10. Februar (Freitag)
Malta hat eine eigene Fluglinie. Das ist durchaus der Rede wert, denn Malta ist ein kleines Land. Es hat noch nicht einmal eine halbe Million Einwohner. Das ist so, als ob Bremen eine eigene Fluglinie hÀtte.
Der Flug dauert fast drei Stunden, etwas lÀnger, als ich gedacht hatte. Die Durchsagen kommen in drei Sprachen, Englisch, Deutsch und Maltesisch, einer mit Italianismen durchsetzten semitischen Sprache. Geschrieben wird Maltesisch, oder Malti, mit lateinischen Buchstaben.
Das Essen an Bord ist sehr bescheiden, sogar im Vergleich zu dem, was man sonst so bekommt in Flugzeugen. Das dĂ€nische Paar neben mir trifft die weise Entscheidung, das Essen mit Hilfe von Rotwein und WeiĂwein aufzubessern, wĂ€hrend ich beim Wasser bleibe. Den Rest der Flugzeit verbringen sie damit, laut schmatzend KĂŒsse auszutauschen, wie Teenager, aber sie haben die Midlifecrisis lĂ€ngst hinter sich.
Die maltesische Zeitung, The Times, ist auch nicht viel besser als das Essen. Die wichtigsten Nachrichten sind die vom Wetter, also von der KĂ€lte. Von Rekordniedrigtemperaturen ist die Rede, von Temperaturen, die viele Malteser noch nie erlebt haben, und die Aussichten fĂŒr die nĂ€chsten Tage sind alles andere als rosig. Der beste Tag soll ausgerechnet heute sein. Die anderen Urlauber haben sich entweder genauso verschĂ€tzt wie ich oder nehmen das in Kauf. Das Flugzeug ist jedenfalls rappelvoll.
Als wir in Malta ankommen, fĂŒhlen sich die 12°, trotz Wind, tatsĂ€chlich sommerlich an nach den eisigen Tagen in Deutschland. Die Sonne scheint, und der Himmel ist blau.
Man braucht die Uhr nicht umzustellen und kein Geld umzutauschen. Malta hat seit 2008 den Euro, obwohl es erst seit 2004 in der EU ist.
Die Fahrt nach Valletta, mit einem ganz normalen, ziemlich modernen Linienbus, kostet 2,20. Das ist nicht teuer, aber auch nicht der Preis eines Billigreiselands.
Im Bus sitzen viele Schwarze: Malteser? Gastarbeiter? FlĂŒchtlinge? Malta hat, wie Sizilien, viele BootsflĂŒchtlinge.
NatĂŒrlich wird hier links gefahren. Das Empire lĂ€sst grĂŒĂen. Die Strecke fĂŒhrt durch eine uninteressante Gegend, und so scheint es auch der Busfahrer zu sehen, der so auf die Tube drĂŒckt, als wolle er sagen: Nichts wir weg hier. Es ist aber erstaunlich grĂŒn. Von der Stein-und SandwĂŒste, als die Malta oft beschrieben wird, nichts zu sehen. Aber das liegt vielleicht an der Jahreszeit und dem ungewöhnlichen Wetter.
Schon vor der Endstation kommen die AuslĂ€ufer der mĂ€chtigen Stadtmauer in Sicht. Das sieht wie Rhodos aus. Kein Wunder, da waren die Johanniter, bevor sie nach Malta kamen. Malta war ihnen von Karl V. angeboten worden, aber sie standen lange nicht darauf, denn Rhodos sollte von den TĂŒrken zurĂŒckerobert werden. Schon vorher habe ich bei einem Blick auf einen Kartenausschnitt von Valletta an Rhodos gedacht. Die Altstadt liegt auf einer Landzunge, auf beiden Seiten vom Meer umgeben, mit der Befestigung an der Ă€uĂeren Spitze. Der Kartenausschnitt tĂ€uscht aber. Rhodos liegt auf der Ă€uĂersten Spitze der Insel, im Norden, Valletta im Osten, etwa auf mittlerer Höhe.
Der Ausstieg ist an einem palmenbestandenen, runden Platz, gleich vor dem Zugang zur Altstadt von Valletta. Hier ist ziemliches GedrĂ€ngel. Eine groĂe Gruppe von SchĂŒlern steht auf dem Rand eines Brunnens und springt fĂŒr das Photo auf Kommando unter fröhlichem Geschrei gemeinsam herunter.
In die Altstadt geht es durch das City Gate. Das verbirgt sich aber hinter BauzĂ€unen. Eine groĂangelegte Restaurierung ist im Gange. Ich kann auch die Reste des Opernhauses nicht entdecken. Das ist als einziges GebĂ€ude nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut worden. Malta wurde durch italienische und deutsche Bombenangriffe schwer getroffen.
Der erste Eindruck, wenn man hinter das Stadttor kommt, ist: Das ist schön, sehr schön. Der zweite: still, sehr still, vor allem im Vergleich zu dem Treiben vor dem Stadttor. DafĂŒr kann es zwei GrĂŒnde geben: Mittagszeit (in sĂŒdlĂ€ndischer Definition) oder Feiertag. Im Flugzeug habe ich gelesen, dass heute, am 10. Februar, das Patronatsfest Maltas ist, das Fest des Hl. Paulus, genau genommen das Fest Paulus des SchiffbrĂŒchigen. Der Hl. Paulus ist nĂ€mlich auf seiner Reise nach Rom als SchiffbrĂŒchiger in Melite gelandet, und das wird gerne mit Malta gleichgesetzt, vor allem von den Maltesern. Schon wieder eine Parallele zu Rhodos. Ich kann mich erinnern, dass es dort irgendwo eine St. Paulâs Bay gibt, genau wie hier auf Malta, der Ort, an dem der Apostel an Land gekommen ist. Der Unterschied ist der, dass Malta sich dabei auf die Apostelgeschichte berufen kann, in der von dem Schiffbruch die Rede ist.
Das Hotel liegt ganz in der NĂ€he des Stadttors, gleich in der zweiten QuerstraĂe, der South Street. Alle StraĂennamen sind zweisprachig. Auf dem Weg sehe ich zum ersten Mal etwas, was den ganz besonderen Reiz von Valletta ausmacht: steil abfallende, schnurstracks verlaufene, enge StraĂen, die auf das Meer zulaufen. Nicht schlecht.
Das Hotel ist unscheinbar von auĂen, eher klein, aber gepflegt und modernisiert und gut in das alte GebĂ€ude eingepasst, mit einer kleinen Eingangshalle mit MarmorfuĂböden, groĂen Blumentöpfen und Teppichen.
Kassiert wird hier im Voraus. Und nichts ist im Preis inbegriffen: FrĂŒhstĂŒck, Safe, Internetzugang, fĂŒr alles muss extra bezahlt werden. Das war im teuren Schweden alles inbegriffen. Der freundliche Ă€ltere Herr an der Rezeption will meine Laune aufbessern, indem er mir mit strahlendem LĂ€cheln ein Zimmer mit Meerblick ankĂŒndigt. Wenn man aus dem Fenster sieht, sieht man aber erst einmal gegen eine Wand. Um das Meer zu sehen, muss man sich schon strecken, aber immerhin. Sonst hat das Zimmer alles, was man begehrt, nur mal wieder keinen Schreibtisch und keine vernĂŒnftige Leselampe, aber die erwarte ich schon lĂ€ngst nicht mehr.
Wie komme ich zu dem Privileg des Zimmers mit Meerblick? Vielleicht bin ich fĂŒr Valletta ein Langzeitgast. Die meisten wohnen vermutlich in den klassischeren Touristenorten oder machen eine Rundreise und bleiben nur eine Nacht hier â oder gar nicht.
Es ist noch frĂŒh genug, eine erste Erkundung zu machen. Damit hatte ich fĂŒr heute gar nicht mehr gerechnet. Ich folge der South Street Richtung Mittelachse. Alles ist regelmĂ€Ăig, schachbrettartig angelegt. Sofort fallen die vielen schönen Fassaden und Balkone auf, oft bunt, meistens aus Holz.
Ich gehe ziellos weiter und stehe nach ein paar Minuten unversehens vor der Kathedrale mit ihrer strengen, fast fensterlosen Fassade mit den zwei stumpfen TĂŒrmen. Rechts sind drei ZifferblĂ€tter angebracht, die Stunde, Datum und Wochentag anzeigen. Hoch im Giebel ĂŒber dem Portal ein bronzener Christuskopf, und darĂŒber das Malteserkreuz, auch aus Bronze. Der Platz vor der Kathedrale, mit zwei CafĂ©s und den weiteren, unmittelbar an die Kirche anschlieĂenden GebĂ€uden, ist schön.
Ich gehe weiter und höre irgendwo Musik. Hört sich nicht gerade sĂŒdlich-ausgelassen an. Ich folge den KlĂ€ngen und stoĂe auf die Prozession aus Anlass des Paulus-Festes, die mir der Portier so sehr ans Herz gelegt hat. Die StraĂen sind mit grĂŒnen Girlanden und gelb-roten Bannern geschmĂŒckt, und an verschiedenen Stellen stehen bunte Heiligenfiguren und SĂ€ulen aus den Kirchen. Die Prozession selbst, die sich durch die engen und steilen StraĂen bewegt, kann ich nicht sehen. Vermutlich wird die Apostelstatue durch die StraĂen getragen. Sehen kann man aber die weiĂen Papierstreifen auf dem Boden und das weiĂe Konfetti, das von den Balkonen auf die Prozession hinuntergeworfen wird. Das Konfetti, von der Kamera kaum einzufangen, scheint in der Luft herumzutĂ€nzeln, von den hellen Sonnenstrahlen beleuchtet.
Hier drĂ€ngt sich alles, und ich mache mich in andere Ecken auf. Ich komme an mehreren ehemaligen PalĂ€sten vorbei und an unendlich vielen Kirchen. Die Kirchen sind, im Gegensatz zu der Kathedrale, die einen Vorplatz hat, oft kaum zu entdecken, da sie in die engen Gassen eingezwĂ€ngt sind, manchmal mit kunstvollen konkaven Fassaden. Die PalĂ€ste sind meist die ehemaligen Residenzen der einzelnen âZungenâ, d.h. der Landsmannschaften, des Johanniterordens oder einzelner Ritter. In einigen von ihnen sind heute Ministerien untergebracht. Die Politik wusste schon immer, wie die Kirche, wo es sich gut lebt.
Ich muss zum Theater und zur Touristeninformation. Es geht um Karten fĂŒr eine Theaterbesichtigung und um Karten fĂŒr die Besichtigung des HypogĂ€ums in Paola. Aber das Theater ist geschlossen, und die Touristeninformation lĂ€sst sich noch nicht einmal finden. Also lasse ich mich einfach durch die einsamen StraĂen treiben und genieĂe Sonne und Stadt. Plötzlich habe ich, als ich um eine Ecke biege, ein spektakulĂ€res Bild vor mir: Von einer erhöhten Warte sieht man, der Sonne entgegenblickend, auf die sich entlangschlĂ€ngelnde Stadtmauer, das blaue Meer, eine Insel und die AuslĂ€ufer der gegenĂŒberliegenden StĂ€dte hinunter.
Trotz eines Plans vom Hotel muss ich mehrmals nach dem Weg fragen. Mit Englisch kommt man wirklich bestens zurecht. Fast alle sprechen Englisch, wenn auch nicht alle. Aber mit Standardenglisch hat das oft wenig zu tun, nicht nur in der Aussprache. Der Portier des Hotels sagt tatsĂ€chlich, als er mir den SchlĂŒssel gibt, Please, und eine Frau, die mir den Weg zeigt, sagt You have to go to the right. Das ist SchĂŒlerenglisch. Es ist Ergebnis einer cleveren Marketingstrategie, dass Malta sich als âenglischsprachigesâ Land verkauft und Englischkurse anbietet.
Je weiter ich mich von der Prozession entferne, umso einsamer wird es. Als ich gedankenverloren eine StraĂe entlang gehe, hört man plötzlich einen Böllerschuss, und dann noch einen, und ich schrecke zusammen wie ein SchulmĂ€dchen. Dann entwickelt sich das Ganze zu einem echten Feuerwerk, nur dass man nichts sehen kann. Manchmal glaubt man einen Rhythmus zu erkennen, so als handele es sich um eine Feuerwerkssymphonie, aber dann wieder hört es sich einfach nach Krach an. Der LĂ€rm ist jedenfalls ohrenbetĂ€ubend.
Als ich am unteren Ende der Landzunge, auf der Valletta liegt, ankomme, bin ich praktisch alleine. Hier liegt das Fort St. Elmo, in dem passenderweise das Kriegsmuseum untergebracht ist. DarĂŒber weht die maltesische Flagge, rot und weiĂ mit dem Georgkreuz (nicht dem Malteserkreuz!) in der oberen weiĂen HĂ€lfte. Die Farben gehen zurĂŒck auf das Wappen eines der französischen Johanniter.
Immer wieder neue Reisebilder stellen sich ein, unwillkĂŒrlich: Rhodos, Jerusalem, Porto, Sizilien, Havanna. Das ist nicht an den Haaren herbeigezogen: Jerusalem und Rhodos sind die vorherigen Standorte der Johanniter, und Porto, Sizilien und Havanna gehörten alle zu dem Reich Karls V., als der den Johannitern Malta vermachte.
Auf dem RĂŒckweg zum Hotel frage ich mich, ob es stimmen kann, dass Valletta wirklich nur 8.000 Einwohner hat. Ich hĂ€tte mich grandios verschĂ€tzt.
11. Februar (Samstag)
Als erstes am Morgen genieĂe ich den Meerblick aus meinem Zimmer. Wie befĂŒrchtet, zeigt sich der Himmel heute weniger freundlich. Dichte Wolken. Aber kein Regen.
Die Dusche des Hotels hat nicht einen und nicht zwei, sondern drei AusgĂ€nge fĂŒr das Wasser. Einen festen oben, einen festen unten, fĂŒr die Badewanne, und einen beweglichen. Es gibt aber nur einen Regler, und das Wasser kommt, in unterschiedlichen Kombinationen, immer aus zwei von denen gleichzeitig heraus, was immer man tut, manchmal aus allen dreien. Da kann man Kopf, RĂŒcken und Beine gleichzeitig bearbeiten.
Das FrĂŒhstĂŒck im Hotel ist britisch. Das merkt man am Vorhandensein von Baked Beans und dem Nichtvorhandensein von Dosenmilch.
Danach mache ich mich gleich auf den Weg. Auch bei Wolken ist Valletta schön, und im Laufe des Tages bricht immer mal wieder die Sonne durch.
Das erste Ziel ist die Touristeninformation. Ein erster Fortschritt: Durch eine zufĂ€llig offen stehende TĂŒr kann ich jetzt wenigstens lokalisieren, wo sie sich befindet. Aber sie ist geschlossen.
Das nĂ€chste Ziel ist die Bibliothek, einfach deshalb, weil sie frĂŒher öffnet als die Museen und Kirchen. Auf dem Weg dahin komme ich an der Kathedrale vorbei. Dort ist gerade Gottesdienst. Ein Schild weist darauf hin, dass das Betreten mit Stöckelschuhen verboten ist, und es gibt sogar eine Abbildung, die angibt, wie hoch die AbsĂ€tze sein dĂŒrfen. Die TĂŒr steht einen Spalt auf, und man hört deutlich die Stimme des Priesters, der den Herrgott anruft. Der heiĂt hier Signor Alla.
Ich frage eine Ă€ltere Dame, die gerade aus einem Hauseingang kommt, nach der Bibliothek. Sie ist etwas verdutzt und sagt, die Bibliothek sei, soweit sie wisse, nach Floriana verlegt worden. Ich zeige ihr das Bild aus dem ReisefĂŒhrer und sofort fĂ€llt der Groschen: Ah, big building. Jetzt ist sie im Bilde und weist mir den Weg, etwas peinlich berĂŒhrt von ihrer eigenen Unkenntnis. Die Bibliothek ist gleich um die Ecke.
Dort bekommt man einen Besucherausweis verpasst und wird in die erste Etage geschickt.
Vor dem Eingang in den Leseraum sind zwei Maschinen aufgestellt, wahre UngetĂŒme, eine mit einer groĂen Handkurbel betriebene Guillotine von 1929, mit der Buchdeckel geschnitten wurden, und ein Apparat, mit dem BĂŒcher auf Mikrofilme kopiert wurden. Beide sehen aus wie aus einer anderen Welt, aber sind bis vor gar nicht allzu langer Zeit noch im Einsatz gewesen, die Guillotine noch bis 2005! Vor den Apparaten steht ein Schild mit der Aufschrift Tmissx â Do not touch.
Die eigentliche Bibliothek ist in einem einzigen Saal untergebracht, mit BĂŒchern auf allen vier Seiten. Ich bin der einzige Besucher. Die BĂŒcher, alle ehrwĂŒrdig gealtert, in Leder gebunden, mit Buchdeckeln in Braun und Beige, sind nach GröĂe geordnet. Der Abstand zwischen den Regalen wird nach oben immer kleiner. Die unteren Reihen sind durch Drahtgitter vor dem Zugriff der Benutzer geschĂŒtzt, aber man kann die Titel lesen. Ich sehe eine Biblia Polyglotta in 12 BĂ€nden.
Alles in dem Raum ist trotz der altehrwĂŒrdigen BĂŒcher etwas vernachlĂ€ssigt: verkratzte Rahmen, schief hĂ€ngende Portraits, geflickte Glasscheiben, verbogene DrĂ€hte, lockere Kacheln, eine stehen gebliebene Uhr, und zwischen den Regalen rote GasfĂ€sser und Feuerlöscher.
Den hinteren Bereich der Bibliothek darf man nicht betreten. Der ist nur fĂŒr Forscher. TatsĂ€chlich sitzen irgendwo zwei alte MĂ€nner ĂŒber BĂŒcher gebeugt. Die habe ich erst gar nicht gesehen.
Vorne, im Besucherbereich, gibt es unter altertĂŒmlichen Holzvitrinen eine Ausstellung. Alles hier handelt sich um Ninu Cremona: Photos, Urkunden, Manuskripte, Briefe, Ausweise, Portraits, Diplome, ein Postsiegel, sogar ein Poesiealbum von Ninu Cremona. Was es mit diesem Ninu Cremona auf sich hat, bekomme ich nicht heraus, denn die Beschriftung ist nur auf Maltesisch. Ich meine erst, er hĂ€tte etwas mit Sprache zu tun, aber die einzige englische Urkunde ist ein Diplom in Sanitary Engeneering. Ein paar BĂŒcher tragen als Autorennamen A. Cremona, und erst glaube ich, es wĂ€re ein Verwandter, aber dann merke ich, dass A. fĂŒr Antoni steht, und das ist die vollstĂ€ndige Form von Ninu.
Beim Verlassen des Raums fĂ€llt mein Blick auf eine kleine Bronzestatue, die ich bis dahin nicht gesehen hatte. Es ist â oh Wunder â eine Statue von Ninu Cremona.
Vor dem BibliotheksgebÀude sehe ich erst jetzt eine Marmorstatue auf einem Sockel. Die Inschrift ist so verwaschen, dass man sie nicht mehr lesen kann, aber die Dargestellte ist unschwer zu erkennen: Queen Victoria.
Dann kommt der dritte Versuch mit der Touristeninformation. Jetzt ist sie geöffnet. Aber von einer reservierten Karte fĂŒr das HypogĂ€um weiĂ man nichts. Nach einigem DrĂ€ngen und einigen Telefonaten wird dann bestĂ€tigt, ich sei fĂŒr Montag auf der Besucherliste.
Dann gehe ich zum Theater. Das ist jetzt auch geöffnet. Man kann Karten unmittelbar vor der FĂŒhrung kaufen. Ich solle einfach fĂŒnf Minuten vorher da sein.
In die Kathedrale gelangt man als Besucher durch einen Nebeneingang. Dem ersten Eindruck tut das aber keinen Abbruch: ĂŒberwĂ€ltigend. Eine ĂŒberbordende Pracht von Farben und Ornamenten. Und das nach der strengen Fassade.
Die Wand der Seitenkapelle, auf die man zuerst zulĂ€uft, hat, von oben bis unten, auf blauem Untergrund, eine unendliche Folge von vier Motiven, alle in Gold: die Initialen des GroĂmeisters, seine Krone, sein Emblem und das Malteserkreuz.
Und wie zur Steigerung kommt dann der eigentliche Kirchenraum: Marmorskulpturen, Bodenplatten, DeckengemĂ€lde, ein riesiger Baldachin, Wappen, zwei Orgeln, ein silberner LĂŒster, vergoldetes Blattwerk. Pure barocke Lust an der Pracht. Von den nackten Mauern ist so gut wie nichts zu sehen.
Die Kirche war der erste Bau der Johanniter nach der GrĂŒndung Vallettas. Sie sollte das Zentrum des neuen Zentrums werden. Nach der Belagerung der Insel durch die TĂŒrken, die nur unter groĂen Verlusten ĂŒberstanden worden war, kam man zu dem Entschluss, die Insel zu befestigen. Bei der Standortwahl gab das Fort St. Elmo den Ausschlag, das sich bei der Belagerung bewĂ€hrt hatte. Hinter diesem Fort entstand die neue Stadt, benannt nach dem GroĂmeister Jean de la Valette, einem der Helden der Belagerung. Die Kirche sollte ganz im Zentrum der neu zu grĂŒndenden Stadt stehen.
Die Kirche wurde in nur vier Jahren Bauzeit vollendet, und das ursprĂŒngliche Kircheninnere war genauso schmucklos wie das ĂuĂere. Erst spĂ€ter spĂŒrte man das BedĂŒrfnis, es den groĂen Barockkirchen Roms gleichzutun und die Kirche auszuschmĂŒcken. Mit einem Jahrhundert VerspĂ€tung, und auf ganz eigene Weise.
Eine Besonderheit der Kirche sind die Bodenplatten, bunte, flache Marmorplatten, alles gleich groĂ, die eine an die andere anschlieĂend. Ob es Erinnerungsplatten sind oder tatsĂ€chliche Grabplatten, finde ich nicht heraus, aber jede einzelne ist einem bestimmten Ritter gewidmet. Die wichtigsten Embleme sind Lorbeer und trompetende Engel, beide fĂŒr Siege in Schlachten stehend, und als Kontrast dazu Skelette und Totenköpfe.
In der italienischen Kapelle eine Skulptur, die den GroĂmeister zeigt, begleitet von zwei Engeln, die einen SchĂ€del und einen Turban zertreten. Zwei weitere Engel ziehen hinter der BĂŒste des GroĂmeisters einen Vorhang auf, der die Sicht freigibt auf ein Relief, das eine Seeschlacht darstellt. Religiöse BezĂŒge muss man hier mit der Lupe suchen, aber das interessierte die Zeit vermutlich nicht. Der Einsatz im Kampf gegen die Achse des Bösen war religiöse BegrĂŒndung genug.
Die Johanniter waren in acht âZungenâ, acht Landsmannschaften aufgeteilt, die jeweils fĂŒr einen anderen Teil der Befestigungslinie zustĂ€ndig waren. Daher hat das Johanniterkreuz acht Seiten! Und die Kirche acht Seitenkapellen!
Bei der Zusammenstellung der acht Landsmannschaften sieht man, dass sie aus der Zeit vor der Entstehung der europĂ€ischen Nationalstaaten stammt. Es gibt eine französische, aber auch eine provenzalische Landsmannschaft, und auĂerdem eine der Auvergne. Neben der kastilischen gibt es eine aragonesische Landsmannschaft, und deutsch schloss auch österreichisch, hollĂ€ndisch, schwedisch, dĂ€nisch und norwegisch mit ein.
An einem Kreuz von Caravaggio vorbei geht es in das Oratorium, eine Kirche in der Kirche, ursprĂŒnglich eine Kapelle fĂŒr Andacht und Meditation fĂŒr die Novizen. Auch hier herrscht dieselbe Pracht wie im Hauptraum der Kirche, aber der Blick fĂ€llt sofort auf das GemĂ€lde an der Stirnseite der Kapelle. Es beeindruckt schon aus der Distanz, bevor man die Details sieht oder das Thema kennt, vor allem durch die starke Kontrastierung von Hell und Dunkel. Das Licht, das einzelne Partien des Bildes in grelles Licht hĂŒllt, scheint von auĂen zu kommen.
Das GemĂ€lde ist von einem gewissen Michelangelo Merisi â Caravaggio. Es ist eine Auftragsarbeit fĂŒr die Johanniter und stellt die Enthauptung Johannesâ des TĂ€ufers dar. Die Darstellung ist ganz und gar unkonventionell. Das gilt fĂŒr die Verteilung der Figuren â der Heilige liegt am Boden, der Henker nimmt die Mitte des Bildes ein â aber auch fĂŒr den Moment, den Caravaggio gewĂ€hlt hat. Es ist nach der Enthauptung. Blut flieĂt aus dem Körper des Heiligen, das Schwert ist zur Seite gelegt, und der Henker macht sich jetzt mit einem Messer am Hals des Heiligen zu schaffen, um die letzten Sehnen abzutrennen. Links steht schon eine Frau mit einem goldenen Tablett bereit, um das Haupt des Heiligen an SalomĂ© zu ĂŒbergeben. Die unwĂŒrdige Eile und der unwĂŒrdige Hinterhof, auf dem sich das Geschehen abzuspielen scheint â aus einem GefĂ€ngnis im Hintergrund beobachten zwei Insassen die Szene â nehmen dem Geschehen jede Feierlichkeit. Es ist das einzige Bild, das Caravaggio signiert hat. Die Signatur befindet sich in der Lache des Blutes des TĂ€ufers.
Caravaggio war das enfant terrible der Barockmalerei. Er war in Malta auf der Flucht, und musste spĂ€ter auch wieder aus Malta fliehen. Er war bekannt fĂŒr sein aufbrausendes Temperament und seine GewalttĂ€tigkeit und geriet immer wieder in Messerstechereien. Eine davon war tödlich geendet, und Caravaggio entging nur aufgrund der Intervention eines FĂŒrsprechers dem GefĂ€ngnis. In Malta wurde er in den Orden der Johanniter aufgenommen und fertigte verschiedene GemĂ€lde fĂŒr die Johanniter an, wurde spĂ€ter aber wieder ausgeschlossen. Eines der anderen hier gemalten Bilder hĂ€ngt an der RĂŒckseite des Oratoriums. Es zeigt Hieronymus bei der Ăbersetzung der Bibel, mit kardinalsrotem Tuch um den Leib, aber nacktem Oberkörper, in schĂ€biger Umgebung, mit einem Totenkopf, auch ein Bild, dessen Komposition ganz auf Kontrasten beruht.
In der Kirche ist es inzwischen sehr voll geworden. Sie gehört neben dem Palast des GroĂmeisters zu den zwei SehenswĂŒrdigkeiten, die man sich in Valletta nicht entgehen lassen soll. Vor dem Verlassen der Kirche lese ich noch, woher der merkwĂŒrdige Titel der Ko-Kathedrale kommt, den die Kirche trĂ€gt. Es liegt daran, dass der Papst nach dem Weggang der Johanniter die verwaiste Kirche aufwerten wollte, aber das Bistum bereits seine Kathedrale in Mdina hat. Deshalb wurde diese Kirche zur Ko-Kathedrale. Das Patrozinium ist â kein Wunder â Johannes.
Von der Kathedrale gehe ich voller Erwartung zum Theater. Aber da muss ich erfahren, dass die FĂŒhrung wegen der Proben fĂŒr eine Premiere kurzfristig abgesagt worden ist.
Als Alternative gehe ich zur Casa Rocca Piccola, keinem Museum, sondern dem Wohnhaus einer maltesischen Adelsfamilie, das auch weiterhin bewohnt wird, aber teils besichtigt werden kann. Durch einen schönen, bewachsenen Innenhof mit einem krÀchzenden Papagei, der alle Aufmerksamkeit auf sich zieht, geht es in das erste Obergeschoss.
Gleich der erste Raum ist vollgestellt mit Objekten aller Art, zu voll fĂŒr eine Wohnung und zu voll fĂŒr ein Museum, zu ungeordnet fĂŒr eine Wohnung und zu ungeordnet fĂŒr ein Museum.
Gleich zu Anfang bekommen wir das Ă€lteste ĂŒberhaupt erhaltene MöbelstĂŒck Maltas zu sehen, eine schwarze hölzerne Truhe mit einem Kreuz an der Front. Sie stammt allerdings nicht aus Malta.
GegenĂŒber steht ein schwer zu verordnendes MöbelstĂŒck, eine Art SekretĂ€r mit einer gemalten Landschaftsszene vorne, ĂŒber eine Reihe von Schubladen. Wir werden gefragt, was das denn wohl sein könnte. Es wird wild geraten, aber keiner kommt der Wahrheit nahe. Der FĂŒhrer will uns helfen, indem er sagt, es handele sich um etwas âtypisch Maltesischesâ. Das gebe es in jedem Dorf. Eine Kirche! In dem MöbelstĂŒck verbirgt sich eine mobile Kapelle. Die Schubladen sind keine, sondern sind die ausklappbare TrittflĂ€che, auf der der Priester steht. Wenn sie nach unten geklappt wird, kommt ein Altar zum Vorschein. Unter der oberen Verdeckung verbirgt sich der Altaraussatz mit Kreuz, Tabernakel, Kerzen, BuchstĂŒtzen und MessgerĂ€ten. Angeblich nahm man solche tragbaren Kapellen mit, um die Messe im eigenen Kreis hören zu können und nicht in Gemeinschaft mit dem niederen Volk. Eine wahrhaft christliche Gesinnung. Wichtiger aber war wohl eine andere Funktion, und der ursprĂŒngliche Standort der Kapelle im Schlafzimmer des Hauses verweist darauf. Hier konnte gleich nach der Geburt eines Kindes die Taufe vorgenommen werden.
In einem anderen Raum sehen wir ein weiteres MöbelstĂŒck. Diesmal ist es wirklich ein SekretĂ€r. Dessen Besonderheit ist, dass er aus maltesischem Holz ist. Malta hat keine WĂ€lder und muss sein Holz aus Italien einfĂŒhren. Hier aber hat man das Holz von maltesischen BĂ€umen verwandt, und zwar von OlivenbĂ€umen, OrangenbĂ€umen und einem weiteren Baum, dessen Name mir unbekannt ist, den aber alle anderen kennen, carob. Das ist, wie ich spĂ€ter feststelle, Johannisbrotbaum. Ich lasse mir im Andenkenladen eine Frucht dieses Baumes zeigen. Sie sieht aus wie eine Bohne. Alle drei  Hölzer haben unterschiedliche Helligkeiten, was die schönen Einlegearbeiten an dem SekretĂ€r ermöglicht.
Ein alter Dokumentenschrank wird geöffnet, und dahinter kommen ganz moderne Pappschachteln zum Vorschein. Eine der Pappschachteln wird geöffnet, und dahinter kommen uralte Dokumente mit schönen Siegeln zum Vorschein. Das ist das Archiv der Familie. Alle Dokumente sind auf Italienisch. Das war lange die Amtssprache Maltas. Malti selbst war die Sprache des Volkes, und hatte nur sehr begrenzte Funktion im Schriftverkehr. AuĂerhalb der Oberschicht konnte ohnehin kaum jemand lesen und schreiben, und die, die lesen und schreiben konnten, konnten auch Italienisch. Selbst zur Zeit der Briten blieb Italienisch lange Amtszeit, trotz eines Versuchs der Briten, es durch Englisch zu ersetzen. Das fĂŒhrte zu wilden Protesten, die als Sprachenstreit in die Geschichte eingingen. Erst 1936 wurde dann schlieĂlich Englisch Amtssprache, zusammen mit Malti.
Der Reichtum dieser Adelsfamilie beruht auf dem Handel, der Einfuhr von Weizen und der Ausfuhr von Spitzen. Auf einer gedeckten Tafel wird deren Besonderheit vorgefĂŒhrt: die italienische Spitzen sind rau, die maltesischen fein. Damit machte man sich einen Namen.
Es gibt ein paar Objekte, die wir nur mit Hilfe identifizieren können, darunter zwei GerÀte, die entfernt wie Scheren aussehen. Das eine dient zur GlÀttung der Handschuhe, das andere zur GlÀttung der Haare. Es wird im Feuer heià gemacht und dann zur BÀndigung der ungeliebten Locken eingesetzt.
Dann geht es auf einen der typisch maltesischen Balkone. Die Briten brechen in Begeisterung aus, dabei gibt es gar nichts zu sehen, höchstens einen wie einen Barhocker aussehenden Korbstuhl, der es erlaubte, aus dem Fenster zu sehen. Die Balkone hatten einerseits die Funktion, die Hitze drauĂen zu halten, andererseits, es den vornehmen Frauen zu gestatten, von hier aus am Leben der StraĂe teilzunehmen, ohne der Sonne und der Gefahr ausgesetzt zu sein, die vornehme BlĂ€sse zu verlieren. Demselben Zweck diente auch die onella, eine Mischung aus Hut, Umhang und Kapuze, die maltesischen Frauen trugen, wie man hier auf einem Bild sehen kann.
Wir sehen noch eine Statue des Apostels Paulus, silbernes Geschirr, das im der Krankenpflege zum Einsatz kam â die Johanniter hatten entdeckt, dass es hygienisch besser ist als Keramik â und ein Schachspiel, bei dem der König ein Malteserritter ist.
Im Keller kann man einen verwinkelten Luftschutzbunker besichtigen, der nicht der Familie vorbehalten war. Hier konnten bis zu 200 Menschen Zuflucht finden. Die Zeit der Angriffe auf Malta wĂ€hrend des 2. Weltkriegs gilt als âZweite Belagerungâ, die genauso heroisch ĂŒberstanden wurde wie die âErste Belagerungâ durch die TĂŒrken wĂ€hrend der Johanniterzeit.
Zum Mittagessen kehre ich zum Theater zurĂŒck. Dort habe ich ein gutes Restaurant gesehen. Es erfĂŒllt alle AnsprĂŒche: gutes Essen (Kaninchen, eine maltesische SpezialitĂ€t), guter Wein (ein einheimischer Merlot), freundliche Bedienung. Nur die Einrichtung ist nicht unbedingt berauschend. Aber dafĂŒr werde ich noch unfreiwillig Zeuge eines Schauspiels mit dem Thema britische Alltagskultur. Eine Frau bekleckert sich mit Rotwein, und das bringt die beiden britischen Ehepaare, die bisher in schweigender Distanz zueinander gegessen haben, in einen geradezu rauschhaften Kommunikationszustand. Es gibt Anekdoten, RatschlĂ€ge, Witze und natĂŒrlich Entschuldigungen. Und dann, als ich es schon fast vermisse, kommt das obligatorische: âDas passiert sonst immer nur mir.â
Weinselig mache ich mich auf die Suche nach Skulpturen eines maltesischen Bildhauers, Sciortino. Die Skulpturen befinden sich an verschiedenen Stellen der Stadt. Die schönste ist eine Skulptur von drei StraĂenjungen mit zerlumpten Kleidern, lĂŒckenhaften ZĂ€hnen und ausdrucksstarken Gesichtern. Ein gröĂerer Junge, mit hochgekrempelten Hosen und Hut mit Krempe, zieht ein widerwilliges, kleines MĂ€dchen hinter sich her und legt den Arm um einen anderen Jungen.
Diese Skulptur befindet sich in den Upper Barraca Gardens, dem vermutlich schönsten Aussichtspunkt Malta, hoch ĂŒber dem Meer mit Blick aufs Meer hinunter.
Die Suche nach den Skulpturen Sciortinos bringt mich vor das Stadttor. Auf dem Weg dahin sehe ich jetzt auch die Ruinen der alten Oper hinter den BauzÀunen. Einige Arkaden sind noch gut zu erkennen.
Eine ziemlich pathetische Skulptur Sciortinos stellt eine vor Christus kniende Frau dar und versteht sich als Allegorie auf Malta. Sie steht nahe einem Park, einer lĂ€nglich verlaufenden GrĂŒnanlage mit eingezĂ€unten Beeten und Statuen groĂer Malteser, von den AutoritĂ€ten angeblich deshalb angelegt, um die Soldaten zum Lustwandeln im Park zu animieren und von lasterhaften FreizeitaktivitĂ€ten abzuhalten. Ăber den Erfolg der MaĂnahme wird keine Auskunft erteilt. Der Park heiĂt Maglio, nach dem Ballspiel, genauso wie Pell Mell in London. Dieser Teil der Stadt gehört schon zu dem Stadtviertel Floriana. Auch Floriana ist, wie Valletta, nach einem Mann benannt.
Danach bin ich nur noch reif fĂŒrs Fernsehen. Die italienischen Sender haben nur ein Thema: Schnee. Man sieht Bilder aus der Basilikata, den Marken und dem Latium, alle in Schnee begraben. In einigen Gegenden ist noch einmal 40 cm Neuschnee gefallen.
12. Februar (Sonntag)
Die ganze Nacht blÀst der Wind furchterregend, aber am Morgen hat er sich wieder beruhigt.
Das Kunstmuseum ist wirklich nur einen Steinwurf vom Hotel entfernt, in derselben StraĂe, einen HĂ€userblock weiter. Es hat ein schönes, helles Treppenhaus mit einer weiĂen Marmortreppe, aber wenn man oben ankommt, steht man im Dunkel. Und vor dunklen BarockgemĂ€lden. Was man schnell erkennt, ist die Obsession des Barock mit Tod und Gewalt. Mord und Totschlag ĂŒberall. Man sieht eine Judith, die mit dem Blick eines SchulmĂ€dchens, das ĂŒber seine Matheaufgaben nachdenkt, Holofernes den Kopf abschneidet. Selbst ein Bild, das Der Barmherzige Samariter heiĂt, zeigt einen Mann, der sich mit gezĂŒcktem Messer ĂŒber einen am Boden liegenden anderen Mann beugt. Das muss die Szene sein, bevor der Samariter auftritt.
Interessant ein Bild von Baglione, dem Gegner und Gegenspieler Caravaggios, Das Martyrium der Hl. Agatha, einer Heiligen, der man auf Malta immer wieder begegnet. Baglione und Caravaggio bekĂ€mpften sich ein Leben lang, auch vor Gericht, wo der eine den anderen der Verleumdung bezichtigte. Techniken und Themen der Bilder sind durchaus verwandt, aber die Haltung ist eine ganz andere. Hier flieĂt kein Blut â der Maler hat den Moment vor der Exekution eingefangen â und die Heilige steht im Zentrum, nicht der Henker. Die Heilige, halbnackt dargestellt, hat einen makellosen Körper und blickt nachdenklich in die Ferne, und der Soldat in RĂŒstung, mit weiĂer Haut und gepflegtem Schnurrbart, steht nur dabei und tut ihr nichts Böses. Der Henker erscheint am Ă€uĂersten unteren Rand des Bildes, ĂŒber die Exekutionswerkzeuge gebeugt.
Interessant ebenfalls die Römische Caritas von Preti, der hier mit mehreren GemĂ€lden vertreten ist und in Malta als maltesischer Maler gilt. Er malte auch die Decke der Kathedrale. Seine Caritas, eine fĂŒllige, vor Gesundheit strotzende Frau, reicht einem am Boden liegenden alten Mann ihre Brust zur Nahrung. Das ist sicherlich symbolisch gemeint, wirkt aber hier ganz und gar real. Auch hier sind die Figuren etwas idealisiert. Der alte Mann ist zwar hager, aber nicht ausgezehrt, und an seinem ganzen Körper ist kein Schmutz, kein Kratzer, keine Wunde. Ob mit der römischen Caritas die klassische oder die kirchliche gemeint ist, bleibt unklar. Im klassischen Rom, so sagt man, gab es Tugenden wie die NĂ€chstenliebe gar nicht. Sie sind ein Beitrag des Christentums. Aber ob der Maler das wusste?
Wenn man durch die anderen RĂ€ume geht, merkt man, wie im Verlauf der Jahrhunderte die Themen wechseln. Auf einmal kommt auch die Lebenswirklichkeit, die reale Welt ins Bild. Man sieht ein KĂŒnstleratelier, die Stube eines Geldleihers, die Werkstatt eines Buchbinders. Noch wieder etwas spĂ€ter kommt dann auch das gemeine Volk ins Bild, aber immer idealisiert: ein Hochzeitszug, fröhliche StraĂenmusikanten, singende Frauen bei der Handarbeit in einer gemĂŒtlichen Bauernstube.
Erst ganz spĂ€t werden Landschaften hoffĂ€hig, Landschaften um ihrer selbst willen. In einem gesonderten Raum gibt es verschiedene Veduten von Valletta, meist den Grand Harbour zeigend, darunter eins von Turner. Der war selbst nie in Malta, musste sich also auf Augenzeugenberichte verlassen. Er brauchte das Bild fĂŒr die Illustration von Gedichten von Byron, und der war mehrmals in Malta gewesen.
Im Untergeschoss sind neben Bildern auch Sammlungen von AlltagsgegenstĂ€nden ausgestellt: FĂ€cher, Taschenuhren, Schmuckdöschen. Als ich die FĂ€cher sehe, fĂ€llt mir unvermittelt auf, dass FĂ€cher sowohl Singular als auch Plural ist und auĂerdem der Plural von Fach. Aber das ist hier natĂŒrlich ohne jede Bewandtnis. Was hier deutlich wird, ist die Vielfalt. FĂ€cher ist nicht gleich FĂ€cher. Bei den Taschenuhren gibt es zwei Grundtypen, zuklappbar und nicht zuklappbar, wie bei den modernen Handys. Die Ziffern sind entweder römisch oder arabisch oder nur durch Striche angedeutet, das Ziffernblatt ist bemalt oder mit Wappen und Emblemen verziert oder ganz einfach leer.
Wie in allen Museen ist es kalt hier drin, und man kann paradoxerweise aus der KĂ€lte des Museums nach drauĂen flĂŒchten. Bevor es weiter geht, möchte ich etwas klĂ€ren. Was fĂŒr ein GebĂ€ude ist das mit der Kuppel, die die Skyline von Valletta bestimmt, aber an dem man nie vorbeikommt? Von allen möglichen Seiten sieht man sie, aber sie gehört zu keiner der klassischen SehenswĂŒrdigkeiten. Es stellt sich heraus, dass es eine Kirche ist, und zwar die Kirche vom Carmel. Als ich ankomme, ist gerade der Gottesdienst zu Ende, und wahre Besucherströme kommen aus der Kirche. Ich begnĂŒge mich damit, herausgefunden zu haben, was es mit der Kuppel auf sich hat und nehme noch ein Photo von einem Poster am Eingang der Kirche mit: Give yourself a faith lift â come to church.
Der Palast des GroĂmeisters liegt an einem der wenigen PlĂ€tze Vallettas, dem gröĂten, und nimmt die ganze LĂ€ngsseite des Platzes ein. GegenĂŒber liegt ein GebĂ€ude, das offiziell aussieht, aber was es ist, kann ich nicht herausfinden. Es war frĂŒher der Sitz der britischen Verwaltung.
Den Palast teilen sich der PrĂ€sident und das Parlament mit den Touristen. Der Palast hat zwei EingĂ€nge. Das hat was damit zu tun, dass der Platz nicht eben ist, und man musste das ansteigende StraĂenniveau bei dem Bau berĂŒcksichtigen. Besucher betreten den Palast durch den rechten Eingang, zwischen zwei schönen SĂ€ulen, die mir schon dieser Tage aufgefallen waren, als ich noch gar nicht wusste, was fĂŒr ein GebĂ€ude das war.
Man kommt zuerst in die StaatsrĂ€ume in der ersten Etage. Lange Korridore mit groĂen Fenstern, lebensgroĂen Portraits und RitterrĂŒstungen in regelmĂ€Ăigen Intervallen fĂŒhren auf alle möglichen SĂ€le zu. Man verliert hier leicht die Orientierung.
Die Portraits zeigen alle GroĂmeister des Ritterordens, fast alle in eleganten, aber einfachen schwarzen GewĂ€ndern mit dem Malteserkreuz auf der Brust. Nur einer ist in einer RĂŒstung dargestellt, und zwar ausgerechnet der GroĂmeister, der die Insel kampflos an Napoleon ĂŒbergab und damit das Ende der Malteser auf Malta einleitete, der einzige deutsche GroĂmeister des Ordens, Ferdinand von Hompesch.
In einem der SÀle sieht man die Portraits der maltesischen PrÀsidenten, insgesamt neun seit 1949. In den Boden sind Wappen eingelassen, auf denen der offizielle Name Maltas steht: Repubblika ta Malta.
AuĂer den StaatsrĂ€umen sieht man das Waffenarsenal. SchlieĂlich waren die Johanniter Ritter. Man sieht unter anderem die RĂŒstung Jean de la Valettes, des Namensgebers Vallettas und Helden der GroĂen Belagerung. Er hatte bereits in Rhodos gekĂ€mpft, war in Gefangenschaft geraten, hatte als Galeerensklave gedient und war freigekauft worden. Bei der GroĂen Belagerung war er schon 71! Die RĂŒstung ist sehr fein gearbeitet. Das sieht man aber nur aus kurzer Entfernung und bei genauem Hinsehen. In den gesamten RĂŒstungspanzer sind geometrische Muster gestanzt, und auf der Brust sind ein Wappen, das Lamm Gottes mit Johannes dem TĂ€ufer und die Inschrift Ecce Agnus Dei eingraviert.
Wenn man sich die RĂŒstungen neutral ansieht, ist man geradezu angetan von der Weiterentwicklung des Handwerks- oder gar Industrieprodukts: Brustpanzer mit sich ĂŒberlappenden Stahlplatten, die die Beweglichkeit verbessern, ebenso wie bewegliche Teile an den Armklappen, RĂŒstungen, die statt eines Brust- und eines RĂŒckenteils zwei Seitenteile haben und in der Mitte âzugeknöpftâ werden, RĂŒstungen mit horizontalen und vertikalen âLamellenâ, Visiere, die aus immer mehr Einzelteilen bestehen, um möglichst viel zu verbergen, ohne Sehen und Atmen zu behindern oder gar zu verhindern.
Stolz wird in einer eigenen Vitrine erbeutetes RĂŒstzeug prĂ€sentiert, mit tĂŒrkischen Mannequins. Die TĂŒrken schĂŒtzten danach ihr Gesicht viel weniger, mit nicht viel mehr als einer Art Stahlbrille vor den Augen. Sie tragen den typischen, konischen Helm und natĂŒrlich den berĂŒhmten KrummsĂ€bel.
Dass die TĂŒrken Malta letztlich angriffen (1565) und dass es zu der âGroĂen Belagerungâ kam, ist kein Wunder. Suleiman hatte den Johannitern in Rhodos freien und ehrenhaften Abzug gewĂ€hrt, aber die Johanniter betrachten Rhodos als ihren Besitz und griffen immer wieder an. Der Angriffskrieg war also letztlich ein Verteidigungskrieg. Jedenfalls werden ihn die TĂŒrken als solchen der Weltöffentlichkeit verkauft und auch sich selbst gegenĂŒber gerechtfertigt haben. Auch hier: Nichts Neues unter der Sonne.
Der tatsÀchliche Angriff verzögerte sich, weil der dritte Kommandant mit seiner Flotte nicht eintraf. Dann, im Mai, wurde Zejtun angegriffen, von 3000 Soldaten. Der Kampf um Malta dauerte bis September. Noch heute ist der 8. September der Nationalfeiertag Maltas.
Aus spĂ€teren Epochen sieht man ein deutsches Schwertgewehr, ein Hybride, mit dem man auf die alte oder die neue Art kĂ€mpfen kann. Und dann gibt es irgendwo ein Luftgewehr, und da merke ich, dass ich das Wort schon oft gehört habe, aber ohne zu merken, dass es wirklich etwas mit Luft zu tun hat. Hier hat das Gewehr eine Kugel an der Seite, in die Luft gepumpt wird. Diese Luft wurde dann beim Schuss freigegeben. Und schlieĂlich sehe ich noch ein GerĂ€t, mit dem Kanonenkugeln gewogen wurden!
Nach einem schlechten Essen mit schlechtem Wein in einem Lokal in der Republic Street gehe ich ein paar Schritte weiter ins ArchĂ€ologische Museum, untergebracht in der Auberge de Provence. Die Eingangshalle hat ein farbenfreudiges DeckengemĂ€lde, das man leicht ĂŒbersieht, da hier bereits ein paar StĂŒcke ausgestellt sind, um die Besucher ins Museum zu locken. Und ein groĂes Plakat mit einem Bild der Magna Mater, einer vorgeschichtlichen Figur, die eine Art Maskottchen des Museums und ganz Maltas ist, von der Tourismusindustrie unendlich reproduziert und auf Bechern, SchlĂŒsselanhĂ€ngern, Kugelschreibern und KĂŒhlschrankfiguren vermarktet.
Die Exponate sind auf zwei Etagen verteilt, und das hat hier seinen ganz besonderen Grund: Es gibt nĂ€mlich keinerlei Verbindungen zwischen den Kulturen der Steinzeit, die unten ausgestellt sind, und den Kulturen der Bronzezeit, die oben ausgestellt sind. Die Steinzeitmenschen sind einfach verschwunden. Um 2.500 bricht alles plötzlich ab. Niemand weiĂ, warum. Anzeichen fĂŒr eine Naturkatastrophe gibt es nicht. Als spĂ€ter, etwa 500 Jahre spĂ€ter, die ersten Siedler der Bronzezeit in Malta ankamen, haben sie ganz von vorne angefangen. Die anderen waren einfach weg. Und dass trotz all ihrer Techniken und Fertigkeiten, die hier in Malta und hier im Museum besonders zur Schau gestellt werden.
So wird auf einer Schautafel gleich im ersten Raum gezeigt, mit verborgenem Stolz, wie alt diese Kulturen sind: Die Ggantja Tempel entstanden 2.000 Jahre vor Knossos, 1.500 Jahre vor Stonehenge, 1.000 Jahre vor den Pyramiden. Man sieht viele, vor allem mit Spiralen verzierte Bauteile der Tempel, aus mehreren Anlagen in ganz Malta, die meisten aus Tarxien, der Tempelanlage, die als der Höhepunkt in Malta gilt. Neben Spiralen und anderen geometrischen Mustern sieht man Fische und Pflanzen. Auf einem Fries ist eine ganze Prozession von Tieren, vielleicht Steinböcken, in einer Doppelreihe dargestellt. In diesen Tempeln, folgt man daraus, wurden Tieropfer dargebracht. Eine maltesische Besonderheit sind die Punktbohrungen, runde, gleichmĂ€Ăige Aushöhlungen, die in ganzen Reihen die Steine verzieren.
Daneben gibt es zahlreiche Figurinen, meist mit breiten Oberschenkeln. Viele haben keinen Kopf. Aber sie haben Bohrlöcher. Vielleicht wurden auf den Rumpf wechselnde Köpfe aufgesetzt!
Die berĂŒhmte Magna Mater hat einen eigenen Raum. Man ist erst einmal ĂŒberrascht, wie klein sie ist. Sie stammt aus dem HypogĂ€um von Hal Saflieni. Es handelt sich um eine liegende Figur mit starken Oberarmen und lĂ€nglichem Gesicht, vor allem aber mit breiten HĂŒften. Die sind so breit, dass man eine realistische Darstellung ausschlieĂen kann. Es handelt sich vielleicht um eine Fruchtbarkeitsgöttin oder eine Figur, die den Kreislauf des Lebens darstellt. Sie liegt in einer Art Schale. Warum wird sie liegend dargestellt? Hat es etwas mit Schlaf zu tun? Mit dem Tod?
Die Toten wurden in Höhlen begraben, die eigens dafĂŒr in den Fels gehauen wurden. Es handelte sich um BegrĂ€bnisstĂ€tten fĂŒr alle, ĂŒber verschiedene Generationen hinweg. Die Knochen wurden immer weiter nach hinten verschoben, um Platz fĂŒr Neuankömmlinge zu machen. Es war also eine Bestattungsform, die das Kollektiv und die KontinuitĂ€t betonte. Aber welche genauen Vorstellungen die Menschen vom Tod hatten, das geben die Funde nicht her. Wichtig ist jedenfalls, dass ĂŒberhaupt eine Trennung vollzogen wurde, eine Trennung zwischen AlltagsstĂ€tten und rituellen StĂ€tten.
In der Bronzezeit war die Bestattungsform anders, fast radikal anders. Die Toten wurden eingeÀschert und individuell in Urnen begraben. Wieder möchte man gerne wissen, welche genaue Vorstellung dahinter stand.
In Malta gibt es kein Eisenerz. Die Bronze muss also eingefĂŒhrt oder von den ersten Siedlern mitgebracht worden sein. Eine Kette aus StrauĂeneierschalen zeigt Kontakte nach Nordafrika, GegenstĂ€nde aus Obsidian Kontakte nach Sizilien.
Es gab vor allem drei Siedlungsorten: auf HĂŒgeln, in Höhlen und natĂŒrlich geschĂŒtzte Orte. Alle Siedlungen waren stark befestigt. Es war also eine konfliktreiche Zeit. Das, so heiĂt es hier, unterscheide die Bronzezeitkulturen auf Malta von den Steinzeitkulturen, in denen man harmonisch zusammenlebte. Kann das wahr sein? Hat es je so etwas gegeben? Und lĂ€sst das Fehlen von Verteidigungsanlagen diesen Schluss zu?
Aus der Bronzezeit, also im Obergeschoss, gibt es vor allem Keramik und Schmuck. Bei der Keramik fallen die vielen ZwillingsgefĂ€Ăe auf, zwei kleine GefĂ€Ăe, die miteinander verschweiĂt sind. Was kann der Sinn davon sein? Bei den persönlichen GegenstĂ€nden gibt es sehr schöne Halsketten aus Fischknochen und ein wunderbares Messer mit punziertem Griff.
Viele der GegenstĂ€nde waren Grabbeigaben, und fĂŒr die GrĂ€ber hatte man zum Teil spektakulĂ€re StĂ€tten ausgesucht. Man sieht auf einem Photo, wie ArchĂ€ologen sich in einem Boot einem Felsen nĂ€hern, in den, hoch ĂŒber ihnen, der Eingang zu einer Grabkammer liegt. Es ist kaum vorstellbar, wie man dorthin gelangt ist.
Aber es gibt nicht nur Grabbeigaben. In einem GlasgefÀà sieht man kleine, schwarze Kugeln. Was kann das nur sein? Es sind karbonisierte Bohnen!
Man sieht auch flache Steine mit Körnern. Es sind Getreidekörner, die sich in den Stein, der als Mahlstein benutzt wurde, eingegraben haben.
Zwei Dinge geben besondere RĂ€tsel auf. An vielen Orten hat man glockenförmige Vertiefungen im Boden gefunden. Vorratsspeicher fĂŒr Wasser? Oder fĂŒr Getreide? Oder bronzezeitliche Abfalleimer?
Das andere RĂ€tsel sind StraĂenschienen. Die sind hier wunderbar nachgebaut und man kann auf Glas darĂŒber weg spazieren. Unter sich hat man steiniges GelĂ€nde, und in das GelĂ€nde sind Rinnen eingelassen. Sie sehen aus wie Schienen, breite Schienen, aber sie verlaufen sehr unregelmĂ€Ăig und kreuzen sich manchmal, laufen manchmal aber auch parallel zueinander, aber nur ganz grob parallel. Was kann das gewesen sein? Abflussrinnen? Aber warum dann so aufwendig? Schienen? Aber wie soll das funktioniert haben?
Dann geht es wieder aus der Vergangenheit zurĂŒck in die Gegenwart und ins Freie, nach Sliema. Um eine Hafenrundfahrt zu machen, muss man mit dem Bus nach Sliema fahren. Obwohl Valletta zwei HĂ€fen hat, gibt es keine Anlegestelle fĂŒr Schiffe. Trotz dichter werdender Wolkendecke mache ich mich auf den Weg. Sliema hat eine riesige Uferpromenade und steht fĂŒr ModernitĂ€t, Ausgehen, Nachtleben. Es ist die Partymeile Maltas, zumindest im Sommer.
Im Hafen liegen auch einige der traditionellen bunten, Nussschalen Àhnelnden maltesischen Schiffe, aber unsere Rundfahrt ist auf einem ganz normalen Schiff.
Falls man noch Zweifel hatte, nach der Rundfahrt sind sie ausgerĂ€umt:  Valletta ist eine befestigte Stadt. Ăberall Forts, Mauern, Bastionen, TĂŒrme, WehrgĂ€nge. Die Befestigungsanlagen haben insgesamt eine LĂ€nge von dreieinhalb Kilometern!
Die erste Befestigung sehen wir gleich nach dem Ablegen auf der rechten Seite. Sie liegt auf einer Insel, Manuel Island. Wir befinden uns im Marsamxett Harbour, dem Hafen in der Bucht zwischen Sliema und Valletta. Auf der Insel befinden sich die Reste eines Krankenhauses des Ordens, eines von Europas ersten IsolationskrankenhĂ€usern, vor allem fĂŒr Pestkranke.
In der NÀhe liegt ein schwarzer Dreimaster, der ehemals einem Filmstar aus Hollywood gehörte, Errol Flynn, aber mehrmals sank und dann zu einem Restaurant umgebaut wurde. Dahinter kommt ein Yachthafen.
Dann kommen wir schon an die Spitze der Halbinsel, auf der Valletta liegt. Vom Wasser aus sieht man, dass man diese Spitze noch einmal kĂŒnstlich verlĂ€ngert hat, mit einem langgezogenen Kai, auf den man ĂŒber eine BrĂŒcke kommt und an dessen Ende ein Leuchtturm steht.
Wir umfahren den Leuchtturm und kommen in Vallettas zweiten Hafen, den Grand Harbour. Von hier aus sieht man auf die Stadteile, durch die ich bei meinen Erkundungen gestern und vorgestern gekommen bin. Alle GebĂ€ude stehen dicht gedrĂ€ngt, alle in einheitlichem hellbraunen Sandstein. Die einzigen Farbtupfer sind das rote Dach der Marienkapelle (der französischen Zunge angehörend) und die TĂŒren und FensterlĂ€den der LagerrĂ€ume am Ufer. Die unterschiedlichen Farben von FensterlĂ€den und TĂŒren bezeichnen, was wo gelagert wird.
Dann kommen wir zu den auf der anderen Seite des Grand Harbour liegenden sog. Three Cities, auch Contonera genannt. Als wenn das nicht schon kompliziert genug wĂ€re, hat jede fĂŒr sich auch noch zwei eigene Namen: Senglea (auch: LâIsla), Birgu (auch: Vittoriosa), Bormla (auch: Cospicua). Sie sind alle Ă€lter als Valletta und wurden nach dessen GrĂŒndung zu VorstĂ€dten. Hier wohnten die einfachen Leute und die Tagelöhner, hier waren die SoldatenunterkĂŒnfte und Sklavenquartiere und WerkstĂ€tten. SpĂ€ter wurden sie zum Zentrum der Arbeiterbewegung. Von hier stammte Dom Mintoff, der erste sozialistische PrĂ€sident Maltas. Auch diese StĂ€dte sind mit einer geschlossenen Festungsmauer umgeben.
Dann kommen wir zu den Werften. Riesige blaue und gelbe KrĂ€ne beherrschen das Bild. Die Werfen sind durchnummeriert. Die gröĂte ist die sog. Chinesische Werft, auf der Schiffe von bis zu 320.000 Tonnen liegen können. An der sog. Französische Werft liegt der Landeplatz Napoleons, der 1798 Malta eroberte, es aber nach zwei Jahren an Lord Nelson verlor. Danach wurde Malta britisch.
Die RĂŒckfahrt fĂŒhrt dann noch an ein oder zwei Befestigungsanlagen vorbei. Ich bin aber nicht traurig, als die Fahrt zu Ende geht. Das Schlingern des Schiffs vertrĂ€gt sich nicht gut mit dem schlechten Wein vom Mittagessen.
In Sliema gehe ich noch in die Stadt rauf, aber trotz einiger Suche lĂ€sst sich kein eigentliches Stadtzentrum finden. Es gibt allerdings ein paar sehr schöne StraĂenzĂŒge. Bunte Balkone ĂŒberall.
Im Bus nach Valletta werde ich von tschechischen Touristen gefragt, ob ich Lokale empfehlen könnte, in der âechteâ Malteser, keine Touristen verkehren. Man suche Kontakt zu den Einheimischen. Kann ich leider nicht. Und ich bin noch nicht einmal sicher, ob es so etwas gibt. Höchstens ein paar schĂ€bige CafĂ©s, in denen alte MĂ€nner den ganzen Tag bei einem Kaffee sitzen. Aber ob es das ist, was die Tschechen suchen? NatĂŒrlich wird es auch Junge und Reiche geben, die, dem âeuropĂ€ischenâ Modell folgend, ausgehen, aber auch das suchen die Tschechen vermutlich nicht. In vielen traditionellen Gesellschaften geht man vermutlich gar nicht aus, und Esslokale sind etwas fĂŒr Festlichkeiten wie Hochzeit oder Kommunion.
In Valletta finde ich eine winzige Kneipe, in der es ganz gutes Essen gibt. Hier ist auch kein âechterâ Maltese. Als ich aufbreche, ist es stockdunkel, und ich kann ein paar schöne Bilder von den beleuchteten steilen StraĂen machen, die zum Hotel fĂŒhren. Und von einem ungewöhnlichen Verkehrsschild, einem Verbotsschild fĂŒr Pferdekutschen.
13. Februar (Montag)
Mit dem Bus geht es nach Paola und in die Vorgeschichte. Tempel und HypogÀum stehen auf dem Programm.
Paola ist eine laute und lebendige Stadt, mit unzĂ€hligen hupenden Autos, die sich durch die engen StraĂen zwingen, und Einheimischen, die sich den Platz auf den engen BĂŒrgersteigen streitig machen. Hier gibt es kaum Touristen, auĂer ein paar VerrĂŒckten, die wegen der alten Steine hierher kommen.
Die traditionellen maltesischen HĂ€user hatten alle eine Zisterne. Die trockenen Sommer machten sie nötig, die feuchten Winter möglich. Beim Graben fĂŒr eine Zisterne fĂŒr ein neues Haus, vor etwa hundert Jahren, brach plötzlich der Boden ein, und einer der Arbeiter fiel, ohne es zu wissen, in die Vorgeschichte, in das, was heute das HypogĂ€um ist. Was dann geschah, ist nur auf den ersten Blick ĂŒberraschend: Man verschloss das Loch, baute weiter und versuchte, den Fund zu verheimlichen. Nur keinen Ărger. Das ging auch eine Zeitlang gut, aber dann sickerte doch etwas durch, und drei Jahre spĂ€ter kam die Sache an die Ăffentlichkeit. Jedenfalls ist man noch heute ĂŒberrascht, wenn man gleich in der NĂ€he des Stadtzentrums in eine SeitenstraĂe geschickt wird und plötzlich vor einem ganz normalen Hauseingang steht, ĂŒber dem HypogĂ€um steht.
Da stehe ich jetzt und will erst mal sicher stellen, ob das mit der Eintrittskarte geklappt hat. Hat es. Ich bin auf der Liste und soll einfach fĂŒnf Minuten vorher da sein. Daraufhin entspinnt sich folgender Dialog: âKann ich jetzt schon zahlen? â Die Karten werden immer im Voraus bezahlt. â Ja, aber es handelt sich hier um eine Ausnahme. Ich habe die Karte nur vorbestellt. â Ist aber bezahlt. â Es war so: Ich habe keinen Zugriff auf die Seite gehabt und Herrn Sant telefonisch gebeten, mir eine Karte zu reservieren. Er hat sich nur zur Sicherheit meine Kreditkartennummer aufgeschrieben. â Hier, sehen Sie selbst. Hier steht âbezahlt.â Daraufhin gebe ich den Kampf auf. 20 ⏠gespart.
DafĂŒr habe ich kein Kleingeld. Daran herrscht in Malta notorischer Mangel. Und kein Kleingeld bedeutet kein Kaffee. Stattdessen gehe ich zu dem archĂ€ologischen GrĂ€berfeld, das etwas auĂerhalb des Stadtzentrums liegt, inmitten von Feldern, so wie man sich auch die Lage des HypogĂ€ums vorgestellt hat. Das GrĂ€berfeld liegt in Tarxien, jetzt einem Stadtteil von Paola.
Man lĂ€uft trotz einiger Informationen etwas verloren ĂŒber die Holzstege durch das GrĂ€berfeld. Man sieht Steine mit Reliefs, ĂŒbereinandergeschichtete Steine, Steine mit Bohrlöchern, Steine, die einen Halbkreis bilden, andere, die eine Art Eingangstor bilden und wieder andere, die eine Apsis bilden. Jedenfalls scheinen die Steine bearbeitet worden zu sein. Sie sind glatt und regelmĂ€Ăig. Es ist ein bisschen wie Stonehenge im Kleinformat, aber es ist schwer, eine Struktur zu erkennen. Kein Wunder, die verschiedenen Tempel stammen aus einer Periode von 1.000 Jahren. Tempel dieser Art sind vermutlich der historische Hintergrund zu der Legende, dass Malta einst von Riesen bewohnt war. Was hier genau geschah, ist ungewiss, aber die vielen Tierdarstellungen lassen vermuten, dass Tiere geopfert wurden. Kurios ist ein Stein, der als Nachweis dafĂŒr gilt, dass auch zu dieser Zeit schon Recycling angesagt war. Man hat fast die gesamte FlĂ€che einer Seite von den Punktbohrungen befreit, um andere anzubringen, aber unten, da, wo die SĂ€ule unter der Erde war, sieht man noch die alten Punktbohrungen.
Ich spreche mit einer Amerikanerin, die sehr professionelle Photos macht, und mit einer sehr kenntnisreichen englischen Familie, und dann kommt eine Mitarbeiterin der Tempelanlage auf mich zu, und alle helfen mir, ein paar der etwas verborgenen Steine zu finden â die meisten sind Kopien und schon wieder verwittert â aber meine allgemeine Orientierungslosigkeit bleibt bestehen.
Dann geht es zurĂŒck in die Innenstadt. Vor dem HypogĂ€um habe ich noch Zeit fĂŒr einen Kaffee. In dem kleinen CafĂ©, wo ein militĂ€rischer Ton herrscht, gibt es Kaffee und Apple Pie fĂŒr unschlagbare 2 âŹ. Und ohne mit den Augen zu zucken, wechselt man mir meine 50 âŹ.
Der Besuch des HypogĂ€ums gilt als einer der Höhepunkte einer Reise nach Malta, nicht zu Unrecht. Es ĂŒberkommt einen ein metaphysischer Schauer, wenn man in Momenten der Stille mitten in der vor Tausenden von Jahren geschaffenen und lange völlig verschollenen Anlage steht. Die Stille wird gelegentlich markiert durch die Musik, die man auf dem Kopfhörer hört, eine Art Symphonie fĂŒr Steine, die aneinander geklopft werden. So könnte die Musik damals geklungen haben.
Es gibt einen kuriosen Kontrast zwischen der uralten Kultstelle und der hochmodernen Technik, die zum Schutz der Anlage und bei der FĂŒhrung zum Einsatz kommt.
Das HypogĂ€um erstreckt sich ĂŒber drei Ebenen, von denen nur die beiden unteren streng genommen unter der Erde liegen. Die mittlere Ebene ist die wichtigste. Oben sieht man eine Art Halbkreis aus Steinen und mehreren niedrigen Eingangstoren, die vermutlich zu dahinter liegenden Kammern fĂŒhrten. In diese Kammern wurden die Ă€lteren Knochen der Toten, die hier im Halbkreis begraben wurden, geschoben, um Platz fĂŒr neue zu machen. Das alles beruht auf der Annahme, dass es sich um eine GrabstĂ€tte handelte. DafĂŒr sprechen die vielen, vielen Knochen, die man hier gefunden hat.
Die untere Ebene betritt man nicht. Man sieht nur von der mittleren in sie hinunter. In die untere Ebene fĂŒhren sieben sehr, sehr unregelmĂ€Ăige Stufen. Sie haben weder die gleiche Breite noch die gleiche Form. Und wohin fĂŒhrt die Treppe? Ins Nichts, in die Leere. Wenn man nach der untersten Stufe einen weiteren Schritt macht, fĂ€llt man meterweit nach unten. Die verlockendste ErklĂ€rung ist die, dass dies eine MaĂnahme gegen RĂ€uber und Eindringlinge war, die im Halbdunkel das gefĂ€hrliche Ende nicht sehen und auf den unregelmĂ€Ăigen und vermutlich rutschigen Stufen ausgleiten wĂŒrden. Eine andere, weniger spektakulĂ€re ErklĂ€rung besagt, der Boden sei frĂŒher höher gewesen, hĂ€tte bis an die untere Stufe gereicht. Aber warum dann diese komischen Treppen, angelegt von Menschen, die ganze Tempelanlagen schaffen konnten, in denen nicht ein Stein unregelmĂ€Ăig ist?
Ein weiteres RĂ€tsel betrifft die Beleuchtung. Es wurden nirgendwo Spuren von RuĂ gefunden, es wurden also keine Fackeln benutzt. Aber was dann?
Auf der mittleren Ebene bleiben wir an verschiedenen Stellen der labyrinthischen GĂ€nge stehen. Dabei sehen wir eine Art Badewanne. In der wurde die berĂŒhmte Figur der Magna Mater gefunden. Aber das ist auch komisch. Die Badewanne, grob den MaĂen einer richtigen Badewanne entsprechend, ist viel zu groĂ fĂŒr die winzige Figur.
An einer Stelle, bei der die Bauarbeiten nicht zu Ende gefĂŒhrt wurden, kann man die Arbeitsweise sehen. ZunĂ€chst wurden Löcher in den Stein gehauen. Erstaunlich, dass das ĂŒberhaupt ging. Man hatte noch keine Bronzewerkzeuge, nur Stein, Flintstein und Geweihe. Die Löcher wurden in Schwachstellen des Felsens geschlagen, und dann wurde der Felsen gebrochen. So entstanden DurchgĂ€nge und Korridore. Es ist tatsĂ€chlich so, dass die gesamte Anlage kĂŒnstlich angelegt, in den Felsen gehauen ist und es sich nicht, wie man glauben könnte, um eine natĂŒrliche Höhle handelt. Unglaublich!
Der wichtigste Raum ist das âAllerheiligsteâ. Hier erkennt man auch gut das kĂŒnstlerische Prinzip: Alles sieht wie gebaut aus, ist es aber nicht. Die beiden Pfeiler und der Architrav sind nicht aufgestellt, sondern aus dem Felsen gehauen. Die Decke besteht aus verschiedenen, sich ĂŒberlappenden Scheiben, ein Hinweis darauf, wie die Decken der Tempel gebaut worden sein könnten.
Der andere ganz besondere Raum hat eine bemalte Decke. In Sechsecken finden sich Spiralen aller Art, und zwar in Rot. Das muss im Halbdunkel und bei frischer Farbe geradezu magisch ausgesehen haben.
Der rote Farbstoff muss von auĂerhalb Malta importiert worden sein! Trotzdem gibt es keine Verbindungen zu Kulturen auĂerhalb von Malta und auch keine zu spĂ€teren Zeiten. Die âRiesenâ waren eine Sache fĂŒr sich. Und sind irgendwann einfach verschwunden. Man steht staunend davor und fragt sich, warum. Warum sind sie verschwunden, warum haben sie dies geschaffen? Von ganz zentraler Bedeutung ist, wenn man in gröĂeren ZusammenhĂ€ngen denkt, das Symbol. Die ganze Anlage und deren Teile standen fĂŒr etwas anderes. Das ist etwas existentiell Menschliches.
Als ich wieder in die Stadt zurĂŒckgehe, fĂ€llt mein Blick auf ein StraĂenschild. Das beschert eine Wiederbegegnung mit einem alten Bekannten: Ninu Cremona!
Die AuĂenbezirke von Paola, z.B. die um die Tempel herum, wirken fast lĂ€ndlich und sind sehr gepflegt. Das Zentrum bietet das Gegenprogramm. Der zentrale Platz, angeordnet zu beiden Seiten einer schönen, aber vom Verkehr umflossenen Promenade, die durch beschnittene BĂ€ume, die StĂ€mme wie Platanen und BlĂ€tter wie OlivenbĂ€ume haben, Sonnenschutz erhĂ€lt, hat ein paar etwas verfallene HĂ€user zwischen ganz neuen mit modernen GeschĂ€ften, meistens Telekommunikation.
Etwas darĂŒber liegt die mĂ€chtige Pfarrkirche, und hier bekomme ich es jetzt auch schriftlich. Nur ein Wort der Inschrift kann ich verstehen, aber das ist das entscheidende: Alla.
An jeder Ecke gibt es VerkaufsstĂ€nde, an denen man etwas zu essen bekommt, meist Teigrollen oder etwas von der Art, und die werden auch gut frequentiert von den Einheimischen, aber ein richtiges Lokal kann ich nicht entdecken. Das bestĂ€tigt meine Vermutung, dass Ausgehen etwas fĂŒr AuswĂ€rtige ist und ein Luxus, den man sich nicht leistet. Also fahre ich nach Valletta zurĂŒck.
Dort geht es gleich in das Teatru Manoel. Die mit Spannung erwartete FĂŒhrung ist eine einzige EnttĂ€uschung. Was die FĂŒhrerin bietet, grenzt an eine UnverschĂ€mtheit. Erst lĂ€sst sie uns warten, weil sie noch essen muss â dass sie uns ĂŒberhaupt wahrgenommen hat, ist nur der Insistenz des anderen Teilnehmers, eines Briten, zu verdanken â dann rappelt sie, im Parkett Platz nehmend, ein paar Daten zum Theater herunter und entlĂ€sst uns. Dabei gibt es durchaus etwas zu erzĂ€hlen. Davon zeugt ein Schild im Innenhof, das eine Episode erzĂ€hlt: Ein gewisser Oreste Kirkop saĂ seelenruhig in einer AuffĂŒhrung des Rigoletto und wurde dann, am Ende des 2. Akts, ohne jede Vorwarnung gebeten, fĂŒr den indisponierten Tenor einzuspringen. Er tat das, legte allmĂ€hlich seine NervositĂ€t ab und steigerte sich in einen kĂŒnstlerischen Rausch hinein, der ihm stehende Ovationen und eine spontane Wiederholung von âLa donnna e mobileâ einbrachte. Das ist unserer FĂŒhrerin keine ErwĂ€hnung wert.
Auch die wunderbaren alten Instrumente zur Imitation von Wind und Donner, die vor dem Eingang stehen, sind ihr nicht mehr als einen halben Satz wert. Dabei ist das Theater eine wahre Schatztruhe, ein bestens erhaltenes Barocktheater, wie aus einem Guss, ebenfalls, wie man zur gröĂten Ăberraschung erfĂ€hrt, von den Johannitern gegrĂŒndet. Seinen Namen hat es von dem GroĂmeister, der es grĂŒndete, 1731.
Der ganze Innenraum ist aus bemaltem Holz. Auch die Decke ist aus bemaltem Holz, blau, mit vergoldetem Blattwerk, flach, aber von unten gewölbt erscheinend. Diese Dekoration scheint aber erst aus dem 19. Jahrhundert zu stammen. Das Theater hat vier RÀnge, nach oben hin immer niedriger werdend, und fasst 600 Zuschauer.
Es werden StĂŒcke auf Englisch und Malti aufgefĂŒhrt und Opern und Barockkonzerte. Die Finanzierung ist fast ausschlieĂlich staatlich.
Das Theater wurde, im Gegensatz zu der Oper am Eingang zur Stadt, nie zerstört. Das wundert nicht. Es ist ganz in die HĂ€userzeile eingefĂŒgt und, auch wenn der Eingang durch zwei SĂ€ulen markiert ist, kaum als öffentliches GebĂ€ude zu erkennen.
Wieder nur dank der Nachfrage des Briten können wir auf die RĂ€nge gehen. Die FĂŒhrerin bleibt unten sitzen. An den TĂŒren, die Zugang zu den PlĂ€tzen geben, steht Shhhhhht!
Selbst die Logen im ersten Rang sind weder bequem noch gerĂ€umig. Das sieht von auĂen immer so toll aus. Und oben sitzt man auf BĂ€nken mit Plastikbezug und wird beim Blick nach unten schwindlig.
AnschlieĂend gehe ich wieder in das Lokal gleich neben dem Theater, wo ich am Samstag so gut gegessen habe. Das Essen ist wieder gut, aber der Service diesmal schlecht. Der junge Mann, der alleine fĂŒr alles zustĂ€ndig ist, ist mit einer Truhe beschĂ€ftigt, die gerade angeliefert worden ist und die er drauĂen reinigt. Die Tische werden nicht abgerĂ€umt, nicht gewischt,  Bestellungen ignoriert. Die TĂŒre zum Lokal steht auf â eine maltesische SpezialitĂ€t â und ein französisches Paar bittet den Mann, die TĂŒr zu schlieĂen. Er fragt, ob es wegen des LĂ€rms sei. Nein, wegen der KĂ€lte, antworten die. Er verspricht, die TĂŒr zu schlieĂen, tut das aber nicht, auch dann nicht, als er dann wieder nach drauĂen geht, um sich seiner Truhe zu widmen. Ich stehe auf und schlieĂe die TĂŒr. Als er wieder hinein kommt, lĂ€sst er sie wieder offen stehen, und ich schlieĂe sie wieder. Und das geht immer so weiter. Man fragt sich, wie sich diese Gewohnheit eingeschlichen hat. Im Sommer, bei Hitze, wĂŒrde man doch auch die TĂŒren schlieĂen, um die Hitze drauĂen zu lassen. Die Malteser scheinen von der KĂ€lte weniger beeindruckt zu sein als wir. Ăhnliche Szenen wiederholen sich in den nĂ€chsten Tagen immer wieder.
14. Februar (Dienstag)
Ohne Gozo hat Malta gerade mal die Ausdehnung von Frankfurt am Main, nicht mehr. Da mĂŒsste man an einem Tag auch ganz gut nach Gozo fahren können, ĂŒberlege ich mir. Ich tue es, obwohl dadurch ein paar Dinge liegen bleiben, die ganz in der NĂ€he von Valletta sind. Das ist schade, aber auf der Fahrt nach Gozo sieht man vielleicht auch was von Malta. Und auĂerdem soll Gozo ganz anders sein als Malta. Ich lasse mich von dem sehr freundlichen Herrn an der Rezeption ĂŒberreden, das mit einer organisierten Tour zu machen. Man wird sogar am Hotel abgeholt und zur FĂ€hre gebracht. Auf Gozo gibt es dann einen Touristenbus, bei dem man aussteigen kann, wo man will.
Als ich vor dem Hotel auf den Transfer warte, sagt eine vorbeikommende alte Frau zu mir: âCold today.â Recht hat sie.
In einem vergammelten Transporter mit zerschlissenen Polstern, schmutzigen TĂŒren und löchriger Verkleidung, in dem ĂŒberall Lappen, TĂŒten und Zettel herumliegen, werde ich von Valletta zur FĂ€hre gebracht. Ich bin der einzige. Bald stehen wir im Stau, aber dann geht es weiter, der KĂŒste entlang. Wieder ist es erstaunlich grĂŒn, aber schön ist die Gegend nicht. Die Orte, durch die wir kommen, sind es auch nicht. Die Distanz zwischen den Orten ist relativ gering. Malta ist eins der am dichtesten besiedelten LĂ€nder der Welt.
Es gilt, zwei brisante Situationen zu ĂŒberstehen, eine, bei der der Fahrer hinter einem Baustellenfahrzeug aus dem Windschatten rechts auf eine HauptstraĂe einbiegt, und eine, bei der an einem Platz ein paar MĂ€nner einen hohen Flaggenmast manövrieren, den sie im letzten Moment zu halten bekommen. Er wĂ€re lang genug gewesen, um auf dem Auto zu landen.
Wir machen noch zwei Abstecher zu Hotels, und als wir am Kai ankommen, ist die FĂ€hre weg. Das ist dem Fahrer aber nicht einmal eine Bemerkung wert. Inzwischen hat auch heftiger Regen eingesetzt. Im Dauerlauf geht es zu der Abfertigungshalle, aber als ich ankomme, bin ich zum ersten Mal durch und durch nass.
In der Halle, die nicht geheizt ist und deren TĂŒren offen stehen, gibt es einen warmen Kaffee. Und eine Zeitung. Dort lese ich, dass es in Israel, wo ich vor zwei Jahren um diese Zeit gefroren habe, heute 21° und in Athen, wo ich vor ein paar Jahren noch im MĂ€rz gefroren habe, heute 19° Grad warm ist. Gleichzeitig setzt hier ein Hagelschauer ein, der auf das Dach der Halle prasselt und alle verstummen lĂ€sst.
In der Zeitung steht etwas ĂŒber die Schwierigkeiten von Air Malta und deren ĂberprĂŒfung durch die EuropĂ€ische Union. Man hat einen Plan vorgelegt, demzufolge man Einnahmen steigern und Ausgaben verringern will. Wie das gehen soll, ist mir ein RĂ€tsel. Beim Essen fĂŒr die Passagiere lĂ€sst sich jedenfalls nicht sparen. Ab 2015 will man Gewinne erzielen.
Ein irischer Schauspieler ist im Alter von 82 gestorben. Am Ende seiner Karriere sagte er, den gröĂten Ruhm habe er einem neunminĂŒtigen Auftritt als Handwerker in Fawlty Towers zu verdanken. Nach 50 Jahren im Film und im Theater. Das muss auch eine ernĂŒchternde Erkenntnis sein. All die alltĂ€glichen MĂŒhen vergebens und vergessen, unterbewertet, ĂŒberschattet von einem einzigen, vermutlich kĂŒnstlerisch wertlosem Auftritt. Wie ein Lehrer, der merkt, dass höchstens ein Detail, eine zufĂ€llige Episode, eine Randbemerkung bei den SchĂŒlern Spuren hinterlassen hat, wĂ€hrend alles andere sich in Luft aufgelöst hat.
Aus diesen tiefsinnigen Ăberlegungen weckt mich die FĂ€hre. Der Weg dahin geht durch den Regen, der kein bisschen nachgelassen hat. Auf dem ersten Schild, das ich auf der FĂ€hre sehe, steht: Sonnendeck.
Die Ăberfahrt dauert eine halbe Stunde. Als wir auf Gozo zukommen, bricht die Sonne durch, aber die hat sich wieder versteckt, als wir ankommen.
Das erste, was man von Gozo sieht, ist eine Zitadelle, hoch ĂŒber der Stadt, Mgarr, der Anlegestelle der FĂ€hre. Ich fahre aber gleich nach Rabat durch. Schon wĂ€hrend der kurzen Fahrt sieht man, dass Gozo lĂ€ndlicher ist als Malta, und auch grĂŒner und wohl auch fruchtbarer. Ăberall sieht man GemĂŒseanbau, immer in kleinen Parzellen, mitten in der Landschaft.
Bald geht es auf Rabat zu, der Hauptstadt von Gozo. Auch Rabat hat einen zweiten Namen, Vittoria, zu Ehren der britischen Königin, aber man ist jetzt fast ausschlieĂlich auf den alten arabischen Namen zurĂŒckgegangen.
Ich steige hier als einziger aus und mache mich sofort auf den Weg zu der Zitadelle, auch hier hoch ĂŒber der Stadt, aber mitten im Zentrum gelegen. Man betritt die Zitadelle, die wie eine Stadt in der Stadt ist, durch ein Tor. Gleich dahinter liegt eine riesige Kirche. Dem ReisefĂŒhrer zufolge handelt es sich um eine Kathedrale, und die AusmaĂe wĂŒrden dem auch entsprechen, aber irgendwo in der Kirche lese ich, dass es sich um eine Pfarrkirche handelt. Man gelangt zu dem Eingang ĂŒber eine groĂe Freitreppe â und den Regen. Als ich oben ankomme, werde ich wieder durch den Regen hinunter geschickt, um eine Eintrittskarte zu kaufen. Dann geht es wieder rauf.
Auf den ersten Blick lohnt sich der Besuch nicht sonderlich. Es ist eine dunkle Barockkirche voller barocker Pracht und barockem Kitsch. Es gibt sogar drei hintereinander geschaltete AltĂ€re, alle aus Marmor. DafĂŒr entschĂ€digt aber das DeckengemĂ€lde in der Vierung, ein trompe dâoeil, das eine Kuppel vortĂ€uscht, aber flach ist. Das ist so meisterlich gemacht, dass ein Schweizer Ehepaar darĂŒber streitet, ob es nun eine Kuppel ist oder nicht. Die freundliche Aufpasserin lĂ€sst uns hinter die Sperre treten, so dass wir unmittelbar unter der âKuppelâ stehen. Erstaunlicherweise ist deren Zentrum, die Laterne, durch die das vermeintliche Licht strömt, am Rand der Kuppel. Die Laterne wird getragen von grauen, gestaffelten Gewölberingen. Perfekt. Schade, dass es so dunkel ist.
Am Ausgang sehe ich noch zwei monumentale Taufbecken aus Marmor. Sie haben die Form von ĂŒberdimensionalen Vasen mit Deckel. DarĂŒber, wie man diese Deckel entfernt, um die Taufbecken ĂŒberhaupt als solche nutzen zu können, kann man spekulieren. Der Pfarrer alleine schafft es jedenfalls nicht.
Als ich aus der Kirche komme, hat der Regen nachgelassen. Ăber schöne, enge, unregelmĂ€Ăige Steinwege geht es weiter nach oben. Teile der Zitadelle stammen noch von den Aragonesen. An verschiedenen Stellen sieht man Mauerreste und Steinbrocken. Teile der Zitadelle liegen noch in TrĂŒmmern, seitdem sie einst von den TĂŒrken stark zerstört wurde.
Anderes ist aber der Zerstörung entgangen, darunter ein paar richtige mittelalterliche WohnhĂ€user. Das hat Seltenheitswert. Als die Gefahr von ĂberfĂ€llen am gröĂten war, mussten alle Bewohner von Rabat nachts in die Zitadelle. Daraus entwickelten sich im Laufe der Zeit feste Wohnungen.
In einem dieser HĂ€user ist das Folkloremuseum untergebracht. Hier sieht man Zeugnisse des traditionellen Landlebens von Gozo, von Sicheln und Waagen bis zu GetreidemĂŒhlen und Fischernetzen und dem Steuerruder eines der traditionellen Schiffe. Es gibt auch eine Sammlung von TĂŒrklopfern, die man hier tatsĂ€chlich ĂŒberall sieht, auch in der Innenstadt von Valletta, und eine ganze Sammlung von Mörsern, die zur Befeuerung von Feuerwerkskörpern fĂŒr die lĂ€ndlichen Feste dienen.
Der besondere Reiz des Museums liegt in der labyrinthischen Anordnung der kleinen RĂ€ume, die sich auf verschiedene HĂ€user verteilen und sich auf verschiedenen Ebenen befinden. Immer wieder stöĂt man auf einen neuen Raum, immer wieder stöĂt man auf einem Raum, in dem man vorher schon einmal war.
Die Exponate sind alles andere als spektakulĂ€r, aber sehenswert. Auch hier ist die Vielfalt bemerkenswert: Balkenwaagen, Waagen mit verschiebbaren Gewichten, Waagen mit einer oder mit zwei oder ohne Schalen. Es sind auch Gewichte ausgestellt, und eine Schautafel zeigt die traditionellen maltesischen Gewichte. Sie basieren auf dem Qantar (ca. 70 kg), das wiederum in Teilgewichte aufgegliedert, mit Einheiten von 12 bis 30, ohne dass man eine RegelmĂ€Ăigkeit erkennen könnte.
Auch, was Berufe angeht, lernt man zu differenzieren. Schmied ist nicht gleich Schmied. In Gozo gab es traditionell vier Spezialisierungen: Schmiede fĂŒr Hufeisen und PflĂŒge, Schmiede fĂŒr Sicheln und HaushaltsgerĂ€te, Schmiede fĂŒr TĂŒrklopfer und Scharniere und GelĂ€nder von Treppen und Balkonen, Schmiede fĂŒr WagenrĂ€der und Fassreifen.
Am meisten in Erinnerung bleiben mir zwei Vitrinen mit GegenstĂ€nden aus der Puppenkiste: StĂŒhle, Tische, ein Himmelbett. Das Besondere: Die GegenstĂ€nde sind aus Stein! Malta hat immer viel Stein und wenig Holz gehabt.
Bevor ich meine Tour fortsetzte, flĂŒchte ich vor dem hier oben deutlich spĂŒrbaren, kalten Wind in ein kleines, gemĂŒtliches CafĂ©, von einer freundlichen Schottin betrieben. Sie schlĂ€gt einen heiĂen Kakao zum AufwĂ€rmen vor. Einverstanden.
Dann geht es weiter zu dem ehemaligen GefĂ€ngnis. Man kann einige der Zellen besichtigen und erfĂ€hrt einiges von der Geschichte. Es gibt eine alte Tradition von Malta als Verbannungsort. Von Heraclitus, einem byzantinischen Kaiser, wird berichtet, dass er einen gewissen Theodorus, einen Verschwörer, nach Malta bringen und ihm vor der Abreise zur Sicherheit noch die HĂ€nde und die Nase und nach der Ankunft ein Bein abschneiden lieĂ. Warum die Nase ein Sicherheitsrisiko darstellte, wird nicht erklĂ€rt. Der Ortsname Gerduf wird auch aus dieser Tradition abgeleitet und soll âOrt des Exils fĂŒr AuslĂ€nderâ bedeuten. Erstaunlich, dass sich all das in so einen kurzen Namen fassen lĂ€sst.
Das GefĂ€ngnis an dieser Stelle wurde auch von den Johannitern gegrĂŒndet. Hier saĂen vor allem unbotmĂ€Ăige Ritter ein, meistens Duellanten oder notorische StreithĂ€hne. Gozo diente aber auch auĂerhalb des GefĂ€ngnisses als Ort des Exils fĂŒr Ritter, die man einfach loswerden wollte.
Der berĂŒhmteste Insasse ist Valette selbst, der spĂ€tere Held der Belagerung und Namensgeber von Valletta. Er saĂ hier vier Monate wegen eines tĂ€tlichen Angriffs auf einen Laien ein.
Nachdem die Ritter Malta verlassen hatten, stieg die Zahl der HĂ€ftlinge an, einfach deshalb, weil der Dienst auf der Galeere als Strafe entfallen war!
Die Haftbedingungen sollen relativ gut gewesen sein: passable hygienische VerhĂ€ltnisse, gutes Essen, eine Ă€rztliche Untersuchung zu Beginn der Haft, aufgrund derer Sonderregelungen getroffen werden konnten â und zwar durch den Arzt, nicht durch die GefĂ€ngnisleitung. Besuch konnte man einmal im Monat, an einem Sonntag empfangen. Allerdings macht die Beschriftung keinen Unterschied zwischen den einzelnen Perioden, und man fragt sich, ob alles immer so wunderbar war. Die Gefangenen wurden auch zu Arbeiten herangezogen, auch auĂerhalb des GefĂ€ngnisses, beim Bau von StraĂen, vor allem aber bei der Freilegung des archĂ€ologischen Feldes von Ggantija.
Das GefĂ€ngnis ist nicht groĂ, und die Zellen sind es auch nicht. Es gibt aber keine EinrichtungsgegenstĂ€nde mehr, so dass es schwer ist, sich ein Bild zu machen. Es gibt aber Graffiti aller Art an den WĂ€nden. Neben den obligatorischen Daten und Initiale auch Kreuze â keine Malteserkreuze! â und vor allem Schiffe, sehr schön und kenntnisreich in die Wand geritzt.
Ganz in der NĂ€he liegt ein kleines Naturkundemuseum. Das nehme ich auch noch mit, trotz der Unfreundlichkeit der Frau an der Rezeption, dem GegenstĂŒck zu den freundlichen MĂ€nnern im Folkloremuseum und im GefĂ€ngnis.
Es gibt auf zwei Ebenen eine bescheidene, aber schön prĂ€sentierte Sammlung. Gleich am Eingang ist ein Beet von Stalagmiten und Stalaktiten angelegt, bei dem vor allem Wert auf die verschiedenen Farben gelegt wird: Je weiĂer, umso reiner. WeiĂ ist selten zu finden.
Die Stars der Ausstellung befinden sich oben, eine Pflanze und ein Pilz. Nicht wegen ihrer Besonderheit, sondern wegen ihrer Bedeutung fĂŒr Malta sind sie die Stars. Die Blume, eine blaue blĂŒhende, langstielige Wiesenblume, ist die nationale Blume Maltas. Der Fungus, der Malteserschwamm, der aussieht wie ein verkohlter Penis, bezieht seine Bedeutung aus der medizinischen Anwendung. In der Zeit der Johanniter war er das Allheilmittel ĂŒberhaupt. Vor allem bei Wunden, Blutungen und Verletzungen fand er Verwendung, aber auch als Aphrodisiakum. Der Extrakt wurde fĂŒr horrende Summen an die europĂ€ischen FĂŒrstenhĂ€user verkauft. Die Malteser waren auch Marketingexperten. Eine neuere Untersuchung durch britische Forscher konnte in der Pflanze keinen einzigen Heilstoff entdecken.
Am interessantesten finde ich aber eine Vitrine zu dem auf Malta allgegenwĂ€rtigen Sandstein, der hier in verschiedenen Formen prĂ€sentiert wird. Der Sandstein hat drei Schichten, von denen die mittlere die weichste ist, nicht hart genug fĂŒr den Hausbau. Aus diesem Stein werden Statuetten und FigĂŒrchen gemacht, vermutlich auch die Ausstattung der Puppenstube, die mir vorher im Folkloremuseum aufgefallen ist. Die obere Schicht ist hĂ€rter und wird fĂŒr den Hausbau verwendet. Sie ist aber noch so weich, dass man, wie im GefĂ€ngnis gesehen, mit jedem spitzen Gegenstand Linien hineinritzen kann. Die untere Schicht ist die hĂ€rteste und feuerresistent. Daraus werden Ăfen gemacht.
Danach zieht es mich wieder in das CafĂ© der freundlichen Schottin. Ich bestelle zum AufwĂ€rmen neben dem Hauptgericht eine Suppe. Ein Fehler. Alles dauert unendlich lange, und mir wird bange wegen der Busse. Ich muss um 4 Uhr an der FĂ€hre sein. Deshalb fĂ€llt die Besichtigung der schönen Innenstadt von Rabat flach. Bei den Bussen gibt es tatsĂ€chlich einiges an Durcheinander. Ich fahre eine Station mit einem leeren, dann den Rest der Strecke mit einem vollbesetzten Bus und erwische nur noch einen Platz hinter der Treppe, von dem aus man fast nichts sehen kann. Die Kommentare sind ebenso spĂ€rlich wie dĂ€mlich: âHier gibt es gute Fischlokaleâ oder âHier könnten Sie Ihren ersten Tauchkurs machen.â Man hat fĂŒr alle Sprachen einen Muttersprachler fĂŒr die Aufnahme genommen, auĂer fĂŒr Englisch, von dem die Malteser glauben, sie könnten es selbst. So hört es sich auch an. Ich wechsle auf Deutsch, aber da ist eine Schweizerin zugange, und bei der hört es sich an, als wĂ€re von den âJohannietenâ die Rede.
An einer Stelle ragt ein HĂŒgel, im wahrsten Sinne des Wortes, aus der Landschaft und den ihn umgebenden flachen HĂŒgeln hinaus. Er ist durch eine Imitation des Christus von Rio de Janeiro im Kleinformat bekrönt. Seine konische Form hat Anlass zu der Vermutung gegeben, er sei vulkanischen Ursprungs, aber das stimmt nicht. Malta war ursprĂŒnglich Meer. Die vielen Meeresfossilien auf den HĂŒgeln beweisen es.
Der Weg fĂŒhrt durch eine schöne Landschaft, viele grĂŒne HĂŒgel, die durch halbhohe Mauern unterteilt sind, an England und Irland erinnernd. Was deren Zweck ist, erfĂ€hrt man aber nicht. Dann kommt eine schöne Strecke mit hohen Felsen. Alle Orte haben riesige Kirchen, die vermutlich viel mehr Menschen fassen, als hier wohnen.
Der Ort Xlendi hat seinen Namen von einem Wort, das ich fĂŒr eine Heilpflanze halte. Ich werde aber sofort korrigiert. Es geht zurĂŒck auf einen Schiffstyp aus der byzantinischen Zeit.
Um das Dorf Qala herum gibt es Zitronen- und OrangenbÀume, keine riesigen Plantagen, sondern eher Felder. Ihre Besonderheit: Man sieht die BÀume kaum. Sie sind eingefriedet von BambuszÀunen, zum Schutz gegen den Wind.
Nach Wartezeiten auf beiden Seiten der FĂ€hre geht es dann zurĂŒck nach Valletta. Das wirkt bei der RĂŒckkehr schon fast heimisch. Und ich sehe auch die schöne, beleuchtete Einfahrt in die Stadt durch das Stadttor von Floriana und entlang einer langen Reihe von beidseitigen Arkaden.
Hat sich der Ausflug nach Gozo gelohnt? Schwer zu sagen. Warten und Transport nehmen viel Zeit in Anspruch, und in Valletta und in der NÀhe gibt es viele interessante Dinge zu sehen. DemnÀchst gilt wieder die Devise: Das Naheliegende zuerst.
15. Februar (Mittwoch)
Wenn die elektronische Anzeige einer Apotheke in der Republic Street stimmt, ist es am frĂŒhen Vormittag 12° warm. FĂŒhlt sich kĂ€lter an, viel kĂ€lter. Aber im Laufe des Tages kommt die Sonne raus, und das Wetter bemĂŒht sich, der Anzeige gerecht zu werden.
Dass StraĂennamen ein Politikum sind, sieht man an der Republic Street. Sie hieĂ zuerst Strada Reale und dann Kingsway.
Bei all seinem Militarismus vergisst man leicht, dass der Johanniterorden ursprĂŒnglich zur Krankenpflege gegrĂŒndet wurde. Schon vor dem ersten Kreuzzug machte man es sich zur Aufgabe, Pilger in Jerusalem zu betreuen. Meistens bedeutete das: zu verarzten. Was mĂŒssen das fĂŒr Anstrengungen gewesen sein. Schon die konnten einen zum Pflegefall machen, von Krankheiten, UnfĂ€llen, Verletzungen, RĂ€uberattacken ganz zu schweigen. Diese Tradition der Betreuung Kranker wurde lange aufrechterhalten und hat in Valletta seinen materiellen Niederschlag in der Santa Infermeria, dem Hospital des Ordens.
Auf dem Weg dahin komme ich an der Markthalle vorbei, einem Quadratbau mit hohen Fenstern und grĂŒnen FensterlĂ€den. Ăber dem Eingang steht eine Inschrift in Malti, in der das Wort Suk vorkommt. Das kenne ich irgendwie aus arabischen LĂ€ndern. Es heiĂt so etwas wie âMarktâ.
Da die Markthalle nur vormittags geöffnet hat, sehe ich kurz rein. Eine ziemliche EnttĂ€uschung: keine StĂ€nde, sondern GeschĂ€fte hinter Glas, viele davon geschlossen oder renovierungsbedĂŒrftig; schummriges Licht, da man auch zu dieser Jahreszeit die Jalousien nicht hochzieht, die noch nicht einmal Licht durch die Ritzen der FensterlĂ€den eintreten lassen; eine defekte Rolltreppe, leere GeschĂ€fte mit rauchenden, nach Kundschaft Ausschau haltenden VerkĂ€ufern, bescheidene Auslagen, ein ungemĂŒtliches CafĂ©, in das sich zwei Kunden verirrt haben. Oben, wo es Obst und GemĂŒse gibt, ist es etwas besser. Mehr GeschĂ€fte sind in Betrieb, und sie haben bessere Auslagen. Zwei FeinkostgeschĂ€fte mit vollen Regalen und geöffneten SĂ€cken mit GewĂŒrzen und NĂŒssen geben einen Eindruck davon, wie es sein könnte.
Weiter auf meinem Weg zum Hospital, das am fast entgegengesetzten Ende der Altstadt liegt, komme ich an der Pauluskirche vorbei, St. Paulâs Shipwreck. Die ist so in die HĂ€userzeile eingebunden, dass man sie leicht ĂŒbersehen kann. Der Besuchereingang liegt in der SeitenstraĂe, wo es noch weniger nach Kirche aussieht.
Drinnen sind immer noch die letzten Umbauarbeiten von dem Patronatsfest am Freitag zugange. Aber der Innenraum nimmt sofort alle Aufmerksamkeit in Anspruch. Noch nie habe ich eine Kirche gesehen, bei der es so sehr nach Theater, nach Inszenierung aussieht. Das liegt vor allem an den drapierten VorhĂ€ngen, die ĂŒber allen Kapellen hĂ€ngen, aber auch an den drapierten SĂ€ulen und den vielen Bannern, die die Ecken verdecken und an dem mit einer Monumentalfigur bekrönten Baldachin ĂŒber dem Altar. Dazu kommen all die bewegten Skulpturen. Eine Sinnesspektakel. Die barocken Baumeister wĂ€ren zufrieden, auf uns wirkt es eher wie ein Zeugnis schlechten Geschmacks. In einer Seitenkapelle wird die SĂ€ule aufbewahrt, an der der Hl. Paulus gefoltert wurde, jedenfalls die untere HĂ€lfte der SĂ€ule. Die obere ist in Rom. Zur Komplettierung hat man hier einen silbernen Kopf drauf gelegt.
Danach geht es wieder ans Tageslicht. Gott sei Dank. Ich kehre auf einen Kaffee in ein altmodisches CafĂ© mit einem völlig uncharmanten Interieur ein, in dem nur alte MĂ€nner sitzen. Sie sprechen auf Malti, aber das Thema kann man identifizieren, wegen der vielen Eigennamen: Autos. An der Theke stehend, trinke ich einen Kaffee, der kaum nach Kaffee schmeckt. Ăber der Theke hĂ€ngt an zwei BindfĂ€den eine Sammlung von Kulis, eines der wenigen SchmuckstĂŒcke des Lokals. Als ich den Besitzer nach der Bewandtnis dieser Kollektion frage, sagt er: âCollection.â
Gleich um die Ecke ist das Hospital der Johanniter, gegrĂŒndet 1574 fĂŒr Verwundete, Kranke und Pilger. Es war also Hospital und Hospiz in einem. Man wurde, und das war das Besondere, aufgenommen unabhĂ€ngig von Glauben und sozialem Stand.
Oben gelangt man gleich in den Hauptsaal, zu seiner Zeit, und auch jetzt noch, einer der lĂ€ngsten SĂ€le Europas (155 m), das Resultat der Verbindung zweier ursprĂŒnglich kleinerer SĂ€le, wie noch an den unterschiedlichen Fenstern zu sehen ist. Der Saal ist aber nur lang und hat auĂer einer Kassettendecke nichts zu bieten.
Die eigentliche Ausstellung ist unten, unter der Erde, wo sich das Magazin befand. Wie so oft in diesen Tagen, bin ich hier wieder der einzige Besucher.
Die Ausstellung hebt vor allem darauf ab, wie modern alles war. Unter anderem hatte jeder Kranke ein eigenes Bett, keine SelbstverstĂ€ndlichkeit zu der Zeit. Die Betten hatten einen hohen Baldachin und zogen sich an der ganzen LĂ€ngsseite des groĂen Krankensaals entlang.
Das Personal wurde streng ĂŒberwacht: Essensausgabe, Sauberkeit, Arzneiausgabe, alles wurde stĂ€ndig ĂŒberprĂŒft. Es gab getrennte SĂ€le fĂŒr Patienten mit Magen- und Darmerkrankungen. WĂŒrfel-, Schach- und Kartenspiel waren verboten.
Es gab Reis, Tauben, Wild, Eier, Milch, Brot und Rosinen, fĂŒr Patienten wie fĂŒrs Personal. Das muss purer Luxus gewesen sein. Findlinge bekamen, wenn keine Amme zur VerfĂŒgung stand, Ziegen- oder Eselsmilch.
Wie schon in der Casa Rocca Piccola gesehen, wurde Silbergeschirr benutzt, aus hygienischen GrĂŒnden. Nur die StraftĂ€ter bekamen Zinngeschirr!
Im Laufe der Zeit wurde auch eine eigene Forschungsstation aufgebaut. Das Hospital hatte sogar einen eigenen Lehrstuhl fĂŒr Anatomie. Einer der Lehrstuhlinhaber vermachte dem Hospital 15.000 BĂŒcher ĂŒber die Heilkunst und legte im Graben der Festung einen KrĂ€utergarten an, um seinen Studenten die Heilkraft der KrĂ€uter demonstrieren zu können.
In der Chirurgie kam es, in den Tagen vor der AnĂ€sthesie, auch auf Schnelligkeit an. Ein Arzt des Hospitals, Mikiel dâang Grima, erwarb sich einen besonderen Ruf fĂŒr die Schnelligkeit, mit der er operierte. Man sagte von ihm, er könne in zweieinhalb Minuten eine Harnblase öffnen und die Steine entfernen.
Schusswunden wurden lange mit kochend heiĂem Holunderöl behandelt. Bei einer militĂ€rischen Kampagne in Turin (1537) ging das Ăl aus, zum GlĂŒck fĂŒr spĂ€tere Generationen von Verwundeten. Man ersetzte es durch eine Mischung aus Rosenöl und Terpentin.
WĂ€hrend der Pest brachte man die Patienten zuerst getrennt fĂŒr drei Tage auf Probe unter. Wenn sich Symptome zeigten, wurden sie in einen eigenen Krankensaal im Fort. St. Elmo verlegt.
Noch weiter unter der Erde gibt es verwinkelte GĂ€nge, von denen einer eine Verbindung zum Fort St. Elmo herstellte und im 2. Weltkrieg als Geheimgang genutzt wurde.
Ich mache mich auf den Weg zu den Upper Barraca Gardens. Im VorĂŒbergehen kaufe ich mir Foccaccia. Die VerkĂ€uferin wĂ€rmt sie fĂŒr mich auf und fragt mich: âI cut it for you?â Maltesisches Englisch.
PĂŒnktlich komme ich an den Upper Barraca Gardens an. Hier soll es eine FĂŒhrung in der Saluting Battery geben. Ich werde von einem freundlichen Soldaten angesprochen, der mir meinen Wunsch von den Augen abliest und erklĂ€rt, man befinde sich in einer Phase der Renovierung und die Saluting Battery, von der aus um 12 Uhr eine Kanone abgeschossen wird, sei fĂŒr zwei Monate geschlossen. Er spricht Englisch wie ein EnglĂ€nder. Vielleicht zweisprachig aufgewachsen?
Stattdessen kann ich die Lascaris War Rooms besichtigen. Die liegen ganz in der NĂ€he. Sie sind aber schwer zu finden. Und das ist kein Zufall. Sie waren die geheime Kommandozentrale der Briten wĂ€hrend des 2. Weltkriegs. Und geheime Kommandozentralen wollen gut versteckt sein. Sie liegen tief unter den Upper Barraca Gardens, in einem tief in den Felsen gehauenen Tunnel, und man erreicht sie nach mehreren Windungen und mehreren in den Felsen gehauenen Treppen ĂŒber ein Wohnviertel.
Die FĂŒhrung hat schon angefangen, und das trĂ€gt wenig dazu bei, dass ich verstehe, wovon die Rede ist, genauso wenig wie der knorrige maltesische Akzent und die vielen militĂ€rischen Details. Vor allem komme ich nicht mit, als es um die unterschiedlichen Angriffsstrategien von Italienern und Deutschen geht. Die Italiener, das wird klar, flogen ihre Angriffe aus einer Höhe von 12.000 FuĂ. Die Briten mussten sie also auf 10.000 FuĂ herunterbekommen, denn ihre beste Abwehrrakete, die hier in einer Vitrine ausgestellt ist, kam gerade so weit. Wie die Briten das bewerkstelligten und warum die Deutschen nicht auch so hoch flogen, verstehe ich nicht.
Ganz entscheidend fĂŒr den Verlauf des Kampfs ums Mittelmeer war wohl das Radar. Das war noch neu, in den Kinderschuhen, und man verweist hier mit Stolz darauf, dass man eine entscheidende Entdeckung machte. Die Reichweite des Radarsystems war gering, und hier verfiel man auf die Idee, die Radarsender auf erhöhten Punkten zu positionieren. Dadurch wurde die Reichweite viel gröĂer. Man sieht das auf einer groĂen Karte, auf die wir, wie damals die militĂ€rischen Kommandeure, von oben herabblicken, auf der der Radius der einzelnen Stationen eingezeichnet ist. Die gröĂten reichten so gerade bis in den SĂŒden Siziliens, und das muss strategisch wichtig gewesen sein.
Eine andere maltesische Besonderheit war eine Strategie, die hier Box barrage genannt wird, wenn ich das richtig verstanden habe, eine Art konzertierter Aktion. Dabei wurden Abwehrraketen rund um den Grand Harbour aufgestellt und zielten alle gemeinsam auf Angreifer, in der Hoffnung, irgendwer werde schon treffen. Das war erfolgreicher als die herkömmliche Strategie, und die Zahlen sprechen tatsĂ€chlich dafĂŒr.
Malta und damit die Lascari War Rooms waren das britische Operationszentrum fĂŒr die militĂ€rischen Aktionen der Briten im Mittelmeer, und spĂ€ter dienten sie Eisenhauer und Montgomery als Hauptquartier fĂŒr die Operation Husky, die Invasion Siziliens.
An einer Tafel an der gegenĂŒberliegenden Wand wurden, wie in FuĂballstadien, die Zwischenergebnisse festgehalten, das heiĂt die Zahlen der getroffenen und abgeschossenen gegnerischen Flugzeuge und der getöteten und gefangenen Soldaten. Man bekam nur einen Eintrag, wenn der Treffer von mindestens einem anderen Piloten bestĂ€tigt wurde.
Eine dramatische Geschichte erzĂ€hlt man sich um den Tanker Ohio, der dringend benötigten Nachschub nach Malta bringen sollte. Ein abgeschossenes Flugzeug landete auf dem Tanker, und der fing Feuer. Die Besatzung suchte das Weite, aus Angst vor einer Explosion, aber der Tanker explodierte nicht. Die Besatzung kehrte zurĂŒck, löschte das Feuer und zog den nicht mehr manövrierfĂ€higen Tanker in weiteren zwei bangen Tagen in den Hafen. Das ist der Stoff, aus dem Nationalepen entstehen.
Am Ende erfahre ich noch, dass auch der Name Lascaris von den Johannitern kommt. Jean Lascaris, einer der GroĂmeister des Ordens, hatte sich hier einen privaten Garten anlegen lassen, und auf diesem Grund bauten die Briten spĂ€ter das Fort Lascaris. Die War Rooms wurden 1940 angelegt, indem man einen aus der Ritterzeit vorhandenen Tunnel nutzte und erweiterte.
Als ich wieder aus dem Tunnel komme, sehe ich an der gegenĂŒberliegenden mĂ€chtigen Felswand, wie sich ein einzelnes grĂŒnes GewĂ€chs trotz der unfruchtbaren Umgebung durchgesetzt hat.
Danach kaufe ich Ansichtskarten, auf denen Valletta schöner aussieht, als ich es je gesehen habe, eine Luftaufnahme, die einen Teil von Valletta und Manoel Island und einen Teil von Sliema und das dazwischenliegende Meer zeigt.
Dem Kioskbesitzer sind die Briefmarken ausgegangen. Also muss ich mich auf die Suche nach dem Postamt machen, und das versteckt sich fast so gut wie die Lascari War Rooms. Aber Ende finde ich es. Eine Briefmarke kostet 37 Cent. Die maltesische Post muss ihre Kosten genau berechnet haben. Oder es handelt sich noch um die Folge der Umstellung auf den Euro. Die Briefmarke zeigt ein BarockgemĂ€lde mit Maria und zwei ganz unheilig herumspringenden Jungen, Jesus und â Johannes!
Ich folge einem Tipp des Portiers und fahre mit dem Bus nach Marsaskala. Der ReisefĂŒhrer bevorzugt Marsaxlokk, aber das ist etwas weiter. Und in beiden gibt es nicht so schrecklich viel zu sehen, sie sind in erster Linie schön. Der gemeinsame Namensbestandteil, marsa, weist auf die Lage an der KĂŒste hin. Es ist das maltesische Wort fĂŒr âHafenâ.
Der gesamte Busbahnhof mit seinen 15 Bussteigen ist ein Modell von Organisation und Transparenz, aber beim Einsteigen benutzt man den Ellbogen. Die Briten waren nicht lange genug hier, um Schlangestehen populÀr zu machen.
Die Fahrt dauert gerade mal eine gute halbe Stunde, wirkt aber lĂ€nger. SchlieĂlich ist dies ein Linienbus, und der hĂ€lt eben alle Nase lang.
Die Fahrt lohnt sich aber schon fĂŒr den kurzen Blick aus dem Bus heraus auf Marsaskala. Das ist Idylle pur. Die niedlichen bunten Boote zwischen den bunten Bojen im blauen Meer unter der hellen Sonne, das ist wie im Bilderbuch. Danach könnte man eigentlich wieder zurĂŒckfahren.
Zu sehen gibt es, wie gesagt, nicht viel, aber ich mache einen langen Spaziergang an der breiten Uferpromenade entlang, Richtung offenes Meer. Um diese Zeit ist hier fast nichts los, aber im Sommer ist das bestimmt anders.
Der erste Eindruck purer Idylle relativiert sich dabei. Die gesamte KĂŒste ist dicht und nicht immer schön bebaut.
Der Spaziergang fĂŒhrt bis zu einem Turm, dem St. Thomas Tower, in alten Zeiten einer der wenigen Schutzorte fĂŒr die Bevölkerung. Bei der muss panische Angst geherrscht haben, sobald ein Schiff am Horizont erschien. Nicht nur, dass man an ihr Hab und Gut wollte, man wollte auch sie selbst â als Galeerensklaven. Also flĂŒchtete man sich mit ein paar Habseligkeiten in den Turm oder eine Wehrkirche, um wenigstens das zu verhindern.
Auf dem Weg zu dem Turm sehe ich, wie schon an anderen Stellen, FahrradstĂ€nder in Form von FahrrĂ€dern. Sieht lustig aus, aber ein Fahrrad habe ich in der ganzen Zeit noch ĂŒberhaupt nicht gesehen.
Der Wind, der auch hier krÀftig blÀst, hat einen Ast von einer Palme geweht. Und gibt mir einen Fingerzeig in die Geschichte der Zivilisation. So etwas muss irgendwann irgendwer irgendwo gesehen und dabei gedacht haben: Damit kann man ja den Boden sauber machen. Der Besen brauchte nicht erfunden, nur entdeckt zu werden.
Die moderne Zivilisation stellt hier Abfalltonnen zur VerfĂŒgung. Auf denen steht ausdrĂŒcklich, dass sie nur fĂŒr die Boxen aus Fast-Food-Restaurants verwendet werden sollen!
Fast noch rechtzeitig vor dem einsetzenden Regen kann ich mich in ein Lokal an der Bucht retten. Dort bekomme ich einen sehr heiĂen, sehr dunklen, sehr zĂ€hflĂŒssigen Kakao. Dabei lese ich, dass Marsaskala eigentlich âHafen der Sizilianerâ heiĂt, denn hier wurden sizilianische Soldaten angesiedelt. Italienisch sieht auch der Kirchturm aus, der auch fast wie ein Campanile getrennt von der Kirche dasteht.
Am Abend leiste ich mir ein Essen in einem ârichtigenâ, vom ReisefĂŒhrer empfohlenen Restaurant in der Merchant Street in Valletta. Ich zahle am Ende 20 âŹ, das teuerste Essen dieser Woche.
Als man mir den Platz anweist, den schlechtesten im ganzen Lokal, ist mir schon fast wieder danach, zu gehen. Warum bekommt man als einzelner Gast immer den Katzentisch? Selbst die Paare kommen nicht viel besser weg. Alle drei Paare hat man an winzige Tischchen verbannt, wĂ€hrend alle anderen Tische, die ganz normalen, leer sind. Man hat nicht den Eindruck, dass der groĂe Kundenansturm noch bevorsteht.
Ich bekomme einen etwas besseren Tisch, aber da zieht es. Auch hier steht die TĂŒr auf. Erst auf die Bitte einer Touristin schlieĂt man sie dann doch. Aber man hat die Rechnung ohne den Wind gemacht. Der schlĂ€gt sich auf die Seite der Malteser und weht die TĂŒr wieder auf, und zwar gleich beide FlĂŒgel.
Nachdem ich zuerst eine vegetarische Vorspeise gewĂ€hlt habe, diese aber ausgegangen ist, bestelle ich das genaue Gegenteil: eine gefĂŒllte Wurst, und zwar mit Schweinefleisch und Rindfleisch gefĂŒllt! AuĂerdem mit Reiskörnern und KrĂ€utern. Schmeckt sehr wĂŒrzig.
Am Nachbartisch hat ein Mann zwei Bier bestellt. Ich vermute, dass seine Begleitung noch kommt, aber er ist allein. Dann vermute ich, dass er heftigen Durst hat und sich ein Bier reinschĂŒtten und das zweite in Ruhe genieĂen wird. Aber auch das tut er nicht. Er genieĂt beide in Ruhe, und schenkt sich immer aus beiden Flaschen ein. Also vermute ich, dass er zwei Arten Bier vermischt, Hell und Dunkel oder so. Ich versuche, unauffĂ€llig zu seinem Tisch hinĂŒber zu sehen, aber es ist ein und dasselbe Bier. Ich habe noch ein halbes Abendessen Zeit und komme endlich auf die einzig logische ErklĂ€rung, und die lasse ich mir von ihm, als ich das Lokal, verlasse, nur noch bestĂ€tigen: âOne cold, one warm.â
Im italienischen Fernsehen gibt es am Abend TempestĂ dâamore â Sturm der Liebe!
16. Februar (Donnerstag)
Das Photographieren auf dieser Reise ist ein einziger Reinfall. In der Casa Rocca Piccola stellec ich mich so blöd an, dass gleich beim ersten Bild, tortz ausdrĂŒcklichen Verbots, der Blitz ausgelöst wird. Alle schauen mich vorwurfsvoll an, und ich stecke die Kamera verschĂ€mt in die Tasche. In der Kathedrale geling es mir dann, die Blitzlichtfunktion abzustellen, aber dabei habe ich ungewollt eine andere Funktion aktiviert, und alle Bilder haben einen Gelbschimmer. Und als ich auĂerhalb von Valletta bin, lĂ€sst mich gleich zweimal die Batterie im Stich. Nur die Bilder im nĂ€chtlichen Valletta sind gut geworden.
Von den Alternativen, die sich fĂŒr den letzten Tag anbieten, favorisiere ich Mdina, die alte Hauptstadt Maltas, im Zentrum der Insel gelegen. Aber am Ende entscheide ich mich dagegen und bleibe einfach hier. Die FĂŒĂe streiken, und der Kopf auch. Er ist voll. Oder leer. Und das nach nur einer Woche. Wie machen das Menschen, die auf Weltreise gehen und ein ganzes Jahr unterwegs sind?
Ich gehe ganz gemĂ€chlich durch die StraĂen und mache Photos von Balkonen und TĂŒrklopfern. Die Balkone nehmen manchmal fast die gesamte Fassade ein, hinter- und ĂŒbereinander angebracht, manchmal ist nur ein einziger an der ganzen Fassade. Die klassischen maltesischen Balkone sind die geschlossenen, meistens aus Holz, aber es gibt auch ganz herkömmliche. Die haben meistens verzierte Gitter aus Gusseisen, entweder gerade abschlieĂend oder bauchig. Die bauchigen Gitter sieht man auch vor Fenstern im Erdgeschoss. Sie schaffen Platz fĂŒr Blumentöpfe.
Die TĂŒrklopfer sind hĂ€ufig einfach, manchmal auch figĂŒrlich. Da gibt es den klassischen Löwenkopf, aus dem der Ring herausguckt, aber auch Fische, eine beliebtes Motiv hier. Bei den Fischen ist der Fisch selbst der Klopfer, anders als bei den Löwen. Als ich gerade ĂŒberlege, dass ich noch keinen TĂŒrklopfer mit Malteserkreuz gesehen habe, sehe ich einen. VerrĂŒckt.
Im Hotel zu frĂŒhstĂŒcken, habe ich lĂ€ngst aufgegeben. Es ist viel interessanter, unterwegs etwas zu bestellen. Das bewĂ€hrt sich auch heute, schon wegen des Lokals, in dem ich Kaffee und MandelgebĂ€ck bekomme. Es ist eine perfekte Kombination von CafĂ© und Laden, das einen Preis fĂŒr optimale Raumnutzung verdient hat. Regale an drei Seiten: Keksdosen und GebĂ€cktĂŒten, Bonbonieren, Schokoriegel, Pasta, an der Stirnseite oben sogar eine betrĂ€chtliche Reihe von Weinflaschen, alles Produkte, die nicht selbst hergestellt werden. Hier ist der Laden ganz Laden. Die vierte Seite nimmt das Schaufenster ein: Teilchen und GebĂ€ck. Hier ist der Laden BĂ€ckerei. In der Ă€uĂersten Ecke ein runder Stehtisch. Hier ist der Laden CafĂ©. Und das alles auf höchstens 12m2. Als noch weitere vier Kunden kommen, ist der Laden voll. Sie stehen in einer Reihe lĂ€ngs der Theke. FĂŒr zwei nebeneinander ist kein Platz. Die Theke hat rechts Pasteten und andere deftige Waren und links die Ingredienzien zur Zubereitung von belegten Broten. Zwischen Theke und Durchgang steht noch ein kleiner runder Tisch mit ChipstĂŒten. An der Stirnwand ein hoher KĂŒhlschrank und ein hoher Gefrierschrank. An der Wand hinter dem VerkĂ€ufer eine Kaffee- und eine Espressomaschine, eine Waage und sogar zwei kleine SpĂŒlbecken. Es ist wirklich an alles gedacht. An einem Fleckchen Wand ohne Regal eine Uhr, ein Kreuz und zwei Photos. Trotzdem fĂŒhlt man keine bedrohliche Enge, und alles sieht qualitĂ€ts- und stilvoll aus.
Ganz in der NÀhe sehe ich einen mit SchlÀuchen, Besen, Eimern und Leitern vollgepfropften Laden. Auch die Lebensmittel kauft man in solchen LÀden. SupermÀrkte gibt es keine. Viele der LÀden sind in Àhnlich kleinen, lÀnglichen RÀumen untergebracht. Die Namen der GeschÀfte sind auf Englisch, manchmal auf Italienisch, aber nie auf Malti.
Abends werden die LĂ€den frĂŒh hochgeklappt, oder besser: die Gitter runtergelassen. Die Innenstadt ist dann, sobald es dunkel wird, so gut wie ausgestorben. Das maltesische Nachtleben findet woanders statt.
An einer etwas vergammelten HĂ€userfassade sehe ich in einem winzigen DrahtkĂ€fig einen Wellensittig, der unruhig hin und her hĂŒpft. Dem ist es vielleicht nicht nur zu eng, sondern auch zu kalt.
In einer SeitenstraĂe sehe ich ein altmodisches SchreibwarengeschĂ€ft mit einer altmodischen Auslage und einem altmodischen Schriftzug. Es heiĂt Hollywood. Ăber einer schiefen TĂŒr an einer vergammelten Fassade prangt ein Schild mit der Aufschrift Movie Busters. Auch typisch das Nebeneinander von GegensĂ€tzen: Neben einem eleganten JuweliergeschĂ€ft ein lĂ€ngst aufgegebenes GeschĂ€ft mit verbeulten Planken, einer kaputten Neonreklame und einem zerkratztem Gitter, ĂŒberklebt mit halb abgekratztem, nicht mehr lesbaren AushĂ€ngen.
Unten, in der NĂ€he des Forts St. Elmo, haben sich FuĂabdrĂŒcke in den Stein der BĂŒrgersteige eingegraben. Im Sommer muss der weiche Sandstein bei Hitze zu Lehm werden.
Da ich ohnehin schon ganz unten angekommen bin, gehe ich spontan in das Kriegsmuseum im Fort St. Elmo. Da gibt es zu sehen, was man in einem Kriegsmuseum erwartet: Bomben, Gasmasken, Uniformen, Gewehre. Es gibt aber auch Dinge, die man nicht erwartet. Dazu gehören TrĂŒmmerteile von der Fassade des Opernhauses und die â handschriftlichen â Noten des Dirigenten der letzten aufgefĂŒhrten Oper vor der Zerstörung, Donizettis Lâelisir dâamore.
Der Star des Museums ist Faith, ein Kriegsveteran. Es handelt sich um ein Flugzeug, ein kleines Propellerflugzeug, ein Gladiator der Marke Gloster. Dieses Flugzeug ist eine nationale Ikone. Als Italien 1940 den Krieg erklĂ€rte, hatte Malta nur drei Flugzeuge zur Abwehr: Faith, Hope und Charity. Man leistete trotzdem erbitterten Widerstand, und der ist die Grundlage der VerklĂ€rung der Geschichte, der Abwehr des Feindes im 2. Weltkrieg, als Parallele zum Widerstand wĂ€hrend der tĂŒrkischen Belagerung zur Zeit der Kreuzritter gedeutet. 1941 war von den drei Flugzeugen nur noch Faith im Einsatz. Die wurde spĂ€ter auch mĂ€chtig lĂ€diert, aber nach dem Krieg wieder weitgehend zusammengeflickt und ins Museum gestellt.
Von den ĂŒber Malta abgeschossenen deutschen Flugzeugen sieht man eine Messerschmitt und eine Stuka. Die schwerste Zeit fĂŒr Malta war der April 1942, als es fĂŒr zwölf Tage unter Dauerbeschuss war und als 2.100 Bomber 6.700 Tonnen Bombenmaterial abwarfen, fast so viel wie wĂ€hrend der gesamten Battle of Britain ĂŒber London.
In dem Jahr stand Malta kurz vor der Aufgabe. Das war das Jahr der legendĂ€ren Ohio. Von der sieht man hier das Steuerruder, ein Bullauge, das Namensschild und ein Modell. Der Konvoi umfasste neben dem Tanker dreizehn Handelsschiffe, von denen nur vier ankamen. Und insgesamt 32.000 Tonnen an GĂŒtern, von ursprĂŒnglich 85.000 Tonnen, nach Malta brachten. Der Rest landete auf dem Meeresboden.
An einer Ecke stehen zwei Meilensteine. Orts- und Namensangabe sind bei einem unkenntlich gemacht. Das tat man, um dem Feind im Falle einer Invasion das Leben schwerer zu machen. Aber manchmal wurde eben der eine oder andere ĂŒbersehen.
Es gibt auch eine komplette Sammlung der Geldscheine und MĂŒnzen aus der britischen Zeit, eigene Geldscheine mit dem Aufdruck The Government of Malta, aber der BĂŒste des Königs. Der höchste Wert ĂŒberhaupt ist ein Pfund.
Man sieht einen nachgebildeten Luftschutzbunker, mit Schemeln, Hockern und LiegestĂŒhlen, Paraffinlampen, Madonnen und Boxen mit WertgegenstĂ€nden. Den gröĂten Luftschutzbunker gab es in Floriana, fĂŒr 3.000 Menschen. Die Luftschutzbunker boten normalerweise nicht genug Platz fĂŒr Betten und hatten im Allgemeinen kein elektrisches Licht. Die WĂ€nde waren feucht, und die hygienischen VerhĂ€ltnisse bescheiden. Die gröĂte Gefahr war der Ausbruch einer Epidemie. Das geschah nicht, aber Furunkel, KrĂ€tze, Rachitis waren weit verbreitet.
Man sieht in verschiedenen Vitrinen auch von deutschen Kriegsgefangenen hergestellte Artikel, eine Lederhandtasche, ein AquarellgemĂ€lde, vor allem aber Zigarettenhalter und Bilderrahmen aus maltesischem Stein, mit schönen, eingeritzten Verzierungen. Man ist ganz angetan von der Kunstfertigkeit. In einer anderen Vitrine sieht man Sandalen, die ein englischer Kriegsgefangener in Japan aus Autoreifen gebastelt hat. Irgendwie berĂŒhren einen diese AlltagsgegenstĂ€nde, von menschlicher Hand geschaffen, inmitten all der Kriegsmaschinerie.
Schon gegen Ende der Ausstellung sieht man Husky, den Jeep, den Eisenhauer in Malta vor der Invasion Siziliens benutzte, einer von 600.000 von Ford eigens fĂŒr den Krieg produzierten Willys. Derselbe Jeep diente auch Roosevelt bei seinem Besuch auf Malta. An Devotionalien gibt es den Spazierstock von Eisenhauer und den Zigarrenhalter von Churchill.
Als die Alliierten 1943 Sizilien einnahmen, war der Krieg fĂŒr Malta praktisch beendet. Das endgĂŒltige Kriegsende bedeutete dann auch den Wegfall vieler Arbeitsstellen, und es kam zu einer erheblichen Emigration, gemessen an der Gesamtbevölkerung. 100.000 wanderten aus, vor allem in britische Kolonien.
Zu denken gibt, dass Malta vor der UnabhĂ€ngigkeit ein Gesuch auf Aufnahme in das Vereinigte Königreich stellte. Das wurde abgelehnt. Die GrĂŒnde werden nicht genannt, und die ganze Geschichte wird heute eher unter den Teppich gekehrt.
Zum Mittagessen gehe ich in die Bar Sicilia, vom ReisefĂŒhrer ausdrĂŒcklich empfohlen. Aber ihren Reiz bezieht die Bar wohl in erster Linie durch die Terrasse, von der aus man einen schönen Blick ĂŒber den Hafen hat. DafĂŒr ist es mir zu kalt, obwohl dort ein paar GĂ€ste sitzen. FĂŒr das Essen wĂŒrde sich ein Umweg nicht lohnen. Als ich auf das Essen warte, höre ich, wie die Bedienung einen anderen Gast fragt âSomething else?â Maltesisches Englisch.
Beim Verlassen der Bar bekomme ich dann zum Ausgleich einen Ă€sthetischen Genuss in der Schaufensterauslage der Bar: ein Photo vom Papst und ein Photo von einem Kardinal gleich neben Chivas Regal und Jack Danielâs, eine uralte Coca-Cola-Leuchtreklame, ein alter Vorhang, eine alte Jacke, kitschige sizilianische Miniaturpferdekutschen, ein Weinfass, ein kitschiges silbernes Kreuz vor einer Muschel, das Modell eines Kriegsschiffs, und zwischen all dem verschiedene Kabel, die von einer Steckdose zu dem Coca-Cola-Schild fĂŒhren und es erleuchten!
Ganz oben in der Stadt identifiziere ich zum ersten Mal ein GebÀude, an dem ich schon mehrmals vorbeigekommen bin. Es ist die Auberge de Castille, der prachtvollste aller PalÀste der Ritter. Heute ist er der Sitz des MinisterprÀsidenten.
GegenĂŒber, im Zentrum eines Kreisverkehrs, ein kleiner, runder Park mit einer modernen Statue. Der Mann scheint in Bewegung zu sein. Er hat einen FuĂ vorgestellt, und seine Krawatte weht ihm um die Schulter. Die Kleidung ist gut, aber nicht elegant. Die Hose sieht eher wie eine traditionelle Arbeiterhose aus. In einer Hand hĂ€lt er seinen Hut, in der anderen vermutlich eine Schriftrolle. Es scheint, als habe er etwas zu sagen, eine Nachricht zu ĂŒberbringen. Die Skulptur stellt einen gewissen Manwel Dimech dar. Dimech, ein frĂŒher Sozialist, wurde ganz in der NĂ€he, in der St. Johnâs Street, geboren, und in St. Paulâs Shipwreck getauft. Er wurde trotz widrigster UmstĂ€nde eine auĂergewöhnliche öffentliche Figur, als die er gegen die Macht der Kirche und gegen die Macht der britischen Besatzer agierte, vor allem aber das Maltesische förderte und zur Ausbildung einer politischen Klasse beitrug, die sich nicht aus den traditionellen Bildungsschichten rekrutierte. Er wurde in eine bettelarme Familie geboren, die in einer Wohnung lebte, die nur aus einem Zimmer bestand. Nach dem frĂŒhen Tod des Vaters wurde er fĂŒr einen Diebstahl ins GefĂ€ngnis gesperrt. Die erst noch harmlosen Straftaten wurden immer schlimmer, und Dimech verbrachte insgesamt zwanzig Jahre im GefĂ€ngnis. Dort begann er sich zu bilden und begann zu schreiben.
Ganz in der NĂ€he sehe ich einen rĂ€tselhaften Eingang in den Felsen, ein beleuchteter, ansteigender Gang ĂŒber gut ausgebaute Stufen mit dĂŒnnen Eisenpfeilern, die die Intervalle markieren. Man sieht nicht, wohin der Gang fĂŒhrt. Das will ich wissen. Am Ende des Gangs befindet sich eine moderne Kunstgalerie. Perfekt untergebracht in dem alten GemĂ€uer. Obwohl es nur ein kurzes StĂŒck ist, spĂŒre ich jetzt Muskelkater in den Waden. Die steilen StraĂen von Valletta fordern ihren Tribut.
Gleich daneben befindet sich ein kleines WachhĂ€uschen fĂŒr die Polizei. Die heiĂt auf Malti Pulizija. Das muss sich fĂŒr Italiener wie âReinigungsdienstâ anhören.
Als ich am Abend noch einmal, eine ftira, geröstetes maltesisches Brot mit Putenfleisch und einer leckeres Paste aus Kapern, Oliven und Tomaten auf der Hand, durch die Stadt gehe, fÀllt mir auf, dass ich in der ganzen Woche keinen einzigen Bettler gesehen habe.
Auch fĂ€llt mir auf, dass ich stĂ€ndig auf den Spuren der Johanniter, der Briten und der Steinzeitmenschen gewesen bin, aber dass von Rom, von Byzanz und von den Arabern und von wem sonst noch nie die Rede war. Vielleicht war ich an den falschen Orten, vielleicht haben die weniger Spuren hinterlassen. Was in Erinnerung bleibt, sind die Festungen und die Fassaden, aber auch die offen stehenden TĂŒren, die Puppenstube aus Stein, der Mann mit den zwei Bier, die tragbare Kapelle und Ninu Cremon