Neue Zeit

Gleich am Anfang von Čechovs Kirschgarten fragt Lopachin, der Kaufmann: “Wie spät ist es?” Man überliest das leicht. Jedenfalls ging es mir so. Ich wurde auch nicht hellhörig, nachdem Lopachin diese Frage später noch mehrmals stellt. Erst durch das Nachwort wurde ich darauf aufmerksam. Für Lopachin, den Aufsteiger, den Kaufmann, den Pragmatiker, den Vertreter der neuen Zeit, ist die Uhrzeit wichtig, wichtiger als für die Gutsbesitzerin und ihre Familie, die Vertreter der alten Zeit, dem Landadel, der sich Muße und Langeweile widmen kann, ohne auf die Uhrzeit achten zu müssen. Diese Frage nach der Uhrzeit ist eins von den vielen versteckten Symbolen des Stücks: der Schlüssel, der an Warjas Gürtel hängt (die Macherin, die den Laden am Laufen hält), der Kaffee, den die Gutsbesitzerin ständig trinkt (westliche Gewohnheit, Ruhelosigkeit), die leere Bühne, die der alte Diener Firs betritt (Vereinsamung, Ausgeschlossensein), das imaginäre Billardspiel Gaews (Spielcharakter, Herumgestoßenwerden im Leben), die Zauberstücke Čarlottas (Versuch, der Banalität des Lebens zu entkommen). Und natürlich der Kirschgarten selbst, der für Schönheit und Vergangenheit steht. (Schriek, Wolfgang: “Nachwort”, in: Чехов Антон: Вишнёвый сад. Čechov, Anton: Der Kirschgarten. Stuttgart: Reclam, 2011: 118-127)

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Asian competitiveness

In language teaching classes, German students tend to see that it makes sense to use different form of correction such as teacher-correction, peer-correction or self-correction. Of the three, peer-correction tends to be the less popular. A Korean student, during an oral exam, made reference to this distinction and immediately said what her preference was: peer-correction. This, she said, was “competitive”. I could not help thinking of this is terms of cultural prejudice. On the other hand, there was one thing where the Korean student coincided with her German counterparts: the belief that correction is useful and necessary. Although the point of the lecture was that it is usually neither. One does not necessarily learn by being corrected and one does not mainly learn by being corrected. This insight is not apt to undermine cherished beliefs about language learning.

 

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Das Böse in der Tierwelt?

Gibt es das Böse auch in der Tierwelt? Es wird immer wieder gesagt, Tiere hätten keine Moralvorstellungen und dürften deshalb auch nicht an menschlichen Moralvorstellungen gemessen werden. Was sie täten, sei instinktgeleitet und deshalb natürlich. Das muss man sich schon in Erinnerung rufen, wenn man gewisse Szenen aus der Tierwelt vor Augen geführt bekommt, wie ich jetzt bei der Rezension eines Buches über Insekten. Dabei ging es darum, wie Schlupfwespen die Nahrung für ihre Jungen sicherstellen: Sie nehmen sich eine vollsaftige Made vor und setzen durch punktgenaue Stiche in jedes Segment der Made deren Bewegungsapparat außer Kraft. Dann platzieren sie neben die Made die eigenen Eier, so dass die ausschlüpfenden Larven leckere Frischkost vorfinden. Die Kleinen fressen dann also die lebendige, schmerzempfindliche, aber bewegungsunfähige Made bei lebendigem Leib, und zwar die lebenswichtigen Organe zuletzt. (Schneider, Wolfgang: „Kampfgrillen und Bienentänze“. Rezension von Hugh Raffles‘ Insektopädie, in: Sachbuch, Deutschlandradio Kultur: 06/02/2014)

 

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Dumme Kuh?

Im Altertum konnte man den eigenen Kindern die Namen von Tieren geben. Das ist bei uns verloren gegangen. Im Gegenteil benutzen wir die Tiernamen eher als Schimpfwörter: Esel, Kuh, Schaf, Ziege. Im jüdischen Altertum hießen die Kinder dagegen Rebecca, ‚Kuh‘, Jona, ‚Vogel‘, Rachel, ‚Mutterschaf‘, Deborah, ‚Biene‘ usw. Dadurch brachte man die Nähe zu den Tieren und deren Wertschätzung zum Ausdruck. Heute werden Haustieren eher die Namen von Menschen gegeben, Ausdruck der übertriebenen Liebe, die den Haustieren entgegengebracht wird, im Gegensatz zu den Nutztieren, zu denen man ein distanziertes Verhältnis hat. Auf das Paradox, dass der Mensch zu seinen Haustieren eine emotionale Beziehung hat, zu den Nutztieren aber nicht, hatte schon Horkheimer aufmerksam gemacht. (“Bruder Esel, Schwester Schlange. Das Christentum und die Tiere”, in: Forum, SWR2: 31/01/2014)

 

 

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Kausalzusammenhang

Zu den Sachen, die ich in der Schule gehört habe und die ich lange Zeit nicht verstanden habe, gehört der Ausbruch des 1. Weltkriegs: Im bosnischen Sarajewo, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, wird ein Mitglied der österreichischen Herrscherfamilie erschossen. Deshalb marschiert Deutschland ein paar Wochen später in Belgien und Frankreich ein. Seien wir ehrlich. Wer so etwas liest, denkt sich doch erst einmal: „Häh?“ (Auszug aus Nikolaus Nützels Roman Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg)

 

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Endzeiterwartung hier

Die Zeitgenossen Jesu hofften auf Befreiung und Erlösung, in ganz unterschiedlicher Weise. Sie hofften auf die Wiederherstellung der staatlichen und gesellschaftlichen Einheit. Sie hofften, dass die religiösen Verhältnisse und das eigene Leben in Ordnung gebracht würden. Die Endzeiterwartung des Judentums war also hoffnungsfroh und auf diese Welt bezogen. Erwartet wird nicht der Untergang der Welt, sondern, dass der Messias die Dinge auf Erden richtet. (“Ein unglaublicher Machtanspruch”. Interview mit Christoph Marschies, in: Großbongardt, Annette & Pieper, Dietmar (Hg.): Jesus von Nazareth und die Anfänge des Christentums. München, Deutsche Verlags-Anstalt, 22012: 81-82)

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Jungfrauengeburt universal

Viele Motive, die sich im Evangelium wiederfinden, sind nicht neu, sondern aus anderen Kulturen übernommen. Die Jungfrauengeburt gibt es in den Mythen der Babylonier, der Ägypter, der Perser, der Griechen und der Römer. Der werdende Religionsstifter Siddhartha wählte etwa die tugendhafte Königsgattin Maya zur Mutter. Dieser Maya erschien im Traum ein Elefant, der in ihre Seite eindrang. Nach zehnmonatiger Schwangerschaft gebar sie den zukünftigen Buddha. (Keller, Claudia: “Geheimnisvolle Geschichten”, in: Großbongardt, Annette & Pieper, Dietmar (Hg.): Jesus von Nazareth und die Anfänge des Christentums. München, Deutsche Verlangs-Anstalt, 2/2012: 46 und Traub, Rainer: “Wiedergeburt und Ewigkeit”, in: Großbongardt, Annette & Pieper, Dietmar (Hg.): Jesus von Nazareth und die Anfänge des Christentums. München, Deutsche Verlags-Anstalt, 2/2012: 83)

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Das Evangelium nach Judas

Nikodemusevangelium? Thomasevangelium? Judasevangelium? Nazaränerevangelium? Schon mal gehört? Sie alle sind der Kanonisierung zum Opfer gefallen und gehören zu den apokryphen Schriften. Die Geschichte der Kanonisierung ist auch eine Geschichte der Ausgrenzung. Der Kanon setzt sich im Laufe der Zeit durch, ohne formalen Beschluss eines Kirchengremiums. Dabei wurden vor allem Schriften ausgesondert, die gnostisches Gedankengut enthalten. Für die gnostisch-christlichen Gemeinden stand das wahrhaft Göttliche im Gegensatz zur Welt. Die war das Produkt eines bösen Schöpfergottes. Das Ziel der Seele war es, sich von allen weltlichen Verstrickungen zu lösen. Mit der Verwerfung einiger Schriften, besonders des Thomasevangeliums, grenzt sich die Kirche von den gnostischen Lehren ab. (Keller, Claudia: “Geheimnisvolle Geschichten”, in: Großbongardt, Annette & Pieper, Dietmar (Hg.): Jesus von Nazareth und die Anfänge des Christentums. München, Deutsche Verlags-Anstalt, 22012: 56-60)

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Alltagssprachenrhetorik

Leider werden rhetorische Figuren meist im Zusammenhang mit Dichtung besprochen. Entsprechend sind dann auch die Beispiele. Das führt zu der falschen Annahme, so etwas finde sich nur in einem elaborierten Code wie der Dichtung. Tatsächlich sind rhetorische Figuren natürlich Teil der Alltagssprache. Wir alle benutzen sie, auch wenn wir es nicht merken: Schieß los! -die Grabenkämpfe in unserer Firma – eine Schlange in der Mensa – Sie ist auf dem besten Wege – Er hat einen Riecher für neue Themen- Das Schwein hat mich verpfiffen (Metaphern); Brasilien spielt gegen Uruguay – Der hat sich an einem Abend zehn Flaschen reingezogen – Warum willst du dir einen Ford kaufen? (Metonymie); ein warmes Grün, heiße Rhythmen, kalte Farben, bittere Worte (Synästhesie).

 

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Das Mädchen meines Auges

Das spanische Wort für Pupille ist niña, was aber auch ‚Mädchen‘ heißt. Im Portugiesischen heißt menina sowohl ‘Mädchen’ als auch ‘Pupille’, und im Griechischen gilt das für kore. Und unser Wort Pupille ist von lat. pupilla abgeleitet, was ‚Püppchen‘ heißt. Zufall? Irgendwo habe ich jetzt gelesen, dass man dasselbe Phänomen im Chinesischen findet. Und auf Swahili.

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Du schaffst es sowieso nicht

Drei Sprachen, drei Fälle, dieselbe Beobachtung, drei Deutungen: JH berichtet, in China erlaube man ihm als Ausländer oft nicht, Chinesisch zu sprechen und wechsle lieber ins Englische. BH berichtet, in Schweden erlaube man ihr oft nicht, Schwedisch zu sprechen und wechsle lieber ins Englische. WS berichtet, in Griechenland erlaube man ihm oft nicht, Griechisch zu sprechen und wechsle lieber ins Englische. JH sieht das als Zeichen eines Minderwertigkeitskomplexes der Chinesen, die zwar stolz auf ihre Vergangenheit, aber nicht auf ihre Gegenwart seien. BH sieht das als Zeichen der Freundlichkeit der Schweden. Sie stellten sich eben auf ihre Gäste ein und kämen ihnen entgegen, indem sie nicht auf dem Schwedischen beharrten. WS sieht das als ein Zeichen der Herablassung. Für ihn klingt das, als wollten die Griechen sagen: Versuch’s erst gar nicht. Du schaffst es sowieso nicht.

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Koiné

Zur Zeit Jesu war Griechisch die Verkehrssprache rund um das östliche Mittelmeer, nicht in ihrer klassischen Ausprägung, sondern in der Form der Koine, einer Sprache, die sich seit dem vierten vorchristlichen Jahrhundert durch Vermischung verschiedener Dialekte im Heer Alexander des Großen herausgebildet hatte. Ob auch Jesus diese Sprache beherrschte, ist nicht sicher. (Pieper, Dietmar: „Anfang einer neuen Zeit“, in: Großbongardt, Annette & Pieper, Dietmar (Hg.): Jesus von Nazareth und die Anfänge des Christentums. München, Deutsche Verlags-Anstalt, 22012: 23-24)

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Zeitrechnung

Lange, bis ins 6. Jahrhundert, bis zu Dionysius Exiguus, dauerte es, bis die Geburt Jesu zum Beginn einer neuen Zeitrechnung wurde. Auch danach dauerte es noch lange, bis dies in Westeuropa zur anerkannten Norm wurde. Später schlossen sich andere Kulturen an. Diese späte Entwicklung wirft ein Licht darauf, wie lange es gedauert hat, bis die Geburt Jesu überhaupt Bedeutung erlangte. Für die frühen Christen hatte sie keine. (Pieper, Dietmar: „Anfang einer neuen Zeit“, in: Großbongardt, Annette & Pieper, Dietmar (Hg.): Jesus von Nazareth und die Anfänge des Christentums. München, Deutsche Verlags-Anstalt, 22012: 17-18)

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Bauhandwerker Jesus

Dass Jesus denselben Beruf wie sein Vater hatte, ist durchaus wahrscheinlich. Der war tekton, was Luther mit ‘Zimmermann’ übersetzt. Das setzt jedoch Holz voraus, und in Obergaliläa gab es kaum Holz. Beide, Josef und Jesus, waren wahrscheinlich Steinhandwerker oder einfach ganz allgemein Bauhandwerker. (Schüle, Christian: “König der Wahrheit”, in: Großbongardt, Annette & Pieper, Dietmar (Hg.): Jesus von Nazareth und die Anfänge des Christentums. München, Deutsche Verlags-Anstalt, 22012: 31)

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Böses Salz?

Warum machen Kartoffelchips süchtig? Ihr Geheimnis ist der Speichelfluss. Er wird vom Glutamat angeregt, und dann wird der Speichel von den trockenen Chips aufgesaugt. So erklärt es der wunderbare Udo Pollmer in einer Radio-Kolumne. (“Die Gier nach Salz”, in: Deutschlandradio Kultur: 11/01/2014). Das bedeutet, es ist nicht das Salz, das “süchtig” nach Kartoffelchips macht. Salz macht nicht süchtig. Es ist lebensnotwendig. Genauso wie Fett, Wasser und Eiweiß. Und da sie lebensnotwendig sind, fühlen wir uns gut, wenn deren Defizite ausgeglichen werden. Der Körper lässt uns spüren, dass es ihm wieder gut geht. Daran ist nichts Verwerfliches, nichts Negatives, nichts Schädliches. Wer das Salz verteufelt, weil es ein Glücksgefühl auslöst, müsste auch das Wasser verteufeln, das bei Salzüberschuss Befriedigung auslöst.

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