28. August (Freitag)
Fängt gut an: Zu Hause steige ich in den falschen Bus und komme dann an einen gesperrten Fußweg. Der Umweg kostet Zeit, und ich komme verschwitzt am Bahnhof an, bekomme den Zug aber noch. Der trifft pünktlich ein, bleibt dann aber wegen einer Signalsperre 20 Minuten im Bahnhof stehen. Sieht schlecht aus mit dem Anschlusszug in Mannheim. Aber auf die Bahn ist Verlass. Auch der Zug hat Verspätung.
Da schon abzusehen ist, dass ich nicht rechtzeitig an der Wohnung ankommen werde, rufe ich, wie geheißen, eine gewisse Sophie an, um Bescheid zu geben. Da meldet sich aber keiner.
In dem Zug gibt es Reservierungspflicht. Das scheint eine französische Verfahrensweise zu sein. Vor der Grenze wird angekündigt, man solle die Pässe bereithalten. Aber es kommt keine Kontrolle. Auf dem Rückweg auch nicht. Und noch mehr. In keinem der insgesamt vier Züge bei der Hinfahrt und der Rückfahrt wird meine Fahrkarte kontrolliert. Ich hätte umsonst reisen können.
Ich komme mit nur einer knappen Stunde Verspätung in Straßburg an. Die erste Sehenswürdigkeit in Straßburg ist der Bahnhof selbst. Er hat eine hypermoderne gläserne Hülle, sieht aus wie ein Raumschiff. Diese Hülle umgibt das offensichtlich wilhelminische, sehr repräsentative Gebäude, aus hellem Sandstein, mit Verzierungen über den Portalen und den in Stein gemeißelten Jahreszahlen 1901 und 1902. Früher hat es hier mal zwei Fresken deutscher Kaiser gegeben, aber die hat man entfernt, eine typische, überall anzutreffende Geste, die ich für ziemlich bekloppt halte. Als wenn man die Vergangenheit ausradieren könne. Es soll noch zwei verbliebene Skulpturen geben, Landwirtschaft und Industrie abbildend, aber die finde ich nicht. Außen an der Hülle steht Gare de Strasbourg.
Auf dem großen Vorplatz sehe ich mich, wie von Hermanita empfohlen, nach einem Wegweiser zum Musée d‘Art Moderne um, denn in dessen Nähe wohnen wir. Den gibt es aber nicht. Also richte ich mich nach den Straßennamen: Der schnurgerade Boulevard de Metz geht über in den Boulevard de Nancy und der in den Boulevard de Lyon. Hier biegt man ab und kommt auf die Rue de Barr, unsere Straße. Ich komme zur Hausnummer 18, hoffnungsfroh, und suche nach der Schelle, an der ich klingeln soll. Aber hier gibt es keine Schellen. Ich muss wohl falsch sein. Gehe diese Straße in die andere Richtung, eine Straße überquerend, aber hier gehen die Hausnummern runter. Ich komme wieder zurück zur 18 und schreibe eine Mail, in der Hoffnung, Antwort zu bekommen. In demselben Moment geht die Haustür auf. Ich steige in die 4. Etage hinauf, und dort begrüßt mich eine junge Frau. Ich sage ihr, ich hätte versucht, sie am Telefon zu erreichen, aber sie sagt, sie habe keinen Anruf bekommen. Ich zeige ihr mein Telefon, und sie sagt, ja, das sei Sophie, die sei schon weg. Sie sei Carole, die Eigentümerin. Ja, aber ihre Nummer hatte ich ja nicht. Sie murmelt irgendeine Entschuldigung. Ich sage, ich hätte unten die Klingeln gesucht, aber nicht gefunden. Ach ja, sagt sie, da hätte man das System geändert, jetzt gehe es mit einem Code rein. Sie müsse das auf der Homepage mal korrigieren. Gute Idee.
Sie bemüht sich um ein Minimum an Kommunikation und fragt mich, woher ich komme. Allemagne. Wo denn da? Trèves. Nie gehört. Wie immer in Frankreich, schon ein paar Kilometer hinter der Grenze.
Sie führt mich im Schnelldurchgang durch die Wohnung und zeigt auf den Schlüssel auf dem Küchentisch. Dazu keine Erklärung, ebenso wenig zu den Haushaltsgeräten oder zur Lage der Wohnung. Dann ist sie verschwunden.
Ich sehe mich in der Wohnung um. Eine große, modernisierte Wohnung in einem schönen, älteren Haus, mit ein paar Balkonen an der Front. Wir haben keinen, weil sich die Balkone – schöne architektonische Raffinesse – abwechselnd in der Mitte und an den Seiten befinden.
Die Wohnung verfügt über alle Vorrichtungen, die man sich denken kann, einschließlich Waschmaschine. Es gibt auch einen Vorrat an Kaffee, Tee, Zucker und Salz und im Kühlschrank eine Flasche Sekt.
Nach einer schnellen Dusche versuche ich, ins Internet zu kommen, aber das Netzwerk, das auf der Homepage steht, kann ich nicht finden. Ich versuche, es per Hand einzugeben. Vergeblich. Also rufe ich sie an. Ach so, ja, das Netzwerk gebe es nicht mehr. Das müsse sie mal ändern auf der Homepage. Gute Idee.
Sie schickt mir den Namen des neuen Netzwerks und das Passwort. Das besteht aus 16 Zahlen und 6 Buchstaben. Beim dritten Versuch klappt es.
Wenigstens etwas. Blöderweise hat mein Handy in der Zwischenzeit ohne mein Zutun das Icon der Kamera vom Bildschirm gelöscht. Ich finde keine Lösung.
Ich gehe über die breiten Boulevards wieder zum Bahnhof zurück. Am Straßenrand ein schwarzer Junge mit einem BVB-Trikot. Er weiß vermutlich nicht, was er trägt, genauso wenig wie der Junge damals in Paraguay.
Die Architektur ist französisch, drei- vierstöckige Häuser mit schmalen Balkonen mit gusseisernen Geländern. Dazwischen immer wieder nichtssagende neue Bauten.
Frankreichs koloniales Erbe ist auf Schritt und Tritt zu spüren: vermummte Frauen, fremde Sprachen, Männer mit langen Kleidern, Halal-Geschäfte, Männer mit bestickten Schiffermützchen, braune, schwarze und pechschwarze Haut, afrikanische Flaggen auf den Balkonen.
Rechts ein verwaister Spielplatz. Eine schöne Lokomotive namens Emma bietet ein Klettergerüst mit Rutschbahn an. Wird nicht genutzt. Gilt wohl als aus der Welt gefallen.
Kurz davor, auf der rechten Seite, mitten zwischen allen französischen Schildern, das Hotel Weber.
Es ist noch Zeit, und ich gehe in ein Café, wo es einen leckeren kalten Kaffee gibt. Die Kellnerin setzt sich sofort, sobald sie mich hinter der Theke bedient hat, auf eine Bank an ihren Laptop.
Ich versuche, irgendwie an meine Kamera auf dem Handy zu kommen, aber es klappt nicht.
Am Bahnhof stehe ich unter der Anzeigetafel und suche nach dem Zug. Da werde ich von hinten angesprochen. Hermanita. Ist schon da. Pünktlich. Trotz einer etwas umständlichen Fahrt auf der ersten Teilstrecke.
Sie hat ihren Aufenthalt in Mannheim genutzt, sich die Gegend um den Bahnhof herum anzusehen und hat Photos von den durchnummerierten Straßennamen gemacht. Wie ein Schachbrett liegen die Straßen vor dem Schloss, in Deutschland ein ungewöhnliches Muster, in Südamerika die Regel. Im Schloss ist die Uni untergebracht. Dort habe ich vor Jahren bei einem Sprachkongress meinen ersten öffentlichen Vortrag gehalten, über Anglizismen im Deutschen.
Ich hatte aber völlig vergessen, dass Mannheim am Neckar liegt, an der Mündung des Neckars in den Rhein.
Vor dem Bahnhof an hohen Masten mehrere Reihen von Flaggen. Es sind die Flaggen der Länder der Europäischen Union. Passend zu Straßburg als Europa-Stadt. Man erkennt längst nicht alle: Die schwarz-weiß-blaue von Estland kenne ich nicht, auch die von Lettland, die der von Österreich ähnelt, kenne ich nicht. Niederlande und Luxemburg kann man leicht verwechseln, Slowenien und Slowakei auch, bei Kroatien, auch ähnlich, helfen die Muster weiter, die man vom Trikot de Nationalmannschaft kennt. Eine mit grünen Zweigen und einem gelben „Fleck“ ist eine Unbekannte, bis ich merke, dass der Fleck eine Insel ist. Es ist die Flagge von Zypern.
Auf dem Weg zurück zeigt Hermanita mir die vergilbten Blätter der Bäume am Wegesrand. Es wird Herbst.
Ich verlaufe ich mich, und wir müssen nach dem Weg fragen. Uns hilft ein Mann, ein alter Elsässer, auf Deutsch.
Hermanita zeigt sich sehr zufrieden mit der Wohnung, mit der Größe, der Einrichtung, der Lage. Sie richtet sich kurz ein, und so bleibt uns noch Zeit für einen Spaziergang. Eigentlich wollen wir nur die Umgebung erkunden, aber es wird eine richtige erste Stadtbesichtigung daraus.
Gleich in der Nähe der Unterkunft gibt es einen Carrefour und einen Lebensmittelladen. Der wird von Portugiesen betrieben.
Hermanita führt uns, mit Handy und Stadtplan bestückt, durch die Stadt. Sie hat sich schon kundig gemacht und erwähnt verschiedene Plätze in unserer Nähe und das moderne Kunstmuseum, dem Reiseführer zufolge das Museum, das man besichtigen sollte, wenn man nur ein Museum in Straßburg besichtigt.
Es kommt zu einem Missverständnis, weil ich Art verstehe, aber Hermanita von Arp spricht, Hans Arp. Der ist der Erste unter Gleichen, wenn es um die Künstler dieses Museum geht.
Schon bald kommen wir zu dem Museum. Sieht auf den ersten Blick von außen nicht so umwerfend aus.
Aber auf dem Platz vor dem Museum, dessen Wände mit allerlei schwarz-weißem Graffiti bemalt sind, ist was los. Ein Straßenkünstler mit einem hohen Stab führt vor einer großen Menge seine Künste vor.
Oben auf dem Dach des Museums entdecken wir das Pferd, das ich schon in meinem Reiseführer gesehen habe. Wir stoßen in den nächsten Tagen immer wieder darauf. Das Pferd hat keine Ohren, keine Mähne und keinen Schwanz und trägt den rätselhaften Namen Hortus Conclusus.
Gleich dahinter kommen wir zur Barrage Vauban und nutzen die Gelegenheit, oben auf die Terrasse zu gehen. Das lohnt sich. Von hier aus hat man einen wunderschönen Blick auf die vor uns liegende Altstadt, das verzweigte Wassersystem und die vielen Brücken. Die Geländer der Brücke sind voller Kästen mit bunten blühenden Blumen. Ein schönes Photomotiv.
Wieder unten stoßen wir auf ein Schild, auf dem Jean Hans Arp steht. So hat man Arp seinen auch biographisch gerechtfertigten französischen Anteil gegeben.
Liegt Straßburg am Rhein? Ja! Aber man verbindet es nicht mit dem Rhein. Liegt wohl daran, dass der Rhein außen um die Stadt herum fließt.
Der wichtigste Fluss im Zentrum ist die Ill. Aber welcher der Flüsse vor uns die Ill ist und welche die verschiedenen Kanäle, die in sie fließen, das finden wir in den ganzen Tagen nie so richtig raus, zumal die Ill sich irgendwo vor uns verzweigt.
Die Barrage Vauban ist eine Brücke, die gleichzeitig Befestigung war. Man konnte sie bei einem Angriff unten mit Toren verschließen und damit die anderen Brücken überfluten.
Daneben ist auch eine Drehbrücke in unserer Nähe, und auch das Münster ist nicht so weit entfernt. Das Wort Münster kommt von monasterium und bezeichnete ursprünglich eine Kirche mit Kloster, dann aber auch große Kirchen an sich. Münster ist im Süden das, was bei und Dom ist. Der Unterschied ist einfach regional.
Das Münster, zusammen mit seiner Umgebung zum Weltkulturerbe der UNESCO gehörend, liegt, von Flüssen umgeben, auf der Grande Île.
Davor, da, wo wir jetzt sind, liegt La Petite France. Das hat mit Frankreich nur sehr indirekt was zu tun. Der Name geht auf das 16. Jahrhundert zurück. Damals befand sich hier ein Krankenhaus, in dem Patienten behandelt wurde, die an Syphilis litten. Und die Krankheit hieß, außerhalb von Frankreich jedenfalls, Französische Krankheit (in Frankreich hieß sie zum Ausgleich maladie anglaise). So ging der Name von den Kranken und dem Krankenhaus allmählich auf das ohnehin in keinem guten Ruf stehende Viertel über.
Davon ist heute aber gar nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil, das ganze Viertel ist schön und anmutig und gemütlich.
Noch in diesem Viertel liegen die Ponts Couverts. Der Plural hat seinen Sinn, denn verschiedene Teile der Brücke werden durch die einst zur Stadtbefestigung gehörenden Wachtürme miteinander verbunden. Bedacht sind sie allerdings nicht, nicht mehr, denn die alte, überdachte Holzbrücke ist später durch eine nicht überdachte Steinbrücke ersetzt worden.
Hermanita hat einen guten Blick für die Blumen, die Straßburg überall schmücken, bunte Blumen in Blumenkästen, in Blumenampeln, in Blumenkübeln, auf Brücken, an Häuserwänden, auf den Plätzen. Sie fragt sich, wer die gießt und wie sie die Trockenheit überstehen konnten. Sie sehen alle frisch und gepflegt aus.
Wir gehen jetzt an der Ill entlang. Immer wieder fallen mir kuriose Name auf: Quai de Woerthel, La Zornmuhle, Pharmacie Finkwiller, Brasserie La Schloss.
Die Drehbrücke haben wir immer noch nicht gefunden. Stattdessen kommt jetzt die Thomasbrücke. Die hat ihren Namen von der Kirche, die am Ende der Brücke steht, St. Thomas, das „protestantische Münster“. Sie wurde gleich nach der Reformation evangelisch.
Hinter der Brücke Straßentheater, mit Harlekinfiguren mit bemalten Gesichtern. Es wird gerade eine dramatische Szene gespielt. Wieder viele Zuschauer, um die „Bühne“ herum auf niedrigen Sitzen hockend.
Dahinter ein Kinderkarussell und eine Churros-Bude. Beide geschlossen.
Wir kommen auf die Rue Grande, die Longstross, mit Delikatessengeschäften und Souvenirläden. Überall ist viel Volks unterwegs. Es herrscht eine sommerliche Atmosphäre. Ferienstimmung.
Der Name eines hochklassigen Käsegeschäfts stiftet Verwirrung bei mir: Le Gout du Terror? Was hat der Käse mit Terror zu tun? Es ist aber Le Gout du Terroir. Die Heimat ist gemeint.
Dann aber nutzt auch kein zweites Hingucken mehr: L‘in ô Sens, eine Boutique. Der Name bleibt Geheimnis.
Hermanita entdeckt einen Storch an einer Häuserwand, dann noch einen, dann noch einen, sogar als Mosaik. Dann kommen sie als Plüschtiere dutzendweise in einem Souvenirgeschäft zum Vorschein. Die Erklärung: Der Storch ist traditionell das Symbol des ganzen Elsasses.
An der Fassade des Hauses eines alten Geschäftsmanns entdecken wir 8 Köpfe, vier in der unteren Etage, 4 oben. Sie stellen die 4 Jahreszeiten und die 4 Kontinente dar. Bei den Jahreszeiten können wir wenigstens noch raten, um welche es sich handelt. Bei den Kontinenten sind wir überfragt.
Wir kommen dem Münster immer näher. Der große Platz vor der Gasse, die zum Münster führt, ist der Gutenbergplatz, mit seiner Statue im Zentrum. Tatsächlich war Gutenberg 10 Jahre lang in Straßburg. Dass er sich in der Zeit auch mit Buchdruck beschäftigt hat, ist wahrscheinlich, aber gebürtig ist er definitiv aus Mainz, und zwar aus einem alten Viertel, das Gutenberg hieß. Daher hat er seinen heutigen Namen. Tatsächlich hieß er Gensfleisch.
Hier trägt er einen langen Mantel und einen langen Bart. Wie er tatsächlich aussah, weiß keiner. In der Hand hält Gutenberg eine gedruckte Seite. Sie soll vermutlich eine Seite aus der Gutenberg-Bibel darstellen.
Zu allen vier Seiten Reliefs mit Hunderten von Köpfen, lauter Menschen, ausschließlich Männer, die im Laufe der Jahrhunderte von der Erfindung des Buchdrucks profitieren konnten, Philosophen, Dichter, Politiker, an jede Seite ein Kontinent.
Auch wenn die Erfindung des Buchdrucks Gutenberg zugeschrieben wird, war er in China schon Jahrhunderte früher erfunden worden.
Dann stehen wir vor der Fassade des Münsters. Beeindruckend. Sowohl das gesamte Bild wie in den Details. Zur Wirkung tragen auch die Rosette und der rötliche Sandstein bei.
Die Fassade ist eine echte Enzyklopädie von Skulpturen. Wir erkennen die klugen und die törichten Jungfrauen, können uns aber nicht einigen, wie viele das gewesen sind: 5, 6 oder noch mehr? Ist hier auch nicht so leicht zu erkennen.
Der Turm – es wurde nur einer vollendet – war eine architektonische Meisterleistung und mit 142 Metern bis zum 19. Jahrhundert der höchste der Welt!
Wir haben mehr gesehen, als wir gedacht haben und mehr, als wir uns vorgenommen hatten, und treten den Heimweg an.
Zu Hause scheitert die Zubereitung eines einfachen Abendessens fast an der merkwürdigen Funktionsweise des Herds. Ich will schon aufgeben, aber Hermanita bleibt dran und kriegt es am Ende doch noch hin.
29. August (Samstag)
In Kafkas Schloss kommt der Landvermesser Josef K. in einen fremden Ort, in dem Regeln gelten, die er nicht kennt oder nicht versteht, die alle anderen aber für selbstverständlich halten. Manchmal versucht er, die Regeln einzuhalten, manchmal versucht er, sich dagegen aufzulehnen, aber das eine verfehlt seine Wirkung wie das andere. Er ist und bleibt der Außenseiter. Seine Rettung scheint im Schloss zu liegen, zu dem der Ort gehört. Es gibt auch verschiedene Wege, die so aussehen, als führten sie zum Schloss, aber jedes Mal, wenn er einen dieser Wege hinaufgeht, muss er feststellen, dass sie doch nicht zum Schloss führen. Kann man das Leben besser beschreiben?
Beim Frühstück gibt es eine Kerze, eine gefaltete Stoffserviette, einen bekränzten Frühstücksteller, Geldschein für ein Essen und vor allem – Pferdesalbe.
Hermanita möchte ins Europaviertel. Machen wir. Vorher streifen wir aber noch durch die Altstadt.
Als wir losgehen, kommen uns Radfahrer entgegen, alle ohne Helm, auf normalen Fahrrädern. Glückliches Straßburg! Später, im Europaviertel, kommt mir eine ganze Gruppe von Radfahrern entgegen. Alle mit Helm. Es sind Deutsche.
Wieder zeigt sich Straßburg von seiner schönen Seite: Brücke, Blumen, Flüsse, und die sich im Wasser spiegelnden Häuser.
Wir passieren das Restaurant Le Baeckeoffe d’Alsace – wieder so eine wilde Mischung von Deutsch und Französisch.
Nach der Drehbrücke halten wir wieder vergeblich Ausschau.
Diesmal finden wir das Denkmal von Albert Schweitzer. Wie von selbst. Wir müssen gestern nur ein Paar Meter an ihm vorbeigelaufen sein. Er sitzt, in Bronze gegossen, auf einem Mäuerchen. Man kann sich gut danebensetzen. Vor dem Studium hatte Schweitzer ein Militärjahr bei einem Infanterieregiment in Straßburg verbracht, nach dem Studium war er als Vikar an der Straßburger Nicolai-Kirche tätig. In dieser Funktion traute er 1908 Theodor Heuss und seine Straßburger Frau.
Er hatte damals bereits einen Doktortitel in Theologie und einen in Philosophie. Aber für den Einsatz als Arzt in Afrika reichte das nicht. Also studierte er auch noch Medizin und erwarb seinen dritten Doktortitel. Dann fuhr er zum ersten Mal nach Lambarene und baute dort das Tropenkrankenhaus auf. Bis der Krieg ausbrach. Da er deutscher Staatsbürger war und Lambarene in Äquatorial-Afrika lag, das zu Frankreich gehörte, wurde er gefangengenommen und inhaftiert. Nach dem Krieg machte er einen Neuanfang und ließ in Lambarene ein größeres Hospital errichten. Ständig pendelte er zwischen Europa und Afrika hin und her, auch, weil seine Frau, die ihn voll unterstützte, die Feuchtigkeit in Afrika nicht ertragen konnte und mit dem gemeinsamen Kind in der Heimat geblieben war. Beide sammelten Gelder und besorgten medizinische Geräte für das Krankenhaus. Das Krankenhaus und Schweitzer wurden berühmt. 1952 erhielt er für sein Lebenswerk den Friedensnobelpreis.
Beim Weitergehen sehen wir an der Ecke des Platzes die Lokale Au Couleur du Temps und die Trattoria del Cuore, Seite an Seite. Dann passieren wir die Librairie Bildergarte.
Das Kinderkarussell hat oben Bemalungen. Eine von ihnen zeigt eine Szene von der Weinlese.
Hat Straßburg keine Burg? fragt Hermanita. Gute Frage. Keine Burg weit und breit. Offensichtlich gab es aber in früheren Zeiten eine, in den Zeiten der Alemannen, eine Burg, die an der Straße lag. Der Name Strateburgo ist schon im 6. Jahrhundert bezeugt. Damals konnte Burg wohl auch einfach ein Name für eine Befestigung sein.
Wir kommen zum Münster. Die Fachwerkhäuser in der Rue Mercière, so schön sie auch sein mögen, verdecken die Fassade des Münsters ein bisschen. Das ist aber trotzdem eindrucksvoll.
Wir wollen durch ein Portal rein, das frei zu sein scheint. Aber da ist nur der Ausgang. Um reinzukommen, muss man durch das andere Portal, und da steht eine lange Schlange davor.
Das Münster ist dreischiffig, mit Arkaden, Triforium und Obergaden, so dass genug Licht reinkommt, um das Innere einigermaßen zu beleuchten.
Alles ist gotisch, nur die Ostapsis und der Teil davor weichen deutlich davon ab. Sie sind älter, auch dunkler. Man könnte fast den Eindruck haben, in Sizilien zu sein.
Erst, wenn man sich in der Kirche umsieht – im doppelten Sinne – entdeckt man die Rosette und die Schwalbennestorgel, beide echte Hingucker. An der Orgel sieht man zwei Figuren, beide bunt bekleidet, einen Trompeter und einen Brezelverkäufer. Was der hier zu suchen hat, weiß man nicht.
Auch sehr schön ist die figurenreiche Kanzel, mit Heiligen und Propheten, aber auch mit Soldaten im Miniformat. Könnten auch Zwerge sein.
Nicht zu übersehen ist eine riesige Kopie eines Blatts aus der Gutenberg-Bibel, die über dem Mittelschiff hängt.
Immer wieder wird es wegen der vielen Besucher laut. Dann kommt aus dem Lautsprecher: “Medames et Messieurs: Shhhhh!”. International verständlich und wirkungsvoll. Jedenfalls für ein paar Minuten.
Vergeblich suchen wir nach der Madonna mit 12 Sternen, einem von der EU gestifteten Fenster.
Das bekannteste Ausstattungsstück des Münsters ist die Astronomische Uhr. Um sie um 12 Uhr zu sehen, wenn sich die Figuren in Bewegung setzen, muss man sich eigens anstellen und Eintritt bezahlen.
Ich werfe noch einen kurzen Blick auf die romanische Krypta (geschlossen) und sehe an einem Seiteneingang auf die Fialen der Außenmauer. Da mache ich ein Photo, das zu einem der schönsten der Reise wird.
Wir wollen noch einen Dreiflügelaltar ansehen, vor dem eine größere Gruppe steht. Wenn man sich heranwagt, kann man leicht ein niedrig über den Boden gespanntes Seil übersehen. Und auf die Nase fallen.
Bevor wir die Kirche verlassen, steckt Hermanita noch eine große Kerze an, für die ganze Familie.
Am Ausgang steht merci thanks danke obrigado grazie gracias dziękuję ci. Dann folgt Danke in einer Sprache mit fremden Schriftzeichen. Sieht weder nach Chinesisch noch nach Japanisch aus. Koreanisch?
In einem seltenen Moment von Inspiration kommt es uns in den Sinn, das Münster auch noch von der Seite anzusehen, die auf den Platz und nicht auf die Fußgängerzone hinausgeht. Lohnt sich. Schon deshalb, weil hier kein Mensch ist, wirklich keiner, ganz im Kontrast zu den Mengen vor dem Hauptportal und dem Gedränge an der anderen Seite.
Hier, an der Südfront, befindet sich das Uhrenportal, so genannt nach den beiden Sonnenuhren, die hier über dem Eingangsportal angebracht sind, eine vertikale mit Polstab und Ziffern, ganz oben im Giebelfeld, und eine Tafeluhr, rund, mit Symbolen und Bezeichnungen, weiter unten, über den Portalen. Erinnert an die beiden Sonnenuhren, die wir in Braunschweig am Dom gesehen haben.
Was für Symbole sind das? Tierkreiszeichen? Aber dafür sind es nicht genug, nur 7. Dann fällt der Groschen: Planeten! Sonne und Mond sind leicht zu erkennen, die anderen sind rätselhaft. Unter ihnen die Zeichen für weiblich und männlich, auch heute noch gebräuchlich. Das könnten Venus und Mars sein. Zwischen den Ziffern und diesen Symbolen stehen die Wochentagsnamen. Auf Französisch. Also muss die Sonnenuhr erst nach den Reunionskriegen entstanden sein, vermutlich im 17. Jahrhundert.
Das Portal, noch romanisch mit dem doppelten Rundbogen, ist ausgesprochen schön und kann (beinahe) mit dem viel auffälligeren Westportal mithalten. Man sieht Tod, Begräbnis und Himmelfahrt Mariens, alles figurenreiche Darstellungen, und ihre Krönung, außerdem Bundesladenträger, allerhand Getier, und, als auffälligste Figuren, König Salomon in der Mitte und Ecclesia und Synagoge an den Seiten des Portals (hier noch nicht als politisch inkorrekt beseitigt wie an unserer Liebfrauenkirche).
Um für die weiteren Besichtigungen gerüstet zu sein, gehen wir in die Touristeninformation, gleich am Münsterplatz gelegen. Hier wird Deutsch gesprochen. Um ins Europaviertel zu kommen, soll man die Straßenbahn nehmen. Tickets gibt es gleich hier am Schalter. Alles andere wird auf einem Stadtplan eingezeichnet und markiert.
Das erste Ziel ist die Maison Kammerzell, gleich nebenan. Es gilt als das schönste Fachwerkhaus Straßburgs. Ein Käsehändler ließ im 16. Jahrhundert die drei auskragenden Etagen bauen und mit reichen Schnitzereien verzieren. Leider sind die Figuren von hier unten nicht so gut zu erkennen.
Der nächste Punkt, der Meisenlocker, ist etwas weiter entfernt. Die Statue stellt einen Jungen dar, mit einem Vogelkäfig in der einen und einer Flöte, in die er hineinbläst, in der anderen Hand. Er betätigt sich als Meisenfänger. Um die gefangenen Tiere auf Märkten zu verkaufen, wie man das so machte. Diese Skulptur gehört aber eigentlich nach München und ist nur gegen einen Tausch nach Straßburg gekommen. Als Gegengabe bekamen die Berliner einen barocken Brunnen mit dem Flussgott Rhein, für Straßburg gemacht. Aber damit wurden die Straßburger nicht warm, denn der Flussgott war splitternackt. Als die Franzosen nach dem 1. Weltkrieg hier wieder das Sagen hatten, wurde der Brunnen Stück für Stück abgetragen, weil er als „deutsches Werk“ galt. So kam er nach Deutschland. Wo er ursprünglich von einem deutschen Bildhauer geschaffen worden war.
Wir kommen zur Rue de l’Arc en Ciel, der Räjeböjegass, und dann durch eine stille Gasse mit schönen Häusern. Dann, kurz vor der Place de la République, finden wir den Januskopf. Der ist erstaunlicherweise ein Werk von Tomi Ungerer. Der war mir bisher noch nie als Bildhauer untergekommen. Der Januskopf steht auf dem Boden unter den Bögen eines nachgebildeten Aquädukts. Ungerer hat ihn zur 2000-Jahr-Feier Straßburgs geschaffen. Der doppelköpfige Janus, der bei der Benennung des Januars Pate stand, steht hier für die Doppelkultur des Elsasses, französisch und deutsch, und seine ambivalente Geschichte. Man kann sie aber auch auf vieles andere beziehen, nicht zuletzt auch auf jeden von uns.
Die Place de la République ist das Zentrum der Neustadt, also der unter der deutschen Herrschaft im 19. Jahrhundert entstandenen Stadterweiterung. Der Platz, als Park angelegt, ist auf allen Seiten von repräsentativen Gebäuden umgeben: Nationalbibliothek, Nationaltheater, Justizpalast, Palais du Rhin.
In der Mitte das Monument des Morts: Mutter Elsass trauert um ihre beiden Söhne. Sie hält sie in den Armen, und die beiden reichen sich die Hand. Das sollen Deutschland und Frankreich sein. Allerdings sind die Jahreszahlen am Sockel eher verwirrend: 1914-1918, 1939-1945, 1945-1954, 1952-1962. Die letzten beiden scheinen nicht zu passen, haben mit Deutschland nichts zu tun. Aber mit Frankreich? Ja, das müssen Indochina und Algerien sein.
Im Park sehen wir einen riesigen Ginkgo, den ich wegen seiner Größe nicht als Ginkgo erkannt hätte. Aber neben mir steht die Besitzerin eines Ginkgos. Die weiß es. Ich denke dabei immer nur an Goethes Gedicht. Das gespaltene Blatt steht für Einsamkeit und Zweisamkeit gleichzeitig.
Die Haltestelle der Straßenbahn, die hier Tram heißt, ist gleich am Rande des Place de la République. Aber es dauert was, bis wir die richtige Bahn finden, die E. Die bringt uns ins Europaviertel.
Die Straßenbahn ist hypermodern, erinnert an die Luxemburger, und außerdem bestens beschildert. Trotzdem erleben wir bald einen Reinfall. Als wir eingestiegen sind, suchen wir den Apparat zum Entwerten der Fahrkarten. Nicht zu finden. Ein Passagier gibt Auskunft: Die Apparate stehen draußen an den Haltestellen. Schnell raus! Kostet 60 € pro Person.
Die Straßenbahn bringt uns direkt zum Europaparlament. Das ist ein riesiges gläsernes Gebäude. Die große Glasfassade lässt natürliches Licht herein und soll für Transparenz und Offenheit stehen. Der Komplex besteht aus zwei Hauptteilen, dem bogigen Parlamentsflügel und einem runden Büroturm. Die obere Ebene sieht wie unvollendet aus. Das soll für das sich weiter entwickelnde Europa stehen, während die erste Ebene für die bereits abgeschlossene Entwicklung steht.
Unser Besuch im Europaviertel steht unter keinem guten Stern. Die Straßenbahn bringt uns zwar direkt zum Europaparlament, aber da kommen wir vor verschlossene Türen. Mittagspause von 12-15 Uhr statt von 13-14, wie überall zu lesen war und wie man es uns in der Touristeninformation gesagt hatte.
Danach laufen wir verloren durch die Gegend. Die Ausschilderung ist eine Katastrophe, man kann nicht erkennen, welches Gebäude was ist – eins, das wir für relevant halten, entpuppt sich als Parkhaus – man kommt nicht über den Fluss, wir finden kein Café oder das dringend benötigte WC. Die Beine werden immer schwerer.
Das einzige Gebäude, bei dem wir eine Institution der EU erkennen können, ist der Europäische Gerichtshof. Durch ein Gitter sehen wir eine Skulptur. Mehrere ganz und gar in einen Verband eingehüllte Menschen sitzen in einem Kreis.
Da nichts anderes zu finden ist, suchen wir die Orangerie, einen großen Park, in der Hoffnung, dort ein WC zu finden. Das ganze Viertel wirkt wie ausgestorben.
Es geht an unendlichen Sportplätzen vorbei, bis wir auf eine größere Straße kommen. Hier ist der Eingang zur Orangerie.
Aber die ist riesengroß, und mit dem Stadtplan gelingt es uns nicht, uns zu orientieren. Wir kommen an ein Restaurant, schön hinter Bäumen gelegen, aber das ist eine Klasse zu gut für uns, und außerdem ist uns nicht nach Essen.
Dann merken wir verblüfft: Die haben keine Toiletten. Es gibt im ganzen Park nur eine Toilette, und die wird von allen benutzt.
Als wir endlich hinkommen, schiebt gerade ein Radfahrer sein Rad auf die Toilette, auf die eine von insgesamt zwei Toiletten. Natürlich sind hier noch andere vor uns dran, und wenn einer fertig ist, werden die Toiletten erst einmal chemisch gereinigt – und das dauert. Die Erleichterung ist groß, als wir die Sache endlich erledigt haben. An einem Kiosk gibt es Wasser und Kaffee, und für mich eine Art Brioche. Hermanita hält es weiter mit leerem Magen aus.
Wir gehen ein bisschen in dem Park spazieren, kommen an einem See und an einem Wasserfall vorbei und gelangen schließlich zum Pavillon Joséphine, benannt nach Napoleons Frau, die sich hier besonders gerne aufhielt.
Hier soll auch die Gänselieselfigur sein, nach der wir vorher gefragt haben. Die Mädchen vom Kiosk hatten keine Ahnung – Nie gesehen! – der Mann vom Bootsverleih aber wusste aus Anhieb Bescheid – Natürlich weiß ich, wo die ist!
Die Gänseliesel trägt Holzschuhe, ein langes, an der Hüfte geschnürtes Kleid und eine Haube, am Arm einen Korb mit Obst. Sie sieht sich jetzt gerade nach der Gans um. Gefällt mir gut, die Figur.
Aber über die Gänseliesel selbst können wir uns nicht einigen. Ich meine, sie komme aus einem Grimm’schen Märchen, Hermanita meint, sie habe noch nie von ihr gehört.
Wir machen uns zurück auf den Weg zum Europaparlament. Diesmal fällt der Weg kürzer aus.
Dort angekommen sieht man, wie schon längst Leute eingelassen werden, obwohl es noch nicht 15 Uhr ist.
Hermanita entscheidet sich, reinzugehen, ich mache mich auf die Suche nach zwei weiteren Orten. Der erste ist Arte, der Fernsehkanal. Das klappt auf Anhieb. Vor dem Eingang des großen, gläsernen Gebäudes steht der Giraffenmann, ein beliebtes Photomotiv. Aus dem Körper des Mannes, der kopflos, aber sonst ganz normal ist, ragt ein Giraffenhals heraus, mit Kopf. Ich sehe darin das Beispiel eines Menschen, der in die Ferne sieht, der sich aus der Enge des eigenen Gesichtsfeldes befreit.
Ich zeige dem Wachmann vor dem Gebäude das Bild von Zeus und Europa, aber er kennt das nicht. Also gehe ich zurück zum Europaparlament, aber die schicken mich wieder zurück zu Arte. Ich soll die nächste Brücke dahinter nehmen, um auf die andere Seite zu kommen.
Das tue ich und laufe dann eine unendlich scheinende Strecke zischen der Ill und den Gebäuden entlang, lauter Gebäude, die was mit der EU zu tun haben, aber die sich übergangslos aneinanderreihen. Man kommt nicht an die Hinterfront. Und da steht irgendwo der Zeus.
Alle diese Gebäude sind verschlossen, nirgends ist ein Wachmann zu sehen, und Spaziergänger gibt es hier auch keine. Ich glaube die ganze Zeit, es mit dem Europarat oder einer anderen Institution zu tun zu haben, aber es gehört alles noch zum Europäischen Parlament. Das erklärt auch die gläserne Brücke, die zum Parlament über die Ill führt. Alles sind Büroräume, Geschäftsräume, Tagungsräume. Und die werden nur dann genutzt, wenn das Parlament in Straßburg ist, jeden Monat, wie ich später vom Hermanita erfahre, einmal, von Montag bis Donnerstag. Die restliche Zeit ist man in Brüssel und tagt dort in Kommissionen.
Ich gebe mich geschlagen und gehe zurück. Da entdecke ich eine Lücke in einer Baustelle, und komme tatsächlich hinter das Bâtiment Winston Churchill, und da entdecke ich dann den Zeus. Er erscheint als silberner, etwas lüstern hereinblickender Stier, auf seinem Rücken Europa, fröhlich aussehend, mit ausgebreiteten Armen. Sie sind nicht mehr im Wasser, sie sind an Land. Angekommen. Die Skulptur nimmt Bezug auf den klassischen Mythos der Entführung Europas. Zeus hatte einen Blick auf die schöne junge Frau geworfen, konnte sich ihr aber nicht als Zeus nähern, denn das hätte Hera mitbekommen. Also verwandelte er sich in einen Stier, nahm sie auf den Rücken und entführte sie. Von Kleinasien nach Europa. Ein Mythos, der uns daran erinnert, dass wir keine reinen Europäer sind, dass wir unsere Wurzeln woanders haben. Genau das bestätigt auch die evolutionäre Genetik. Europa ist im Laufe der Jahrtausenden von Menschen aus Ostafrika, aus Kleinasien und aus der Ukraine bevölkert worden.
Auf dem Rückweg erinnere ich mich an die hervorragende Churchill-Biographie von Sebastian Haffner, die ich vor Jahren gelesen habe. Da erklärt Haffner, Churchill habe schon gleich nach dem Krieg für ein vereintes Europa geworben. Daher hat man ihm hier ein Gebäude gewidmet. Churchills Europa war allerdings – wie sollte es anders sein – ein Europa ohne England.
Als ich endlich wieder beim Parlament bin, wartet Hermanita schon, im Stehen, nicht auf den Bänken, wegen der „blöden Sonne“. Sie erzählt aber ganz begeistert von ihrem Besuch.
Das Parlamentsgebäude ist riesig, beeindruckend schon der Anblick, wenn man im Foyer steht, auch der große Plenarsaal, wenn auch im Moment im Umbau, ist was Besonderes. Der Plenarsaal ist in eine Art Nussschale eingehüllt, rund, aus Holz, und das ist etwas ganz Besonderes, erfahre ich, weil man runde Formen nur ganz schwer aus Holz machen kann. Die Holzstücke müssen dazu sehr, sehr klein sein.
Hermanita ist beim Eingang kontrolliert worden, hat dann eine App mit Erklärungen bekommen, mit der man durch das Gebäude geführt wird, die man aber hier schlecht verstehen konnte. Zu Hause entdeckt sie dann zu ihrer Verblüffung, dass diese Erklärungen auch auf ihrem Handy gelandet sind.
Das Europaparlament, die einzige direkt gewählte Institution der Europäischen Gemeinschaft, hat 720 Abgeordnete aus 9 Parteien. Die Präsidentin ist Malteserin, Roberta Metsola. Wir sind erstaunt, dass wir beide sie nicht kennen. Ich verwechsle sie mit Kaja Kallas, Estin, aber die gehört zur Kommission, ist Außenbeauftragte der Kommission. Die Amtszeit der Parlamentspräsidenten ist zweieinhalb Jahre, die Hälfte der Legislaturperiode.
Hermanita zufolge wird weiterhin von jeder Sprache in jede andere Sprache übersetzt. Ich meinte mal gehört zu haben, dass man das mit der wachsenden Zahl der Mitglieder eingestellt hat, aber das scheint nicht der Fall zu sein. Seit dem Beitritt Kroatiens gibt es 525 Kombinationen. Kaum vorstellbar, wie das zu bewältigen ist. Englisch ist trotz des Brexits weiterhin vertreten, weil es in Irland und in Zypern Amtssprache ist.
Man muss sich vorstellen, dass auch alle diese Dolmetscher und Übersetzer Teil des Wanderzirkus sind. Kein Wunder, sagt Hermanita, dass die Taxischlange vor dem Bahnhof so lang ist. Die Zugfahrt von Brüssel nach Straßburg ist direkt, dauert aber immerhin 4 Stunden.
Zurück in die Altstadt geht es wieder mit der Straßenbahn. Wir steigen eine Haltestelle später aus, sind hier aber orientierungslos. Ein freundliches Ehepaar zeigt in die entgegengesetzte Richtung und kommentiert mit einem Lächeln: „Loin mais simple, simple mais loin.“ Das erweist sich als zutreffend. Es geht immer an der Ill entlang, zieht sich aber ganz schön hin. Am Ende haben wir eine Rekordzahl an Schritten hinter uns gebracht.
Ich mache, bevor wir uns die vier Etagen raufquälen, noch schnell einen Einkauf bei Carrefour und stelle fest, dass es hier kein alkoholfreies Bier gibt.
30. August (Sonntag)
Die wechselhafte Geschichte Straßburgs beginnt bereits im Altertum. Die Römer legten hier ein großes Militärlager an, das sie Argentoratum nannten und das an der Stelle lag, wo Kelten schon seit Jahrhunderten siedelten. Später kamen die Alemannen. Auf die geht wohl der heutige Name der Stadt zurückgeht.
Auf Geheiß von Otto II. wurde schon 912 das Hochstift Straßburg gegründet. Die Stadt stand also unter der Herrschaft der Kurfürsten und wurde Teil des alten Reichs, des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. 1681 besetzten Truppen Ludwigs XIV. die Stadt, und Straßburg wurde französisch. Das blieb es bis zum Deutsch-Französischen Krieg 1871/71. Da wurde Straßburg wieder deutsch. Aus der Zeit stammen der Bahnhof und die Neustadt. Mit dem Versailler Vertrag 1919 wurde es wieder französisch, bis zur Besetzung durch die Nazis. Um dann, nach dem Krieg, wieder französisch zu werden.
Die Machthaber verfolgten auch eine radikale Sprachpolitik. Nach 1919 wurde Französisch Amtssprache und auch Unterrichtssprache. Unter den Nazis wurde alles Französische verbannt, als „welscher Plunder“, Sprache, Bücher, Namen, Plakate. Das rächte sich 1945. Deutsch wurde als Sprache des Erzfeindes vollständig von den Schulen verbannt, die Bevölkerung wurde dazu angehalten, nur noch das „schicke“ Französisch zu sprechen. Das Elsässische wurde als bäuerlicher Dialekt ohne Zukunft hingestellt.
Auch die Konfession änderte sich. Straßburg wurde in der Zeit der Reformation protestantisch, bis zur Eroberung durch Ludwig XIV. Da wurde es wieder katholisch. Aber diese Veränderung war nicht dauerhaft. Heute ist Straßburg als einzige französische Stadt mehrheitlich protestantisch. Das Münster ist aber katholisch.
In der Literaturgeschichte hat Straßburg zwei ganz Große hervorgebracht, Sebastian Brandt, dessen Narrenschiff der erste Bestseller war und bis zu Goethes Werther das meistverkaufte Buch blieb. 500 Jahre früher schrieb Gottfried von Straßburg, der Minnesänger, Tristan, das Versepos. Das war später die Inspiration für Wagners Oper.
Noch bedeutender ist Straßburg in der Sprachgeschichte, durch die wegweisenden Straßbuger Eide (842). Was war passiert? Vereinfacht gesagt: Zwei Brüder tun sich zusammen, verbünden sich gegen den dritten Bruder und versprechen einander, sich gegenseitig nicht in die Quere zu kommen. Die Brüder, das waren die Enkel Karls des Großen. Mit ihrem Zwist, dem Kampf um das Erbe, führten sie das Ende des karolingischen Reichs herbei. Die Brüder, die den Bund schlossen, waren Ludwig der Deutsche, der das Ostreich beherrschte, und Karl der Kahle, der das Westreich beherrschte. Ihr gemeinsamer Gegner war Lothar, der das Mittelreich beherrschte. In Straßburg schworen sich Ludwig und Karl gegenseitige Treue beim Kampf gegen Lothar. Sie legten den Schwur vor ihren versammelten Truppen ab. Und jetzt kommt das Entscheidende: Ludwig sprach den Schwur auf Gallo-Romanisch, Karl auf Althochdeutsch, also jeder in der Sprache des anderen! So wurden die Soldaten der anderen Seite Zeugen des Schwurs.
Nach dem Frühstück gibt mir Hermanita Zeit für zwei Stündchen am Computer und begibt sich selbst schon mal auf Erkundung. Wir treffen uns am Museum.
Hermanita hat die Zeit genutzt, um mit Hilfe einer Touristengruppe endlich die lang gesuchte Drehbrücke zu finden.
Das Wetter ist nicht so gut, wird aber im Laufe des Tages immer besser, so dass wir am Ende auf das Museum verzichten. Es gibt auch so viel zu entdecken.
Wieder ein paar interessante Namen an den Lokalen: L’Ami Schultz, Au Petit Bois Verd (in einem schönen Haus am Rand der Ill untergebracht) und Lohkäs. Der hat was mit der Lohe, der Gerberlohe zu tun, Baumrinde, die zum Gerben verwendet wurde.
Dann kommen wir zur Drehbrücke, einer kleinen Holzbrücke. Die dreht sich, um Schiffe durchzulassen, die zu hoch für die niedrige Brücke sind. Aber die Brücke dreht sich nicht, als wir da sind.
Auf dem Rückweg haben wir mehr Glück. Ein Schiff wartet an der Schleuse auf Durchfahrt und muss danach die Drehbrücke passieren. Wir legen einen Schritt zu, aber die Brücke, über die wir gerade noch gegangen sind, ist schon offen. Als dann aber das Schiff durchgefahren ist, sehen wir, wie sie sich schließt. Das geht heute mit einem Knopfdruck, muss früher mit Muskelkraft geschehen sein. Hermanita macht ein Video davon.
Dann kommen wir auf einer schmalen Straße an einer Bäckerei vorbei. Im Schaufenster liegen Bretzel. Über dem Schaufenster in der Häuserfassade ein Bär, der sich eine Brezel ins Maul stopft. Ein schönes Photomotiv.
Die Bretzel schreibt sich hier mit <t>, das ist wohl ein Regionalismus. Auch die Gattung ist bei der Brezel nicht eindeutig. Es kann die Brezel oder das Brezel heißen.
Die Brezel gilt auch als eine Spezialität des Elsasses. Sie soll hier ihren Ursprung haben. Aber die Schwaben und andere reklamieren das auch für sich.
Auch der Gugelhopf gilt als Spezialität der Gegend, und tatsächlich ist er in Auslagen der Bäckereien fast überall vertreten, vor allem auch, wie Hermanita mir an einem Schaufenster zeigt, im Miniformat.
Keine elsässische Spezialität ist das Eclair, das Hermanita von ihrer letzten Straßburg-Reise in Erinnerung hat. Die wörtliche Bedeutung von éclair ist „Blitz“. Weil man es schnell wie der Blitz isst.
Beim Weitergehen zeigt mir Hermanita Stolpersteine vor einem Haus. Hätte ich übersehen. Ich wusste auch nicht, dass sie auch außerhalb von Deutschland verlegt werden.
Wir kommen in die Fossé des Tanneurs. Es dauert einen Moment, bis der Groschen fällt. Das sind die Fassbinder. Das bestätigt sich dann durch ein Mosaik auf dem Boden, das einen Fassbinder bei der Arbeit darstellt, und durch ein großes Fass auf einer Bank.
Die Fossé des Tanneurs ist eine der unzähligen Sträßchen, die nach einem Handwerk benannt sind. Dummerweise verpasse ich es, davon Photos zu machen. Muss Straßburg noch mal auf die Liste der Reiseziele setzen.
Dann kommen wir zu der Statue eines berühmten Straßburgers, dessen Namen wir noch nie gehört haben, das Denkmal des Chevalier Liebenzeller. Vom ihn ist hier als „Befreier Straßburgs“ die Rede. Durch die Armbrust, auf die er sich stützt, kann man ihn zeitlich verorten, ins Mittelalter. Mit der „Befreiung“ ist Loslösung vom Bischof gemeint, die Beendigung der als Joch empfundenen Herrschaft des verhassten Bischofs. Nach einer blutigen Entscheidungsschlacht 1262 löste sich die Stadt vom Bischof. Kurz danach wurde Straßburg Freie Reichsstadt und erlangte so das, was Münster und Trier immer verwehrt blieb.
Wir brauchen nur den Kopf zu drehen, um Goethe zu Gesicht zu bekommen. Sein Relief ist an der Fassade eines Bürgerhauses zu sehen. Er wohnte hier, als er mit 21 als Student nach Straßburg kam, um Jura zu studieren. Er wollte hier promovieren, aber die Arbeit wurde von der Fakultät abgelehnt, vermutlich, weil sie kirchenkritische Aussagen beinhaltete. Es wurde ihm aber erlaubt, selbstverfasste Thesen in einer auf Latein durchgeführten Dissertation zu verteidigen. Das gelang auch. So erlangte er den Titel des Licentiatus Juris, einem akademischen Grad, der nicht ganz dem Doktortitel entspricht.
Hermanita führt mich in die Straße, die ich ihres Namens wegen unbedingt sehen will, die Rue de l’Ail, die Knowligass.
Hier gibt es noch einmal einen Bezug zu Goethe. In einem Haus, wo er zu Mittag aß, lernte er Herder kennen, der ihn maßgeblich beeinflusste. Mit ihm teilte er die Begeisterung für Volkslieder, für Shakespeare und für die Gotik.
Und durch die Vermittlung dieser Familie lernte er Friederike kennen, eine junge Frau, eine Stunde von Straßburg entfernt wohnend. Von keinen seiner vielen Frauen war er so angetan. Er beschwor ihre Liebe, heiße Liebesbriefe wurden ausgetauscht, man traf sich, wann immer man konnte. Aber als er Straßburg dann verließ, ließ auch der Liebeszauber bald nach.
Wir kommen zum Münsterplatz und sehen uns die Kirche noch mal von außen an. Hermanita kommentiert: Die Kirche ist überhaupt nicht eingerüstet, es gibt keine verrußten Steine, keinen Taubenkot. Wie schaffen die das nur? Was den Taubenkot angeht, zeigt sie mir später ein Taubenhaus. In solchen Häusern, erfahre ich, werden die natürlichen Eier durch steinerne Imitate ersetzt. Ein cleverer Trick. Aber: Erklärt das die fast völlige Abwesenheit von Tauben hier in Straßburg?
Hermanita zeigt eine Szene unter einem Wimperg an der Fassade. Die haben wir bisher komplett übersehen. An der Spitze eines Dreiecks thront Maria. Zu ihr führen Treppenstufen hinauf. Auf jeder Stufe sitzt ein Tier. Hund? Löwe? Bär? Affe? Eins der Tiere scheint sich in eine andere Richtung als alle anderen zu wenden. Darüber und über die innenwohnende Symbolik würde man gerne mehr erfahren.
Wir wenden uns weltlicheren Dingen zu und finden am Hôtel Cathédrale, an dessen Fassade, die Reste einer Bleikugel, Hinterlassenschaft einer der vielen militärischen Attacken.
Gleich gegenüber der Kathedrale, an der äußeren Ecke der Rue Mercière, der Gasse der Kurzwarenhändler, der Gasse, die auf die Kathedrale zuläuft, befindet sich die Hirschapotheke, eine der ältesten Apotheken Deutschlands, dem Reiseführer zufolge. Hier wurden seit dem 13. Jahrhundert Pillen gedreht und verkauft. Das Haus kann man durch seine Bauart identifizieren, aber was es heute beheimatet, ist nicht zu erkennen.
Gleich an der Ecke, an einem Pfeiler der Arkaden der Hirschapotheke, befindet sich eine der größten Kuriositäten Straßburgs. Wenige Zentimeter neben dem Pfeiler befindet sich eine Säule. Der Abstand ist so gering, dass man kaum durchpasst. Davon wurde Gebrauch gemacht. Der Durchgang wurde zum Büchmesser. Hier konnte man seinen Bauchumfang messen. Wenn man nicht durchpasste, musste man eine Fastenkur einlegen. Man muss sich seitlich durchquetschen, sonst ist nicht genug Platz. Hermanita passt mühelos durch, sogar mit Rucksack. Ich ohne Rucksack mit viel Mühe.
Hermanita führt mich zur Rue des Hallebardes. Hier ragt tatsächlich aus fast jedem Haus im Obergeschoss eine Hellebarde heraus. Leicht zu übersehen, wenn man es nicht weiß.
Hermanita schlägt ein Päuschen vor und hat auch gleich einen Vorschlag, ein Café mit dem putzigen Namen Le Roi et son Fou. Gemütliches Inneres, aber jetzt sitzt man besser unter den Schirmen vor dem Café. Lauter Einheimische um uns herum. Es ist gerade mal um die Ecke, ganz nahe an den vollbesetzten Gaststätten überall im Zentrum, aber hierher verirrt sich kein Besucher. Zum Kaffee gibt es Croissant und Brezel.
Nach der Pause geht es auf die Rue du Maroquin. Hat mit Marokko nichts zu tun, oder jedenfalls nur indirekt, denn maroquin bezeichnet Leder, vor allem wertvolles Leder. Wir sind auf der Straße der Schuster. Und da entdeckt man, ganz hoch oben an einem Haus, eine Wetterfahne in der Form eines Schnabelschuhs.
Hier sind die Lokale zu beiden Seiten der Straße rappelvoll. Hermanita fragt sich, wie die wohl durch den Winter kommen. Da gibt es bestimmt nicht so viele Touristen.
Wenn man sich hier umwendet, ragt die Spitze des Turms des Münsters so gerade über die Häuser hinaus. Hermanita bemerkt es: Der Turm schließt ganz oben mit einem Kreuz ab. Auch das eignet sich dazu, übersehen zu werden.
Wir kommen zum Place du Marché aux Poisson, ein Wort, das, wie man aus dem Französischunterricht weiß, gerne mit poison, „Gift“, verwechselt wird. Dass es sich hier aber um Fisch handelt, verrät der elsässische Name des Platzes: Nejer Fischmärik. Falls noch Zweifel bestehen: Am Rande des Platzes steht, modern, farbig, wie aus einzelnen Glasplatten zusammengesetzt, eine Skulptur, die einen Fisch darstellt.
Gleich neben dem Fischmarktplatz geht es auf den Vorhof des Palais Rohan, des majestätischen, überdimensionierten Palasts des Erzbischofs. Statt eines Gartens hat es einen Vorhof. Der verbindet das Palais mit dem Hafen.
Heute sind in dem Palais gleich drei Museen untergebracht: das Musée des Arts Décoratifs, das Musée des Beaux Arts, das Musée Archéologique. Das kommt auf die Liste für den nächsten Besuch in Straßburg.
Vom Fischplatz aus sieht man direkt auf das Münster, auf die Längsseite. Jetzt merken wir erst, wie nahe das Münster am Fluss liegt.
Es geht zur Place Kléber, benannt nach dem General, der an Napoleons ägyptischen Expedition teilnahm. Er stammte aus Straßburg. In der Mitte des Platzes steht seine Statue, eine hohe Bronzestatue mit einem Sockel, auf dem mehrere Schlachten verewigt sind, darunter die von Altenkirchen. Unter der Statue ruhen die Gebeine Klébers. Er wurde in Ägypten ermordet.
An der Stirnseite des Platzes steht die Aubette, die Alte Hauptwache. Weil hier die Soldaten bei Sonnenaufgang, aube, ihre Befehle entgegennahmen, nennt man die Hauptwache auch Aubette.
Auf einer schmalen Straße, die von dem Platz wegführt, stoßen wir auf das Krokodil. Es hängt kopfüber vor einem Haus und wirbt für das Restaurant Au Crocodile, einer der Nobeladressen der Altstadt.
Allmählich stellt sich Müdigkeit ein, aber wir schaffen es noch bis zur Place Broglie mit dem fahnengeschmückten Hôtel de Ville, dem Gebäude der Banque de France, dem Théâtre Municipal und dem Café Broglie. Man kann den Platz nicht richtig würdigen, denn es findet heute eine Sportmesse hier statt. Ein weißes Zelt reiht sich an das andere: Fechten, Football, Karate, Capoeira, Aikido, Taekwondo, Swedish-Fit.
Wir wollen es aber noch bis zu St. Thomas schaffen, wo wir am Morgen nicht reinkommen konnten, da eine Konfirmationsfeier stattfand. Der Priester sprach die Schlussworte erst auf Französisch, dann auf Deutsch, und lud die Gemeinde ein, noch zu einer kleinen Feier zu bleiben.
St. Thomas ist eine Hallenkirche, fünfschiffig, aber das sieht man wegen der hohen Seitenschiffe kaum. Außerdem hat das nördliche Seitenschiff eine Empore, die es zustellt.
Die Kirche ist eher schlicht, aber dennoch sehenswert. Sie hat mittelalterliche Glasfenster in den Seitenschiffen, aber immer nur in der oberen Hälfte. Das lässt Licht in die Kirche, sieht aber irgendwie unfertig aus. Auf der Empore im Osten steht eine historische Silbermannorgel mit einem beeindruckend schönen Gehäuse aus Eiche. An dieser Orgel haben Mozart und Schweitzer gespielt Am 28. Juli, dem Geburtstag Bachs, findet hier jedes Jahr ein Gedenkkonzert zu seinen Ehren statt. Bach war Sachse, wie Silbermann.
Die Szene mit dem ungläubigen Thomas ist gleich zweimal vertreten, einmal am Altar, einmal in einem Tympanon am Rande des Chors. Links und rechts von Thomas jeweils eine weitere Figur, die wir aber nicht identifizieren können. Hermanita meint, die Szene habe sich nicht im Beisein von zwei, sondern von allen Aposteln zugetragen.
Das eigentliche Prachtstück der Kirche ist ein Grabmal, ganz hinten in der Apsis angebracht, riesengroß, hochdramatisch, mit einer Vielzahl von Figuren. Es ist das Denkmal von Moritz von Sachsen, dem Sohn Augusts des Starken. Obwohl Sachse, stand Moritz in französischen Diensten, als Generalfeldmarschall Ludwigs XIV. Er hatte sich große Verdienste erworben, konnte aber nicht in Frankreich begraben werden, da er protestantisch war.
Man sieht den Marschall die Stufen zu seinem Sarkophag hinabsteigen. Eine spärlich gekleidete Frau versucht, ihn aufzuhalten. Sie stellt Frankreich dar. Aber unten steht der Tod, mit einem Mantel über seinem Skelett, mit dem abgelaufenem Stundenglas in der Hand. Es gibt kein Entrinnen. Einladend hält der Tod den Sargdeckel, aus dem das Totentuch hervorquellt, für den Marschall offen. Hinten, neben der französischen Trikolore, liegen drei gefallene Tiere, ein Löwe, ein Adler, ein Bär. Sie stehen für die Siege des Marschalls über Flandern, über Österreich, über England. Ein kleiner Engel im Hintergrund wird manchmal als Amor gedeutet, in Anspielung auf die zahlreichen Liebschaften des Marschalls.
Halb verwundert, halb amüsiert treten wir den Heimweg an. Unterwegs machen wir einen kleinen Einkauf in einem Souvenirladen. Hermanita bekommt ein Brettchen mit dem Stadtprofil Straßburgs, ich bekomme Ansichtskarten mit Flammkuchen und Gugelhopf.
Unsere letzte Station ist das Café oben auf dem Dach des Musée d‘ Art Moderne. Gar nicht mal so leicht, dahin zu finden. AmEnde geht es mitten durch das Museum durch, ohne dass man Eintritt bezahlt. Hier sitzt man auf der Terrasse und blickt auf die Silhouette der Altstadt. Es gibt gesponserten Kuchen mit Kaffee.
Beim Verlassen des Museums kommen wir kurz vor dem Ausgang an einem besonderen Exponat vorbei, dem Wrack eines Autos, eines roten Sportwagens, an allen Enden zerdrückt und zerquetscht. Hermanita ist nicht überzeugt, mir gefällt das ganz gut.
Im Laufe des Tages sind wir an der Maison de Hanssen & Gretel vorbeigekommen, an der Winstub Pfifferbriader, an der Winstub Le Clou und an der Winstubb Hailig Graab, dem Débit de Vins Saint Sépulcre. Das hat es mir besonders angetan. Das Lokal hat eine lange Geschichte, die auch seinen Namen erklärt. Schon vor Jahrhunderten gab es einen unterirdischen Gang vom Münster hierher, und die Mönche nutzten ihn unter dem Vorwand, das Heilige Grab aufzusuchen und ließen sich hier den Wein schmecken.
31. August (Montag)
Als ich wieder zu Hause bin, entdecke ich, dass meine letzte Fahrt nach Straßburg länger her ist als ich dachte: 22 Jahre. Die Reisenotizen zeigen, dass ich damals schon viel erfahren habe, was ich längst vergessen hatte. Das war jetzt alles wieder „neu“.