Braunschweig

13. Juni (Samstag)

In Braunschweig wurde das erste Fußballspiel in deutschen Landen ausgetragen, in Braunschweig verkehrte der erste deutsche Omnibus, der Löwe vor der Burg ist die älteste freistehende Plastik nördlich der Alpen, das Evangeliar Heinrichs des Löwen wurde auf einer spektakulären Versteigerung bei Sotheby als teuerstes Buch der Welt von der Bundesrepublik ersteigert. Braunschweig hat einiges zu bieten, und nicht nur Superlative.

Braunschweig, aber auch die Umgebung. Hildesheim, Wolfenbüttel, Helmstedt zum Beispiel, alle in kurzer Entfernung gelegen. Helmstedt, das wir meist nur mit dem Grenzübergang zwischen den beiden Deutschlands verbinden, war 200 Jahre lang Sitz der welfischen Universität, bis sie von Napoleon nach Braunschweig (zurück)verlegt wurde. An der Universität in Helmstedt war unter anderem Giordano Bruno tätig, dessen Staue auf dem Campo di Fiori von der Reise nach Rom im letzten Jahr noch gut in Erinnerung habe. Wolfenbüttel, im Krieg praktisch unzerstört, hat die größte Bibliothek Europas zu bieten, die Herzog-August-Bibliothek, mit Büchern von der Antike bis zur Moderne (darunter das Evangeliar Heinrichs des Löwen), Die bekanntesten Bibliothek waren Leibniz und Lessing. Hildesheim, in Krieg schwer getroffen, hat in dem wiederaufgebauten Dom die original erhaltenen berühmten Bronzetüren zu bieten und den „tausendjährigen“ Rosenstrauß. Ein ganz anderes Ziel hat Gifhorn zu bieten. Dort gibt es ein Mühlenmuseum, mit 40 Mühlenmodellen aus 18 Ländern.

Aber jetzt, am frühen Morgen, geht es erst mal darum, überhaupt ans Ziel zu kommen. Bei erstaunlich gutem Wetter – kein Vergleich zu gestern – geht es Mosel und Rhein entlang. Die Sonne lässt das Wasser und wie weißen Häuser am Uferrand glänzen.

Auf der langen Fahrt habe ich Gelegenheit, in eine Erzählung von Wilhelm Raabe reinzusehe, „Die Schwarze Galeere“. Die Erzählung spielt zur Zeit des Befreiungskampfs der Niederlande gegen Spanien. Ein ehemals geehrter Offizier, der in einem Kampf als einziger überlebte, aber degradiert wurde, weil es die Standarte an den Feind verlor, spricht nachdenklich zu seinen jungen Kameraden über den Krieg, der jetzt schon32 Jahre dauert und kein Ende nehmen will. „Damals glaubte auch ich noch an Sieg und Ehre in diesem Krieg“, sagt er zu seinem jungen Vorgesetzten, dem Oberst: „Ich habe aufgehört, daran zu glauben und ihre werdet‘s auch, Oberst, so euch Gott das Leben schenkt.“

Raabe, der als Junge ein Gymnasium in Wolfenbüttel besuchte, verbrachte die letzten 40 Jahre seines Lebens in Braunschweig. Im Alter hatte er für die Werke seiner Jugend fast nur noch Verachtung übrig, obwohl die weiterhin sehr populär waren. Für ihn zählten nur seine späteren Werke- Früher habe er Leser gehabt, sagt es, heute Liebhaber der Literatur.

Je länger die Fahrt dauert, umso dunkler wird es. Die Wolken setzen sich durch, die Sonne ist im Norden noch nicht angekommen. Und die Landschaft wird immer flacher. Unendliche Wiesen und Felder, bei denen man nicht weiß, was da wächst, ein paar Weiden mit vereinzelten Schafen oder Kühen und große Flächen mit unzähligen Windrädern, die meisten davon im Stillstand.

Eigentlich soll die Fahrt sieben Stunden dauern, aber wer glaubt, dass das alles so reibungslos abläuft, hat die Rechnung ohne die Deutsche Bahn gemacht. Am Ende komme ich mit ordentlicher Verspätung und einer ordentlichen Nachzahlung in Braunschweig an.

Gleich vor dem Bahnhofsplatz ist die große, überdachte Haltestelle für Busse in zwei Spuren und für die hochmodernen Straßenbahnen auch in zwei Spuren.

Als ich in die Straßenbahn einsteige, beginnt es zu regnen, aber als ich aussteige, hat der Regen fast schon wieder aufgehört.

Entlang der schnurgeraden Strecke eine kilometerlange Aneinanderreihung von Zelten mit Informationsständen und Imbissständen. An diesem Wochenende findet her der „Tag der Niedersachsen“ statt. In der Stadt ist es rappelvoll.

Am Schloss steige ich aus. Auf dem Schlossplatz zwei sich gegenüberliegende repräsentative Gebäude, die ich aber nur aus einem Augenwinkel sehe. Auf einem davon steht oben eine Quadriga.

Es geht eine Einkaufsstraße entlang Richtung Zentrum. Dabei stoße ich gleich auf eine Skulptur, von der ich schon gelesen habe, das Katzendankmal. Auf und an einer Sandsteinsäule, wild durcheinander, alle möglichen streunenden Katzen. Das Denkmal ist ein Deutungsversuch des Straßennamens Kattreppeln. Der hat aber vermutlich gar nichts mit Katzen zu tun, sondern mit Katten, dem Sammelnamen für schwere Kriegsmaschinen des Mittelalters.

Dann komme ich an dem Fanshop von Eintracht Braunschweig vorbei, dem deutschen Meister von 1965. Das Schild gibt Anlass für ein paar Beobachtungen zur Sprache. Als das „beste Deutsch“ gilt ja das Deutsch, das in Hannover gesprochen wird, und die Hannoveraner halten sich das zugute. Aber das ist natürlich blühender Unsinn. Erstens gibt es so etwas wie das „beste Deutsch“ gar nicht, zweitens könnte man das genauso vom Deutsch von Braunschweig, Göttingen oder Wolfenbüttel sagen, und drittens gibt es natürlich auch hier Abweichungen von der Norm oder von dem, was als Norm empfunden wird. Das zeigt sich an dem Namen des Fanshops: Aantracht-Eck.

Ich frage mich zu meinem Hotel durch, dem Ritter St. Georg. Es befindet sich in der Knochenhauerstraße. Das waren die Metzger.

Der erste Eindruck, wenn man um die Ecke biegt, ist hervorragend. Ein altes, dreistöckiges Fachwerkhaus mit verzogenen Planken, mit Zwerchgiebeln und Dachhäusern, von einem Schlachter um 1500 erbaut, um 1700 ausgebaut und mit einem barocken Dielentor versehen.

Heute ist es ein Hotel. Nur: Wie kommt man rein? Die Tür ist verschlossen. Weit und breit niemand zu sehen. Dies ist eine einsame Straße.

An der Tüür eine ganze Reihe von gar nicht barocken QR-Codes und Hinweisen zum Einchecken. Ich versuche es, aber es gibt unendliche Hürden zu überwinden, vor allem bei der Eingabe des Geburtsjahrs. Als das endlich geklappt hat, stehe ich genauso ratlos vor der verschlossenen Tür. An der wird eine Telefonnummer angegeben, an die man sich im Notfall wenden kann. Aber das komme ich nicht durch. Eine Stimme sagt mir, an meinem Telefon sei Irgendwas aktiviert und beendet das Gespräch. Unter der Telefonnummer stehen noch zwei weitere, an die man sich im Notfall auch außerhalb der angegebenen Zeiten Wenden kann. Bei beiden gelange an den Anrufbeantworter. Keine Chance. Ich suche an den Nachbarhäusern nach einer Klingel oder einem lebendigen Menschen – vergeblich. Dann überlege ich, mich nach einem anderen Hotel in der Nähe umzusehen, aber in dem Moment klingelt das Telefon. Anruf aus Hamburg. Der Mann west mich auf die Kästen neben dem Eingang hin, nennt mir die Nummer meines Kästchens und die Geheimzahl, mit der man das Kästchen öffnen kann. Drinnen liegt ein Schlüssel. Doch noch geschafft!

Das Zimmer hat eine ganz niedrige Decke mit schweren Holzbalken, sonst aber eher den Charme der Fünfziger Jahre.

Nach dem Auspacken geht es in die Stadt. Überall Gruppen von traditionell gekleideten Männern und Frauen, die Frauen in langen, bunten Kleidern und bestickten Schultertüchern, die Männer in weißen Hemden und schwarzen Westen und hohen Zylindern. Auf einer Bühne präsentiert eine Gruppe nach der anderen Musik oder Tanz. Dicht gedrängt steht das Publikum vor der Bühne, sieht zu, isst, macht Photos und klatscht.

Wir befinden uns auf dem Kohlmarkt, der einen irreführenden Namen hat. Er müsste eigentlich Kohlenmarkt heißen. Er war die Heimat der Köhler.

Ich suche den Platz nach drei besonderen Häusern ab, alle mit einem Giebel versehen, Steinhäuser, keine Fachwerkhäuser. An einem Giebel ist eine Sonne angebracht, an einem anderen eine Rose, an dem dritten der Mond. Diese Häuser waren ursprünglich Gasthöfe, in der die Besucher der bedeutenden Sommer- und Wintermesse unterkamen, nachdem Braunschweig wieder Residenz geworden war.

Auf dem Altstadtmarkt, ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Hotels, das Altstadtrathaus, die Martinikirche, die ich wegen ihrer Größe und Schönheit fälschlicherweise für den Dom halte, und das langgestreckte Gewandhaus. An dessen Stirnseite ist eine wunderbare, einfach als „Schürze“ vor das Gebäude gehängte Fassade, die mit dem Bau selbst eigentlich nicht zu tun hat. Unten ein Laubengang, dessen Formen sich ober immer wieder wiederholen, dann drei quadratische Stockwerke und dann der hohe Treppengiebel. An den Giebelenden alle möglichen Figuren, ganz oben eine Justitia mit Schwert und Waage, und im Zentrum des Giebels das rote Löwenwappen. Ein Hingucker, etwas für Ansichtskarten oder die Frontseite von Reiseführern.

Dann geht es, über die krumm verlaufende Schuhstraße, mit lauter, in neueren Häusern untergebrachten Geschäften, ans andere Ende der Altstadt. Hier befand sich das Zentrum der Herzöge, als Gegenstück zu dem der Bürger und Handwerker, aus dem ich gerade komme. Unterwegs sehe ich ein Geschäft mit dem Namen Vielharmonie und eine traditionelle Gaststätte mit dem Namen Mutter Habenicht.

Dann kommt der Dom, mit seiner flachen, fast schmucklosen Fassade ganz anders als die Martinikirche, und daneben die Burg Dankwerderode. Hier wimmelt es von Besuchern. Im Zentrum des Platzes der berühmte Löwe, der aber, anders als erwartet, auf einem hohen Podest steht. Ohne Sonne ist er vor den dunklen Wolken bedrohlich und beeindruckend gleichzeitig.

Heinrich der Löwe gehörte zum Geschlecht der Welfen, den Erbfeinden der Staufer. Jetzt lerne ich zum ersten Mal, dass Welfe nicht nur Eigenname, sondern auch Appelativ ist. Er bezeichnet die Jungen des Löwen. Daher also der Löwe als Symboltier der Welfen. Der Name des Geschlechts geht wohl kaum auf das Wort zurück, aber das tat dem Eindruck, den das machte, keinen Abbruch.  

An dem anderen Ende des Platzes das Landesmuseum. Das wird zurzeit saniert, fällt also für die Besichtigungen aus. Es bleiben aber das Herzog Anton-Ulrich-Museum, das Städtische Museum und das Bauernmuseum.t

Auf dem Rückweg treffe ich noch zufällig auf den Ringerbrunnen, den ich sowie sehen wollte. Der Brunnen wird dominiert von einer modernen Skulptur, die zwei muskulöse Ringer darstellt, von denen der eine den anderen gerade auf seine Schulter gehievt hat. Man kann förmlich die Bewegung erahnen. Der Bildhauer, Jürgen Weber, wollte die Ringer ursprünglich nackt darstellen, aber das stieß auf Ablehnung. Weber stattete deshalb seine Ringer mit Badehosen aus. Auf denen stehen die Namen all der Leute, für die die nackten Ringer Stein des Anstoßes waren.

Am Abend habe ich noch die Gelegenheit, in eine Zeitschrift reinzugucken, die ich im Gepäck habe. Da ist in einem Artikel, „Freedom oder Liberty?“, die Rede davon, dass ein französischer Abgeordneter des Europaparlaments die Rückgabe der Freiheitsstatue an Frankreich forderte. Die US-amerikanische Politik sei nicht mehr mit den freiheitlichen europäischen Idealen in Einklang zu bringen.