Knapp daneben

Bei Umberto Eco (Name der Rose) sagt der Autor in der Rahmenerzählung, er habe auf der Fahrt von Wien nach Melk mehre große Hefte mit einer Rohübersetzung gefüllt. Dabei ist die Fahrtzeit nicht viel mehr als eine  Stunde. Bei Garcia Márquez (Der Oberst hat niemand, der ihm schreibt) hat der Oberst keinen Rasierspiegel. Gerade das gilt als Kennzeichen seiner Armut. Wenig später hat er dann einen Rasierspiegel. Bei Thomas Bernhardt (Watten) findet dasselbe Ereignis einmal am 11. September, einmal am 13. September, einmal Ende September statt. Und bei Homer wird Pylaimenes von Menelaos getötet und verlässt später das Schlachtfeld Tränen vergießend an der Seite seines getöteten Sohnes. (Bannert, Herbert: Homer. Reinbek bei Hamburg, 51992. 15-20)

 

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Erholsamer Vortrag

Für Friedrich Wilhelm IV., den begabten und an akademischen Themen interessierten Monarchen, waren Humboldts Vorträge ein echtes Bedürfnis, Friedrich Wilhelm III. boten sie in erster Linie die Möglichkeit, ein Nickerchen zu machen.  (Meyer-Abich, Adolf: Alexander von Humboldt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 131998: 116)

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Verbürgter Name

Von Homer weiß man nicht viel, aber doch etwas, entgegen der landläufigen Auffassung. Auch seinen Namen, seinen Künstlername sozusagen, kann man erklären. Ein hómāron ist ein ‘Pfand’, eine ‘Geisel’, und hómēron ist die ionische Form dieses Wortes. Ein hómāros ist also ein ‘Bürge’, und dieser Name lässt auch auf die Herkunft seines Trägers schließen. Nur ein vornehmer Bürger war imstande, eine Bürgschaft zu übernehmen. (Bannert, Herbert: Homer. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1992: 34)

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Latein und Deutsch

Vor etwa 1000 Jahren bekam das Deutsche einen ungeheuren Schub. An Burgen und anderen Adelssitzen wurde Literatur verfasst, in den Städten wurde Recht kodifiziert, wurden Beschreibungen von Tieren und Pflanzen verfasst, wurden medizinische Abhandlungen verfasst. Die Zahl der Sprecher nahm stark zu. Die Zahl der Städte wurde größer (auch infolge der Kolonisation des Ostens) und die Zahl der Einwohner der Städte wurde größer. Und dennoch wurde erst am Ende der mittelhochdeutschen Zeit die 50%-Marke erreicht. Erst dann wurde die Hälfte der Texte auf Deutsch verfasst. Die andere Hälfte immer noch auf Latein. (Casemir, Kirsten & Fischer, Christian: Deutsch. Die Geschichte unserer Sprache.Darmstadt: WBG, 2013: 27-29).

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Sichtbar oder unsichtbar?

Uta Brandes, Professorin für Gender und Design in Köln, hat vorgeschlagen, für die englischen Wörter teacher und professor, die für beide Geschlechter gelten, ein weibliches Pendant einzuführen, teacheress and professoress. Frauen müssten in der Sprache sichtbar sein, lautet das Argument. In England wird aber genau die umgekehrte Folgerung gemacht: Geschlechterunterschiede sollen nicht sichtbar sein, das Geschlecht soll keine Rolle spielen.  Also sollen geschlechtsspezifische Formen wie authoress aus der Sprache verschwinden. (Martenstein, Harald: „Schlecht, Schlechter, Geschlecht“, in: Zeitmagazin 24/2013: 12-19)

 

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Schillernder Begriff

Schiller sollte zu seinem Ärger eine medizinische Doktordissertation schreiben. Wie weit er kam, weiß man nicht. Aber er hat nie seinen Doktor gemacht. Dennoch legte er sich in seiner unbekümmerten Art und damaligem Beispiel folgend, diesen Titel gelegentlich bei. (Burschell, Friedrich: Schiller. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt: 33)

 

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Nahe beieinander

Vergleicht man das Wort für ‚Nase’ in verschiedenen europäischen Sprachen, ist die Verwandtschaft leicht erkennbar:

  • Nase, nose, näsa, nariz, naso, nez, μύτη, нос

Beim ‚Kopf‘ sieht die Welt nicht mehr ganz so wohlgeordnet aus:

  • Kopf, head, huvud, cabeza, testa, tête, κεφάλι, голова́

Das liegt daran, dass einige Sprachen ihr altes Wort abgestoßen und durch ein anderes, ursprünglich umgangssprachliches ersetzt haben, wie testa und tête, die ursprünglich ‘Scherbe‘ bedeuteten, oder wie Kopf, das, mit cup verwandt, das alte Wort Haupt ersetzt (das mit head übereinstimmt). Es ist also mehr Gemeinsames da, als man meint.

Und dann kann man sich grammatische Wörter ansehen wie Personalpronomen, und die Übereinstimmung ist geradezu verblüffend:

  • ich, I, jag, yo, io, je, εγώ, я
  • mich, me, mig, me, mi, me, με, меня́
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Trümmer beseitigt

Ich habe es immer geahnt, jetzt wird die leise Ahnung durch eine Publikation bestätigt: Die Trümmerfrauen sind ein deutscher Mythos. Die sollen nach dem Krieg selbstlos und unermüdlich die Städte wiederaufgebaut haben. Es ist eine Inszenierung. Leonie Treber ist die Sozialhistorikerin, die damit aufgeräumt hat. Frauen räumten nur einen Teil der Trümmer weg, das meiste machten Menschen und Maschinen. Die meisten Frauen waren in Berlin und der sowjetischen Zone im Einsatz, und sie machten das nicht freiwillig. Trümmerarbeit war stigmatisiert, eine Strafarbeit, wie sie es auch in der NS-Zeit gewesen war. Später suchte man Freiwillige und verpflichtete Arbeitslose, aber die waren alle nur für eine sehr beschränkte Zeit im Einsatz. Das heutige Bild wurde durch eine Medienkampagne geprägt, mit gestellten Bildern, vorteilhaften Einstellungen und geschminkten Frauen. Die Frauen selbst sahen ihre Arbeit nicht als heldenhafte Tat an. (Lueg, Andrea: “Wer Deutschland wirklich vom Schutt befreite”, in: Andruck, DLF: 09/02/2015) 

 

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Folgenschwerer Gang

Angeborene Geschlechtsunterschiede zwingen uns zu nichts und verwehren uns keine Option. Der Geschlechtstrieb ist angeboren, aber man kann enthaltsam leben oder sich für das Zölibat entscheiden. Dennoch gibt es beobachtbare Geschlechtsunterschiede. Deren Wurzel sind, der Psychologin Doris Bischof-Köhler zufolge, 400 Millionen Jahre alt. Als unsere Vorfahren an Land gingen, wurden Samen und Eizellen nicht mehr dem Meer anvertraut. Die Weibchen übernahmen die Bürde der inneren Befruchtung. Seitdem können sie erheblich weniger Nachkommen in die Welt setzen als die Männchen. Das bedingt eine permanente Konkurrenzsituation zwischen den Männchen. Und die hat einen Selektionsdruck ausgelöst, zu dem es bei dem weiblichen Geschlecht keine Entsprechung gibt. Alle wesentlichen Geschlechtsunterschiede leiten sich letztlich aus dieser Asymmetrie ab. Männchen ertragen Konkurrenzsituationen, haben Freude daran, lassen sich nicht entmutigen, gehen Risiken ein,  etablieren Rangordnungen, bilden Seilschaften, bis bessere Bedingungen eintreten. Das ist der folgenreichste Geschlechtsunterschied. Er bedingt, dass Männer immuner gegen Selbstzweifel sind und leichter Karriere machen. (Raether, Elisabeth: “Keine falschen Schlüsse ziehen”. Interview mit Doris Bischof-Köhler, in: Zeitmagazin 24/2013: 20-21)

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Armes Land?

Armut ist ein Faktum. Auch in entwickelten Ländern. Auch in Deutschland. Aber Armut ist relativ. Georg Cremer, Vorsitzender der Caritas, plädiert für eine differenzierte Sicht der Armut. Über steigende Armut zu klagen, ist notwendig. Aber man solle auf Problemlösungen fokussieren. Die kurzfristige Eruption folgenloser Empörung, die man immer wieder erlebe, schade dem Umgang mit der Armut. Wenn man sagt, 15 Millionen Menschen in Deutschland lebten unter der Armutsschwelle und daneben Bilder von Menschen zeigt, die auf der Straße leben oder im Müll nach Essen suchen, dann verfälscht man die Situation. Die Schwelle zur Armut liegt je nach Berechnungen zwischen 915 und 1050 €. Deshalb sind die meisten Studenten und Auszubilidende,  die nicht zuhause wohnen, in der Armutsstatistik. Sie sind relativ arm, aber nicht absolut arm. Das wird in der Öffentlichkeit aber anders wahrgenommen. Armut wird auch daran gemessen, dass Menschen Hilfe bekommen. Aber es ist kein Ausdruck sozialer Härte, wenn Menschen Hilfe bekommen. Dass es Tafeln gibt, ist nicht an sich besorgniserregend. Der Harzt-IV-Empfänger, der zur Tafel geht, handelt rational. Er spart sein Geld für andere Dinge. Und nach dem Krieg hätte man gar nicht so viele Tafeln betreiben können, weil man damals nicht so viele Lebensmittel weggeworfen hat. Die empirischen Fakten geben ein anderes Bild ab als die öffentliche Wahrnehmung. Wenn man sagt, der Anteil der Armen unter den Arbeitslosen sei gestiegen, dann kann man das beklagen. Man kann es aber auch positiv wenden: Der Anteil der Arbeitslosen mit Hartz IV unter allen Arbeitslosen ist gestiegen, weil die anderen eine Arbeit gefunden haben. (Bohsem, Guido & Öchsner, Thomas: “Es wäre völlig abstrus, Kalkutta mit Deutschland zu vergleichen”. Interview mit Georg Cremer, in: Süddeutsche Zeitung 35/2016: 22)

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Docendo dicitur

Schiller, der große Dichter, hatte Medizin studiert und war Professor für Geschichte! Als er den Ruf nach Jena erhielt, zögerte er, weil er glaubte, er könne den Anforderungen eines Lehramtes nicht gewachsen sein. Goethe entgegnete auf seine Bedenken: Docendo dicitur – Lehrend lernt man. (Burschell, Friedrich: Schiller. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt: 94-95)

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Naturtrieb

Die Romantiker begeisterten sich für die Zigeunerin aus den Novelas Ejemplares von Cervantes. Sie wurde zum Urbild der Zigeunerin, wie sie dann immer wieder in der europäischen Literatur auftauchte, Sinnbild für Urwüchsigkeit, Naturverbundenheit, Freiheit. Das Problem war nur, dass sie gar keine Zigeunerin war, sondern als Kind vornehmer Eltern von Zigeunern entführt worden war und später auch wieder in die bürgerliche Welt zurückkehrte. Wenn einem eine Vorstellung gefällt, übersieht man schon mal gerne die Wirklichkeit. (Dietrich, Anton: Cervantes. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1984: 1o4)

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Guillotine am Morgen

Das Deutsche ist bekannt für seine Fertigkeit, Komposita zu bilden. Dabei kommen oft Ungetüme heraus oder gesuchte Beispiele, die im Sprachgebrauch kaum vorkommen, aber auch ganz “normale” Formen, bei denen die Sprecher kaum den Eindruck haben, dass da etwas Besonderes daran ist: Europameisterschaftsqualifikationsspiel. Eins der extravagantesten Wörter bezeichnet eins der extravagantesten Objekte, den Eierschalensollbruchstellenverursacher. Das sind Geräte für Menschen, die zu faul, zu schwach oder zu ungeschickt sind, ihr Frühstücksei mit dem Messer zu köpfen.

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Männerliebe?

Alexander von Humboldt blieb sein Leben lang unverheiratet. Er hatte einige geradezu leidenschaftliche Freundschaften zu einigen Männern. Daraus ist gefolgert worden, dass er homosexuell war. Das wird mit den schwärmerischen Worten vieler Briefe an die Freunde begründet. So zu denken, bedeutet aber, mit heutigen Maßstäben zu messen. Damals war ein solcher Ton in Briefen zwischen Freunden gang und gäbe. Freundschaft galt als hohes Ziel und wurde manchmal sogar über Liebe gestellt. Auch in den Briefen an seine Freundinnen finden sich bei Humboldt ähnlich exaltierte Passagen. Aber auch hier blieb es bei der Freundschaft.  (Meyer-Abich, Adolf: Alexander von Humboldt. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 131998: 47)

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Ärztin gegen Ingenieur

Das Geschlechterparadox besteht darin, dass sich in freien Gesellschaften mit ausgeprägten Frauenrechten nicht weniger, sondern mehr Frauen für angeblich typisch weibliche Berufe entscheiden. Sie werden, ohne Druck, lieber Ärztin, Lehrerin oder Journalistin als Ingenieurin oder Patentanwältin. Ein ähnliches Paradox war in den Kinderläden der 68-Bewegung zu finden. Dort war strikte Gleichbehandlung von Mädchen und Jungen angebracht. Aber die Jungen dominierten dort die Mädchen viel stärker als in herkömmlichen Kindergärten. (Martenstein, Harald: „Schlecht, Schlechter, Geschlecht“, in: Zeitmagazin 24/2013: 12-19)

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