Der wohlhabende Philosoph

Voltaire war kein Hungerleider. Er hatte Landgüter erworben, hatte die staatliche Lotterie gewonnen, indem er alle Lose aufkaufte, hatte in den Überseehandel investiert und hatte Kredite an Fürstenhäuser vergeben. So konnte er es sich in Genf gut gehen lassen. Dort war er gelandet auf der Flucht vor der Zensur in Frankreich und drohenden Gerichtsverfahren, so wie er vorher schon in England und in Preußen gelebt hatte. In England lobte er das politische System, die Balance zwischen König und Parlament, die Freiheit des Systems gegenüber dem oppressiven Frankreich und seinen Glaubenskriegen. Das war nicht ganz frei von Idealisierung, aber einen Unterschied gab es auf jeden Fall. Wie konnte er sich dann ebenso in dem autoritären Preußen wohlfühlen? Das lag wohl daran, dass sein Ansatz nicht politisch, sondern anthropologisch war. Das beste System ist das, was Kriege und Unrecht und Brutalität verhindert. Wenn das ein autoritäres System ist, ist das besser als eine Demokratie, die das nicht vermag. Gegen das Unrecht ging er dann in einem konkreten Fall in Genf vor. Dort wird er nicht nur zum Unternehmer, sondern auch zum Anwalt von zu Unrecht Verfolgten. Ein Mann wurde hingerichtet, weil man ihm vorwarf, seinen Sohn erwürgt zu haben, damit der nicht zum Katholizismus übertreten konnte. Voltaire erreichte die Wiederaufnahme des Prozesses und deckte den Justizirrtum auf. Der Mann wurde posthum freigesprochen und die Familie mit einem Schmerzensgeld in Höhe von 36.000 Lire entschädigt.

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