Braunschweig (2026)

13. Juni (Samstag)

In Braunschweig wurde das erste Fußballspiel in deutschen Landen ausgetragen, in Braunschweig verkehrte der erste deutsche Omnibus, der Löwe vor der Burg ist die älteste freistehende Plastik nördlich der Alpen, das Evangeliar Heinrichs des Löwen wurde auf einer spektakulären Versteigerung bei Sotheby als teuerstes Buch der Welt von der Bundesrepublik ersteigert. Braunschweig hat einiges zu bieten, und nicht nur Superlative.

Braunschweig, aber auch die Umgebung. Hildesheim, Wolfenbüttel, Helmstedt zum Beispiel, alle in kurzer Entfernung gelegen. Helmstedt, das wir meist nur mit dem Grenzübergang zwischen den beiden Deutschlands verbinden, war 200 Jahre lang Sitz der welfischen Universität, bis sie von Napoleon nach Braunschweig (zurück)verlegt wurde. An der Universität in Helmstedt war unter anderem Giordano Bruno tätig, dessen Staue auf dem Campo di Fiori ich von der Reise nach Rom im letzten Jahr noch gut in Erinnerung habe. Wolfenbüttel, im Krieg praktisch unzerstört, hat die größte Bibliothek Europas zu bieten, die Herzog-August-Bibliothek, mit Büchern von der Antike bis zur Moderne (darunter das Evangeliar Heinrichs des Löwen), Die bekanntesten Bibliothekare waren Leibniz und Lessing. Hildesheim, im Krieg schwer getroffen, hat in dem wiederaufgebauten Dom die original erhaltenen berühmten Bronzetüren zu bieten und den „tausendjährigen“ Rosenstrauß. Ein anderes Ziel hat Gifhorn zu bieten. Dort gibt es ein Mühlenmuseum, mit 40 Mühlenmodellen aus 18 Ländern.

Aber jetzt, am frühen Morgen, geht es erst mal darum, überhaupt ans Ziel, also nach Braunschweig, zu kommen. Bei erstaunlich gutem Wetter – kein Vergleich zu gestern – geht es Mosel und Rhein entlang. Die Sonne lässt das Wasser und die weißen Häuser am Uferrand glänzen.

Auf der langen Fahrt habe ich Gelegenheit, in eine Erzählung von Wilhelm Raabe reinzusehen, „Die Schwarze Galeere“. Die Erzählung spielt zur Zeit des Befreiungskampfs der Niederlande gegen Spanien. Ein ehemals geehrter Offizier, der in einem Kampf als einziger überlebte, aber degradiert wurde, weil es die Standarte an den Feind verlor, spricht nachdenklich zu seinen jungen Kameraden über den Krieg, der jetzt schon 32 Jahre dauert und kein Ende nehmen will. „Damals glaubte auch ich noch an Sieg und Ehre in diesem Krieg“, sagt er zu seinem jungen Vorgesetzten, dem Oberst: „Ich habe aufgehört, daran zu glauben und ihre werdet‘s auch, Oberst, so euch Gott das Leben schenkt.“

Raabe, der als Junge ein Gymnasium in Wolfenbüttel besuchte, verbrachte die letzten 40 Jahre seines Lebens in Braunschweig. Im Alter hatte er für die Werke seiner Jugend fast nur noch Verachtung übrig, obwohl die weiterhin sehr populär waren. Für ihn zählten nur seine späteren Werke- Früher habe er Leser gehabt, sagt es, heute Liebhaber der Literatur.

Je länger die Fahrt dauert, umso dunkler wird es. Die Wolken setzen sich durch, die Sonne ist im Norden noch nicht angekommen. Und die Landschaft wird immer flacher. Unendliche Wiesen und Felder, bei denen man nicht weiß, was da wächst, ein paar Weiden mit vereinzelten Schafen oder Kühen und große Flächen mit unzähligen Windrädern, die meisten davon im Stillstand.

Eigentlich soll die Fahrt sieben Stunden dauern, aber wer glaubt, dass das alles so reibungslos abläuft, hat die Rechnung ohne die Deutsche Bahn gemacht. Am Ende komme ich mit ordentlicher Verspätung und einer satten Nachzahlung in Braunschweig an.

Gleich vor dem Bahnhofsplatz ist die große, überdachte Haltestelle für Busse, in zwei Spuren, und für die hochmodernen Straßenbahnen, auch in zwei Spuren.

Als ich in die Straßenbahn einsteige, beginnt es zu regnen, aber als ich aussteige, hat der Regen fast schon wieder aufgehört.

Entlang der schnurgeraden Strecke eine kilometerlange Aneinanderreihung von Zelten mit Informationsständen und Imbissständen. An diesem Wochenende findet hier der „Tag der Niedersachsen“ statt. In der Stadt ist es rappelvoll.

Am Schloss steige ich aus. Auf dem Schlossplatz zwei sich gegenüberliegende repräsentative Gebäude, die ich aber nur aus einem Augenwinkel sehe. Auf einem davon steht oben eine Quadriga.

Es geht eine Einkaufsstraße entlang Richtung Zentrum. Dabei stoße ich gleich auf eine Skulptur, von der ich schon gelesen habe, das Katzendenkmal. Auf und an einer Sandsteinsäule, wild durcheinander, alle möglichen streunenden Katzen. Das Denkmal ist ein Deutungsversuch des Straßennamens Kattreppeln. Der hat aber vermutlich gar nichts mit Katzen zu tun, sondern mit Katten, dem Sammelnamen für schwere Kriegsmaschinen des Mittelalters.

Dann komme ich an dem Fanshop von Eintracht Braunschweig vorbei, dem deutschen Meister von 1967. Das Schild gibt Anlass für ein paar Beobachtungen zur Sprache. Als das „beste Deutsch“ gilt ja das Deutsch, das in Hannover gesprochen wird, und die Hannoveraner halten sich das zugute. Aber das ist natürlich blühender Unsinn. Erstens gibt es so etwas wie das „beste Deutsch“ gar nicht, zweitens könnte man das genauso vom Deutsch von Braunschweig, Göttingen oder Wolfenbüttel sagen, und drittens gibt es natürlich auch hier Abweichungen von der Norm oder von dem, was als Norm empfunden wird. Das zeigt sich an dem Namen des Fanshops: Aantracht-Eck.

Ich frage mich zu meinem Hotel durch, dem Ritter St. Georg. Es befindet sich in der Knochenhauerstraße. Das waren die Metzger.

Der erste Eindruck, wenn man um die Ecke biegt, ist hervorragend. Ein altes, dreistöckiges Fachwerkhaus mit verzogenen Planken, mit Zwerchgiebeln und Dachhäusern, von einem Schlachter um 1500 erbaut, um 1700 ausgebaut und mit einem barocken Dielentor versehen.

Heute ist es ein Hotel. Nur: Wie kommt man rein? Die Tür ist verschlossen. Weit und breit niemand zu sehen. Dies ist eine einsame Straße.

An der Tür eine ganze Reihe von gar nicht barocken QR-Codes und Hinweisen zum Einchecken. Ich versuche es, aber es gibt unendliche Hürden zu überwinden, vor allem bei der Eingabe des Geburtsjahrs. Als das endlich geklappt hat, stehe ich genauso ratlos vor der verschlossenen Tür. An der wird eine Telefonnummer angegeben, an die man sich im Notfall wenden kann. Aber da komme ich nicht durch. Eine Stimme sagt mir, an meinem Telefon sei irgendwas aktiviert und beendet das Gespräch. Unter der Telefonnummer stehen noch zwei weitere, an die man sich im Notfall auch außerhalb der angegebenen Zeiten wenden kann. Bei beiden gelange ich an den Anrufbeantworter. Keine Chance. Ich suche an den Nachbarhäusern nach einer Klingel oder einem lebenden Menschen – vergeblich. Dann überlege ich, mich nach einem anderen Hotel in der Nähe umzusehen, aber in dem Moment klingelt das Telefon. Anruf aus Hamburg. Der Mann weist mich auf die Kästen neben dem Eingang hin, nennt mir die Nummer meines Kästchens und die Geheimzahl, mit der man das Kästchen öffnen kann. Drinnen liegt ein Schlüssel. Doch noch geschafft!

Das Zimmer hat eine niedrige Decke mit schweren Holzbalken, sonst aber eher den Charme der Fünfziger Jahre.

Nach dem Auspacken geht es in die Stadt. Überall Gruppen von traditionell gekleideten Männern und Frauen, die Frauen in langen, bunten Kleidern und bestickten Schultertüchern, die Männer in weißen Hemden und schwarzen Westen und hohen Zylindern. Auf einer Bühne präsentiert eine Gruppe nach der anderen Musik oder Tanz. Dicht gedrängt steht das Publikum vor der Bühne, sieht zu, isst, macht Photos und klatscht.

Wir befinden uns auf dem Kohlmarkt. Dessen Name ist irreführend. Er müsste eigentlich Kohlenmarkt heißen. Er war die Heimat der Köhler.

Ich suche den Platz nach drei besonderen Häusern ab, alle mit einem Giebel versehen, Steinhäuser, keine Fachwerkhäuser. An einem Giebel ist die Sonne angebracht, an einem anderen eine Rose, an dem dritten der Mond. Diese Häuser waren ursprünglich Gasthöfe, in der die Besucher der bedeutenden Sommer- und Wintermesse unterkamen, nachdem Braunschweig wieder Residenz geworden war.

Auf dem Altstadtmarkt, ebenfalls in unmittelbarer Nähe des Hotels, das Altstadtrathaus, die Martinikirche, die ich wegen ihrer Größe und Schönheit fälschlicherweise für den Dom halte, und das langgestreckte Gewandhaus. An dessen Stirnseite ist eine wunderbare, einfach als „Schürze“ vor das Gebäude gehängte Fassade, die mit dem Bau selbst eigentlich nicht zu tun hat. Unten ein Laubengang, dessen Formen sich oben immer wieder wiederholen, dann drei quadratische Stockwerke und dann der hohe Treppengiebel. An den Giebelenden alle möglichen Figuren, ganz oben eine Justitia mit Schwert und Waage, und im Zentrum des Giebels das rote Löwenwappen. Ein Hingucker, etwas für Ansichtskarten oder die Frontseite von Reiseführern.

Dann kämpfe ich mich zum Domplatz durch, am anderen Ende der Altstadt. Ich verlaufe mich dabei, komme an lauter, in neueren Häusern untergebrachten Geschäften vorbei und gerate ans Schloss. Dann klappt es doch noch.

Hier, am Domplatz, befand sich das Zentrum der Herzöge, als Gegenstück zu dem der Bürger und Handwerker, aus dem ich gerade komme. Unterwegs sehe ich ein Geschäft mit dem Namen Vielharmonie und eine traditionelle Gaststätte mit dem Namen Mutter Habenicht.

Dann kommt der Dom, mit seiner flachen, fast schmucklosen Fassade ganz anders als die Martinikirche, und daneben die Burg Dankwerderode. Hier wimmelt es von Besuchern. Im Zentrum des Platzes der berühmte Löwe, der aber, anders als erwartet, auf einem hohen Podest steht. Ohne Sonne wirkt er vor den dunklen Wolken bedrohlich und beeindruckend gleichzeitig.

Heinrich der Löwe gehörte zum Geschlecht der Welfen, den Erbfeinden der Staufer. Jetzt lerne ich zum ersten Mal, dass Welfe nicht nur Eigenname, sondern auch Appelativ ist. Er bezeichnet die Jungen des Löwen. Daher also der Löwe als Symboltier der Welfen. Der Name des Geschlechts geht wohl kaum auf das Wort zurück, aber das tat dem Eindruck, den das machte, keinen Abbruch.  

Das Wort Dom wird hier zurückgeführt auf tumba, dem lateinischen Wort für „Grab“. Aus der Thumskirche ist dann die Domkirche geworden. Wenn das stimmt, ist es eine interessante Alternative zu der Ableitung vom lateinischen domus, dem „Haus“ (Gottes).

An dem anderen Ende des Platzes das Landesmuseum. Das wird zurzeit saniert, fällt also für die Besichtigungen aus. Es bleiben aber das Herzog Anton-Ulrich-Museum, das Städtische Museum und das Bauernmuseum.

Auf dem Rückweg treffe ich noch zufällig auf den Ringerbrunnen, den ich sowie sehen wollte. Der Brunnen wird dominiert von einer modernen Skulptur, die zwei muskulöse Ringer darstellt, von denen der eine den anderen gerade auf seine Schulter gehievt hat. Man kann förmlich die Bewegung erahnen. Der Bildhauer, Jürgen Weber, wollte die Ringer ursprünglich nackt darstellen, aber das stieß auf Ablehnung. Weber stattete deshalb seine Ringer mit Badehosen aus. Auf denen stehen in goldenen Buchstaben die Namen all der Leute, für die die nackten Ringer Stein des Anstoßes waren.

Am Abend habe ich noch die Gelegenheit, in eine Zeitschrift reinzugucken, die ich im Gepäck habe. Da ist in einem Artikel, „Freedom oder Liberty?“, die Rede davon, dass ein französischer Abgeordneter des Europaparlaments die Rückgabe der Freiheitsstatue an Frankreich forderte. Die US-amerikanische Politik sei nicht mehr mit den freiheitlichen europäischen Idealen in Einklang zu bringen.

14. Juni (Sonntag)

Am Morgen in „Die Schwarze Galeere“ reingeguckt. Da erfährt man, dass Galeere auf ein griechisches Wort zurückgeht, das „Wiesel“ bedeutet, und Partisane auf ein italienisches Wort, das eine Stichwaffe bezeichnet, eine Art Spieß mit Flügelspitzen an der Klinge.

Am Morgen begnüge ich mich mit dem unsäglichen Früchtetee, den das Hotel bereitstellt. Als ich am Abend von meinem Spaziergang zurückkomme, kann ich aber bei Edeka eine Packung schwarzen Tee kaufen. Die Geschäfte sind alle offen. Wohl wegen des Tags der Niedersachsen. Die Kassiererin hat Glatze und eine Tätowierung auf dem Hinterkopf.

Der Tag bietet eine schnelle Abfolge von heftigen Schauern, sonnigen Momenten, Regenpausen und Nieselregen. Aus der Heimat bekomme ich Bilder von sonnenbeschienenen Terrassen.

Für mich geht es unter dunklen Wolken direkt zu dem nahen Altstadtmarkt. Der Platz ist fast menschenleer. Bis hierher kommt der Tag der Niedersachsen nicht.

Der Marienbrunnen im Zentrum des Platzes, klein und unscheinbar, ist eine echte Schönheit. Man muss nur genau hinsehen. Von weitem sieht man auch nicht, warum er Marienbrunnen heißt. Die Marienfigur versteckt sich unter einem filigran gestalteten Baldachin ganz oben. Der Brunnen hat drei Schalen mit einer Vielzahl von Abbildungen, die man auch leicht übersehen kann. Hier gibt es Arabesken, Tiere und Fabelwesen, Wappen der Kurfürsten und der neun guten Helden – drei christliche, drei jüdische, drei heidnische – Propheten und Heilige mit Spruchbändern und Inschriften. Ein Meisterwerk der spätgotischen Kunst.

Der Brunnen ist aus weichem Bleimetall gemacht, und überlebte den Krieg nicht, obwohl er gegen die Hitze geschützt war. Aber nicht genug. Der ganze Aufbau schmolz weg, die Schale des Originalbrunnens steht noch im Städtischen Museum. Braunschweig wurde so stark zerstört wie wenige andere deutschen Städte, und was wir hier im Zentrum sehen, ist meist renoviert oder wiederaufgebaut.

Am Ende der weitgehend nackten Längsseite des Gewandhauses, die so sehr mit der Stirnseite kontrastiert, sieht man ein vorgelagertes Fachwerkhaus mit verzierter Fassade. Das stammt gar nicht von hier, sondern aus einem anderen Teil der Stadt. Nach dem Krieg hat man es hier platziert. Es steht stellvertretend für die anderen Häuser, die früher die ganze Längsseite des Gebäudes einnahmen. Sie waren nicht direkt an die Seitenwand angeklebt, sondern ließen einen Gang frei für die Händler. Das Fehlen dieser Vorbauten erklärt die etwas zu nüchtern geratene Seite des Gewandhauses, das das Haus der reichsten Gilde der Stadt war, der Gewandschneider.

Die Martinikirche ist ein weiteres Schmuckstück des Altstadtmarktes. Sie hat nur ein Manko: Sie ist geschlossen. Man kann aber auch von außen die Baugeschichte ablesen. Der Westen, mit seiner schlichten, an eine Festung erinnernden Fassade, kontrastiert stark mit den mit Giebeln und Fialen versehenen Seiten und der Ostapside. Die Sache ist so: Es handelte sich um eine romanische Basilika, die dann in eine gotische Hallenkirche verwandelt wurde. Dieses Muster ist an unzähligen Pfarrkirchen des historischen Zentrums zu beobachten. Warum? Weil man sich mit allen Mitteln vom Dom und damit vom Herzog absetzen wollte. Die Querelen, die Auseinandersetzung mit ihm und die Feindschaft zwischen den beiden bestimmen die Geschichte Braunschweigs durch Jahrhunderte.

Der andere Hingucker am Altstadtmarkt ist das Alte Rathaus, ein weiteres echtes Schmuckstück, auch schwer mitgenommen im Krieg. Aber die doppelten Laubengänge, doppelt in den Stockwerken und zu den Seiten, blieben im Wesentlichen erhalten. Heute sieht das Gebäude tatsächlich mittelalterlich aus. Und gibt eine Ahnung von dem Reichtum der Stadt. Hier wurde Handel getrieben, und wie! Als äußeres Zeichen ist in einen der Pfeiler die Braunschweiger Elle eingelassen, das verbindliche Längenmaß. Damit wurde Betrügereien vorgebeugt.

Im Alten Rathaus befindet sich das Städtische Museum. In der Eingangshalle ein großes Stadtmodell von 1674. Warum aus dieser Zeit? Das war in einem Moment, wo der Herzog mal wieder die Oberhoheit zurückerobert hatte. Man sieht die Stadtmauern und die um die Stadtmauern herumgeleitete Oker. Man sieht deutlich den getrennten Bereich des Herzogs von der Stadt. Hier galt Stadtrecht, dort galt Landesrecht. Im Laufe der Zeit hatte der Herzog der Stadt, um Geld zu machen, immer mehr Privilegien zugestanden, das Patronatsrecht, das Münzrecht, Gerichtsbarkeit.

Von der Stadt Braunschweig kann erst im Laufe der Geschichte die Rede sein. Ursprünglich handelte es sich um fünf Weichbilder, Gebiete, die mehr als Stadtteile waren, weil sie unabhängig waren, jede mit ihrem eigenen Markt und mit ihrer eigenen Pfarrkirche. Das erklärt die vielen Kirchen im historischen Zentrum. Die fünf Weichbilder hießen Altstadt, Neustadt, Altewiek, Hagen, Sack.

Das Wort Weichbild, auf das man immer wieder stößt, ist etwas irreführend. Mit weich hat es nichts zu tun, sondern mit wich (althochdeutsch für „Wohnstätte“), auf vicus zurückgehend, dem lateinischen Wort für „Dorf“, und einem zweiten Bestandteil im Sinne von „Recht“ (vgl. UnbilI)

In dem Stadtmodell sieht man noch, wie die Oker durch die Innenstadt fließt. Hier ist sie jetzt nicht mehr zu sehen. Sie fließt unterirdisch, hat aber noch ihren alten Verlauf entlang der ehemaligen Stadtmauer, umfließt also das historische Zentrum. Von ihr habe ich bis jetzt nichts zu sehen bekommen.

Das ganze Gebiet war ursprünglich Sumpfgebiet, keine gute Voraussetzung für die Entstehung einer Stadt. Dennoch entschied sich Heinrich der Löwe, hier seine Residenz zu errichten. Das war an sich schon eine wichtige Erneuerung, denn bisher zogen die Fürsten, wie Karl der Große, noch von Pfalz zu Pfalz, um die Kontrolle zu behalten. Sie hatten keine feste Residenz.

Aber warum ausgerechnet in diesem Sumpfgebiet? Erstens führte hier eine Furt durch die Oker, zweitens trafen hier zwei Handelswege aufeinander, einer davon der Hellweg. Heinrich warb Siedler aus Friesland an. Die verstanden sich auf das Trockenlegen von Sümpfen. Aus ihnen entstammten dann Familien von Handwerkern und Kaufleuten, die sich vom Herzog unabhängig machten.

Braunschweig liegt in der Übergangszone von Mittelgebirge und Tiefland, fruchtbar gemacht durch Löß (in der in Eiszeit durch Winde vom Norden eingeweht). Weiter nordwärts findet sich eher sandiger, lehmiger Boden.

Es gibt zwei Phasen der historischen Aufwärtsentwicklung, die unter Heinrich dem Löwen (12. Jahrhundert) und die nach der Rückkehr der Herzöge (18. Jahrhundert).

Später wurde Braunschweig zur Vorzeigestadt der Nazis. Die Stadt wollte ihrem Namen Ehre machen.

Hier erfährt man auch ein gar nicht so unbedeutendes Detail aus der Nazizeit: Hitler hatte 1925 auf seine österreichische Staatsbürgerschaft verzichtet und war staatenlos. Der braunschweigische Ministerpräsident, ein gewisser Dietrich Klagges, startete dann 1932 eine Initiative, um Hilter zur deutschen Staatsbürgerschaft zu verhelfen. Zunächst wollte man ihn zum Professor machen, aber dafür fehlten die rechtlichen Voraussetzungen. Daraufhin machte man ihn zum Regierungsrat, und damit erhielt er automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Aus dem Stadtmuseum geht es auf den Kohlmarkt. Um den Till Eulenspiegel zu sehen zu bekommen, muss ich mich gedulden. Bei Nieselregen und Kälte stehe ich vor dem Haus und warte darauf, dass sich die Luke unter der Uhr im Giebel öffnet. Merkwürdigerweise tut das sonst niemand. Auf diesem Platz, so heißt es in einem der Balken des Fachwerkhauses, spielte Till Eulenspiegel Anno 1325 dem Stiefelmacher Christoffer ein Schelmenstück. Dann, als ich schon aufgeben wollte, öffnet sich die Luke doch noch. Till Eulenspiegel, im bunten Schelmenkostüm mit Narrenkappe, Spiegel und Eule in der Hand, erscheint und hält den Zuschauern den Spiegel entgegen. Dazu erklingen die Glocken, die an der Fassade des Hauses angebracht sind. Sie spielen „Ännchen von Tharau“. Ob das was mit Till Eulenspiegel zu tun hat? Inzwischen hat sich doch noch eine Gruppe asiatischer Touristinnen vor dem Fachwerkhaus aufgebaut.

Auf der Bühne auf dem Kohlplatz hat eine Trachtengruppe ihren Auftritt. Vor dem Brunnen steht eine andere Gruppe, lauter Frauen in langen, blauen Kleidern, ganz nah aneinander gedrängt unter Regenschirmen. Wird ein schöner Schnappschuss.

Diesmal finde ich den Weg zum Dom besser. Es geht durch die Fußgängerzone, über die sich krumm windende Schuhstraße, mit Geschäften auf beiden Seiten. In einer modernen Glasfassade spiegeln sich die Fassaden der gegenüberliegenden Gebäude. Das auffälligste Gebäude ist eine alte Apotheke, an der sich zwei Straßen teilen.

In einer Nebenstraße fällt mein Blick zufällig auf ein Lokal, in einem niedrigen Haus mit einem Storch auf dem Dach eingeklemmt zwischen zwei Hohen Bauten. Das Lokal ist das Mutter Habenicht

Auf dem Domplatz auch noch ziemliches Gewimmel durch den „Tag der Niedersachsen“. Aber das stört nicht weiter bei der Besichtigung.

Die Westfront des Doms ist schmucklos und nüchtern, keine Lisenen, keine Kolumnen, keine Galerien, nur ganz oben ein vermutlich später eingearbeitetes Fenster.

Man betritt den Dom durch das Nordportal. Außen sind zu beiden Seiten deutliche Kratzspuren am Portal zu erkennen. Die kommen der Legende nach von dem Löwen und seinen verzweifelten Versuchen, in die Kirche zu gelangen, nachdem sein Herr, Heinrich der Löwe, verstorben war und in dem Dom bestattet wurde.

Wenn man reinkommt, ist man sofort gebannt. Das nördliche Seitenschiff ist ganz anders als alles, was der Dom außen vermuten lässt. Die beiden Schiffe sind getrennt durch hohe, gedrechselte Säulen, jede anders als die anderen. Das erinnert an den englischen Perpendicular Style, die letzte Etappe der Gotik. Das dürfte kein Zufall sein: Mathilde, eigentlich Matilda, Heinrichs Ehefrau, war Engländerin. Sie wurde in Windsor Castle geboren.  Heinrich II., auf dessen Geheiß Thomas Becket, der Erzbischof von Canterbury, ermordet wurde, war ihr Vater.

Am östlichen Ende des Seitenschiffs hängt das Imerward-Kreuz, eine überlebensgroße Darstellung Christi, die vor der weißen Wand voll zur Geltung kommt. Das Kreuz zählt zu den wertvollsten Ausstattungstücken des Doms. Christus ist nicht leidend dargestellt, sondern als Triumphator. Es gibt keine Wundmale, die Arme hängen waagerecht, die Beine stehen nebeneinander. Kleidung, Haare und Bart entsprechen der Ausstattung der griechischen Kaiser. Die Skulptur hat eine Öffnung im Hinterkopf, die als Reliquienbehälter dient.  

Im südlichen Seitenschiff steht ein anderer Christus, ein Leidender, überwältigt von Schmerz. Daneben eine Martersäule mit Nägeln, Strick, Ohr, Schweißtuch und Hahn des Petrus. Diese beiden Stücke stammen vermutlich aus dem 15. Jahrhundert, sind fast 400 Jahre jünger als das Imeward-Kreuz.

Hier im Seitenschiff ist auch ein Faksimile des Evangeliars von Heinrich ausgestellt, dessen Original für eben diese Kirche bestimmt war. Zwei Seiten sind aufgeschlagen, aber ich kann die Szenen nicht identifizieren. Die Bebilderung ist überreich, und man sieht eine große Menge unterschiedlicher Farben, darunter auch das wertvolle Blau. An ein oder zwei Stellen erahnt man sogar so etwas wie eine Perspektive. Es wimmelt nur so von Motiven: Man sieht Pfeiler, man sieht Bögen, man sieht eine Burg, man sieht Ranken, man sieht engelsähnliche Figuren an den vier Enden, eine Taube und in der Mitte einen bärtigen Mann mit nackten Füßen, der dem Beobachter ein aufgeschlagenes Buch entgegenhält, bei dem eine Seite beschrieben und eine noch leer ist.

Im Mittelschiff gerät sofort der riesige siebenarmige Leuchter in den Blick, der im Chor hinter dem Altar hängt. Er ist aus Bronze und stellt einen stilisierten Lebensbaum dar. Er ist ein echter Hingucker. Hier mache ich ein Photo, das zusammen mit dem vom Imeward-Kreuz zu den schönsten aus dem Dom gehört.

Davor der auf den ersten Blick nicht auffallende Marienaltar, ganz niedrig und klein, mit einer Marmorplatte versehen. Er sieht modern aus, stammt aber aus dem 12. Jahrhundert und war ein Geschenk Matildas. Der Altar hat fünf statt vier Säulen. Die fünfte, mittlere Säule ist mit einer Verzierung versehen. Sie dient auch zur Verwahrung von Reliquien. Ob die Zahl 5 hier eine symbolische Bedeutung hat, finde ich nicht heraus. 

Das wichtigste Ausstattungsstück des Doms ist das Grabmal von Heinrich und Matilda, wohl erst nach ihrem Ableben gefertigt. Sie liegen auf Kissen und scheinen gleichzeitig auf kleinen Sockeln zu stehen, eine für das Hochmittelalter gängige Darstellung Verstorbener. Der Altersunterschied – er war 30 Jahre älter als sie – ist nicht zu erkennen. Heinrich hält ein Schwert in einer Hand und in der anderen ein Modell dieser Kirche, dessen Stifter er ja war. Matilda trägt eine Krone, und der Mantel mit reichem Faltenwurf, fällt wie ein leichtes Tuch über die Beine und deckt ein Gewand zu.

Mir bringt dieser Sarkophag den von Dom Pedro in Alcobaça in Erinnerung. Der ist allerdings dort nicht mit seiner Ehefrau, sondern mit seiner Geliebten dargestellt, die er nie heiraten konnte, weil sein Vater, der damalige König, dagegen war. Die beiden liegen allerdings nicht nebeneinander, sondern liegen sich gegenüber, so dass sie am jüngsten Tag sich gleich nach der Erweckung in die Augen sehen können.

Ich gehe aus dem Dom und wende mich der Burg zu, der Burg Dankwarderode, auch die von Heinrich errichtet, der einen Vorgängerbau an gleicher Stelle abreißen ließ. Die Burg wurde mehrmals durch Brand zerstört. Nach dem letzten Brand im 19. Jahrhundert wurde sie komplett erneuert, unter Wahrung der älteren Substanz. Der Burg ist ein Querhaus mit Eingang im Erdgeschoss und ein Treppenaufgang im Obergeschoss vorgelagert. Das setzt sie von anderen Burgen ab und macht ihren Wiedererkennungswert aus.

Die Burg sei heute geschlossen, sagt mir ein Wärter am Eingang, nur der Rittersaal sei geöffnet. Ob denn die Burg morgen geöffnet sei, will ich wissen. Nein, auch nicht. Wann kann ich denn wiederkommen, frage ich. Die Antwort: 2031.

Also begnüge ich mich mit dem Rittersaal oben, einem prunkvollen, großen Raum mit einer Eichenholzdecke, Wandmalereien und Messingleuchtern. Die ganze Pracht nimmt einem den Atem, aber alles sieht etwas überkandidelt aus. Was würden wohl die Erbauer des Mittelalters dazu sagen? Würden sie es wiedererkennen? Die Besucher sind jedenfalls alle beeindruckt.

Ich widme mich, fast schon auf dem Weg nach draußen, der Eingangstür, aus hellem Holz mit Quadraten auf beiden Seiten, in die die verschiedensten Abbildungen eingeschnitzt sind, einige eher realistisch, die meisten eher phantastisch: ein Leier spielender Affe, ein Jagdhund, mit Halsband, in Sitzstellung, ein gemütlich auf dem Boden liegendes Kamel, eine barbusige Meerjungfrau, die ihre beiden Flossen in der Hand hält, ein Vogel in einem Gebüsch, aus dem Schlangenköpfe hinausschauen, ein Zentaur mit Pfeil und Bogen. Leicht zu übersehen, aber schön.

Auf dem Burgplatz sehe ich mir dann noch das Huneborstelsche Haus an, das Gildenhaus, mit überreichen Schnitzereien. Leider hat es gerade angefangen zu regnen, und ich kann die Details gar nicht richtig würdigen. An den Konsolen sind Figuren angebracht, die aus dem Bürgertum der Zeit zu stammen scheinen, aber auch Till Eulenspiegel. Über den Querbalken eine andere Sippe, Szenen mit menschlichen und tierischen, kaum zu identifizierenden Gestalten, die sich miteinander vergnügen oder miteinander streiten. Man muss bei der Einschätzung des Realismus solcher Gestalten immer bedenken, dass die Künstler, die zum Beispiel einen Löwen darstellten, nie im Leben einen Löwen gesehen haben.  

Das Haus hat oben eine Ladeluke, mit der sperrige Güter hineinbefördert wurden. Das Dach diente als Lagerraum. Deshalb haben die Fenster oben kein Glas, nur Gitter. So konnte der eindringende Wind die Waren trocknen oder trocken halten.

Vom Burgplatz geht es zum Eulenspiegeldenkmal. Der Weg erweist sich als kompliziert. Ich verliere die Orientierung und komme auch mit Fragen nicht weiter. Keiner scheint es zu kennen. Erst ein Pastor in einer kleinen Kirche kann mir Auskunft geben, aber auch dann dauert es noch was, bin ich es finde.

In dem Brunnen sieht man Eulenspiegel, ohne die typischen Attribute, lässig auf einem Podest sitzend, die Beine übereinandergeschlagen. Er sieht auf die Figuren auf dem Brunnenrand hinunter, Eulen und Meerkatzen, immer abwechselnd. Ein Bäcker hatte Eulenspeigel aufgefordert, über Nacht Brot zu backen. Was er denn backen solle, fragte Eulenspiegel. Daraufhin der Bäcker ironisch: Eulen und Meerkatzen. Eulenspiegel nahm das wörtlich und backte Brote, die die Form von Eulen und Meerkatzen hatten. Der Bäcker, als er das am nächsten Morgen sah, jagte Eulenspiegel entrüstet davon. Der ging zum Markt und verkaufte dort seine Eulen und Meerkatzen – mit großem Erfolg.

Meine Umwege führen mich über eine Straße, die Kaffeetwete heißt und eine, die Bäckerklint heißt (Klingt ist niederdeutsch für „Anhöhe“) und an einem Frisörsalon vorbei, der Über kurz oder lang heißt.

Nur aus der Distanz sehe ich St. Petri, eine Kirche, die im Gegensatz zu den anderen Kirchen der Altstadt, nur einen Tum hat. Auf dem sitzt ein moderner Hahn, der kaum als solcher zu erkennen und etwas schwergewichtig geraten ist.  

Jetzt komme ich endlich auch mal an die Oker, einen kleinen Fluss mit grasbestandenem Ufer und Bäumen auf beiden Seiten. Die spiegeln sich in der glatten Oberfläche des Wassers. Der Name Oker hat was mit Acker zu tun, er ist zusammengezogen aus Ovakara, der „obere Acker“. 

Die Oker ist klein, war aber für den mittelalterlichen Handel nicht unbedeutend. Es gibt eine große Anzahl relativ großer Dörfer in der Umgebung. Das kann als Beleg für die Standortgunst gesehen werden.

Für mich geht es weiter nach St. Andreas, das ist die Pfarrkirche der Neustadt. Vor der Kirche verkündet ein Schild, dass man heute den Turm besteigen kann: 389 Stufen. Dazu reicht meine Kraft aber nicht.

Der Turm hat eine bemerkenswerte Geschichte. Er war einmal, Signal der stolzen Unabhängigkeit der Stadt Braunschweig, 122 Meter hoch und damit, nach dem Straßburger Münster und dem Wiener Stephansdom, der dritthöchste Turm in alten Reich. Damit war er dem Landesherrn ein Dorn im Auge. Der befahl 1550, den Turm mit Kanonen zu beschießen, 467x-mal der Legende zufolge – vergeblich. Was die Kanonen nicht konnten, das gelang später der Natur. Der Turm wurde von einem Blitz getroffen und auf Normalmaß zurechtgestutzt. Ist aber auch heute noch der höchste der Stadt.

Da die Kirche geöffnet ist, kann ich hier nachholen, was mir in der Martini-Kirche verwehrt blieb: die Baugeschichte ablesen. Es ist das gleiche Prinzip wie in den anderen Kirchen, und das ist auch leicht zu erkennen: Aus der romanischen einschiffigen Basilika wurde eine dreischiffige gotische Hallenkirche. Die Seitenschiffe sind eindeutig später als das Mittelschiff und so hoch, dass man sie kaum wahrnimmt.

Auf den ersten Blick auffallend sind die bunten Fenster im Süden und im Norden, vor allem durch die vielen Darstellungen in den Giebelfeldern. Das Bilderprogramm stammt einer Inschrift zufolge von 1405. Ich habe genug Zeit, da ich ganz allein in der Kirche bin, aber man muss sich den Hals verrenken, um die Szenen zu erkennen, und manchmal kann man sie allenfalls erahnen: Anbetung der Könige, Flucht aus Ägypten, Kindermord, Jesus im Tempel usw. Einige der Figuren sind nicht gerade formvollendet und haben im Volksmund den Namen „Krüppel“ bekommen. Das gab der vorbeiführenden Straße den Namen Kröppelstraße.

Der Turm der Kirche, der größere der beiden, kommt nachher, als ich die Kirche schon verlassen habe, noch mal voll zur Geltung. Er kommt wunderbar hinter der Alten Waage zum Vorschein, erhebt sich über sie. Die Alte Waage gilt als das schönste Fachwerkhaus Braunschweigs. Sie steht völlig frei. Mann kann sie von allen vier Seiten „begutachten“. Das Gebäude, durch horizontale Holzbalken mit Konsolen schön gegliedert, hat auf den Längsseiten Zwerggalerien. Zwischen den senkrechten Holzbalken hat sie rote Klinker, deren Fugen Weiß gehalten sind.

Auch die Alte Waage wurde im Krieg völlig zerstört und danach wieder aufgebaut. Bis dahin diente sie als Kornkammer, aber ursprünglich war sie das Waaghaus. Hier konnte man im Mittelalter sämtliche Maße überprüfen lassen.

Ich will noch zum Lessingdenkmal, ans andere Ende der Innenstadt. Die Beine werden immer schwerer, aber als ich wieder in lebendigere Viertel komme, mache ich in einer Dönerbude halt und mache dort Pause. Dann geht es weiter.

Lessing steht etwas versteckt in einem Park hinter einer Kirche. Er steht auf einem hohen Sockel, an eine abgebrochene Säule gelehnt, in zeitgenössischer Tracht. Wenn ich das richtig erkenne, trägt er Stiefel, eine bestickte, geschlossene Weste und darüber einen offenen Rock, auf dem Kopf eine Perücke. Ein Buch ist nirgendwo zu sehen. Wohin der ausgestreckte Finger der vor der Brust gehaltenen Hand zeigt, lässt sich nicht feststellen.

Auf dem Rückweg komme ich an einem Kindergarten vorbei, an dessen Fassade eine Reihe überdimensionaler Farbstifte angebracht ist, einer neben dem anderen, unterschiedlich lang. Ein sehr schönes Photomotiv.  

Auf dem Kohlmarkt mache ich ein Photo von dem schönen Brunnen. Hier stand ursprünglich ein Trinkbrunnen. Nachdem der nicht mehr benötigt wurde, beschloss man, an gleicher Stelle einen Zierbrunnen zu errichten. Der Brunnen hat drei Schalen. Die mittlere Schale wird durch acht Pfeiler begrenzt, und auf jedem Pfeiler befindet sich ein Triton, der, zurückgelehnt, aus einem Horn heraus Wasser in die obere Schale bläst. Klasse gemacht.

15. Juni (Montag)

Da er heute den Vormittag frei hat, kann ich mich mit Marc treffen, der seit vielen Jahren hier in Braunschweig an einer Schule ist. Als ich aus dem Hotel komme, wartet er schon draußen und hat gleich eine Lösung für ein Problem, das sich ergeben hat, weil man seinen Koffer im Hotel am Abreisetag nicht deponieren kann. Er schlägt vor, ihn in seinem Auto zu parken. Das steht auf dem Schulhof, mitten in der Altstadt. In ein paar Minuten sind wir da.

Ich komme aus dem Staunen nicht heraus, vor allem, als er auf ein altes Fachwerkhaus zeigt und mir erklärt, da oben sei sein Büro. Es ist ein ehemaliges Stiftsherrenhaus nmittelbar von der Fußgängerzone aus einzusehen. Die Schule liegt etwas weiter zurück. Es ist ein als Mädchenschule im 19. Jahrhundert gegründetes Gymnasium. An der Seite eine große Baustelle. Dort entsteht ein Erweiterungsbau und ein Wohnhauskomplex – mitten in der Stadt.

Die Schule liegt, wie Marc mit einem Lächeln sagt, zwischen Moschee und Rotlichtviertel. Das Schild zur Moschee habe ich gestern schon gesehen.

Im Laufe des Vormittags begegnen wir immer wieder Leuten, die ihn grüßen: Schüler, Kollegen, Nachbarn.

Er führt mich in ein Café, in das ich allein nie gegangen wäre. Aber es ist gut. Wir bekommen ein opulentes Frühstück und können uns ausgiebig unterhalten.

Marc wohnt gar nicht in Braunschweig, er wohnt in Wolfenbüttel. Warum? Wegen der Immobilienpreise. Die seien in Braunschweig auch nicht günstiger als in Trier.

Seine Frau hat auch Anglistik studiert, auch in Trier. Aber kennengelernt haben sie sich nicht in der Anglistik, sondern beim Latinum. Sie kommt aus Berlin, er aus dem Saarland, und jetzt sind sie in Niedersachsen gelandet.

Der Beruf macht ihm Spaß. Dass er ein engagierter Lehrer ist, das spürt man förmlich, aber er sagt, er müsse lernen, sich manchmal etwas zurückzunehmen, um sich nicht zu übernehmen.

Er ist jetzt neun Jahre an der Schule. Die jetzigen Abiturienten sind die ersten, die er schon kennt, seitdem sie in die Schule gekommen sind, von Sexta bis Oberprima. Fühlt sich merkwürdig an.

Heute Nachmittag findet ein Fußballspiel Schüler gegen Lehrer statt. Da ist er auch dabei. Mittelfeld. Er bietet auch einen Wahlpflichtkurs mit dem Thema Fußballkultur an.

Bei der Eintracht kennt er sich auch aus. Ganz schlimm sei das Verhältnis der Braunschweiger zu Hannover 96. Das sei nicht nur Konkurrenz, sondern geradezu Hass.

Von der Meisterschaft von 1967 weiß er natürlich auch. Die wirkt bis heute nach: In jedem Spiel intonieren die Anhänger in der 67. Minute die Hymne der Eintracht.

Das Jahr in Oxford während des Studiums, sagt er, das sei das Beste gewesen, was er je gemacht hat. Er ist heute noch den Dozenten an unserer Uni dankbar, die die Studenten immer wieder gedrängt hätten, ins Ausland zu gehen. Durch das Stipendium hatte er im College in Oxford freies Wohnen, mitten in der Stadt, und die Mahlzeiten waren auch mit drin.

Die Seminare waren klein, meist um die 12 Studenten, und alle Mitstudenten seien Engländer gewesen, mit der Ausnahme eines Dänen. Mit dem hat er heute noch Kontakt.

Er habe da auch die Erfahrung gemacht, mit negativen Erlebnissen umzugehen. Ein Dozent habe ihm eine Hausarbeit zurückgegeben mit dem lakonischen, aber nicht unfreundlich gemachten Kommentar: „War nichts. Machen Sie es nochmal.“ Beim zweiten Anlauf war es dann eine gute Arbeit. Man solle sich nicht gleich verrückt machen, wenn mal was nicht klappt. Da bin ich voll einverstanden.

Nach dem Frühstück führt er mich ins Magniviertel. Wir kommen am Schloss vorbei – das sei nur Fassade, sagt er, dahinter sei ein Einkaufszentrum – und dann zu einem auffälligen, völlig aus der Art schlagenden, bunten Haus, das auf den ersten Blick ein wenig an Hundertwasser erinnert. Das ist das Rizzi. Benannt nach dem amerikanischen Künstler, der es entworfen hat.

An der Fassade an den verschiedenen Seiten des Hauses sieht man alle möglichen stilisierten Figuren, die man erst auf den zweiten Blick erkennt: Gesichter, Herzen, Treppen, Vögel. Die Fenster, jedes in einer anderen Form, keins gerade, weichen auch von allem ab, was man kennt.  

Über dem Eingang steht das Firmenlogo New Yorker. Das Haus ist nämlich inzwischen Sitz dieser Firma. Und der Besitzer der Firma ist – Braunschweiger!

Das Magni-Viertel ist ein Ausgehviertel, sieht alles etwas alternativ aus. Marc zeigt mir ein Lokal mit grüner Fassade, das ausgerechnet Friedrich II heißt, benannt nach dem großen Gegenspieler Heirichs des Löwen. In der Nähe das Anders. Nach eigener Aussage eine „urige Speisekneipe“.

Aus der Kirche St. Magni stammt eine Gründungsurkunde, in der der Name Braunschweig zum ersten Mal auftaucht: Brunesguik (im Englischen heute noch Brunswick).

Die Kirche wurde im Krieg stark zerstört, dann mit modernen Mitteln wiederaufgebaut, ist eine Art Gedächtniskirche, die Vergangenheit und Moderne vereint. Innen fällt ein einfaches Kruzifix aus Eisen auf. Es wird umschwärmt von lauter Engeln, die sich mit ihren Flügeln berühren und einen Kreis bilden.

Als Gegenstück dazu, aus der alten Kirche, die Stützen zwischen Mittelschiff und Seitenschiff. Zwischen vier Pfeilern mit Vorlagen steht eine Säule. Das wollte ich unbedingt sehen.

Ebenso wollte ich den trompetenden Engel an der Fassade sehen, aber den finden wir nicht.

Wir kommen dann noch durch den Schlosspark und sehen uns das aus Anlass der Tausendjahrfeier im 19. Jahrhundert erbaute Theater ab, im Stile der Renaissance. Hier wurde Emilia Galotti uraufgeführt und auch – man höre und staune – Goethes Faust. Das galt bis dahin als unaufführbar.

Marc verweist auf den fast die ganz Breite des Gebäudes einnehmenden Balkon. Dort könne man in der Pause Sekt trinken und auf das Volk hinabblicken.

Das Theater kommt den Schülern beim Eintrittspreis entgegen: Sie zahlen nur 2 Euro!

Zeit zum Aufbruch. Marc muss seine Tochter vom Kindergarten abholen. Er bietet an, mich zum Bahnhof zu bringen. Als wir unterwegs sind, sagt er, er habe noch eine bessere Idee, er könne mich auch direkt nach Cremlingen bringen. Ich akzeptiere. Das erweist sich als unklug.

Von Cremlingen ist kein Stadtbild zu erkennen. Marc lässt mich an einem Kreisverkehr an einer Landstraße raus. Hier gibt es alle möglichen Geschäfte und auch eine Bäckerei. Passt.

Zum Abschied drückt er mir noch ein Buch in die Hand, ein Buch mit originellen Memes. Auf Englisch natürlich. 

Hier in der Bäckerei bin ich gut aufgehoben. Sie ist groß genug, damit man sich in eine Ecke verkriechen kann und nicht auffällt.

Erst beim zweiten Kaffee fällt mir auf, dass an einer Trennwand Cadera steht. Und dann merke ich erst, dass es der Name der Bäckerei ist. Cadera? Spanisch? „Hüfte?“ Im Internet ist tatsächlich etwas über die Bäckerei zu finden, aber nicht, warum sie so heißt.

Ich habe Zeit zum Lesen – reichlich. Da ist mal wieder der Raabe dran. Immer wieder geht es in „Die Schwarze Galeere“ um das Schiff Andrea Doria. Komischerweise wird von dem Schiff immer im Maskulinum gesprochen: „Kam nachzuschauen, wie es aussah auf dem Andrea Doria“.

Dann erreichen mich gute Nachrichten per Telefon: Die anderen sind kurz vor dem Ziel. Das Ziel ist das Haus, das wir zusammen für diese Woche in Cremlingen gemietet haben. Allerdings im Stadtteil Schandelah.

Abholen können sie mich nicht, da das Auto rappelvoll ist und sie außerdem alle drei Räder draufgesattelt haben. Also mache ich mich auf den Weg zur nächsten Bushaltestelle. Eine freundliche Frau hat mir unterwegs gezeigt, wie ich sie finden kann.

An der Bushaltestelle ist alles etwas undurchsichtig. Schließlich frage ich eine der beiden mit ihrem Handy beschäftigten Frauen, wie ich denn nach Schandelah komme. Am besten erst zurück nach Braunschweig, und dann mit dem Zug nach Schandelah. Gut, dass Schandelah einen Bahnhof hat! Der wird mir in den nächsten Tagen noch gute Dienste leisten.

Es sind nur zwei Stationen von Braunschweig nach Schandelah, und ich brauche mir keine Gedanken machen, wie ich zu dem Apartment komme. Hermano will mich abholen. Das Auto ist inzwischen leer.

Als ich ankomme, wartet er schon auf mich. Sieht noch ganz frisch aus, trotz der langen Fahrt, mit Staus auf dem ersten Streckenabschnitt.

Im Apartment alles in Ordnung, nur haben sie erst etwas ratlos vor dem Eingang gestanden. Man kommt mit einem Code rein, aber wo ist der Apparat, in den man den Code eingibt? Ist vor dem schwarzen Hintergrund kaum zu sehen.

Die Mädels sind schon kräftig mit dem Einräumen beschäftigt. Wir haben zwar vereinbart, den großen Einkauf hier gemeinsam zu machen, aber sie haben an alles gedacht, was in der Küche eventuell fehlen könnte. Das wird uns in den nächsten Tagen noch gute Dienste leisten.

Das Apartment ist in Wirklichkeit ein Haus, mit zwei Etagen, zwei Bädern, einer großen Terrasse und einer voll funktionstüchtigen Küche. Da ist alles vorrätig. Erst in den nächsten Tagen merken wir, dass es erstaunlich wenig Besteck und erstaunlich wenige kleine Teller gibt angesichts der vielen Gäste, die hier unterkommen könnten.

Wir fahren zu einem Supermarkt und machen dort den Einkauf. Die Abrechnung für den Einkauf und alle weiteren Ausgaben wird mit einer von Cuñada gefundenen und installierten App gemacht, die einfach alles kann. Und von der Hermana entsprechend begeistert ist.

Beim Rausgehen sehe ich einen kleinen Jungen, der an einem Imbissstand hochspringt, um dort die Luftballons mit den Händen zu erreichen. Auf seinem T-Shirt steht Ich bin 1. Klasse!

Die anderen haben inzwischen von einem netten Mann einen Tipp bekommen, wohin wir heute Abend essen gehen können: Zum Lindenhof in Veiltheim.

Auf dem Weg dorthin sehen wir einen Wegweiser nach Königslutter. Das hätte ich nie im Leben hier verortet.

Der Lindenhof macht einen guten Eindruck, draußen wie drinnen, sieht aus wie ein typisches Landgasthaus. Es gibt nur ein Problem: alles voll.

Vielleicht sollten wir Mutter Habenicht probieren? Auch da fährt Hermano uns hin, obwohl er heute schon ein paar Kilometer hinter sich hat.

Als wir nach Braunschweig reinkommen, erkenne ich nichts wieder, auch die zweitürmige Kirche nicht, auf die wir zufahren. Wir versuchen, hier einen Parkplatz zu finden, aber das ist gar nicht so einfach. Eine große Baustelle, mitten in der Stadt, dient uns am Ende als Orientierung. Das muss der Hagenmarkt sein. Vom dem hat Marc heute Morgen erzählt. 

Mutter Habenicht ist eine richtig urige Kneipe. Das Essen sieht verlockend aus, und es gibt alle möglichen kleinen Einrichtungsgegenstände als Dekoration, darunter einen Sparkasten, wie wir ihn noch aus unserer Kindheit kennen.

Aber auch hier sind alle Plätze besetzt. Aber wir haben Glück. Ein Mann, der allein an einem Tisch sitzt und sein Bier trinkt, überlässt uns den Tisch und setzt sich an die Theke. Hermano lädt ihn zu einem Bier ein, aber er winkt ab. Er habe schon genug gehabt.

An der Wand hängen zwei Mannschaftsphotos von den Spielern der Eintracht mit Autogrammen, eins aus dem Meisterjahr 1967, eins aus dem Aufstiegsjahr 2013.

Die Rede kommt auf Günter Mast, dem Vater der Trikotwerbung, ein früher Vorläufer des heutigen Fußballs, in dem es in erster Linie ums Geschäft geht. Mast, Geschäftsführer von Jägermeister, wollte die erste Mannschaft der Eintracht mit Werbung auflaufen lassen. Als der DFB das ablehnte, trickste Mast den Verband aus und ersetzte den Braunschweiger Löwen durch den Hirsch von Jägermeister im Vereinswappen der Eintracht. Von da an lief die Mannschaft mit Schleichwerbung auf dem Trikot auf. Mit Hirsch, nur ohne Namenszug des Unternehmens. Die Eintracht verriet ihre eigene Tradition für das schnöde Mammon. Zum Glück hat es inzwischen der Löwe wieder ins Wappen der Eintracht gebracht. Der aktuelle Sponsor ist die BRAWO-GROUP.

Der Gang zu Mutter Habenich hat sich auf jeden Fall gelohnt: Nette Atmosphäre, freundliche Bedienung und hervorragendes Essen: Schnitzel, Rippchen, Haxe. Wir sind alle gleichermaßen begeistert. Und es bleibt sogar noch was übrig für morgen.

Aber: Woher kommt eigentlich dieser merkwürdige Name, Mutter Habenich? Die Erklärung ist denkbar einfach: Die Kneipe war jahrelang im Besitz der Familie Habenich.

16. Juni (Dienstag)

Wassergeusen, von dem französischen Wort gueux, „Strolch“, abgeleitet, war der Spottname der Spanier für die protestantischen Niederländer. Den übernahmen diese dann selbst als Ehrenname. So steht es in „Die Schwarze Galeere“.

Unser Haus heißt Magellan. Kommt uns bekannt vor. Seefahrer. War Portugiese, aber in spanischen Diensten. Nach ihm ist die Magellanstraße benannt. Und er hat dem Pazifik seinen Namen gegeben. Hermano spricht von einer Meuterei, die bei dieser abenteuerlichen Fahrt ausbrach. Ja, jetzt erinnere ich mich vage. Es war tatsächlich die erste Weltumseglung, und die ist nach ihm benannt. Er selbst schaffte es aber gar nicht bis ans Ziel. Er wurde bei einem Gefecht mit Einheimischen getötet. Nur 1 von 5 Schiffen, nur 20 von 250 Seeleuten kamen in den spanischen Heimathafen zurück.

Beim Frühstück gibt es unterschiedliche Präferenzen bei der Dauer der Zubereitung des Frühstückseis. Statt auf Hermano und Cuñada zu hören, will ich eine Ausnahme für mich haben. Soll sich als Fehler erweisen.

Wir haben dieser Tage gefragt, was wohl das Autokennzeichen von Wolfsburg ist. WO kommt und falsch vor, WB auch. Cuñada findet die Lösung: WOB. An der Länge des Kennzeichens, behauptet Cuñada, könne man die Größe der Stadt ablesen. Ich melde meine Zweifel an. Aber das Internet gibt ihr recht. Aber: Ist Wolfsburg wirklich so klein? Kleiner als Koblenz oder Trier?

Heute findet die erste Fahrradtour statt. Die drei machen sich auf den Weg nach Braunschweig. Ich nehme den Zug, wir treffen uns am Dom.

Sie sind schneller da als ich und sind ganz zufrieden. Sei gar nicht anstrengend gewesen. Nur die Strecke, flach, sei nicht so toll gewesen. Immer an der B1 entlang. Die B1 wird uns in den nächsten Tagen noch ein treuer Begleiter sein. Sie scheint immer da aufzutauchen, wo es einen Radweg gibt.

Mithilfe von Hermanas Reiseführer und einem Faltblatt aus dem Dom gelingt es uns, eine ganze Reihe von Dingen zu sehen, die ich gestern übersehen habe: das Radfenster ganz oben im Westen, eine Sonnenuhr, die sich über einem einfachen, sehr schönen romanischen Portal im Norden befindet und eine weitere, 200 Jahre jüngere Sonnenuhr, die sich am Turm gleich daneben befindet, eine Tafelsonnenuhr. Man kann den Unterschied gut erkennen. Die kleine Sonnenuhr hat nur den typischen Halbkreis der alten Fabrikate, sie ist farblos und in den Stein geritzt. Die große Sonnenuhr ist farbig, trägt die Initialen des Herstellers, das Datum der Herstellung (1716) und eine aufgemalte Sonne mit einem Pol, von dem aus der Schatten auf das Ziffernfeld der Uhr geworfen wird. An dieser Uhr kann man auch die Jahreszeiten und die Tierkreiszeichen ablesen.

Wir gehen einmal um den Dom herum und sehen die Kanonenkugel, die in der Wand im Osten steckengeblieben ist. Cuñada entdeckt auch noch die Jahresangabe darunter: 1615.

Natürlich fällt wieder besonders der Siebenarmige Leuchter auf, schon durch seine Größe, aber auch durch seine Position über und hinter dem Altar. Hermana ist beeindruckt, genauso wie von dem Imeward-Kreuz und seiner Vorrichtung zur Aufbewahrung der Reliquien.

Und sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf etwas, was ich gestern völlig übersehen habe: die Kanzel. Es ist eine moderne, niedrige, runde Kanzel, aus Bronze. Sofort fallen die Stäbe auf, die die Kanzel einrahmen und aus der Basis der Kanzel herauswachsen. Aus einem dieser Stäbe guckt ein weiterer, anders aussehender Stab heraus. Und was soll das? Mithilfe von Hermanas Führer und der Konsultation der entsprechenden Bibelstelle finden wir es heraus: Die Stäbe, es sind 12, stehen für die 12 Stämme Israels. Die Basis der Kanzel stellt einen Felsen dar, und das ist der Felsen, aus dem Moses Wasser schlug. Deshalb sieht man unten an der Kanzel eine Welle. Der Stab, der aus einem der Stäbe herausguckt, ist aus Holz und nicht aus Bronze. Man kann ihn herausnehmen. Es ist ein Wanderstab. Das alles erinnert an die Szene im Alten Testament, wo die Israeliten heillos zerstritten sind und ihrem Anführer Moses nicht mehr folgen wollen. Daraufhin bekommt Moses von Gott die Anweisung, zwölf knospernde Stäbe über Nacht ins Zelt mit der Bundeslade zu legen. Am nächsten Morgen ist einer der Stäbe ergrünt. Er weist auf Aaron. Der soll der neue Anführer der Israeliten werden.

Wir sehen uns noch ein bisschen in der Kirche um. Ich gehe in die Krypta runter. Dort stehen, direkt unter dem Grabdenkmal, zwei einfache Sarkophage. Darin sollen Heinrich und Matilda begraben sein.

Die Krypta ist riesengroß und die Ruhestätte weiterer Welfenfürsten, aber aus neuerer Zeit. Sie sind durch ein Gitter abgesperrt. An einem, der unmittelbar hinter dem Gitter steht, lese ich, in der Orthographie des 17. Jahrhunderts, in einer Inschrift: „Ich weis, das …“

Am Ende entdecke ich noch, ganz hinten im Dunkeln des Chors, die angestrahlten Figuren der beiden Patrone des Doms, Johannes und Blasius, mit ihren jeweiligen Attributen, Fellgewand und Buch bzw. Mitra, Bischofsstab und Horn. Keine Ahnung, was das Horn soll. Bei Johannes guckt zwischen seinen Beinen ein Tier mit dem Kopf hervor, und auf dem Buch ist ein weiteres Tier zu sehen. Wie immer bei solchen Darstellungen stellt sich mir die Frage, ob es sich bei Johannes dem Täufer, Johannes dem Evangelisten und Johannes dem Apostel um eine, zwei oder drei Personen handelt.

Wir gehen weiter und kommen auf dem Weg zum Neustadtrathaus (das wirklich viel neuer ist als das Altstadtrathaus) an einer Säule vorbei, an der ich gestern schon mit Marc vorbeigekommen bin, einer monumentalen, riesigen Bronzesäule. Marc kannte sie nicht.  

Die Säule stellt die Entwicklung des Christentums in den letzten 2000 Jahren dar, von der Geburt Jesu bis zum Angriff auf das World Trade Center (wobei wir uns fragen, was das hier zu suchen hat, aber man kann es mit bloßem Auge gut erkennen). Gekrönt wird die Säule durch die Symbole der Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam, eingefasst von einem Ring, als Anspielung auf Lessings Ringparabel. Die verschiedenen Etappen werden in Reliefbändern mit Dutzenden von Szenen und Hunderten von Figuren dargestellt. Klugerweise hat man zu zwei Seiten der Säule Fernrohre aufgestellt, so dass man auch die Szenen ganz oben erkennen kann. Wir nehmen uns Zeit und entdecken immer mehr: Kreuzigung Petri, Anbetung der Könige, Ketzerverfolgung, Jesus im Tempel, Edikt von Mailand, Karl der Große, Trinität, Giordano Bruno, Luther. Unten sieht man wunderbare, expressive Darstellungen der Kreuzigung mit den Schächern und den Skeletten der Toten, die sich aus dem Totenreich erheben.

Die Säule steht auf dem Ruhfäutchenplatz. Das bedeutet „Rauhfüßchen“ und bezeichnet die Hofdiener, die ihre edlen Strümpfe mit Gamaschen schützten.

Auf dem Weg zum Schloss kommen wir an einem Schild vorbei, auf dem „Alkoholfreie Zone“ steht. Hier ist der Konsum von Alkohol zu bestimmten Zeiten verboten.

Hermano entdeckt das Einkaufszentrum hinter der Fassade des Schlosses. Wenn man genau hinsieht, kann man die Schriftzüge der verschiedenen Geschäfte erkennen.

Die Quadriga oben auf dem Dach des Schlosses, hat Hermana herausgefunden, stellt Brunonia dar, vermutlich die Anführerin des legendären Stammes der Brunonen. Die Quadriga ist größer als die von Berlin. Brunonia hält eine Standarte in der Hand, in der ein goldenes W erscheint, mit dem vermutlich der Kaiser gemeint ist.

Am Rizzi-Haus vorbei kommen wir ins Magni-Viertel. Diesmal entdecke ich den Rufer mit der Posaune. Er symbolisiert den apokalyptischen Engel, der auf der Trompete zum Jüngsten Gericht bläst. Bezogen wurde das mahnende Rufen des Engels auf den Zweiten Weltkrieg und die Zerstörung Braunschweigs.

Wieder in der Altstadt, machen wir uns auf die Suche nach einer Briefmarke, heutzutage keine leichte Aufgabe. Ein freundlicher Passant gibt uns aber Auskunft, und wir bekommen eine.

Wir befinden uns im Weichbild Sack. Dabei kommen wir an einem dem Historismus verpflichteten Gebäude vorbei, in dessen Erdgeschoss ursprünglich ein Geschäft für Spitzenstoffe untergebracht war. An der Fassade Spitzenhaus.

Über dem Eingang einer modernen Galerie sitzt auf einem aus dem Gebäude hervortretenden Brett „Claudia“, eine von mehreren Figuren in der Altstadt, die Alltagsmenschen darstellen. War mir gestern schon aufgefallen. Die Frau hat kräftige Arme und Beine, trägt ein hellblaues Kleid und hellblaue kurze Stiefel. 

Dann kommen wir an dem Katzenbrunnen vorbei. Jetzt sehe ich, dass am Sockel eine Erklärung steht, der zufolge das mit den Katzen kein etymologisches Missverständnis ist und Kattreppeln sich wirklich auf Katzen bezieht. Die Entwicklung des Wortes wird in mehreren Schritten aufgezeigt, von 1500 bis 1700. Kattrepppeln heißt demnach „Katzenbalgen“.  

Auf dem Kohlmarkt machen wir Pause in einem Eiscafé, mit Milchsake, Eisbecher und Eiskaffee.

Wir sehen uns noch den Altstadtmarkt an, mit Marienbrunnen und Gewandhaus, und kommen auch noch an meinem Hotel unseligen Angedenkens vorbei.

Dann geht es auf getrennten Wegen nach Hause.

Zum Abendessen gibt es Salat, Tapas, Fleischreste von Mutter Habenicht, Käse, Brot und Avocado und Tomaten. Kann man sich gefallen lassen.   

17. Juni (Mittwoch)

Der junge genuesische Leutnant Leone della Rot, so heißt es in „Die Schwarze Galeere“, hat es auf die hübsche Myga van Bergen abgesehen. Obwohl die Niederländerin und Protestantin ist. Aber das ist ihm egal. Er zieht reizende Ketzerinnen den hässlichen Anhängerinnen der allein selig machenden Kirche vor.

Frühstück: selbstgemachte Marmelade, selbstgezüchtete Kohlrabi und Gurken. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten werden unterschiedliche Vorlieben und Abneigungen erkennbar: Käse, Avocado, Kohlrabi, Kiwi, Erdbeermarmelade, Schokoladenstreusel.

Es kommt die Rede auch auf KI. Hermano plädiert für Gelassenheit. Es habe immer Veränderungen, Modernisierungen gegeben, die zunächst Unsicherheit, Ängste und eine Weltuntergangsstimmung heraufbeschworen hätten. Das stimmt natürlich. Vielleicht ist das für die übernächste Generation ein normaler Teil ihres Alltags.

Heute geht’s nach Wolfenbüttel. Diesmal ist die Ankunft perfekt synchronisiert. Radfahrer und Zugfahrer kommen zur gleichen Zeit an. Ihr Standort ist der Kleine Zimmerhof, meiner der Große Zimmerhof.

Auf dem Weg zu ihnen komme ich an un fass bar vorbei, einer Kneipe, und am Stammhaus von Mast. Über dem breiten Eingangstor eine Traube mit Weinbeeren. Die Firma Mast produzierte ursprünglich Essig.

Aus Spaß und Tollerei sehe ich später, am Abend, mal nach den größten Weintraubenproduzenten auf der Welt. An 1. Stelle steht China, mit ordentlichem Abstand gefolgt von Italien. Deutschland ist an 16. Stelle, einen Platz hinter Argentinien.

In dem Sträßchen, wo wir uns treffen, gibt es Thai-Massage in einem alten Fachwerkhaus. Gleich daneben das Schmale Haus, das seinen Namen wirklich verdient.

Bevor es losgeht, bekommen die Radfahrer ihre wohlverdiente Pause. Wir setzen uns in ein Eiscafé. Der Platz, auf dem wir sitzen, gibt uns einen Vorgeschmack auf das, was wir später sehen. Wolfenbüttel ist ein echtes Schatzkästchen. Im Krieg ist es völlig unzerstört geblieben. Wir fragen uns, warum das in Braunschweig, so nahe gelegen, so anders ist.

Wir blicken auf Fachwerkhäuser unterschiedlichster Art, breite und schmale, verputzte und unverputzte, in Gelb und Braun und Rosa, mit unterschiedlichen Streben. An manchen Häusern sind sie funktional, an anderen bilden sie Muster und sehen wie Verzierung aus. Eins ist an einer Ecke, schräg zum Platz stehend, geradezu eingezwängt zwischen zwei anderen.

Die Radfahrer, erfahre ich, sind sehr zufrieden mit der Hinfahrt. Temperaturen angenehm, sehr rücksichtsvolle Autofahrer, und auch die Strecke sei besser gewesen als gestern.

Aber nicht so gut wie bei unserer Radtour durch Luxemburg, sagt Hermano. Luxemburg? Ich kann mich an keine Radtour durch Luxemburg erinnern. Hermano zählt etliche Situationen auf, besondere Strecken, Übernachtungen. Nichts. Ich kann mich an nichts erinnern. Als ob es diese Radtour nie gegeben hätte. Er erwähnt dann noch, wie wir auf dem Kirchberg gewesen sind. Und auf einmal blitzt etwas in mir auf. Ich sehe die Situation photographisch vor mir, wir beiden etwas entfernt voneinander stehend, irgendetwas betrachtend, auf dem breiten Bürgersteig zwischen der Avenue und den hypermodernen Gebäuden. Und jetzt, wie mit Puzzlestücken, setzt sich, ganz langsam, ein Bild von der ganzen Tour zusammen.  

Wir machen uns auf den Weg zum Schloss. Am Rande einer schmalen Straße steht ein Wolf – in Bronze. Ist als Anspielung auf den Ortsnamen zu verstehen. Etymologisch hat der Name zwar nichts mit Wolf zu tun, aber egal. Es macht sich gut hier. Das Grundwort Büttel bedeutet „Anwesen“, „Wohnsitz“, und ist verwandt mit bauen. Der erste Bestandteil ist ein Eigenname und bezieht sich auf den Wolfer. Der hatte hier seinen Wohnsitz.

Die Sehenswürdigkeit Wolfenbüttels ist die Bibliothek, von Herzog August, einem Büchernarren, gegründet. Leibniz und Lessing waren Bibliothekare hier. Die Bibliothek umfasst 695.000 Drucke, 12.000 Handschriften (darunter das Evangeliar Heinrichs des Löwen), 3.000 Inkunabeln und eine Bibelsammlung mit 3.000 Exemplaren. Braucht man sich nicht gleich alle anzusehen, aber ein paar davon wäre schon schön. Wird nichts raus: Bibliothek geschlossen.

So machen wir uns auf den Weg zum Schloss. Man sieht schon von Weitem, dass Wolfenbüttel mal was dargestellt haben muss: ein barocker Bau, dreigeschossig, in Rot gefasst, mit hohen Sprossenfenstern, einem großen Vorplatz, einem mächtigen weißen Turm, der sich aus dem Innenhof erhebt, und einem vorgelagerten Portal mit Putten und Allegorien, bekrönt von dem Wappen des Herzogs.

Als wir auf das Schloss zugehen, kommen uns junge Leute entgegen. Was machen die hier? Die Antwort: Das Schloss ist heute Gymnasium!

Hier, im Schloss, hat Lessing gewohnt, nachdem der Hofstaat der Herzog ausgezogen und die Residenz wieder nach Braunschweig verlegt worden war. Lessing lebte hier – unvorstellbar – ganz allein mit einem Diener. Und fühlte sich auch entsprechend unwohl.

Durch die hohen Arkaden des Portals geht es in den Innenhof. Der hat was, ist schiefwinklig (wahrscheinlich als Resultat von Umbaumaßnahmen), mit Arkaden auf zwei Seiten. Auf ein besonderes Detail macht uns Hermana aufmerksam: Nicht alle Fenster sind wirklich Fenster, sondern Attrappen, bemaltes Holz. Vermutlich war dem Herzog das Geld ausgegangen. Wir suchen die Fensterreihen ab und finden eine ganze Reihe von Beispielen. Bei einigen sieht man auf den ersten Blick, dass sie „unecht“ sind, aber bei den meisten muss man ganz genau hinsehen.

Wir gehen Richtung Bibliothek, denn das ist auch das Lessinghaus. Davor die moderne Statue eines Mannes, ohne Sockel, einfach so im Park stehend. Wer kann das bloß sein? Ein Schild gibt Auskunft: Es ist Nathan der Weise.

Ebenso rätselhaft, aber viel älter, ist ein Felsblock, der unweit der Bibliothek steht. Er hat eiserne Haken, auf verschiedenen Seiten und auf verschiedenen Höhen des Felsblocks angebracht. Auch hier gibt ein Schild Auskunft: Es ist eine Sonnenuhr, errichtet in Erinnerung an Giordano Bruno. Den verbindet man mit Rom, aber er war auch, auf der Flucht vor der Inquisition, in Zürich, in Toulouse, in Oxford, und vielen anderen Orten. In Helmstedt war er in der Academia Julia (die wir am nächsten Tag noch sehen werden). Dort hielt er 1589 eine Trostrede auf den verstorbenen Herzog Julius. Mit ihm verlor er seinen wichtigsten Fürsprecher. Bruno entwickelte seine Kosmologie inspiriert durch das von Kopernikus entdecke heliozentrische Weltbild, das sich zu dieser Zeit unter Astronomen verbreitete. Das scheint die Verbindung zu der Sonnenuhr zu sein.

Das Lessinghaus ist eine dreiflügelige Anlage, zweigeschossig, sieht ein bisschen wie das Gartenhäuschen eines Schlosses aus.

Sehr freundliche Begrüßung, und es gibt sogar Ermäßigung für den Eintritt und schöne Eintrittskarten.

Das Museum hat eine Menge Informationen, meist auf Schautafeln, aber wenige authentische Objekte. Zu den wenigen gehört ein Wanderstab, den Lessing benutzte, um zum Vergnügen nach Braunschweig zu gehen – immerhin 13 Kilometer. Gab es keine Kutschen? Oder diente das der Fitness?

Daneben gibt es ein Spielbrett. Auch das gehörte Lessing. Man kann Schach und Mühle erkennen, aber nicht, worum es sich bei dem dritten handelt.

Zielstrebig gehen wir dann zu Eva. Eva König. Von der hat Cuñada dieser Tage schon mehrmals gesprochen, weil ihr Schicksal sie bewegt. Eva war Lessings Frau. Aber ist schon nach einem Jahr Ehe verstorben. Die Vorgeschichte ist so: Lessing kannte sie und ihren Mann aus seiner Hamburger Zeit. Da war er fünf Jahre lang als Dramaturg gewesen. Und er hatte sehr gute Erinnerungen daran. In Hamburg war was los, da gab es Unterhaltung. Nach Wolfenbüttel war er nur der Stelle wegen gekommen. Hier herrschte Langeweile. Daher auch der Wanderstab für die Gänge nach Braunschweig.

Als Lessing schon hier war, verstarb Evas Mann. Sie war Witwe, mit vier Kindern. Sie kam nach Wolfenbüttel. Sie heirateten, Eva wurde schwanger, bekam ein Kind. Das Kind starb bei der Geburt, Eva kurz darauf. Lessing kümmerte sich um die Kinder. Und als er alt wurde, kümmerte sich eins der Kinder um ihn.

In einer Schublade sieht man eine Geburtszange. Ich hatte so was noch nie gesehen, die anderen erklären es mir. Mit der Geburtszange, aus Eisen und riesengroß, wird das Kind aus dem Mutterleib herausgeholt, wenn es in der falschen Position ist. Das muss eine Tortur sein, für Mutter und für Kind. Auf diese Weise kam Evas Kind hier zur Welt.

Wir sehen ein Bild von Eva. Sie sieht dort älter aus als wir dachten. Man kann nicht genau erkennen, ob sie eine Perücke trägt. Über dem Porträt ein Schriftzug von ihr, mit der Anrede aus einem Brief: „Lieber Herr Leßing!“ Es gab noch keine genormte Orthografie, auch wenn es schon ernsthafte Bemühungen darum gab.

Nach ihrem Tod arbeitet Lessing immer in ihrem Zimmer, eine feine Art, ihr Angedenken zu bewahren. Hier schrieb er die Emilia Galotti und den Nathan.

Die Arbeit als Bibliothekar muss herausfordernd, aber auch interessant gewesen sein: Neuerwerbungen von Büchern, Ordnen, Instandsetzen, Tauschen. Einmal ging Lessing mit 340 Büchern auf die Reise.

Beeindruckend auch die Vielzahl der Stationen auf seinem Lebensweg: Meißen, Leipzig, Wittenberg, Hamburg, Berlin, Breslau, Wolfenbüttel.

Geboren wurde er in Kamenz in der Oberlausitz. Als Schüler war er ein As, bewältigte alles mit Leichtigkeit. Zum Studium in Leipzig schrieb er sich, dem Wunsch der Eltern entsprechend, für Theologie ein, begann aber bald, zum Verdruss seiner Eltern, sich für Theater und Literatur zu interessieren. Sie konnten nicht ahnen, was aus ihm werden würde.

Danach gehen wir, von Hermano, Stadtplan in der Hand, zielsicher geführt, durch die Altstadtgassen, wo ein Fachwerkhaus neben dem anderen steht. Kein Haus gleicht dem anderen, und dennoch ergibt sich ein eigenes Bild. Häuser mit großen Portalen, geschnitzten Balken und repräsentativen Fassaden wechseln sich ab mit einfacheren, kleineren Häusern, die aber ihren eigenen Charme haben, besonders, da viele von ihnen im Laufe der Jahre krumm und schief geworden sind. Immer wieder sieht man Inschriften, mit etwas banalen Weisheiten, die aber ihr Anliegen kurz und bündig verkünden. Die Quintessenz: Akzeptiere dein Schicksal, freue dich, wenn es gut läuft, verzweifle nicht, wenn es schlecht läuft.

Wir machen einen Schlenker und kommen noch zur Hauptkirche, der protestantischen Marienkirche. Man glaubt kaum, vor einer protestantischen Kirche zu stehen: zu üppig, zu viel Zierrat, zu gotisch, und das barocke Westportal passt schon gar nicht. Und dann kommen noch Heiligenfiguren dazu, Christina, Katharina, Dorothea, Margareta, eine für protestantische Kirchen ungewöhnliche Darstellungsgruppe.

Bin ziemlich sprachlos. Erst später finde ich die Erklärung. Die Kirche sollte einerseits eine Predigt- und Abendmahlkirche werden, zugleich aber den Wunsch nach fürstlicher Repräsentation erfüllen. Schon die Vorgängerkirche war fürstliche Grablege gewesen.

Zum Zeitpunkt des Baubeginns, 1609, gab es noch gar keine Vorbilder für eine (große) protestantische Kirche. Vereinfacht gesagt: Man wusste nicht, wie man bauen sollte und verfiel dann auf diese Lösung, mit Rückgriff auf die Gotik, die längst vergangen war, und Einbeziehung von Elementen der Renaissance und des Barocks.    

Die Seitenschiffe haben Strebepfeiler, Maßwerkfenster und ornamentierte Zwerghausgiebel. Auf Postamenten stehen großplastische Figuren der Apostel und Evangelisten. Am Turm und am Langhaus Quader, die ein ganzes ikonographisches Programm enthalten. Leider gelingt es mir, trotz mehrerer Versuche, nicht, die vielen Motive zu identifizieren, die der Reiseführer nennt: Kranich, Hase, Drachen, Walfisch mit Jonas, Phoenix in den Flammen, Pelikan. Alle sind Sinnbilder für konkrete Glaubenssätze oder biblische Ereignisse. Ich finde nur die Putten mit Totenschädel und umgestürzter Fackel.

Innen eine große Halle mit hohen achteckigen Pfeilern. Die Ausstattung so üppig, dass man kaum weiß, wo man hingucken soll: geschnitzter Hochaltar mit Darstellung des Passionsgeschehens, Kanzel mit Darstellung der Geschichte von Moses, Taufbecken mit schmiedeeisernem Gitter, Orgel mit vergoldetem Orgelprospekt.

Unter dem Chor die Grablege der Herzöge. Die Kirche wurde so schnell gebaut, dass der plötzlich verstorbene Heinrich Julius schon hier begraben werden konnte. Ihm folgten die weiteren Herzöge sowie ihre Angehörigen. Insgesamt enthält die Gruft 29 Särge.

Damit endet unsere Besichtigung. Bevor es nach Hause geht, machen wir noch Halt auf dem Stadtmarkt, dem zentralen Platz mit repräsentativen Häusern und dem Rathaus und einer Bronzestatue des Herzogs, mit Gamaschen und, wie Cuñada bemerkt, Schuhen mit erhöhtem Absatz. Neben ihm das Pferd. Der Herzog, Gelehrter auf dem Herzogsthron, sitzt nicht auf dem Pferd, sondern steht daneben. Er hat sich tatsächlich als kluger, vorsichtig agierender Herrscher erwiesen, der Kriege vermieden statt gesucht hat. Komisch, dass man so wenig von ihm weiß.

Wir setzen uns in ein Straßencafé. Die anderen sind sich einig: Radler. Leider folge ich ihrem Beispiel nicht und bestelle Kaffee.

Durch das nahe Wolfsburg kommt die Rede auf die moderne Autoproduktion, und Hermano berichtet von einem Besuch bei VW in Leipzig, der ihm die Sprache verschlagen hatte. Man sah von der Besuchertribüne in die Produktionshalle hinunter. Dort verrichteten Roboter die Arbeit. Die gesamte Produktion war automatisiert. Nur der allerletzte Schritt wurde noch von menschlichen Arbeitskräften erledigt. Die anderen Arbeiter waren nur noch Aufseher, die kontrollierten, ob die Roboter ihre Arbeit richtig machten. Dabei standen sich immer zwei Arbeiter am Fleißband gegenüber. Die beiden waren etwa gleich groß. Das Fließband passte sich aber den nächsten Aufsehern an, wenn die größer oder kleiner waren. Es wurde entsprechend gesenkt oder erhöht. Bei dem ganzen Prozess wurde nicht etwa immer das gleiche Modell ausgespuckt, sondern alles war auf die individuelle Bestellung ausgerichtet. Jedes Auto hatte seine eigene Größe, seine eigene Farbe, war ein bestimmtes Modell. Wenn man das gesehen hat, meint Hemano, habe man alles gesehen.

Zeit aufzubrechen. Als ich mich auf den Weg zum Bahnhof mache, komme ich doch noch an dem Denkmal für die Juden vorbei, das wir vorher nicht gefunden haben. Es besteht aus mehreren rostigen, schief stehenden Stangen, die Steine halten. Dass es ein Holocaustdenkmal ist, sieht man erst, wenn man auf den Boden guckt. Die Stangen stehen auf einem in den Boden eingelassenen, ebenfalls eisernen Davidstern.

Unterwegs versuche ich mich noch daran zu erinnern, wo ich schon mal so eine protestantische Kirche wie die Hauptkirche gesehen habe. Komme aber nicht drauf. Am Ende muss ich es in alten Reisenotizen nachgucken: Pirna.

In der Bahn lausche ich der Unterhaltung von drei jungen Leuten. Es geht dabei um eine laienchristliche Bewegung. In ihrer Unterhaltung fallen generationstypische Ausdrücke wie ultrakomischer Gedanke und voll cool.

Ich komme später als die Radfahrer an. Am Abend besorgt uns Hermano Döner aus einer Dönerbude. Dabei lerne ich mal wieder dazu, was die moderne Technik alles vermag: Cuñada kann aus der Distanz nachverfolgen, ob Hermano angekommen ist. Ihr Handy meldet sich automatisch, wenn die Türen des Autos sich öffnen.  

Am Abend stoße ich zufällig auf eine Sendung über Gold im Radio. Gold wurde in allen Gesellschaften zu allen Zeiten geschätzt, galt meist als das beste, wichtigste, wertvollstes Metall. Es hat tatsächlich außergewöhnliche Eigenschaften. Erstens ist es selten. Die gesamten Goldvorkommen auf der Erde passen in ein Kreuzfahrtschiff. Die noch nicht entdeckten Goldbestände würden schätzungsweise noch mal ein halbes Kreuzfahrtschiff füllen. Dann ist Gold schwer, schwerer als Eisen. Und es glänzt, im Gegensatz zu Silber. Da kann man sich vorstellen, welche Wirkung es bei Kerzenschein in alten Burgen oder beim offenen Feuer in Höhlen gehabt hat. Außerdem ist Gold weich, kann also leicht bearbeitet werden. Es ist so dünn, dass man aus 1 Gramm Gold einen Faden von 6 Kilometern Länge machen kann. Und es ist unvergänglich. Es rostet nicht, behält sogar seinen Glanz nach Jahrhunderten neben den verrosteten oder verfaulten Überresten eines Schiffswracks.  

18. Juni (Donnerstag)

In einem Gefecht gelingt es den Niederländern, nicht nur eine Anzahl der feindlichen Kaper zu vernichten, sondern auch eine genuesische Galeere zu erobern. Sie bringen das Schiff nach Amsterdam und bauen nach diesem Modell ein ähnliches Schiff, bemalen es schwarz und statten es mit schwarzen Segeln aus. Das war die gefürchtete Schwarze Galeere, mit der ihnen später der Sieg gelang.

Was da auf dem Baum vor unserer Terrasse wächst, das sind Quitten, erfahre ich. Die kann man als Früchte wohl gar nicht essen, wohl aber als Marmelade.

Ganz nebenbei lerne ich auch noch, wie man eine Badezimmertür von außen öffnet: mit einer Münze!

Wir kommen auf die Höllenfahrt Jesu zu sprechen, die an der Marienkirche abgebildet ist. Wir werden uns nicht einig, was das bedeutet. Ich berufe mich auf die Passage im Glaubensbekenntnis, wo es heißt „hinabgestiegen in das Reich des Todes“. Für mich bedeutet das, dass Christus tatsächlich in der Hölle war, für die anderen ist es nur, dass Jesus gestorben ist.

Wir entscheiden uns, nach Königslutter zu fahren, obwohl das nicht zu den ursprünglich anvisierten Zielen gehörte. Aber es lohnt sich. Und ist gar nicht so weit.

Cuñada, auch gestern schon leicht angeschlagen, ist jetzt ganz schlecht drauf. Bleibt heute erst mal hier und schläft sich gesund. Geht am Ende auch am Abend nicht mit in den Lindenhof, wo sie für uns einen Platz reserviert hat.

Unterwegs sieht man Verkehrsschilder, die hinten in Blau und Gelb bemalt sind. Ist das die Ukraine oder die Eintracht?

Königslutter hieß früher nur Lutter, nach dem Bach, der durch den Ort fließt. Königlich wurde es durch die Sachsenkönige. Die hatten nichts mit dem heutigen Sachsen zu tun. Ihr Territorium entsprach eher dem des heutigen Niedersachsens. Sachsen war eins der Stammesherzogtümer des alten Reichs, neben Franken, Schwaben, Lothringen, Thüringen und Bayern.

Hermano findet einen geeigneten Parkplatz. Von hier aus ist es nicht weit zum Dom, der Sehenswürdigkeit Königslutters.

Der Baubeginn des Klosters, aus dem später der Dom wurde, lässt sich ganz genau datieren: 1135. In dem Jahr wurde das bestehende Stift auf Befehl von Kaiser Lothar III. umgebaut zu einem Kloster, dessen Kirche dann zu seiner Grablege wurde.

Man betritt den Dom durch das schöne Löwenportal im Norden. Die Bögen ruhen auf dem Rücken von zwei Löwen. Sie fletschen die Zähne und halten Lebewesen zwischen ihren Vorderpranken. Links eine menschliche Figur, rechts ein Widder. Was hat das wohl zu bedeuten?

Der Eindruck innen ist überwältigend: ein gewaltiger, verschwenderischer Raum, aber stimmig, nicht überkandidelt, nicht knallig, obwohl fast lückenlos ausgemalt.

Es handelt sich um eine dreischiffe Pfeilerbasilika, mit Kreuzgratgewölben im Mittelschiff, und Kreuzrippengewölben in den besonders schönen Seitenschiffen. Die Arkadenbögen und die Gewölberippen, mit Farbwechseln, haben beinahe etwas maurisches.

Im Osten an den Chorwänden Allegorien der Tugenden. Die sind leicht zu identifizieren. Im Gegensatz zu denen im Langhaus. Vier auf jeder Seite.  Irgendwann macht es dann Klick, die geflügelten Engel stellen auf der einen Seite die Elemente, auf der anderen die Tageszeiten dar. Die tragen alle eine Sonne, wobei die des Mittags die Sonne mit den Armen über sich hält, während die am Morgen gerade aus dem Gewand des Engels hervorlugt, am Abend sich halb hinter dem Engel versteckt und in der Nacht gar nicht zu sehen ist. Dazwischen sind alle möglichen Fabelwesen zu sehen.

Das Mittelschiff war ursprünglich flachgedeckt. Die Einwölbung des östlichen Gewölbeteils der Kirche der Salier gilt deshalb als Ausdruck der Autorität der Sachsenkönige. Dazu passt die neu zugeordnete Aufgabe der Kirche als kaiserliche Grablege. Genau an dem Übergang zwischen den beiden Gebäudeteilen steht das Grabdenkmal der Könige, erst viel später geschaffen. Hier sind neben Lothar seine Gemahlin Richenza beigesetzt und Heinrich der Stolze, Schwiegersohn Lothars und Vater Heinrichs des Löwen. Lothar ist lebendig dargestellt, mit geöffneten Augen. Er hat gelocktes Haar und trägt einen Bart. In einer Hand hält er das Zepter, in der anderen den Reichsapfel. Wie er trägt auch Richenza eine Krone, aber ihre Augen sind geschlossen. Heinrich trägt eine Rüstung und ein kurzes Schwert. Er hat einen Schnurrbart.

Ganz im Westen entdeckt Hermana eine bebilderte Tafel, die Auskunft über das Grabdenkmal gibt. Ursprünglich waren die drei nämlich einzeln in Steingräbern begraben. Die wurden bei einem Gewölbeeinsturz 1640 zerstört und galten als verschollen. Sie wurden erst 300 Jahre später bei archäologischen Arbeiten wiederentdeckt.

Dann geht es in den Kreuzgang, einem weiteren Glanzstück des Doms, obwohl ein Flügel gar nicht erhalten ist und von einem weiteren nur die Rückwand. Ein Flügel ist einschiffig, einfach, aber mit schönen Fenstern zum Innenhof hin. An der Wand Grabplatten, die ursprünglich wohl mal auf dem Boden lagen. Der letzte Flügel ist zweischiffig und ein echter Hingucker, sowohl, wenn man ihn insgesamt, als auch wenn man die Details betrachtet. Er hat eine eingestellte Säulenreihe, mit gedrechselten oder gezackten Ornamenten versehen. Jede Säule ist anders als jede andere, was man besonders an den Kapitellen sieht. Lothar hat Steinmetze aus Norditalien kommen lassen, und die haben hier ganze Arbeit geleistet. Bärtige Figuren, die die Konsolen stützen, florale Motive, geometrische Formen – alles wunderbar ausgeführt.

Ein weiteres bekanntes Teil des Doms ist die Kaiser-Lothar-Linde. Hermano und Hermana sehen sie, ich verpasse sie. Sie soll 1135 zum Beginn des Baus gepflanzt worden und also 900 Jahre alt sein. Heute wächst sie nicht mehr in die Höhe, sondern in die Breite.

Der rätselhafteste Bauteil des gesamten Doms ist der Jagdfries, außen, an der Hauptapsis im Osten. Ich muss erst suchen, denn ich habe mir den Fries größer vorgestellt.

Es werden insgesamt neun Szenen einer seltsamen Jagd dargestellt, in die Wand eingemeißelt. Jäger blasen ins Horn, hetzen ihre Hunde auf Hase, Wildschwein und Hirsch. Ein Jagdhund beißt in den Nacken eines Hasen, ein anderer Jagdhund in den eines Wildschweins. Ein Hirsch versucht, seinen Verfolgern zu entkommen, ein Jäger trägt auf einem Stab einen erlegten Hasen davon. Was hat das zu bedeuten? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der Jagd und dem Glauben? Was hat die Jagd an der Mauer der Kirche zu suchen? Noch merkwürdiger das neunte, das zentrale Relief. Ein Jäger wird auf dem Rücken liegend von zwei Hasen in Fesseln geschlagen. Aus dem Jäger ist eine Jagdbeute geworden.

Für uns geht es jetzt Richtung Altstadt. Wir kommen an einem schönen Weiher vorbei, mit Trauerweiden am Ufer, die sich im Wasser spiegeln. Die Lutter, die eigentlich hier verlaufen sollte, finden wir aber nicht.

Wir passieren das Stadtarchiv. Das ist, wie manche andere Häuser, in einem ehemaligen Brauhaus untergebracht, einem Fachwerkhaus mit roten Ziegeln und einem breiten Tor (hier fuhren früher die Bierfuhrwerke ein und aus). Es hat reichhaltige Verzierungen und eine Inschrift über dem Eingang: „Denn Eingang und den Ausgang mein, las Dir Herr Gott befohlen sein“ (1670). 

An einer Ecke treffen sich drei Straßen: Gänsemarkt, Kattreppeln, Sack.

Wir kommen an einem Frisörsalon vorbei, bei dem noch der silberne Barbierteller als Zunftzeichen vor dem  Fenster hängt. In so einer Schale wurde früher der Rasierschaum aufgeschlagen.

Häufig sieht man noch Geschäftsnamen in alter Schrift: Drogerie Schulz, Elektro Kaiser. Wie aus einer anderen Welt. Auch das Blumengeschäft mit dem Fleurop-Zeichen gehört noch dazu.

Ein Radgeschäft heißt Radhaus am Elm. Das ist kein Fluss, wie wir dachten, sondern ein Höhenzug. Und er ist nicht Femininum, sondern Maskulinum. Hermana erinnert sich: Elm kam früher, wie Ith, in Kreuzworträtseln vor: Norddeutscher Höhenzug.

Vor dem Markt entdeckt Hermano eine schmale, gepflasterte Gasse, die nirgendwo hinzuführen scheint, links Häuserwand, rechts Mauer, dahinter Bäume, an der Häuserwand eine Gaslampe. Stimmungsvoll!

Am Markt sehen wir ein Haus mit vier Figuren, die einen Balken stützen. Drei stehen gerade, einer ist in Schieflage. Absicht oder Unfall?

Wir machen Pause in einem Eiscafé. Dort werden wir von einem Ehepaar am Nachbartisch angesprochen. Sie kommen aus Gelsenkirchen. Den Dom mochten sie nicht leiden.

Auf dem Weg zur Pfarrkirche kommen wir am Bier-Bildungs-Zentrum vorbei.

An der Pfarrkirche hängt eine schön gestaltete, alte Steintafel, die die Öffnungszeiten nennt: 9-17 Uhr. Ist aber geschlossen. Hermano echauffiert sich. Er habe Verständnis dafür, dass man die steinerne Tafel nicht beseitigen will. Aber man könnte ja ein Schild mit den tatsächlichen Öffnungszeiten aufhängen.

In Hermanas Reiseführer steht, die Pfarrkirche verrate ihre Baugeschichte. Aber: wie denn?  Da kann ich von meinen Besichtigungen der letzten Tage in Braunschweig profitieren: Es muss ursprünglich eine einschiffige romanische Kirche gewesen sein, mit wenigen, kleinen Fenstern im Westen und mit Rundbögen. Die Ostapside und die Seitenschiffe, mit großen Maßwerkfenstern, müssen später hinzugefügt worden sein. Am Dach kann man das erkennen. Beide scheinen an den ursprünglichen Baukörper herangeklatscht worden sein.  wurden!

Auf dem Rückweg zum Auto kommen wir doch noch an der Lutter vorbei. Die muss wohl meist unterirdisch verlaufen.  

Am Abend geht es, immer noch zu dritt, in das Restaurant Lindenhof, wo wir am Montag nicht landen konnten. Cuñada hat für uns reserviert und auch eine Bestätigung bekommen. Eine junge Kellnerin sieht nach. Es liege keine Reservierung vor. Wir haben aber reserviert. Per Mail. Ihre Reaktion: „Oh je!“. Wir hätten aber doch sicher keine Bestätigung bekommen. Doch. Von wem denn? Ja, Herrgott, das müssten die doch selbst wissen. Oder können einfach in der Mail nachsehen. Hermano erklärt noch einmal: Seine Frau habe reserviert, konnte aber nicht mitkommen. Die junge Kellnerin übergibt an eine ältere Kellnerin. Jetzt geht das ganze Spiel von vorne los. Wieder dieselben Fragen. Wir sind drauf und dran, einfach zu gehen. Dann sagt die Frau, etwas gönnerhaft, der Biergarten sei voll, aber sie könne uns hier in der Gaststube einen Tisch anbieten. Im Laufe des Abends ist die Bedienung mal außerordentlich freundlich, manchmal außerordentlich unfreundlich.

Wir setzen uns. Auf dem Tisch weiße Stoffdecken, Blumengestecke und ein mächtiger Zinnleuchter. Nicht sehr passend für einen Landgasthof. Und nimmt außerdem zu viel Platz ein.

Es gibt Schnitzel und Hirschgulasch und Schweinefilet. Alles gut, aber nichts, um ins Schwärmen zu geraten. Das Gute ist: Wir haben von unserem Schwager Geld für die Rechnung mit auf den Weg bekommen. Prost, Schwager!

Auf dem Rückweg kommen wir an Gardessen vorbei. Liest man unwillkürlich wie Gardasee.

Später sitzen wir bei sommerlicher Wärme auf der Terrasse. Hermana sieht an einem hohen Baum auf einem Nachbargrundstück eine Unzahl von Kirschen. Die hängen so hoch, dass man sich fragt, wie man sie ernten kann. Ohne sich in Lebensgefahr zu begeben.

19. Juni (Freitag)

Die niederländische Hymne, die am Ende auf der Schwarzen Galeere intoniert wird, um den Sieg über die Spanier zu feiern, besteht aus 15 Strophen, deren Anfangsbuchstaben den Namen Wilhelm von Nassau ergeben. Über ihn heißt es „Wilhelm von Nassau / Bin ich von deutschem Blut / Dem Vaterland getreue / Bleib ich bis in den Tod“.

Ich erfahre, dass Solarlampen, wie hier, in den Gärten der anderen stehen. Und dass sich der rasenmähende Roboter von allein in Bewegung setzt.

Wegen der Hitze – wir kommen am Nachmittag auf 34° – ist  heute Ruhetag angesagt. Eigentlich wollten wir zum Mühlenmuseum in Gifhorn, aber das weite Mühlengelände und die mühsame Anfahrt machen uns einen Strich daraus.

Hermana und Hermano erkundigen aber dann Schandelah per Rad und kommen ganz angetan zurück. Es war gar nicht so heiß, sie haben schöne Radwege gefunden – abseits der B1 – und der Wind hat die Hitze erträglich gemacht.

Schandelah ist wohl doch nicht so tot, wie wir dachten. Der Bäckerladen hat offensichtlich doch täglich geöffnet, wenn auch nur am Vormittag, es gibt irgendwo einen Hofladen, und die Pizzeria, die sich lediglich hinter einer Baustelle versteckt, haben sie auch entdeckt. Es gibt einen Kindergarten und eine Grundschule und einen aktiven Sportverein. Wäre auch sonst komisch gewesen. Der Ort hat immerhin 2.300 Einwohner und eine Unzahl von Einfamilienhäusern. Im Ortsbeirat sind SPD und CDU gleich stark vertreten, aber die SPD stellt den Bürgermeister mit Hilfe des einen Abgeordneten der Grünen.

In der Universitas lese ich einen Artikel über das Fasten: „Wer stark, gesund und jung bleiben will, heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente“. Das wird Hippokrates zugeschrieben.  Erinnert mich an Maria Reiche in Peru und an Koldewey in Mesopotamien. Die hielten sich auch, freiwillig oder unfreiwillig, an diese Devise. Kann ich von mir nicht sagen.

Auch die großen Religionsstifter machten eine Phase des Verzichts durch: Jesus zog sich vor seinem öffentlichen Auftritt 40 Tage zum Fasten in die Wüste zurück, Mohammed fastete, bevor ihm der Koran offenbart wurde, und Moses stieg auf den Berg Sinai und fastete, bevor er Gottes Wort empfing. Den Religionsstiftern ging es dabei nicht um ihre Gesundheit. Das Fasten war eine spirituelle Praktik, mit der man sich auf den Glauben besinnt und Gott näherkommt.  

In allen Religionen spielt das Fasten eine Rolle. Im Christentum gab es ursprünglich zwei Fastentage, den Mittwoch und den Freitag, dem Tag, an dem Judas Jesus verraten haben soll und den Tag, an dem Jesus gekreuzigt wurde. Dazu kam die Fastenzeit vor Ostern und Weihnachten. Diese Traditionen sind weitgehend verlorengegangen. Anders im Islam. Während des Ramadans dürfen Muslime 30 Tage lang von Sonnenaufgang bin Sonnenuntergang nicht essen, trinken und rauchen. Auch Geschlechtsverkehr ist untersagt. Das abendliche Fastenbrechen findet in größeren Gruppen, meist in der Familie, statt. Im Judentum ist Jom Kippur der große Versöhnungs- und Fastentag. An diesem Tag darf weder gegessen, getrunken noch geraucht werden. Man wäscht sich nicht, ist sexuell enthaltsam und geht nicht zur Arbeit. Darüber hinaus gibt es fünf weitere allgemeine Fastentage, an denen die Juden trauriger Ereignisse ihrer Geschichte erinnern, darunter den beiden Zerstörungen des Tempels. Buddha lehrte den Weg der Mitte: weder Völlerei noch Hunger. Wenig essen erleichtert aber den Weg zur Erleuchtung. Deshalb verzichten buddhistische Mönche und Nonnen täglich nach 12 Uhr mittags auf jegliche Nahrung. Außerdem gibt es monatliche Fastentage. Viele Hindus fasten, um für etwas zu büßen, die Seele zu reinigen oder einen Segen für jemanden zu erbitten. Wer wann wie lange auf welche Weise fastet, entscheidet jeder für sich. Feste Fastenzeiten oder Fastenrituale sind im Hinduismus nicht vorgeschrieben.

20. Juni (Samstag)

Im Radio stoße ich auf eine Sendung, die meine Vorbehalte gegenüber Zeitzeugen bestätigt. Die sind von der Oral History „entdeckt“ worden. Von ihnen erhofft man sich Einsichten in die vergangenen Zeiten. Man lässt sie reden, von ihren Erfahrungen berichten. Und nimmt alles, was sie sagen, für bare Münze. Dann dürfen sie in der Öffentlichkeit reden, und alle sind beeindruckt, bewegt, zu Tränen gerührt. Und glauben, was ihnen erzählt wird. Wer mag auch schon widersprechen, oder auch nur Zweifel anmelden, wenn ein HIV-Infizierter berichtet, wie er durch seine Krankheit alle Freunde verloren hat, oder wenn ein Flüchtling von seiner abenteuerlichen Flucht aus der DDR erzählt. Dabei können die Berichte einseitig sein, auf Gedächtnislücken beruhen, absichtlich verfälscht sein. Warum sind die Erlebnisse von KZ-Überlebenden aus demselben Konzentrationslager so unterschiedlich? Die Zeitzeugen werden in ihrem Leid unangreifbar. Wie der Katalane Enric Marco, der 2005, am Holocaust-Gedenktag, vor dem Spanischen Parlament von den Gräueln in einem deutschen KZ berichtete: „Wir mussten uns splitternackt ausziehen. Sie haben uns aller Habseligkeiten beraubt. Aber nicht nur aus Habgier, sondern damit wir völlig nackt und schutzlos dastanden. Wir mussten uns ausziehen, und dann bissen uns ihre Hunde.“ Ein Auftritt, der etliche Abgeordnete zu Tränen rührte. Das Problem: Die Erlebnisse Enric Marcos waren frei erfunden. Der Betrug konnte nur funktionieren, weil Marcos Geschichte allen Erwartungen entsprach.

Cuñada fühlt sich weiterhin nicht wohl, ist unentschieden, ob sie mitfahren soll, entscheidet sich aber am Ende dagegen. Sie gibt uns aber grünes Licht, uns auf den Weg zu machen.

Wir beschließen, nach Helmstedt zu fahren. Hauptsächlich wegen des Zonengrenz-Museums. Wir assoziieren alle drei Helmstedt ausschließlich mit der Transitstrecke durch die DDR nach Berlin.  Wir haben sie, jeder für sich, zu verschiedenen Zeiten, befahren, die beiden anderen öfter als ich.

Unterwegs immer wieder Felder mit knallrot blühendem Mohn. Hätte ich ohne Hermana und Hermano übersehen.

Im Zonengrenz-Museum sind wir die einzigen Besucher. Begrüßt werden wir von einer redseligen Frau aus Kasachstan. Der Eintritt sei frei, sagt sie. Wir erfahren, dass sie schon seit 30 Jahren hier lebt. Aber Helmstedt sei nicht mehr das, was es mal war: Alles sei schmutzig, verdreckt. Auf die Frage, was ihre Muttersprache sei, sagt sie: Deutsch. Sie taucht dann immer wieder mal auf, während wir das Museum besichtigen, und kommentiert dieses und jenes. Hermano wird gebeten, ihr bei dem Zuschließen einer Tür zu helfen. Das erfordert mehr Kraft, als sie hat.

Das Museum ist etwas verstaubt, aber nicht uninteressant. Es gibt Photos, Informationstafeln, Modelle und Originalobjekte. Darunter Warnschilder (Achtung! Zonengrenze!), eine Taschenlampe mit Leuchtsonde, zum Untersuchen von Hohlräumen in Fahrzeugen, ein Zugbegleitschild (Frankfurt über Helmstadt und Marienborn nach Berlin), eine Seite einer Zeitung aus der DDR (Schwarz auf braunem Papier), in der man sich über die BRD lustig macht (Demokratie und Freiheit sind nur leere Worte), Holzkarren, auf denen Flüchtlinge ihre Siebensachen in hölzernen Koffern auf die andere Seite brachten, Aluminium-Hülsen, in denen Propaganda-Schriften von Ost nach West flogen (während von Westen aus kleine Heißluftballons Bücher in den Osten brachten) und der verrostete Rest eines ausgebrannten Busses, der nach dem Krieg als Grenzmarkierung diente.

Auf Photos sieht man eine Kolonne der bevorzugten Limousinen der Staats- und Parteiführung. Lauter Volvos.

Auf einem anderen Photo sieht man, wie die Teilnehmer eines Aufmarsches große Photos der Parteiführer, insgesamt zehn, vor sich hertragen, mit Honecker mit einem größeren Photo in der Mitte. Es sind lauter Männer. Obwohl die Gleichberechtigung in der DDR weit vorangeschritten war. Aber in den oberen Etagen kamen die Frauen nicht an.

Anhand eines Modells werden die Grenzanlagen demonstriert: Stacheldraht, Minen, Gräben, Scheinwerfer, Wachtürme, Sperrgitter, Laufanlagen für Wachhunde, Mauer und (ab1970), Selbstschussanlagen. Die wurden ab 1983 wieder abgebaut. Sie schadeten dem Image der DDR international.  

In einer eigenen Abteilung geht es um die SED. Auf einem Plakat steht: Die Partei hat immer Recht. Ich habe diesen Ausspruch immer für eine Parodie von westdeutschen Satirikern gehalten, aber den gab es wirklich und er formte Teil des Textes eines Liedes. Das war aber seit den siebziger Jahren wegen seines pathetischen Tons immer seltener zu hören.

Auf einer Karikatur zu den Volkskammerwahlen sieht man die Plakate der verschiedenen Parteien. SED, LDPD, NPPD, CDU. Aber auf allen Plakaten ist derselbe Mann zu sehen: Honecker.

Ein etwas paradoxes Problem stellte sich der DDR in den siebziger Jahren: Sie hatte immer mehr Mitglieder! Mit mehr als zwei Millionen war sie zur Massenpartei geworden. Wie konnte man herausfinden, wer nur Karrierist und wer überzeugter Sozialist war? Um die Spreu vom Weizen zu trennen, führte man eine einjährige Probezeit ein: Antrag schreiben, Bürgen finden, Lebenslauf offenlegen, sich in der Parteigruppe einem Verhör zu Herkunft, Laufbahn, Ideologie zu stellen. So bekam man als Bewerber einen Vorgeschmack auf die totale Verfügbarkeit, die die Partei von einem erwartete.  

Zum Schluss sehen wir noch das berühmte Photo mit dem Brüderkuss zwischen Breschnew und Honecker. Dazu gab es mal eine Sprechblase, die Honecker diese Worte in den Mund legte: „Er ist ja ein Arschloch, aber küssen kann er!“

Nach dem Museum legt Hermano eine Pause ein. Hermana und ich sehen uns die Stadt an.

Dass Helmstedt mehr, so viel mehr ist als der Startpunkt der Transitstrecke, das erfahren wir auf unserem Spaziergang auf Schritt und Tritt.

Schon der Marktplatz ist beeindruckend. Dominiert wird er von dem schönen neugotischen, beinahe etwas zu groß geratenem Rathaus, mit halbrunden Türmen an der Seite, Fialen, einem hohen Treppengiebel und großen, länglichen Fenstern in allen drei Etagen. An der Fassade Heiligenstatuen, Reliefs von Ratsherren, Wappen und, ganz oben, eine Uhr.

Davor ein moderner Brunnen. Der besteht aus groben, ungleichmäßig großen Quarzitsteinen, die auf dem Boden einen Kreis bilden. Die Wasserfontäne kommt aus ihrer Mitte.

Wir lassen uns von Hermanas Führer leiten und entdecken Dinge auf dem Platz, die wir sonst übersehen hätten. Dazu gehört das Portal der ehemaligen Universitätskirche. Darüber ein Wappen, das Simson mit dem Löwen darstellt. Der ist dieser Tage schon einmal in einem unserer Gespräche aufgetaucht. Ergebnis: Keiner von uns wusste, wer das ist. Simson, nicht zu verwechseln mit Samson (der aber auch manchmal Simson genannt wird), ein Auserwählter Gottes, zerreißt mit eigenen Händen einen Löwen. Später kommt Honig aus dem Körper des Löwen, und das alles bringt ihn am Ende in Konflikt mit den Philistern. Die Geschichte, heißt es, sei ein Bild von Stärke und Unschuld. Wie man das mit der Universitätskirche in Zusammenhang bringt, bleibt uns verborgen.

Neben der Ratsapotheke das schönste der Fachwerkhäuser auf dem Platz, das Hoflager Herzog Julius‘. Hier wurden Gäste untergebracht. An der reich geschnitzten Fassade erkennt man, wenn man genau hinguckt, die Sinnbilder der sieben freien Künste: Rhetorik, Grammatik, Dialektik, Geometrik, Arithmetik, Astronomie, Musik. Die Kunst leidet bis heute noch daran, dass sie nicht dazugehörte. Wie stellt man die Künste denn dar, will Hermana wissen. Bei der Gerechtigkeit gebe es doch immer die Waage und die Augenbinde. Stimmt. Aber bei den sieben Künsten gibt es so einen festgelegten Kanon nicht. Höchstens: Musikinstrument bei der Musik. Hier wird sie mit einem Cembalo dargestellt. In früheren Zeiten vermutlich eher durch eine Leier. 

In einer anderen Reihe sind weitere Frauengestalten dargestellt. Sie repräsentieren die Tugenden und – die Laster! Neid und Zorn sind hier genauso vertreten wie Klugheit und Stärke.  

Wir kommen durch eine schmale, sich hin windende Straße mit sehr schönen Fachwerkhäusern, alle etwas versetzt statt in gerader Reihe stehend. Ganz hinten sieht man die Spitze eines Kirchenturm: St. Ludgeri. Die Kirche heißt nicht zufällig so: Um 800 gründete die Benediktinerabtei Essen-Werden hier eine Missionsstelle, aus der ein Kloster erwuchs. Es blieb bin 1803 durch einen gemeinsamen Abt mit Werden verbunden. Dieses dem Hl. Liudger, dem Abt von Werden und erstem Bischof von Münster geweihten Kloster war der Ausgangspunkt der Stadtentwicklung von Helmstedt.

An einem Fachwerkhaus eine Tafel, die darauf verweist, dass hier Giordano Bruno, der „für das moderne Weltbild wegweisende Philosoph“ zehn Jahre lang wohnte, Bevor er in Rom den Ketzertod starb.

Dann kommen wir zu dem schönsten Bauwerk Helmstedts, dem Juleum, einem in Rot gehaltenen palastartigen Renaissancebau mit einem halbrunden Turm in der Mitte, der bis über das Dach reicht. Der Turm, der eine Wendeltreppe beherbergt, hat winzige schiefe Fenster, die wie Schießscharten aussehen, und das Wappen des Herzogs Julius, wieder mit Simson und dem Löwen. Oben, unter der Uhr, eine Brüstung, die vielleicht als Aussichtsplattform diente.

Die Wandflächen des Gebäudes sind durch große Fenster gegliedert, und die Baugiebel sind reichlich mit Plastiken geschmückt, darunter Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie, die vier klassischen Fakultäten. Was haben die hier zu suchen? Das Juleum war früher Aula-Gebäude der Universität! Universität? In Helmstedt? Ja, tatsächlich, Helmstedt hatte eine (von Herzog Julius gegründete) Universität, die 200 Jahre lang die Entwicklung der Stadt bestimmte. Und was ist aus ihr geworden? Sie wurde durch napoleonisches Dekret zugunsten der Universität Göttingen aufgehoben!

Dann kommen wir an einer Säule vorbei, der kleinen Schwester der Säule des Christentums in Braunschweig, die sich, statt dem Christentum, dem Recht widmet. Sie steht sinnigerweise in der Gerichtsstraße. Die Säule wird von einer Sonnenscheibe gekrönt, auf deren einer Seite, zur Straße hin, das Wort Freiheit steht, auf der anderen, zum Gericht hin, das Wort Recht. Der Richter sitzt zwischen dem Räderwerk der Gesetzesmaschine und dem rechtssuchenden Menschen.

In der Bötticherstraße kommen wir zu dem Professorenhaus. Es hat eine breite Zufahrt, für Wagen und Sänften. Innen der Zugang zum ehemaligen Vorlesungsraum. Die Professoren lasen in ihren Häusern, und die Studenten – daran hat Hermana ihre besondere Freude – wohnten auch oft bei ihnen.

Zum Abschluss, wieder an unserem Ausgangspunkt angekommen, entdecken wir das ganz am Rande des Markplatzes stehende Haus des Bürgermeisters Cörner von 1681. Es trägt die Inschrift nihil tibi tam aeque fieri potestad ad temperantiam omnium rerum quam frequens cogitatio brevis aevi et huius incerti non nobis sed posteris – nichts vermag so zu mässigung in allen dingen zu bringen wie der gedanke wie kurz das leben ist und wie unsicher.

Ein schöner Gedanke zum Abschluss unseres Rundgangs, an dem Hermano uns schon am verabredeten Ort erwartet. Er fragt uns, ob wir noch Lust hätten, nach Höttesleben zu fahren. Dort gibt es ein Denkmal, das an die deutsche Teilung erinnert, sozusagen ein Freilichtmuseum, wo es ein original erhaltenes Teilstück der Grenzanlagen der DDR gibt. Ist nicht so weit. Klar haben wir Lust!

Das Grenzdenkmal liegt mitten in der Natur. Es sieht alles sehr friedlich aus. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass es hier, an dem Bach, über den wir gehen, einst kein Durchkommen gab, dass hier eine undurchlässige Grenze war.

Von der Landstraße aus sieht man auf die erhalten gebliebene Mauer, Grenzpfähle, einen Wachturm, einen Signalzaun. Und dann sind da diese x-förmigen Gebilde, aus Stahl gefertigte Panzer-Höcker, die in regelmäßigen Abständen auf dem Boden liegen, aber nicht eng genug aneinander stehen, um ein Durchkommen zu verhindern. Ich hab mich immer gefragt, welche Funktion die haben. Die Erklärung: Sie dienten als Hindernis gegen den etwaigen Durchbruch von Kraftfahrzeugen.

Diese Grenzanlagen wurden bereits in den fünfziger Jahren errichtet und allmählich zu einem echten Schutzwall ausgebaut. Die Berliner Mauer folgte dann 1961. Aber welche Berliner Mauer? Die Innenstadtgrenze oder die Umlandgrenze, die um Berlin herum? Wir sind uns nicht einig. Bei Fernsehaufnahmen zum Mauerbau sieht man immer nur die innerstädtische Grenze. Von der Umlandgrenze ist nie die Rede. Die ist auch viel länger (112 Kilometer) als die innerstädtische (43 Kilometer). Die gesamte Grenze ist fast 1.400 Kilometer lang.

Hermano schlägt vor, auch noch nach Marienborn zu fahren. Er hat da mehrmals mit einem Reisebus kurz Halt gemacht, aber nie die Gelegenheit gehabt, sich die Anlage anzusehen.

In Marienborn befand sich der wichtigste Grenzkontrollpunt der DDR. Marienborn liegt nicht direkt an der Grenze, sondern ein paar Kilometer dahinter. Aufgrund seiner Nähe zu West-Berlin wurde hier die Hauptlast des Transitverkehrs zwischen Westdeutschland und West-Berlin abgewickelt.

Man befindet sich auf einem weitläufigen Gelände, mit den Kontrollhäuschen, der Zollabfertigung, einem Kommandoturm. Und mit der Wechselstelle, wo man einen festen Tagessatz umtauschen musste, Westmark in Ostmark, 1:1. Man hatte dann immer mehr Geld, als man ausgeben konnte.

Das beklemmende Gefühl von damals stellt sich nicht mehr ein, aber die Erinnerung daran ist noch wach: die lange Wartezeit, die finsteren Minen der Grenzkotrolleure, die eintretende Stille, das Einkassieren der Pässe, die Angst vor möglichen Fragen.

Besonders intensive Erinnerungen hat Hermana, weil sie Geschenke für Verwandte im Osten mitnehmen musste. Und sie erzählt, dass einer unserer Neffen, der Computer für eine Jugendorganisation mitnehmen wollte, einmal einem stundenlangen Verhör unterzogen wurde.

Die klassische Anweisung der Grenzposten, die uns allen noch in den Ohren klingt, erscheint hier in großen Buchstaben auf einer Ausstellungstafel: “Bitte öffnen Sie die Motorhaube, den Kofferraum und heben Sie die hintere Sitzbank ab”.

Auf der Rückfahrt sehen wir mehrmals ein Schild, das nach OT Autobahn führt. Was kann das wohl sein? Es handelt sich um den Ortsteil Autobahn. Der liegt drei Kilometer von dem Ort Harbke entfernt, zu dem er wohl gehört. Der Ortsteil Autobahn mit seinen Dienstgebäuden und Kasernen, mit Kino, Kneipe und Kulturzentrum, entstand 1949. Hier wohnten ausschließlich Zöllner, Mitarbeiter der Stasi und Grenzposten. Für den Zutritt brachte man eine Genehmigung.

Auf der Autobahn stehen am Rande der Fahrbahn in kurzen Abständen immer die gleichen Masten. Hermano vermutet, dass es irgendeine Teststrecke ist. Tatsächlich sehen wir dann das Schild Testfeld Niedersachsen.

Uns ist aufgefallen, dass es in dieser Gegend keine Aral-Tankstellen gibt. Ob die Marken ungleichmäßig über das Land verteilt sind? Wir haben deshalb drauf geachtet, weil Hermano einen Gutschein für Aral hat. Jetzt sehe ich eine Aral-Tankstelle abseits der Autobahn, neben einem McDonald.

Wir haben uns vorher gefragt, in welchem Bundesland wir wohl sind. Ein Schild auf der Autobahn gibt uns jetzt Auskunft: Sachsen-Anhalt.

Bei unserer Ankunft zu Hause begrüßt uns eine Cuñada, die sich besser fühlt und die besser aussieht als an den beiden letzten Tagen. So können wir zu viert zum Abendessen fahren.

Unser Ziel ist die Pizzeria hier im Ort, die Hermana und Hermano gestern bei ihrer Entdeckungsfahrt mit dem Fahrrad lokalisiert haben. Sie liegt direkt am Sportplatz, gehört quasi dazu, von ihrer Terrasse aus blickt man gleich auf das Spielfeld.

Es ist viel Betrieb hier, das sieht man schon bei Näherkommen. Dann stellt sich heraus, dass wohl so eine Art Vereinsfest stattfindet. Eine Jugendmannschaft verlässt gerade das Feld, eine Erwachsenenmannschaft betritt das Feld. Überall Kinder mit ihren Eltern, Vereinsmitglieder, Trikotträger.

Auf der Terrasse ein Stand, an dem es Pizza in Häppchen gibt. Heute ist eine Ausnahme. Die Pizzeria ist geschlossen. Wir scheinen nicht vom Glück verfolgt zu sein.

Hermano fragt einen Mann, ob er uns ein Lokal empfehlen kann. Der schlägt, etwas zögerlich, ein Lokal in einem anderen Ortsteil, Hordorf, vor, die Gaststätte Lüddecke. Da könnten wir es mal versuchen. Der Mann am Telefon sagt, vier Personen, ja, das können wir wohl hinkriegen.

Der Tipp erweist sich als Hit. Das Lokal hat einen großen Biergarten, äußert freundliche, aufmerksame Kellner und eine abwechslungsreiche Speisekarte. Wir bestellen Kalbsleber, Trüffel-Pasta. Lachspasta und Sauerfleisch. Und sind alle begeistert. Die geschlossene Pizzeria hat uns Glück gebracht. Ein perfekter Abschluss unserer Reise.

21. Juni (Samstag)

Mein Abreisetag, an dem mich wieder eine abenteuerliche Fahrt mit der Bahn erwartet, ist der längste Tag des Jahres. Sommersonnenwende. Die Kirche feiert die am Johannes-Tag, dem 24. Juni. Das heißt nicht, dass die nicht rechnen konnten. Sie benutzen einfach weiterhin den julianischen und nicht den gregorianischen Kalender. Dasselbe zur Wintersonnenwende. Deshalb ist Weihnachten nicht am 21., sondern am 25. Dezember.