Landeskunde

Enaiat, afghanischer Flüchtling, hat es nach einer jahrelangen Odyssee endlich nach Italien geschafft. Er geht eine Straße entlang und trifft dort auf zwei Radfahrer. Sie unterhalten sich, so gut es geht, obwohl alle nur ein paar Brocken Englisch können. Einer der Radfahrer ist Franzose, und Enaiat sagt: Zidane! Der andere ist Brasilianer, und Enaiat sagt: Ronaldinho! Sie erfahren, dass er aus Afghanistan kommt und sagen ohne Zögern: Taliban! (Geda, Fabio: Nel mare ci sono i coccodrilli. Stuttgart: Reclam, 2015: 182-183)

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Statt Religion

Essen, was schmeckt, sich Zeit nehmen, genießen. Wunderbar! Aber jetzt, wo wir es können, tun wir es nicht mehr. Überall lauern Gefahren, überall herrschen Verbote. Alkohol und Zucker sind des Teufels, neuerdings stehen auch Gluten und Laktose auf dem Index. Warum eigentlich? Die sind völlig unschädlich, wenn man gesund ist. Also bildet man sich ein, nicht gesund zu sein. In einem einzigen Jahr, 2012, stieg der Umsatz an laktosefreien Lebensmitteln um 20%, aber die Zahl der Laktose-Intoleranten blieb stabil. 80% der Käufer laktosefreier Produkte haben gar keine Unverträglichkeit. Woher kommt das? Man braucht Regeln, man teilt die Welt in Gut und Böse ein und man verspricht sich Erlösung, wenn man sich an die Regeln hält. Und zahllose Ratgeber, Blogs, angesagte Restaurants befördern dieses Bedürfnis. Die Esser kontrollieren obsessiv jedes Etikett und erkundigen sich über Herstellungsverfahren. Das wird unterstützt von offiziellen Stellen, die Ratschläge zur gesunden Ernährung geben. Es geht beim Essen nicht mehr um Genuss, sondern um Verzicht. Ständig kreisen die Gedanken um das Essen, ständig hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man sich nicht an die Regeln hält. Dafür hat früher die Religion gesorgt. Sie setzte die Normen. Jetzt dringt in dieses spirituelle Vakuum die Gesundheitsreligion. Paradoxerweise ist unsere Entscheidungsfreiheit beim Essen aber gerade ein Ergebnis der Befreiung von religiösen Vorschriften. (Burger, Kathrin: „Der Wahn vom gesunden Essen“, in: Süddeutsche Zeitung 112/2016: 16)

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Weirdos

When I was a small child, I used to play with the girl next door. She didn’t understand anything I tried to tell her, but it didn’t matter. We played together all the time, using simple gestures to communicate. I thought something was wrong with her, but I adapted easily to the limitation. One day when I was about four, I went inside her house. As I stood there, her mother came downstairs. Nothing happened between her and the girl that I could see. Then I saw her mother point at the doll house in the hallway. The girl ran and moved the doll house back into her room, as if she had just been told to do so. I was astounded. I knew it was different, something different. I knew they had communicated, in a form I couldn’t see. But how? I asked my mother about what I had seen. “They are called ‘hearing’”, she explained. “They don’t sign. They are hearing. They are different. We are Deaf. We sign.” I asked if the family next door are the only ones, the only hearing people. My mother shook her head. “No”, she signed, “it is us who are alone”. I was very surprised. I naturally assumed everyone was like me. (Childhood experience recounted by Sam Supella, in: Perlmutter, David M.: “No nearer the soul”, in: Natural Language and Linguistic Theory 4/1986: 515-523)

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Gar nicht mal so neu

Ein Sprachwissenschaftler behauptet, die deutsche Umgangssprache habe sich in den letzten Jahrzehnten rasant verändert. Das bezweifle niemand mehr. Wirklich nicht? Warum soll sich die Umgangssprache in den letzten Jahrzehnten mehr verändert haben als zuvor? Und was ist der Beleg dafür? Seine Belege bezieht der Professor aus der persönlichen Beobachtung von Fernsehserien und Talkshows. Keine sehr verlässliche Quelle, keine sehr verlässliche Methode. Und die Ergebnisse, die er präsentiert, bestätigen die Zweifel: Es wird konstatiert, die grammatischen Fälle gerieten durcheinander oder gingen gleich ganz verloren. Es wird konstatiert, der Artikel falle zunehmend weg. Es wird konstatiert, das Verb machen werde als Allzweckwaffe eingesetzt und verdränge jede differenziertere Ausdrucksweise. Aber woher wollen wir wissen, dass das eine neue Erscheinung ist? Ganz ähnliche Entwicklungen konstatierten schon unsere Lehrer in der damaligen Volksschule. Woher will der Professor wissen, dass das, was er konstatiert, keinen radikalen Sprachwandel darstellt, sondern einen Wandel im öffentlichen Gebrauch von Sprache, der Tatsache, dass mehr und mehr „normale“ Menschen die Medien für einen Auftritt nutzen können und dass in Fernsehserien die Sprache der breiten Mehrheit einfach mehr Platz findet? Der Verlust des Genitivs wird schon immer beklagt, aber er ist immer noch da. Und woher weiß der Professor, dass seine eigene Wahrnehmung nicht selektiv ist? Dass die deutsche Sprache sich wandelt, ist nichts Neues. Dass sich dabei ein gradueller Übergang von einem stärker synthetischen Satzbau zu einem stärker analytischen Satzbau vollzieht (was sich etwa durch den Ersatz von Fällen durch präpositionale Fügungen ausdrückt), ist auch oft beobachtet worden. Aber das ist ein langsamer, schleichender Vorgang, ein Vorgang, der nicht alle Sprecher in allen Sprechsituationen in gleicher Weise erreicht. Sprache, bei allen Veränderungen, ist im Wesentlichen ein stabiles System. Sonst wäre Kommunikation gar nicht möglich. Und der Professor spricht an keiner Stelle davon, er habe die Beiträge in den Fernsehserien und den Talkshows nicht verstanden. Dass das gesprochene Deutsch noch nie so weit von der Schulgrammtik entfernt sei wie heute ist jedenfalls blühender Unsinn. Und das sich erst jetzt eine “Diglossie” herausbilde, dass erst jetzt “anders gesprochen als geschrieben werde” ebenfalls. Seit eh und je glauben Sprecher, ihre Sprache verändere sich gerade zu ihrer Zeit besonders rasant. Schon deshalb steht eine solche Annahme auf schwachen Füßen, auch wenn sie von einem Sprachwissenschaftler kommt. (Hinrichs, Uwe: „Die deutsche Sprache wirft ihren Ballast ab“, in: Die Zeit 16/2016: 50)

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Wunder wirken

Die Wissenschaft, argumentier Eckart von Hirschhausen, habe die Magie aus der Medizin vertrieben, aber nicht aus dem Menschen. Als Beispiele führt er an: Wenn ein Arzt vor einer Narkose dem Patienten sagt, er könne danach Kopfschmerzen haben, dann treten Kopfschmerzen tatsächlich häufiger auf. Der Nocebo-Effekt. Sein Gegenstück, der Placebo-Effekt, ist seit langem bekannt. Aber verrückterweise wirkt der auch, wenn man gar nicht vorgibt, das wäre ein wirksames Heilmittel. Ein Harvard-Professor gab seinen Patienten mit Reizdarm ein Mittel und sagte ihnen: “Ich gebe Ihnen ein Mittel, das keinen Wirkstoff enthält.” Und das schlug bei 42% der Patienten an. Ist das Humbug? Oder ist das heilsamer Zauber? Kann die Medizin davon Gebrauch machen? Dass die Wissenschaft aber die Magie nicht aus dem Menschen vertrieben hat, das sieht man in unserer aufgeklärten Welt überall. (Herrmann, Sebastian: “Medizin ist völlig überschätzt”, in: Süddeutsche Zeitung 243/2016: 10)

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Quasselstrippen

„Frauen reden mehr als Männer.“ Die meisten Studenten glauben, dass das stimmt. Jedenfalls ist das das Ergebnis, wenn ich die Sache in meiner Vorlesung anspreche. Und das glauben nicht nur die Männer unter den Studenten, sondern auch die Frauen unter ihnen. Ich selbst habe immer Zweifel daran gehabt. Die Vorlesung selbst ist ein Gegenbeispiel. In der Vorlesung, also im öffentlichen Raum, sind die Männer, gemessen an ihrem Anteil, aktiver als die Frauen. Studien zu dem Thema kommen zu widersprüchlichen Resultaten. Kein Wunder: Es kommt auf die Art der Überprüfung, die Auswahl der Testpersonen, den Kontext des Experiments an: Sind Männer und Frauen unter sich oder sind sie in einer gemischten Gruppe? Allein das kann einen gewaltigen Unterschied machen. Und: Sind solche Simulationen überhaupt repräsentativ? Eine Studie hat jetzt Probanden mit einem Aufnahmegerät versehen und den gesamten Tagesbedarf getestet. Wenn das Ergebnis stimmt, kann man das Klischee der quasselnden Frau getrost vergessen: Frauen kamen nur auf eine minimal höhere Zahl an Wörtern. Das hat mich weniger überrascht als die absoluten Zahlen: 15.669 für Männer, 16.215 für Frauen!

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Scharfe Hunde

In einem Vortrag am Center for Metropolitan Studies in Berlin, „Der deutsch-deutsche Schäferhund“, enthüllte die Doktorandin Christiane Schulte, dass viele der Wachhunde in der DDR von den KZ-Wachhunden der Nazis abstammten. Nach der Wende waren einige dieser Hunde dann an den EU-Außengrenzen eingesetzt worden. Nach der Wende gab es im Westen auch eine große private Nachfrage nach diesen Hunden. Sie galten als besonders scharf. Im Osten dagegen waren sie nicht so begehrt. Schulte sieht die Osthunde als manipulierte Opfer der von Gewalt geprägten deutschen Geschichte. An der Mauer seien auch 34 Schäferhunde ums Leben gekommen. Das erste Maueropfer war sogar ein Schäferhund. Schulte forderte deshalb, in das geplante Einheitsdenkmal auch eine stählerne Hundeleine zu integrieren. Der Vortrag wurde mit Applaus aufgenommen und später in leicht veränderter Fassung in einer renommierten Zeitschrift veröffentlicht. Wenig später meldeten sich in einer Online-Zeitschrift Autoren und enthüllten, dass alles frei erfunden war. Sie waren eine Gruppe kritischer Wissenschaftler und wollten beweisen, dass jeder Quatsch eine Chance hat, veröffentlicht zu werden, solange er den gängigen Erwartungen entspricht. Sie hätten erzählt, was die Leute hören wollten. Die Wahrheit über die Schäferhunde in der DDR erzählt eher ein Artikel im Spiegel, der argumentiert, die Grenzhunde seien eher so etwas wie Attrappen gewesen, die der Abschreckung dienten, selbst aber ungewöhnlich zärtlichkeitsbedürftig waren. Dass das, was man in Fernsehen oder im Radio hört, nicht stimmen muss, ist bekannt. Aber das gilt auch für die Wissenschaft. (Martenstein, Harald: „Über Nazi-Schäferhunde und andere Lügengeschichten“, in: Zeitmagazin 11/2016: 8)

 

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Augenwischerei

Demokratien leiden massiv unter Selbstbetrug. Man feiert sich selbst und die autonome Entscheidung des Bürgers. Das geht ungefähr so: Der mündige Bürger erkundigt sich vor der Wahl über die Probleme des Landes, wägt Lösungsalternativen ab und wählt diejenigen ins Amt, die die als richtig erkannte Lösung verwirklichen. Die Mehrheit erreichen diejenigen, die in einer rationalen Debatte argumentativ überzeugen. Die Wirklichkeit ist anders. Die meisten von uns verstehen von den komplexen Gesetzeswerken, die zur Debatte stehen, viel zu wenig: Wer kann schon die gesetzliche Rente aufgrund von „Entgeltpunkten“, „Zusatzfaktoren“ oder „Rentenartfaktoren“ erklären? Die Rente ist für uns ein Buch mit sieben Siegeln, und doch ist das Gesetz von größter Bedeutung für alle Rentenzahler und Rentenempfänger. Also gelten andere Kriterien bei der Auswahl der richtigen Partei oder der richtigen Kandidaten. Der typische Wähler entscheidet eher danach, welcher Gruppe er sich zugehörig fühlt. Die Wahl drückt in erster Linie soziale Identität aus. Das bestätigt eine Studie in den USA, die sich den Wählern Bernie Sanders und Hillary Clintons annahm. Es stellte sich heraus, dass in konkreten Fragen die Anhänger Sanders‘ deutlich weniger „linke“ Positionen vertraten als die Clintons. Sie fühlten sich als Teil einer mitreißenden Szene, die eine linksliberale Wende in den USA herbeisehnt. Doch die konkrete Umsetzung dieser Ziele entsprach dem nicht. In der Umfrage zeigte sich, dass sie einen erheblich begrenzteren Politikwechsel wollten als Sanders selbst und als Clinton – und ihre Anhänger! Dem System kann es egal sein. Es funktioniert vielleicht so gut wegen der Augenwischerei. (Zielcke, Andreas: „Der Trump in uns“, in: Süddeutsche Zeitung 249/2016:15)

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Massensterben

Eintagsfliegen mit einer Flügelspannbreite von 48 Zentimetern und bis zu 2 Meter große Tausendfüßer und Skorpione – nicht für jeden von uns eine verlockende Vorstellung. Aber so hat es hier auf der Erde mal ausgesehen. Das glauben jedenfalls zwei amerikanische Wissenschaftler, Peter Ward und Joe Kirschvink. Sie gehen davon aus, dass Evolution keine allmähliche, kontinuierliche Sache ist, sondern dass es Brüche gegeben hat, Katastrophen, bei denen die Erde knapp daran vorbeigekommen ist, ein toter Planet zu werden. Da gab es völlige Vereisung, wo sich Leben nur noch am Meeresboden befand, und da gab es Zeiten, wo sich der Sauerstoffgehalt so erhöhte, dass sich riesige Insekten entwickelten wie die überdimensionale Eintagsfliege. Fünf solcher Katastrophen hat es mindestens gegeben, Ward und Kirschvink vermuten, es waren zehn. Und jedes Mal ist es zu einem Massensterben gekommen. Die Gewinner waren die Überlebenden, denn die hatten Platz und konnten sich ausbreiten. Bis sich wieder neue Arten entwickelten. So zum Beispiel, als der Sauerstoffgehalt der Erde dann wieder zurückging, auf 21%. Da entwickelten sich Tiere mit Lungen, wie Vögel und Reptilien. Und der Mensch. Und der wiederum profitierte von seinem aufrechten Gang. Der brauchte nicht, wie die Reptilien, bei jedem Schritt die Lungen zusammendrücken und konnte sich dadurch schneller fortbewegen. („Buchkritik: Peter Ward/Joe Kirschvink: Eine neue Geschichte des Lebens“, in: Deutschlandradio Kultur. 02/11/2016)

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Hidden resemblance

It is not difficult to see that German and English are related when you look at simple words: house and Haus, sheep and Schaf, book and Buch, sun and Sonne, we and wir, seven and sieben, and and und. Such words, so called cognates go back to one and the same word. They were identical in form and meaning, before English became English and German became German. Sometimes there are words which are not quite so obviously related: wife and Weib, tide and Zeit, knave and Knabe. But about town and meal and cup and fee and horse and timber? It takes some serpentine thinking to find the solution. They are Zaun and Mehl and Kopf and Vieh and Ross and Zimmer.

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Atemberaubend

In den Nachrichten ist die Rede von einem “mitreißenden türkischen Journalisten”, der sich im Schlepptau eines französischen Journalisten befunden habe.

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Feierabendintegration

Petros Markaris, der griechische Krimiautor, spricht in einem feinen, einfühlsamen nachdenklichen Artikel über Flüchtlinge und Einheimische, beginnend mit den Griechen, die nach der “kleinasiatischen Katastrophe” und dem folgenden Völkeraustausch von der Schwarzmeerküste und aus Kleinasien nach Griechenland gekommen sind. Sie seien dort nicht willkommen gewesen. Viele Schiffe mussten von einem Hafen zum nächsten fahren, weil die Bewohner die Häfen besetzten und den Ausstieg der Einwanderer verhinderten. Verständlich, sagt Markaris. Das Land lag in Scherben, die einheimischen Griechen mussten selbst ums Überleben kämpfen. Ihre Haltung sei kein Ausdruck von Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit gewesen. Sie konnten ihr karges Brot nicht mit den Neuankömmlingen teilen. Es habe nicht einmal für sie und ihre Kinder gereicht. Er selbst hatte in seiner Jugend das friedliche Zusammanleben verschiedener Völker in Istanbul erlebt, aber hier hatte es keine Neuankömmlinge gegeben. Alle waren “schon immer” da. Aber auch das sei keine multikulturelle Gesellschaft gewesen, genauso wenig wie die heutigen Gesellschaften. Das multiethnische Zusammenleben begrenzte sich auf das Geschäfts- und Straßenleben. Das Familien- und Privatleben blieb davon unberührt, wie in vielen „multikulturellen“ Gemeinschaften, die eigentlich multikommunale Gemeinschaften seien, mit mehreren Gemeinden, die ihre Sprache, Kultur, Religion und Tradition behalten wollten und eine Mischkultur ablehnten. Die “Tagesintegration” sei eine Sache, eine andere die “Feierabendintegration”. Hier begännen die Schwierigkeiten, und zwar sowohl auf Seiten der Gäste als auch auf Seiten der Gastgeber. Er selbst habe gute Beziehungen zu seinen Mitschülern in Istanbul gehabt, aber er sei während der ganzen Jahre nicht einmal in eine türkische Familie eingeladen worden. Genauso wenig habe er selbst jemals einen türkischen Klassenkameraden zu sich eingeladen. Der private Bereich blieb getrennt. Immer wieder höre er heute die Klage, die Gäste wollten sich nicht integrieren. Sie würden in Enklaven leben und sich abschotten. Das stimme zwar, aber dafür gebe es gute Gründe. Die Einwohner kämen in ein fremdes, ihnen unbekanntes Land. Es sei einleuchtend, dass sie ihre Landsleute suchten, um Angst und Verunsicherung zu überwinden. Aber auch die Einheimischen wollten im Grunde die Ausgrenzung der Gäste. Wenn sie schon in der gleichen Stadt leben müssten, dann doch bitte so weit weg wie möglich. Markaris weiß, wovon er spricht. Er hat selbst einer Auswandererbiographie. Seine Familie reiste nach der Ausweisung der Istanbuler Griechen aus – ausgerechnet nach Griechenland. (Markaris, Petros: „Leben in einem fremden Land“, in: Süddeutsche Zeitung 237/2016: 15)

 

 

 

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Natürlich

Sie leben in Einklang mit Baum und Tier, in Freiheit und Harmonie mit den anderen, einfacher, aber sinnerfüllter und gesünder, freier im Sex, sie führen einfach das bessere Leben: edle Wilde, nicht korrumpiert von den Versuchungen und Zwängen der Zivilisation. So das schöne, falsche Klischee, das sich in den Köpfen der Großstädter der westlichen Welt mit großer Zähigkeit hält, der Mythos vom edlen Wilden. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Und daran haben auch die Touristen der zivilisierten Welt ihren Anteil, die auf Photosafaris zu den indigenen Völkern reisen, die noch in relativer Isolation leben. Das hat zum Beispiel bewirkt, dass der Lippenteller der Frauen bei den Mursi im äußersten Südwesten Äthiopiens noch weiter gewachsen ist. Als Reaktion auf das photographische Interesse. Wer eine größere Lippe hat, bekommt mehr Klicks und mehr Geldscheine. Aber dieser Schattenverkauf berührt die eigentliche Frage nur marginal. Wichtiger ist, dass die Wirklichkeit der indigenen Völker ganz anders aussieht als unsere hehre Vorstellung von ihnen. Und unsere Überzeugung, ihre Lebensweise müsse auf jeden Fall bewahrt werden. Ist das wirklich so wünschenswert? Die Lebenserwartung bei den indigenen Völkern ist aufgrund schlechter Hygiene meistens niedrig, Hexenglauben und Gewalt sind an der Tagesordnung, Freundschaften sind zweckorientiert, Nahrungsmitteltabus führen zu schlechter Ernährung, religiöse Vorstellungen zu unnötigen Ängsten, die Sexualität ist reglementierter als in westlichen Gesellschaften. Und auch mit der Umwelt gehen die sogenannten Naturvölker nicht immer schonend um. Die Maori verbrannten anfangs des 14. Jahrhunderts fast den gesamten Wald Neuseelands. Bei vielen Naturvölkern hat Gewalt einen hohen Stellenwert. Bei manchen Gruppen im Omo-Tal in Äthiopien muss ein Mann einen anderen Mann getötet haben, um überhaupt heiratsfähig zu sein, bei den Hamar werden alle Frauen zur Initiation ausgepeitscht, bei dem Volk der Arbore werden den Mädchen die mittleren unteren Schneidezähne aus dem Kiefer gebrochen. Ganz zu schweigen von der allgegenwärtigen Verstümmelung der Vulva, mit Rasierklinge oder Küchenmesser von medizinisch ahnungslosen Laien durchgeführt. Ethnologen erklären solche Praktiken mit der inneren Logik dieser Gesellschaften: Die Altentötung oder Aussetzung der Alten bei den Kalahari diene dem Überleben der Gruppe. Aber muss man das deshalb gut finden? Jedenfalls gibt es keinen Grund, Naturvölker zu idealisieren. Auch wenn bei ihnen die Kinder autonomer aufwachsen als bei uns, auch wenn hier niemand einsam ist, auch die Alten nicht, auch wenn immer jemand für einen da ist. Weber, Christian: „Dschungelmärchen“, in: Süddeutsche Zeitung 239/2016: 36-37)

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Des Pudels Kern

Wir wünschen jemanden zum Teufel, wir geraten in Teufels Küche, wir malen den Teufel an die Wand (oder bitten vielmehr andere, es nicht zu tun), wir sprechen von einem Teufelskerl, aber auch von einem armen Teufel, aber auch von einem Satansbraten, wir sagen, dass jemanden der Teufel reitet und der Teufel ist los und wir verteufeln jemanden. Der Teufel hat die Phantasie des Menschen angeregt (und Ängste geschürt), und das hat sich in der Sprache niedergeschlagen, auch in den vielen Namen, die wir ihm gegeben haben: Teufel, Satan, Luzifer, Beelzebub, Mephistopheles und Euphemismen wie Gottseibeiuns. In der Botanik gibt es die Teufelskralle, die Teufelsbeere,  die Teufelsmilch, den Teufelsbart, die Teufelskirsche, und in der Zoologie die Teufelsnadel (eine Libelle), die Teufelsklaue (eine Schnecke), die Teufelsblume (eine Heuschrecke), die Teufelskatze (die Raupe des Feuchtspinners) und den Teufelsrochen.

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Rauchzeichen

Anhand des Rauchens kann man eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts schreiben. Um 1900 waren Zigaretten, Zigarren und Pfeifen den oberen Schichten vorbehalten, und zwar fast ausschließlich den Männern. Der 1. Weltkrieg brachte dann eine Demokratisierung des Rauchens, allerdings nur unter den Männern. Im Dritten Reich befand sich der Tabakkonsum auf dem Rückzug, denn die Nazis fürchteten Schaden am Volkskörper durch den Tabakkonsum. Nach dem 2. Weltkrieg begannen dann auch die Frauen zu rauchen. Rauchen war Mode, es wurde überall und ständig geraucht, und niemand beklagte sich. Der Verbrauch pro Person und Jahr stieg auf über 2.000 Zigaretten. Dann ging es im Zuge  der Gesundheitsbewegung langsam bergab mit dem Rauchen. Heute ist der Verbrauch auf unter 1.000 Zigaretten pro Person und Jahr gesunken. Und es gibt eine deutliche soziale Komponente: Jugendliche rauchen immer weniger, der Tabak ist einfach nicht mehr in, und Gymnasiasten und Studenten rauchen weniger als Hauptschüler und Realschüler. Der Tabak wird zu einem Privileg der Armen.

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