei unterschiedliche Kinderschuhe, sandalenartig, einer etwas größer als der andere.

Unter den Bestatteten befinden sich viele junge Frauen. Davon legen zahlreiche Grabinschriften Zeugnis ab. Viele der jungen Frauen starben im Kindbett. Sie wurden in der Regel mit dem Eintritt der Zeugungsfähigkeit, mit 12-13 Jahren, verheiratet.

Unter den zahlreichen Grabsteinen aus Trier befinden sich auch welche mit einer Inschrift in Griechisch und sogar ein paar zweisprachige. Bei einem davon wird auf die Herkunft des Verstorbenen aufmerksam gemacht: Er stammte aus Antiochia Orantes, im heutigen Syrien! Trier muss eine kosmopolitische Stadt gewesen sein!

In der Zeit der Reichskrise wurde von den Bürgern absolute Loyalität gefordert. Die Opferverweigerungen durch die Christen galten als Frevel, als Schwerverbrechen. Das führte zu den Martyrien. Hier werden zwei Tonschalen gegenübergestellt, mit eingeritzten Darstellungen. In einer ist ein gefesselter Christ dargestellt, der den Löwen zum Fraß vorgeworfen wird, auf der anderen ein heidnischer Jäger, der von Löwen angefallen wird. Verblüffend ähnlich die beiden Darstellungen.

Nach Konstantin verbündete sich der Staat mit der Kirche. Das wird hier an einem besonders schönen Ausstellungsstück illustriert, einer Elfenbeintafel, auf der die Überführung von Reliquien in eine neu erbaute Kirche zu sehen ist. Die Priester mit dem Reliquienkästchen sitzen auf einem Wagen, der Kaiser geht, Zeichen der Demut, dem Wagen voran. Vor der Kirche wartet die Kaiserin. Die Prozession ist figurenreich und dicht gedrängt. Oben schauen aus Fenstern und von einer Mauer zahlreiche Figuren dem Geschehen zu, und unten sind ein paar Männer auf das Vordach der Kirche geklettert, um nichts zu verpassen!

Eine eigene Abteilung ist St. Maximin gewidmet, ein besonders Beispiel für die jahrhundertelange Nutzung eines Baus in verschiedener Funktion. Ursprünglich war es eine Grabstätte. Man hat dort 1000 Bestattungen gefunden, meist von Menschen, die der spätrömischen Elite angehörten. Entsprechend sind die Grabbeigaben: Riemenschnallen, Gürtelbeschläge, Fibeln, aus Buntmetall, Silber, Gold, Eisen, alles kunstvoll gestaltet, ebenso wie winzige Bronzeplättchen als Textilapplikationen. Daneben Glasphiolen und Goldfäden.

Am Eingang eine mächtige Statue aus Lindenholz von Maximin, mit Bischofsstab und Mitra (XVIII). An seiner Seite ein Bär. Der Bär soll das Lasttier des Maximin getötet haben, um dann selbst das Gepäck des Bischofs zu tragen!

Maximin war ein Gegner des Arianismus und gewährte Athanasius Asyl in Trier. Er starb auf dem Weg nach Poitiers. Paulinus ließ seine Gebeine nach Trier überführen.

Am Schluss ist das Grabmal des Paulinus selbst Gegenstand der Darstellung. Paulinus starb im Exil, weil er zunächst im Streit um die Natur Christi auf der falschen Seite gestanden hatte. Nach seiner Rehabilitierung wurde er dann nach Trier überführt. In seinem Grab wurden erstaunliche Dinge gefunden, die hier ausgestellt sind, oft nur noch in Fetzen oder in fadenscheinigen Stoffen vorhanden, darunter seidene Bänder, seidene Kordeln, gelblicher Byssus (zum Einwickeln der Leiche) und Purpur als Färbemittel. Diese Materialien zeugen von den wichtigen Handelsbeziehungen, die Trier, auch nach dem Ende des Römischen Reichs, erhielt und die bis in den Nahen Osten und nach China führten.

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Der Untergang des Römischen Reichs (2)

Vor dem Eingang zur Ausstellung hängt ein längliches Plakat mit einer langen Liste deutscher Wörter lateinischen Ursprungs. Darunter sind Klassiker wie Mauer (von muris), Palast (von palatium) und Kreuz (von crux), aber auch weniger offensichtliche Kandidaten wie Büchse (von puxis), Kachel (von cacculus) oder Socke (von soccus).

Davor auf dem Boden eine Landkarte, in der Europa die Form einer bekrönten Königin mit langem Gewand. Holland und Italien sind die Arme, Spanien der Kopf, Osteuropa ist ganz unten auf dem Gewand. Schwer zu sagen, aus welcher Zeit das stammt, aber wohl kaum aus der klassischen Antike. Dazu erscheinen zu moderne Namen wie Cracouia oder Lithvania oder Moscovia. Unter Italia steht Welschland. Was mag nur Megalopolis sein? Oder Sarmantia? Warum die Karte hier abgebildet ist, darüber kann man nur spekulieren. Vielleicht um die Kontinuität zu betonen, die in der Verwendung lateinischer Namen auch noch nach dem Ende des Römischen Reichs besteht.

Das Stadtmuseum nimmt sich der Rezeption des Untergangs des Römischen Reichs an. Wie haben spätere Epochen den Untergang des Reichs verarbeitet? Dabei ist es interessant, wie viele Reiche den Anspruch gestellt haben, Nachfolger des Römischen Reichs zu sein: Das Byzantinische Reich, das Römische Reich Deutscher Nation, das Russische Reich und sogar, nach der Eroberung Konstantinopels, das Osmanische Reich.

Am Eingang drei Kästen, in die man seinen Wahlzettel werfen darf: Was hat zum Untergang des Römischen Reichs geführt? Die Barbaren? Die Dekadenz? Das Christentum? Alle drei Kästchen sind etwa gleich voll, mit einem kleinen Vorsprung für die Dekadenz. Bei der, finde ich, kommt es darauf an, was man darunter versteht. Wenn es das dekadente Leben der Bürger ist, kommt das kaum in Frage, denn das würde nur die wohlhabende Oberschicht betreffen. Wenn Dekadenz der Zerfall der staatlichen Organisation ist, dann schon eher. Das deutete sich ja vorher schon an, mit der Reichsteilung unter Diokletian und den Soldatenkaisern und den Kinderkaisern. Nicht zur Abstimmung steht hier, dass es gar keinen Untergang gab, jedenfalls nicht, wenn man den auf 476 datiert, die Absetzung von Romulus Augustulus durch Odoaker. Das Reich existierte ja weiter, in Form des Byzantinischen Reichs, als Ostrom. Aus dessen Sicht hatte sich mit der Absetzung von Romulus Augustulus nichts grundlegend verändert. Hier wird auch betont, dass diese Absetzung in der Zeit kaum Beachtung fand, wohl aber in späteren Zeiten, wie hier an einigen Gemälden illustriert.

Der Vorläufer der Eroberung Roms durch die Barbaren war die Plünderung Roms durch Alarich 410. Ein Augenzeuge der Plünderung war Augustinus, und der ging auf die Vorwürfe der Nichtchristen ein, das Christentum sei an allem schuld, indem er De Civitate Dei schrieb, die Darstellung des perfekt organisierten christlichen Staats.

Auch Sagen, die keinen direkten Bezug zu Rom haben, nehmen das Thema seines Untergangs auf: die Nibelungensaga (mit dem Untergang des Burgunderreichs), die Artussage und eine nordische Sage.

Der Dietrich von Bern der Sage erinnert an Theoderich, der Odoaker besiegte. Dabei steht Dietrich für Theoderich und Bern für Verona. Verona ist vertreten mit einem Relief aus S. Zeno (das ich seinerzeit besichtigt habe), auf dem das Römische Theater als Residenz Theoderichs erscheint. Es wurde bis ins 19. Jahrhundert als solche bewundert und besichtigt. Die Sache hat nur einen Haken: Theoderich residierte gar nicht in Verona, sondern in Ravenna!

Das Osmanische Reich ist in der Ausstellung vertreten durch ein Porträt Mehmets II., mit Pelzkragen, mächtigem Turban und kostbarem Teppich (XVI). Auf einer Medaille ist er in römischer Tradition dargestellt auf einem Triumphwagen mit der Nike in einer Hand und einem Seil, an dem er die besiegten Völker hinter sich herzieht, in der anderen!

Das Russische Reich ist vertreten mit einem historisierenden Gemälde (XIX), das die Taufe Wladimirs in Kiew darstellt. Das Russische Reich übernahm das byzantinische Hof- und Krönungszeremoniell und führte den Titel Zar (von Cäsar) für den Imperator ein. Moskau nannte sich „Das Dritte Rom“.

Ein besonderes Schmuckstück der Ausstellung ist das Runenkästchen von Auzon (VIII), ein figurenreiches Elfenbeinkästchen mit Szenen auf allen Seiten, die schwer unter einen Hut zu bekommen sind: die Gründung Roms, die Plünderung Jerusalems, die Anbetung der Könige und die Verheiratung einer nordischen Königstochter!

Dann kommt eine große Sitzstatue von Friedrich II. In der verschmelzen römische und germanische Elemente: römisches Gewand, aber Krone statt Lorbeerzweig.

Bei Humanismus und Reformation gabelt sich die Ausstellung: Links sieht man die Abkehr von Rom, rechts die Sehnsucht nach Rom. Die spiegelt sich wider in römischen Veduten wie der vom Forum Romanum von Piranesi (XVII). Sie zeichnet ein nostalgisches Bild des Forums. Es wird zwar Campo Vaccino genannt, trägt aber die Zeichen der alten Größe: ein Brunnen, Arkaden, ein Tempel, eine Kirche, das Kolosseum, die Fassade eines Palasts, in einer Zusammenstellung, die es historisch so vermutlich nie gegeben hat. Da muss man schon genau hinsehen, um die Ochsenkarren und die weidenden Kühe zu bemerken.

Das wiedererwachte Interesse an Rom bezeugt eine Serie von Bronzemünzen mit den Porträts römischer Kaiser. Sie wurden Karl IV. von Petrarca übergeben, als eine Art Mahnung, an die römische Tradition anzuknüpfen.

Genauso wie Petrarca gehörte Dante zu den Befürwortern des Wiederauflebens des Römischen Reichs, aber Dante hatte dabei das Römisch-Deutsche Reich im Sinn, während Petrarca ein neues Reich unter italienischer Führung im Sinn hatte.

Auf der anderen Seite, der Seite der Befürworter der Abkehr von Rom, steht die Germania des Tacitus im Vordergrund. Tacitus wurde als Kronzeuge für das genommen, was man als gesellschaftliches Ideal sah: Das echte, unverfälschte Leben des mit der Natur verbundenen Volks, abseits der städtischen Dekadenz. Dabei wurde Tacitus im Sinne von frühnationalen Vorstellungen interpretiert, teils mit aggressiv nationalen Tönen.

Dazu passt die (teils von Luther betriebene) „Verwandlung“ von Arminius in Hermann. Der wird mehrmals von Luther lobend erwähnt. Luther ist hier mit einer Statue vertreten, in der er das aufgeschlagene Neue Testament präsentiert, in seiner Übersetzung.

Als Gegenstück zu den Porträts römischer Kaiser, die Petrarca dem Kaiser übergab, hat man auf dieser Seite die illustrierten Viten von zwölf (teils historischen, teils sagenhaften) deutschen Königen, den „Urkönigen“. Die Kunst bezieht Stellung gegen Rom.

Ein besonderes Ausstellungsstück ist ein Originalbrief Raffaels an Leo X. In dem Brief beklagt er die Kalkgewinnung aus den Ruinen der römischen Ruinen und spricht sich für deren Erhaltung aus. Da erweist er sich als vollendeter Humanist und als Vorläufer der Romantiker und heutiger Denkmalschützer.  

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C’est bon

Ein gängiges Schimpfwort für Deutsche im Französischen ist boche. Das Wort ist abgeleitet von caboche, ‘Dickschädel’, ‘Holzkopf’. Das wurde zu boche verkürzt und mit der Vorsilbe al für ‘deutsch’  versehen, alboche, und dann wiederum zu boche verkürzt. Eine deutsche Firma machte sich das selbstironisch in einer Werbekampagne in Frankreich zu eigen mit dem Slogan C’est bien, c’est bon, c’est Bosch.

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Mann, oh man!

Wörter bedeuten nicht das, was sie zu bedeuten scheinen, wenn man sie „beim Wort nimmt. Die Bedeutung von Wörtern ist reine Konvention. Das ist ein Gemeinplatz, eine ganz banale Erkenntnis. Diese Erkenntnis wird von denen in den Wind geschlagen, die im Sinne von ideologischen Vorgaben die Sprache verändern wollen, wie es diejenigen tun, die das Pronomen man durch frau ersetzen oder ergänzen wollen. Eine Kolumne in einer Sprachzeitschrift (Der Sprachdienst 65/2021: 232-233) beschäftigt sich jetzt mit genau diesem spezifischen Wort, dem indefiniten Personalpronomen man. Etymologisch ist man tatsächlich mit Mann verwandt, aber es hat, im Gegensatz zu dem Substantiv, seine ursprüngliche geschlechtsneutrale Bedeutung bewahrt, einfach deshalb, weil es in erster Linie eine syntaktische Funktion hat, kein Bedeutungsträger ist. Das Benutzen von frau hat genau den gegenteiligen des gewünschten Effekts. Es betont den Kontrast und gibt damit man eine männliche Bedeutung, die es gar nicht hat. Es ist bezeichnend, dass diese Puristen nicht bemerken, dass man auch in jemand, niemand und jedermann steckt. Das fällt ihnen aus guten Gründen nicht auf: Diese Wörter haben ebenfalls eine syntaktische Funktion, ihre Bedeutung ist verblasst. Sie sind neutral.

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Frau Finke und Herr Strauß

Adler, Schwan und Specht, Geier, Habicht und Hahn sind nur einige wenige, prominente Beispiele von Vogelnamen, die Familiennamen sind. Aber das sind längst nicht alle: Storch, Strauß und Star gehören dazu genauso wie Kleiber, Kiebitz und Gimpel. Und natürlich der Vogel selbst. Aber auch weniger prominente Namen wie Spielvogel und Grasmück. Auch der unverdächtige Gauck gehört dazu, ein anderes Wort für den Kuckuck. Wie einflussreich die Vogelnamen für unsere Familiennamen sind, macht man sich erst klar, wenn man die Liste ansieht. Viele Vogelnamen treten in Varianten auf: Fink, Finke und Finck, Falk und Falke, Raab und Raabe. Die Gründe für die Benennung können ganz unterschiedlich sein: Ähnlichkeiten im Aussehen oder Verhalten, Aufzucht oder Handel mit den Vögeln, Hausnamen, die zu Familiennamen wurden. Aber es gibt auch Vogelnamen, die gar keine sind, jedenfalls nicht in ihrem Ursprung. Einige sind verballhornte Rufnamen, wie Burgard, der zum Bussard wurde, Ulrich, der zum Uhl wurde, Johann, der zum Hahn wurde. Ein und derselbe Name kann unterschiedlich motiviert sein: der Strauß kann nach Blumen, nach dem Laufvogel, nach einem Strauch oder nach Streit (vgl. einen Strauß ausfechten) benannt sein. (Beier, Ulf: Familiennamen nach Vogelnamen, in: Der Sprachdienst 65/2021:220-226)

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Die lieben Nachbarn

Zur Zufriedenheit benötigt man weniger als man glaubt. Was nicht zur Zufriedenheit beiträgt, ist der Vergleich mit anderen. Nicht umsonst galt ein solcher Vergleich bei den antiken Philosophen als Todsünde. Dass wir uns nicht daran orientieren, zeigt ein modernes Experiment. In einem Gedankenspiel wurden Probanden gefragt, was ihnen lieber sei: Sie bekamen 80.000 €, alle ihre Nachbarn aber 100.000 €. Oder sie bekamen 60.000 €, ihre Nachbarn aber nur 40.000 €. Überraschenderweise entschieden sich die meisten für die zweite Variante. Der relative Wert ist maßgeblicher als der absolute. Der Vergleich mit anderen ist auch der Maßstab für diejenigen, meist Mädchen oder jungen Frauen, die sich auf Facebook oder Instagram im Schaufenster präsentieren, in der Hoffnung, möglichst viele Bewunderer zu bekommen. Die Gefahr, die da lauert, besteht darin, dass man weiß, dass bei der eigenen Inszenierung ein bisschen gemogelt, beschönigt, aufpoliert wurde, während man die Existenzen der anderen für authentisch hält. Bei denen scheint scheinbar immer die Sonne. Und sie sind immer guter Laune. Und ihre Partys sind rauschender als die eigenen. Das führt nicht zu Zufriedenheit. Es führt zu Niedergeschlagenheit. (Wehr, Marko: „Philosophie – so findet man den Weg zum Glück“, in: Aula, SWR 2: 15/08/2021)

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Erlernte Hilflosigkeit

Was passiert, wenn man die eigene Unzufriedenheit immer dem Pech in die Schuhe schiebt? Wenn man beklagt, Pech mit den Eltern, mit dem Partner, mit den Kollegen, mit den Lehrern zu haben? Man gibt das Heft aus der Hand, man macht sich zum Spielball eines unberechenbaren Zufalls. Der Preis dafür ist hoch. Statt selbst zu handeln, fühlt man sich behandelt. Das ist ein guter Nährboden für depressive Verstimmungen. Man fühlt sich hilflos. Die Wirkung wurde eindrucksvoll in einem Experiment mit Hunden belegt: Zwei Gruppen von Hunden wurden in zwei verschiedenen Käfigen untergebracht. Über deren Boden wurde ihnen ein leichter Stromschlag zugeführt. In einem der Käfige gab es eine Apparatur, mit der man die Stromschläge ausstellen konnten. Die Hunde fanden bald heraus, wie das ging. In der zweiten Phase des Experiment kamen die Hunde wieder in zwei verschiedene Käfige. Diesmal gab es keinen Mechanismus zum Abstellen der Stromschläge. Aber die Käfige waren nach oben offen und die Wände niedriger. Die Hunde konnten einfach hinausspringen. Aber das taten nur die Hunde, die vorher die Apparatur bedient hatten. Die anderen blieben liegen und ergaben sich ihrem Schicksal. Dieses Phänomen nennt man erlernte Hilflosigkeit. (Wehr, Marko: „Philosophie – so findet man den Weg zum Glück“, in: Aula, SWR 2: 15/08/2021)

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Genial?

In einem von Carolin Dweck durchgeführten Experiment absolvierten zwei Studentengruppen nicht allzu schwere Mathematikaufgaben. Die erste Gruppe wurde anschließend für ihr Talent gelobt, die zweite für ihren Fleiß und ihre Ausdauer. Im zweiten Teil des Experiments gab es schwerere Aufgaben. Die, die für ihren Fleiß gelobt worden waren, zeigten Biss und schrieben passable Ergebnisse. Die anderen, die sich etwas auf ihr Talent einbildeten, schmissen die Flinte schnell ins Korn und scheiterten häufiger. Das vielgelobte Talent, der genetische Zufallsfaktor, spielt eine geringere Rolle als man allgemein denkt. So war Einstein, der Inbegriff des Genies, kein besonders guter Mathematiker. Er besaß aber einen Riecher für die richtigen Fragestellungen. Und Durchhaltevermögen.  (Wehr, Marko: „Philosophie – so findet man den Weg zum Glück“, in: Aula, SWR 2: 15/08/2021)

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Bare Münze

Was haben barfuß und Bargeld miteinander gemeinsam? Etymologisch ist bar ein aus dem Althochdeutschen stammendes Adjektiv mit der Bedeutung ‘bloß’, ‘nackt’, frei’. Wer also barfuß geht, hat die Füße entblößt, geht auf nackten Füßen. Aber wie geschah die Übertragung auf das Geld? Das ist nicht so ohne Weiteres ersichtlich. Erste Belege für diesen Gebrauch finden sich im Spätmittelhochdeutschen. Er ist im Zusammenhang mit der Durchsetzung der Geldwirtschaft und der Herausbildung frühkapitalistischer Produktionsweisen zu sehen. Diese Voraussetzungen sind in Deutschland etwa gegen Ende des 13. Jahrhunderts gegeben. Mir bar sind Zahlungsmittel und Zahlungen in Münzen, also mit Geld, gemeint, kontrastierend zur unbaren Bezahlung mit Wechseln. Man zahlt also mit ‘bloßem’ Geld, mit ‘nacktem’ Geld. Frühe Belege umfassen “Daz ich von ime funfzic marc bares silbers emphangen han” und “Kumm ich auf den Fischmarkt, sehen die fischer bald, ob ich umb bargelt oder auf borg kaufen wöll”. (Haidacher, Bernhard: Bargeldmetaphern im Französischen. Pragmatik, Sprachkultur und Metaphorik. Berlin: Frank & Timme, 2015: 93-94)

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Demokratisierte Zockerei

Es gibt immer mehr Apps, die vor allem junge Menschen dazu veranlassen, an der Börse zu investieren. Das Problem ist, dass die Anleger eben nicht immer gewinnen. Die jungen, unerfahrenen Kunden der Neobroker können durch unbedachte Investitionen die Existenzgrundlage verlieren. Auch durch tragische Verwicklungen. Davon gibt Zeugnis der Fall eines jungen Amerikaners, Alex Kearns. Der hatte 5.000 $ über eine App investiert. Eines Tages zeigte ihm die App, er stehe mit 730.000 $ in der Kreide. Verzweifelt nahm er sich das Leben. In seinem Abschiedsbrief sagte er, er habe nicht gewusst, dass er so viel riskiere. Er habe geglaubt, dass er nur das Geld riskiere, das er tatsächlich besaß. Nach seinem Tod stellte sich heraus, dass es ein Anzeigefehler der App war, der ihn hatte glauben lassen, er stecke mit Hunderttausenden in den Miesen. (Luck, Jana, Nienhaus, Lisa, Rohwetter, Marcus, Tönnesmann, Jens: „Wir zocken an der Börse“, in: Die Zeit 12/2021: 19-20)

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Altbekannt

Wo liegt Ratisbona? Und wo Keulen und Plavno? Und Lyypekki, Chociebuz, Stoccarda und Trèves. wo liegen die? Alle in Deutschland natürlich. Genauso wie Herbipolis. So, wie wir ausländische Städtenamen eindeutschen und von Mailand und Venedig, von Moskau und Warschau und von Kopenhagen sprechen, so passen andere Sprachen unsere Ortsnamen an ihre Sprache an: So ist Ratisbona spanisch für Regensburg, Keulen Niederländisch für Köln, Plavno tschechisch für Plauen, Lyypekki finnisch für Lübeck, Chociebuz polnisch für Cottbus, Stoccarda italienisch für Stuttgart und Trèves französisch für Trier. Und was ist Herbipolis? Das ist Latein für Würzburg. (Weber, Gustav: Curiosa Germanica. München: Herbig, 2006: 257-260)

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